creatores :
     
     DAS
     ARCHIV
     DER
     GRÜNDER
     
     :agrippas mund

    Stefan Frank
    Das Archiv der Gründer
    Roman


    Pb 455 Seiten   28,95 €
    ISBN 978-3-8334-8556-5


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    o. überall im Buchhandel
    Textprobe auf creatores.de
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    vollmacht

    impressum

    disclaimer



    UPDATE:

    Plumbum Agrippae


    DAS ECHTE SPIEL:


    Archiv der Gründer - Der Roman



    G.D. de Kempenaers SPIELMATERIAL:

    Akte Hunnenschlacht

    Akte Hunnenschlacht 2


    Dossier Kaiser Otto III.

    Dossier Störtebeker

    Dossier Jan van Werth

    Akte Petersburg

    Dossier Casanova 2



    ZWISCHENSPIEL:


    Akte 9/11




    NACH DEM SPIEL:

    CCAA

    Nota Agrippae

    Columnae

    collection widerwort

    Akte Orgacons

    Akte Datacons

    LC-reviewed

    editorials

    Aurum Agrippae

    Zett ...?



    AUS DEM SPIEL:


    illigdebatte
    editorial:

    Dies ist die Website der Gründer, die Einblick gewährt in 2000 Jahre Geschichte Europas. Ich bin nur der Herausgeber, der jeden Monat ein paar einleitende Worte schreibt:

    Köln, im April 2012

    Irgendwie kommen die Updates dieses Jahr immer erst zur Monatsmitte. An einer gewissen Protesthaltung, die ich, der Querelen um Zett willen, gar nicht leugnen will, liegt das aber nicht. Auch nicht an ausufernder Nádas-Lektüre. Sondern definitiv daran, dass mich das Material ständig zu spät erreicht. Schieben wir's einfach auf die Tatsache, dass mit Europa auch die Gründer den Atem anhalten vor der französischen Präsidentschaftswahl.

    Einstweilen beste Grüße aus Köln!

    Stefan Frank

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    agrippas mund:
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    - Nein.
    - Dann sag mir doch, so wieder Monica, was war nun 1988? Hundert Jahre danach? Wo bleibt die Flaschenpost?
    - 1989!
    - Bitte?
    - Hundert Jahre danach ist 1989. Die Konferenz endete Anfang Januar 1889. Die Flaschenpost hat also noch ein paar Monate. Da wird sie nachdenklich.
    - Sag mal, Cheri, bis ins siebzehnte Jahrhundert haben die Ratsfamilien ihre Sache ganz ordentlich gemacht. Gut, ich hab ausdauernd wegen Krieg gemeckert, aber, wenn auch mit zweifelhaften Mitteln, verfolgten Rechenblatts und Deine Ahnen vernünftige Ziele. Wie konnte Euch der Traum so daneben gehen? Wo steckten da die Räte?
    Ich schwieg, EH. Nicht Rechenblatt und ich hatten uns in den Traum geschrieben. Was wusste ich, wo wir abgeblieben waren. Statt jeder Antwort machten wir uns an Bucholtz‘ letzte Tage.

    ***

    DER DREIZEHNTE TAG
    In brüchigem Diskant, wild grimassierend, die Fäuste hat er sich am Rednerpult blutig geschlagen, kreischt ein oppositioneller Abgeordneter der Reichsstände zur kaiserlichen Tribüne hinauf: Tyrann! Tyrann! Tyrann! Endlich versagt ihm die Stimme.
    Ludwig erhebt sich. Schlurfend betritt er die Galerie zu seinen Privatgemächern. Er will zurück zu den Chronometern, seinen 13.435 kostbaren Uhrwerken, seiner Passion, derenthalben man ihn Ludwig den Ticker nennt. Ludwig V. ist ein gebrochener Mann.
    Mehr als ein Jahrhundert absoluter Macht der Anjou über den geeinten Kontinent, mehr als zehnmal zehn Jahre der Ausschweifungen, Feste, Jagden und Paraden, des Gefühls von Sinnlosigkeit, wie nur der platt gesessener Lorbeer es dem faulen Arsch vermittelt - sie haben ihre zermürbende Wirkung entfaltet.
    Fast 120 Jahre wachsender Wohlstand und Freiheit, beinahe eineinhalb Jahrhunderte gerechte Ordnung für Europas Völker, so lange Zeit ohne Furcht und Repression ließ die Stände immer selbstbewusster, immer fordernder auftreten. Philosophen betrieben eine Sache, die man Dekonstruktion nannte. Ludwig sah darin den Beginn der Anarchie. Mit dem Luxus ging Verfeinerung des Geschmacks einher, dann Abstumpfung, die nur noch im orgiastischen Übermaß schale Befriedigung fand. Schließlich war nicht einmal mehr die quantitative Steigerung der Attraktionen und Sensationen, der Genüsse und Gefühle möglich. Es blieben Ekel und Überdruss. Politische Aufgaben wurden nicht wahrgenommen. Außenpolitik fand kaum noch statt. Innenpolitisch hatten die Huldigungswellen, die den Kaisern einige Jahrzehnte lang entgegengebrandet waren, die Charaktere verdorben. Immer schwerer hatten es in des Kaisers Umgebung die Ehrlichen, die Warner, die loyalen Kritiker ohne Liebdienerei: nur noch Schranzen machten bei Hofe Staat.

    Leichtes Spiel haben die Stände: sie brauchen nicht zu zielen, ihre Kritik trifft stets ins Schwarze. Das Haus Anjou, dessen Machtinstinkt und geistige Beweglichkeit, dessen robuste Körper und administratives Genie bereits sprichwörtlich zu werden begannen, ist zu einem debilen Haufen degeneriert. Hervorstechendes Charakteristikum von Mitgliedern der Kaiserfamilie ist eine milde Form des Schwachsinns. Einzig Ludwigs jüngster Sohn macht hiervon eine Ausnahme, doch zählt der Knabe kaum zwölf Jahre. Überall sonst, von jedem anderen Angehörigen des Geschlechtes, fordert die Natur nun Tribut für jahrhundertslange Bevorzugung, extreme Langlebigkeit und Schaffenskraft, Mut, Scharfsinn und Talente, die sie scheinbar so freigebig verteilt hatte. Dennoch trifft das Abgeordnetenwort vom Tyrannen nicht den Kern der Sache. Durchaus liegen das Reich und seine Angelegenheiten nicht im Argen. Die Verwaltung hat sich verselbständigt und arbeitet am Kaiser vorbei in altgewohnter Perfektion. Keinen wirklichen Anlass zur Klage bieten die Lebensumstände der Bevölkerung. Nur die Skandale, das Übermaß an Allzumenschlichem in kaiserlicher Familie und Umgebung, worüber man peinlich oft Gerüchte vernimmt, erhitzt die Gemüter.
    In die Gesichter der Berater haben diese Jahre tiefe Furchen gekerbt. Über des Rechenblatt mächtigem Schädel, der allein womöglich schon ausreichend erklärt, warum er stets mit dem Kopf durch die Wand will, runzelt sich bereits die Haut. Hockenbrannts langer, schmaler Kopf, die hohe Stirn, dieses Gesicht, das auch in seiner jetzigen Müdigkeit noch verächtliche Arroganz für widrige Umstände und ein geradezu unmenschliches Beharrungsvermögen ausstrahlt, ist um die Wangen derart eingefallen, dass ich es, wollte ich lästern, mit Fug und Recht als Pferdekopf beschreiben könnte. Dergestalt sehe ich sie im ersten Augenblick, sobald sie mir die inneren Doppelflügel der Tür öffnen, welche zu ihrem privaten Audienz- und Arbeitszimmer im Palazzo Manini am Canal Grande führt. Die äußeren Türflügel werden von zwei Obristen der Degenmänner aufgeschwenkt, gleichzeitig Leibwächtern und Adjutanten der Räte. Verwunderlich, dass sie mit blanker Waffe Wache stehen?
    Ein Zimmer voller Karten. An Wänden, in dicken Stapeln auf Tischen, neben, über und zwischen hohen Büchertürmen, die aktueller Anlass aus der angrenzenden Bibliothek herbeizitiert hat, werfen die widersprüchlichsten politischen Geographien Europas Falten. Doch dominieren die Bücher. Hockenbrannt und Rechenblatt müssen sie liebhaben, ihre Bücherregale im Nebenraum. Zwei Frauenstimmen aus der Bibliothek. Gelächter und staatspolitische Satzfetzen. Gemahlinnen? Gespielinnen der Räte? Bibliotheksgehilfinnen? Weshalb stehen vier baugleiche Kirschholzsekretäre in dem Raum, weshalb vier gepolsterte Lehnstühle mit reichvergoldetem Schnitzwerk? Abgesehen von den Besucherstühlen! Ich sehe doch nur zwei Ratsherren! Wer mag sich in der Bibliothek verbergen, wohlbewacht hinter dem einzigen Zugang? Schritte ich an den Räten vorbei ins Nebenzimmer, wen träfe ich dort an? Oder hütet die Bibliothek doch nichts weiter, außer den geliebten Büchern, den Folio- und Doppelfolioformaten in langgereihter Pracht? Wie gut ich das verstehen würde, bin ich doch Herr einer zumindest ebenbürtigen Bibliothek. Schon die Ordnung der Einbände zu betrachten, die gefärbten Lederrücken, blinkend wie geschmiedetes Eisen, dunkelbronzen, von mattem Silber und goldglänzend! Schon zu ahnen, wie sie der Bibliothek dieselbe Ordnung aufgeprägt haben, in deren Dienst ihr Leben steht! Zwischen wirtschaftsgeographischen Spezialkarten hängt ein einziges Bild an der Wand, dies allerdings von riesigem Ausmaß. Ein Alchymistenlabor, in dem allerlei köchelt und brodelt, befeuert, getrocknet, verdampft oder abgekocht wird. Unüberschaubares Tohuwabohu von Tiegeln, Flaschen, Destillierkolben und Glaszylindern. Dreifüße spreizen sich über dem offenen, gemauerten Ofen. Die Regale quellen über von Schachteln, Dosen, Flakons voll unheimlichster Substanzen nebst Astrolabien und Planetarien, Papier- und Pergamentblättern, bedeckt mit mathematischen und chemischen Formellabyrinthen, Tierkreiszeichen, unverständlichen Symbolen und komplizierten Entwürfen. Daneben wiederum ein Bild im Bild, kreisrund, von etwa einem Meter Durchmesser (nur um eine Ahnung vom Format des Ölschinkens zu vermitteln), um das, gänzlich unleserlich, ein endlos rundes Schriftband sich schlingt, ohne Gliederung durch Interpunktion und abgefasst in merkwürdigen Buchstaben, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Nur ganz vereinzelt kann ich Worte entziffern, denn verstreut über den fremdsprachigen Text finden sich Lateinisches. Ich buchstabiere: STEIN, MAGIER, KOMETEN, SISYPHUS, FREIEN KÜNSTE und WAHRHAFTIGES REICH GOLDEN. Mehr nicht.
    - Auch wir verstehen nur Weniges, bemerkt Hockenbrannt leutselig.
    Das Bild im Bilde vereint allegorisch die oben aufgezählten Gegenstände und Personen folgendermaßen: indem nämlich Sisyphus mit spitzem Zauberhut auf dem Kopf vor goldenem Bildhintergrund einen schwarzen, runden Stein rollt, der im Rollen einen Kometenschweif nach sich zieht, wird er von den Personifikationen der vier Weltzeitalter und sieben freien Künste mannigfach umspielt, als tanzten diese einen Reigen um Sisyphus und seinen Stein.
    - Nun gut. sagt Hockenbrannt . Ihr fragt ja doch. Unsere Ahnen sprachen die seltsame Sprache vollkommen. Doch in jeder Generation unserer Geschlechter verlernten wir einen Teil dieser Fertigkeit, so dass wir Spätgeborenen nurmehr die wenigen Worte herauskennen und übersetzen können. Übrigens soll es sich um das Idiom des versunkenen Atlantis handeln. Lacht mich ruhig aus! Was aber nun die Sieben freien Künste anbetrifft, so wetteifern im Untergeschoss die Angehörigen der PRAEFECTUR in spielerischer Deutung der Gestalten. Es hat sich da so eine Volksbelustigung entwickelt, deren Ergebnisse uns als Schiedsrichtern vorgelegt werden. Hockenbrannt verliert sich in seiner Erzählung und scheint nicht länger zu spüren, was ihn bedrückt. Hier zum Beispiel! er greift ein Blatt aus einem Stoß Papier. Noch einigermaßen amüsant:
    Die Grammatik hegt und pflegt den zweifelhaft kausalen Nebensatz. Die mangelhafte Wirkung moralischer Appelle ergründet die Rhetorik. Wann immer sie die Welt unter den Menschen subsummieren will, scheitert die Dialektik, so dass jeder dritte Satz, jede Conclusio, im Lächerlichen sich verläuft. An der Jahreszahlformel für den Wechsel der Weltzeitalter versucht die Arithmetik sich vergebens. Die Geometrie aber tut es ihr nach, da sie, unsinnig, nach Quadratur des Kreises trachtet. Sterne katalogisiert die Astronomie, ohne ihren Glanz je herauszuputzen. Die Musiktheorie schließlich allein übt Wirkung aus: sie untersucht, in welchem Takt dem Sisyphus der Marsch geblasen wird.
    - Aber schaut Euch ruhig satt an dem Gemälde, ermuntert mich Hockenbrannt, was ich mir nicht zweimal sagen lasse.
    Dies alles, die magisch-wisschenschaftlichen Utensilien und das Bild im Bilde, befindet sich in einem derart staubig, heiß und stickig gemalten Raum, dass es dem Betrachter schier der Atem verschlägt. In der Hinterwand des Laboratoriums, neben dem allegorischen Gemälde, eröffnet ein Fenster mit verschmierter Glasscheibe Ausblick auf eine weite, grüne Ebene, über der blendende Augustsonne scheint. Einsam im flachen Land, steil inmitten der Felder und Wiesen, vor einem angedeuteten Horizont und sechs Hügeln am Horizont ein felsig zerklüfteter Bergkegel, wie ein Vulkan. Auf seinem Gipfel tanzen verzückt zwei Männer und eine Frau im Alchymistengewand, während ihr Laboratorium kurz vor der Explosion steht. Eine Grube im Boden. Ein Krater mit Grund, doch kaum vulkanischen Ursprunges, eher so, als ob‘s vom Himmel eingeschlagen hätte. Darin der Stein der Weisen, ein kugelrundes, schwarzes Etwas, das nur der Stein der Weisen sein kann, DER Stein, dieser eine, einzigartige Stein, der Grundstein der Geschichte, denn das Lächeln der Alchymisten strahlt so unglaublich triumphierend, dass einzig Gott ähnlich gelächelt haben mag, als ihm der erste Gedanke für die Schöpfung kam.
    - Und? fragt mich Rechenblatt, was ist, Comitus Klingenhov? ich hatte vergessen, dass wir laut doppelter Buchführung unserer Hausbibliothek nach der Schlacht von Aachen in den Reichsgrafenstand erhoben wurden, ich dem Ratsherrn also nicht als schlichter Freiherr bekannt bin. Ich reiße meinen Blick von dem Gemälde los:
    - Was ist Kaiser und Reich zugestoßen?
    Die Räte schrecken auf. Besonders Rechenblatt merkt man die innere Spannung gleich wieder an. Er zittert. Während Hockenbrannt auf einer Karte Europa in sinnlose Einflusssphären zerteilt, greift sein Amtsgenosse zur kristallenen Weinkaraffe, um sich nachzuschenken. Unachtsam gießt er zuviel in den Pokal, dieser fließt über und roter Wein rinnt über die Papiere. Um sein Missgeschick zu vertuschen, raschelt Rechenblatt emsig herum.
    - Übergeschnappt ist er, das stieß ihm zu! antwortet Hockenbrannt und bietet mir endlich einen Lehnsessel an, den ich zunächst von Karten und Dokumenten freiräumen muss. zuerst glaubte der Kaiser, er hätte nichts mehr zu tun und beneidete den Moskowiter, weil der Außenpolitik treiben, sich jenseits des Ural nach Sibirien ausdehnen konnte. Und erst die Araber! Ludwig erwies Nomadenscheichs heroengleiche Ehren, sobald sie ein Wasserloch in der Sahara besetzt hatten. Überflüssig fühlte sich Kaiser Ludwig, als ob nicht Sicherung des Friedens die vornehmste Aufgabe überhaupt wäre. Kein Gedanke daran, als mächtiger Schirmherr von Wissenschaft und Künsten segensreich zu wirken und selbst Ehre einzulegen, ja nichtmal Interesse an den möglichen Folgen der Dampfmaschine ...
    - ... aber die existiert doch noch gar nicht! wende ich ein.
    - Aber ja doch, gibt es die! Seit Denis Papin im Jahre 1680 den Papinschen Topf entwickelte, und das ist siebzig Jahre her. Mein Vater erfuhr zufällig von dieser Erfindung. Er war ein Maschinennarr, ließ Papin bei noblem Salär aus seiner Privatschatulle weitertüfteln und im ganzen Reich den Gedanken publik machen, die Kraft entweichenden Dampfes mittels Kolben auf nützliche Mechanik zu übertragen. Seither schießen rings um die Städte Dampfkessel wie Pilze aus dem Boden und setzen Webstühle, Mühlsteine oder Schmiedehämmer in Bewegung. Einzig die Feuerung bereitet noch Probleme. Können wir sie in ausreichendem Umfang bereitstellen, dann werden demnächst noch mehr schwere Arbeiten von der Maschine getan. Wir denken schon an Kohlebergbau. (gemurmelter Protest der Frauen nebenan - haben die was zu sagen?) Wir hängen an den schwarzen Steinen, weißt Du! Aber davon will der Kaiser nichts wissen. Spielt nur mit seinen verdammten Uhren.
    Rechenblatt seufzt, als drückten Bleigewichte seine Lungen:
    - Wäre er doch bei der harmlosen Spielerei geblieben! Wäre nur kein Politikum daraus entstanden! Aber Ludwig verfiel auf die obskure Theorie, derzufolge die Uhren unseres Planeten Zeit falsch anzeigen. Zu schnell ticken die Uhren seiner Meinung nach. Über kosmische Strömungen palavert er, an denen wir unsere Zeit zu messen hätten. Die Uhren müssten zurückgedreht werden. Anfang des Jahres dekretierte er dem ganzen Reich, nicht länger unser gegenwärtiges jähr 1750 zu schreiben, sondern 103 Jahre zurückzurechnen. Als Datum trug das Dekret den vierundzwanzigsten Januar 1647. Natürlich fingen wir es ab, bevor die Reichsdruckerei es für die Provinzen vervielfältigte. Ludwig drohte uns mit Todesstrafe, doch gelang uns noch einmal, ihn zu überzeugen, dass er sich mit seinem Erlass vor der gesamten Welt lächerlich gemacht hätte. Im Januar war er noch halbwegs ansprechbar. Im März jedoch setzte er buchstäblich EINS drauf: nun wollte er uns nicht mehr nur um hundertdrei Jahre zurückschicken, sondern gleich ins Jahr 1103. Und es gelang ihm auch. Bei einer heimlich nächtlichen Aktion, die er persönlich leitete, wurde der Erlass gedruckt und per Sonderpost ausgeliefert, bevor wir einschreiten konnten. Stellt Euch das vor, Graf! Nach der Zeitrechnung dieses verirrten Träumers müssten zweihundertneununddreißig Jahre vergehen, bis wir endlich das schicksalhafte Jahr 1342 schrieben, in dem Ludwig I. die Reichsbildung in Angriff nahm. Zweihundertneununddreißig Jahre! Da wir in Wahrheit das Jahr 1750 schreiben, hieße das also, dass die Vorbereitungen der Reichsgründung erst im fernen Jahre 1989 wirklicher Zeit stattfänden. Als der Erlass bekanntwurde, verfassten Journalschreiber satirische Artikel, die Reichsstände forderten Abdankung des irrsinnigen Kaisers, an jedem Wirtshaustisch grölten die Zecher. Dem mussten wir ein Ende machen. Wir verlautbarten, und zwangen Ludwig, diese Erklärung zu unterzeichnen, ein wahnsinniger Drucker sei Urheber des vermaledeiten Dekretes. Auch mussten wir einen geeigneten Mann verhaften und ins Irrenhaus sperren. Inzwischen ist er aber wieder frei. Mit einem Sack Gold haben wir ihn in die Reichsfaktorei Macao abgeschoben, unter fremdem Namen und nachdem er uns strengstes Stillschweigen gelobt hatte. 1989, dieser Irre! Natürlich glaubte kein Mensch den Schwindel über den Drucker, doch was sollten wir tun?
    - Ein Skandal unter vielen! Hockenbrannt scheint immer noch gelassen. Weit ernster sind nun die Forderungen nach einer Verfassung, die dauernden Querelen mit den Reichsständen, die Volkssprachliche Bewegung ...
    - Was ist denn das? frage ich ihn.
    - Das ehrwürdige Latein ist mancher neuen Entwicklungen nicht gewachsen. So nützlich es früher war, von einer Vielzahl technischer und merkantiler Begriffe wird es nun überfordert. Ständig sind Wortneubildungen nötig, oft abstruse lateinische Neologismen, die nur noch jenen einleuchten, die sie erdacht haben. Denkt beispielsweise an jenes lateinische Wortungetüm, das die dampfgetriebenen Eisenwagen auf Schienen bezeichnet! Die Volkssprachen sind lebendiger und anpassungsfähiger, das Englische sagt railway, das Deutsche Eisenbahn, Ferrovia das Italienische, kurz, es gibt mächtige Bestrebungen, den Volkssprachen in Verwaltung und Wirtschaft das Prä einzuräumen. Als nun bei der Etatdebatte, das Etatrecht fordern die Stände übrigens auch für sich, ein Holländer seine Rede muttersprachlich vortrug, verstieg der Kaiser sich zu dem Zwischenruf grunnitum non audio, ich höre dieses Grunzen nicht! Geschlossen verließen darauf alle Abgeordneten den Sitzungssaal. Auch die entschiedensten Fürsprecher des Lateinischen wollten eine solche Missachtung der Ständeversammlung nicht hinnehmen. So kam denn eins zum anderen. Ludwig glaubt nun an seine politische Sendung, den erbitterten Kampf gegen die Reichsstände. Wir leiden unter ewigem Hickhack, das dem Reich schweren Schaden zufügt. Mittlerweile kämpft der Kaiser ums Überleben der Monarchie, denn nicht wenige Abgeordnete halten einen Monarchen an der Spitze der Exekutive für verzichtbar. Gleich den Römern wollen sie Konsuln wählen. Das geht selbst uns zu weit, obwohl wir sonst auf Seiten der Stände stehen und ihre Forderungen billigen. Ludwig wird unhaltbar. Wir können nicht warten, bis das Volk mit faulem Obst nach ihm wirft. Dieser neue Skandal hat der letzte zu bleiben!
    - Was hat er verbrochen? Rechenblatt grummelt, ich höre die Worte Schweinepriester und Demokratie, und aus der Bibliothek ruft eine Frauen: wir sollten es mit Volksherrschaft tatsächlich versuchen, Hockenbrannt!, doch wiederum reißt Hockenbrannt die Antwort an sich ...
    - Ihr wisst sicherlich, dass die Kaiserin Colonnas Geliebte ist? Nein? Wie dem auch sei, jedenfalls ist Ludwigs zweite Frau keine Dreißig und muss mit ihrem degenerierten Gatten ... widerlich, sage ich Euch! Ich kann verstehen, dass sie sich an Colonna hält. Als der Skandal öffentlich wurde, lachte Ludwig nur und nahm sich selbst eine Mätresse, wogegen überhaupt nichts einzuwenden wäre. Doch nun hat er willkürlich den Etat von Colonnas Kronfeldherrnamt auf ein Drittel zusammengestrichen, um seiner Gespielin ein Lustschloss zu bauen: in Gestalt einer riesigen, funktionsfähigen Uhr, an deren Plänen er Tag und Nacht feilt. Gold, Silber, tonnenweise allerbester Stahl für das Werk, edelste Hölzer, seltenster Marmor. Er könnte einfach mit der Mätresse ins Bett hüpfen, doch nein, er lässt sich eine Uhr dafür bauen, so groß wie ein Palast und installiert sein Lotterbett in der Unruhe, damit es hübsch schaukelt. Und die Tauben gurren den skandalösen Sachverhalt von Venedigs Dächern.
    - Er muss beseitigt werden, knirscht Rechenblatt, wie sein Ältester. Der ist ihm zu ähnlich. Einstweilen übernehmen wir die Regentschaft für Ludwigs jüngsten Sohn.
    - Und damit die Stände mitspielen, geben wir ihnen, was sie verlangen, sagt Hockenbrannt. die VERFASSUNG! Eine Legislative mit allgemeinem, freiem, geheimem Wahlrecht und eine Jurisdiktion, die unabhängig von Verwaltung und Krone arbeitet. Eine Verfassung, etwa so, wie der Herr Montesquieu vorschlägt. Kommt er übrigens? fragt Hockenbrannt den Rechenblatt.
    - Jedenfalls habe ich ihn eingeladen, erwidert eine der Damen und tritt zu uns ins Audienzzimmer, wobei die Schleppe ihres weißseidenen Manteaus hinter ihr raschelt. Eine junge, selbstbewusste Frau: ich lud ihn ein. Er kommt, sobald der Satz der nächsten hundert Bögen durchgesehen ist.
    Plötzlich keine Zeit mehr für meine Wenigkeit. Gnädig werde ich entlassen und zur Türe komplimentiert. Die Räte halten es für unnötig, mir die Dame vorzustellen.
    - Ihr dürft Euch jetzt zurückziehen, Graf, wir erwarten Gäste und haben zu tun. Man könnte beinahe sagen, dass wir das Uhrwerk aufzogen und nun Acht geben müssen, dass seine Zahnräder uns nicht zermalmen, die inneren Türflügel schließen sich hinter mir. Kurz bleibe ich noch stehen, weil offenbar auch die zweite Dame ins Zimmer getreten ist ...
    - Ich hab‘s! höre ich sie freudig rufen. Ich habe das Verbindungsglied zu Eurem Sisyphus: Die Selbstbetrachtungen des Marcus Aurelius, achtes Buch, vierter Abschnitt, da heißt es passenderweise: Und wenn du gleich platzen solltest, sie werden nichtsdestoweniger ebenso handeln! mehr höre ich nicht und kann deshalb nicht sagen, worauf diese mir unbekannte Frau mit dem Zitat anspielt.
    Sanft aber unwiderstehlich ziehen mich die Obristen der Degenmänner zwischen den zwei Türen hervor.
    lm großen Vorraum des Audienzsaals Militär in Menge, hohe Offiziere der Degenmännergarde, die dem persönlichen Befehl der Räte untersteht. In geringerer Anzahl Kommandeure regulärer Truppen, die dem noch vorsichtig lavierenden Colonna gehorchen. Beamte. Journalschreiber. Kirchenfürsten. Abgeordnete der Reichsstände. Sie alle warten auf Einlass. Mir zunächst der einundsechzigjährige Baron de La Brede et de Montesquieu mit seinem vor zwei Jahren veröffentlichten Geist der Gesetze auf dem Schoß. Ich will ihm noch sagen:
    - Baron, lasst Euer Werk getrost zuhause, die Ratsherren haben es schon im Regal! doch Montesquieu sieht mich weder, noch hört er mich. Ungesehen trete ich hinaus an den rückwärtigen Kanal und wende mich nach rechts, der Rialtobrücke und dem Kaiserlichen Palast zu. Ein Menschenauflauf auf der Fondamenta. Hatte Rechenblatt nicht mit einer giftgrünen Phiole gespielt, als er verkündete, der Kaiser sei zu beseitigen? muss ich nicht warnen? Doch dann nehme ich Richtung auf die Piazza San Marco, lasse, nach zehnminütigem Fußmarsch, mich von den Straßenschildern berichtigen: Piazza San Ludovico und renne in einen barfüßigen Zeitungsjungen, hätte ihn umgerannt, wäre ich nicht wie ein Schemen durch ihn hindurchgeglitten. Dennoch drückt er mir sein Blatt in die Hand, ungefragt, ohne Bezahlung. Da steht nicht: Giftmord!, da schreibt die Gazette:
    SEINE MAJESTÄT DER KAISER UND THRONFOLGER PRINZ LUDWIG ALEXANDER VERSTARBEN NACH GENUSS EINES PILZGERICHTES * ich muss an meine Fliegenpilzschnitzel denken und lächle * IHRE MAJESTÄT DIE KAISERIN UND KRONFELDHERR COLONNA TRETEN DEM REGENTSCHAFTSRAT BEI * kein Wort steht da von der Phiole in Rechenblatts nervösen Händen, statt dessen: IHRE EXZELLENZEN, DIE GEHEIMEN RÄTE HOCKENBRANNT UND RECHENBLATT ÜBERNEHMEN DEN VORSITZ DES REGENTSCHAFTSRATES * REICHSSTÄNDE ENTWERFEN VERFASSUNG * KOMETENSCHAUER ÜBER VENEDIG ...
    Dann lösen sich alle gesicherten Nachrichten über die Vergangenheit in Buchstaben auf und ich finde mich, nicht länger Reichsgraf, sondern einfacher Freiherr am heimischen Schreibtisch wieder, rechtschaffen müde von meiner Wanderung durch Venedigs Altstadt.

    ***

    - Die Frauen. sagte Monica. Sie haben doch noch die Frauen einbezogen, am vorletzten Tag.
    - Die Revolution, sinnierte ich. Die haben sie wohl vorgezogen und räumlich umverlegt.
    Hatte die Anjouchronik geschönte Träume zu Papier gebracht? Wir wussten lediglich von einem tragischen Festmahl, bei welchem Kaiser und Thronfolger die Opfer unaufmerksamer Pilzsammler geworden waren. Die giftgrüne Phiole träumten wir nicht, ebensowenig wie revolutionäre Massenaufläufe. Erscholl wohl gar das ca ira, ca ira, ca ira am Canal Grande und nicht an der Seine? Aristokraten an Venedigs Laternen? Wo schnitt des Herrn Guillotin höchst sinnreiches Maschinchen Hälse? Wurde anstelle der Bastille das Arsenal erstürmt, knapp vierzig Jahre vor jener Revolution, die sich in unserem erlebten 1989 zum zweihundertsten Male jährt? War womöglich sogar Marian Guardinis Steckspiel auf dem Markusplatz frühzeitig ausgegraben und mitsamt anderen Pflastersteinen gegen die wachhabenden Degenmänner am Palast geschleudert worden, lange bevor Randolph Hamilton das Steinsteckspiel entdeckte und in den Wirren des napoleonischen Einmarsches wieder verlor?
    - Stein! schimpfte Monica. Ich höre immer Stein! Stein der Weisen, Grabstein des Romulus, schwarzer Stein, runder Stein, Kometenstein, Steinsäule bei Swiecie, steinernes Steckspiel Marian Guardinis, wer ist nun wieder Randolph Hamilton?
    - An seinem Grabstein ... , fing ich an.
    - Du liebe Güte! fuhr sie mir in die Parade.
    - Mit seinem Grabstein begann alles. Ein englischer Romantiker und Forscher in spätmittelalterlichen Angelegenheiten. Leider verlor er Guardinis Stein auf seiner turbulenten Flucht vor den französischen Truppen, denen er unbedingt entkommen musste, da er nebenher für das Wiener Außenministerium spionierte und nicht Gefahr laufen wollte, aufgeknüpft zu werden.
    - Schreibt er das?
    - Wir nehmen es an.

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    Post Scriptum:

    Im Oktober 2007 wurde creatores.de vom Kopf auf die Füße gestellt, wie versprochen. Damit wurde bekannt, dass COT hier seit 1999 das Aurum Agrippae gejagt hatte. Die frühere Website, die Gelderns Kanon und De Kempenaers
    Spielmaterial noch wild durcheinander würfelte, war eine Falle für die Opposition im Rat. Matthias Gelderns Kanon mit vielen Dateien, die hier seit 1999 erschienen sind, ist 2007 verschmolzen mit dem Roman, als dessen Autor der Herausgeber der Website fungiert - so die Akten und Dossiers

    Bucholtz, Petrus, Pompeji, Nika, Poitiers, Millennium, Templer,  Konstantinopel, Kaiser Rudolf II., Narwa,
    East India Company, Casanova, Goethe und Lanks Chronik.

    Habent sui fati libelli !

    Venedig, im Mai 2008
    Benizelos Miaulis, magister archivorum

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    Copyright © 2012 Stefan Frank