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illigdebatte

Zett ... ?

Kölner Archiv, Samstag, 6.12.2003 mittags

„Von wegen Kunsthistoriker, du Doktor Zett, du Handlanger“, geiferte sie, „du blöder Bizeps!“ Ihre Stimme überschlug sich in schriller, hasserfüllten Körperfeindlichkeit, die schlecht zu ihrem eigenen durchtrainierten Körper passte. Fast selber eine Kampfmaschine, dachte Zett, der Körper einer Läuferin. Nicht ein Gramm Fett, schon gar nicht da, wo es ganz ansehnlich gewesen wäre. Das Gesicht melancholisch mit Ringen unter den Augen, von einer zu stramm sitzenden Schwimmbrille, vom Weinen, Lesen oder von zu wenig Schlaf. „Prämie gibt es bei Auftragserfüllung. Und wer zahlt besser deiner Ansicht nach - mein Chef oder der Stellvertreter?“
„Achten Sie nicht auf ihr Geschwätz“, nuschelte der Mann im Rollstuhl. „Und Sie halten die Schnauze, Peeters!“
„Sonst was … , Herr Lank?“ Sie trat dicht vor ihn, nahm Aufstellung zwischen den Vorderreifen des Rollstuhls, und weil klar war, dass Lank seinen Kopf nicht in den Nacken legen konnte, beugte Peeters sich vornüber und stützte ihre Fäuste auf die Oberschenkel. Auge in Auge herrschte sie ihn an:
„Sonst was … !?“

Das Büro atmete gediegene Bürgerlichkeit, mit nur einem winzigen Fragezeichen versehen durch neun gepanzerte Limousinen draußen in der Auffahrt. Im rotgrünen Jugendstilglas der Bürotür spiegelten sich zwischen den Wagen drei Klübchen finster drein blickender Chauffeure, strikt auf Distanz bedacht. Das Haus beherbergte seit 1999 den oberirdischen Trakt des Kölner Gründerarchivs - sofern man der Selbstauskunft dieser bewaffneten Politikberater im Internet Glauben schenkte. Zett hatte seine neuen Auftraggeber zunächst als elaborierten Fake betrachtet, eine Art Briefkastenfirma in Sachen internationaler Diplomatie. Inzwischen war er eines Besseren belehrt. Nur den Wechsel von Geheimhaltung und öffentlicher Geschwätzigkeit, der hier gepflegt wurde, durchschaute er immer noch nicht. Doch an einen Fake verschwendete Zett keinen Gedanken mehr. Der paramilitärische Think-Tank, mit dem er es zu tun hatte, war überaus real, so real wie diese Frau Peeters, die hundsgemeine Tritte austeilte. Fluchend massierte Zett sein anschwellendes Handgelenk.

Vor einer Stunde, als sie ihn verhörte, hatte die Peeters einen durchaus vernünftigen Eindruck gemacht. Umso bestürzender war jetzt das Gefuchtel, das sie mit Zetts Makarow im Gesicht des Rollstuhlfahrers aufführte. Sie stippte Richard Lank, der wehrlos in den verchromten Stangen hing, den Lauf gegen die Nase und bohrte ihn abwechselnd in seine beiden Mundwinkel.
„Sonst was, Herr Lank?“ flüsterte sie mit rauchiger Stimme.
Lank nutzte seinen Spielraum von ein oder zwei Zentimetern, um das Schlauchende zwischen die Lippen zu nehmen, mittels dessen er den Rollstuhl lenkte. Da Peeters den Druck der Pistole nicht abmilderte, schrammte die Mündung blutig über Lanks Wange, als er mit quietschenden Reifen losfuhr.
Zett kochte vor Wut. Sein Fehler! Er hatte sich unprofessionell verhalten, als er der Frau mit gesenktem Lauf gegenübertrat. Er hatte es ihr leicht gemacht, die Schuhspitze an sein Handgelenk über der Makarow zu bringen. Sträflich hatte er sie unterschätzt. Dabei hatte Bucholtz noch gewarnt: „Sie ist ein raffiniertes Miststück!“
Nun konnte Zett sein Honorar wohl abschreiben, obwohl ... Lank schien ihm nichts zu verübeln, sondern stoppte den Rollstuhl kameradschaftlich neben Zett, offenbar in der Absicht, ein zusätzliches Hindernis zwischen Peeters und die Tür zu stellen.
„Sie kommt hier nicht raus“, sagte er kalt. „Durch die Fenster dringt kein Laut. Man kann sie nicht öffnen. Vom Park her sind die Scheiben blind. Peeters‘ Weg hinaus führt über unsere Leichen oder das Telefon ... ich hoffe nicht, dass sie so verantwortungslos ist, ein Handy zu benutzen.“

Gut fünf mal fünf Meter. Eine Wand mit den Fenstern zur Auffahrt. Gegenüber, hinter Zett und Lank die bleigläserne Schiebetür mit floralem Dekor, dessen Grün, Blau und Gold Zett vertrackt an die kolumbianischen Aras erinnerte. An beiden Seitenwänden halbhohe Borde, in der Mitte der Schreibtisch, alles sehr aufgeräumt, wohl weil dieser Raum nur als offizielle Fassade des Hausherrn diente - am Parktor hatte Zett ein Import-Export-Schild gelesen. Jugendstilmöbel an der Grenze zum Art Deco - dem blöden Bizeps Zett summte Taads Stimme im Ohr ... schätz‘ das ruhig mal, mein Junge, nur zum Üben, der Schreibtisch fünf-, die Borde je zweitausend Dollar, sagen wir lieber anderthalb, die Stühle achthundert vielleicht ... schon trudelten Erinnerungen noch tiefer zurück, zu kostspieligen Bildbänden der Eltern, lange bevor man so was Coffee Table Books nannte ... mach keine Eselsohren, hörst du! Die klaren Linien der Möbel rahmten titanfarbige Büroelektronik. Ein Aschenbecher, offenbar rauchte der Hausherr. Komisch, dachte Zett, denn er hatte Bucholtz nie rauchen sehen. Dann fiel ihm ein, dass dieses Kölner Archiv ja nur Filiale war, auch wenn hier derzeit eine internationale Konferenz tagte. Der Hausherr, der Filialleiter sozusagen, war also jemand anders. Nicht Bucholtz.

„Lank, ich ruf jetzt princeps Czartoryski an, und unterrichte ihn, dass sein Stellvertreter abgelöst werden muss. Kommen Sie oder Ihr Söldner mir quer - schieße ich ohne Warnung. Klar?“
„Aber sicher, Herzchen“, blaffte der Krüppel im Rollstuhl, und der krasse Gegensatz zwischen dem Machospruch und Lanks mitleiderregender Körperlichkeit verblüffte alle drei - Lank selbst vielleicht am meisten. Er würgte ein heiseres Kichern heraus, das zum Röcheln wurde, so anhaltend und schüttelnd, dass Zett sich besorgt zu ihm beugte, um in dieser Position den fast lautlos gezischten Befehl aufzuschnappen: „Zweite Waffe!“, bevor das Röcheln doppelt so laut weiterging.
Kein schlechter Gedanke! Zett stand jetzt ohnehin schon mit gebeugtem Oberkörper da. Der Anblick löste bei Peeters keine Reflexe mehr aus. Höchstens fünfzig Zentimeter trennten Zetts Hand noch von der Smith & Wesson am Knöchel. Mit geheuchelter Fürsorglichkeit ging er neben Lank in die Hocke, damit sein Hosenbein ein bisschen höher rutschte und den Klettverschluss freigab . Dann griff er blitzschnell zu und schoss präzise das Telefon vom Schreibtisch, bevor er sich aufrichtete und die entgeisterte Peeters angrinste. Draußen hatte niemand was gehört. Ein hemdsärmliger Mann servierte den Fahrern Getränke - seelenruhig, mit Headset und einer schweren Waffe im Schulterholster.
„Das Telefon ist wohl hinüber ... Herzchen!“ stichelte Lank. „Und Sie, Doktor Zett, sorgen sich nicht um Ihr Honorar!“ Das Röcheln war ihm mit ZettsTreffer vergangen. „Dieses Theater hat mich ziemlich angestrengt ... klopfen Sie mir mal den Rücken, ich muss abhusten.“ Und tatsächlich spuckte er drei mächtige Klumpen Schleim, teils auf das Parkett, teils auf die eigenen Knie.
„Czartoryski verdoppelt Ihr Honorar, wenn Sie mich mit ihm sprechen lassen“, sagte Peeters.
„Wollen Sie trommeln?“ fragte Zett, doch Lank röchelte schon wieder - eine Warnung, weil Peeters‘ Hand federleicht über die Tastatur des Laptop klackerte. Das Telefon war hin, aber der Kabelanschluss funktionierte noch. Typisch, dass sie Funknetzen misstrauen, dachte Zett, als er schoss. Die Steckdose qualmte. Irgendwo im Haus schrillte Alarm, verstummte aber sofort wieder, da man die Konferenzteilnehmer offenbar nicht beunruhigen wollte.
Peeters richtete Zetts Makarow nun auf das große Fenster. „Lasst mich raus, oder ich schieße“, forderte sie.
„So ein Eklat am ersten Konferenztag dürfte unseren Herrn kaum amüsieren, Peeters“, warnte Lank. „Ich schlage vor, Sie geben auf!“
„Warum verraten Sie den princeps?“ Ihre Stimme zitterte vor Wut.
„Tu ich doch gar nicht“, sagte er. „Tatsache ist aber nunmal, dass Czartoryski schlecht verhandelt. Er ist ein unflexibler Sturkopf, nicht halb so gerissen wie Karl. Nur wenn Karl moderiert, hat die Konferenz eine Chance.“
„Aber wie soll er denn?“ rief sie in ohnmächtigem Zorn. „Er ist doch jetzt selber Partei - eine erpresste, von draußen manipulierte Partei!“
„Und wer bitte weiß, dass Bucholtz erpresst wird?“ fragte Lank. „Außer ihm selbst, Ihnen, mir und Doktor Zett? Wer weiß unten in der Konferenz, dass man Karl erpresst?“
„Der Erpresser, falls er mit am Tisch sitzt“, sagte Zett. Peeters schenkte ihm ein emphatisches Nicken.
„Aber auch nur der.“ Lank grinste schief. „Und weder der, noch die anderen, noch ihr zwei habt die geringste Ahnung, wozu Karl fähig ist, wenn man ihn in die Enge treibt.“ Lank zögerte, bevor er schloss: „Zielen Sie auf Peeters' Kopf, Doktor Zett, und sobald sie auf das Fenster schießt, drücken Sie ab.“
„Sonst können Sie Ihr Honorar vergessen, Doktor Bizeps“, sagte Peeters mit jähem Sarkasmus. Zett trat auf sie zu, mit winzigen Schritten. „Angst, Sie schießen auf drei Meter daneben?“ stichelte sie.
Näher. Und noch näher. Er stand jetzt vor ihrer Mündung, sie vor seiner.
„Sie schießen nicht auf mich“, sagte er. „Vielleicht aufs Fenster, aber nicht in meinen Kopf. Geben Sie mir jetzt die Waffe!“
„Passen Sie auf, sie legt Sie wieder rein, Zett!“ schimpfte Lank, doch Peeters zuckte nur die Achseln.
„Das ist es nicht wert“, sagte sie.
„Meine Pistole“, beharrte Zett. Sie rührte sich nicht. Sie zielte immer noch auf ihn, wie er auf sie. Ihre Hand zitterte nicht. Behutsam hob Zett seine Linke und hatte beinahe die Waffe umfasst, da polterte die Neunmillimeter zu Boden, und Peeters nutzte die Schrecksekunde, nutzte Zetts Zwiespalt ... Waffe sichern oder Feind stellen? ... nutzte eiskalt ihre Chance, warf sich gegen Lanks Rollstuhl, der kippte, so dass Lank ausgerechnet mit dem lahmen Kreuz gegen die Tür schlitterte, übrigens schweigend, ohne Wehlaut, still auch noch, als Peeters ihren Fuß zwischen Lanks Rücken und die Tür rammte und verzweifelt zu schieben begann ... dann hatte Zett sie gepackt.
Drei verworrene Paar Beine und der gestürzte Rollstuhl. Ein Schlag auf den Hals schnitt Peeters die Luft ab. Noch während sie taumelte, traf der Kolben seiner Smith & Wesson sie über der Nasenwurzel ... der Schmerz in seinem pochenden Handgelenk raubte Zett fast den Atem, doch niemand war so leicht zu kontrollieren wie ein Feind, der blinzelte, weil ihm die Augen tränten ... und der Berserker ergriff das Kommando, der Berserker in Zett, dem die aberwitzige Lage, der Rausch und die Müdigkeit und Todesangst und das nicht abwaschbare, schmierige Gefühl von Taads Gehirnklümpchen auf Stirn und Wange ... der Berserker schloss seine Faust um Peeters‘ Kehlkopf und drückte erbarmungslos, während er ihr die Mündung seiner Smith & Wesson auf die Stirn pflanzte.

2. Venedig und Lagune, Dienstag, 18.11.2003, Morgen

Es war drei Tage her, da hatten Autobomben gezündet vor den Istanbuler Synagogen Newe Schalom und Beit Israel. Der antisemitische Terror, ein Novum in der Türkei, hatte beim ersten Schlag fünfundzwanzig Tote und dreihundert Verletzte gekostet. In der Nase Erinnerungen an den Gestank von Desinfektionsmittel sah Zett Fernsehbilder der steilen Straßen hinauf zum Galataturm, die er selber emporgestapft war mit bandagiertem Gesicht.

Der erste schriftliche Kontakt hatte ihn tags nach den Anschlägen in seiner Kölner Wohnung erreicht. Ein Umschlag mit zehntausend Euro für Spesen und einem Briefchen, das begann:
„Verehrter Doktor Zett! Wir sind weder Hisbollah noch Al Quaida, was Sie unschwer daran erkennen, dass Sie quicklebendig durch Ihr Appartment spazieren, während zwei Fenster zum Lüften offen stehen und perfektes Schussfeld eröffnen. Falls unser Angebot Sie langweilt, was ja immerhin sein könnte, denn kein Broker führt Sie mehr in seiner Kartei, machen Sie sich mit den Spesen einen schönen Abend. Bei Interesse jedoch suchen Sie uns in Venedig auf ...“

Schon das Wort Hisbollah machte Zett paranoid, zumal ihm vor dem Reiterstandbild Colleonis plötzlich einfiel, dass Colleoni ein betrogener Söldner gewesen war. Morgens, beim Anruf im Hotel, hatte er die Fakten nicht präsent, doch jetzt war ihm bewusst, dass Colleoni, um der Gier der Serenissima ein Schnippchen zu schlagen, die Republik zur Alleinerbin bestimmt hatte, mit der einzigen testamentarischen Auflage, ihm vor San Marco ein Denkmal zu setzen. Leichtsinnigerweise schrieb er nicht ausdrücklich: vor der Kirche San Marco. Die Republik wartete also den natürlichen Tod ihres Condottiere ab, kassierte die Barschaft, beackerte geerbte Ländereien und stellte ein Denkmal vor San Marco, allerdings nicht vor die Kirche, sondern nur vor die Scuola Grande di San Marco - das zugegebenermaßen prächtigste Gildenhaus der Stadt.
Das sähe Hisbollah ähnlich, Zett mit perfidem Humor in die Falle zu locken, so wie er Nasrallahs Jungs verarscht hatte. Tahija, die koranische Erlaubnis, im Kampf gegen Andersgläubige zu lügen, gehörte bei den Schiiten der Partei Allahs fast zum religiösen Pflichtprogramm. Es war eine rauchige Frauenstimme gewesen, morgens am Telefon. Er möge ein Tagesbillett für die Vaporetti kaufen und zum Colleonidenkmal kommen. Dort klebe am Gerüst ein roter Zettel, Kanalseite, unterste Stange.
Ein arabischer Straßenmusikant spielte eine Art Dudelsack. Routiniert bückte sich Zett, wie um die Schnürsenkel fester zu binden, aber doch vage der Tatsache bewusst, dass sich fünfzig Schritt weiter, hinter der Kirchenwand von Zanipolo das Epitaph für die abgezogene Haut Marc‘Antonio Bragadins befand, den die Türken in Famagusta reingelegt hatten. Dieses ausgeklügelte Arrangement war doch kein Zufall, verdammt ... er las:
„Fahren Sie zum Billamarkt am Zattere und kaufen Sie dort die oberste Tube Zahnpasta Colgate Herbal / Manufactured by Colgate-Palmolive Company in Brazil. Hinter der Kasse öffnen Sie die Schachtel und lesen den Beipackzettel. Vernichten Sie jetzt diese Nachricht!“
Mit trübem Blick auf Colleoni, den betrogenen, seit Jahren zu Restaurationszwecken eingerüsteten Bronzereiter, zerknüllte Zett das Papier und schnippte es in den Rio dei Mendicanti. Zehntausend Euro waren eben doch ein Haufen Geld - Hisbollah hin, Paranoia her.
Machte ihm jemand Zeitvorgaben? Nein! Also fuhr Zett den denkbar umständlichsten Weg, ständig auf Lauer nach einer Person, die ihm durch mehr als zwei der Wasserbusse folgte. Und bald hatte er sie, einen osteuropäischen Lockenkopf, eine Hand mit nervös trommelnden, langen, unlackierten Fingernägeln auf dem polierten Holz der Gepäckablage, bequem angelehnt, doch peinlich darauf bedacht, dass ihr Haar nicht mit der fettigen Scheibe der Bootsbrücke in Berührung kam.
Im Supermarkt trödelte Zett, bis sie entnervt vor ihm zur Kasse rauschte und ausgerechnet eine Zahnbürste aufs Band legte - vielleicht ein Gag zuviel für Hisbollah. Jedenfalls entspannte sich Zett, während er las: „Nehmen Sie beim Anleger Accademia die nächste Verbindung zum Fondamenta Nuove. Von dort fahren Sie nach Torcello und kommen zum Bootsanleger hinter Santa Maria Assunta. Behalten Sie die Zahpasta in der Hand. Wenn Sie auf dem Weg telefonieren oder ein Wort mit irgendjemand wechseln, dann laufen Sie ins Leere. Verschlucken Sie jetzt das Papier!“
Draußen vor dem Billa schaute Zett sich um und sah sie ein ganzes Stück weiter in Richtung Salute, vertieft in einen Plan der Wasserbusse. Um sie zu provozieren, schlug er die Gegenrichtung ein, aber sie dachte nicht daran, ihn zu verfolgen, sondern schlenderte weiter, bis sie auf der Brücke über den Rio San Trovaso stehenblieb. Zett kehrte um. Der Kanal war mit Eisenschotten abgedichtet und auf hundert Meter leergepumpt, weil fast alle Fundamente ausbesserungsbedürftig waren. Miss Estland oder Belarus musterte angelegentlich den Schlamm der Jahrhunderte und den Salzfraß am Mauerwerk des Squero di San Trovaso, wo Hans Albers als Baron Münchhausen vorbei gerudert war, bevor 007 im Schnellboot um die Ecke flitzte. Zett schmunzelte. Er ging nun zügig in Führung, hörte sie hinter sich stöckeln und fuhr auf dem Absatz herum: Ertappt! Aus dem Schwung heraus machte sie noch zwei, drei Schritte, bevor sie wie angewurzelt stand und erneut den Linienplan entfaltete. Zett lehnte sich auf die Balustrade der Fondamenta und blickte in den Schlamm. Jetzt hatte er Zeit. Miss Ukraine hielt das allerdings nur fünf Minuten aus. Dann stöckelte sie resigniert an ihm vorbei, stadteinwärts Richtung Accademia.
Ihre Wangenknochen traten spitz aus dem Gesicht hervor, in sonderbarem Kontrast zum weichen Mund und dem runden Kinn. Zu gern hätte Zett gewusst, ob ihr die rauchige Frauenstimme gehörte, die ihm frühmorgens telefonische Weisungen erteilt hatte, doch ansprechen durfte er sie ja nicht.
Einsteigen. Umsteigen, in eins der großen Boote. Gleichmäßig klatschte das Wasser am Rumpf. Der Rücken Venedigs, die abgelegene Uferpromenade Fondamenta Nuove, lag weit hinter ihnen und geradeaus die Friedhofsinsel San Michele - was durchaus wieder als Hisbollah-Humor durchging. Da es auf der Fähre nirgends Gepäckablagen gab, auf denen sie mit nervösen Fingern hätte trommeln können, hatten Zett und die Miss es sich auf dem Panoramadeck bequem gemacht, immer fest die nächsten Pali im Blick. Später dann, in der offenen Lagune, wurde der Novembermorgen strahlend schön, und Zett sichtete am Horizont verschneite Dolomitengipfel. Trotzdem blieb die leidige Frage nach der Stimme. Nur - wie brachte man jemand zum sprechen, ohne selbst den Mund aufzutun? Zett wartete, bis jeder Anflug von Paranoia abgeklungen war, dann setzte er sich, in einem Karree von dreißig freien Plätzen, auf den Platz neben sie. Sie lächelte ihn an. Er lächelte zurück, allerdings sollte das Lächeln ihr sagen: Komm, hör doch bitte auf mit dem Quatsch, lass uns den Rest der Strecke wie Profis abreißen ... Zett legte wohl ein bisschen viel in diesen Blick, jedenfalls verunglückte sein Lächeln, und ihre braunen Augen funkelten belustigt. Danach starrte sie geradeaus, über die Salzwiesen. Vielleicht einen Kilometer weiter, Zett gab sich keine Mühe, die Entfernung in Seemeilen umzurechnen, wurde die Lage unbehaglich. Nun wandte Zett sich ab, stand auf und setzte sich auf seinen ursprünglichen Platz zurück. Als er aufblickte, sah sie ihm direkt in die Augen. Ein unhaltbarer Zustand! Wieder stand er auf und schlenderte zur Heckreling, um dort über dem V des Kielwassers zu meditieren. Sollte sie ihm doch in den Rücken schießen mit ihrer schallgedämpften Waffe und dann schwerelos die Treppe hinab in die enge, stickigwarme Kabine stöckeln, flüsternd mit rauchiger Stimme: „Allah ist groß!“
Nichts. So wie am Bug das Wasser gleichmäßig klatschte, rauschte es hinten monoton und schäumte, wobei leider der Wind schlecht stand, und Zett Dieselabgase roch. Offenbar war sie nicht die Vollstreckerin. Ein Lockvogel, der seine Entschlossenheit zu schweigen testen sollte und ihn deshalb anflirtete? Hatte sie ihn angeflirtet? Hatte sie eigentlich die Zahnbürste in der Hand gehalten, bevor oder nachdem er seine Tube Zahnpasta auswählte?
Taads hatte mal gesagt, mein Junge, hatte er gesagt, wir Männer sind das autosuggestive Geschlecht, was für die meisten unserer Niederlagen sorgt. Ein weiser alter Großkotz … Gott, wie Zett ihn vermisste! Manchmal bedauerte er sogar, nicht ein Stückchen Taads konserviert zu haben. In den Jahren seitdem war er einer Frau begegnet, die trug die Kohlenstoffe ihres verstorbenen Gatten, verdichtet zum winzigblauen Kunstdiamanten, am Ehering - und schien getröstet.
Mittlerweile war der Campanile von Santa Maria Assunta in Sicht. Zett stutzte, als die Fähre nicht direkt Kurs auf den Torcello-Anleger nahm, sondern nach Burano einschwenkte, aber gut, von dort ging ein Traghetto. Unten drängelten schon Lagunenbewohner mit Touristen um die besten Plätze beim Ausstieg. Zetts Miss machte keinerlei Anstalten, sich einzureihen. Auch Zett wartete - er wollte nicht im Mief anstehen. Allmählich wurde es aber doch Zeit, denn erfahrungsgemäß rammte die Mannschaft gleich nach dem letzten Fahrgast die Schiebe-Reling zurück ins Widerlager, löste den Hanfstrick und legte ab, ohne Rücksicht auf Nachzügler.
Auf der Stahltreppe glich Zett pedantisch das Schwanken des Bootes aus, als er plötzlich ihr Parfüm roch, nah, eine, höchstens zwei Stufen über ihm. Die Kleinfamilie vor ihm, Vater, Mutter, Sohn, letzterer fußballverrückt und äußerst mitteilsam, hatte in Venedig einen Plasmafernseher gekauft, der sich im Karton ziemlich sperrig machte ... Signore, do you speak English? ... for the European Championship, you know, next year ...  und der Vater ergänzte ...  and for 2006 as well, wohl um einen Pflock einzuschlagen, damit nicht zur Weltmeisterschaft das Gerät der nächsten Generation fällig würde.
Hinter Zett erklang ein warmes Lachen. Er blieb stehen. Der Raum zwischen dem Fuß der Treppe und der glücklichen Konsumfamilie war frei. Sie stürmten an Land, alberten, nur der Vater tappte vorsichtig Fuß für Fuß, weil der unhandliche Karton ihm die Sicht raubte. Die Blaugewandeten an der Reling schauten fragend zu Zett hinauf. Er nahm die erste Stufe, die zweite ... die dritte ... dann rief er theatralisch: „Dio, un ratto!“ und floh eine Stufe zurück, stieß rittlings gegen sie. Noch mehr Parfüm!
„Ach, spinn doch nicht rum“, sagte die Stimme hinter ihm, die eindeutig nicht rauchig klang, sondern erstens schwäbisch und zweitens ein bisschen schrill. Nachdem die Stimmenfrage so geklärt war, stieg Zett zügig und leicht beschämt die Stufen hinab, über Deck auf den Anleger und an Land, von wo es zwanzig Meter weiterging zur Abfahrt nach Torcello. Er vermied es sich umzusehen.

3. Torcello, Dienstag 18.11.2003, nachmittags bis abends

Rita Monego war gestorben, nur einen Tag vor ihrem Bruder Giancarlo, der sie laut Todesanzeige aufopfernd gepflegt hatte. Jeder Quadratzentimeter Plexiglas in Augenhöhe, fast der komplette Anleger, klebte voller Traueranzeigen. Wie die Sterbequote auf Torcello aussah, drüben jenseits des Wassers, konnte Zett nicht sehen. Dort bestand das Unterstellhäuschen aus massiven Holzbohlen - eine Blockhütte, die zwar munter auf der Lagune tanzte, sonst aber ebenso gut in jeden US-Nationalpark gepasst hätte. Vielleicht eine Hommage an Ernest Hemingway, der auf Torcello Enten geschossen hatte, bevor er sich den Gewehrlauf in den Mund schob. Eindeutig Hisbollah-Humor, dachte Zett, seinen Weg mit solchen Anspielungen zu pflastern! Nur, weshalb ließ ihn jetzt Miss Stimme allein und folgte ihm nicht auf den Traghetto, sondern entschwand irgendwo zwischen Spitzen klöppelnden Matronen und weltberühmter Buranospitze, made in Taiwan?

Und deprimierend ging es weiter. Zett wartete umsonst auf Dingo. Dingo erschien heute nicht am Bootsanleger, um schwanzwedelnd die Passagiere zu begrüßen. Torcellos Inselhund ging eigenen Geschäften nach ... vielleicht im Hundehimmel? Zett rechnete den ganzen Weg am Hauptkanal entlang. Er hatte den stolzen kleinen Mischling zuletzt vor acht Monaten getätschelt - dem Volksmund nach gut viereinhalb Hundejahre. Vielleicht liegt er ja mit Arthritis am Ofen, dachte Zett, atmete dann aber doch ein bisschen auf, als er die Hundehütte mit dem Namensschild am Weg entdeckte, wie eh und je, noch vor den Souvenirshops mit Buranospitze, um die eine Gruppe Franzosen feilschte.
Im Hintergrund Attilas Thron. Ernsthafte Historiker delirierten, die Hunnen hätten während der Belagerung Aquilejas auch Torcello angegriffen. Lachhaft! Wenn Attilas drei Bötchen dazu in der Lage waren, warum räucherten sie nicht die Flüchtlinge in Venedig aus, die Keimzelle des späteren Staats? Und warum meißelten Hunnen, die alles aus Holz, Gras, Leder, Wolle und ein bisschen Metall fertigten, für diese Stippvisite einen klotzigen Steinthron? Egal: Auf dem ersten Bischofsthron Torcellos, vulgo Sede di Attila, diesem unkippbaren Stuhl hockten jedenfalls einträchtig beisammen der Inselhund Dingo und - eine getigerte Katze. Das Alter, dachte Zett, es muss das Alter sein!

Hinter Santa Maria Assunta umfing ihn wattige Stille. Nur noch Wiese, der Reifen eines Traktors und ein Haufen Müll. Der Unterschied betrug nur wenige Meter, doch so gut wie nie drangen Touristen in die vermüllt verwunschne Lagunenlandschaft hinter der Kirche vor. Es war phantastisch, was vor allem am plötzlichen Verebben jeglichen Geschwätzes lag. Matschige Wiese. Eine breite, frisch mit istrischem Bruchstein gepflasterte öffentliche Fonamenta, menschenleer. Ein privater Anleger aus Holz mit einer Gittertür, die beim ersten Schubs aufschwang ohne zu quietschen. Fünf, sechs, sieben hohl klingende Schritte. Zett hätte Photograph sein mögen. Vor ihm lag die völlig unbewegte Wasserfläche eines breiten Kanals - nein, ganz still war sie auch wieder nicht, denn links ragte ein Strommast kerzengerade, während die Spiegelung im Wasser ihn gekräuselt zeigte. Je weiter sein Blick aber nach rechts schweifte, spätestens beim ersten Reusengestänge, war das Wasser einfach nur noch spiegelglatt und zeichnete ein perfektes Abbild der schiefen und krummen Holzstangen und der herbstlichen Baumgruppe, die, unmittelbar am Ufer, jeden ferneren Blick versperrte. In der Mitte des Kanals spielte ein ekelhafter Ölfilm Regenbogen, sicher zwei mal zwei Meter, doch wenn man wie Zett geradeaus blickte, stur geradeaus, dann wurde dieses Eiland plötzlich magisch, denn was an Land vergilbt, rostig, teilweise schon mattbraun an Bäumen hing, das Herbstlaub kurz vorm Blätterregen, das sah gespiegelt im Kanal frischgrün aus, richtig frühlingshaft.
Dann hörte Zett das Wummern eines starken Bootsmotors, der sehr gedrosselt fuhr und als er das Boot sah, bekam die Paranoia Futter: viel zu klein für den mächtigen Motor ... der Motor ist fünfmal so viel wert, wie das Boot ... dessen Unauffälligkeit fast peinlich ... ovale Vertiefungen im Bug, Schächte ... Zett hatte solche Boote auf dem Rio Magdalena in Kolumbien gesehen und in den Sümpfen der Isla Margarita, später am Mittellauf des Kongo, wo eines Zett und seinen Schützling nach der Landung auf dem Flugfeld Mbandaka abholte und zur Flussvilla des Holzbarons chauffierte, mit dem Zetts Libanese allerhand zu bereden hatte. Im wesentlichen ging es darum, dass Holzfrachter des Gastgebers auf ihrem nördlichen Kurs auch Monrovia und Freetown anliefen, wo jeweils ein Teil der Diamanten verschwand, den Zetts Libanese für sich privat abzweigte, damit Hisbollah ihn nicht in den Büchern fand und besteuerte. Zett überlegte fieberhaft. War er da bei Sandline gewesen? Control Risk Groups? Bestimmt nicht Blackwater, die gab es erst seit 2001. Auch nicht Executive Outcomes, die Söldnerfirma mit dem Schachspringer im Logo - obwohl, möglich wär‘s, Nick Vandenberg hatte die Firma 1998 aufgelöst ... die sahen nach nichts aus, diese Boote, bewältigten aber problemlos mittlere Stromschnellen ebenso wie einen Sturm zehn Seemeilen vor der Küste. Und die verfärbten Ovale im Rumpf, das waren Klappen, die nach Bedarf absprangen um MG-Läufe zu entblößen oder schlanke Raketen.
Dies Teil hier auf Torcello hatte man runtergeschminkt - bis auf den Charme eines VW-Busses. Trotzdem fuhr das Boot in der Lagune wohl unter Dauerveracht, den Muschelräubern von Chioggia zu gehören, die ja den Carabinieri unentwegt frech das Heck zeigten. Am Steuer in der verglasten Kanzel saß eine Frau. Zett war sich ziemlich sicher, dass er höchstens einen Quadratzentimeter milchiges Panzerglas produzieren würde, wenn er auf sie schoss. Sie hielt präzis am Anleger, ohne die Lupa Cinque zu vertäuen. Hinter ihr wuchtete sich ein sonderbarer Mensch aus einem fetten, unanständig bequemen Ledersessel, dessen Fuß im Kabinenboden verschraubt war. Der Mann warf der Bootsführerin einen Schnellhefter auf das Armaturenbrett:
„Neue Konten für die gemarkerten Stellen, Frau Peeters!“ Sie nickte, machte Anstalten, ihre Uzi in der weiten Lederjacke zu verstecken, doch der Merkwürdige sagte barsch: „Danke, Frau Peeters, die neuen Konten bitte gleich“, womit er an Deck stieg und überraschend leichtfüßig auf den Anleger sprang. „Ich brauche hier keinen Bodyguard, oder was meinen Sie, Herr Doktor Zett?“
Zett, auf Deutsch angesprochen, verneinte auf Deutsch.
„Bitte respektieren Sie das, Frau Peeters! Das ist privat. Ich habe Lank gegenüber eine Schuld zu begleichen. Die Ursulalegende war mein privater Auftrag - und deshalb sitzt er seit Malta im Rollstuhl. Geben Sie einfach acht, dass unser Boot nicht gekapert wird!“
Zett war nicht ganz sicher, doch er meinte, ihr ein „Leck mich!“ von den Lippen zu lesen, bevor die Tür der Kanzel zuschlug - oder eben nicht, weil die Frau das mit einem blitzschnellen Vorrücken ihres Turnschuhs verhinderte, und dann das Zurückfedern mit entschlossenem Griff. Ein Spalt blieb offen, ohne dass der Mann etwas bemerkte.
Trotz der gereizten Stimmung glaubte Zett, dass die Frau sich für den Mann notfalls in Fetzen schießen lassen würde. Der Merkwürdige wusste ihre Loyalität offenbar gar nicht zu schätzen. Zett fand ihn ekelhaft. Ein breitschultriger Mann, der an der Brust wahrscheinlich einmal Muskeln gehabt hatte, inzwischen aber Brüste. Bauch, mächtig viel Bauch und Arme, die ein bisschen Hanteltraining verrieten ... nichts, was man nicht mit einem Hieb an den Kehlkopf erledigen konnte ... und doch ... dieses Gesicht ... Zett wusste aus eigener Erfahrung, wie sich OP-Narben im Gesicht entwickeln. Entweder hatte auch dieser Mann einmal sein Aussehen ändern müssen, oder ihn hatte etwas Böses, ungemein Feindseliges im Gesicht getroffen. Und so etwas zu überleben - das wiederum nötigte Zett Respekt ab.
„Herr Doktor Zett, nachdem Frau Peeters uns nicht länger stört und nachdem Sie nun freier Publizist sind und Kunsthistoriker ... und außerdem vom Kölner Eigelstein kommen ...“, er kicherte. Das Schwein mit Bauchansatz kicherte. Zett hätte ihm seinen kleinen Finger zwischen die Rippen ins Herz bohren können, aber das Schwein kicherte unverschämt, wohl wissend, dass Zett weder Doktor war, noch vom Eigelstein stammte - auch wenn er inzwischen dort wohnte. Dort hatten sie ihm schließlich die zehntausend Euro in den Briefkasten geschoben ... der Mann spielte Theater. Für wen? Für Zett, der ihn durchschaute? Wohl kaum. Also spielte er Theater für die Frau hinter der spaltweit offenen Kabinentür. Er kalkulierte die Lauscherin ein. „Mein Name ist Bucholtz“, fuhr er fort, „und Sie, mein lieber Doktor Zett, als Kind vom Kölner Eigelstein, kennen natürlich die Ursulalegende in- und auswendig.“ Er nahm Zett beim Arm und bugsierte ihn außer Hörweite. Dingo und seine Katze kamen ihnen entgegen und spielten Verstecken in dem mächtig profilierten Hinterreifen des Traktors. „Stimmen Sie mir zu?“ fragte Bucholtz. Er reckte sich und wirkte nun, als liefe er normalerweise gestaucht umher. Mit begradigtem Rücken gewann er einen knappen Viertelmeter Körpergröße hinzu - und plötzlich stimmte seine Silhouette wieder.
Zett nickte höflich. Er war erleichtert - nicht Hisbollah! Aber diesem Arschloch den Gefallen tun, ihm zuzustimmen, um sich dann anschließend hochnäsig korrigieren zu lassen - das kam für Zett nicht infrage.
„Sie interessieren sich doch für Kunst - hat jedenfalls Taads immer gemeint“, sagte Bucholtz. Zett nickte beklommen ... mach keine Eselsohren, hörst du!
„Verzeihen Sie bitte“, sagte Bucholtz, plötzlich gar nicht mehr sarkastisch. „Ich beabsichtige kein Katz-und-Maus-Spiel. Der Eigelstein und Ihr kunsthistorischer Doktor sind Ihre neue Identität für ein aussichtsloses Leben auf der Flucht, nachdem Sie Ihre Auftraggeber verraten und bestohlen haben ... zum Besten Israels übrigens, was in meinen Augen eine sehr gute Empfehlung darstellt, Herr Zottnow, Thomas, geboren in Überlingen am Bodensee als Sohn des Buchhändlers Gerd Zottnow und der Schweizer Bankierstochter Caroline Zottnow, geborene Ruffy.“
„Woher kennen Sie Taads?“
„Die Welt ist klein“, sagte Bucholtz.
„Herr Bucholtz ... !“ flehte Zett, dessen Kloß im Hals von Sekunde zu Sekunde wuchs, nachdem der Name Taads gefallen war.
„Was soll ich sagen?“ fragte Bucholtz. „Ich kannte Taads! Gelegentlich nahm ich seine Dienste in Anspruch. Danach haben wir ein Glas Genever getrunken, zum Andenken an unsere gemeinsame Zeit im Welthafen Rotterdam. Eines Tages nannte er Ihren Namen, und ich begann, Ihren Werdegang zu studieren ... über Taads, na ja, wir haben zusammen Rinderhack durch den Wolf gedreht, und Schiffsklos desinfiziert, ansonsten wissen Sie über Willem bestimmt mehr als ich, besonders über seine nicht so respektablen Jahre als ... soll ich sagen Kunsthändler?“
Zett mochte es überhaupt nicht, dass Bucholtz milde abfällig über Taads sprach. „Was wollen Sie?“ fragte er barsch.
„Reden wir über Bilder ... über Spiegel“, sagte Bucholtz. „Sie können doch Arabisch? Oder stimmen die Berichte, dass Sie mit Hisbollah Englisch gesprochen haben?“
„Zuerst Englisch - in Westafrika. Nach und nach ein bisschen aufgeschnapptes Arabisch und auch Persisch - sehr gebrochen“, sagte Zett.
„Das ist der Hauptgrund, weshalb ich Sie anwerbe für unsere Schwarzen Hände.“
„Und was hat Hisbollah mit Bildern zu tun?“ fragte Zett. „Der Islam ist die Religion des Bilderverbots! Obwohl natürlich Schiiten nicht ganz so bilderfeindlich sind ... soll ich Ihnen einen verklärten Märtyrer Ali für Ihre Sammlung besorgen?“
„Sie sind ziemlich unverschämt, Zottnow. Aber auch das ist ein Grund, weshalb ich Sie ausgesucht habe. Betrachten Sie sich als engagiert!“
„Für welchen Auftrag? Wie lange? Wo? Wieviel?“
„Immer direkt auf den Punkt“, sagte Bucholtz, „was ja bei Kunthistorikern eher selten ist, mein lieber ... da stoßen wir übrigens auf ein Problem: soll ich Sie unter uns Zett nennen oder Zottnow ... wir könnten es konspirativ auch so handhaben, dass die Anrede mit Ihrem richtigen Namen für die Korrektheit meiner Anweisungen bürgt ... wohingegen ...“
„Bloß nicht!“ rief Zett. „Ich kann mir gar nicht leisten, dass Sie den Namen Zottnow wieder zum Leben erwecken. Zottnow ist tot, sonst bin ich tot.“
„Tja, der iranische Auslandsgeheimdienst ist ganz schön pfiffig!“ sagte Bucholtz. „Und er teilt sein Wissen zuverlässig mit Hisbollah ...“  Zett hätte ihn gern geohrfeigt. „Und eben weil Sie es sich nicht leisten können, und fast Ihr letztes Geld in die neue Identität gesteckt haben ... so sind Sie das doch vom Broker und Ihren Auftraggebern gewöhnt oder? ... dass sie runterverhandelt werden? Ich meinerseits hab aber keine Lust, mit Ihnen zu verhandeln ... ich hab zu viele andere Verhandlungen am Hals. Ich biete Ihnen den Sold eines Gruppenführers, dreißigtausend im Monat plus Spesen. Plus Bonus im Erfolgsfall. Keine Verhandlungen, ja oder nein?“
„Euro? Aber ich kenne immer noch nicht meinen Auftrag“, sagte Zett.
„Euro! Aber für einen akzeptablen Auftrag finden Sie das Geld okay?“ Zett nickte, ärgerte sich aber sofort, weil ihm sein Nickenzu beflissen vorkam. „Dann sind Sie engagiert - vorausgesetzt, sie lehnen nicht den Auftrag ab. Über alles, was wir ab jetzt besprechen, herrscht unabhängig vom Zustandekommen des Deals absolutes Stillschweigen!“
„Einverstanden“, sagte Zett, „vorausgesetzt, Sie vergessen den Namen Zottnow!“
Bucholtz reichte ihm die Hand und Zett schlug ein, gerade, als sie Dingos Thron passierten.
„Was für ein weites Feld!“ deklamierte Bucholtz. „Nehmen Sie nur Attilas Sitz ... totaler Blödsinn, wie Sie sicher wissen ... Venedig selbst hat seine mächtige Handelskonkurrenz Torcello in Schutt und Asche gelegt - bis auf Santa Maria Assunta. Anschließend hat Venedig seine Übeltat Attila in die Schuhe geschoben, was nur funktionierte, weil in der Lagune niemand einen noch schlechteren Ruf genoss. Dass dieser Steinsessel hier Attilas Thron heißt, ist ein grandioser Propagandatrick.
Köln übrigens profitiert von analoger Propaga. Venedigs Attilapropaganda diente der Schuldverschiebung. Kölns Attilaproganda ist mittelalterliches Tourismusmarketing. Sie dient dem Zustrom der Wallfahrer, dem Umsatz von Herbergen und Reliquienhändlern und Bordellen. Sie wissen doch, wovon ich rede ...?“
Zett fand das Examen lästig, doch Bucholtz musste wohl prüfen, wie fest seine kunsthistorische Tarnkappe saß. Er zielte auf die Ursulalegende ab.
„Ursula und ihre elftausend Jungfrauen, die angeblich von den Hunnen abgeschlachtet wurden ... in Köln wie Venedig präsent durch Ursulalegendenzyklen, von allerdings sehr unterschiedlicher Qualität, wobei ich Carpaccio ... Märtyrerinnen für den Glauben“, schloss er, sofort als ihm Bucholtz‘ ironisch hochgezogene Braue auffiel.
„Ach - Märtyrerinnen?“ fragte Bucholtz. „Ziemlicher Kokolores, das dürfen Sie mir glauben, weshalb auch Kölns Stadtwappen ... aber egal!“ Er zog Zett mit sich auf die Teufelsbrücke, die ohne Geländer den Hauptkanal überspannte. „Angeblich sind sie ja  erschlagen und erstochen und gemetzelt worden, manche mit Pfeil und Bogen ... aber das ist Quatsch. Die Damen wurden vergiftet. Haben Sie eine Vorstellung, wie das Motiv Pfeil-und-Bogen trotzdem in die Legende kam?“
„Hunnische Standardbewaffnung?“ riet Zett.
„Jaha“, lachte Bucholtz, „könnte man meinen, klingt ja auch ganz plausibel! Aber ich zeige Ihnen was ...“ Bucholtz griff in den Kragen seines Pullovers und zog am fadendünnen Kettchen einen klobigen, uralten Siegelring heraus.
„Was für ein Klotz von Brillant!“ staunte Zett, der sich aus Westafrika den  Blick für die Caratzahl und die anderen beiden C bewahrt hatte.
„Diamant ... Bergkristall ... Muranoperle - wer soll mit letzter Sicherheit sagen, welcher Stein den Ring des successors ziert“, wiegelte Bucholtz ab. „Interessiert Sie das? Geben Sie ‚successor‘ bei Google ein - und lernen Sie dazu!“
„So, das reicht jetzt“, sagte Zett, der langsam wütend wurde. „Was wollen Sie?“
Bucholtz seufzte: „Die Konzentrationsspanne in unserer westlichen Zivilisation sinkt Jahr für Jahr!“ Mit rechts umfasste er immer noch den Ring, mit links zerrte er an der Gesäßtasche seiner abgewetzten schwarzen Jeans herum, bis er endlich den Umschlag zutage förderte, ihn Zett aufdrängte, der hineinsah, dreißigtausend Euro in Fünfhunderten zählte und von Bucholtz zu hören bekam: „Ihr erster Monatssold im Voraus. Habe ich jetzt ein Stündchen ungeteilte Aufmerksamkeit?“
Zett nickte betreten, und Bucholtz zeigte ihm nun den Ring, in dessen Stein Zett einen Pfeil erkannte, von unten rechts nach oben links geschliffen - das Gegenteil eines optimistischen Umsatzdiagramms. Entweder hatte er es mit einem Irren zu tun, für den Geld keine Rolle spielte - oder mit einer tief wurzelnden und weit verzweigten Geschichte. Er hielt sich in dieser Frage neutral und sagte schlicht: „Der Pfeil meint also doch nicht die Standardwaffe der Hunnen!“
„Genau. Ebensowenig das Symbol für Ursulas Martyrium. Sie kennen die Kirche St. Ursula in Köln und ihre Goldene Kammer? ... na bitte! Und den Ursulalegendenzyklus im Wallraf-Richartz-Museum selbstverständlich auch?“
„Flüchtig - er reißt mich nicht gerade vom Hocker!“
„Hm“, machte Bucholtz. „Kommen Sie, ich zeig Ihnen was!“

Die Spiegelung des Campanile von Santa Maria Assunta in jenem abseitigen Rinnsal übertraf sogar die Magie der Reusen hinter der Kirche. Doch wer hatte das Licht ausgewechselt? Die Bäume hinten wurden vom grünen Wasser grün gefärbt. Hier färbte dasselbe Brackwassergemisch aus Brenta und Adria die Blätter azurblau, obwohl der Sonnenstand sich mittlerweile nicht gravierend geändert haben konnte.
Eins, zwei, drei ... zwischendurch verlor Zett den Überblick ...
„Sieben Stockwerke bis unterm Helm“, assistierte Bucholtz. „Und aus jedem Fenster wächst in der Spiegelung der Ast eines Busches hervor, als wäre der Kirchturm der Stamm und triebe im Wasser Zweige. Gespiegelte Türme sind mein Hobby. Oder sagen wir besser so: Türme an sich. Sie kennen die Fresken der Kirche?“
„Hör mit dem Scheiß auf“, knurrte Zett.
„Ist ja schon gut!“, rief Bucholtz begeistert, „Sie haben ja Recht, das sind natürlich Mosaike, keine Fresken!“
„Ist Ihnen kein Versuch zu billig?“
„Ich würde dreißigtausend Euro pro Monat nicht billig nennen.“
„Darf ich jetzt bitte ...?“
„Nein, Sie dürfen nicht! Mit Aufträgen dieser Art bleibt stets ein gewisses Risiko verbunden, eines, dass Sie im Schützengraben oder beim Personenschutz nie kennen gelernt haben. Deshalb gehen wir brav und langweilig schrittweise vor. Halten Sie mich gern für einen Pedanten - bis wir miteinander fertig sind, haben Sie gelernt, dass auf dem Schlachtfeld, auf das ich Sie schicke, Pedanterie das Leben verlängert.“
Das ist auf jedem Schlachtfeld so, dachte Zett, aber Bucholtz geriet zunehmend Fahrt:
„Also eins nach dem anderen - ich fange mal mit der Ursulalegende an, nach Jacobus de Voragine, die zwar viel verschweigt, aber in einem brisanten Detail zumindest verrät, dass sie uns täuscht. In der Bretagne herrscht ein stockkatholischer König namens Nothus oder Maurus ...“, er hat ein bisschen was von Taads, dachte Zett, nicht im Körperbau oder im Charakter, aber Taads hätte eine Geschichte genauso angefangen. „ ... wann genau verrät uns die Legende nicht. Der König nun ist mit einer überaus tugendhaften Tochter gesegnet, die auf den Namen Ursula hört und viel träumt, manchmal sogar prophetisch. So träumt sie eines nachts, der König von England, ein sehr mächtiger Herrscher und böser Heide, werde im Namen seines Sohnes um ihre Hand anhalten. Und sie, die tugendsame Ursel, werde die Gelegenheit beim Schopfe packen, um das heidnische England zum Christentum zu bekehren. Der Engel in ihrem Traum weissagt aber noch mehr. Er sagt ihr eine lange Wallfahrt nach Rom voraus - schöne Reise, kann man nicht meckern. Um es kurz zu machen: Die heidnischen Engländer gehen auf die Bedingung ein. Der Kronprinz lässt sich taufen. Man bereitet die Wallfahrt vor, zu der aus allen Himmelrichtungen Königinnen und ihre Töchter, Bischöfe und wer nicht noch alles sich versammelt. Und jetzt kommt die verräterische Passage ... sehen Sie in Ihrem Umschlag nach, ich hatte keine Lust, das auswendig zu lernen.“
Zwischen den Fünfhunderten steckte tatsächlich ein gefaltetetes DIN-A-4 Blatt im Umschlag. Zett hatte es im Eifer des Geldzählens übersehen. Nun las er vor: „Als dann - wie verabredet - die Jungfrauen da waren und Trieren und die notwendigen Nahrungsmittel bereitstanden, enthüllte die Königin den Jungfrauen, die mit ihr ziehen sollten, ihr Geheimnis, und alle schworen den Eid auf diese neue Art von Kriegsdienst.“
„Kriegsdienst!“ unterstrich Bucholtz.
Zett las weiter: „Nun begannen sie mit Kriegsübungen: sie fuhren zusammen und trennten sich wieder, sie bekriegten sich oder täuschten Flucht vor, übten sich in jeder Art von Spielen und ließen nichts weg, was ihnen einfiel, bald kehrten sie mittags, bald auch spät abends zurück. ... schon sonderbar“, sagte Zett, „dass die armen Märtyrerinnen hier regelrecht Manöver halten, bevor man sie abschlachtet!“
„Nicht wahr!“ freute sich Bucholtz. „Aber es geht ja noch weiter. Zuerst reist man zu Schiff nach Köln, wo Ursula erneut der Engel erscheint, um zu weissagen, sie werde zwar sicher nach Köln zurück gelangen, dort aber mitsamt ihren Gefährtinnen das Martyrium erleiden. So eine Aufklärung wünscht sich jeder General, oder? Sie reisen weiter, über Basel nach Rom, wo sich ein legendärer Papst Cyriacus, den es nie gegeben hat, ihrer Wallfahrt anschließt. Ein Jahr und elf Wochen soll der gute Cyriacus die Tiara getragen haben. Seine Abdankung erboste die Führer des römischen Heeres, Maximus und Africanus, dermaßen, dass sie ihrem Verwandten Julius, dem Fürsten des Hunnenvolks, einen Tipp gaben: Elftausend Mädels kommen nach Köln.“
„Römisches Heer …?“ fragte Zett zaghaft. „Sind das Spuren von Aetius und Attila in der Legende?“
„Nicht ganz! Aber trotzdem: schlaues Kerlchen“, erwiderte Bucholtz, worauf hin Zett ihm gern eine aufs Maul vepasst hätte, was er aber schön bleiben ließ, weil ihnen seit geraumer Zeit auf zwei- dreihundert Meter Entfernung eine Gestalt folgte, die zwar einen unförmigen Kapuzenmantel trug, doch am Schultergurt auch eine Waffe, die ebenso gut eine Jagdflinte wie ein Präzisonsgewehr sein konnte. Von wegen - wir brauchen keine Leibwächter! Peeters konnte das nicht sein, dafür war die Gestalt zu füllig.
„Woher kommt das bloß, dass ihr alle immer so wütend und empfindlich seid?“ fragte Bucholtz.
„Wer - wir?“
„Söldner - oder mögen Sie den Begriff nicht?“ Was Zett abstritt. „Alle Männer und Frauen, die für Geld tödliche oder todbringende Aufträge annehmen, sind unterschwellig von Wut zerfressen. Ich dachte, Sie wären eine Ausnahme. So klug, so gebildet - und trotzdem instinktgebeutelt.“
„Wer ist das da hinten“, fragte Zett und war verblüfft, was für ein freundliches Lächeln sich plötzlich in Bucholtz‘ zerstörtem Gesicht ausbreitete.
„Eine Sicherheitsmaßnahme“, sagte Bucholtz. „Stellen Sie sich vor, sie bekämen Lust auf meinen ... wie sagten Sie ... Klotz von Brillant? - und ich armes Hemd wäre Ihnen ausgeliefert, ganz allein … das geht doch nicht, das müssen Sie doch einsehen!“
„Ich dachte, wir bräuchten keine Leibwächter!“
„Dachte ich auch. Denk ich noch. Trotzdem ist man ja immer gerührt, zu merken, dass sich jemand kümmert.“
„Peeters?“
„Nicht doch! Peeters hütet das Boot und erfindet Kontobewegungen. Hören Sie lieber den Schluss der Legende ... stellen Sie sich vor, das Hunnenheer belagert Köln. Und nun werden diesem Hunnenheer elftausend Jungfrauen avisiert, durch Vertraute in Rom. Was denkt das Heer?“
„Vermutlich schmutzige Gedanken von der nicht zitierfähigen Sorte“, sagte Zett.
„Sollte man meinen, nicht wahr! Aber stattdessen sorgen sich die Verbündeten in Rom und die Hunnen in Köln um die Ausbreitung des Christentums. Huuh, da kommen unbewaffnete Jungfrauen und wollen uns Kriegern das Morden abgewöhnen. Schreckliche Bedrohung! Und darum hält sich niemand mit sexueller Belästigung auf, sondern man schreitet direkt zum Mord ...“
„Mit einer Ausnahme“, fiel ihm Zett ins Wort. „Ursula selbst kriegt den Antrag vom Sohn des Hunnenchefs ...“
„In den Legenda Aurea vom Hunnenchef persönlich“, korrigierte Bucholtz.
„Jedenfalls lehnt sie ab und teilt das Schicksal ihrer Jungfrauen und des Papstes und ihres Verlobten, der ihr entgegen gereist ist ...“
„Genau“, sagte Bucholtz. „Übrigens - Chapeau!“
Hinter ihnen gellte ein Pfiff. Der Leibwächter zeigte auf einen Diener im schwarzen Frack, der sich durch die kniehohe Wiese kämpfte, zwischen ihnen und der imposanten Villa, einen halben Kilometer meerwärts. Er balancierte ein Tablett.
„Oh weh“, seufzte Bucholtz. „Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich. Wir haben diesen Leuten einen Gefallen getan, vor ein paar hundert Jahren - und seitdem behandeln sie uns wie Lehnsherren.“
„Welchen Gefallen?“
„Eine arrangierte Hochzeit mit dem Kronprinzen von Zypern.“
In Zetts Gehirn brannten Sicherungen durch, aber bevor es knallte, war der Butler mit dem Silbertablett bei ihnen. „Zu dieser Stunde vielleicht einen kleinen Weißen für Sie Successore und ihren Freund?“
„Vielen Dank, Pietro - ist doch nicht nötig.“ Bucholtz wirkte tatsächlich verlegen. „Bügeln Sie nur gleich Ihre Hosenbeine trocken, sonst erkälten Sie sich noch. Die Salzwiesen sind feucht im November.“
„So Gott will bald nicht mehr“, strahlte Pietro. „Wenn in elf Jahren die Schotte zwischen den Lidi ...“
„Pietro, Pietro, Sie schauen zu viel Berlusconi-TV“, tadelte Bucholtz. „Ich hatte Ihnen zum Geburtstag doch ein Buch über das Mosesprojekt geschenkt ...“
„Zwei Bücher, Successore!“
„Ja, richtig, das über Ihr geheimes Laster und eins über die Lagune. Wenn Moses kommt, gibt es keine Überschwemmung mehr - aber die Frage ist, mein lieber Pietro, ob Ebbe und Flut dann noch genügend Wasser austauschen. Das garantiert uns auch Professor Chiang C. Mei vom MIT nicht. Prost!“ sagte er.
Zett schnupperte an seinem Wein, roch feuchtes Gras und Salz und Meer und Fisch, uralten Stein, Brackwasser unter Ölschlieren und stechende Sonne, woraufhin er das winzige Gläschen, das so betörend ehrlich roch, mit drei raschen Schlucken leerte. Pietro nickte anerkennend.
Bucholtz schwenkte sein Glas und musterte die Kirchenfenster aus alkoholischen Schlieren. „Was macht Neapel?“ fragte er.
„Viel Müll. Wenig Deponie. Die Banden im Aufwind“, klagte Pietro. „Wer kommt schon gegen die Camorra an!“
„Abwarten, wir fördern da ein literarisches Projekt“, knurrte Bucholtz, indem er nun auch sein kostbares Glas leerte und vorsichtig auf das Tablett setzte. „Grüßen Sie den Skipper! Er soll mich nächstens bitte nicht bemerken, wenn ich über sein Land spaziere. Oder besser noch, Sie verstecken ihm den Feldstecher.“
„Mit Vergnügen. Und meine Komplimente an die Signora“,  erwiderte Pietro.
„Die richte ich nun wieder mit Vergnügen aus“, sagte Bucholtz. Tief wurzelnd. Weit verzweigt.

„Elftausend tote Jungfrauen!“ resümierte Zett, der seinen Auftrag immer noch nicht ganz verstand, als sie auf den Hauptweg einbogen. „Jungfrauen mit paramilitärischer Ausbildung!“
„Blöd, nicht wahr?“ sagte Bucholtz. „Schauen Sie in der Accademia noch mal genau Carpaccios Zyklus an. Sie werden dort Pfeile entdecken und unseren ersten Mann - Marcus Vipsanius Agrippa, unseren Allerersten. Vielleicht kitzelt es ja auch den Söldner in Ihnen, dass beim Colleonidenkmal früher die Scuola di Sant’Orsola stand, wo der Zyklus ursprünglich hing. Ich forsche ein wenig auf diesem Gebiet und wüsste gern, ob Carpaccio einer von uns war, doch vor zwei Jahren gab es diesen verdammten Anschlag auf unser Großes Archiv, Wasser in der Bibliothek, unersetzliche Bestände gingen verloren, sodass sich manches nie mehr rekonstruieren lässt … und dann wurde auf Richard Lank geschossen.“
„Aber ...“, setzte Zett an, doch Bucholtz sprach ungerührt weiter. „Natürlich ist in Köln die Goldene Kammer mit ihren Heiligenknöchelchen momentan schlecht zu besichtigen, ganz St. Ursula ist ja eine einzige Baustelle. Gleichwohl kommen auch heutzutage Pilgergruppen und die kunsthistorisch Interessierten. Nicht, dass sie allzu viele Hotels füllten, doch immerhin kommen sie, um heilige Knöchelchen zu gaffen. Es kommen sogar angloamerikanische Bomberpiloten aus dem zweiten Weltkrieg, denen der Turm als Landmarke zugeteilt war. Und wissen Sie was: die Heilige wird mit Pfeil dargestellt, als Heilige der Artilleristen, angeblich, weil sie mit einem Pfeil erschossen worden ist. Erinnern Sie sich an den Siegelring?“
„Aber ... !“
„Ich sagte, der Pfeil wurde als Attribut in die Ursulalegende übernommen - nicht als Hinweis auf die Todesart. Das ist schon ziemlich gerissen, wenn man bedenkt, wie viele Märtyrer mit den Folterinstrumenten ihres Martyriums dargestellt wurden!“ Zett schwirrte der Kopf. „Schauen Sie“, sagte Bucholtz, „Es ist alles Fiktion, doch manchmal haftet daran eine Spur von Wirklichkeit. Auch Venedig ist Fiktion. Die Stadt tut so, als lebte sie von und für Touristen. In Wahrheit hat Venedig nur den einen Zweck: Uns Gründer zu verbergen. Darum ist es manchmal heilsam, Torcello zu besuchen.“
Aha, dachte Zett. Wieder auf Höhe des Sede di Attila nahm Bucholtz erneut verbalen Anlauf: „Tun Sie genau, was ich Ihnen sage. Gehen Sie ins Museum und verdrängen Sie Ihre Fähigkeiten als Söldner.  Sie werden, jede Wette, observiert ... nehmen Sie inzwischen Befehle von mir an?“ Zett nickte. „Dann befehle ich, dass Ihnen das alles egal ist! Sie sind Kunsthistoriker. Seien Sie naiv und leichtsinnig. Kunsthistoriker fühlen sich nicht verfolgt. Merken Sie nicht, dass man Sie observiert, schreiben sie nur in Ihr Notizbuch, immer schön emsig, mit gerunzelter Stirn. Theater!“
Zett konnte sich nicht verkneifen, leise aber zackig „Yes Sir, successor Sir“, zu brummen, was Bucholtz zunächst ein herzliches Lachen entlockte, im Ergebnis jedoch dazu führte, dass er sagte: „Sie werden die lateinischen Formalia unserer Schwarzen Hände noch lernen!“
Schwarze Hände, dachte Zett, das klingt nach Balkan.
„Und denken Sie, wann immer sie von Schwarzen Händen hören, ja nicht an balkanische Terrorbrüder, schon gar nicht an die faschistischen!“ sagte Bucholtz in Vorwegnahme des Einwands. „Unsere Schwarzen Hände gibt es seit zweitausend Jahre!“
Da gab es zwar keine Faschisten, aber sehr wohl schon die Fasces genannten Rutenbündel der Liktoren - spann Zett den Satz innerlich fort. Er begann zu denken wie sein Gegenüber, stellte er mit Erschrecken fest.
Den Rest des Wegs gingen sie schweigend. Als Peeters sie kommen sah, sprang sie auf, öffnete die Tür der Bootskanzel und bezog draußen auf dem Steg Position. Bucholtz nickte ihr zu. Zett riskierte ein freundliches „Hallo!“, das sie eisig überhörte.
„Schön“, sagte Bucholtz, bereits aus der Kanzel, „ich denke, wir haben uns verstanden, Doktor Zett. Sie analysieren die Sache mit den Türmen, für den Anfang etwa dreißig Seiten würde ich sagen - nur als Grundlage, auf der mein armer Freund Lank seine Studien weiter betreibt. Alsdann!“
Ein Nicken, die Tür schnappte zu, und die Schraube des donnernden Bootsmotors, der bei der Abfahrt schamlos seine ganze Kraft ausspielte, zerwirbelte den Kanal zu Schaum, in dem sich nichts, aber rein gar nichts mehr spiegelte.