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Columnae

Willkommen beim Kulturprogramm der Jahrfünftkonferenz aller Räte in Venedig! Wir haben uns hier von Januar 2005 bis Januar 2006 mit den Portikuskapitellen des Dogenpalastes amüsiert - und wünschen auch Ihnen viel Spaß!

Venedig, Großes Archiv am 26. Januar 2006
Benizelos Miaulis, magister archivorum


Säulenkapitelle: sechsunddreißig und ein halbes!

Kapitell, nichtfiguriert

Der Rat hat mich beauftragt, hier Material über die Säulenkapitelle am Portikus des Dogenpalastes zu veröffentlichen. Dabei beanspruchen wir nicht, portionsweise eine Monografie zum Thema vorzulegen – solcher Monografien schlummert, wenn ich richtig zähle, ein knappes Hundert allein in unseren Regalen. Nein, Sie finden hier rohe, kaum aufbereitete Brocken Information in Schrift und Bild.
Jenen Lesern, die Sensationelles erwarten, betreffend etwa die Rolle, welche die Kapitellfiguren der Quattuor Coronati in den Mythen von Freimaurern und anderen Geheimbünden spielen, versprechen wir eine herbe Enttäuschung. Andere mögen unser Material für irreführend oder irrelevant halten, weil es sich naturgemäß nicht völlig mit den Erkenntnissen der Kunstwissenschaft deckt - einer Kunstwissenschaft allerdings, die, sei sie auch teils so brillant, wie Ruskin mit seinen Stones of Venice, nie Zutritt zu unserem Großen Archiv hatte. Es liegt uns fern, irgendwen, der auf diesem Feld mit den beschränkten Quellen arbeitet, zu entlarven, widerlegen oder anderweitig herabzuwürdigen - man kann das ikonologische Programm der Portikuskapitelle durchaus so lesen, wie es üblicherweise gelesen wird. Daran haben wir nichts auszusetzen.
Wir ergänzen lediglich solche Aspekte, die außer uns niemand ergänzen kann. Immerhin handelt es sich beim Dogenpalast um Venedigs zentrales Bauwerk – abgesehen natürlich von unserem eigenen Ratssitz. Und da wir vom Los, wie schon zur Millenniumskonferenz 1999/2000 wiederum zu Gastgebern der Fünfjahreskonferenz bestimmt wurden, scheint auch der Zeitpunkt geeignet, denn diesmal begrüßen wir die Bruderräte mitten in unserer Stadt. Die Sicherheit von Tagungsort und Delegierten war in der zweiten Oktoberwoche 2004 Thema des Antiterrorsymposions der NATO-Seestreitkräfte im Arsenal von Venedig – im selben Arsenal, dessen Logistikchef Filippo Calendario war, bevor ihm 1353 die Aufsicht über den Umbau des Dogenpalastes anvertraut wurde.

Lustwandeln Sie also unter unseren Kapitellen! Staunen Sie! Wir passen auf, mag auch der Markusplatz von Menschen noch so wimmeln, dass kein Dieb in Ihren Taschen herumgrabbelt, während Sie mit dem Kopf im Nacken dastehen.

plan-neu

Zur Baugeschichte

812, unmittelbar vor Abschluss des Friedens von Aachen, verlegt Angelo/Agnello Partecipazio den Hauptsitz des Dogen nach Rivus Altus, dem hohen Ufer, heute Rialto, wo sich unter Zerkons und Dracontius‘ Führung bereits Gründer niedergelassen hatten. Der Bau wächst nahe einer Kirche des Hl. Teodoro, des ersten Schutzpatrons von Venedig.

Der Palast, zunächst mehr Kastell, das sich in die Befestigungsanlagen des Rialto fügt, besteht vornehmlich aus Holz und hat drei Wehrtürme. Als man nach der Ankunft der Gebeine des Hl. Marcus ab 828 mit dem Bau der angrenzenden Basilica beginnt, wird der Palast ausdrücklich als "Castellum Ducale" bezeichnet. Auch der heutige Campanile von San Marco ist in seinen Grundmauern und ersten Stockwerken ursprünglich militärischer Ausguck. Erst später wird der Turm erhöht und zum Glockenturm umfunktioniert.

Am 11. August 976 geraten Kastell und Kirche beim Aufstand gegen den Dogen Candiano in Brand. Beide Gebäude werden 978 vom Dogen Orseolo wieder hergestellt, offenbar mit so geringen Änderungen, dass der Dogenpalast vom Chronisten Johannes Diaconus weiterhin als "Palast des Dogen Angelo Partecipazio" bezeichnet wird.

1172-1178 reißt man die äußeren Verteidigungsmauern ein, weil der unsichere Baugrund sie nicht mehr trägt. Diese Begründung wird oft angezweifelt mit dem Einwand, die Befestigungen hätten doch vornehmlich aus Holz bestanden, Stein und Ziegel wären damals beim Bau die große Ausnahme gewesen. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Belegt wird das Gewicht des Mauerwerks nicht nur durch unsere Schriftquellen, sondern auch durch die Ausgrabung beeindruckender Turmfundamente.

Markusplatz alt

Der heutige Campanile von San Marco, der als Ausguck zu den Befestigungen gehört hat, wird jetzt zum Kirchturm umgebaut. Das alte Hafenbecken und der Rio Batario werden zugeschüttet, wodurch der Markusplatz seine heutige Dimension erhält. Der neu entstandene Platz wird durch einen einheitlichen Portikus gefasst, in dessen Mitte sich noch etliche Jahrzehnte der Gemüsegarten des Klosters San Zaccaria hält – wodurch ein geflügeltes venezianisches Wort entsteht, denn bis in die Endphase der Republik treffen sich die Mitglieder des Großen Rates zu getuschelten Wahlabsprachen und Stimmenkäufen "im Gemüsegarten", auf dem "Broglio", auch als dieser Teil des Platzes längst sauber gepflastert ist.

Was in den Folgejahren entsteht, der Palast des Dogen Sebastiano Ziani, ist der Vorgängerbau unseres heutigen Dogenpalastes. Auch dieser Vorgängerbau hat noch Türme, insgesamt vier - je einen davon am Ponte della Paglia und dort, wo heute die Porta della Carta den Hauptzugang zum Dogenpalast bildet. Schon dieser Palast – eigentlich zwei Paläste, wie wir gleich sehen – weist Portikus und Loggia auf, damals natürlich noch mit Rundbogenarkaden. Sogar die zwei bemerkenswerten roten Säulen aus Veroneser Marmor, zwischen denen der Proto Filippo Calendario schließlich sein Leben aushaucht, finden sich schon in der Mauer des Ziani-Palastes, auf ähnlicher Höhe wie heute, allerdings um einige Meter ins heutige Palastinnere versetzt.

Längs der heutigen Piazzetta liegt damals der Flügel „ad jus reddendum“ – zum Wasser hin der „palazzo commune“. Die Hauptfunktionen (natürlich abgesehen von der Tatsache, dass hier der Doge wohnt), nämlich Gerichtsbarkeit und Regierungssitz, bleiben also räumlich getrennt, was sich erst im Nachfolgebau ändert – unserem heutigen Dogenpalast.

1230 gibt es einen Brand, dessen Schäden jedoch rasch behoben werden.

Schon erheblich früher setzt jene verfassungsgeschichtliche Entwicklung Venedigs ein, die schließlich den Neubau des Palastes erzwingt. In deren Zug büßt der Doge immer mehr an persönlichem und institutionellem Einfluss ein, während der Große Rat an Macht hinzugewinnt, vor allem seine verschiedenen Ausschüsse. Machtzentrum wird also der Große Rat, bestehend aus den männlichen Mitgliedern der im Goldenen Buch eingetragenen Familien. Kurzum, jene Baumaßnahmen, die zur Entstehung des heutigen, gotischen Palastes führen, beginnen, weil der Große Rat keinen Sitzungssaal mehr findet: Es wird ihm schlicht zu eng. 1264 hat er 317 Mitglieder - 1310 sind es bereits 900, 1311 schließlich 1017 Personen.

Die erste Etappe des Umbaus erzeugt eine Übergangslösung, mit der man schon bald nicht mehr zufrieden ist. Um 1341 beginnt endgültig der Bau des heutigen Großen Saales, der schließlich die völlige Umgestaltung der beiden Paläste Zianis erfordert. Proto dieses Projektes wird der Architekt Basseggio. 1353 stirbt Basseggio und ernennt den mit ihm verschwägerten Filippo Calendario zum neuen Proto. Das heißt: Er tut das auf unser Geheiß, weil wir Calendario für unseren Mann halten. Gründer protegieren einen Gründer. Wir finden das offizielle Skulpturenprogramm insgesamt doch recht brav und plump. Wir sehen Anlass, im Skulpturenprogramm des Portikus die Rolle der Gründer in der Stadt zu dokumentieren. Dabei ist uns entgangen, dass Calendario sein eigenes Spiel spielt, dass er sich für einen Reformer hält, der Venedig und den Rat der Gründer und in einem Aufwasch gleich am besten auch die übrigen Räte einer Umwälzung unterziehen möchte. Wir ahnen nicht, dass Calendario sich längst verschworen hat - und neben dem Gründerprogramm sein eigenes, verschwörerisches einschmuggelt in die Skulpturen der Säulenkapitelle.

Woher kommt der vermeintliche Leichnam des heiligen Marcus nach Venedig? Aus Ägypten.
Und an welchem Anlass entzündet sich der erste Streit zwischen Kaiser Augustus und unserem Gründervater Marcus Vipsanius Agrippa? An Ägypten. So wird Ägypten (auf Sanudos Wirken kommen wir noch) zum Kristallisationspunkt der speziellen Calendario-Ikonologie innerhalb der Gründer-Ikonologie innerhalb der offiziellen Staatsikonologie.

Als Calendario, angeblich durch einen Arsenalaufseher in die Verschwörung des Dogen Marino Falier verwickelt, am 16. April 1355 zwischen den roten Säulen des noch existierenden Ziani-Traktes gehängt wird, existieren also drei Programme für die Säulenkapitelle:

1. Das offizielle staatliche Programm, entworfen von Basseggio und Calendario.

2. Darin versteckt das Programm der Gründer,
entworfen von Calendario und dem Rat der Dreiunddreißig.

3. Und darin wiederum versteckt das Programm der Verschwörer, Gründer wie Nichtgründer,
entworfen von Filippo Calendario.

panorama

Nach der Verschwörung Faliers verhängt der Senat einen Baustopp und verbietet, bei Strafe der enormen Summe von 100 Dukaten, über den Weiterbau des Palastes auch nur zu sprechen. Zu diesem Zeitpunkt stehen die Säulen bis zur 25ten, gezählt vom Ponte della Paglia. Einige Kapitelle allerdings sind noch nicht fertig, sondern nur bossiert. Aber bis hierhin weisen die Figuren die im 14. Jahrhundert typische Tracht mit aufgesetzter Knopfleiste auf. An der Molo-Seite des Palastes wird unterdes weitergearbeitet. Die Fortführung des Palastes auf der Piazzetta-Seite jedoch kommt zum Erliegen. Die drei ikonologischen Programme, die ich oben differenziere, entwickeln, verschränken und widersprechen sich also durch insgesamt fünf Perioden:

1. Die Zeit, bevor Basseggio seinen Schwager Calendario hinzuzieht. (rein offizielles Skulpturenprogramm)

2. Die Zeit, in der sie zusammenarbeiten. (Mischung zwischen offiziellem -, Gründer- und Verschwörerprogramm)

3. Die Zeit nach Basseggios Tod bis zu Calendarios Hinrichtung. (siehe 2. – nur dass Calendario jetzt nach Belieben schalltet und waltet.)

4. Die Zeit zwischen dem Baustopp und 1422, als der Doge Mocenigo besagte hundert Dukaten zahlt und damit Verhandlungen über die Wiederaufnahme der Arbeiten ermöglicht. Am 20. September 1422 beschließt man, den Neubau des Palastes fortzusetzen. In dieser Zeit entstehen die Balkone und zwei Eckgruppen des Palastes, sowie, in Teilen, der Skulpturenschmuck der Porta della Carta. Aber auch manches Säulenkapitell entsteht neu. Und fertige Säulenkapitelle werden ausgetauscht.

5. Die Zeit nach Wiederaufnahme der Arbeiten, in der die Säulen 26 bis 36 neu entstehen. Wir beziffern sie hier arabisch, weil fast die gesamte Fachliteratur ab der Porta della Carta mit römisch I zu zählen beginnt, zudem noch, unlogischerweise, mit der Ecksäule (Eckgruppe: Salomons Urteil) und nicht mit der Halbsäule an der Wand. Zur leichteren Vergleichbarkeit der Arbeiten passen wir uns künftig dieser Zählweise an, was allerdings zur Folge hat, dass die zuerst entstandenen Säulenkapitelle die höchsten lateinischen Nummern tragen.

grundriss dogenpalast

Diese drei Programme, fünf Perioden, sechsunddreißigeinhalb Säulen sind unser Thema – man verzeihe das Wortspiel - zur Erbauung der Konferenzteilnehmer und eines interessierten Publikums. Wir verlassen den gesteckten Rahmen nur, um die drei Eckgruppen, die Porta della Carta, zwei Balkone und die Ecke Dogenpalast/Markuskirche zu streifen. Und um die dazugehörigen Geschichten zu erzählen.

Warum wir das Thema so eng fassen und die Kapitelle der Loggia aussparen? Zwei gute Gründe - ein historischer und ein ideologischer. Der historische Grund: Für die Säulenkapitelle der Loggia existiert weder ein Gründer- noch ein Calendario-Programm. Sollten wir eines erfinden? Ironiefrei stellt sich die Frage: Warum erfinden wir in der Bauphase keines, obwohl wir die Pläne kennen? Hier der ideologische Grund: Weil wir die zeitgenössische Vorstellung, die in diesem Architekturentwurf zum Ausdruck kommt, nicht teilen. Gewiß ist es venezianischer Adel, für dessen politisches Geschäft der Neubau erforderlich wird. Aber unten plumpe Säulen und Kapitelle fürs gemeine Volk, Bibel der Armen, Enzyklopädie der Dummen -  oben am Wandelgang des geschäftigen Adels schlanke Säulen, elegante Kapitelle und filigrane Muster? Das ist nicht unsere Weltsicht und war es auch damals nicht. Wir haben eine andere Definition von Oben und Unten. Unten die rohe, gemeine Macht, die nur sich selber will und den Vorteil ihres jeweiligen Inhabers. Oben Räte, die dieser Macht Zügel anlegen und Richtung weisen. Wer oder was jemand sonst noch war oder ist, außer eben Gründer zu sein, ist für uns nicht von Belang. Deshalb sind die schlanken Steinbäumchen des Adels, die an dieser Fassade gotisch in den Himmel wachsen, nicht unser Ding. Uns genügt es, die tragenden Säulen zu gestalten.

Zerkon magnificus, Portikuskapitell XXI, ein kleiner Mann, hier ganz links im Bild, der nicht hoch genug gerühmt werden kann!

Säule XXI

Weil dies Kapitell prominente Gründer aus den Anfängen Venedigs ehrt, soll es ursprünglich auf Platz XXXV stehen, der ersten Vollsäule gezählt vom Ponte della Paglia. Wir haben bereits erklärt, dass wir, um bequeme Vergleichbarkeit zu gewährleisten, der üblichen Zählweise folgen, obwohl sie die Baugeschichte numerisch umkehrt. Säule XXXV jedenfalls ist die erste fertig gestellte Vollsäule und mit ihr soll, nach Calendarios Willen, die Dokumentation des Gründerwirkens in Venedig beginnen, denn gegen die Geschichte von Zerkon und Totila hat auch Filippo Calendario nichts einzuwenden. Im Gegenteil, sie liegt sicher in der Vergangenheit und passt wunderbar ins Verschwörerprogramm. Man braucht sich selber nur in die Tradition der mythischen Gründerhelden einzureihen.
Aber warum dann Platz XXXV und nicht gleich Platz XXXVI? Ganz einfach: Beide Endsäulen – sowohl die Halbsäule BI an der Wand neben der Porta della Carta, wie auch die Vollsäule XXXVI mit Noahgruppe tragen nur halb ausgebildete Kapitelle, was im letzteren Fall sofort einleuchtet, wenn man sich die Gestaltung der Noahgruppe über der äußeren Säulenhälfte vor Augen führt.

Noahgruppe

Der dritte Sohn Noahs verschwindet hinter dem Eck. Die Gruppe zeigt Noah, den Erfinder des Weinbaus, mit mindestens einer Schale Wein zu viel - der, die er mit der Rechten gerade auskippt. Ein Sohn bedeckt die Blöße des Vaters, der andere zeigt den sprichwörtlichen Vogel, um Noahs geistigen Zustand zu charakterisieren. Alles nur eine Warnung ans Volk, beim Wein das rechte Maß zu halten, korrespondierend mit den vermeintlichen Tugenden und Lastern, die an so zahlreichen weiteren Kapitellen dargestellt sind? Venedig hat das durchaus so gemeint, insofern gibt es auch nichts daran auszusetzen, wenn die Gruppe so interpretiert wird. Für die Gründer allerdings lässt Noah hier ein bisschen mehr Theologie und Metaphorik anklingen. Betrachten wir einstweilen nur Genesis, 6, 14 ff, wo es heißt:
„Mach dir eine Arche aus Zypressenholz! Statte sie mit Kammern aus und dichte sie gegen innen und außen mit Pech ab! So sollst du die Arche bauen: Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch soll sie sein. Mach der Arche ein Dach und hebe es genau um eine Elle nach oben an! Den Eingang der Arche bring an der Seite an! (wie die Porta della Carta, Anm. d. Hrsg.) Richte ein unteres, ein zweites und ein drittes Stockwerk ein! (wie beim Dogenpalast, Anm. d. Hrsg.) Ich will nämlich die Flut über die Erde bringen, um alle Wesen aus Fleisch unter dem Himmel, alles, was Lebensgeist in sich hat, zu verderben. Alles auf Erden soll verenden. Mit dir aber schließe ich meinen Bund. Geh in die Arche, du, deine Frau, deine Söhne (Sem, Ham, Jafet, Anm. d. Hrsg.) und die Frauen deiner Söhne."
Bemerkenswerter Assoziationskosmos für den Regierungssitz eines Seefahrervolks! Und erst für die Arsenalotti, die Schiffbauer Venedigs, zu denen ja auch Calendario einmal gehört hat! Dieser Metaphernreichtum: Venedig, die Insel im Meer - die Arche in den Fluten der Völkerwanderung, wo die Gründer sich vor dem Hunnensturm retteten. Die Arche als Staatsschiff - Ansatz einer hier nicht zur Ausführung gekommenen Allegorie. Der Dogenpalast - Arche innerhalb der Arche. Oder geht das schon zu weit? Der Bund jedoch ist eindeutig gemeint - Gottes Bund mit Noah, Venedigs Bund mit dem Meer, wobei der wallende Bart Noahs und die Schale auch Poseidon/Neptun anklingen lassen, den antiken Meeresgott. Es muss nicht unbedingt Wein sein, den Noah da vergießt - es kann auch Wasser sein und die Funktion Poseidons als Quellgott meinen, natürlich alttestamentarisch verbrämt. Nach dieser Lesart meint Noah nicht nur den Bund Venedigs mit dem Meer, sondern stellt ihn eins zu eins dar, weil Noah eben nicht nur Noah ist, sondern in sich versteckt den Meeresgott enthält.
Was ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und Noah? Der Regenbogen. Wundert es irgendwen, dass ausgerechnet diese Ecke, Dogenpalast/Ponte della Paglia in ganz Venedig der beste Standort ist, um nach einem Gewitter den Regenbogen über der Lagune zu betrachten?
Noah, als Retter vor der Flut, korrespondiert mit der komplexen Behördenmaschinerie, die im Dogenpalast ineinander greift, um die Stadt durch wasserbauliche Maßnahmen zu beschützen und erweitern.
Und zuguterletzt, um endlich zurückzukommen auf Säulenkapitell XXI mit der Abakusinschrift „diverse razze umane“, ist Noah unser aller Stammvater. Wenn nur acht Menschen übrig blieben nach der Sintflut, Noah und drei Söhne, jeweils mit ihrer Frau, dann entstammen wir alle dem inzestuösen Gemenge, das sich nach Abfluss der Wasser entspinnt. Vielleicht ist es daher ein sinistrer Witz, dass das halbe Kapitell von XXXVI, das hier noch separat zu gestalten bleibt, und das im offiziellen Programm schließlich den Barbieren gewidmet wird, sprich der niederen Chirurgie, in der Verschwörerikonologie unbelegt ist. Es existiert allerdings eine Notiz Calendarios, die verkürzt besagt, Ursprung und Ende des Lebens, der Geschichte, ja allen menschlichen Tuns lägen im Dunkel, was einiges für sich hat. So gesehen ist es nur folgerichtig, das erste und letzte Halbkapitell ungestaltet zu belassen.

Die Ikonologie aller drei Programme scheint auf die Erschaffung des Menschen an sich kein großes Gewicht zu legen, weshalb die Säulenreihe eben nicht mit der Erschaffung des Menschen beginnt, ja geradezu Erschaffung und Sündenfall in die Mitte der Erzählung verschiebt, zur Ecksäule Molo/Piazzetta. An erster Stelle steht die Eckgruppe Noah, als Anknüpfungspunkt dieser sehr speziellen Genealogie des venezianischen, des maritimen Menschen. Und mancher einfache Pechkocher mag das ahnen, wenn er mit Kratzen im Hals vom Arsenal heimkommt und sich wundert ob dieser lammfrommen Warnung vor dem Wein. Aber auch, wenn nicht: Noahs Trunkenheit - das hören die Menschen von der Kanzel und das kann man ihnen auch auf Säulenkapitellen verkaufen. Wenn auf dem nächsten Säulenkapitell die Abkömmlinge Noahs auftauchen, eben „diverse razze umane“, die Völker der Erde, dann leuchtet das auch besagtem Pechkocher ein.
Wie nun jene Säule, die für Position XXXV geplant ist, auf Position XXI gerät, wird uns noch beschäftigen. Widmen wir uns zunächst dem Kapitell, dessen Köpfe alle bis auf einen identifiziert sind, denn über das offizielle Programm hinaus, sind hier nicht nur Noahs Enkel, die Völker der Welt dargestellt - der Mohr, der Tatar, der Grieche, usw., nein, zugleich ehren die Gründer hier prominente Gründer aus den Anfängen Venedigs. Und Calendarios Verschwörer nisten sich in unserer Ehrung ein, was ihnen vortrefflich gelingt, weil die Verschwörung zwar mit Calendario und Falier 1355 endet – aber Filippo Calendarios geheime Papiere und Notizen erst 1416 entdeckt werden. So schauen wir seelenruhig zu, wie Kapitelle entstehen, die, laut Erklärung zum Entwurf, unsere Vernichtung zum Gegenstand haben, einfach, weil wir die Erklärung zum Entwurf nicht kennen.

Die Köpfe von Kapitell XXI:

Dracontius

Princeps Dracontius von Utica, 452-460, der, mithilfe Zerkons gewählt, die lange überfällige Verlegung des Ratssitzes in die Lagune vollzieht und maßgeblichen Anteil an der Niederringung der Hunnen hat.

Totila

Legat Totila, enger Freund von Zerkon Syenus, der Zerkon bereits im Hunnenlager in Pannonien, 451 dann vor Orleans, 452 bei der Planung des leoninischen Klamauks, 453 bei Attilas Liquidierung und auch später treu zur Seite steht.

Zerkon

Sodann Zerkon magnificus, wobei „magnificus", „der Großartige" ein Ehrentitel ist, der in zweitausend Jahren Gründergeschichte von den principes nur vierundzwanzigmal verliehen wird. Ohne diesen Ehrentitel heißt Zerkon mit Beinamen Syenus, nach seiner Heimatstadt Syene am Mittellauf des Nils. Geboren wird er 413 und wächst zu einer Größe von gut einem Meter heran. Seine Eltern sind unbekannt, ebenso der Grund, aus dem sein Eigentümer, Syenes Zollpächter, dem Jungen eine solide Rhetorenausbildung zukommen lässt, bevor er verstirbt. Der Erbe des Pächters verkauft den Fünfzehnjährigen an eine fahrende Gauklertruppe. Zu den Gründern kommt Zerkon 432, als sein sprachspielerischer Auftritt auf einem Fest dem magister von Alexandria auffällt. Die Gründer kaufen ihn, lassen ihn frei und vervollständigen seine Ausbildung. Er leistet erste Dienste. Den Grundstein für sein legendäres Ansehen legt Zerkon, als er selber den Vorschlag unterbreitet, als Sklave und Hofnarr an den hunnischen Königshof verschenkt zu werden, der ansonsten für die Gründer niemals zugänglich geworden wäre. Er heiratet und macht, als seine Frau unter ungeklärten Umständen zu Tode kommt, König Attila persönlich dafür verantwortlich. Aber schon lange vorher ist er der entschiedenste Warner und Mahner. Er drängt, Attila zu liquidieren, weil mit den Hunnen kein gedeihliches Auskommen möglich sei. Zerkon setzt die Kurswechsel in Ostrom (447) und Ravenna (450) durch. Er inszeniert mehrere Attentatsversuche, die allesamt scheitern. Unterdessen hört er nicht auf, zu warnen, Italien würde so oder so, auch nach Erledigung der Hunnen, eine Zeit lang zum Spielball wandernder Germanenvölker. Es sei daher zwingend erforderlich, für das Große Archiv einen Standort zu finden, den wilde Horden nicht erobern könnten - eben die Lagune. Zerkon ist auf den Katalaunischen Feldern dabei. Zerkon verschafft 452, beim Einbruch der Hunnen nach Italien, den nötigen Aufschub um Papst Leos Gesandtschaft zu organisieren. Schließlich plant und leitet Zerkon das erfolgreiche Attentat von 453.
Vom Hunnenhof erlöst, wechselt er ins Große Archiv und steigt dort zum praefectus strategus auf. Mithilfe von Totila und dessen ostgotischen Kontakten wickelt er die nicht mehr wiederherstellbaren Reste weströmischer Kaisermacht ab und installiert die ostgotische Lösung, die Italien für einige Jahrzehnte relative Ruhe schenkt. Er fädelt die Heirat des Merowingerkönigs Chlodwig mit der Burgunderprinzessin Chlotilde ein – der Beginn fränkischer Christianisierung. Im hohen Alter schreibt er seine Reformationes, um die Verfassungsreform der Gründer zu stabilisieren, nach der die vier Zentren von COT nunmehr Konstantinopel, Köln, Alexandria und – Venedig – sind. Die Gründer in Venedig – das ist Zerkons Werk. Er steht am Anfang unserer Geschichte hier. Als Zerkon Syenus 496 friedlich im Schlaf stirbt, trägt er bereits fünf Jahre den Ehrentitel „magnificus“.
(Nachzutragen bleibt, dass dieses Porträt Zerkons stark idealisiert ist. Die Büste in der Galerie der Büsten, deren leicht verfremdete Fotografie früher auf der Website zu sehen war, zeigt einen lebensechteren Zerkon.)

Rua

Der Hunne Rua ist in Attilas Hochzeitsnacht mit der Germanenprinzessin Ildiko das Bindeglied zwischen unserer legatin und Zerkon. Er überbringt in entscheidender Stunde das Werkzeug: Warmes Tierblut und ein Gerinnungsmittel in zwei Phiolen sowie die biegsame Lederpipette, mittels derer Ildiko ihrem sinnlos betrunkenen Gemahl die Flüssigkeiten unter sanftem Wiegen und zärtlichen Worten einflößt. (Sie bemerken natürlich die ursprünglich beabsichtigte Spiegelung? Noahs Trunkenheit bringt neue Völker hervor - Attilas Trunkenheit führt zum Tode, zum Ende der Hunnen und so zu einem besseren Leben für viele Völker der römischen Welt?) Als der Hunnenkönig am geronnenen Blutklumpen im Hals erstickt ist, lässt Rua das Werkzeug verschwinden, sodass am folgenden Morgen keinerlei Zweifel an Ildikos verstörtem, hemmungslosem Schluchzen aufkommt. Attilas Neigung zu heftigem Nasenbluten, besonders infolge unmäßigen Alkoholkonsums, ist allgemein bekannt. Diesmal hat die Nase wohl tragischerweise zu heftig geblutet. Keine Waffen, keine äußeren Verletzungen, keine sonstigen Spuren, nur eine aufgelöste Braut. Kein Verdacht.
Der Einwand, anstelle Ruas hätte Ildiko für ihre epochale Tat auf das Kapitell gehört, ist berechtigt, und diese Lösung wird auch durchaus offen diskutiert. Leider setzen sich hier, wie so oft, bornierte Männer durch, die diese öffentliche Würdigung einer politisch tätigen Frau als unangemessen ablehnen. Wir bedauern das, weisen jedoch darauf hin, dass Ildiko in unserer Galerie der Büsten den prominenten Platz hat, der ihr zukommt.

Sestius Pansa

Der Mann mit glatter Haube ist der alexandrinische magister Sestius Pansa, der Zerkon auf jenem Fest quasi „entdeckt“.

Falier

Der Bartlose mit scharfer Nase und übellaunigem Mund stellt Marino Falier dar, den Dogen, mit dem zusammen Filippo Calendario die Gründer zum erweiterten Arm Venedigs degradieren will.

Calendario

Der Bärtige mit Kapuze schließlich ist das Selbstporträt Filippo Calendarios. Offenbar ist die Tugend der Bescheidenheit bei den Verschwörern nicht stark ausgeprägt. Falier und Calendario fungieren nach offizieller Lesart als Repräsentanten zweier Völker der Welt und sehen sich, folgt man der COT-Lesart, in einer Reihe mit jenen Menschen, die das Verdienst der Gründung Venedigs für sich in Anspruch nehmen können, eine krasse Fehleinschätzung! Was hier noch als Zeichen maßlos übertriebenen Selbstbewusstseins durchgehen mag, wird später entlarvt als jener Hybris zugehörig, die die Verschwörer glauben macht, sie könnten gleichzeitig die Gründer und die Republik Venedig aus den Angeln heben.

Unbekannter

Das Bildnis des Unbekannten zwischen Zerkon und Sestius Pansa gibt uns auch heute noch Rätsel auf. In Calendarios Geheimnotizen finden wir zwar den Niederschlag der oben schon erwähnten Diskussion um Ildiko, die ursprünglich hier abgebildet werden soll. Der eine Frauenkopf passt Calendario sogar gut ins Konzept, denn er will die Ildiko des Gründerprogramms mit den Zügen der Dogaressa Falier ausstatten, der Gemahlin des Dogen Marino Falier, deren angebliche Beleidigung durch einen Haufen dummer Patrizierjungs Falier zur Verschwörung gegen die Adelsrepublik getrieben haben soll - was ein großer Humbug ist. Nein, wenn überhaupt wäre die Dogaressa hier abgebildet worden als weibliche Hälfte eines Herrscherpaares, das die Herrschaft über Venedig wieder erblich machen will - bei gleichzeitiger antipatrizischer, an den Popolanen orientierter Ausrichtung. Aber sie wird ja eben nicht abgebildet. Das Gründerprogramm verzichtet auf die Würdigung Ildikos, und in der Folge läßt Calendario seinen Plan bezüglich der Dogaressa fallen.
Wer also ist der Unbekannte? Wir wissen nicht genau, welche Verfassung Calendario den Gründern nach einem gelungenen Putsch geben will. Hofft er im Ernst, das Amt des princeps nicht nur okkupieren, sondern auch erblich zu machen? Mag sein. Handelt es sich beim Unbekannten also um einen Sohn Calendarios, um seinen persönlichen Erben, für dessen Zukunft er sorgen will? Eine verführerische These - nur leider hat Filippo Calendario keine Söhne. Also vielleicht sein Adept, der junge Mann, der nach Calendarios Tod das Kapitell irrtümlich auf Position XXI ausführt, statt auf XXXV? Sieht Calendario in ihm seinen Erben? Oder hat sich der junge, doch schon mit allen Wassern gewaschene Steinmetz und Schwadroneur auf eigene Faust zu seinem Meister auf das Kapitell geschummelt? Ich halte diese Erklärung für die wahrscheinlichste, obwohl sie durch keinerlei Schriftquellen bezeugt ist.
Allerdings will ich nicht verschweigen, dass es bezüglich des Unbekannten noch einen zweiten Erklärungsansatz gibt. Calendario, dem großen Liebhaber der Zahlenmystik, ist die Sieben als Zahl der Vollständigkeit heilig. Das wissen wir positiv. Er könnte also, nachdem Ildiko als Platzhalterin für die Dogaressa ausfällt, beschließen, es mit sieben identifizierbaren Köpfen genug sein zu  lassen und für die achte Kapitellseite irgendeinen willkürlichen Bärtigen entwerfen, damit die Belegbaren eben Sieben bleiben. Plausibel wäre es. Belegbar ist es nicht.

Aber ist nicht eben doch ein Sohn Calendarios belegt, jedenfalls wenn wir Marino Sanudos Leben der Dogen folgen? Die Chronik erwähnt neben Niccolo Zuccuolo, Niccolo Biondo, Nicoletto Doro, Marco Giuda, Jacomello Dagolino, Marco Torello, genannt Isarello, Stefano Trivisano, Geldwechsler von Santa Margherita und Antonio della Bende ausdrücklich auch Nicoletto Fidele, Sohn des Filippo Calendaro (sic!) unter den verurteilten Verschwörern des 17. April 1355. Und selbiger Nicoletto Fidele wird mit einem Knebel im Mund gehenkt, damit nur ja nicht letzte Worte eines Delinquenten auf die Existenz abtrünniger Gründer und ihre Rolle in der Verschwörung Faliers hinweisen. Doch Nicoletto ist nicht Sohn, nein er ist Stiefsohn Calendarios. Es bleibt also dabei: Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich beim achten Kopf von Kapitell XXI entweder um eine Leerstelle, einen blinden Fleck im Skulpturenprogramm der Portikuskapitelle – oder eben um das Selbstporträt von Calendarios jungem Adepten, diesem Zauberer der Maßwerkrosen.
 
Als uns Filippo Calendarios Geheimnotizen 1416 in die Hand fallen, und wir Gelegenheit bekommen, sie mit dem bis dato realisierten Skulpturenprogramm zu vergleichen, setzt eine heftige Diskussion ein über den Geisteszustand des Schöpfers. Ich persönlich neige zur Ansicht, dass sein Geist völlig in Ordnung sein muss, denn sonst könnte Calendario nicht zugleich seinen Pflichten im Arsenal nachkommen, als Geschäftsmann eine Flotte von Lastkähnen kommandieren, die Baumaterial für den Dogenpalast herbeischafft, die Bau- und Steinmetzarbeiten am Palast planen, viele Hundert Handwerker organisieren, ein immenses Lesepensum bewältigen und zuguterletzt noch eine Verschwörung gegen die Gründer und die Republik anzetteln. Nein, Calendarios Verstand arbeitet prächtig - Anlass zur Sorge gibt nur sein Gemüt.
Säule XXI zum Beispiel ist laut Calendarios schriftlichem Programm für Position XXXV vorgesehen. Soll die Erzählung der Säulen bei Noah beginnen und dann chronologisch fortschreiten, hätte die Position durchaus Sinn - und erwiesen, über jeden Zweifel hinaus, ist ebendiese Absicht Calendarios. Nur, wie kann, unter solcher Prämisse, derselbe Mann zugleich für das Gründerprogramm die wunderbar vertrackte Programmatik des rechten Winkels entwerfen, die eben nicht ab Noah zu erzählen beginnt, sondern, wie es sich gut katholisch gehört, ab der Erschaffung des Menschen und dem Sündenfall, und sich sodann aufspaltet in zwei Erzählstränge, einer längs dem Molo, der zweite die Piazzetta entlang bis zur salomonischen Eckgruppe? Ist innere Widerspruchsfreiheit der Programme kein Thema für Calendario? Oder hat, als er sich daranmacht, zwei widersprüchliche Konzepte zugleich am selben Ort zu verwirklichen, bereits ein seelischer Verfallsprozess eingesetzt, in dessen Folge Calendario allerlei logische Unvereinbarkeiten zwar durchaus noch erkennt, sie jedoch toleriert?
Trunkenheit Noahs – Sündenfall – Salomonisches Urteil, dies sind die Eckpunkte des narrativen Winkels, mit dem Calendario bis heute verblüfft. Auch wenn die Eckgruppen teils erst Jahrzehnte nach Calendarios Tod entstehen, unter den Händen der Bildhauerfamilien Masegne und Buon, die, allesamt Künstler von Rang, an Calendarios Entwürfen ausgiebig feilen, ergänzen und streichen, so stammt doch der erste Wurf allein von ihm, dem bösen Geist der Gründer jener Tage und Initiator der Falier-Verschwörung.
Nähern wir uns dem Salomonischen Urteil mit 1 Kön 3,16-28:
„Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus, und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! Und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei, und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten voll Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, daß die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“

Salomonisches Urteil

Nicht irgendwo platziert Calendario diese Gruppe, sondern zwischen Sündenfall und Porta della Carta, dem Haupteingang des Palastes, durch den der rechtsuchende Bürger den Ort des Gerichtes betritt. Was lernt nun der Bürger, buchstäblich im Vorbeigehen, wenn er von Eckgruppe zu Eckgruppe denkt? Er lernt, dass der Mensch sündig ward und somit des Gerichtes bedarf. Er lernt, dass ihm ein weises Gericht gegenübersteht. Er lernt aber auch, dass selbst das weiseste Gericht auf Interaktion mit der gerechten Partei angewiesen ist, um besonders vertrackte Fälle zu entscheiden – denn erst die Reaktion der wirklichen Mutter ermöglicht Salomons Urteil. Insofern ist diese Eckgruppe weniger Selbstdarstellung der venezianischen Justiz – hierfür hätte Justitia als Personifikation genügt, notfalls in Gesellschaft Gerechter, wie sie auf Kapitell I abgebildet ist  – als vielmehr Appell an den Bürgersinn, mitzuwirken an der Gerechtigkeit.

Justitia

Vom Sündenfall zu Salomon gedacht, erzählt die Skulpturenstrecke die Geschichte, dass zwar der Mensch fehlbar ist, dass aber alles wieder gut werden kann, solange das Gericht und die Gerechten zusammenwirken im Sinne des Rechts.
Die Kapitelle auf und zwischen den beiden Ecksäulen Sündenfall (XIX) und Salomon (I) sollen ursprünglich das Thema korrekturfähiger menschlicher Fehlbarkeit darstellen, es exemplifizieren und variieren. Dass später von Kapitell XI bis Kapitell BI, also an jenen Kapitellen, die erst nach Wiederaufnahme der Bautätigkeit 1422 entstehen, eine hilflose Zitier- ja Kopierwut sich austobt mit dem Ergebnis, dass die Entwicklung des Themas heute kaum mehr ansatzweise erkennbar ist, wird uns später noch beschäftigen. Für jetzt sei erwähnt, dass wir einen Schenkel von Calendarios narrativem rechten Winkel in großen Zügen definiert haben.
Kommen wir zum Scheitel auf Kapitel XIX, unterhalb der Eckgruppe Sündenfall. Am Scheitel des rechten Winkels wird zugleich der Scheitel des Himmelsgewölbes in den Stein gemeißelt – Gestirne mit den ihnen zugeordneten Tierkreiszeichen. Am selben Kapitell, nunmehr aber gedacht als Scheitel des narrativen Winkels, sehen wir die Erschaffung Adams.

Erschaffung Adams

Entgegen unserem ersten Eindruck fängt das Skulpturenprogramm der Portikussäulen also doch, theologisch/politisch korrekt mit der Erschaffung des Menschen an zu erzählen. Man muss sich nur vom Gedanken lösen, der erzählerische Ansatz falle notwendig mit den zuerst gemeißelten Kapitellen zusammen.
Unten, auf Kapitell XIX, wird also der Mensch erschaffen, darüber, in der Eckgruppe Molo/Piazzetta, fällt er der Sünde anheim. Adam nimmt eine Feige. In der Tat – eine Feige, keinen Apfel. Er nimmt vom selben Baum, dessen Feigenblatt nach der Vertreibung aus dem Paradies seine Scham bedecken soll. Ist das eine Abweichung vom biblischen Text? Nein, denn der spricht von einer Frucht, mitnichten ausdrücklich vom Apfel. Bemerkenswert ist jedoch, dass Adam hier nicht die Feige nimmt, die Eva ihm hinhält. Nein – er nimmt selber eine zweite Feige. Und das weicht ausdrücklich vom Text der Genesis ab, wo es Gen 3,6 heißt:
„Da sah die Frau, daß es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, daß der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.“

Sündenfall

In dieser Abweichung vom Text betont das Skulpturenprogramm nicht nur einen dezidiert unbekümmerten Umgang mit der kanonischen Erzählweise, es spielt auch die biblische Funktion der Frau als einer vom Teufel manipulierten Verführerin des Mannes drastisch herunter. Nicht Eva macht in der Eckgruppe am Dogenpalast den Fehler, nicht sie ist Ursprung, ja nicht einmal Werkzeug des Übels - nein Adam begeht den entscheidenden Fehler durchaus selber. Auf drei Aspekte dieses Sachverhalts will ich besonders hinweisen.
Erstens: Venedig als Bistum befindet sich in steter Konkurrenz und Abwehr gegenüber dem Patriarchat Aquileja, mit dessen Hilfe die Päpste ungezählte Male versuchen, in das Machtgefüge der Republik einzugreifen. Solche Versuche weist Venedig regelmäßig mit kalter Verachtung zurück. In der Kirche San Marco, die erst in jüngerer Zeit zur Bischofskirche wird, damals jedoch, kirchenrechtlich betrachtet, nicht mehr darstellt, als die Privatkapelle des Dogen, hält man sich einigermaßen an den Kanon. Unmittelbar nebenan, am Dogenpalast, demonstriert man jedoch das Recht und die Macht zu eigenständiger Lehrmeinung, durchaus bewusst als Affront gegen Aquileja und Rom.
Zweitens: Die Rolle der Frau in Venedig ist, nach den Maßstäben jener Zeit, eine besonders selbstständige - kaum verwunderlich bei einer Bevölkerung, die jahrein, jahraus Handel treibend und erobernd zur See fährt. Das Haus und die Wirtschaft bleiben zurück, eine ganze Reihe unerledigter Geschäfte bleibt zurück in der Obhut von Frauen, die man als starke Partnerinnen nötig hat und deshalb lieber nicht durch obskure biblische Schuldzuweisungen kränkt und vor den Kopf stößt.
Drittens: So sehr hier auch die Lust, den Papst zu ärgern und das Bedürfnis nach häuslichem Frieden zusammenwirken bei der Formulierung eines halbwegs neuzeitlichen Frauenbildes, so behindert doch ein mittelalterlicher Bodensatz die konsequente Neuorientierung in Venedig, wie bei den Gründern. Jene Diskussion um die Würdigung Ildikos auf Säule XXI speist sich tatsächlich zum Teil aus einer Abwehrreaktion auf die Aussagen der Sündenfall-Eckgruppe, mit dem unterschwelligen Tenor: „Man sollte es nicht übertreiben mit der Frauenfreundlichkeit". So denkt diese Zeit. Heute bedauert man es. Rückwirkend ändern kann man es nicht.
Was aber erzählt uns der zweite Schenkel des rechten Winkels, die Skulpturenstrecke zwischen Sündenfall und Noah? Wo der erste Schenkel tröstet mit dem Hinweis auf weises Gericht, werden die aus dem Sündenfall resultierenden menschlichen Fehler hier keineswegs behoben, sondern führen, unkorrigiert, geradewegs zur Katastrophe. Dass sie in Gestalt einer Flut eintritt und ein von Gott berufener Schiffbauer zur letzten Rettung wird, passt so evident zur venezianischen Alltagswirklichkeit, dass es nicht mehr eigens erläutert zu werden braucht. Ohne vorzugreifen, sei jedoch darauf hingewiesen, dass auf Kapitell XIX Luna in ihrer Barke in dem einzigen Schiff fährt, das im gesamten Zyklus dargestellt ist - in dieser Betonung spiegelt sich unter anderem das Wissen um den Zusammenhang zwischen Mond und Gezeiten.

Luna

Soviel, vorläufig noch ohne Bezug zum Berufslob von Maurern und Bildhauern, zum rechten Winkel Calendarios, den wir einstweilen streng als Aufspaltung einer großen Erzählung in zwei Stränge interpretieren, wobei wir die Deutungsmöglichkeit des Winkels als Symbol des Bauhandwerks noch bewusst ausblenden.
Eine Erzählung in zwei Strängen also. Entscheidend für die Positionierung des Zerkon-Kapitells ist dabei nur die Skulpturenstrecke entlang dem Molo. Wohin gehört das Kapitell? Rufen wir uns ins Gedächtnis zurück, dass Calendario nicht nur die brave Allerweltstheologie nachbeten will, sondern die Geschichte der Gründer in ihrer Stadt darstellen – und darüber hinaus oder vielmehr hinein verwoben, Motive und Absichten seiner Verschwörung mit Falier und unserem irregeführten princeps Guinizelli. Und da bleibt die so dringliche wie offene Frage, wie er gleichzeitig von XIX in Richtung XXXVI erzählen will, doch für das Zerkon-Kapitell Position XXXV wählt, den Anfang also an den Schluss stellt, nur damit auf Noahs Trunkenheit, theologisch korrekt, eine Art Völkertafel folgt, wie sie das zehnte Kapitel Genesis vorgibt.
Es muss sich bei Calendarios Gemütszustand um eine Art von Schizophrenie handeln, anders bringt niemand das Unvereinbare zusammen. Dass weder Arbeitskraft noch Organisationstalent dabei leiden, er sogar fähig bleibt, beträchtliches Charisma zu entfalten, ist zwar verwunderlich, passt aber insgesamt in das am wenigsten verwunderliche Bild. Nur seinen Adepten scheint Calendario nicht wirklich beeindruckt zu haben, jedenfalls nicht über den Tod hinaus.
Am 15. April 1355 wird die Verschwörung des Dogen Falier aufgedeckt. Es folgen Verhaftung und Hinrichtung der Beteiligten. Am 21. April wird Giovanni Gradenigo neuer Doge der Republik und leitet, mit seinem bei den Verhören Faliers gewonnenen Wissen, Maßnahmen gegen die Gründer ein. Am 25. Mai, als gewiss ist, dass unser princeps Guinizelli beteiligt war an der Verschwörung, dringen successor Baudel und etliche Ratsmitglieder in seine Gemächer ein und richten ihn. Es folgen Tage höchster Anspannung. So dauert es noch ganze drei Wochen, bis die Führung der Gründer sich Zeit nehmen kann für einen wunderlichen Steinmetz. Als der junge Mann vorgeführt wird zum Verhör, ist das Zerkon-Kapitell, von dem Mitte April noch keine einzige Figur existiert, vollendet – und zwar abweichend von Calendarios Plan auf der logisch richtigen Position XXI. Nach seinem Namen befragt antwortet der junge Mann: "Sum Frater Cristianus Rosae Crucis.
"

Was sagt er noch? Er hat durch Calendario eine vage Vorstellung bekommen von der Existenz einer nichtstaatlichen Institution in Venedig, die gewisse Ähnlichkeiten mit uns Gründern aufweist – Calendario gemäß romantisiert und angereichert um berufslobende Motive bezüglich des Steinmetzhandwerks. Von einer Verschwörung in dieser Gruppe oder gegen diese Gruppe hat er glaubwürdig nie gehört. Allerdings ist er pfiffig genug, um die Falierverschwörung mit dem Gehörten abzugleichen. Was sollen wir mit einem solchen Menschen tun – außer ihn laufen zu lassen? Natürlich lassen wir ihn laufen. Er hat Venedigs Dogenpalast um ein wunderschönes Säulenkapitell bereichert und beiderseits der Wasserpforte von Calendarios Haus die zwei innovativen Maßwerkrosenfenster hinterlassen, die sein Markenzeichen werden. Natürlich geht er unbehelligt, nachdem wir dafür gesorgt haben, dass ihm sein Lohn ausbezahlt wird. Und natürlich mutmaßen wir, dass aus diesem jungen Adepten noch etwas wird, so wie er auftritt. Doch weder ahnen wir zu diesem Zeitpunkt, ob er den doppelten lateinischen Genitiv „rosae crucis“ übersetzt haben will als „vom Kreuz der Rose“ oder „von der Rose des Kreuzes“, noch ahnen wir, welch enorme Wirkung unser Christian entfaltet, bevor er 1401 vierundsechzigjährig stirbt, als Legende fortwirkt, und 1614 als literarische Fiktion Johann Valentin Andreaes von den Toten aufersteht.
Noch heute, da Rosencreutz mancher Geheimbündelei Pate steht, und gleichermaßen schlechte Sachbuchautoren wie brillante Romanciers mit Stoff versorgt, können wir seine Wirkung nicht völlig abschätzen, denn wir wissen nicht - obwohl wir ihn auf Schritt und Tritt überwacht haben wissen wir nicht - was genau an den Gildenhaustischen der Maurer und Steinmetze geraunt wird hinter vorgehaltener Hand. Die Spätgotik liegt im Sterben, die Renaissance ist noch nicht ganz geboren. Die Bauhandwerker stehen auf dem Höhepunkt ihres Könnens und zugleich in einer Sackgasse, verstrickt im Regelwust der Zunftvorschriften. Das künstlerische Genie, das auch in ihren Reihen manchmal auftaucht, wird zurückgestutzt auf das Mittelmaß des Handwerks - eine Situation die zuerst enden muss, bevor die Kunstgeschichte weitergeht. Und just in diesem Moment, wo das Gildenwesen künstlerisch geleistet hat, was es irgend leisten kann und auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist, erscheint Calendarios Adept und lädt die besorgten, zukunftsängstlichen abendlichen Gespräche beim Wein mit politischer, ja mythischer Bedeutung auf. Maurer! Freie Maurer! Freie! Frei schon seit jener Zeit, als sie am Tempel Salomons gebaut haben! Das geht den Maurern runter wie Honig. Wie haben sie die dumpfen adligen Bischöfe und Äbte verachtet - es war ja nicht jeder ein Suger von Saint Denis. Wie haben sie heimlich gelacht über Auftraggeber, die über Baupläne gebeugt klugscheißerten, ohne die mathematischen Grundlagen auch nur ansatzweise zu verstehen! Technologische Elite, politische Sklaven, - nunja, nicht ganz, doch auch nicht sehr viel mehr! Und nun kommt Calendarios Adept Christianus Rosencreutz daher und erzählt vom großmächtigen Geheimbund der Maurer, der aus Venedig seine Fäden spinnt. So mächtig ist der Bund, dass unmittelbar neben dem Eckpfeiler des Dogenpalastes die vier Gekrönten, die Bildhauerheiligen in Stein gemeißelt sind. Auch Salomon kommt vor in diesem Portikus. Von Salomon ist rasch weiter assoziiert zu seinem Tempel. Vom Tempel Salomonis führt die Erzählung zu den Rittern, die dort ihre Pferdeställe bauten. „Salomons Stallungen“ - wenige Worte in der Geschichte des Orbis sind derart missverstanden worden. Plötzlich wähnen die Maurer sich politisch bedeutsam, nicht länger Objekte, sondern Gestalter der Umbrüche ihrer Zeit.
Mag ich auch mit den Ursprüngen der Freimaurerei sarkastisch umspringen, so will ich doch betonen: Die Gründer haben nie Ressentiments gehabt gegen das Handwerk. So, wie in der Kirche über die Klosterschule ein leibeigener Junge theoretisch Karriere machen kann, so kann bei den Gründern ein Schreiber, ein Wasserbauingenieur, ein Hypokaustenmaurer oder Buchbinder durchaus zum Sekretär aufsteigen, zum magister - ja wir sind stolz auf einen princeps, der als Leibeigener vom Niederrhein gebürtig ist: Aethelwold von Leicester.
Bei der sozialen Durchlässigkeit der Gesellschaft setzt auch, zum Teil jedenfalls, die Falier-Verschwörung an, denn gleich welche Motive den alten Marino und seine junge Frau - und wen noch? - im Innersten bewegen, in der Verschwörung stützt der Falierdoge sich auf Popolane, reiche und einflussreiche Nichtpatrizier wie Calendario, den Logistikchef des Arsenals, unverzichtbare Fachleute, die zwar im Geld schwimmen, doch von der Regierung ausgeschlossen sind, denn der Große Rat ist, wie man so sagt: geschlossen. Drinnen die regierungsfähigen Patrizier, einige von ihnen schon damals arm wie die Kirchenmäuse, draußen der Rest, notdürftig ins öffentliche Leben integriert durch die Scuole. Ebendieser Bevölkerungsschicht will Calendario sich bedienen, um die Gründer auszuhebeln und zugleich den Dogenhut erblich zu machen in der Familie Falier. Zunächst. Im zweiten Schritt will er mithilfe des ihm verpflichteten Dogen Falier den Gründerprinceps Guinizelli ausschalten, dessen Amt okkupieren, die Gründer zünftisch neu ausrichten - und wahrscheinlich über kurz oder lang eine Personalunion anstreben zwischen den Führungsspitzen von Serenissima und Creatores. Zu verworren? Inkonsistent? So hat er es nun aber einmal schriftlich dargelegt.
Nichts davon können die Gründer dulden. Das Dogenamt darf nicht erblich sein! Venedig beherbergt unser Großes Archiv. Hier brauchen wir jede Chance auf Einfluss. Und deshalb ist es unverrückbarer Grundsatz der Gründerpolitik, in Venedig kein dynastisches Dogenamt zuzulassen. In diesem Geist ist Calendario erzogen. Was bringt ihn dazu, solch althergebrachten Grundsatz plötzlich zu verraten? Die Antwort ist auf tückische Weise banal: Maurergarn. Das romanische Tonnengewölbe, auch der romanische Bogen sind leicht errechnet und gemeißelt. Schwieriger errechnet, sorgfältiger gemeißelt ist der Schlussstein des gotischen Bogens oder Gewölbes. Es gibt eigene Meister für diesen Schlussstein. Der Schlussstein des gotischen Bogens ist den Maurern heilig. Angewidert blicken diese Leute auf Agrippa zurück, den Vater der Gründer und sein programmatisches Bauwerk - das Pantheon zu Rom, allen Göttern geweiht, dann zur Kirche herabgewürdigt, uns und den Damaligen in Gestalt der hadrianischen Restauration erhalten. Was stört sie an dem Bau? Was fehlt? Der Schlussstein! Agrippas/Hadrians Kuppel besitzt keinen Schlussstein. Sie bedarf keines Schlusssteins, denn dieses Gewölbe öffnet sich im Zentrum zum Himmel. Und diese Abweichung genügt, um die gotischen Schlusssteinfanatiker aufzubringen gegen die antike Herkunft der Gründer. Das Loch in der Decke wird zum - fast möchte man sagen „Stein des Anstoßes", wäre es nicht eben der Stein, der fehlt. Soweit zunächst auf diesem maurerischen Abweg unserer Erkundung.

Bevor wir nun zurückkehren zum Säulenspalier, das uns weiter beschäftigen wird, während hier ein Fünfjahreskongress der Räte tagt, der weniger harmonisch verläuft als er angekündigt war, stellen wir erstmalig den Plan ins Netz.
Er zeigt nicht Calendarios Plan für die Republik.
Er zeigt nicht Calendarios Plan für die Gründer.
Er zeigt nicht Calendarios Plan für die Falier-Verschwörer.
Er zeigt nur, was heute auf den Säulenkapitellen zu sehen ist - auf jenen, die sich draußen befinden, nicht auf jenen, welche die Sorgfalt der Restauratoren inzwischen entführt hat in die Opera des Dogenpalastes.

Ganz in die Irre führt uns der Maurer-Exkurs dennoch nicht. Betrachten wir nur Kapitell XVIII, das außer dem hl. Thomas, dem Evangelisten Johannes und namenlosen Bildhauern auch die Quattuor Coronati zeigt, die vier gekrönten Bildhauerheiligen, deren Gebeine zu Rom in Ss. Quattro Coronati am Caelius angebetet werden. In ihrer Gestalt ehrt das offizielle Venedig sein Bauhandwerk. In Calendarios Programm dokumentieren sie Maurerideologie pur - noch heutzutage berufen Freimaurer sich auf sie. Doch welche Funktion kommt ihnen im Gründerprogramm zu?

Die Antwort ist simpel: Auch die Gründer ehren ihre Baumeister, die Architekten und Maurer des Großen Archivs, das in wasserdicht gemauerten Rundstollen den Caranto, die abwechselnden Schichten von Tonerde und Sand unterhalb Venedigs durchzieht, zugänglich gemacht und belüftet über senkrechte Schächte, die mindestens bis zum zweiten oberirdischen Stockwerk emporführen, sodass sie auch bei schlimmster Sturmflut nicht volllaufen. Hineingebaut in die Außenhaut der Röhren sind unsere eigentlichen Archivkammern. Ähnlich dem Bauprinzip römischer Hypokaustenheizung ruhen die Kammern auf massiven Felsquadern, deren Abstände allem Tropf- und Kondenswasser Raum lassen, unten in der Röhre abzufließen, ohne mit Boden oder Wänden der Kammer je in Berührung zu kommen. Bleiplatten dichten die Kammerdecken ab, die von außen regelmäßig gewartet werden, denn die Rundstollen sind trotz eingefügter Kammern begehbar. Dracontius von Utica, jener princeps, der das Große Archiv endgültig in die Lagune verlegt, hat für dies einzigartige Stollensystem erste Entwürfe berechnet und gezeichnet. Keine ganz einfache Architektur: ein Bergwerk des Wissens, ein Bergwerk unter dem Meer, das ohne unsere nimmermüden Ingenieure und Handwerker keine zehn Jahre überdauern könnte - Ehre, wem Ehre gebührt!

Leser, die uns schon ein bisschen kennen, fragen jetzt skeptisch: Ach - und Gründer ehren Gründer, indem sie ausgerechnet christliche Heilige auf Säulenkapitellen abbilden? Natürlich nicht - womit wir automatisch zur Frage gelangen, wer diese vier Gekrönten eigentlich sind.
Jacobus de Voragines Legenda Aurea meinen hierzu: ”Die Vier Gekrönten waren Severus, Severianus, Carpophorus und Victorinus, die auf Befehl Diocletians mit Bleikugelgeißeln zu Tode geschlagen wurden. Ihre Namen konnten zunächst nicht ausfindig gemacht werden; erst viele Jahre später wurden sie durch eine Offenbarung des Herrn bekannt, und man beschloss, ihr Gedächtnis unter dem Namen von fünf anderen Märtyrern zu feiern, die zwei Jahre vor ihnen das Martyrium erlitten hatten. Die fünf Märtyrer Claudius, Castorius, Symphorianus, Nicostratus und Simplicius waren Meister in der Bildhauerkunst. Da sie es ablehnten, für Diocletian ein Götzenbild zu meißeln, und sich zudem weigerten, den Göttern zu opfern, wurden sie auf Befehl des Kaisers lebendig in Bleisärge geworfen und im Meer versenkt. Das war im Jahre des Herrn 287.
Papst Melchiades beschloss, jene vier Heiligen sollten unter den Namen dieser fünf Heiligen verehrt und die Vier Gekrönten (Quattuor Coronati) genannt werden. Dies geschah, bevor die Namen der Vier ausfindig gemacht werden konnten, aber selbst nach deren Entdeckung blieb der Brauch, dass man jene auch weiterhin die Vier Gekrönten nannte.”

So weit, wo wirr - und die Lage wird nicht übersichtlicher, wenn wir ergänzen, dass an der Ecke von San Marco, gegenüber dem Salomonischen Urteil, Diocletian in Person steht, der Erfinder der Tetrarchie, neben seinem Mit-Augustus Maximian und den beiden Cäsares Constantius und Galerius, sodass man hier wahrhaft nochmals von vier Gekrönten sprechen kann. Vier gekrönte Kaiser - vier gekrönte Bildhauer, keine ganz zufällige Korrespondenz! Da die vier Tetrarchen, gemeißelt aus dunkelrotem ägyptischem Porphyr, als Raubgut der Kreuzzüge nach Westen gelangen und die Ecke von San Marco längst zieren, als das Säulenkapitell der Vier Gekrönten in Angriff genommen wird, müssen wir diese als Reaktion auf jene begreifen.

Tetrarchen

Rekapitulieren wir den geschichtlichen Hintergrund: Die Verwaltungsteilung, die Kaiser Diocletian 293 u. Z. einführt, um die gewaltige Ausdehnung des Römischen Reichs leichter beherrschbar zu machen durch kürzere Kommandowege, führt, über den Umweg Constantin des Großen, zu jener Teilung in Ost- und Westrom, an deren Grenze Venedig als Staat sich etabliert, von der es profitiert, an der es gedeiht. Ein Staat zwischen zwei Welten. Lavierend, wie auf hoher See. Zivilisation sui generis. Seit den Tagen des Hunnensturms Sitz von COT. Diocletian und seine drei Mitkaiser (Constantius war Gründer) wären in einer nicht christlichen Welt die Staatsheiligen Venedigs, weit mehr als jener obskure Evangelist Marcus, dessen Gebeine angeblich 828 unter einer Schiffsladung Schweinefleisch aus dem bereits muslimischen Alexandria herausgeschmuggelt werden. So ist es nicht gekommen. Trotzdem sorgen wir natürlich für ein bisschen Gerechtigkeit und ehren, in Gestalt der vier Tetrarchen, auch hier, wem Ehre gebührt. Doch wie hängt dies nun mit den vier Gekrönten zusammen, den christlichen Bildhauern, die der Christenschlächter Diocletian angeblich ermorden lässt? Zunächst einmal: Diocletian ist tatsächlich ein Christenschlächter, und wir stehen, während er schlachtet, passiv im abseits, es wäre zwecklos, das schönzulügen. Ohne hier jetzt näher auf unsere vergebliche Abwehr des Christentums einzugehen, dürfen wir dennoch anmerken, dass es sich bei den vier Gekrönten keineswegs um Märtyrer des Glaubens handelt, auch wenn die christliche Überlieferung sich später der wehrlosen Toten bemächtigt hat.

Was genau zeigt uns das Kapitell? Zunächst die verblüffend einfache Lösung des Problems, das sich durch den Unterschied zwischen einer Vierer- und einer Fünfergruppe ergibt. Abgebildet sind alle fünf: Claudius, Chastorius, Nichostratus, Simphorianus und Simplicius. So gewährleistet das Kapitell die Fünfzahl - beharrt jedoch zugleich auf der Vier, indem es Simplicius ohne Krone und Heiligenschein abbildet. Hinzu kommt der ungläubige Schüler, laut Inschrift des Originalkapitells in der Opera des Dogenpalastes DISIPULUS INCREDULUS - kurzum der heilige Thomas. Er passt hierher als Schutzheiliger der Körperschaft der Maurer, der auch die Steinmetze angehören. Die Bruderschaft versammelt sich im Hospital von San Giovanni, sodass es naheliegt, hier auch den heiligen Evangelisten Johannes anzutreffen, den besten Schüler, DISIPULUS OPTIMUS, der ein Kapitell bearbeitet. Thomas übrigens bearbeitet einen Pfeiler, doch das führt uns im Augenblick nicht weiter, so wenig wie der tatarische Schüler, TARTARUS DISIPULUS, den wir getrost in den Kontext venezianisch-genuesischer Konkurrenz auf den südrussischen Märkten stellen und dort vergessen können.
Konzentrieren wir uns innerhalb der Fünfergruppe auf die vier Gekrönten! Claudius bearbeitet eine Figur. Chastorius bearbeitet einen Steinblock, Nichostratus eine Art Gesimse. Alles wenig aussagekräftig, fast nichts sagend. Simphorianus jedoch meißelt eindeutig an einer Bischofsskulptur.

Simphorianus

Haben sich die Vier nicht gemäß Legende geweigert, eine antike Gottheit, ein “Götzenbild” in Stein zu meißeln? Soll jetzt also durch den Bischof, diese betont christliche Motivwahl, besondere Glaubensfestigkeit demonstriert werden? So ist es tatsächlich im offiziellen Staatsprogramm der Republik. Wir Gründer sehen die Sache anders. Die Vier gehören zu uns. Nicht jene Vier mit den später entdeckten Namen, nein, die Vier innerhalb der Fünf - Simplicius ist keine historische Figur, sondern christliche Erfindung - die auf dem Kapitell mit Krone und Heiligenschein dargestellt sind. Steinmetze und legaten der Gründer: Claudius, Chastorius, Nichostratus, Simphorianus.
Während im Jahr 303 u. Z. Diocletians letzte und mörderischste Christenverfolgung tobt, hat der Kaiser die Idee, nicht nur sich selber, sondern auch seine drei Amtskollegen realistisch porträtieren zu lassen, zum Schmuck seines Altersruhesitzes in Spalatum, den er zwei Jahre später bezieht, nach seinem Rücktritt. Chastorius bleibt bei ihm, um Porträtstudien für einen gnadenlos realistischen Marmorkopf zu zeichnen. Nichostratus geht nach Mailand, Claudius nach Sirmium zu Galerius. Simphorianus aber geht nach Trier, zum bleichen Constantius, dem Vater des späteren Reichseinigers Constantinus, unter dem das Christentum zur Staatsreligion wird.
Kommt Ihnen der Aufstieg des Christentums aus den tiefsten Kerkern der Verfolgung zur Höhe der Staatsreligion etwas plötzlich vor? Wahrscheinlich - Ihr Geschichtsunterricht hat ihn immer als Wunder dargestellt, beginnend mit dem Traum des Constantinus an der Milvischen Brücke: In diesem Zeichen (des Kreuzes) wirst du siegen. Aber so funktioniert Geschichte nun einmal nicht. Geschichte funktioniert, vorausgesetzt, sie zielt auf Frieden, indem diskrete Leute unverbindlich herauszufinden suchen, ob man sich nicht irgendwie einigen kann. Diese diskreten Leute sind unsere vier legaten. Die wunderbaren Köpfe der vier Kaiser stehen schon in Spalatum, als Diocletian erfährt, dass auch mit christlichen Bischöfen verhandelt worden ist. In einem Wutanfall lässt er unsere vier legaten hinrichten - in der Tat mit Bleigeißeln zu Tode peitschen. Das Werk der Vier, die Köpfe zweier Augusti und zweier Cäsares, wird zu Marmorstaub zermahlen und in alle vier Winde verstreut. Die Christen, denen Bekenner heilig sind, nicht heidnisch tolerante, behutsame Vermittler, vergessen zunächst die vier Bildhauer, denen sie so unendlich viel verdanken. Als man sie später in den Rang von Märtyrern erhebt, passen die Details der Überlieferung vorn und hinten nicht mehr. So kommt es zur Verwirrung um die Quattuor Coronati. Aber lassen wir die Toten ruhen, wenn nur der unvoreingenommene Leser heute versteht, warum wir das Werk eines anonymen ägyptischen Meisters in die Kirchenecke mauern - die Unsrigen jedoch am Dogenpalast unserer Stadt auf ein Kapitell meißeln: zweimal vier gekrönte Häupter.
Und vielleicht wird durch diese Erzählung sogar Calendarios Maurerfanatismus verständlicher. Vielleicht wird einsichtig, dass es sich hier nicht nur um irrwitzigen Respekt vor massivem Stein handelt, den Respekt eines Menschen, der im Arsenal zumeist mit fingerdickem Holz der Schiffsplanken wirtschaftet. Vielleicht wird deutlich, welch ein Maß von Stolz, von Trauer und Verzeihenmüssen sich ansammelt in Generationen von Siegen und Niederlagen. Jedenfalls haben wir heute keine Einwände mehr, in dem rechten Winkel Salomon-Adam-Noah mehr als zwei Erzählstränge zu sehen, nämlich auch den rechten Winkel als Werkzeug des Maurers. Noch weniger Einwände hätten wir, hätte Calendario sich nicht die unmenschlichen Pläne des Liber Secretum Fidelium Crucis zueigen gemacht, Ägypten betreffend und die Ausrottung der Türken.

“Wer viel lernt, der muss viel leiden.” Diesen Satz aus Kohelet 1, 18 stellt Steven Runciman der Summa seiner Geschichte der Kreuzzüge voran, um dann fortzufahren: “Die Kreuzzüge wurden ins Leben gerufen, um die Christenheit des Ostens vor den Muselmanen zu retten. An ihrem Ende befand sich die gesamte östliche Christenheit unter muselmanischer Herrschaft. Als Papst Urban zu Clermont seine große Predigt hielt, schienen die Türken im Begriff, den Bosporus zu bedrohen. Als Papst Pius II. den letzten Kreuzzug predigte, überquerten die Türken die Donau. (...) Im Gesamtbild der Geschichte gesehen, war die ganze Kreuzzugsbewegung ein einziger riesiger Fehlschlag.”
Ersetzen wir den Begriff “Christenheit” durch “Orbis” und schon herrscht Übereinstimmung zwischen dem wirkmächtigen Buch Runcimans, der, nach uns befragt, unsere bloße Existenz heftig bestritten hätte, und den Dokumenten unseres Großen Archivs, das er leider nie betreten hat.
So wie er den Wendepunkt beschreibt, so ist die Zeit, von der wir reden: ein Zusammenbruch nach unglaublicher Anspannung. Der aggressive Islam hat uns vier Jahrhunderte an allen Fronten vor sich hergetrieben. Mit der Reconquista und den Kreuzzügen bringen wir ihn erstmals zum Stehen, ja drängen ihn sogar für kurze Zeit zurück, doch nun liegt Osteuropa faktisch wehrlos vor den muslimischen Heeren. So ist die Zeit, von der wir reden: Gelegenheit für jede Art von Inhumanität. Für Inhumanität des Siegers, der nur zu leicht der Versuchung erliegt, so genannten reinen Tisch zu machen, wie Inhumanität des Besiegten, der jede Rücksicht fahren lässt, um in nie gesehener Erbarmungslosigkeit vielleicht noch einmal das Blatt zu wenden. 1291 fällt Akkon. 1303 scheitern die Templer auf der Insel Ruad. 1314 stirbt Jacques de Molay, der letzte Templermeister auf dem Scheiterhaufen, zwei Jahre, nachdem das Konzil von Vienne seinen Orden aufgelöst hat.
Sprachrohr der besiegten Christenheit ist in Italien der Venezianer Marino Sanudo, und zwar der Ältere, genannt “Torsello”, nicht zu verwechseln mit dem Chronisten Sanudo. Er fordert einen neuen Kreuzzug und die Ausrottung der Türken, wodurch sein infames Machwerk Liber Secretum Fidelium Crucis zum wahrscheinlich ersten schriftlich fixierten Völkermordplan der europäischen Geschichte wird. Zur Ehrenrettung der Gründer sei angemerkt, dass eben nicht dieser Völkermordplan Sanudos Werk in einer kleinen Gruppe haltloser Narren diskutabel macht. Vielmehr sind es die fünf Portolankarten des venezianischen Kartografen Petrus Vesconte, die sich bei dem Buch befinden, als Sanudo es 1320 dem päpstlichen Kartenzeichner Fra Paolino übergibt - diese fünf Karten und die zweite Säule seiner Orientstrategie, der Vorschlag nämlich, zunächst Ägypten zu besetzen, den Schlüssel zu den neuerdings wieder islamischen Ländern.
An diese zwei Punkte knüpfen sich Analogien zu Agrippa, dem Gründer der Gründer. Sanudo und Ägypten - Agrippa und Ägypten. Sanudo und die Portolankarten - Agrippa und seine Weltkarte.
Sie müssen unzurechnungsfähig sein, um erstere Analogie aufzustellen, denn Sanudo plädiert ja ausdrücklich für die Besetzung Ägyptens. Agrippa hingegen denkt das genaue Gegenteil, nachdem Ägypten im Jahr 30 vor unserer Zeitrechnung unter dem jeweiligen praefectus Alexandreae et Aegypti zum persönlichen Eigentum des Augustus wird. Agrippa nämlich fordert kluge Konzentration der Kräfte. Während Augustus das Land Königin Kleopatras, der Geliebten seines Adoptivvaters Cäsar, ganz und gar in Besitz nehmen muss, rät Agrippa, Ägypten lieber mithilfe von Klientelfürsten zu regieren. Natürlich verfolgt Agrippa mit dieser ägyptischen Politik auch Nebenabsichten, über die er dem Kaiser keine Rechenschaft gibt. So will er zum Beispiel das Land, in dem die Dschunken des Orakelrats landen, der unmittelbaren Kontrolle römischen Militärs entziehen. Er sucht die zweite Verbindungslinie zum COR, will im Sinne der Gründer unabhängig werden von der Seidenstraße zu Land. Umso merkwürdiger, dass einigen Schwärmern im 14. Jahrhundert dieser schreiende Widerspruch zwischen Sanudo und Agrippa gar nicht auffällt, so wenig, dass sie Sanudo zunächst zum wiedererstandenen Agrippa emporjubeln, ganz wörtlich “Agrippa restitutus”.
Wenige Jahre später setzt die Maurerfraktion der Gründer dem Aberwitz die Krone auf. Wir haben erwähnt, dass die kleine Verschwörergruppe um Filippo Calendario, noch ganz der Gotik verhaftete Fanatiker des Schlusssteins, es Agrippas zentralem Repräsentationsbau, dem Pantheon, verübeln, dass seine Kuppel eben keinen Schlussstein hat, sondern sich zum Himmel öffnet. Dies bündeln die Verschwörer nun mit Sanudos Infamien in ihrem widerwärtigen Neologismus von Sanudo, dem “Agrippa melior”, dem “besseren Agrippa“, an den es nunmehr anzuknüpfen gelte.

Naturgemäß fehlt Agrippas Kopf im staatlichen Skulpturenprogramm der Kapitelle - schließlich hat er mit der Republik Venedig nichts zu tun. Folgt man dem abstrusen Gedankengang der Verschwörer, versteht sich, dass er auch in ihrem Programm fehlt. Um aber zu verstehen, dass der Gründer aller Gründer nicht einmal in unserem offiziellen Skulpturenprogramm vorkommt, nicht einmal auf Kapitell XXXII unter den Herrschern des Altertums, auf Kapitell I bei Justitia und den Gerechten oder auf Kapitell XX bei den antiken Gelehrten - dazu bedarf es der Einsicht, dass princeps Guinizelli rettungslos im Gespinst der Verschwörer verstrickt ist. Er muss sie im Rat gegen bohrende Fragen in Schutz nehmen. Er muss Kritik entweder verbieten oder gefälschte Pläne vorlegen, sodass Kritik gar nicht erst laut wird. Und dieser Eifer, ohne den das Ungeheuerliche nicht erklärbar ist, entlarvt Guinizelli als Verschwörer, der eben nicht verführt oder verschreckt halb ahnungslos am Rand steht, sondern sich mitten im Zentrum der fatalen Ideologie einrichtet.
Interessanterweise ist das staatliche Haupt der Verschwörung, der Doge Marino Falier, von exakt diesem Vorwurf ganz freizusprechen. Agrippa, oder vielmehr die widersprüchlichen Gründerinterpretationen dieser historischen Figur, dürfte ihn gar nicht interessiert haben. Doch auch für Sanudos Chimären hat die venezianische Realpolitik jener Tage nichts übrig. Venedigs Institutionen wissen, dass der Erwerb Ägyptens kein realistisches Ziel darstellt. Zwar jubelt Calendario Falier eine Denkschrift unter, in der als wünschenswert dargestellt wird, das Land, aus dem man den Leichnam des hl. Marcus herbeigeschafft habe, zur venezianischen Kolonie zu machen. Calendario gibt sich sogar Mühe, das ideologische Geschwafel mit konkreten Berechnungen über den Nutzen eines frühen Suezkanals für den venezianischen Handel zu unterfüttern. Doch weder die Sitzungsprotokolle der Institutionen noch das Verhalten Faliers sprechen dafür, dass er die Denkschrift irgendwem zeigt. Vielleicht vernichtet er sie sogar, denn gefunden wird später nur der Entwurf in Calendarios Papieren. Wie denn auch anders? Zu diesem Zeitpunkt schätzt Venedig die Verdienstmöglichkeiten bei einem neuen Kreuzzug realistisch gering. Und was die Ausrottung der Türken angeht  - so fürchtet Venedig zu diesem Zeitpunkt weniger die Türken als die, von byzantinischen Kaisern zu Hilfe gerufenen, Katalanen, die gerade von Türkenbekämpfern zu Räubern auf eigene Rechnung verwildern.

Kommen wir also zu jenem Kapitell, auf dem das Fehlen Agrippas schreiend offensichtlich wird - Kapitell XX, wo gemäß venezianischem Staatsprogramm Gelehrte des Altertums abgebildet sind. Das Original steht seit den Restaurierungsarbeiten von 1858 in der Opera des Dogenpalastes. Dort kann das Publikum Überreste der gemeißelten Inschriften selber entziffern. Das Skulpturenprogramm erhebt, ganz Spätmittelalter, enzyklopädischen Anspruch, das heißt, es will neben anderen Aspekten, etwa dem Städtelob, der Geschichte, dem Tribut an die Religion, auch die Summe des Wissbaren darstellen. Und so finden wir auf diesem Kapitell, fein säuberlich beschriftet, Vertreter aller sieben freien Künste, des Triviums und des Quadriviums, ergänzt um die Figur - wieder einmal - König Salomons. Mag sein, die Maurer fügen ihn auch hier insgeheim als Tempelerbauer ein, doch seiner Inschrift entnehmen wir explizit, trotz des fehlenden Buchstabens “s” aus “sapiens”, dass er offiziell als Personifikation der Weisheit dient: SALOMON -APIENS. Priscian stützt seine rechte Hand auf ein Buch - GRAMATIC. Aristoteles liest in einem offenen Buch - ARISTOTELES DIALECTICE. Cicero steht für die Rhetorik - RHETORICU. Die Inschrift für Pythagoras, den Vertreter der Arithmetik, ist unleserlich. Allerdings lesen wir auf seiner Tafel die Zahl 1344. Ein Datum? In der Tat belegt es den erschreckend frühen Zeitpunkt, zu dem der damals noch als Proto fungierende Basseggio unter dem Einfluss seines Schwagers Filippo Calendario steht. Und das frühe Datum belegt auch den Rückgriff der Verschwörung auf Sanudos menschenverachtende Schmähschrift - die Überreichung des Buchs an den päpstlichen Hof liegt gerade erst vierundzwanzig Jahre zurück. Euklid mit Buch und Zirkel - EUCLIDES GEOMETRICU. Tubalkin mit siebensaitiger Laute vertritt die Musik - TUBAL CHAIM MUSICUS. Und schließlich Ptolemäus mit Fernrohr und Globus für Astronomie/Astrologie: -TOLOMEU ASTROLOG.

Im offiziellen Programm korrespondiert dies Kapitell der sieben freien Künste mit dem Bildhauerkapitell XVIII, gleich um die Ecke, das die unfreien Künste - die Handwerke - darstellt. Dass ebendiese unfreien Künste in XVIII trickreich überhöht werden durch Darstellung der Vier Gekrönten, sollten wir nicht unterbewerten.
In der Gründerprogrammatik korrespondieren die Quattuor Coronati von Kapitell XVIII einerseits, wie schon erläutert, mit den vier Tetrarchen, andererseits jedoch mit einer Gruppe aus sieben frühen Gründern auf Kapitell XX. Die Sieben sind verkleidet als sieben freie Künste - Salomon umzubesetzen haben die Gründer hier unterlassen, eine seltene Anwandlung religiöser Pietät.
Erinnern Sie sich noch an die beiden Erzählstränge, die, ausgehend vom Kapitell der Ecksäule XIX, sich auf gerechtes Urteil, beziehungsweise Sintflutkatastrophe hin bewegen? Der unendlich schmerzliche Kompromiss der Gründer, wie er sich in Gestalt der Vier Gekrönten manifestiert, läuft nach dieser Lesart auf das gerechte Urteil hinaus, während die frühen Gründer den Anfang der katastrophischen Erzählung bilden.
Ordnen wir sie zunächst, abgesehen von der Übereck-Korrespondenz mit XVIII, räumlich ein. Zur Linken steht die Ecksäule, zur Rechten Kapitell XXI, Einwohner der Stadt, DIVERSE RAZZE UMANE, das sogenannte Zerkonkapitell. Und welche Gründer sind hier nun tatsächlich abgebildet, im Gewand antiker Gelehrter? Priscian steht für Thrasyllus, einen engen Vertrauten Agrippas, der ja bekanntlich übergangen wird. Aristoteles stellt den Bibliothekar des Augustus dar, Hyginus, der in der Frühgeschichte der Gründer eine oft unterschätzte Rolle spielt. Pythagoras (ausgerechnet er - mit dem 1344er Datum auf der Tafel!) steht für den Konsolidator Titus Marullus Gnipho. Euklid personifiziert princeps Lysippides von Delphi. Princeps Vorenus fehlt bezeichnenderweise. Dafür findet sich sein Gegenspieler, der Archivrebell Hieron von Alexandria auf dem Kapitell - selbstverständlich in Gestalt des Ägypters Ptolemäus. So wie die Musik einmal Vollendung und Höhepunkt aller menschlichen Ausdruckskraft darstellte, so war Marcus Aurelius als einziger Römischer Kaiser zugleich unser princeps - auf dem Kapitell dargestellt von Tubalkin. Die Siebenzahl der Saiten auf seiner Laute ist Symbol der Vollendung. Wer bleibt übrig? Cicero. Und ausgerechnet er soll Paulus Cyprianus darstellen, den ersten christlichen princeps. Andererseits, mit Verlaub, vielleicht gar keine so schlechte Idee, den ausgewiesenen Schwätzer und Rechthaber Cicero für diese Aufgabe heranzuziehen!
Wer im Programm der Gründer skandalöserweise fehlt - ist Marcus Vipsanius Agrippa.

Wie steht es aber nun um das, im Programm der Gründer verborgene, Programm der Verschwörer? Wohlgemerkt, das Kapitell zeigt ganz frühe Gründer, der späteste immer noch mehr als hundert Jahre vor unserer Ansiedlung in Venedig datiert. In diesem Punkt jedoch weicht das Verschwörerprogramm vom Gründerprogramm ab. Wo die Venezianer den Musiker Tubalkin sehen, wo die Gründer den großen Marc Aurel verorten - da identifiziert Calendarios Notiz das Konterfei des Schmierfinken Sanudo - kein Kaiser, kein Römer, kein Gründer, sondern jemand, der in Venedig lebt und zwar mehr als tausend Jahre später. Ihr sogenannter “Agrippa melior”!

Tubalkin

Was soll man darauf antworten? Ich zitiere gegen diesen steinernen Affront die geschmiedete Warnung am Tor zum Rialtomarkt “PISCIS PRIMUM A CAPITE FOETET” - der Fisch fängt beim Kopf an, zu stinken.

Widmen wir noch einen Augenblick dem türkischen Feind der Republik, der sich schon im 14., vollends jedoch im 15. Jahrhundert mit der Eroberung Konstantinopels als Speerspitze islamischer Bedrohung erweist. Ein Feind, zweifellos, auch wenn man derlei heute nicht mehr offen ausspricht. Sogar in SS. Giovanni e Paolo, wo eine Urne an die abgezogene Haut Marc’Antonio Bragadins erinnert, sogar am Denkmal des Verteidigers von Famagusta, der sich überwältigender türkischer Übermacht ergibt gegen das Versprechen freien Geleits für sich und die Stadtbevölkerung, sogar dort verhunzt politische Korrektheit die simple historischer Wahrheit. Natürlich muss die skulpturale Überfülle des Kirchenbaus erschlossen werden für den Tourismus. Doch warum schreibt man nicht schlicht: Bragadin hat sich ergeben - trotzdem haben ihm die Türken bei lebendigem Leib die Haut abgezogen? Warum erkünstelt man auf dem offiziellen Flyer Umschreibungen des Sachverhalts? Gewiss ist man voll guter Absicht, will kenntnislose Besucher nicht aufhetzen, will keine rechtsradikalen Vorurteile füttern, will keinen aktuellen Unfrieden stiften durch verstaubte Wahrheit - doch unserer Erfahrung nach sind gerade verbogene und verschwiegene Wahrheiten der beste Nährboden für Propaganda.
Zu dem Zeitpunkt, als das fragliche Säulenkapitell gemeißelt wird, hat Venedig fünfhundert Jahre Krieg mit dem Islam hinter sich. Allerdings auch fünfhundert Jahre Handel, persönlichen und kulturellen Austausch. Venedig kennt den Islam in- und auswendig. Venedig hat sich an den Kreuzzügen beteiligt, hat auf gute wie ungute Weise von diesen Kriegen profitiert. Venedig ist entschlossen, im Moment keinen Kreuzzug mehr zu führen. Warum verleumdet es dann seinen Feind auf derart plumpe Weise?

Türke

Wir sehen einen turbantragenden Türken. Sein rechter Arm hält die antike Götterfigur, auf die er mit links hinweist. Das Kapitell ist den Lastern und den Tugenden gewidmet - besagter Türke steht für INFIDELITAS. Warum? Dass er der Feind ist, bestreitet niemand. Warum der falsche Vorwurf? Jeder venezianische Händler weiß, dass der Islam nichts so verabscheut wie Vielgötterei. Eins der hartnäckigsten theologischen Missverständnisse zwischen Islam und Christentum beruht auf der islamischen Fehlinterpretation des dreieinigen Christengottes als Vielgötterei. Jeder Schiffsjunge auf dem Markusplatz erkennt den Vorwurf als blödsinnig, denn die Türken beten nun einmal zu ihrem einen, einzigen Gott - und treiben keinen Götzendienst. Was soll also diese Propaganda, deren venezianische Adressaten es aus eigener Anschauung besser wissen?
Die Antwort ist banal: eine trotzige Kampfansage an die Interpretationshoheit der republikanischen Institutionen. Calendarios Verschwörung betont mit kaum überbietbarer Großmäuligkeit: Seht her, wir bestimmen, was in Venedig Wahrheit ist - und ihr Alten, Vorsichtigen, vermeintlich weisen Patrizier dieser Adelsrepublik könnt rein gar nichts dagegen tun.
Ohne nun schon hier ins Detail zu gehen, welches der Tugend-Laster-Kapitelle wann als Kopie welchen Originals entstanden ist, bleibt die Merkwürdigkeit festzuhalten, dass der falsche Türke mindestens einmal gemeißelt wird, als Calendario lange schon tot ist und keinen Einfluss mehr geltend machen kann. Die beleidigten Patrizier nehmen also den Affront kalt lächelnd hin, und das zur Ironie begabte Venedig feiert den blanken Unfug dieser Kapitelle unbekümmert als historischen Karneval.
Andererseits ist Calendarios Vorgehensweise bei diesem sensiblen Thema besonders konspirativ. Um nicht schon früh Kritik zu provozieren, erscheint in Skizzen und Beschreibungen, die er zur Begutachtung den Gründern und Venedigs Institutionen vorlegt, die Figur ohne Kopfbedeckung und personifiziert dort AVIDITAS, Gier, Sucht, Habsucht, Geiz - am Beispiel eines besessenen Sammlers antiker Skulpturen. Der Turban, der die Umwidmung zum Türken ermöglicht, wird erst später auf mündliche Weisung des Proto hinzugefügt. Zur Rede gestellt, ob seiner dummen Verunglimpfung des muslimischen Glaubens, nimmt Calendario die Ausflucht, er sei ja selber nie im Überseehandel tätig gewesen und folglich könne man ihm seinen Irrtum nicht verübeln. Was für ein durchtriebener Lügner!
Kulturgeschichtlich interessant wird seine Lüge durch ihren Zeitpunkt. In der Tat ist die Mitte des 14. Jahrhunderts weit mehr noch Hochgotik als frühe Renaissance, geschweige denn hohe Renaissance, in der der Typus des fanatischen Antikensammlers breiteren Bevölkerungskreisen geläufig wird. Wie also schluckt Venedig Calendarios erste Erklärung der Figur als eines gierigen Kunstsammlers? Dazu muss der Typus in Venedig bekannt sein, was eine Menge besagt über Reichtum und zivilisatorischen Vorsprung eines Volkes, das mit allen Kulturen in regem Austausch steht, und dessen Gesellschaftsspitzen sich schon sehr früh Liebhabereien zulegen, die anderswo erst später aufkommen.

Soviel zur Propaganda. Die Wahrheit über das Verhältnis zwischen Venedig und der muslimischen Welt, an der es sich aufreibt und auf die es ökonomisch doch angewiesen bleibt, wird auf Kapitell XIII lesbar, gemeinhin tituliert als SCHICKSAL DES JUNGEN PAARES. Das Kapitell wird heute meist als bildliche Widergabe einer volkstümlichen Erzählung interpretiert, in der es um das tragische Schicksal einer jungen Familie in Pestzeiten geht, wahlweise auch um die künstlerische Verarbeitung einer Erfahrung, die im 14. Jahrhundert viel alltäglicher ist, als wir Heutigen uns das vorstellen mögen: hohe Kindersterblichkeit. Im Oberflächenprogramm der Kapitelle geht es somit um Trost, um eine rührende Geste von Staats wegen, der an seinem Haupt- und Herrschaftsgebäude dokumentiert: Seht her, ihr Eltern, die ihr ein Kind verloren habt - ihr teilt euer bitteres Schicksal mit Vielen.
Wenn da nur nicht die Krone wäre - für den Bräutigam allein! Und wenn die Braut nicht ausgerechnet im Festungsturm umworben würde! Die Erzählung beginnt mit der Werbung (wobei die Frau im Turm sitzt) und führt dann über die Episoden Treueschwur, Krönung des Bräutigams, Eltern mit Kind zu den trauernden Eltern über ihrem aufgebahrtem Kind.

Werbung

Wir haben es hier mit einer Allegorie zu tun, der reinsten erhaltenen Gründer-Allegorie im gesamten Programm der Kapitelle. Um diese Geschichte im Verschwörersinn umzuwidmen, müsste Calendario alle acht Seiten des Kapitells ändern - also belässt er es lieber bei der konventionellen Deutung für den gemeinen Venezianer, hoffend, die Gründer-Deutung würde nach erfolgreicher Verschwörung schon mit der Zeit verloren gehen, da niemand sie weitererzähle.
Dabei ist diese Allegorie überaus rasch erzählt. König Balduin von Jerusalem (der gekrönte Bräutigam) umwirbt die scheue (und gut befestigte) Stadt Venedig, weil er möchte, dass sie im Heiligen Land aktiv wird. Venezia ergibt sich der Werbung und scheitert am Ende mit den übrigen Kreuzzüglern. Das gemeinsame Kind Outremer, der lateinische Osten, stirbt und wird gebührend betrauert (bevor man zur Tagesordnung übergeht und sich mit den Türken arrangiert).

Das Datengerüst unserer Allegorie liest sich folgendermaßen:

1104: König Balduin von Jerusalem lädt Venedig ein, ins Heilige Land zu kommen. Venezianische Seesiege bei Jaffa und Sidon. In Venedig selbst wird das Arsenal errichtet.

1110: Mannschaften eines venezianischen Flottenverbands besetzen Teile von Akkon, nachdem der Verband vor Sidon einen großen Sieg errungen hat.

1123: Sieg der venezianischen über die ägyptische Flotte bei Askalon.

1124: Venedigs Flotte verlässt die orientalischen Gewässer, um in der heimischen Adria Ordnung zu schaffen.

1125: König Balduin II., aus Gefangenschaft befreit, bestätigt Venedigs Privilegien im Königreich Jerusalem.

1187: Nach der Niederlage bei Hattin fällt das Kreuzfahrerreich, mit Ausnahme von Tyrus, zurück in muslimische Hand.

1189: Venedigs Flotte vor Tyrus

1190: Akkon zurückerobert.

1199: Thibaut de Champagne folgt dem Aufruf zum Kreuzzug.

1201: Transportvertrag zwischen Venedig und den Kreuzfahrern. Da die Kreuzfahrer ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen, setzt Venedig sie für militärische Hilfsarbeiten ein.

1203: Das lateinische Heer erobert, geführt vom blinden Dogen Enrico Dandolo, Konstantinopel.

1204: Partitio Romaniae. Das Byzantinische Reich, dessen neuer nomineller Oberherr Balduin von Flandern ist, wird geteilt.

1204: Bonifatius von Montferrat tritt Kreta an Venedig ab.

1205: Der Doge Zen wird gewählt zum Podesta und Herrscher des vierten und eines halben Teiles des Reiches von Romania.

1207: Venedig erobert Korfu, Modon und Koron.

1224: In Venedig wird der Vorschlag diskutiert, die Hauptstadt der Republik nach Konstantinopel zu verlegen. Der Vorschlag wird mit der Mehrheit von nur einer Stimme abgewiesen.

1261: Ende des Lateinischen Kaiserreichs in Konstantinopel.

1291: Fall Akkons. Die lateinischen Staaten des Hl. Landes hören auf zu existieren.

1295: Marco Polo kehrt nach fünfundzwanzigjähriger Abwesenheit nach Venedig zurück.

1302: Handelsvertrag Venedigs mit dem Sultan von Ägypten.

1303: Niederlage der Templer auf Ruad.

1344: Der venezianische Admiral Pietro Zen wird in Smyrna von den Türken umgebracht.

Wir sehen einen gescheiterten Versuch, ganz gleich, was uns die gehässige antitürkische Propaganda glauben machen will. Das außenpolitische Programm der Calendario-Verschwörung, wenn es denn diesen Namen überhaupt verdient, ist obsolet, die Kreuzzüge sind Geschichte. Kapitell XIII erzählt sie uns.

Bahre  

Was für zweihundert Jahre bleibt, das Inselreich Venedigs, schildert uns, in all seiner Erstaunlichkeit, Alvise Zorzi: “Was sieben Jahrhunderte zuvor begonnen hatte, war nunmehr vollendet: Die kleine, verstreute Gemeinschaft von Fischern und Salzsiedern, die abgelegene byzantinische Provinz, das Dukat, die Kommune, die lange und mühsam zwischen viel größeren Mächten laviert hatte, die amphibische Stadt, die nach wie vor den Grund für ihre Häuser und Kirchen dem glitschigen Schlamm der Lagune abrang - diese Stadt hatte ihren zähen Überlebenswillen in ein Unternehmen gelegt, das für ihre Verhältnisse von großer Kühnheit war und das ihr eine für ihre Verhältnisse noch größere Eroberung eintrug, von der sie zudem eine mehr als sechzigtägige risikoreiche Seereise trennte. Das kleine Volk von Seefahrern, Händlern, Geldwechslern, Zimmerleuten, Kalfaterern und Seilmachern, von Handwerkern, Hochsee- und Lagunenfischern, von Lotsen und Steuerleuten, auch von einfachen, freiwilligen Galeerenruderern - dieses Volk wurde nun zur wichtigsten Macht und zum Gebieter im Mittelmeer.”

Der Katalog

Wir können uns hier jahrelang über Portikuskapitelle des Dogenpalastes verbreiten, ohne je an Materialknappheit zu leiden, aber die Publikation ist nun einmal gedacht als Begleitprogramm zur Jahrfünftkonferenz der Räte. Selbst, wenn sich, was wir nicht hoffen, die Konferenz über den Jahreswechsel 2005/06 hinaus, arm an Ergebnissen, fortschleppt, sogar wenn wir Januar und Februar 2006 zugeben, so nähern wir uns doch heute dem Punkt, an dem viele interessante Details zurückstehen müssen, um den Blick freizugeben auf die eingangs versprochene Gesamtschau. Sie erinnern sich? Von Sündenfall zum Salomonischen Urteil, bzw. zur Trunkenheit Noahs. Dann haben wir immer noch nicht die Versionen der Calendario-Verschwörung erzählt, sind immer noch nicht auf das Foscari-Relief über der Porta della Carta zu sprechen gekommen, geschweige denn auf die beiden syrischen Beutepfeiler.
So werden wir uns heute also einmal nicht verplaudern, sondern das tabellarische Konzentrat ans Netz geben, das unser Herausgeber aus der allgemein zugänglichen kunsthistorischen Literatur exzerpiert hat. Außerdem will ich die Gelegenheit nutzen, um kurz auf das Neueste und Beste einzugehen, das es außerhalb des Archivs zur Zeit über die Portikuskapitelle zu lesen gibt:

Andrea Lermer, Der gotische "Dogenpalast" in Venedig - Baugeschichte und Skulpturenprogramm des Palatium Communis Venetiarum, Deutscher Kunstverlag München Berlin 2005

Frau Dr. Lermers Arbeit, seit Oktober 2004 lautstark angekündigt, ist dankenswerterweise seit Anfang Juli 2005 im Buchhandel erhältlich. Ist sie lesenswert? Unbedingt! Eine präzise, fundierte Monographie, die teilweise ikonographisches Neuland abmisst und überdies als schön gemachtes Buch daherkommt.
Aber darum geht es mir nicht. Ich möchte die Punkte anmerken, wo sich fast unvermeidlich Differenzen auftun zwischen Lermer und der Wahrheit des Archivs.
Zunächst ist das Zerkon-Kapitell, Kapitell XXI, VÖLKER, mitnichten wie bei Lermer den drei Kontinenten gewidmet und hat auch nichts mit Phantasien zu tun - stammten sie nun von Sanudo oder wem auch immer - Tataren, Schwarzafrikaner und Westeuropäer unter der Führung Venedigs könnten gemeinsam über die islamische Welt herfallen.
Sodann stellen die zwei Kapitelle, die wir als Arion und Monstren bezeichnen, tatsächlich Arion und Monstren dar, beileibe nicht nur jene Mischwesen, die Lermer hier sieht. Sieben von acht Motiven sind zwar durchaus Mischwesen, doch die achte Figur bleibt der legendäre Musikant Arion, auf einem Delphin reitend, der ihn an Land trägt - und keineswegs Lermers Musikant mit einem Fisch als Unterleib.
Im folgenden Punkt allerdings muss ich nachdrücklich widersprechen, denn Lermers abweichende Datierung des Baustopps von 1355 auf 1348, obwohl  urkundlich durchaus sauber belegt, stimmt nun einmal mit den Tatsachen nicht überein. Unser Update vom letzten Monat schließt mit einem Zitat von Alvise Zorzi, dem venezianischen Doyen jener Historiker, die sich mit Venedig befassen: "
Das kleine Volk von Seefahrern, Händlern, Geldwechslern, Zimmerleuten, Kalfaterern und Seilmachern, von Handwerkern, Hochsee- und Lagunenfischern, von Lotsen und Steuerleuten, auch von einfachen, freiwilligen Galeerenruderern - dieses Volk wurde nun zur wichtigsten Macht und zum Gebieter im Mittelmeer.”
Wohl wahr! Aber damit ist Venedigs politische und ökonomische Situation, während es am Molo mit dem Umbau des Ziani-Palastes beginnt, höchst unzureichend beschrieben. Der unentwegte Krieg mit Genua zehrt Kräfte, Geld und Menschen. Hinzu kommen der Krieg mit Ungarn, ein Erdbeben und die schreckliche Pest, die im Sommer 1348 ihren Höhepunkt erreicht, um dann relativ schnell abzuflauen. Zu dem Zeitpunkt konnte die Stadt nicht mehr. Lermer, S. 50 zitiert völlig korrekt den Senatsbeschluß  vom 10.7.1348, der einen sofortigen Baustopp verfügt, weil die für den Bau verwandten Mittel dringend anderweitig nötig sind in der von Pest und Krieg bedrängten Stadt: "Vadit pars ... quod hodie per diem omnes Officiales, scribe, suprastantes, protomagistri, magistri et omnes alii laboratores qui sunt pesentaliter ad laborerium dicte sale cassantur et priventur de omni et quolibet salario quod haberent. Et Officiales de super Rivoalto teneantur et debeant invenire aliquem qui vellet accipere dictum laborerium, quod restat declaratum in parte pridie capta, super se, de quibus Officialibus unus semper maneat ad suprastandum laborerio quod restabit." - das ist Basseggio, der Schwager Filippo Calendarios.
Der Bau ruht. Basseggio hält die Stellung. Im August wird mit Ungarn Frieden geschlossen. Die Pest verschwindet im Winter 1348.
Und im Februar 1350 - ich zitiere wiederum nach Lermer, um definitiv klarzustellen, dass unsere Differenz nicht auf den von ihr bemühten Quellen beruht - beschließt der Große Rat die Fortsetzung und Vollendung der Arbeiten am Südflügel (Moloseite), weil:
"numerus nobilium nostrorum reffectus et multiplicatus sit ita, quod illud quod tempore pestis ipsius non videbatur necessarium nunc evidenter cognoscitur opportunum. ... etiam quia non videtur honorabile dimittere tantum et tam magnificum opus inexpletum."
Basseggio bringt die Baustelle also wieder in Schwung. Dann verselbständigt sich der Bau und geht auch an der Piazzettaseite weiter, über das unbedingt notwendige Maß hinaus. Basseggio stirbt 1353. Das Kriegsglück zwischen Genua und Venedig schwankt. Calendario übernimmt die Leitung der Bauarbeiten, die exakt eine Portikusbogenweite hinaus gedeihen über Säule XIII, die für die Statik der Nordwand des Großen Ratssaals unabdingbar ist. Säule XII wird aufgestellt, und dann erst, 1355 in Reaktion auf die Falier-Verschwörung erfolgt der endgültige Baustopp.

Doch nun zum Katalog der Portikussäulen! Lesern, die unsere Angaben vertiefen oder überprüfen wollen, jedoch die Anschaffungskosten für Lermers Buch scheuen, empfehle ich die Ausleihe eines Buches, mit dessen Autorin Lermer oft übertrieben hart ins Gericht geht:

Herma Bashir-Hecht, Die Fassade des Dogenpalastes in Venedig - Der ornamentale und plastische Schmuck, Böhlau Verlag Köln Wien, 1977

BI
Ritter, Original 1422-1438, Halbsäule mit Halbkapitell.

Ritter mit Lanze.

Ritter mit Flügelhelm, Schwert und abgeschlagenem Drachenkopf.

Ritter zeigt auf Porta della Carta. Diese Figur definiert die Krieger der Halbsäule im offiziellen
Programm der Republik als Torwächter.

Ritter mit Streitkolben.

Jünglingsbüste.
I
Justitia und Gerechte, Original 1422-1438. (Oberhalb dieser Ecksäule: Salomons Urteil)

Justitia auf einem Löwenthron.
IUSTITIA (Gerechtigkeit)

Aristoteles überreicht Codizes.
ARISTOTELE CHE DIE.. LECE (Aristoteles, der Recht setzt.)

Moses lehrt sein sein Volk, in Gestalt zweier andächtig kniender Jünglinge, das Gesetz.
...P..UO.. VOLO P.. LE SUO ISELERITA (... für sein israelitisches Volk.)

Solon diktiert einem Schreiber aus Codex.
SALO. UNO DEI SETE SAVI DI GRECIA (Solon, einer der sieben Weisen Griechenlands.)

Scipio gibt einem Fürsten seine, im Krieg erbeutete, rechtmäßige Verlobte zurück.
ISIPIONE A CHASTITA CH... ...IA A RE (Scipio bringt dem König aus Sittsamkeit das Mädchen zurück.)

Numa Pompilius diskutiert einen dreigeschossigen Turmbau mit einem Höfling.
NUMA POMPILIO IPERADOR EDIFICHADOR DI TEPI E CHIESE (Numa Pompilius, Erbauer von Tempeln und Kirchen.)

Moses empfängt auf dem Berg Sinai den Dekalog.
QUADO MOISE RICEVE LA LECE I... SUL MONTE (Als Moses das Gesetz auf dem Berg empfing.)

Trajan zügelt sein Roß, um der klagenden Witwe zuzuhören, deren Sohn ermordet wurde.
TRAIANO IPERADORE CHE FE.... IUSTITIA  A LA VEDOVA (Trajan verschafft der Witwe Gerechtigkeit.)

Die Restaurierung von 1858 legte zwischen den Blättern eine weitere Inschrift frei:
DUO / SO / TII / FLOR / ENTINI / IN / CISERUNT (Zwei Florentiner haben dies gemeißelt.)
II
Kinder, Original 1422-1438 nach dem Vorbild von Kapitell XXXIII.

Knabe mit Vogel (ohne die Walnußhälfte von XXXIII)

Knabe mit Weintraube, in Blattwerk greifend.

Knabe mit melancholisch in die Hand gestütztem Kopf. (spiegelverkehrt zu XXXIII)

Knabe drückt Vogel an Körper und läßt sich Finger picken.

Knabe läßt sich Finger von Vogel picken. (Auf XXXIII trauert er um toten Vogel.)

Knabe hält Kugel an der Brust. (auf XXXIII Frucht)

Knabe mit Kirschen.

Knabe mit Weintraube. (auf XXXIII mit Granatapfel)
III
Vögel, Original 1422-1438 nach dem Vorbild von Kapitell XXVI.

Pelikan.

Vogel mit Fisch im Schnabel.

Vogel mit Schelle am Bein.

Vogel mit Krallen im Wasser.

Weitere Vögel aus Familie der Reiher, einander paarweise zugewandt.
IV
Tugenden und Laster, Original 1422-1438 nach dem Vorbild von Kapitell XXV.

Die Barmherzigkeit als Mann lauscht den Bitten eines knienden Jünglings.
MISERICODIA DONI MECU (Die Barmherzigkeit des Herrn ist mit mir.)

Die Fröhlichkeit als junge Frau schlägt ein Tamburin.
ALACHRITAS CHANIT MECU (Mit mir singt die Fröhlichkeit.)

Die Torheit als Mann zu Pferde. (Sinnentstellender Kopistenfehler - weil Figur auf XXV ein Steckenpferd reitet.)
STULTITIA IN ME REGNAT (Torheit beherrscht mich.)

Die Keuschheit als verschleierte Frau, die auf einen Codex deutet.
CHASTITAS CELESTIS EST (Keuschheit ist himmlisch.)

Die Ehre als antik gekleideter Mann hält Rotulus hoch.
HONESTATEM DILIGO (Ich schätze die Ehre.)

Die Falschheit als sitzende Alte. Mit rechts deutet sie beteuernd auf ihre Brust. Mit links stützt sie sich auf einen Stock.
FALSITAS I. ME SEPER EST (In mir wohnt immer Falschheit.)

Die Ungerechtigkeit als Mann in Harnisch, mit Flügelhelm und Hellebarde.
INUSTICIA SEVA SU (Ich bin grausame Ungerechtigkeit.)

Die Enthaltsamkeit - hier Zurückschrecken vor der Gewalt - tritt als junge Frau auf, die sich scheut, mit ihrem Dolch einen bekleideten Knaben zu erstechen.
ABSTINENCIA OPTIMA E (Enthaltsamkeit ist am besten.)
V
Unterricht, Original 1422-1438.

Sieben junge bis mittelalte Männer, darunter drei mit turbanartiger Kopfbedeckung, in diversen nachdenklichen Posen. Ein bärtiger Alter trägt aus dem Codex auf seinen Knien vor.
VI
Arion und Monstren, Original 1422-1438 nach Vorbild von Kapitell XXIX.

Arion, legendärer antiker Musikant, der nach seinem Sturz ins Meer Delphine herbeifidelt, die ihn sicher an Land tragen. Er trägt eine hohe, gebogene, spitz zulaufende Kappe und reitet auf einem Delphin, dessen Kopf und Schwanz aus den Wellen auftauchen.

Lautespieler, aus dessen Gewand unten zwei Bärentatzen hervorlugen.

Mann mit dem Unterkörper eines Stiers betrachtet Pinienzapfen.

Mann mit dem Unterkörper einer Schildkröte führt gierig Nahrung zum Mund.

Kentaur schwingt ein Schwert.

Ritter steht in den Steigbügeln eines Pferdes, dessen vordere Körperhälfte fehlt, und bedroht Kentauren.

Kentaur schwingt Streitkolben.

Jüngling schürzt sein Gewand, unter dem ein schuppiger Drachenschwanz zum Vorschein kommt.

VII
Laster, Original 1422-1438 nach dem Vorbild von Kapitell XXVII.

Luxuria als hübsche Frau sieht über Spiegel hinweg den Betrachter an und entblößt ihre Brust.
LUXURIA SU STERC INFERI (Ich bin die Wollust, der Kot der Hölle.)

Die Gefräßigkeit Gula beißt in ein Hühnerbein und hält ein Glas in der anderen Hand.
GULA SINE ORDINE SUM (Ich bin die maßlose Gefräßigkeit.)

Superbia als Ritter mit gehörntem Helm, Schwert und drachengeschmücktem Schild.
SUPERBIA PREESSE VOLO (Aus Hochmut beanspruche ich den Vorrang.)

Ira als Frau mit aufgelöstem Haar und zerrissenem Kleid schreit ihren Zorn zum Himmel empor.
IRA CRUDELIS E IN ME (In mir ist schrecklicher Zorn.)

Avaritia hält Geldsack in ihrem Schoß.
AVARICIA AMPLETOR (Der Geiz hält alles fest.)

Acedia als junge Frau zwischen dürren Ästen.
ACCIDIA ME STRIGIT (Trägheit fesselt mich.)

Die prächtig herausgeputze Personifikation der Eitelkeit hält einen Spiegel auf dem Schoß und die rechte Hand selbstverliebt an der Brust.
VANITAS IN ME HABUDAT (In mir wohnt übermäßige Eitelkeit.)

Invidia als Frau mit Drachen im Schoß und Schlange auf dem Kopf.
IVIDIA ME COBURIT (Mich verzehrt der Neid.)
VIII
Tugenden, Original 1422-1438 nach dem Vorbild von Kapitell XXVIII.

Fides als junge Frau mit Kreuz.
FIDES OPTIMA IN DEO (Am besten ist der Gottesglaube.)

Fortitudo als Löwenbezwinger reißt Maul des Tieres auf.
FORTITUDO VINCIRILIS (=Kopistenfehler) (Unbezwingliche Stärke.)

Temperantia als Frau in langem Gewand trägt Krug und Kelch.
TEPERAN SU IN OMIBU (Ich bin die allumfassende Mäßigung.)

Humilitas als junge Frau mit Lamm im Schoß.
HUMILITAS ABITAT I ME (In mir wohnt Demut.)

Caritas (ohne die Brote des Originals im Schoß) reicht einem Jungen eine ?Münze?.
KARITAS DEI MECU EST (In mir ist Gottesliebe.)

Iustitia als gerechter König mit Schwert.
REX SUM IUSTICIE (Ich bin der gerechte König.)

Die Klugheit als Gelehrter mit Codex und Zirkel.
PRUDENCIA METIT OIA (Die Klugheit mißt alles.)

Die Hoffnung, eine junge Frau, betet zum Himmel empor einem Engelskopf an, der von zwei Strahlenkränzen umgeben ist..
SPE HABE IN DNO (Ich hoffe auf den Herrn.)

IX
Tugenden und Laster, Original 1422-1438 nach Vorlage Kapitell  XXX.

Largitas als junger Mann greift rechts in eine Schale voller Münzen.
LARGITAS ME ONORAT (Freigebigkeit ehrt mich.)

Constantia als mittelalter Mann mit Stock vor der Brust, der unerschütterlich der Zukunft entgegenblickt.
COSTANTIA SU NIL TIMENS (Ich bin die furchtlose Beständigkeit.)

Discordia, eine alte Frau mit freundlicherem Gesicht als auf XXX, zeigt die auf Inschrift.
DISCORDIA DISCORDAS (Die uneinige Zwietracht.)

Patientia in Gestalt eines Mönches zeigt auf Inschrift.
PACIENCIA MANET MECUM (Die Geduld bleibt bei mir.)

Desperatio, eine junge, klagende Frau mit gelöstem Haar, macht Anstalten, sich einen Dolch in den Hals zu stoßen.
DISPERACIO (Verzweiflung)

Der Gehorsam  als Hund, der vor seinem Herrn Männchen macht.
OBEDIECIA A DNO EXIREO (Ich erweise dem Herrn Gehorsam.)

Der Unglaube als Türke mit Turban und Kaftan, der auf ein nacktes Götzenbild deutet.
IFIDELITATE NULLI GERO (Ich übe den Unglauben an ein Nichts.)

Modestia als Frau mit einer Kanne.
MODESTIA ROBU OBTINEO (Durch Bescheidenheit erhalte ich mir die Kraft.)

X
Körbe mit diversen Früchten, Kopie von Pietro Longo, 1880. Das Original 1342-1348 befindet sich im Museo dell' Opera des Dogenpalastes.

Kirschen in Weidenkorb.
SEREXIS

Birnen in Weidenkorb.
PIRI

Gurken in Weidenkorb.
CHOCUMERIS

Pfirsiche in Weidenkorb.
PERSICI

Kürbisse in Weidenkorb.
CUCHE

Melonen in Weidenkorb.
MOLONI

Feigen in Weidenkorb.
FICI

Trauben in Weidenkorb.
HUVA
XI
Junge Leute, Original 1422-1438, nach dem Vorbild von Kapitell XXII. Dieses Kapitell ist das erste, das nach Aufhebung des Baustopps 1422 in Angriff genommen wurde.

Junge Dame mit Spindel bei der Handarbeit.

Herr mit Rose in der Rechten wendet sich ihr zu.

Junger Mann mit Schoßhündchen.

Falkner mit Jagdvogel und Futter ihm zugewandt.

Vornehme Dame Einhorn im Arm.

Vornehmer Herr wendet sich ihr zu.

Junge Frau mit offenem Haar hält eine Rose.

Jüngling, ihr zugewandt, hält in der Linken einen Apfel.
XII
Monate, Kopie von Giuseppe Girardi, 1881. Das Original 1342-1355 befindet sich im Museo dell' Opera des Dogenpalastes. Dieses Kapitell ist das letzte, das vor dem Baustopp 1355 fertiggestellt wurde.

Der März, ein stürmischer Monat, als Mann, der ein Doppelhorn bläst.
MARCIUS CORNATOR (Der Hornbläser März.)

April und Mai als Männer mit bekränzten Häuptern. April hält einen kleinen Stier in der Hand - sein Tierkreiszeichen. Mai eine Blume.
APRILIS MADIUS (April und Mai.)

Juni als Mann, der Kirschen aus einem Weidenkorb nimmt.
IUNIUS ... CU CERESIS (Der Juni mit Kirschen.)

Juli als Mann, der mit Sichel Korn schneidet. August fügt Fassdauben mit Eisenringen zusammen, in Vorbereitung der Weinlese.
IULIUS AUGUSTU (Juli und August.)

Der September erntet den Wein vom Stock.
SEPTEBE SUPEDIAT (September bringt Überfluß.)

Oktober hackt das Feld. November zieht Rüben aus.
OCTOBE + NOVEMBE (Oktober und November.)

Dezember setzt dem Schwein das Messer an die Kehle.
DECEMBER ...CAT SUUM (Der Dezember schlachtet ein Schwein.)

Januar als doppelköpfiger Janus wärmt die Füße am Feuer. Februar röstet über demselben Feuer einen Fisch, sein Tierkreiszeichen.
IANUARIUS + FEBRUARIU (Januar und Februar.)
XIII
Schicksal des jungen Paares, Original 1342-1355.

Jüngling umwirbt Dame im Turm.

Die Liebenden stehen einander gegenüber.

Die junge Dame krönt ihren knienden Liebhaber, der ihr eine ?Münze? reicht.

Das Paar in Umarmung.

Das Paar auf dem Beilager.

Gewickeltes Kind zwischen den Eltern.

Der gewachsene Knabe zwischen den Eltern.

Die Eltern trauernd über der Bahre mit ihrem toten Kind.
XIV
Völker, Kopie von Antonio Gai, 1731. Das Original 1342-1355 ist verloren.

Venedigs Handelspartner, personifiziert durch acht typische Köpfe.

LATINI - Lateiner

TARTARI - Tataren

TURCHI - Türken

ONGARI - Ungarn

GRECI - Griechen

GOTI - Deutsche, Angelsachsen und Nordeuropäer

EGICII - Ägypter

PERSII - Perser
XV
Angehörige diverser Lebensalter, Original 1342-1355.

Kleinkind mit nacktem Oberkörper hält einen unbeschriebenen Rotulus.
+LUNA DNAT IFANCIE P ANO IIII (Luna beherrscht das Kleinkindalter vier Jahre.)

Schüler liest Buchstaben von einem Täfelchen.
MECUREU DNT PUERICIE P AN X (Merkur regiert die Kindheit zehn Jahre.)

Schüler widmet sich nicht mehr zu entzifferndem Lehrstoff.
ADOLOSENCIE NT ...US P AN VII (Venus regiert sieben Jahre lang die Jugend.)

Falkner ruht sich aus.
IUVENTUTI DNT SOL P AN XIX (Sol beherrscht das junge Mannesalter neunzehn Jahre.)

Mann mit geschultertem Schwert. Jetzt, mit 40, beginnt in Venedig das Erwachsenenalter, das den Zugang zu höhreren Ämtern und Kommandos eröffnet.
SENECTUTI DNT MARS P AN XV (Mars regiert das reife Mannesalter 15 Jahre.)

Mann liest Buch.
SENICIEI DNT IUPITER P AN XII (Jupiter beherrscht das späte Mannesalter zwölf Jahre.)

Mann kniend im Gebet.
DECREPITE DNT SATN UQ AD MOTE (Saturn regiert die Hinfälligkeit bis zum Tode.)

Toter auf Bahre.
ULTIMA E MORS PENA PECATI (Zuletzt kommt der Tod als Strafe für die Sünden.)
XVI
Berufe, Kopie von Pietro Longo, 1877. Original, 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Steinmetz bearbeitet ein Gefäß.
LAPICIDA (Steinmetz)

Goldschmied hämmert Schale auf Amboß.
AURIFEX (Goldschmied)

Schuhmacher zieht Leisten aus Schuh.
CERDO SUM (Ich bin Schuhmacher.)

Zimmermann behaut Holzbalken mit Axt.
CARPENTARIUS (Zimmermann)

Wiegemeister leert Scheffel Korn in einen Bottich. (Kopie mit - / Original ohne Hut)
MENSURATOR (Wiegemeister)

Bauer hackt sein Feld.
AGRICHOLA (Bauer)

Der Notar beschreibt einen Rotulus.
NOTARIUS SUM (Ich bin Notar.)

Schmied hämmert Metallstück.
FABER SUM. (Ich bin Schmied.)
XVII
Tierköpfe, Kopie von Pietro Lorandini, 1871/72, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Köpfe der inschriftlich benannten Tiere mit Beutestücken wurden auch als Lastertiere gedeutet.

Löwe mit dem Lauf eines Paarhufers = Superbia (Hochmut)
LEO (Löwe)

Wolf mit Ente = Avaritia (Raubsucht als Teilaspekt der Habsucht)
LUPUS (Wolf)

Fuchs mit einem Hahn = Gula und Fraus (Gefräßigkeit und Hinterlist)
(VULP)IS (Fuchs)

Greif mit einem Kaninchen = Der Teufel hält den feigen Menschen in seinen Krallen.
GRIFO (Greif)

Keiler mit Pflanze = Ira (Zorn)
APER (Keiler)

Hund mit Knochen = Invidia (Neid)
CHANIS (Hund)

Katze mit Maus = Luxuria (Wollust)
MUSIPUL (Katze)

Bär mit Bienenwabe = Gula (Gefräßigkeit)
URSUS (Bär)
XVIII
Bildhauer, darunter die Vier Gekrönten mit Johannes Evangelista und Thomas, 1878 Kopie von Giovanni Zamolo, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Simplicus hat ein Werkstück aus grünem Serpentin vor sich, den Meißel in der Hand, der Hammer allerdings liegt neben ihm.
S SIMPLICIUS (Hl. Simplicius)

Claudius bearbeitet eine Statue.
S CLAUDIUS (Hl. Claudius)

Der ungläubige Schüler - wiederum mit Meißel, doch ohne Hammer - bei einer Pilasterbasis.
DISIPULUS INCREDULUS (Der ungläubige Schüler / ungläubiger Thomas = Bildhauerheiliger)

Castorius bei einem rechteckigen Porphyrblock - Meißel in der Hand, Hammer auf dem Block.
S CHASTORIUS (Hl. Castorius)

Der beste Schüler bearbeitet ein undefinierbares Werkstück.
DISIPULUS OPTIMUS (Der beste Schüler / Johannes Evangelista, in der nach ihm benannten Scuola waren die Bildhauer zunftrechtlich angesiedelt)

Nicostratus mißt sein Werkstück mit dem Zirkel nach.
S NICHOSTRATUS (Hl. Nicostratus)

Der tatarische Schüler hat einen vollendeten Pilaster zu seinen Füßen.
TARTARUS DISIPULUS (Der tatarische Schüler.)

Simphorianus bearbeitet mit Hammer und Meißel eine Bischofsskulptur.
S SIMPHORIANUS (Hl. Simphorianus)
XIX
Gestirne, Tierkreiszeichen und Erschaffung Adams, Kopie von Augusto Gamba und Pietro Zanardi, 1875-1883, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera. (Oberhalb dieser Ecksäule: Sündenfall)

Gottvater auf reichgeschmücktem byzantinischem Thron segnet den nackten Adam.
DE LIMO DS ADA DE COSTA FOMAVIT EVA (Aus Lehm schuf Gott Adam, aus dessen Rippe Eva.)

Saturn mit Sense sitzt auf dem Steinbock und hält Wasserkrug in der Linken.
E SATURNE DOMUS EGLOCERUNTI ET URNE (Die Häuser des Saturn sind die Zeichen des Steinbocks und des Krugs = Wassermann.)

Stabbewehrter Jupiter zwischen den Fischen und dem bogenschießenden Kentaur Cheiron.
INDE IOVI DOMA PISES SIMUL ATQ CIRONA (Darauf folgen Jupiters Häuser, Fische und Cheiron = Schütze.)

Mars sitzt als Ritter mit Fahne auf seinem Sternzeichen Widder. Daneben der Skorpion.
E ARIES MATI ACUE SCORPIO PARTIS (Widder und stechender Skorpion sind Anteil des Mars, der auf seiner Fahne die Inschrift trägt:)
DE FERO SUM (Ich bin aus Eisen.)

Der Sonnengott, ein modischer Jüngling, sitzt auf dem Löwen.
ES DOMU SOLIS TU QUOQ SIGNE LEONI (Du Haus der Sonne bist auch das Zeichen des Löwen.)

Venus sitzt auf dem Stier, in ihrer Linken die Waage.
LIBRA CU TAURO VENUS PURIOR AURO (Mit Waage und Stier ist Venus reiner als Gold.)

Merkur trägt aus einem Codex den Zwillingen und der Jungfrau vor - die unter seinem Stuhl hervorkriechen ...
OCCUPAT ERIGONE STILBONS GEMIN ... Q LACONES (Stilbon = Merkur besetzt Erigone = Jungfrau und die lakonischen Zwillinge.)

Luna steht auf einem Boot in den Wellen. In ihrer Hand die Mondsichel. Der Krebs an der Bordwand.
LUNE CANCER DOMUS PBET I ORBE SIGNORU (Krebs bietet Luna im Tierkreis sein Haus.)
XX
Gelehrte des Altertums, Kopie von Lorenzo Moretti Larese, 1877, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Salomon und Septem Artes Liberales (Trivium + Quadrivium)

Salomon mit zwei Büchern im Schoß.
SALOM ENS (Der weise Salomon.)

Priscian, der Grammatiker, schreibt in einen Codex.
... GRAMATIC (Der Grammatiker Priscian.)

Aristoteles zeigt auf eine Textstelle im Codex.
ARIS ... LES DIALECTICE (Aristoteles, der Dialektiker.)

Cicero hat ein Buch auf den Knien und gestikuliert.
TULLIUS TORICU (Der Rhetoriker Marcus TULLIUS Cicero.)

Pythagoras hat eine Tafel auf den Knien, auf der die Ziffern 1 3 4 4 stehen. Außerdem zählt er Münzen.
PITAG (Pythagoras für die Arithmetik.)

Euklid mißt mit einem Zirkel nach.
HEUCLID GEOMETRICU (Der Geometer Euklid.)

Tubalkin spielt auf seiner Laute.
... BALCHAIM M ... S (Der Musiker Tubalkin.)

Ptolemäus, der Astrologe/Astronom, trägt Buch im Schoß und zeigt auf den Himmelsglobus, der sich halbkugelig aus der Inschriftenleiste hervorwölbt.
TOLOMEU ASTROLOG (Der Astrologe Ptolemäus.)
XXI
Völker, Kopie von Augusto Gamba, 1871/72, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Bärtiger mit lockigem Haar. Hemd offen.

Bartloser Mann mit eng anliegender Kappe und hohem Kragen.

Bärtiger mit gewelltem Haar und strähnigem Vollbart. Mantel um die Schultern.

Tartar.

Bärtiger mit Kappe. Hemd zugeknöpft.

Älterer bartloser Mann mit Hut, über dessen Krempe der Markuslöwe mit dem Evangeliar angebracht ist.

Älterer Bärtiger mit Käpsel.

Schwarzafrikaner mit Turban.
XXII
Junge Leute, Original 1342-1355, im 15. Jahrhundert Vorlage für Kapitell XI.

Junge Dame mit Spindel bei der Handarbeit.

Herr mit Rose in der Rechten wendet sich ihr zu.

Junge Dame mit Schoßhündchen.

Falkner mit Jagdvogel und Futter ihr zugewandt.

Vornehme Dame mit Cornettes-Frisur.

Vornehmer Herr wendet sich ihr zu.

Junge Frau mit offenem Haar hält eine Rose.

Jüngling, ihr zugewandt, hält in der Linken einen Apfel.
XXIII
Tiere, Original 1342-1355.

Löwe.

Löwin.

Haushund mit Schellenhalsband.

Bär.

Wildschwein.

Windhund.

Affe mit gesträubtem Haar um das Gesicht.

Affe.
XXIV
Löwenköpfe, Original 1342-1355.

Alle acht Kapitellseiten zieren Löwenköpfe, alternierend mit offenem und geschlossenem Maul.
XXV
Tugenden und Laster, Original 1342-1355, im 15. Jahrhundert Vorlage für Kapitell IV.

Die Barmherzigkeit als Mann lauscht den Bitten eines knienden Jünglings.
MISERICORDIA DNI MECU E (Die Barmherzigkeit des Herrn ist mit mir.)

Die Fröhlichkeit als junge Frau schlägt ein Tamburin.
ALACRITAS CHAIT MECU (Die Fröhlichkeit singt mit mir.)

Die Torheit als Mann, der die Arme gen Himmel wirft und ein Steckenpferd reitet. (In Kopie auf Kapitell IV verderbt zu echtem Pferd.)
STULTICIA IN ME REGNAT (Die Torheit beherrscht mich.)

Die Keuschheit als verschleierte Frau, die auf einen Codex deutet.
CHASTITAS CELESTIS E (Keuschheit ist himmlisch.)

Die Ehrenhaftigkeit als Bürger, der Rotulus auf den Knien trägt.
HONESTATE... DILIGO (Ich schätze die Ehre.)

Die Falschheit als sitzende Alte. Mit rechts deutet sie beteuernd auf ihre Brust. Mit links stützt sie sich auf einen Stock.
FALSA FIDES I ME SEPER E (In mir ist immer falscher Glaube.)

Die Ungerechtigkeit als Mann in zivilem Obergewand, allerdings mit Helm, Beinschienen und Hellebarde.
INIUSTICIA SEVA SU (Ich bin die grausame Ungerechtigkeit.)

Die Enthaltsamkeit - hier Zurückschrecken vor der Gewalt - tritt als junge Frau auf, die sich scheut, mit ihrem Dolch einen nackten Knaben zu erstechen.
ABSTINECIA OPTIMA E (Am besten ist Enthaltsamkeit.)
XXVI
Vögel, Original 1342-1355, war im 15. Jahrhundert Vorlage für Kapitell  III.

Pelikan.

Vogel mit Fisch im Schnabel.

Vogel mit Schelle am Bein.

Vogel mit Krallen im Wasser.

Weitere Reihervögel, einander paarweise zugewandt.
XXVII
Laster, anonyme Kopie von 1884. Das Original 1342-1355 befindet sich im Museo dell' Opera des Dogenpalastes und diente im 15. Jahrhundert als Vorlage für Kapitell VII.

Luxuria als hübsche Frau sieht über Spiegel hinweg den Betrachter an und entblößt (auf dem Original) ihre Brust. Auf der Kopie von 1884 zieht sie lediglich den Gewandsaum ein wenig herab.
LUXURIA SU IMENSA (Ich bin unendliche Wollust.)

Die Gefräßigkeit Gula beißt in ein Hühnerbein und hält ein Glas in der anderen Hand.
GULA SINE ORDINE SU (Ich bin die maßlose Gefräßigkeit.)

Superbia als Ritter mit gehörntem Helm, Schwert und drachengeschmücktem Schild.
SUPEBIA PREESSE VOLO (Aus Hochmut beanspruche ich den Vorrang.)

Ira als Frau mit aufgelöstem Haar und zerrissenem Kleid schreit ihren Zorn zum Himmel empor.
IRA CRUDELIS EST IN ME (In mir ist schrecklicher Zorn.)

Avaritia hält Geldsack in ihrem Schoß.
AVARICIA ANPLECTOR (Der Geiz hält alles fest.)

Acedia als junge Frau zwischen dürren Ästen.
ACCIDIA ME STRIGIT (Trägheit fesselt mich.)

Die prächtig herausgeputze Personifikation der Eitelkeit hält einen Spiegel im Schoß und die rechte Hand selbstverliebt an der Brust.
VANITAS IN ME ABUNDAT (In mir ist übermäßig viel Eitelkeit.)

Invidia als Frau mit Drachen im Schoß und Schlange auf dem Kopf.
INVIDIA ME CUMBURIT (Mich verzehrt der Neid.)
XXVIII
Tugenden, Original 1342-1355, Vorlage für Kapitell VIII.

Fides als junge Frau mit Kreuz.
FIDES OPTIMA I DEO (Am besten ist der Gottesglaube.)

Fortitudo als Löwenbezwinger reißt Maul des Tieres auf.
FORTITUDO INVINCIBILIS (Unbezwingliche Stärke.)

Temperantia als Jüngling trägt zwei prächtige Gefäße.
TEPERANCIA SU IN OMIB (Ich bin die allumfassende Mäßigung.)

Humilitas als junge Frau mit Lamm im Schoß.
HUMILITAS ABITAT I ME. (In mir wohnt Demut.)

Caritas reicht eines von den Broten, die sie im Schoß trägt einem bedürftigen Alten.
CHARITAS DEI MECU EST (In mir ist Gottesliebe.)

Iustitia als gerechter König mit Schwert.
REX SUM IUSTICIE (Ich bin der gerechte König.)

Die Klugheit als Gelehrter mit Codex und Zirkel.
PRUDENCIA METIT OIA (Die Klugheit mißt alles.)

Die Hoffnung, eine junge Frau, betet die Hand Gottes an, die sich ihr aus dem Himmel entgegenstreckt.
SPE HABE IN DNO (Ich hoffe auf den Herrn.)
XXIX
Arion und Monstren, Original 1342-1355 (diente im 15. Jahrhundert als Vorlage für VI.)

Arion, legendärer antiker Musikant, der nach seinem Sturz ins Meer Delphine herbeifidelt, die ihn sicher an Land tragen. Er trägt eine hohe, gebogene, spitz zulaufende Kappe und reitet auf einem Delphin, dessen Kopf und Schwanz aus den Wellen auftauchen.

Lautespieler, aus dessen Gewand unten zwei Bärentatzen hervorlugen.

Mann mit dem Unterkörper eines Stiers betrachtet Pinienzapfen.

Mann mit dem Unterkörper einer Schildkröte führt gierig Nahrung zum Mund.

Kentaur schwingt ein Schwert.

Ritter steht in den Steigbügeln eines Pferdes, dessen vordere Körperhälfte fehlt, und bedroht Kentauren.

Kentaur schwingt Streitkolben.

Jüngling schürzt sein Gewand, unter dem ein schuppiger Drachenschwanz zum Vorschein kommt.

XXX
Tugenden und Laster, Original 1342-1355, diente im 15. Jahrhundert als Vorlage für Kapitell IX.

Largitas als junger Mann faßt in einen Münzhaufen in seinem Schoß und greift zugleich rechts in einen Münzhaufen, offenbar in der Absicht, zu schenken.
LARGITAS ME ONORAT (Freigebigkeit ehrt mich.)

Constantia als mittelalter Mann mit Stock vor der Brust, der unerschütterlich der Zukunft entgegenblickt.
... STANCIA SU NIL TIMES (Ich bin die furchtlose Beständigkeit.)

Discordia als verkniffene Alte, die auf die Inschrift zeigt.
DISCORDIA SU I ... DISCODANS. (Ich bin die Zwietracht, ständig anderer Meinung.)

Patientia in Gestalt eines schicksalsergebenen Mönches.
PACIENCIA MANET MECU (Die Geduld bleibt bei mir.)

Desperatio, eine junge, klagende Frau mit gelöstem Haar, macht Anstalten, sich einen Dolch in den Hals zu stoßen.
DESPERACIO MOS CRUDELIS (Die Verzweiflung ist eine schreckliche Unsitte.)

Der Gehorsam als Hund, der vor seinem Herrn Männchen macht.
OBEDIENCIA A DNO EXIBEO (Ich bin dem Herrn gehorsam.)

Der Unglaube als Türke mit Turban und Kaftan, der auf ein nacktes Götzenbild deutet.
INFIDELITATE NULI GERO (Ich übe den Unglauben an ein Nichts.)

Modestia als Frau, die auf die Kanne in ihrer Linken deutet.
MODESTIA ROBU OBTINEO (Durch Bescheidenheit erhalte ich mir die Kraft.)
XXXI
Vornehme Damen, anonyme Kopie von 1888, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Dame mit doppeltem Kopftuch.

Dame mit Blütenkranz im offenen Haar. Verzierter Gewandsaum.

Dame mit perlbandgesäumter Haube.

Dame mit verziertem Halsausschnitt.

Dame mit Krone aus Blüten und Perlen.

Dame mit schlichtem Gewand.

Dame mit Blütenkranz im offenen, schulterlangen Haar.

Dame mit Rautenmusterborte am Gewand.
XXXII
Herrscher des Altertums, anonyme Kopie von 1888, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Vespasian mit Schwert in der Rechten zeigt auf Christusbild an der Inschriftenleiste. Einer Legende gemäß wollte er den Heiler Jesus Christus an sein Krankenlager rufen lassen - und erfuhr dann, daß jener längst gekreuzigt sei. Vespasians Gesandte brachten nur noch das Schweißtuch nach Rom.
TITUS VESPASIAN IPAT (Kaiser Titus Vespasianus.)

Trajan mit Schwert und Lilienszepter.
TRAIANUS INPE (Kaiser Trajan.)

Priamus. (Sowohl Rom wie auch Venedig betrachten sich in der Legende als von seinen Nachfahren gegründet.)
PRIAMUS ... TROIE (Priamus, König von Troja.)

Nebukadnezar mit Lilienszepter.
NOBUCORDONOSOR R (König Nebukadnezar.)

Alexander mit Streitkolben.
ALEXANDE MACEDONIE R (König Alexander von Mazedonien.)

Da das Original zerstört ist, gestaltete der Kopist Darius nach dem Vorbild Cäsars.
DARIUS R PERSARU (Darius, König der Perser.)

Cäsar zeigt mit rechts auf das Lilienszepter in seiner Linken.
JULIUS CESAR IPAT (Kaiser Iulius Cäsar.)

Augustus mit Lilienszepter und Globus.
... AVIANUS AGUSTUS IPATO (Kaiser Octavianus Augustus. Auf dem Globus die Inschrift:)
MONDUS PACIS (Welt des Friedens.)
XXXIII
Kinder, Original 1342-1355, 1577 teilweise zerstört, 1888 restauriert. Das Kapitell war im 15. Jahrhundert Vorbild für Kapitell II.

Knabe mit Vogel und Walnußhälfte. (auf Kopie ohne Nuß)

Knabe mit Weintraube, in Blattwerk greifend.

Knabe mit melancholisch in die Hand gestütztem Kopf.

Knabe drückt Vogel an Körper und läßt sich Finger picken.

Knabe trauert um tot daliegenden Vogel. (Auf Kopie läßt er sich in Finger picken.)

Knabe hält Frucht an der Brust. (auf Kopie Kugel)

Knabe mit Kirschen.

Knabe mit Granatapfel. (auf Kopie mit Weintraube.)
XXXIV
Angehörige des ritterlichen Standes, anonyme Kopie von 1888, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera.

Gemahlin des Ritters mit perlengeschmückter Haube. Sie wendet sich dem jüngeren Bruder des Ritters zu.

Ritter in Rüstung,
der, anders als vielfach behauptet, kein Kreuzritter ist. Das Kreuz am Helm diente lediglich der Aufhängung des Gesichtsschutzes.

In etwa gleichaltriger Bruder des Ritters in ziviler Kleidung.

Schwester des Ritters.

Mutter des Ritters.

Junger Sohn des Ritters.

Vater des Ritters.

Jüngerer Bruder wendet sich der Gattin des Ritters zu.
XXXV
Vögel, anonyme Kopie von 1888, Original 1342-1355 im Museo dell' Opera

Stelzvogel, der eine Schlange mit Kralle und Schnabel festhält.

Gänsevogel mit Fisch im Schnabel.

Vogel putzt sich Brustfedern.

Vogel mit ausgebreiteten Schwingen.

Gänsevogel pickt an Fisch.

Frontal dargestellter Vogel mit ausgebreiteten Flügeln. Im Original, wo sein Bild 1577 zerstört wurde, war er ein Wasservogel. In der Kopie von 1888 wurde er fälschlich zum heraldischen Adler.

Gänsevogel mit Fisch im Schnabel.

Stelzvogel putzt Brustgefieder mit dem Schnabel.
XXXVI
Kinder und Angehörige des Barbierhandwerks, Original 1342-1355, Vollsäule mit Zwei-Drittel-Kapitell. (Oberhalb dieser Ecksäule: Trunkenheit Noahs.)

Knabe mit Vogel. Zwei Putti. Knabe zwischen Kapitellblättern.

Barbier mit Aderlaßmesser und Glas zum Auffangen des Blutes.

Barbier mit Rasiermesser.

Jüngling mit großer Schere und Doppelkamm.
Das Staatsprogramm

Wenn wir uns nun den drei verschiedenen, am selben Baukörper widersprüchlichen Programmen nähern, beginnen wir am besten mit jener Eigentümlichkeit, die ihnen allen gemeinsam ist: Keins der Programme wurde plangemäß beendet. Alle drei, das offizielle, das Gründer- wie das Verschwörerprogramm brechen 1355 mit dem Scheitern der Falier-Verschwörung ab - und zwar bei Säule XII - um nie wieder in ursprünglicher Form aufgegriffen zu werden. Schon mit Säule XI, der ersten, die nach 1422 entsteht, beginnt das große Kopieren - das Kapitell hat Kapitell XXII zum Vorbild. Kapitell II ist Kapitell XXXIII nachgebildet, III geht auf XXVI zurück, IV auf XXV und so weiter und so fort.
Sechs Jahre vor Wiederaufnahme der Bautätigkeit, im Jahr 1416, werden dank einem glücklichen Zufall, mit dem niemand mehr gerechnet hat, Calendarios Geheimnotizen mit den vollständigen Programmen entdeckt - nicht geradezu ein Schock für die Gründer, aber doch ein rechtes Ärgernis, das princeps Niccolo di Starabba
veranlasst, den plangemäßen Weiterbau zu verbieten. Auch ohne völlige Kenntnis der blasphemischen Programmatik Calendarios sind damals aus unserer Sicht Inhalt wie Abfolge der Kapitelle längst korrumpiert, nun kommt es auf den Rest auch nicht mehr an. Die Bildhauer erhalten Weisung, nach ihrem Gutdünken unter den Vorbildern der bereits vorhandenen Kapitelle zu wählen und rasch zu machen, damit der Bau fertig wird.

Unter den zwölf Halb- und Vollkapitellen, die nun entstehen, gibt es allerdings vier originale Entwürfe - drei stammen aus dem 14. Jahrhundert, einer aus der Zeit nach 1422.
Die Ecksäule I mit der Salomongruppe wird, wie schon Calendario es für alle drei Programme vorsieht, mit den Motiven Justitia und Gerechte geschmückt. Alles andere wäre sinnentstellend grober Unfug.
Auch das Früchtekapitell X, das heute so harmlos erscheint, geht ursprünglich auf einen sinistren Entwurf Calendarios zurück, unsere Heraldik betreffend und die Rangfolge unserer praefecturen, um die es bei der Verschwörung Calendarios/Faliers zum Teil ja geht. Wir werden dieses Thema nochmals streifen, wenn wir uns der Porta della Carta widmen und ihrer Nachbarschaft zu den Tetrarchen - überhaupt dem ägyptischen Aspekt der Verschwörung.
Kapitell V, Unterricht, soll nach dem Willen von princeps Manuel Ruiz, dem Nachfolger Starabbas, eine Lektion darstellen, die der siegreiche Rat den unterlegenen Verschwörern erteilt. Auf dem Weg aus den Händen des princeps über seine Vertrauten beim Dogen zum Proto des Palastbaus und schließlich zum ausführenden Bildhauer gehen jedoch Skizzen mit Porträts der involvierten Gründer und Verschwörer verloren - so dass der Figurenschmuck des Kapitells heute anonyme Gesichter trägt - für unsere Betrachtung belanglos.
Es bleibt das halbe Kapitell BI, das der Porta della Carta zunächst gelegene, dessen Ritter im offiziellen Programm der Republik wie im Programm der Gründer als Torwächter gelten, denn wir geben diesem Eingang zum Dogenpalast, seit er besteht, den Vorzug vor der, an der Moloseite gelegenen, Porta del Frumento. Und dies unser bevorzugtes Tor lassen wir von steinernen Wächtern beschützen.

torwächter

Kommen wir zum offiziellen Programm oder besser zu seinem, bis 1355 verwirklichten, Torso. Nach dem Einblick in die widersprüchlich verschränkten Absichten dreier Programme wird es niemand wundern, wenn Calendario genötigt ist, an bestimmten Stellen Kompromisse einzugehen, um anderswo Inhalt und Reihenfolge der Kapitelle schlüssig zu erhalten. Er verwässert meist das offizielle Programm der Republik. In die Verschwörerprogrammatik fließt sein Herzblut. Die Gründerprogrammatik muss er einigermaßen plausibel halten, um seine Vorgesetzten nicht früh zu warnen und auf die Spur der Verschwörung zu setzen. Ihm bleibt also gar nichts anderes übrig, als gerade den Autoritäten der Republik Kompromiss auf Kompromiss zuzumuten, wobei sich herausstellt, dass er mit diesen sonst gestrengen Herren fast nach Belieben umspringt - kein Wunder, ist doch der Doge Falier auf seiner Seite.
Die Leserichtung des offiziellen Programms, wir erwähnten es bereits, unterscheidet sich von den beiden anderen insofern, als sie nicht zweiachsig erzählt, sondern einsinnig bei der Eckgruppe Noah über Kapitell XXXVI beginnt, von hier bis zur Ecke mit dem Sündenfall fortschreitet, um dann, ohne Bruch, weiter die Gruppe mit der Salomonischen Gerechtigkeit anzusteuern. Chronologie spielt fast keine Rolle in diesem Programm - und wo sie von Calendario halbherzig mitbedacht worden ist, etwa in seiner ursprünglichen Absicht, das Zerkonkapitell als Völkertafel auf Position XXXV zu platzieren, um es biblisch korrekt auf Noah folgen zu lassen, da fällt die Chronologie des offiziellen Programms der Eigenmächtigkeit des Adepten Christian Rosencreutz zum Opfer, so dass, anstelle der Völkertafel, ein Kapitell mit Vögeln an die Trunkenheit Noahs anschließt.
Der große erzählerische Bogen, den Calendario schlägt, um für die Augen seiner offiziellen Auftraggeber und späteren Betrachter wenigstens Ansätze eines konsistenten Programms zu bewahren, verläuft so:
Über jeden Zweifel erhaben ist die Fehlbarkeit des Menschen und die Tatsache, dass Gott ihn aus seinem unerfindlichen Ratschluss entweder gnädig errettet, wie den Schiffer Noah und dessen Familie, oder mittels einer Sintflut vom Erdboden vertilgt, wie den gesamten Rest der Menschheit. Gott verurteilt uns für unsere Laster und begnadigt uns für die Tugenden, die - wir kommen schon zur Ecksäule XIX mit dem Sündenfall - dem freien Willen des Menschen zur Wahl vorliegen. Es ist nicht Gottes ursprünglicher Wunsch, den Menschen vor diese Wahl zu stellen, nein, wäre der Mensch nur gehorsam der Weisung gefolgt, nicht von den Früchten des Baums der Erkenntnis zu kosten, so wäre ihm all dies erspart geblieben und er fristete ein paradiesisches Dasein. Nun ist die Heilsgeschichte jedoch anders verlaufen. Hochmütig setzt der Mensch sich über Gottes Gebot hinweg, vertraut dem eigenen Urteil und wird zur Strafe aus dem Paradies vertrieben. Aus ursprünglicher Gnade fällt er heraus unter Gottes strenges Gericht. Nun muss er wählen zwischen Laster und Tugend - und wird für seine Wahl von Gott zur Rechenschaft gezogen. Doch zwischen ihm und Gott ist noch eine weitere Instanz berufen, ihn zu richten: des Menschen weltliche Obrigkeit. (Man bemerke, wie selbstverständlich das offizielle Venedig hier die kirchliche Obrigkeit, das Priesteramt, ausspart!). Der erzählerische Bogen schließt bei Kapitell I, Justitia und Gerechte, unter der Eckgruppe Salomons Urteil. Der Mensch ist aus dem Paradies vertrieben in die Welt. Der Mensch wählt zwischen Tugend und Laster. Er muss urteilen - über seinen eigenen Lebensweg, oder, sofern er Richter ist, über seinen Nächsten. Dass in Venedig bei diesem Gericht alles mit rechten Dingen zugeht, dafür steht Kapitell I an der Porta della Carta. Salomon urteilt salomonisch. Justitia, die Gerechtigkeit, sitzt auf einem Löwenthron - der Markuslöwe ist das Wappentier Venedigs. Moses empfängt und lehrt den Dekalog, die zehn Gebote. Aristoteles und Solon stehen für die antiken, menschlichen Quellen des Rechts. Scipio, Trajan und Numa Pompilius schließlich repräsentieren die Anwendungsebene - das gerechte Herrschen und Richten.

Trajan

So verknüpft Calendario die alttestamentarischen Wurzeln der Heilsgeschichte mit der Staatswirklichkeit Venedigs, denn sein Erzählbogen, beginnend am Wasser der Sintflut, endet an der Porta della Carta, auf festem Grund, wo es zu den Büros der venezianischen Justiz geht.
Was aber finden wir nun - logisch und chronologisch ungeordnet - zwischen den Eckpunkten seiner offiziellen Erzählung? Da sind zunächst die Tugenden und Laster, die im offiziellen Programm für nichts weiter stehen als eben für Tugenden und Laster. Durch die Verdopplung der entsprechenden Kapitelle im Zuge der Kopie nach 1422 nehmen sie am heutigen Baukörper mehr Raum ein, als Calendarios Programm ihnen zugesteht. Ursprünglich sind ihnen nur die Kapitelle XXX, XXVIII, XXVII und XXV gewidmet. Hierher gehören noch die Tierköpfe von Kapitell XVII, die als Lastertiere gedeutet werden und die Monstren von Kapitell XXIX, Arion und Monstren, die ebenso für die zwitterhafte moralische Natur des Menschen stehen - mit Ausnahme natürlich Arions, der zwischen der menschlichen Kultur und der Natur in Gestalt des Delphins eine Brücke schlägt, indem seine Musik das Tier dazu bewegt, ihn aus der Seenot zu erretten. Die Vertracktheit dieser mittelalterlichen Symbolwelt sei durch zwei Bemerkungen verdeutlicht. Einerseits haftet dem Delphin, dem Meeressäuger, durchaus selber etwas Mischwesenhaftes an. Andererseits gilt der Delphin der frühchristlichen Kunst als Symbolum Christi - und ist so zum Retter des Menschen geradezu berufen.

arion

Aber Noahs Arche pflügt ja nicht nur die Wellen der Sintflut und laviert zwischen Tiefen und Untiefen des menschlichen Wesens, - nein überdies bringt sie in Sicherheit, was übrig bleiben soll, Noahs Sippe und von jedem Tier ein Paar, also die Keimzelle der neuen Welt. Und so finden wir dann auch Kapitelle mit Vögeln, mit Tieren, ein ganzes Kapitell mit Löwenköpfen, wie es sich für das Wappentier der Stadt geziemt. Wir finden - denn die Zukunft des Menschen beginnt mit dem Bund, den Gott und Noah schließen - die Ordnung der Zeit: die Monate und die Gestirne mit den Tierkreiszeichen. Die Portikuskapitelle haben neben dem religiösen auch enzyklopädischen Charakter und stellen die Summe all dessen dar, was der Mensch wissen und leisten kann: Auf Kapitell XX neben der Ecksäule XIX die Gelehrten des Altertums für die Septem Artes Liberales, auf Kapitell XVIII die Bildhauerheiligen als Krone der unfreien Handwerkerkünste, auf Kapitell XVI weitere Berufe und auf Kapitell XXXIV den ritterlichen Stand, denn auch das Handwerk des Beschützens und Zerstörens darf in dieser Aufzählung der Welt nicht fehlen, zumal es hier zivilisiert wird durch Einbindung in die Familie. Wir finden auf Kapitell XIV und XXI die Völker der Welt und die Einwohner der Stadt. Wir finden auf XXXI und XXXII die Herrscher des Altertums und ihre Damen - denn Venedigs Herrschaft fußt auf erlesenster Tradition. Wir sehen das biologische Leben des Menschen sich entfalten, vom Schicksal des jungen Paares, dem ein Kind stirbt, auf Kapitell XIII über die munteren Kinder auf XXXIII, die mit Vögeln spielen (Noah sendet Rabe und Taube aus, um zu erkunden, ob irgendwo Land in Sicht ist), weiter zu den jungen Leuten von XXII bis zu den Lebensaltern auf XV. Auf Kapitell XXXVI sehen wir angedeutet, wie der Barbier durch Aderlass eingreift, wenn Noahs Trunksucht zur Blutwallung führt. Kurzum, wir sehen ein Gotteslob, ein Lob der Stadt, des Menschen und des Lebens - und doch sehen wir heute nichts mehr, denn die gesamte Kapitellstrecke von XI bis II steht unserer Deutung nicht mehr zur Verfügung - dort sehen wir banale Verlegenheitslösungen.
Auf die Portalwächter und den Unterricht brauchen wir nicht mehr einzugehen. Kapitell I wird uns, vornehmlich in der Figur des Numa Pompilius, nochmals beschäftigen, wenn wir auf das Verschwörerprogramm kommen. Auch Kapitell X bringen wir noch einmal zum Sprechen - doch wie sah nun der Plan aus? Was hätte hier ursprünglich stehen sollen? Was wollte Calendario auf dieser Strecke? Immerhin sprechen wir von zehn Kapitellen, die heute anders sind als ursprünglich geplant, und das gilt nicht nur für das offizielle venezianische Programm des Portikus, sondern ebenso für die beiden anderen Programme. Nichts stimmt hier mehr. Für alles sind wir auf Calendarios Notizen angewiesen. Ich will daher schlicht der Reihe nach aufzählen, was Calendario für die zehn Kapitelle vorsieht.

Kapitell XI
Nachdem wir die Menschenwelt und das alttestamentarische Wirken Gottes, nachdem wir Gut und Böse gesehen haben und die Ordnung des Kosmos, gelangen wir in Calendarios Notizen auf eine Zielgerade, die durch fortschreitende Konzentration sich Venedig widmet, um dann, zurück gebogen in den Kontext des Gesamtprogramms, auf das Gerechtigkeitskapitell zu treffen. Mit den Monaten auf Kapitell XII brach die Arbeit 1355 ab. Gemäß Calendarios Notizen, wäre sie fortgeführt worden in einer Stadtansicht Venedigs, die, alle acht Kapitellseiten umlaufend, in idealisierender Weise den neu erbauten Dogenpalast, San Marco und den Campanile, die beiden Säulen am Molo, die Scuola Grande di San Marco, die Scuola Grande di San Rocco, Venedigs Bischofskirche San Pietro di Castello sowie den Brückenbereich am Rialto mit der damaligen Holzkonstruktion gezeigt hätte.

Kapitell X
Früchtekapitell. Abweichend von der heutigen Gestaltung des Kapitells liegen die Früchte nicht in Körben, sondern sind zu Pyramiden aufgeschichtet - allerdings, was für die heraldische Interpretation bedeutsam ist, alle in gleicher Größe, so wie auch heute. So präsentiert sie Calendario den Gründern und der Republik - nicht den Verschwörern. Wohlgemerkt: alle in gleicher Größe, wenn auch, durch pyramidische Aufschichtung, unter dezentem Hinweis auf Ägypten.

Kapitell IX
Dieses Kapitell ist dem Arsenal gewidmet, Calendarios ursprünglicher Wirkungsstätte, und zeigt: Den Schiffsbaumeister vom Arsenal, der mit dem Zirkel einen Spanten abmisst. Den Pechkocher vor seinem glimmenden Haufen Kiefernholz. Den Kalfaterer, der die neue Bordwand mit Pech bestreicht. Den Segelmacher. Den Zimmermann beim Hobeln einer Planke. Der Schmied des Arsenals hebt das frisch gegossene Lot aus der Form. Weiter sehen wir den Tauzieher in der Tana und den Arsenalotto mit seiner Axt, wie er beim Löschen eines Brandes hilft.

Kapitell VIII
Dieses Kapitell ist der bunten Warenwelt gewidmet: Salzsieder, Glasbläser, Weinlese, Dreschen des Getreides, Holzfäller (Venedigs Holzhandel erstreckt sich bis Ägypten, wo die islamischen Flotten mit christlichem Holz gebaut werden), Buchbinder, Weber, ein Mann hält eine übergroße Gewürznelke hoch als Zeichen des Gewürzhändlers. Aufgetürmte Seidenballen.

Kapitell VII
Dieses Kapitell ist dem Seehandel gewidmet: Reeder, der das Beladen seines Schiffes kontrolliert. Kapitän, nach den Sternen navigierend. Steuermann am Heckruder. Loteinholer in seinem Korb an der Bordwand. Matrose im Ausguck, der sein Schwert schwingt gegen Piraten, die er am Horizont sichtet. Angeketteter Rudersklave. Freier venezianischer Ruderer, der sich gegen Geld verdingt. Schauerleute rollen ein Weinfass vom Schiff herab auf den Kai.

Kapitell VI
Rings um alle acht Kapitellseiten kniet im Uhrzeigersinn eine große Menge nobel gewandeter Männer vor einem edelsteinbesetzten Kruzifix, das die Piazzettaseite des Kapitells einnimmt. Hier kniet Venedigs gesetzgebende Körperschaft, der Große Rat, in Anbetung des Kreuzes - wobei in Gestalt der Kreuzigung erstmals der neutestamentarische Zweig der Heilsgeschichte in das Programm der Portikuskapitelle eingeht.

Kapitell V
Das Kapitell ist Venedig und seinen auswärtigen Handelsplätzen gewidmet. Venedig wird dargestellt durch Kanalbauarbeiten - alltägliche Beschäftigung in dieser maritimen Stadt. Allerdings mögen diese Bauarbeiten auch einen politischen Hintersinn beinhalten und auf das ptolemäische Kanalbauprojekt zwischen der ägyptischen Mittelmeerküste und dem Roten Meer anspielen, das der Wahnsinnige Sanudo, einer der Inspiratoren Calendarios, wieder aufleben lassen will. Auf den verbleibenden sieben Kapitellseiten sollen dargestellt werden:
Der Felsendom in Jerusalem (Gemeinsam mit den Pyramiden Ansatzpunkt aller Maurerideologie).
Für Rom steht Petrus mit gekreuzten Schlüsseln vor der Brust.
Der Fliegenturm am Ende der Mole des Hafens von Akkon - sentimentale Reminiszenz an das verlorene Reich in Outremer.
Ein Turm mit dem Wappen von Brügge - nach seiner Hinrichtung gibt es Rechtshändel um einen Posten syrischen Gummiharzes, den Calendario angeblich oder auch nicht nach Flandern hat verschiffen lassen.
Der stilisierte Bosporus für die Fahrt der Romania-Galeeren.
Die stilisierten Säulen des Herkules für die Straße von Gibraltar, für Spanien auf einer und für Afrika auf ihrer anderen Seite.
Den stilisierten Dombau zu Köln für Venedigs, ganz Europa umspannenden, binnenländischen Handel.

Kapitell IV
Acht Szenen, die Entführung der Gebeine des Hl. Marcus von Alexandria nach Venedig betreffend. Der Gang der Erzählung folgt teils der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine, teils aber auch nicht.
Petrus schickt Marcus nach Aquileja. (i.e. in die unmittelbare Nachbarschaft Venedigs, deren Patriarch in ständig währendem klerikalem Hader mit den kirchlichen Autoritäten Venedigs beharren soll)
Marcus trifft in Alexandria ein.
Marcus wird nach seinem Martyrium unter Nero, den Strick noch um den Hals, von Christen eilends bestattet.
Die folgenden fünf Kapitellseiten stellen dar: die Verbringung des heiligen Leichnams auf ein venezianisches Schiff - das Schlachten eines Schweins - die Bedeckung des heiligen Leichnams mit toten Schweinen - die muslimischen Kontrolleure, die mit angewidert zugehaltenen Nasen vor einem Schwein zurückweichen - die siegreiche Ankunft in Venedig.
Typisch für Calendario ist diese erneute verleumderische Verunglimpfung der Muslime! Wo sollen um ca. 828 im muslimischen Ägypten die Schweine herkommen, die den heiligen Leichnam bedecken? Am besten entsorgt man diesen Gedankengang, der ja schon bei Voragine vorkommt, in der grundsätzlich beleidigenden Tradition des Christentums anderen Religionen gegenüber, wie sie sich etwa auch im Chorgestühl des Kölner Doms zeigt, wo ein Jude verunglimpft wird - dargestellt, wie er an den Zitzen einer Sau nuckelt.

Kapitell III
Der Doge, die sechs Räte und der Teufel, dem der Kopf zertreten wird. Sie sind die Quelle venezianischer Gerichtsbarkeit und Gerechtigkeit.

Kapitell II
Vier Kampfszenen zur See, drei Kampfszenen zu Lande. Dazwischen die Stierhatz auf dem Markusplatz, die einerseits Volksbelustigung ist, andererseits tiefreligiöses in memoriam. (Der hl. Marcus hat laut J.d.V. in Alexandria eine Kirche auf einem Felsen errichtet, mit Namen Buccoli - buculus heißt junger Stier - und erleidet sein Martyrium, als er an einem Strick um den Hals zu ebendieser Kirche geschleift wird.) Und auch der Krieg beinhaltet ein Element von Gericht, indem angenommen wird, dass Gott jene Waffen zum Sieg führt, denen er wohlgesonnen ist.

So hätte es, laut erster Hälfte von Calendarios verlogenen Notizen aussehen sollen - dann das Gerechtigkeitskapitell unter der Eckgruppe Salomo. Das ist Calendarios Programm für die späten Kapitelle, so wie er es Venedigs Autoritäten vorlegt, so wie er es vom Rat der Dreiunddreißig genehmigen lässt. Die versteckte Gründerprogrammatik kommt zur Sprache, wenn wir uns dem Gründerprogramm widmen. Jedoch sei hier schon darauf hingewiesen, dass dieses Figurenprogramm nach Calendarios Geheimnotizen nie zur Ausführung kommen soll. Was mit Venedig ausgehandelt ist, wird genauso obsolet wie die darin versteckte Gründerprogrammatik, und zwar in dem Moment, in dem, wie Calendario fanatisch hofft, die Falier-Verschwörung gelingt und in der Republik wie bei den Gründern die Machtverhältnisse umkehrt.

Bevor wir uns Zeit nehmen für die Behandlung ausgewählter Einzelprobleme und ein Fazit, das mutmaßlich im Februar gezogen wird, sind noch drei wesentliche Aufgaben zu bewältigen: Die Darstellung der Gründer-Programmatik, Schilderung und Analyse der Falier-Verschwörung und, hieran knüpfend, die Darstellung der Verschwörer-Programmatik.

Die Gründer-Programmatik

Da wir es nun mit Calendarios narrativem rechten Winkel zu tun bekommen, stehen wir vor der Wahl, welchen der beiden Schenkel wir zuerst beschreiben, Piazzetta- oder Moloseite. Ohne weiteren Grund als den, dass wir, wenige Zeilen oben, die geplanten Inhalte der Kapitelle XI bis I dargelegt haben, also insbesondere, ohne hier eine Rangfolge der beiden Erzählachsen zu konstituieren, beginnen wir mit der Piazzettaseite.
Die Denkweise der Gründer ist seit ihren Anfängen, gewiss jedoch im 14. Jahrhundert, so von der bipolaren Struktur jeglichen Seins und Tuns durchdrungen, dass dieser Ansatz selbstverständlich auch in der Erzählung der Portikuskapitelle manifest wird. Historisches Handeln kann gut und böse sein. Es kann gelingen oder scheitern.

Zunächst betrachten wir die Achse des Gelingens, die bei Kapitell XIX ansetzt, wobei dieses Kapitell, der Scheitelpunkt des Winkels, beiden Schenkeln gleichermaßen angehört. Oben in der Eckgruppe haben wir den Sündenfall, unten auf dem Kapitell die Erschaffung Adams durch Gottvater. Gottvater sitzt auf einem Thron, und zwar auf einem dezidiert byzantinischen Thron (siehe Abb.). In der Mitte zwischen gutem und bösem Ende stoßen wir also quasi auf die Gründungssituation Venedigs, das nur im Machtvakuum zwischen West- und Ostreich entstehen kann, und zwar zunächst gebunden an das hochkultivierte Ostreich - denn was im Westen des ehemaligen Römischen Reiches an germanischen Staaten wächst, hat anfangs nicht die kulturelle und zivilisatorische Qualität, um Gleichrangigkeit neben Venedig zu beanspruchen. Als sich das ein wenig zu ändern beginnt, als im Westen Staaten sich so hoch entwickeln, dass sie als kulturelle und ökonomische Gesprächspartner Venedigs überhaupt in Betracht kommen, da setzt in Venedig der nicht mehr enden wollende Diskurs ein, welche Art von Isolation, Balance oder Bindung die günstigste Position der Republik in ihrer Mittellage zwischen Ost und West sei. Man kann also Venedigs Geschichte lesen als ewige Strategiedebatte, ob es sich nach Ost oder West hin ausrichten soll, um seine Existenz in Unabhängigkeit zu sichern.
Dieser Grundton von Unabhängigkeit, der Venedigs Nationalcharakter prägt, und der ja durchaus heute noch im alltäglichsten Verhalten gebürtiger Venezianer mitschwingt, diese Einzigartigkeit einer Gruppe, die sich gut 1300 Jahre lang behauptet zwischen sehr viel mächtigeren Nachbarn, bis endlich Napoleon die Republik 1797 zerschlägt, verdankt sich zunächst dem Einfluss der Gründer. Rom ist dahin. Wir brauchen, wie bescheiden auch immer, eine territoriale und ökonomische Basis, die einerseits festen Halt bietet - und andererseits die Möglichkeit im Versteck - und aus ihm heraus zu operieren. Geführt von princeps Dracontius und Zerkon Syenus entziehen sich die Gründer des fünften Jahrhunderts dem Invasionsdruck von Attilas Hunnen, verschaffen sich ihre Basis in der Lagune und verteidigen sie fortan, gegen wen auch immer.
So wie Venedig zwischen West- und Ostrom, zwischen fränkischem Reich und Byzanz, zwischen dem islamischen Osten und den sicheren Häfen der Christenheit vermittelt, so bildet heute der Raum der Gründer, je nach Betrachtungsweise, den Nabel oder eine Flanke der globalen Trias CNM-COT-COR.

Auf Kapitell XIX wird Adam erschaffen. Venedig entsteht. Aber es entsteht nicht isoliert, sondern eingebettet in alle Gesetze des Kosmos, in Raum, Zeit und - wenn wir einmal die schicksalsprägenden Tierkreiszeichen so modern interpretieren dürfen - Kausalität.

Kapitell XVIII, das Kapitell der Bildhauerheiligen, ist in der Gründerprogrammatik den historischen Quattuor Coronati gewidmet - einerseits den Bildhauern, bzw. Baumeistern des Großen Archivs unter der Lagune, andererseits als Versöhnern zwischen Christentum und antiker Religionsvielfalt, denn auch in dieser Hinsicht kommt uns ja die entscheidende Vermittlerrolle zu.

Und so wie eines das andere frisst, der Löwe das Lamm, der Wolf die Ente, der Bär die Bienenwabe, so frisst auch ein kommendes Alter das vorhergehende, so frisst das Christentum das Heidentum, so frisst Venedig Rom, frisst jede Generation die vorige. Dafür steht Kapitell XVII mit den Tierköpfen.

Die Berufe auf Kapitell XVI sind zumeist hochwohllöbliche Berufe, ausgeübt von anonymen Köpfen - mit einer Ausnahme. Wie kommt der Steinmetz auf dieses Kapitell - mit nur einem Kapitell Abstand zu den Quattuor Coronati? Eigentlich redundant, nicht wahr? Zugegeben: Es ist die offene Rechnung mit Diocletian, dem wir einerseits die politische Großwetterlage verdanken, in der, mehr als zweihundert Jahre später, ein Gebilde wie Venedig überhaupt entstehen kann, der aber andererseits unsere Bildhauerlegaten zu Tode peitschen lässt, nur weil sie ihre Pflicht tun und auch mit christlichen Bischöfen verhandeln. In dieser Ambivalenz haben wir Diocletian dargestellt: der Kaiser ist nicht mehr kaiserlich, sondern er meißelt wie ein rechtschaffener Steinmetz. Wir haben ihn gezwungen, in effigie die Pflicht seiner Opfer zu tun. Der Steinmetz trägt die Züge Diocletians.

Und langsam wächst die Republik. Wir betrachten das Lebensalterkapitell, Nummer XV. Die Anfänge sind zart: ein unbeschriebener Rotulus. In der Mitte ein Falkner, der sich ausruht: Sol beherrscht das junge Mannesalter neunzehn Jahre. Der Rückgriff auf Kapitell XIX ist offensichtlich. Hier soll die Wirkung der Gestirne und Tierkreiszeichen, die auf dem Eckkapitell noch ganz abstrakt prangen, konkretisiert werden in die Lebensalter der Menschen und der Republik - wie auch der Gründer. In Calendarios Notizen finden sich Hinweise auf die Jahre 812, 992, 1085, 1224 und 806 - da werden die Duces Obelerius und Beatus von Karl dem Großen belehnt und von Byzanz mit den Titeln Spatharios und Hypatos geehrt. Eigentlich will Karl ja Venedig erobern lassen, durch seinen Sohn Pippin, nachdem er das Langobardenreich unterworfen hat. Er will erobern, obwohl er doch von seinem Großvater Karl Martell weiß, siehe Akte Poitiers, dass wir hier residieren. Natürlich scheitert er - und erkennt 812, beim Frieden zu Aachen, sogar Venedigs Zugehörigkeit zu Byzanz an. Die Goldene Bulle von 992 privilegiert Venezianer in Konstantinopel. Otto III. bestätigt die venezianischen Privilegien in Reichsitalien. Wir brauchen hier nicht weiter darauf einzugehen, dass Otto mit Pietro Orseolo II. Verhandlungen anstrengt, um die Dogenwürde, belehnt vom Kaiser, erblich zu machen. Das Scheitern dieses Unfugs lesen wir im Dossier Otto III.
1085 siegt Venedig bei Butrinto über die Normannen - ein Seesieg, dessen militärtechnische Leistung oft mit dem Sieg Agrippas in der Seeschlacht von Aktium verglichen wird. Im Jahr 1224 wird der Vorschlag gemacht, die Hauptstadt von Venedig nach Byzanz zu verlegen. Der Vorschlag wird mit nur einer Gegenstimme abgelehnt. Aber wer stirbt auf diesem Kapitell der Lebensalter? Wen meinen sie? Venedig? Oder ist, was da wächst und gedeiht und alsbald zugrunde geht, nicht Venedig, sondern Byzanz? Calendarios Notiz ist hier unleserlich.

Das setzt sich fort bei der Notiz über Kapitell XIV - Völker. Warum ausgerechnet Lateiner, Tataren, Türken, Ungarn, Griechen, Deutsche, Ägypter und Perser Gnade vor den Augen Calendarios finden, bleibt unklar. Gewiss: sie sind die hauptsächlichen Handelspartner der Stadt, aber im Gründerkontext, unmittelbar vor dem Schicksal des jungen Paares, wirken sie doch irgendwie unmotiviert. Und die zerfallenen Seiten Calendarios, auf denen Buchstaben beim besten Willen nicht mehr zu entziffern sind, helfen nicht weiter.

Kapitell XIII: Das Schicksal des jungen Paares. Wir haben es hier mit einer Allegorie zu tun, der reinsten erhaltenen Gründer-Allegorie im gesamten Programm der Kapitelle. Der Orbis ist zerbrochen mit Aufkommen des Islam. Venedig beteiligt sich an der Rückeroberung verlorener Gebiete, die der Islam okkupiert hat. Ein Kreuzfahrerreich entsteht. Venedig scheitert. Das Kreuzfahrerreich zerbricht. Outremer, das Kind der Kreuzfahrerväter und der Mutter Venezia, ist tot.

Kapitell XII: Trotzdem bleibt Venedig in der Zeit - Janus blickt zwar zurück auf die Vergangenheit, aber doch auch vorwärts auf die Zukunft. Es ist nicht so, dass Venedig im Rückblick auf die Niederlage erstarrt, nein, etwas neues beginnt: das Kapitell der Monate.

Kapitell XI (ab hier verfügen wir vielfach nur über Calendarios Entwürfe - am Baukörper selbst finden wir Kopien einzelner Motive der Moloachse): Venedig, alle acht Kapitellseiten umlaufend, prosperiert, weil es sich neuen Zeiten anzupassen weiß, weil es sich ändert, um sich selber treu zu bleiben.

Kapitell X: Das Früchtekapitell. Abweichend von der heutigen Gestaltung des Kapitells liegen die Früchte auf Calendarios Zeichnung und Beschreibung nicht in Körben, sondern sind zu Pyramiden aufgeschichtet - allerdings, was für die heraldische Interpretation bedeutsam ist, alle in gleicher Größe, so wie auch heute. Die Früchte, beziehungsweise ihre Farben, dienen in den Wappen der Gründerpraefecturen und einzelner Archive als heraldische Symbole. Werden sie gleich groß dargestellt, wie die Natur sie eben nicht hervorbringt, denn eine melonengroße Kirsche ist ebenso unnatürlich wie ein feigenkleiner Kürbis, dann betont diese Größengleichheit natürlich die Ranggleichheit der dargestellten Gründer-Institutionen. Im offiziellen Gründerprogramm ist dies so beabsichtigt.
Nach der Katastrophe wird der pyramidische Stapel zugunsten der Korblösung aufgegeben, um jegliche ägyptische Assoziation zu tilgen.

Kapitell IX - dem Arsenal gewidmet, Kapitell VIII - der Warenwelt gewidmet,  und Kapitell VII - dem Seehandel gewidmet stellen nicht mehr und nicht weniger dar, als die technisch-ökonomischen Voraussetzungen für die Macht der Stadt, aus der heraus die Gründer operieren.

Kapitell VI: Die Männer, die hier vor dem edelsteinbesetzten Kruzifix knien, tragen zwar die Roben des Großen Rates der Republik - aber sie tragen die Gesichter der Dreiunddreißig - und sie sind dreiunddreißig. Warum knien sie vor dem Kreuz, wenn doch eigentlich Calendarios Verschwörer christlichem Fanatismus zuneigen? Die Gruppe ist bewusst so statisch kalkuliert. Sie kniet - weil sie das Kreuz nicht als Banner vor sich herträgt in den Kampf. Sie führt keinen Religionskrieg mehr und will das Kreuz nicht neu aufpflanzen, schon gar nicht an einem der Plätze des nächsten Kapitells, auch wenn er zu den verlorenen Plätzen gehört. Hier ist das Kreuz nicht Kriegsbanner und Zeichen des Kampfes, sondern Symbol einer resignativer Besinnung, der offenbar große Kraft innewohnt, denn ab Kapitell V gewinnt der Widerspruchsgeist gegen die Spaltung des Orbis erneut die Oberhand.

Kapitell V zeigt die Plätze, wo Venedigs Handel abgewickelt wird und schlägt, im Widerspruch zur Bescheidenheit des letzten Kapitells, doch wieder den großen Bogen des Orbis.

Kapitell IV greift diesen anspruchsvolleren Faden auf - Rückeroberungskriege gegen den Islam, sagt es, sind zwar obsolet, aber den immer noch offensiven Gegner an der Nase herumzuführen, so geschehen beim Raub der Gebeine des Hl. Marcus, ist durchaus im Sinne der Gründer. So ändern sich die Zeiten. Würden wir etwas auf political correctness geben, dürften wir heutzutage die Geschichte mit den Schweinehälften nicht einmal nacherzählen, ohne uns unmöglich zu machen.

Kapitell III - zeigt in Calendarios Büchlein die Staatsspitze Venedigs, ein Werkzeug des Rates, wie sie das Haupt des Teufels zertritt. Der Teufel, eine Schlange mit Menschenkopf, trägt die Gesichtszüge von princeps Welid dem Versöhner, der, seinem Namen zum Trotz, hauptverantwortlich dafür ist, dass vom runden Orbis die muslimische Abspaltung stattfindet.

Kapitell II - zeigt den Kampf zur See und zu Lande, wie sie zur Verteidigung  unentwegt nötig sind. Das Spiel aber, nicht der Krieg, nein - die Spiele für das Volk bringen am Ende den Sieg.

Kapitell I - zeigt den Zustand vollendeter Gerechtigkeit - unter der Eckgruppe des Salomonischen Urteils. Das Kind der beiden Mütter wird nicht mit dem Schwert zerteilt. Das Kind bleibt ganz und heil. Das Kind, es meint kein Kind. Das Kind, es ist der Orbis.

Das ist wahrhaftes Gelingen im Sinne der Gründer - auch wenn der abtrünnige Calendario es so entworfen hat: Das ist die Gründerprogrammatik längs der Piazzettaachse.

Doch kommen wir zum Misslingen - und damit zur Moloachse der Portikuskapitelle. Wenn wir die Piazzettaseite in Bausch und Bogen betrachten, beginnt sie mit Venedigs Gründung und endet mit Salomons Gnade für den Orbis. Auch die Moloachse beginnt mit der Erschaffung Adams, der Entstehung Venedigs und dem Sündenfall - endet jedoch bei einem Schiffbauer, heillos besoffen, nachdem er sein verderbtes Land verlassen hat, um Rettung zu suchen auf dünnen Planken - für Venedig eine ziemlich katastrophale Aussicht.. Worin liegt sie begründet? Darin, dass es nirgends recht vorwärts geht, wie auf  der Moloachse, ja diese Piazzettaachse gräbt und wühlt sich in Vergangenheit und Selbstprüfung, sie kommt nicht los davon und bleibt verhaftet: unfähig zu zeitgemäßer, zeitnaher Gestaltung. Denn dies, man muss es einmal aussprechen, ist ja die große, tückische Versuchung durch unser allumfassendes Archiv , dass man es nämlich leicht für die Welt hält und mit der Wirklichkeit verwechselt.

Gleich mit Kapitell XX, das im Staatsprogramm als Kapitell der Sieben Freien Künste das Kapitell der Bildhauerheiligen aus der Piazzettaachse spiegelt, beginnt die unheilvolle Rückwendung. Wir haben es, sowohl im Gründer- wie auch im Verschwörersinn, bereits entschlüsselt. Aber wen interessieren Thrasyllus oder Hyginus wirklich, diese Gestalten aus der Frühzeit der Gründer, aus der Zeit eines heilen Orbis, der immer noch expandiert? Marc Aurel, ja gut, der einzige Gründer-Kaiser im eigentlichen Sinne. Aber warum fehlt Agrippa? Warum fehlt Marcus Vorenus, der unseren ersten Kontakt zum Christentum markiert - wohingegen der erste christliche princeps, Paulus Cyprianus erscheint, ausgerechnet dieser Zerstörer der Machtbalance zwischen Christentum und Gründern? Und warum muss Hieron von Alexandria aufs Kapitell, der Archivrebell, dem vor allem wir zu danken haben, dass unser Archiv korrumpiert ist? Warum suhlen die Gründer sich in der Hölle von Pompeji, in Tagen der Flammen und des Verrats? Es mag methodisch nicht überzeugen, wenn wir moderne psychologische Kategorien auf spätmittelalterliche Menschen anwenden, aber diese Moloachse der Portikuskapitelle hat nur dann einen Sinn als selbstbestimmter politischer und künstlerischer Gestus, wenn wir sie als Konfrontationstherapie lesen.

Konfrontation womit? Das Zerkonkapitell XXI hilft uns nicht sogleich weiter, aber erinnern wir, dass es hier überhaupt nur steht, weil Christianus Rosencreutz die Pläne seines Meisters Calendario missachtet, während Filippo Calendario Verschwörung, Verhaftung, Prozess und Hinrichtung durchlebt. Eigentlich sollen wir hier die Jugendlichen von Kapitell XXII bestaunen - und das Zerkonkapitell erst auf Position XXXV. Da es nun aber seine Position gewechselt hat, bleibt uns kaum eine andere Wahl, als die Achse des Gründerprogramms unter diesem geänderten Vorzeichen zu lesen. Wir haben bei der Ecksäule mit der Erschaffung der Stadt begonnen, springen zurück zu den frühen Gründern und stehen nun plötzlich wieder vor Ratsmitgliedern, die tatsächlich die Stadt für die Menschen aus dem Caranto hoben und das Große Archiv hinein mauerten - in den Caranto nämlich. Dass diese Gruppe um Zerkon Syenus geehrt werden soll, erklärt ihr Auftreten auf einem Kapitell, aber doch nicht die Position. Halten wir vorläufig fest, dass wir ein Auf und Ab, ein Hin und Her bemerken und keine klare Richtung sehen.

Weiter geht es mit Kapitell XXII. Junge Dame mit Spindel bei der Handarbeit. Herr mit Rose in der Rechten wendet sich ihr zu. Und es gibt noch eine zweite Rose auf dem Kapitell: Die junge Frau mit offenem Haar hält sie. Mag sein, dass Rosencreutz bewusst die Nachbarschaft dieses Kapitells sucht für sein Meisterwerk - Belege dafür fehlen. Jedoch haben wir es hier offenbar mit jenen jungen Leuten zu tun, die von den Altvorderen auf Kapitell XX unterrichtet werden sollen - und unter den Altvorderen befindet sich ein Christ, der erste Christ auf dem Stuhl des princeps, ein gläubiger Christ, der die Religion nicht als Werkzeug der Herrschaftsausübung begreift, sondern sich ihr unterwirft. Baut sich langsam Spannung auf?

Aber nun Kapitell XXIII - Tiere! Löwe und Löwin? Es wird doch hier wohl nicht um jenes Pärchen gehen, das Friedrich von Sizilien dem Dogen übersendet, woraufhin es der Republik im Jahre 1316 drei stramme, gesunde Löwenjunge schenkt? Nein, obwohl die Deutung nahe liegt. Der Hund mit Halsband, der Windhund, der Bär, der Keiler und die zwei verschiedenen Affengattungen - sind das Lastertiere? Nein, sie sind Wappentiere, stehen für Gründerinstitutionen und werden im Zusammenhang mit den heraldischen Früchtekörben nochmals behandelt - abgesehen vom Löwenpaar, das auf diesem Kapitell eine besondere Funktion innehat. Der - geflügelte - Löwe steht für den heiligen Marcus und die Republik. Welche Bedeutung kommt ihm aber in der Gründersymbolik zu? Gar keine. Und warum wird dieses, neben dem Adler klassischste aller Wappentiere, nie von den Gründern benutzt? Die Antwort lautet: heilige Scheu vor dem, was Gründer getan und geduldet haben in den Arenen Roms. Der Löwe hier ist der Christenwürger, der Menschenverschlinger im blutigen Sand, das Instrument des Massenmords zur Unterhaltung für das Publikum. Dieser Löwe ist hier gemeint. Und das Pärchen bleibt nicht unfruchtbar, nein es hat Nachkommen.

Widmen wir uns Kapitell XXIV: Löwenköpfe, alternierend mit geöffnetem und geschlossenem Maul. Keiner hat Flügel. Die Ausrede, es handelte sich um den Markuslöwen, kommt also nicht in Betracht. Natürlich stellt Venedig auch andere Löwen auf, auch solche ohne Flügel, als Leone in moleca oder Leone andante. Oder geflügelt mit geöffnetem Buch zu Friedenszeiten, bzw. mit geschlossenem Buch und Schwert in der anderen Pranke als Forteria Leoni zu Kriegszeiten. Die Darstellungen mit geöffnetem Buch können wir wiederum unterteilen nach der Inschrift, wobei allein „Pax tibi Marce Evangelista meus“ eindeutig auf das Evangelium nach Marcus verweist.
Doch hier, am Portikuskapitell kommt nichts von alledem in Betracht. Hier ist Leo Neronis abgebildet, Neros Löwe, das Werkzeug des Terrors.

Was darf der Mensch tun? Was ist Tugend, was ist Laster? Einen angreifenden Barbaren von Roms Stadtmauer aus mit siedendem Öl übergießen? Natürlich darf der Mensch das tun. Warum nicht? Aber sagen wir, der Barbar ist besiegt und gefangen, stellt keine Gefahr mehr für das eigene Leben, die eigene Welt dar - soll man dann den Gefangenen den Löwen zum Fraß vorwerfen?
Was aber ist vollends nun, wenn gar kein Barbar vor unseren Toren steht, sondern in unserer Mitte gibt es eine Gruppe, die friedlich lebt, überzeugend predigt und große Anhängerschaft gewinnt, eine Gruppe, die unsere Staatsreligion schleichend untergräbt, die Göttlichkeit des Kaisers infrage stellt, eine Gruppe, die die Sklaverei zumindest halbherzig ablehnt, und so die Grundlage unseres ökonomischen Systems beschädigt, eine Gruppe, die mit unbequemer Konsequenz nur einem einzigen Gott huldigt?
Werfen wir sie den Löwen vor? Wie weit geht das selbstverständliche Notwehrrecht einer Gruppe, die sich aus ihrer Herrschaft nicht verdrängen lassen will? Bis zur terroristischen Vernichtung des Gegners? Oder ist es manchmal Pflicht, sich geschlagen zu geben, um größeres Unheil abzuwenden?
In der Geschichte haben die Gründer ihre Entscheidung getroffen. Sie haben sich - siehe die Quattuor Coronati - während schlimmste Christenverfolgung tobte, mit dem Christentum ausgesöhnt, ihm die Tür geöffnet, es teils sogar die Oberhand gewinnen lassen. Auf der Moloachse drücken die Gründer sich vor der Entscheidung. Weder sind sie für den schmerzlichen Kompromiss, noch für die erbitterte Konfrontation. Die Frage bleibt in der Schwebe über die auf- und abwogende Tugend- und Lasterdiskussion der Kapitelle XXV, XXVII, XXVIII, XXX, wobei sich antike Tugenden mit christlichen zudem noch unauflöslich mischen. Gesund ist diese Mischung nicht. Aber sie bildet nun einmal das Abendland ab, wie es sich entwickelt. Wir Gründer sind nicht die einzige Säule. Auch das Christentum trägt ein Teil unserer Tradition und Bedeutung. Es ist uns nicht recht. Wir haben uns das nicht so ausgesucht, aber um es zu verhindern, hätten wir mehr Blut vergießen müssen, als uns angemessen schien.
Da sind - wir kommen in der übernächsten Folge darauf - die Verschwörer anderer Ansicht. Mit Agrippas religiöser Toleranz, wie sie sich im schlusssteinlosen Pantheon manifestiert, können die Schlusssteinfanatiker nichts anfangen. Sie denken dezidiert christlich - was den Krieg zwischen Religionen, zwischen Christentum und Islam, von der Stufe bitterer politischer Notwendigkeit zur heiligen Pflicht erhebt.
Nun haben wir mancherlei getan - das Christentum zuerst mit den Mitteln des Terrors bekämpft, es dann adaptiert und zuletzt untergraben. Mitten darin, in der Tugend- und Lasterdebatte tauchen, scheinbar unmotiviert die Vögel von Kapitell XXVI auf. Ein Pelikan, ein weiter Vogel mit einem Fisch im Schnabel, ein Vogel mit den Krallen im Wasser ... Schlaumeier berufen sich bei ihrer Deutung auf den Genius Loci, den Geist dieses Ortes, wenige Meter vom Wasser entfernt, das an der Mole von San Marco leckt. Warum sollte der Vogel mit den Krallen im Wasser nicht spiegelbildlich den Vogel mit den Krallen im Wasser abbilden - der in Stein den aus Knochen, Muskeln, Federn? Einfach, weil die Vögel hier für Seelen stehen, für die Seelen der Toten, die wir im Zuge der Christenverfolgungen verantwortet oder in kauf genommen haben. Sie sind noch hier bei uns, aber gleich heben sie ab und fliegen in welchen Himmel auch immer.
Analog gilt das übrigens für Kapitell XXXV, aber so weit sind wir noch nicht.

Zunächst widmen wir uns Arion und den Monstren, die eingerahmt von Tugend- und Lasterkapitellen, auf Position XXIX stehen.
Wir entdecken einen Lautespieler, aus dessen Gewand unten zwei Bärentatzen vorlugen, ein gar nicht so monströses Mischwesen, weil auch der ja Mensch durchaus Schönes und Hässliches in sich vereinen kann.
Der Mann mit dem Unterkörper eines Stiers betrachtet einen Pinienzapfen. Wird nicht der Pinienzapfen, der heute im Cortile della Pigna des Vatikan steht, fälschlicherweise als Schlussstein von Agrippas Pantheon bezeichnet, das sich somit gar nicht zum Himmel hin geöffnet hätte? Heute wissen wir, dass der Pinienzapfen zu einem Brunnen gehört - ein Wissen das den Gründern des 14. Jahrhunderts nicht gegeben ist, so dass hier San Marco in Gestalt des Stiers Agrippas vermeintlichen Pinienzapfen bestaunt. Ein Missverständnis, das die Verschwörer selbstverständlich im Sinne ihrer Maurerideologie benutzen.
Ein Mann mit dem Unterkörper einer Schildkröte beim Essen - billigste Polemik des Sinnes, dass die Langsamsten am schnellsten essen. Mensch und Tier zu vermischen sich. Natur und Kultur. Es geht darum, die Gefährdung des Menschen ins Gedächtnis zu rufen, die aus den einfachsten Bedürfnissen heraus ihn anfällt.
Der Kentaur schwingt ein Schwert. Ein Ritter reckt sich in den Steigbügeln seines Pferdes, dessen vordere Körperhälfte fehlt, und bedroht den Kentauren. Ein Kentaur schwingt den Streitkolben. Der Mensch kämpft mit unzulänglichen Mitteln gegen die Zwiespältigkeit seiner Anlagen. Ein Jüngling schürzt sein Gewand, unter dem ein schuppiger Drachenschwanz zum Vorschein kommt. Wir erleben einen Tiefpunkt des Gründerpessimismus. Es geht nicht allein um Gut oder Böse, um richtig oder falsch, gelungen oder misslungen - es geht, weit darüber hinaus um zwei grundsätzliche Temperamente, das des Optimisten, der die goldene Hand des Gelingens besitzt und das des Pessimisten, der zwar manchmal tiefer blickt, doch nie im Leben so weit kommt wie der Optimist. Vertrauen kann zwar zu furchtbaren Niederlagen führen, dennoch ist Vertrauen die Basis jeglicher Zivilisation, jedes Kompromisses, aller Konstellation, die aus Chaos und Barbarei herausführt. Diese Mischwesen untergraben das Vertrauen. Sie sind keine präzise Warnung - vielmehr ein Anschlag auf jede Gestaltungsmöglichkeit.
Arion, der antike Musikant, lässt sich vom Delphin, einem Christussymbol, aus der Schiffbrüchigkeit sicher an Land tragen. Hier wird der Ausgleich, wird der Kompromiss zwar angedeutet, aber für Venezianer hat jede, auch die rührendste Legende, einen Haken, wenn sie mit Schiffbruch beginnt.

Bemerken Sie, wie nah wir schon dem Ende dieser Achse sind - und immer noch in fruchtlosen abstrakten Erwägungen feststecken? Jetzt geht es wieder in die Vergangenheit zurück, mit den vornehmen Damen von Kapitell XXXI und den Herrschern des Altertums, Kapitell  XXXII. Sie repräsentieren das männliche und das weibliche Prinzip aller Herrschaft und, wenn wir Kapitell XXXIII gleich hinzunehmen, deren Früchte, die Kinder. Da haben wir wieder den Orbis. Ein Kind spielt mit der heraldischen Kirsche, einer mit der heraldischen Traube, ein Kind lässt sich vom Seelenvogel in den Finger picken. Ein anderer Knabe betrauert seinen eigenen - oder den elterlichen - toten Seelenvogel auf dem Boden. Kurzum: Da war die Piazzettaseite auf gleicher Höhe sehr viel weiter fortgeschritten. Und wenn wir jetzt bedenken, dass zwar Agrippa fehlt, Augustus jedoch auf Kapitell XXXII durchaus präsent ist, wird uns auch klar, warum. Weil hier die Prinzipien der Gründer verwässert werden, was ein korrupter princeps auch noch unterstützt.
Wir beginnen mit der Gründung der Republik, springen zurück in die Frühzeit der Gründer, kommen mit dem Zerkonkapitell wieder zur venezianischen Geschichte, die sich ja zweifellos von Rom abhebt und eine andere Ära ist - wer hätte dies jemals bestritten? Dann begegnen uns die Löwen Neros, die ganze Schuld, die sich aus der Versöhnung von heidnischer Antike und Christentum ergibt (übrigens auch die Schuld der heidnischen Antike gegenüber, doch dies wird auf den Portikuskapitellen konsequent unterschlagen.) Wir begegnen Lastern, Tugenden, Mischwesen, Seelenvöglein, die sich anschicken gen Himmel zu flattern, kommen wieder auf die antiken Herrscher zurück und springen von hier - ja wohin denn auch sonst? - direkt in die die Gegenwart der Portikuskapitelle.

Kapitell XXXIV. Keine Struktur, keine Richtung, moralisches Sowohlalsauch, das nirgends hinführt. Eine ritterliche Familie mit ihren kleinlichen Zeitvertreiben. Keine Gestalter, sondern Seelchen. Im nächsten Kapitell, auf Kapitell XXXV sind dann aus den Seelchen auch gleich Seelenvögelchen geworden, bereit abzuheben. Dabei wollen wir ja gar nicht der Gewissheit das Wort reden, obwohl wir uns populär machen könnten, denn wir erleben Zeiten, die nach Gewissheit hungern, die übersättigt sind vom Zweifel. Aber wir haben zu viele Gewissheiten stürzen sehen. Der Zweifel führt nirgendwohin, die Gewissheit führt nirgendwohin, irgendwohin führt nur die notgedrungene Entscheidung des Individuums, eingedenk der Folgen seines Tuns. Bequemere Auswege haben wir leider nicht zu bieten.

Und das war es auch schon. Das Halbkapitell unter Noah ist zwar gestaltet, aber von Calendario nicht definiert. Der Mensch hinterlässt verbrannte Erde. Die Sintflut kommt, um zu löschen. Der Mensch hat sich mit Müh und Not gerettet: ecce Noah!
Der ganze Lärm, das ganze Leid - um nichts.
Kommt Ihnen das kalt, nutzlos und unbarmherzig vor? So ist das Scheitern.
Kommt Ihnen das Gelingen auf der Piazzettaachse nur wenig tröstlicher vor?
Energisches Voranschreiten durch Kampf und schmerzlichen Kompromiss versus fruchtlose Rückbesinnung? Nietzsche hat unsere Kapitelle vor Augen, als er Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben konzipiert.
Die Heilsgewissheit der Verschwörer wird Ihnen für einen Augenblick, in dem Sie mehr Ihren Gefühlen folgen, als dem Denken, vielleicht tröstlich vorkommen. Ich hoffe aber, dieser Augenblick vergeht!

Die Falierverschwörung

Marino Falier wird zum Dogen gewählt, auf den Tag genau 647 Jahre, bevor in New York die Zwillingstürme stürzen. Wohl nichts kennzeichnet das üble Klima unserer Jahrfünftkonferenz eindringlicher als der Zorn, den dieses harmlose Koinzidenz bei unseren amerikanischen Freunden auslöst. Wir hätten, so CNM, das spätmittelalterliche 9/11 absichtlich für das Unterhaltungsprogramm der Konferenz ausgesucht, als Affront. Mit diesem Thema, der Verschwörung des Falier, wollten wir eine Verschwörung bezüglich des 11.9.2001 andeuten, eine Verschwörung von CNM zur Verschmelzung seiner Ratsmacht mit der damals kraftlosen Regierung Bush. Ach Freunde - haben wir das nötig?

Vor seiner Wahl macht Falier Karriere in Diensten der Republik: Podesta von Treviso, Oberkommandierender der Landstreitkräfte bei Zara gegen die Ungarn, Oberkommandierender der Flotte gegen Ungarn und Rückeroberer von Capodistria. Nach solchen militärischen Kommandos überträgt man ihm auch diplomatische Missionen: die Botschaft in der ewigen Konkurrenzrepublik Genua, mit der Venedig zur selben Zeit Krieg führt, und das Botschafteramt beim Heiligen Stuhl. Auf dem Weg zurück von Avignon, wo die Päpste jener Zeit residieren, erreicht ihn die Nachricht, dass er am 11.9.1354 gewählt worden ist. Er macht sich zu Schiff auf die Heimreise und, ja - als er am 5. Oktober bei dichtem Nebel an der Reede von San Marco landet, steigt er ohne Fortune an Land: zwischen den beiden Säulen der Piazzetta, was als überaus böses Omen gilt, denn hier richtet Venedig seine Verbrecher hin.
Nun kommen wieder die Amerikaner: Zwei Säulen, rufen sie, das ist doch eine Anspielung auf die zwei Türme des World Trade Center, genau wie die beiden Säulen der Freimaurer ...
Liebe Freunde beim CNM! Es kann ja sein, dass schlecht informierte New Yorker Symboliker allerlei in die beiden wunderbaren Türme hinein geheimnissen und dabei an unsere beiden Säulen denken. You’re welcome! Aber ich kann es nur immer und immer wieder betonen: Geplant für diesen Standort - in Venedig - sind ursprünglich drei Säulen, von denen eine beim Ausladen rettungslos im Schlick der Lagune versinkt. Es gibt also niemals eine geplante Gründer- oder venezianische Symbolik der zwei Säulen. Wo Falier an Land steigt, wo heute Millionen Touristen durchtrampeln - dort steht eine bloße Behelfslösung. Ein Überbleibsel. Erfindet also bitte keine symbolischen Attacken, wo es von vornherein am Symbol fehlt! Die Freimaurer mögen euch ihre beiden Säulen selber erklären - ich für uns erkläre letztmalig: Hört auf mit dem Unfug!
 
Venedig durchlebt harte Zeiten, als Marino Falier seinen Fuß auf die falsche Molostufe setzt. Der Aufstand auf Kreta, ein katastrophales Hochwasser, seit 1345 Krieg mit Ungarn, ein Erdbeben, die Schwarze Pest rafft 1348 drei Viertel der Bevölkerung dahin, Krieg mit Genua ... es heißt, Petrarcas Freund und Faliers Amtsvorgänger, der Doge Andrea Dandolo, sei am 7.9.1354 gestorben aus Gram über den Erfolg genuesischer Schiffe ausgerechnet in der Adria.
Grundlegend für jene Vorgänge, die man später unter dem Namen Falierverschwörung zusammenfasst, ist wohl die drastische Verschiebung der Bevölkerungsstruktur nach Ende der Schwarzen Pest. Venedig betreibt nun eine konsequente Einwanderungspolitik, um die leeren Gassen wieder mit Leben zu füllen. Zuvor machen sich zwar ein paar Gründer Gedanken, zuvörderst Calendario, man liest Torsello, wünscht sich die Wiederaufnahme der Kreuzzüge, Eroberung Ägyptens und einen Kanal zum Roten Meer. Man wünscht die Abschaffung der Wahlnachfolgerschaft bei den Gründern, ein größeres politisches Gewicht der technologischen Eliten, also jener, die wissen, wie es gemacht wird, zum Nachteil jener, die bisher bestimmt haben, was überhaupt gemacht werden soll. Doch ohne das pestbedingte Aussterben von zwei Dritteln der verfassungstreuen Bürgerschaft hätte Calendario wohl nie gewagt, mit den Plänen seiner Reliefs zum Dogen der Republik zu gehen, um aus einer Gründerintrige ein welthistorisches Ärgernis zu machen.
Er zählt jetzt genug Verbündete. Auf seiner Seite stehen die Technologen, die reichen Popolanen Venedigs, reiche wie arme Neubürger - die von jeder politischen Mitwirkung ausgeschlossen sind. Auf seiner Seite steht der Doge Falier, dem Calendario mit der Erblichkeit seines Amtes winkt, steht princeps Guinizelli, der nicht recht bei Trost sein kann, und ein Teil des venezianischen Klerus’ dem nicht wohl ist bei der Romferne von Venedigs Staatskirche. Gegen Calendario stehen nur wenige Familien, die niemand anderen in den Großen Rat lassen wollen und die treue Fraktion der Gründer.

Calendarios erstes Ziel ist es, mittels der Falierverschwörung seine militärische Kontrolle über ganz Venedig, den Staatsapparat wie unser Großes Archiv, zu etablieren. Sein Werkzeug dabei ist Falier, den Calendario allmächtig machen will, da er ihn zu gängeln hofft. Mithilfe venezianischer Soldaten will er sodann die ihm feindlich gesonnene Gründerfraktion ausschalten. Warum princeps Guinizelli bis hier mitmacht? Weil Calendario ihm vorgaukelt, die Gründer gewönnen enorm an Einfluss, wenn sie unmittelbaren Zugriff auf die venezianische Staatsmacht und deren Ressourcen hätten. Wahrscheinlich verspricht er Guinizelli, der alte Falier werde ausgeschaltet, unmittelbar nach Gelingen des Putsches. Die Gründer würden dann die Macht im Staat Venedig übernehmen.
Umgekehrt muss er Falier erklären, dass es an der Zeit ist, nun endlich vorzugehen gegen diese Gründer, die im Inneren der Republik intrigieren und wühlen. Venedig unter seinem Erbherzog Falier könne solches Unwesen nicht länger dulden. Andererseits dürfe Venedig es sich mit den Gründern nicht verderben, denn deren überall verstreute Archive mit ihrem Geld, ihrem Wissen, ihren Kontakten und ihrer Macht könnten zur Gefahr für Venedig werden, wenn man sie nicht geschickt aus dem Großen Archiv lenke, wodurch hinwiederum Venedigs Interessen überall in der Welt in bisher ungeahntem Maße gefördert würden.
Durch seine Vertrautheit mit Falier ist Calendario dem princeps unentbehrlich - durch seine intime Kenntnis aller Gründerangelegenheiten dem Dogen Falier. Eine perfekte Konstellation, aber für Calendario noch nicht perfekt genug.
Er schreibt es zwar nirgends auf, doch der letzte Hintersinn seines Planes besteht darin, beide Funktionen in seiner Person zu vereinen, die Staatsführung und das Amt des princeps, vermutlich als Erbamt, denn erst so kann er ja seine Verbündeten zufrieden stellen und am Putsch profitieren lassen, indem er, ein Reicher, ein Händler, ein Schiffbauer, ein Gläubiger - ein Maurer - der sich immer für ihre Interessen eingesetzt hat und dem sie zutrauen, ebendiese Interessen auch weiterhin zu fördern, indem er über Venedig herrscht und über das verzweigte Netz der Gründer.

Die Verschwörung hat soziale Ziele und ideologische. In der Stadt Venedig und den von ihr beherrschten Territorien soll die Herrschaft der Patriziergeschlechter gebrochen werden zugunsten des Erbdogentums. Da von den Mitgliedern des Großens Rats Widerstand zu erwarten ist, sind Säuberungen und die Beschlagnahme des Vermögens der Widerständler fest eingeplant. Calendario will, ohne dass es ihn oder seine Freunde nur eine Zechine kostet, diese beschlagnahmten Vermögenswerte umverteilen an ärmere Neubürger, um so ihre Gefolgschaft den Putschisten zu sichern. Alle Bevölkerungsgruppen sollen sich ständisch organisieren. Calendario will Venedig mit einem Netzwerk neuer Scuole überziehen, um auch noch die kleinste Minderheit der Bevölkerung zu erfassen. Die Scuole schicken ihre Funktionäre in die beratenden Gremien des Dogen, wodurch ihre Teilhabe, Mitbestimmung und Einbindung in die Politik des Staates gewährleistet ist. Ebenso sollen die praefecten der Gründer dem Beraterstab des Dogen-princeps angehören. Außerhalb Venedigs sollen die Einrichtungen der Gründer jedoch weiterbestehen wie zuvor, nur dass sie ihre Befehle jetzt nicht mehr aus dem Großen Archiv, sondern aus dem Dogenpalast erhalten - eine perverse Fantasie!
Dann sollen die Gründer Europa zum Kreuzzug unter den Fahnen Venedigs und der Kirche sammeln - etwas, das uns in der Zeit unserer Macht nie gelungen ist, soll uns jetzt mit geschwächten, ja halb zerschlagenen Strukturen gelingen. Soviel zu Calendarios Realitätssinn, wo über den Tag hinaus gedacht werden muss!
Nachdem nun die Türken, wie Calendario es in Torsellos barbarischer Tradition für angemessen hält, nicht einfach nur besiegt, nein vollends ausgerottet sind, nachdem das Heilige Land und Ägypten wieder in christlicher Hand sind, beginnt endlich die große Schwelgerei im Maurertum - man hat ja nun beide Maurertrophäen in der Hand, den Tempel Salomonis und die Pyramiden. Natürlich glaubt Calendario, der in vielen Maurerhütten beschworene Baumeister aller Welten sein - oder zumindest dessen Stellvertreter auf Erden. Ach ja, es soll auch noch der Kanal gegraben werden zwischen Mittelmeer und Rotem Meer, aber wozu der gut sein soll, weiß niemand so recht. Wirtschaftlich kann er einem Venedig, das sich im totalen Krieg mit der islamischen Welt befindet, kaum nutzen. Soll er etwa eine bessere Verbindung zwischen COT und COR gewährleisten? Nein, auch nicht, da sei Agrippa vor, der Popanz aller gotischen Schlusssteinfanatiker. Agrippa hat mit den Chinesen geredet. Also wird Calendario gewiss nicht mit ihnen reden, schon aus Prinzip. Vergessen wir den Kanal!

Meist setzt die Geschichtsschreibung als Anlass an den Beginn der Falierverschwörung eine obszöne Beleidigung der jungen Frau des alten Dogen, eine Beleidigung die nicht hart genug bestraft wird. Das klingt dann ungefähr so: Eines Donnerstags, beim Bankett des Dogen, das der Stierhatz auf dem Markusplatz zu folgen pflegt, benimmt sich Michele Steno, Liebhaber einer der Hofdamen der Dogaressa, so schwer daneben, dass Falier ihn vor die Tür setzt. Nachts schleicht der junge Mann zurück in den Palast und kritzelt - entweder auf die Wand oder auf den Holzsitz des Dogen - die böse Zeile “Marino Falier, Mann einer schönen Frau, hält sie, obwohl andere sie küssen.” Man findet bald heraus, wer es war, Steno gesteht auch, aber der Rat der Vierzig verurteilt ihn nur zu zwei Monaten verschärftem Arrest, gefolgt von einem Jahr Verbannung aus Venedig. Der Doge tobt über das milde Urteil, das am ersten Tag der Fastenzeit 1355 ergeht, aber er fügt sich.
Tags darauf geht ein Barbaro, Mitglied eines der mächtigsten Patriziergeschlechter Venedigs, ins Arsenal, um dort, in Anwesenheit Calendarios, von den Meistern der Galeeren Zimmerleute für Bau seines privaten Dachstuhls anzufordern. Das Arsenal lehnt natürlich ab, es kommt zu einem Wortwechsel zwischen dem Barbaro und Filippo Calendario, der Barbaro schlägt zu, sodass sein scharfer Ring Calendario über dem Auge verletzt. Blutend läuft Calendario zum Dogen, um Genugtuung zu fordern. Der Doge verweist resigniert auf die milde Strafe für Steno - und so sitzen die Zwei am Ende zusammen, lamentieren über die Republik und verschwören sich gegen sie. Ein Schlachtplan wird ausgeheckt und verraten. Die Institutionen der Republik treten in aller Heimlichkeit zusammen, vereiteln den Plan, setzen die Verschwörer fest, verhaften den Dogen - und richten die meisten Beteiligten hin. Soweit die Chroniken.

Die Wahrheit ist etwas komplexer. Als Michele Steno den Stuhl beschmiert, ist die Verschwörung längst geplant - sie geht im Kern auf den November 1354 zurück, als Falier sich noch furchtbar aufregt über das Getuschel der Venezianer, seinen Fauxpas zwischen den Säulen betreffend. Schon in diesem Stimmungstief des neuen Dogen hat Calendario seine Chance ergriffen. Inzwischen ist etliches von seinen Plänen durchgesickert. Besonders unter den Gründern gibt es Unentschlossene, die zwar den Rückzug der Christenheit aus Outremer bedauern, andererseits jedoch Calendarios Ägyptenplänen durchaus skeptisch gegenüberstehen. Einer von ihnen ist Steno. Er kritzelt nirgends ein Couplet hin, sondern ritzt auf den Stuhl des Dogen eine Warnung. Sie zeigt eine Frau mit nacktem Oberkörper, die eine Schlange an ihre Brust hält, eine Schlange, die im Begriff ist, zuzubeißen. Mit einem Wort: Kleopatra, die Königin Ägyptens, die sich das Leben nimmt, als Augustus ihr Land zur kaiserlichen Provinz macht. Steno warnt: Hüte dich, Doge, vor dem Griff nach Ägypten. Lass ab von der Verschwörung Calendarios, wir wissen, dass ihr etwas plant und haben Maßnahmen ergriffen.
Falier jedoch kann oder will nicht mehr zurück. Wie soll er Stenos Schmiererei öffentlich erklären, ohne damit zugleich seinen Anschlag auf die Republik zu bekennen? Er widmet die Zeichnung also lieber um, zur Frechheit gegen die Dogaressa. Und für diese erfundene Frechheit wird Steno vom Rat der Vierzig milde abgeurteilt. Bevor er in Arrest geht, findet er einen Weg, successor Baudel von der der Verwicklung princeps Guinizellis und einiger weniger anderer Gründer zu informieren.
Calendarios Verwicklung in die Verschwörung kennen wir ohnehin besser als die Chronisten. Es ist ein Schachzug der Gründer, die Szene im Arsenal in die Chroniken zu bringen. Auf diese Weise ist Calendarios Mitwirkung platt und zufriedenstellend erklärt, ohne dass irgend jemand fragt: nach Portikuskapitellen, Programmen und letztlich nach uns.
Der taktische Plan der Verschwörer ist gar nicht schlecht. Siebzehn von ihnen, jeweils an der Spitze eines bewaffneten Trupps, warten in den äußeren Stadtvierteln auf den Schlag der Glocken von San Marco. Nur der Doge hat das Recht, sie läuten zu lassen, etwa wenn feindliche Schiffe in Sicht kommen, woraufhin alle wichtigen Bürger und Beamten der Republik auf die Piazza strömen, um den Anlass zu erfahren. Am 15. April 1355 soll Falier die Glocken läuten lassen. Die Patrizier sollen aus ihren Häusern rennen und sich auf der Piazza sammeln. Die bewaffneten Trupps der Verschwörer folgen in aller Stille, riegeln sämtliche Zugänge der Piazza ab, und nun wird verhaftet, wer sich ergibt und getötet, wer Widerstand leistet. Unmittelbar darauf nimmt der Doge die erbliche Herzogswürde an.
Das kann durchaus gelingen.
Doch es kommt anders. Successor Baudel informiert Niccolo Lioni von Santo Stefano und Giovanni Gradenigo Nasoni, den späteren Dogen. Diese beiden setzen die Häupter der Vierzig ins Bild, außerdem die Signori di Notte, die Vorsteher aller Sestieri und die fünf Savii Grandi della Pace, also die Hälfte des Zehnerrates. Man verteilt Aufgaben. Zuallererst wird dem Glöckner von San Marco strengstens verboten, zu läuten. Man vergewissert sich der Treue der Arsenalotti. Dann macht man sich daran, die Anführer der Verschwörertrupps zu jagen. Einige erwischt man noch auf ihrem Posten. Die meisten jedoch, darunter Niccolo Zuccuolo, Niccolo Biondo, Nicoletto Doro, Marco Giuda, Jacomello Dagolino, Marco Torello, genannt Isarello, Stefano Trivisano, Antonio della Bende und Nicoletto Fidele verhaftet man in Chioggia, wohin sie sich abgesetzt haben.
Der Doge wird vor die Verfassungsorgane der Republik zitiert, und ihm bleibt nicht weiter übrig, als Folge zu leisten. Als er geht, versuchen Filippo Calendario und Bertuccio Isarello aus dem Palast zu schlüpfen, werden jedoch verhaftet. Sie hängen als erste, am 16. April, an den roten Loggiasäulen des Dogenpalastes, zwischen denen die Dogen dem Stierkampf zuzuschauen pflegen. Die übrigen hängt man, einzeln oder in Paaren, an den darauffolgenden Tagen, Säule um Säule immer näher ans Wasser heran. Am 17. April wird Falier enthauptet. Am 21. April wird Giovanni Gradenigo neuer Doge der Republik. Anstatt nun successor Baudel dankbar zu sein für den hilfreichen Hinweis auf die Verschwörung, will Gradenigo mit aller Macht unser Großes Archiv ausheben - und es bedarf einer Menge Geschicks, ihn von diesem Plan abzubringen. Erst, als wir ihm garantieren, dass am 1. Juni der Friede mit Genua geschlossen werden kann, und Venedig eine Verschnaufpause zur Konsolidierung bekommt, gibt er nach.
Währenddessen sitzt princeps Guinizelli in Hausarrest, und die Dreiunddreißig prüfen seine Verwicklung in die Verschwörung. Am 25. Mai, als Art und Ausmaß dieser Verwicklung fest stehen, dringen Baudel und die praefecten in die Gemächer des princeps ein und bieten ihm die Wahl zwischen einem Becher Gift und ihren Dolchen. Guinizelli wählt das Eisen. Von rund hundert Gründern, die sich zum Zeitpunkt der Verschwörung in Venedig aufhalten, werden als Teilnehmer der Verschwörung entlarvt und bestraft ganze elf - europaweit sind es knapp fünfzig.

So endet die Verschwörung des Dogen Marino Falier. So endet Filippo Calendario. So beginnt die Saga der Maurer, kolportiert von Christianus Rosencreutz. Wir, liebe Freunde beim Consilium Novi Mundi, haben das Auge über der Pyramide nirgends hingepinselt, nichtmal auf eure Dollars. Verschont uns fortan mit dem Lamento!

Das Verschwörerprogramm

Verzeihen Sie den gereizten Tonfall! Das Verschwörerprogramm mag schöne Reliefs zeigen, Calendario hat Herzblut darauf verwandt, das Programm erzählt zweiachsig - nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen, man könnte es monokausal wie auch monofinal nennen, et cetera, et cetera - all das hilft nichts: Zum Schluss bleibt ein leeres Kapitell übrig. Unser Problem ist nicht einfach Christianus Rosencreutz, der die Figuren des Zerkonkapitells, die ursprünglich für Position XXXV geplant sind, nach Position XXI verschiebt, nein, unser Problem ist, dass zum Schluss eine Säule bleibt, für die es - im Verschwörerprogramm - keinen Plan gibt.

Rekapitulieren wir: Calendario legt unmissverständlich fest, dass das Zerkonkapitell nur auf Position XXXV realisiert werden darf.
Gleichwohl muss er den Dreiunddreißig das Gründerprogramm zur Genehmigung unterbreiten. Er tischt ihnen also die Version auf, das Zerkonkapitell würde auf Position XXI realisiert. Andererseits gelingt es ihm, sich noch ein Hintertürchen offen zu halten, dergestalt dass er auf XXI die jungen Leute von Kapitell XXII abbilden will. Man sieht - nicht nur bei ihm, auch bei seinen Auftraggebern, denen der Widerspruch unbemerkt durchschlüpft, herrscht ein erhebliches Maß an Verwirrung.
Calendario treibt die Täuschung so weit, dass er auf XXXV die Seelenvögel des chaotisch-depressiven Gründerprogrammzweigs realisiert - zweifellos in der Absicht, nach der Verschwörung die Vögel wegzumeißeln und die Köpfe des Zerkonkapitells anzubringen. Die Dreiunddreißig stutzen nicht einmal, als tatsächlich auf XXII die jungen Leute abgebildet werden, und somit - nach ihrer Sicht der Dinge - klar ist, dass das Zerkonkapitell auf Position XXI kommt, ohne dass es dort jedoch realisiert würde. Sie tolerieren monatelang das unbehauene Kapitell - Monate, in denen Calendarios Leute sich an ihren strikten Befehl halten, ja keine Hand an Kapitell XXI zu legen.
Als die Verhaftung Calendarios ihm die Kontrolle entzieht über seine Baustelle und die Skulpturenprogramme, realisiert der Adept prompt das Zerkonkapitell auf Position XXI. Die Vögel auf XXXV werden nicht weggemeißelt, sondern bleiben. So trägt heute jede Säule ihr Relief.
Aber man stelle sich vor, die Falierverschwörung wäre geglückt! Calendario hätte die Vögel von XXXV entfernt und dort das Zerkonkapitell realisiert. Was wäre mit Position XXI? Sie wäre, horribile dictu - leer! Keinerlei Auskunft. Kein Plan, keine Skizze oder Notiz. Es scheint, Calendario hat, ausgerechnet im Verschwörerprogramm, eine Säule vergessen. Wir stehen vor einem Rätsel.

Nachdem dies klar ist, wenden wir uns der Moloachse zu, so wie sie uns in Calendarios Notizen begegnet, das heißt, mit zwei Abweichungen vom heutigen Zustand. Säule XXI ist leer - wir werden sie stillschweigend überspringen. Und auf Position XXXV finden wir, abweichend vom heutigen Zustand, das Zerkonkapitell. Mit ihm beginnen wir, denn die Doppelachsigkeit des Verschwörerprogramms ist von den Ecksäulen Noah, bzw. Salomon nach innen orientiert. Die Orientierung geht nicht, wie im Gründerprogramm, vom Scheitelpunkt des rechten Winkels aus, sondern führt auf den Scheitelpunkt zu, in dem sich beide Achsen treffen. Auf dreifache Weise begreift Calendario Kapitell XIX: als Schlussstein des spitzen Gewölbes, das von Molo- und Piazzettaachse gebildet wird. Als Urprung des Winkelmaßes der Maurer und als - Spitze der Pyramide.

Da wir den Begriff des Maurertums hier mehrfach verwenden, und zwar in unerfreulichem Zusammenhang, betone ich nochmals, um jedes Missverständnis auszuräumen: Wir beschreiben hier nicht den Istzustand oder die Entstehungsgeschichte, geschweige denn die geistige Grundhaltung der Freimaurerei. Sie ist ein Element der Aufklärung - heute wie gestern. Was wir hier beschreiben zielt ins Dunkel, in ein Dunkel jenseits verlockend amüsanter - oder meinethalben auch ehrwürdiger - Mysterien. Falls überhaupt ein Zusammenhang zwischen der Freimaurerei und hier beleuchteten Sachverhalten besteht, dann nur symbolisch vermittelt über Christianus Rosencreutz, der wiederum Calendarios Maurerideologie ins Menschlich-Freundliche umgedeutet hat. Der Traum des Rosencreutz zielt auf soziale Emanzipation und Aufklärung. Mit der Barbarei, der religiösen Bigotterie und dem Fanatismus der Verschwörer um Calendario hatten und haben die Freimaurer nicht das geringste zu tun.

XXXV.
Zerkon Syenus jedoch, ein kleiner Mann, der, wie eingangs erwähnt, nicht hoch genug gerühmt werden kann, stammt aus Ägypten. Fraglich, ob Calendario ihn überhaupt in sein Verschwörerprogramm integriert hätte - ohne diese ägyptische Herkunft, denn aus Ägypten stammt für Calendario alles her - nach Ägypten drängt alles hin. Entweder Sanudos, i. e. Torsellos, Erwägungen zu Ägypten als strategischem Angelpunkt des Orients fixieren ihn auf ägyptische Mysterien oder die Faszination, die von den Hieroglyphen ausgeht, jener Symbolschrift, die im 14. Jahrhundert niemand mehr lesen kann, denn es soll noch gut vierhundert Jahre dauern, bis der Stein von Rosette entdeckt wird. Oder es ist doch die Bewunderung des Steinmetz/Architekten für die Baukunst Ägyptens. Vermutlich letzteres, obwohl nicht einmal belegt ist, dass Calendario, als er in seiner Jugend zur See fährt, die Pyramiden je selber zu Gesicht bekommt. Ganz sicher jedoch betrachtet er Venedig, ja die Gründer insgesamt, als ein Produkt Ägyptens. Das Kapitell ist daher nur in der Oberflächendeutung Völkertafel, die auf die Eckgruppe Noah folgt. Auch die tiefere Deutungsebene, die den Sieg der Gründer über die Hunnen zum Gegenstand hat, ist für Calendario Oberfläche. Ihm kommt es darauf an, dass ein Ägypter die Gründer nach Venedig führt - Zerkon magnificus.
Der Kopf des Falierdogen auf dem Kapitell ist Calendarios Zugeständnis an die gegebene politische Notwendigkeit. Sein eigener Kopf hingegen ist Programm. Und, all dies bedacht, könnte man noch eine dritte Erklärung anbieten für den achten Kopf des Kapitells, der, wie eingangs dargelegt, entweder bewusst einen Unbekannten darstellt oder Platzhalter ist für das Konterfei der Dogaressa Falier. Wenn wir als letztes Ziel Calendarios die Verschmelzung von Erbdogentum und Erblichkeit des principats der Gründer ernstnehmen, dann ist Faliers Frau völlig unerheblich. Allerdings könnte man dann jenes unbekannte achte Männergesicht als Platzhalter für Calendarios Gattin verstehen. Nur eine Hypothese.

XXXIV.
Wie wichtig ihm die Familie ist, seine eigene und die Familie als Konzept, entnehmen wir Notizen zu diesem Kapitell (Angehörige des ritterlichen Standes). Das ist ja auch nur konsequent, denn wie soll Vererbung von Macht funktionieren ohne die Bildung einer Dynastie? Auffällig bleibt der Widerspruch zwischen dieser Grundhaltung und Calendarios Hass auf die Patriziergeschlechter Venedigs, die schließlich nichts anderes tun, als Machtübergabe durch Vererbung zu organisieren. Was Calendario ihnen abspricht, strebt er für sich selber an. Dass viele Familien die Macht untereinander teilen, findet er obszön. Dass eine einzige Familie so verfährt, die glorreiche Dynastie Calendario, dafür geht er über Leichen. Die Frage jedoch, wem er die beiden angestrebten Ämter vererben will - in bisheriger Ermangelung von Leibeserben - beantwortet Calendario nirgends in seinen Notizen.

XXXIII.
Gleichwohl beginnt er bei den Knaben hier schon, einzelne Funktionen der Macht dynastisch zu verteilen, wobei die oberste Macht natürlich der Elterngeneration vorbehalten bleibt. Aber es scheint ihm ganz recht (siehe Knabe mit Weintraube), den ökonomischen Zweig der Macht und (siehe Knabe mit Kirsche) die gewaltsame Absicherung von Macht in der Familie zu delegieren. Auf dieses Thema kommen wir zurück, sobald wir die Wappenfrüchte besprechen. Die übrigen Knaben des Kapitells dienen im Verschwörerprogramm nur als Lückenbüßer, was ein bisschen verwundert, besonders bei jenen, die im Gründerprogramm mit ihren Seelenvöglein Umgang pflegen, denn die vogelköpfige ägyptische Götterwelt übt eine enorme Faszination auf Calendario aus, ungeachtet seines rigiden Christentums.

XXXII.
Auf dem Kapitell der Herrscher des Altertums spielt Calendario alternative Nachfolgeregelungen durch. Cäsar und Augustus stehen für die, anfangs nicht unproblematische, am Ende jedoch erfolgreiche Nachfolge durch Adoption. Alexander und Darius symbolisieren die Nachfolge durch militärische Ablösung, wobei Alexander hier nicht nur als Sieger über Darius in der Schlacht bei Gaugamela steht, sondern durchaus auch als Namenspatron Alexandrias, einst der Perle unter den Städten Ägyptens. Alexandrias Leuchtturm Pharos übrigens, das architektonische Weltwunder, wird sonderbarerweise nirgends erwähnt im Verschwörerprogramm des Maurers Calendario. Unwissen? Versehen? Ablehnung? Da wir schon einmal bei den architektonischen Weltwundern sind, kommen wir am besten auf die Hängenden Gärten von Babel, die gemeinsam mit dem Istartor und der Prozessionsstraße Nebukadnezars dafür sorgen, dass dieser geschworene Feind Ägyptens, der zudem noch unter dem Gesichtspunkt der Nachfolge uninteressant ist, dennoch mit aufs Kapitell gelangt. Oder macht Calendario uns etwas vor? Sind es gar nicht die gelungenen Bauten des babylonischen Königs - ist es insgeheim der misslungene mythische Turmbau zu Babel, auf den er hier anspielt? Ein Rest Bodenhaftung? Die Warnung, besser nicht zu hoch hinaus zu mauern?
An König Priamus von Troja erweist sich, dass Herrschaft durchaus nicht immer übergeht, sondern auch ganz brutal zerfallen kann. Troja verbrennt, Priamus wird am Zeusaltar von Neoptolemeus erschlagen - aber immerhin, sowohl Rom wie auch Venedig verdanken ihre Gründung der Legende nach seinen Nachfahren. Und Calendario, dem großen Leser, kann nicht entgangen sein, dass Ägypten - als griechisches Wort für das Land am Nil -zuallererst in der Ilias vorkommt, dem Epos über Belagerung und Untergang Trojas, wo Achill im Neunten Gesang schimpft:

“Böt er sogar die Güter Orchomenos‘, oder was Thebe
Hegt, Aigyptos‘ Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen:
...
Dennoch nimmer hinfort bewegte mein Herz Agamemnon,
Eh er mir ausgebüßt die seelenkränkende Schmähung!”

Trajan und Vespasian dienen Calendario, um beinahe schon frivol, die Möglichkeiten anzudeuten, die ihm selber bleiben. Vespasian - er erobert den Kaiserthron mit Unterstützung Ägyptens - vererbt die Macht seinem leiblichen Sohn Titus, während Trajan den Hadrian adoptiert. Zwei überaus erfolgreiche Nachfolgeregelungen.
Tatsächlich? Calendario definiert sie so, obwohl ausgerechnet Titus den Tempel Salomons in Schutt und Asche legt, das heilige Bauwerk der Maurer. Und Hadrian? Ausgerechnet er lässt Agrippas Pantheon restaurieren. Beides dürfte Calendario unlieb sein, mindert es doch die Qualität seiner Beispiele beträchtlich. Entwickelt er etwa Anflüge von Selbstironie? Wir bezweifeln das bei einem so fanatischen Menschen. Wir glauben eher, dass auch für ihn mit jedem Schritt, den er sich von der Wahrheit entfernt, die Wahrscheinlichkeit steigt, sich in logische Widersprüche zu verstricken. Noch ein Beispiel gefällig? Nehmen wir Cäsar: Gewiss, er greift entschlossen nach Ägypten, doch sind es nicht seine Legionäre, deren Brandpfeile die Bibliothek von Alexandria in Flammen setzen, so dass alles Wissen der Welt in Rauch aufgeht? Wie passt das ins Bild, großer Verschwörer?

XXXI.
Warum gesellt Calendario den Herrschern des Altertums acht vornehme Damen bei? Im Grunde bräuchte er nur zwei, denn nur Vespasians und Priamus’ leibliche Nachfolger sind für seine Erzählung bedeutsam. Beim Rest der Figuren auf XXXII handelt es sich ja um Usurpatoren (Alexander) oder Adoptivsöhne (Trajans Nachfolger Hadrian, Cäsars Nachfolger Augustus). Selbst wenn wir die Nachfolge des Augustus mit einbeziehen - Calendario lässt aber das schön bleiben, denn sonst müsste er ja auf Agrippa zu sprechen kommen - selbst also unter Berücksichtigung des Tiberius, sehen wir nur einen weiteren Stief- und Adoptivsohn, denn Nebukadnezar spielt in diesem Suchbaum möglicher Nachfolgeregelungen erkennbar keine Rolle.
Warum also acht Damen, wo zwei genügen? Calendario selbst gibt die Antwort. Die überzähligen Damen drücken seine Präferenz aus. Wir dürfen also annehmen, dass er, einen leiblichen Nachfolger bevorzugen würde, auch wenn er bereits einen Stiefsohn hat - Nicoletto Fidele. Salopp formuliert: Er arbeitet dran. 

XXX.
Von der Eckgruppe Noah aus, gelesen im Sinne von Calendarios Verschwörerprogramm, wirkt die Abfolge der Kapitelle XXX bis XXV gar nicht mehr so konfus, wie im Staats- oder im Gründerprogramm.
Plötzlich ertönt ein markanter Rhythmus: Tugenden und Laster gemischt - Arion und Mischwesen - Tugenden pur - Laster pur - Vögel - Tugenden und Laster gemischt.
Wir wollen hören, was der Rhythmus uns zu sagen hat. Sobald die Herrschaft errungen und legitimiert -, sobald die Nachfolgefrage geklärt ist, stürzt sich auch Calendario in das aufreibende Hin und Her moralischer Abwägung. Als Christ seiner Zeit kann er schlecht anders. Was für eine Art von Christ er ist, zeigt er sogleich auf diesem Kapitell, wo er das Laster des Unglaubens als Türken darstellt, der ein Götzenbild verehrt. Wir haben diesen gemeinen Unfug schon ausführlich gewürdigt. Die übrigen sieben Figuren des Kapitells will er verstanden wissen als Programm seiner Herrschaft über Venedig und die Gründer, und zwar in folgendem Sinne: Bescheidenheit will er üben.
Gehorsam will er selber üben gegen Gott und fordern von jedem, der ihm untertan ist.
Verzweiflung, die er offenbar für ein Laster der Gründer hält, die sich vieles viel zu sehr zu Herzen nähmen, will er vermeiden. Ausgerechnet er selber, der für das Gründerprogramm die negative Würdigung der Christenverfolgungen entworfen hat, findet diese Würdigung nun hysterisch und unangemessen. Natürlich verurteilt er die Christenverfolgung schärfstens. Natürlich wäre ihm der Fehler gar nicht erst passiert. Aber da er nun einmal passiert ist, soll man die eigene Macht davon nicht ankratzen lassen.
Geduld will Calendarios üben. Beständig will er sein.
Und durch Freigebigkeit will er sich ehren - das muss er wohl auch, denn nach dem gelungenen Putsch hätte er eine Menge Dankesschulden abzutragen.
Was hier fehlt sind die Herrschertugenden Tapferkeit und Gerechtigkeit, aber die kommen noch. Calendario spart nicht an Zeit und Raum für sich selber.  

XXIX.
Auf dem vorigen Kapitell begegnen wir einer Mischung aus Tugenden und Lastern. Hier nun treten uns - abgesehen von Arion auf seinem Delfin, den Calendario im klassischen Sinne deutet - die Mischwesen leibhaftig entgegen. Calendario liebt die Mischung. Das göttlich-tierisch-menschliche geht ihm gern durcheinander, immer vorausgesetzt natürlich, es stammt aus Ägypten. Da wären etwa zu nennen der Käfer Skarabäus, der seinen Kot zu Kugeln rollt, und so den Sonnenball hervorbringt. Weiter der Gott Anubis mit seinem Schakalkopf, die Sphinx mit ihrem Löwenleib oder der falkenköpfige Horus. Hauptsache Ägypten! Ägypten ist für Calendario alles, nicht nur im Sinne der Maurerideologie, sondern auch als Ursprung der Gründer. All unser Wissen, ja unsere Legitimation soll aus dem Schlamm des Nil stammen, aus dem sich so gut Ziegel brennen lassen, ja der Schlamm der Lagune selber am Sitz unseres Großen Archivs in Venedig bedeutet für Calendario nur ein Zitat Ägyptens.
China? Der Orakelrat? Calendario unterschlägt sie beide. Dass der Orakelrat einen Kundschafter schickt, Dschun, die Anfangsschwierigkeit, dass dessen Schiff im Roten Meer gekapert wird, er in die Sklaverei gerät, vom Haushofmeister des Marcus Vipsanius Agrippa für Gartenarbeiten gekauft wird und schließlich die Aufmerksamkeit Agrippas durch eine in den Sand geharkten Kalligrafie erregt - kein Wort davon! Statt dessen, platt und frech: Alles Gründerwissen stammt aus Ägypten. Agrippa, der Trottel, will es vergeuden. Doch der kluge Kaiser Augustus sichert es dem Imperium und den Gründern, indem er Ägypten zur römischen Provinz macht.

Warum, magister Filippo Calendario, Proto am Dogenpalast zu Venedig? Warum diese hartnäckige Verleugnung?

In Wahrheit hätte der kluge und weise Kaiser Augustus nicht einmal Augustus geheißen, nie wäre ihm der Ehrentitel vom Senat verliehen worden, auf immer wäre er Octavian geblieben - ohne seinen Agrippa. Und wie war das mit dem Sieg über Ägypten? Vergil, Staatsdichter des Augustus, der nun wahrlich nicht im Verdacht steht, den Kaiser herabzuwürdigen, beschreibt in der Äneis den Auftakt der Seeschlacht von Aktium so:

"Sieh in der Mitte des Schilds die actische Schlacht, das Gewimmel
Schwergepanzerter Schiffe, dahinter die Küste Leukates,
Hitzig wütet der Kampf auf den sonnenschimmernden Fluten.
Sieh den Cäsar Augustus die Italer führend im Streite
Geist des Volkes mit ihm, beschützt von Penaten und Göttern
Steht er auf hohem Verdeck, goldflammend die Schläfen im Eifer
Und im Glanze des Ahnengestirns, ihm strahlend zu Häupten.
Dort das Flankengeschwader, von Götterwinden begünstigt
Lenkt hochragend Agrippa, die Stirn umflammt von dem stolzen
Zierenden Zeichen des Seekriegs, der Schiffsschnabelkrone
Den beiden gegenüber jedoch, an der Spitze barbarischer Streitmacht,
Buntgerüsteter, treibt Antonius, Sieger des Ostens Stämme vom Morgenland, Ägypter, baktrische Völker
In den Kampf, neben sich - oh Schmach - die ägyptische Gattin."

Tatsächlich lenkt allein Agrippa die Schlacht, während Augustus, je nach Bericht, entweder seekrank oder mit vor Angst versagendem Schließmuskel seine Kabine hütet, ganz zu schweigen von dem simplen Faktum, dass Agrippa die besonderen Rammsporne und Panzerungen hat anbringen lassen, die der Flotte Octavians den Sieg bringen. Unmittelbar darauf gehen neunzehn Legionen des Antonius zu Octavian über und das Römische Reich ist so gut wie geeint.

Trotzdem kommt Agrippa nicht vor im geheimen Programm des Schandmauls Calendario! Jeder ägyptische Gott nötigt ihm Ehrfurcht ab. Das allen Göttern geweihte Pantheon Agrippas jedoch, diese erhabene Geste der Toleranz, verurteilt er in kleinlicher christlicher Scheinheiligkeit, ach was, genau genommen als Maurerideologe wegen des mangelnden Schlusssteins, obwohl seine Zeit durchaus noch in dem Irrtum befangen ist, ein Pinienzapfen hätte den offenen Kreis im grandiosen Gewölbe Agrippas verschlossen. Und so beäugt denn auch ein Mann mit dem Unterkörper eines Stiers einen Pinienzapfen, um, wie verklausuliert auch immer, darauf hinzuweisen, dass der maurerideologische Vorwurf, obwohl vielleicht unzutreffend, trotzdem im Raum stehen bleibt. Mischwesen halt!
 
XXVIII. und XXVII.
Doch verlieren wir nicht den Rhythmus der Kapitelle aus dem Ohr! Nach der Mischung von Tugenden und Lastern und den explizit leibhaftigen Mischwesen folgen nun zwei monothematische Kapitelle.
Nummer XXVIII ist allein den Tugenden gewidmet, und zwar den Theologischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, Demut, sowie den aristotelischen Kardinaltugenden Tapferkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Klugheit.
Kapitell XXVII hat dafür die Hauptlaster zum Gegenstand: Wollust, Gefräßigkeit, Hochmut, Zorn, Geiz, Trägheit, Eitelkeit, Neid.
 
XXVI.
Die Vögel der Lagune schändet Calendario mit folgender Notiz: “aves sunt dei Thot”, “dies sind die Vögel des Gottes Thot”. Natürlich ein ägyptischer Gott, der Gott des Wissens, ein ibisköpfiges Mischwesen, das im Schlamm des Nils gründelt.

vogel

Wir danken schön und halten uns lieber an die vierundsechzig Hexagramme des I Ching, wenn es um Stiftersymbolik geht. Aber die sind natürlich über Agrippa vermittelt und kommen deshalb nicht vor. Nein, ich will gerecht bleiben, sie sind zu gründerspezifisch, um am Dogenpalast der Republik Venedig thematisiert zu werden. Auch im Gründerprogramm kommen sie ja nicht vor.

XXV.
Dafür gibt es hier noch einmal Tugenden und Laster im Verhältnis fünf zu drei. Wir hatten das schon. Wir brauchen das nicht noch einmal.

XXIV.
Die Löwenköpfe - wir erinnern Leo neronis, den Christenwürger -, die im Gründerprogramm an ein ernstes Legitimationsproblem rühren, dienen Calendario, bei allem Christenfanatismus, nur zum selbstgerechten Vorwurf. Fast hat man den Eindruck, nicht nur China werde zugunsten Ägyptens unterschlagen, sondern auch die heidnische Antike, mitsamt ihrer Verbrechen, zugunsten der christlichen. Calendario will offenbar die Gründer in einem Maße umfunktionieren, will den Rat mit weltlicher und geistlicher Macht zu einem derartigen Mischwesen verschmelzen, will uns so weit neu verorten, dass bestimmte Traditionszweige einfach gekappt werden müssen, weil sie in unvermittelbarem Widerspruch stehen zu seinen Absichten.

XXIII.
Von der Tiersymbolik dieses Kapitells interessieren nur drei Figuren, der Affe, dessen Gesicht von einem Kranz gesträubter Haare umgeben ist - nennen wir ihn getrost: Pavian. Und das Löwenpaar, das nach Calendarios Lesart tatsächlich jenes Pärchen ist, das Friedrich von Sizilien dem Dogen schenkt, so dass 1316 Nachwuchs kommt. Selbstredend stammt das Löwenpaar jedoch nicht von der Mittelmeerinsel Sizilien, sondern aus Calendarios ehrwürdigem Ägypten.

löwe

löwin

Wer wird sich da noch wundern, wenn Calendario in den Notizen schwärmt, diese Geburt, diese Fortpflanzung ägyptischer Löwen, habe ihm erstmals die Bedeutung Ägyptens für die Entstehungsgeschichte der Gründer vor Augen geführt. Nun ja, auch der Leichnam des Heiligen Markus stammt ja dorther. Womöglich eine Art geistiger Infekt? Eine gründerspezifische Rache der Pharaonen?
Der Pavian jedenfalls ist eine der Personifikationen Thots, wenn der es nicht gerade vorzieht, als ibisköpfiger Mensch aufzutreten.

pavian

XXII.
Und so lehrt Thot die jungen Menschen dieses Kapitells, während sie miteinander flirten, vermutlich im Bestreben, das Ihre zu Calendarios dynastischer Absicht beizusteuern, rasch noch das geheime Wissen Ägyptens. Das, bitte, worin genau besteht?
Unleserliche Schrift. Pyramidenspitzen, Obeliskenspitzen, idealtypische Fantasien mittelalterlich-europäischer Schlusssteinfanatiker. Ein Kanalbauprojekt in Ägypten - das wird die peinlichste aller Enthüllungen über Calendario, wenn wir ihm auf den Grund gehen. Ägypten als Herkunftsland der Reliquie des Hl. Markus. Ägypten als Eroberungsprojekt des Türkenhassers Sanudo, genannt Torsello. Ägypten als Streitobjekt zwischen Agrippa und Augustus. Ägypten als Herrschaftsgebiet von Gottkönigen, die sich zwecks Reinerhaltung ihrer Dynastie der Geschwisterehe zuwenden. Oh weh!

XXI.
Das Kapitell ist leer, vielleicht zum Glück! Legen wir eine Schweigeminute ein für die verratenen Ursprünge der Gründer!

XX.
Mit erneuertem Abstand betrachten wir die letzte Säule vor der Ecksäule. Die Venezianer sehen Tubalkin. Die Gründer ehren Marc Aurel. Und in derselben Gestalt ehrt Calendario seinen Popanz „Agrippa melior“, den Schreiberling Sanudo, genannt Torsello. Über die ganze Moloachse hinweg blicken die Komplizen einander ins Auge: der Anstifter Sanudo dem Möchtegerntäter Calendario.
Der Rest der Figuren auf dem Kapitell entspricht den Zuordnungen des Gründerprogramms, das hier fast selbstzerstörerische Züge annimmt. Agrippa fehlt - völlig unzureichend ersetzt durch Thrasyllus in Gestalt des Priscian.
Hyginus, der Bibliothekar des Augustus, der als Erster die Schriften Agrippas archiviert und versteckt hat, sieht hier aus wie Aristoteles.
Pythagoras bleibt auch im Programm Calendarios stehen für den Konsolidator-princeps Titus Marullus Gnipho, was uns doch verwundert. Hätte nicht Pythagoras mit seinem mathematischen Satz über das rechtwinklige Dreieck, dass nämlich die Summe der Kathetenquadrate gleich sei dem Inhalt des Hypotenusenquadrats viel besser zum rechten Winkel Calendarios gepasst?
Gnipho war ein guter Mann, ebenso Hyginus. Schade dass Calendario sich ihrer annimmt, aber es geht ihm nun einmal hier um die Frühzeit des Archivs. Er steht auf der Seite des Lysippides von Delphi (Euklid) und Hierons von Alexandria (Ptolemäus). Er meint, das Archiv gehöre nach Alexandria, quasi als Neu- und Nachbau der alexandrinischen Bibliothek. Wissen und Ägypten sind für ihn identisch - armer Narr vor der unleserlichen Schrift! 
Cicero als Darsteller des Paulus Cyprianus, des ersten christlichen princeps, passt wieder ins Bild.
Und Salomon bleibt natürlich Salomon, der Erbauer des Tempels.
Die Idee der Sieben Freien Künste aber, die dem Kapitell in der offiziellen Programmatik zugrunde liegt und gespiegelt wird in den Bildhauerheiligen auf Kapitell XVIII, gerade ums Eck, hat für Calendario keinerlei Bedeutung. Oder wenn doch, so verschweigt, ja unterschlägt er sie. Wollen wir ein Motiv mutmaßen? Dass jemand etwas wissen und können kann, ohne entweder aus dem handwerklichen oder gleich göttlichen Milieu zu stammen, scheint ihm suspekt.

XIX.
Das Menschliche, das Göttliche, das Handwerkliche und der Kosmos, Venedig und die Gründer und der Glaube und Ägypten verschmelzen in dem Baumeister aller Welten, der klein Adam Calendario an seine Seite beruft. Soviel einstweilen zum Eck-Kapitell. Es gäbe noch allerlei zu sagen, aber die Dramaturgie des Updates legt nahe, damit bis zum Ende zu waren, wenn auch die Kapitelle I bis XVIII hier angekommen sind. Nummer XIX ist ja der Zielpunkt beider Achsen.

Zwischenbemerkung:
Unsere Hypothese lautet: Die Verschwörung ist geglückt und Calendario hat seine Pläne verwirklicht! Auch steht der Palast heute noch und ist nicht - als Sitz eines Monstrums, halb Doge der Gründer, halb princeps von Venedig - rächender Nemesis anheim gefallen. Das Rätsel von Kapitell XXI lassen wir auf sich beruhen. Das Zerkonkapitell befindet sich auf Position XXXV.
Nur - was wird jetzt aus den Kapitellen I bis XI, wo wir heute meist Kopien von der Moloachse vorfinden? Hätte Calendario Erfolg gehabt, wäre dies selbstverständlich anders. Doch weit entfernt, dass wir hier nun die vor dem Baustopp gültige Programmatik von Staats- und Gründerprogramm vorfänden, die ja, cum grano salis, äußerlich identisch sind! Nein, Calendario plant kühl. Wenn diese Säulen unter den Meißel kommen, denkt er, kann ich am Bau längst ungehindert schalten und walten. Keine Aufsicht der Gründer oder des Dogen wird mich hindern. Folglich brauche ich mich an keinen genehmigten Plan zu halten, sondern kann nach Gutdünken ändern.
Gesagt, getan. Manches bleibt stehen, wie wir es kennen. Manches wird teilweise angepasst. Anderes wird für das Verschwörerprogramm komplett neu entworfen. Wundern Sie sich also nicht, wenn das Verschwörerprogramm Ihnen hier Kapitelle beschreibt, die Sie weder auf Position I bis XI von der Piazzetta aus so sehen, noch zuvor im Text so gelesen haben!

I.
Oben die Eckgruppe Salomon: Der unteilbare Orbis in Gestalt des Kindes, das eben nicht in zwei Stücke zerhauen wird, bleibt auch für Calendario unteilbarer Orbis. Justitia bleibt auch für Calendario Justitia - ob ihr Löwenthron ägyptischer Herkunft ist, dazu äußert er sich nicht. Aristoteles, Fußnote zu Plato und Hauslehrer Alexander des Großen - eine mittelalterliche Konvention. Auch Trajan hatten wir schon einmal, auf Kapitell XXXII. Hier jedoch steht er nicht als Adoptivvater Hadrians, sondern als derjenige Römische Kaiser, unter dem die Herrschaft Roms sich räumlich am weitesten ausgedehnt hat. Solon als eine der Quellen des Rechts verblüfft - warum nimmt Calendario nicht Drakon? Der hätte besser zu seinen Plänen gepasst.
Scipio wiederum liegt nahe. Die Schleifung Karthagos war der Anfang des “orbis” im geographischen Sinn. Ohne Scipio wäre Rom nie in die Verlegenheit geraten, Ägypten nehmen zu müssen, um den Kranz der Provinzen um das Mittelmeer abzurunden.
Numa Pompilius, der zweite König Roms, der im Schriftzug auf dem Kapitell nur als Bauherr gerühmt wird, ist in mehrfacher Hinsicht interessant für Calendarios Ikonographie: Er reformiert den römischen Kalender und fügt ihm die Monate Januar und Februar hinzu. Auch Calendario wähnt, Begründer einer neuen Zeitrechnung zu sein. Numa Pompilius strukturiert die römische Gesellschaft durch Bildung von Handwerkerkollegien - Calendario plant, Venedig mit einem Netz von Scuole zu überziehen. Er fühlt sich dem alten Römer geistesverwandt. Obwohl Cicero dies als chronologisch unmöglich ablehnt, gilt Numa Pompilius im Mittelalter als Schüler des Pythagoras - und um die Ecke, auf XX, wo wir Pythagoras schon mal begegnet sind, tritt dieser als Platzhalter für Titus Marullus Gnipho auf, der den Rat nach dem Tod Agrippas konsolidiert. Lauter Schuhe, in die Calendario schlüpfen will, befangen im Irrtum über die Größe seiner Füße.
Aber das Beste kommt erst noch, die Hand sträubt sich beinah, es aufzuschreiben: Zweimal Moses. Zweimal der Mann, der das jüdische Volk aus ägyptischer Gefangenschaft herausführt. Was will der Proto des Palastbaus uns damit sagen? Erstens: Man flieht nicht aus ägyptischer Gefangenschaft! Das tut man einfach nicht! Es ist ein Vergnügen und eine hohe Ehre, Stein zu schleppen für die Pyramiden. Zweitens: Wenn man trotzdem flieht, dank Moses, der sogar die Wasser des Roten Meeres teilt, um sein Volk vor den Kriegern Pharaos zu retten, dann erscheint irgendwann ein historischer Rächer, der den Vorgang wieder umkehrt. Moses teilt die Wasser und schafft einen Landweg mitten hindurch. Calendario teilt das Land und schafft einen Wasserweg mitten hindurch. Diese Verstiegenheit, nichts sonst, ist das Motiv seines ägyptischen Kanalbauprojekts. Und damit genug! 

Kapitell II. zeigt den Tempel Salomons. Man fragt natürlich, wie Salomon in Jerusalem je seinen Tempel hätte bauen sollen, hätte nicht zuvor Moses sein Volk aus Ägypten herausgeführt. Calendario fragt sich das offenbar nicht.

III.
Hier beschreibt er ausführlich sein ägyptisches Kanalbauprojekt. Dargestellt sind das Ausschiffen von Arbeitern und Werkzeugen. Vermessungs- und Grabungsarbeiten und schließlich das Schiff im Kanal. Immerhin löst Calendario die perspektivischen Probleme des letzten Motivs künstlerisch originell: Hinter einer Reihe von Palmen erhebt sich ein halber Schiffsrumpf aus dem Land, angetrieben von stolz geschwellten Segeln. Weltbaumeister Calendario verfügt zweifellos über geheime Möglichkeiten, die Winde Ägyptens zu lenken.

IV.
Das Schicksal, das er der besiegten muslimischen Welt zu bereiten gedenkt, findet hier seinen plastischen Ausdruck. Kniende Turbanträger, die Hände gefesselt, warten auf einen Henker, dessen Kleid über und über mit Kreuzen bestickt ist. Sogar in das Blatt seiner gewaltigen Axt ist ein Kreuz ziseliert. Von einem Thron in den Wolken segnet Gottvater den massenhaften Mord. Er sitzt auf demselben Thron wie auf Kapitell XIX und hat wie dort Adam an seiner Seite, obwohl der ja in keiner Weise in den geschilderten Zusammenhang passt. Aber Calendario sieht sich nun einmal gern als neuen Adam, Helfer des Schöpfergotts, als erster neuer Mensch. Die abgeschlagenen Köpfe seiner Feinde lässt er in das Fundament eines gewaltigen Bauwerks einmauern, das weder optisch noch anhand seiner Notizen identifiziert werden kann, ihm jedoch enorm wichtig sein muss, denn es erstreckt sich über vier der acht Kapitellseiten.

Kapitell V. zeigt den Dogenpalast und ist zu diesem Zweck nicht achtseitig, sondern als Quader geformt. Die zwei der Piazzetta zugewandten Seiten bilden die Palastfassaden maßstabsgetreu ab. Die dem Portikus zugewandten Seiten sind bedeckt von Steinmetzzeichen, die wir heute nicht mehr identifizieren können. Für Calendario muss die Zuordnung zu den konkreten Meistern und Gesellen evident gewesen sein, denn er macht sich nicht die Mühe, sie eigens aufzulisten.

VI.
Unser Großes Archiv heißt schon damals “Haus ohne Tür”. Natürlich hat es trotzdem einen Zugang. Und ebendiesen Zugang bildet Calendario hier exakt ab, als Einladung für jedermann, uns zu besuchen. Er ist nun princeps der Gründer und Doge von Venedig und hat derart lächerliche Rücksichtnahmen, wie etwa die Geheimhaltung, nicht mehr nötig. Grenzenlose Selbstüberschätzung ruiniert seinen Verstand.

VII.
Alles strebt für Calendario der großen mystischen Vereinigung zu, abgesehen natürlich vom Islam. Er beabsichtigt tatsächlich, vielleicht noch nicht für sich persönlich, aber gewiss doch für seine Nachfolger auch Papst- und Kaiserwürden anzustreben. Die vereinigte Macht Venedigs und der Gründer genügt ihm als Fundament. Und so zeigt das Kapitell den Markuslöwen, die Kaiserkrone des Westreichs, die gekreuzten Schlüssel Petri, das Pfeilsymbol der Gründer und die Hagia Sophia von Konstantinopel umschlungen von einem einzigen langen Band.

VIII.
Die Pyramiden von Gizeh haben es Calendario angetan - obwohl wir nicht wissen, ob er sie persönlich je gesehen hat. Jedenfalls zeigt dieses Kapitell die Pyramiden achtmal, einmal auf jeder Kapitellseite und immer aus derselben Perspektive - eine so hartnäckige Wiederholung, dass man sie nur als Betonung des Motivs deuten kann.

IX.
Nur vier Pyramiden plant er für dieses Kapitell, unter geschickter Ausnutzung des Achtecks. Jede Pyramide erstreckt sich über zwei Kapitellseiten. Ihre Spitze fällt mit der Ecke zusammen, so dass die Reliefs ungewöhnlich vollplastisch wirken. Anstelle des normalen Schlusssteins stattet der Schlusssteinfanatiker Calendario seine Fantasiebauten jedoch an der Spitze mit Gründerpfeil, Markuslöwen, Papstschlüsseln und Kaiserkrone aus, denn als Vollendung und Höhepunkt ihrer historischen Mission soll seine Dynastie diese Säulen der Macht vereinen, in vier pyramidischen Hauptquartieren, idealerweise in Ägypten.

X.
Die Kirsche ist Wappenfrucht des praefectus ordinis. Die Traube ist Wappenfrucht des praefectus horrei. Das Grüngold der Melone ist die heraldische Farbe der Strategiepraefectur. Der Kürbis steht für das Große Archiv, die Birne für das Kölner Archiv, der Pfirsich für das Byzantinische Archiv. Die Feige ist Wappenfrucht des praefectus magistrorum. Die Gurke auf dem Kapitell ist nur ein Füllsel, ohne heraldische Bedeutung im Gründerkontext.
Traditionell ist der Umgang, den die verschiedenen Institutionen des Rates miteinander pflegen, höflich und kollegial. So wird zum Beispiel nicht eigens betont, dass selbstverständlich dem Großen Archiv größere Bedeutung zukommt, als jedem noch so ehrwürdigen, Provinzialarchiv. Da es jedoch im Rat um 1340 zu Rangstreitigkeiten unter den Institutionen kommt, soll auf diesem Kapitell, als versöhnliche Geste, prinzipielle Gleichrangigkeit der Ämter dargestellt werden. So lautet der Auftrag der Gründer. Was aber macht Calendario in seinem Verschwörerprogramm? Nicht nur schichtet er die Früchte zu Pyramiden auf, als Hinweis auf das Land, in das er die Ämter zu verlegen gedenkt. Nein, da seine Anhänger im Rat in ihrer Mehrzahl der praefectura magistrorum angehören, betont er deren Bedeutung und spricht ihr Dank aus, indem er allein die Feige überproportional groß gestaltet, während er alle anderen Früchte gleich klein lässt. Bei aller Gefährlichkeit, ja Barbarei - letztlich ist er ein Kindskopf.

Melonen

XI.
In Ägypten ist die Sphinx ursprünglich Personifikation des Königs, Löwenleib mit Männerkopf, ein Wesen, das physische Kraft mit Denkvermögen in idealer Weise verbindet. Später haben sich durchaus auch Pharaoninnen dieser Symbolik bedient. Aber die Sphinx als Rätselstellerin, wie sie im griechischen Volksglauben, etwa in der Sage von Oidipos vorkommt, ist in Ägypten unbekannt. Insofern unterläuft Calendario hier ein Zuordnungsfehler, wenn der Ägyptomane seinen Sphinxkönig Rätsel stellen lässt. Oder, wer weiß, vielleicht entspringt auch dies seiner Vorliebe für Vermischung und Verquickung.
Acht Sphingen stellen acht Königen je eine Frage, so schreibt Calendario in seinen Notizen. Der ideale Herr Ägyptens will von den Königen wissen, wer dazu berufen sei, ihm nachzufolgen. Sieben Könige geben offenbar falsche Antwort, denn sie sind dargestellt, wie ihnen gerade die Krone vom Kopf fällt oder wie sie schon im Sand liegt. Der achte König zeigt zum Sonnenball empor. Er steht unbeeinträchtigt vor der Sphinx und trägt die Krone auf dem Kopf. Calendario will das so verstanden wissen: Der große Weltenherrscher, der alle Probleme löst und jeden Feind besiegt, muss nur verstehen, im Einklang mit der Zeit zu handeln. Dann regiert er unangefochten, handelt mit Billigung der Sphinx und vermag der Welt eine neue Ordnung zu geben.

Und so zeigt im Anschluss Kapitell XII. die Monate als Ordnungssystem der Zeit. Kapitell XIII. (Schicksal des jungen Paares) erwähnt zwar kurz noch einmal, dass Outremer verloren ist, aber nur im Sinne eines Rückblicks, denn auf den Spuren Torsellos wird der Orient ja nun wiedererobert. Bei aller Belesenheit Calendarios - Soldlisten hat er gewiss niemals studiert, denn sonst wäre ihm klar, dass ein solches Unternehmen schlechterdings nicht finanzierbar ist.

Doch das ficht ihn nicht an. Auf Kapitell XIV. wird den Völkern ihre Rolle in der Welt vom christlichen Gottkönigprincepsdogen zugewiesen. Calendario plant dezidiert eine feierliche Zeremonie, in der er persönlich oder sein Nachfolger die Gestalt des Türken aus dem Kapitell herausmeißelt, sobald Torsellos verbrecherisches Ausrottungsurteil an ihm vollstreckt ist.

Auf Kapitell XV. wird jedem Lebensalter vom allmächtigen Weltenlenker Rolle und Maß zugewiesen.

Kapitell XVI. unternimmt ebendies für die Berufe - fast dreißig Scuole will Calendario neu schaffen, um nur ja jeden Berufsstand zu erfassen und in sein neues venezianisches Verfassungssystem einzugliedern.

Hier auf Kapitell XVII. wird sogar die Natur gebannt und in ihre Ordnung gewiesen - ausgerechnet von einem Mann, der den ibisköpfigen Gott Thot verehrt

XVIII.
In den gekrönten Bildhauerheiligen fließt ein Gutteil der Symbolik und Pläne Calendarios noch einmal exemplarisch zusammen. In der Geschichte der Gründer stehen sie für die Aussöhnung mit dem Christentum. Sie sind heilige Handwerker. In Calendarios Maurerideologie vereinigen sie Funktionen der technologischen Elite mit dem Anspruch auf Herrschaft - sie tun ihre Arbeit und tragen Kronen dabei. Niemand wäre besser geeignet als sie, dem Volk auf der Piazzetta klarzumachen, wem die Herrschaft gebührt - und warum.

XIX.
Nur vor der allerletzten Überhöhung schreckt Calendario auf XVIII noch zurück. Die bleibt dem Eckpfeiler vorbehalten.
Bemerkenswerterweise hat Calendario nirgends auf die frühe ägyptische Astronomie und Astrologie Bezug genommen - es sei denn, man hielte sich an den Ptolemäus von Kapitell XX. Doch das ist eigentlich unzulässig, denn das Alexandria, in dem er lebt, ist im zweiten nachchristlichen Jahrhundert längst auch römisch geprägt - und der große Wissenschaftler steht sogar in regem Briefwechsel mit unserem Gründer/Kaiser Marc Aurel.
Abgesehen davon scheint Calendario die Himmelsbeobachtung und -deutung, die den Ägyptern doch so ungeheuer wichtig ist, ziemlich gleichgültig. Allenfalls wäre noch auf das Sphinx-Kapitell zu verweisen, wo sich der achte König qualifiziert, indem er zur Sonne empordeutet.
Hier nun, auf Kapitell XIX, dem Scheitelpunkt des rechten Winkels, dem Finale der beiden aufeinander zulaufenden Erzählungen Calendarios, dem Schlussstein des Maurers oder der Pyramidenspitze, hier bricht er mit der Himmelsabstinenz. Calendarios ganzer Entwurf läuft auf diese Ordnung des Kosmos hinaus. Und mitten darin thront der Schöpfergott, der all dies schon geschaffen und wohl eingerichtet hat - und segnet Adam, dem er die Welt anvertraut. Gott ist sogar beschriftet, auf dass man ihn verstehe.
DE LIMO D(eu)S ADA(m) DE COSTA FO(r)MAVIT EVA.
Gott schuf Adam aus Lehm (ob aus dem Schlamm des Nil steht nirgendwo geschrieben) und aus dessen Rippe Eva.
Darüber in der großen Eckgruppe der Sündenfall.
Ganz klein, so als schäme er sich, als wolle er nicht ertappt werden, winzig kritzelt magister Filippo Calendario neben den Entwurf, halb in die Zeichnung hinein: “Filippo enim Adam quoque”. Zu ergänzen wäre “est”. Und übersetzt hieße es dann: Filipp nämlich ist auch Adam.
Am Anfang aller Dinge.
In der Mitte des Kosmos.
Herr über das Wissen und die Macht und die mythischen Großbauwerke der Welt.
Zuletzt geknebelt mit einem Strick um den Hals zwischen den roten Säulen jenes Palastes, auf dessen Portikuskapitelle er soviel künstlerische Sorgfalt und verschwörerische Energie verwendet hat.

Bleibt nachzutragen: Die Halbkapitelle BI und XXXVI sind im Verschwörerprogramm nicht definiert.


Zeitsprung und Schlussbetrachtung bei der Porta della Carta

Wenn unsere Kollegen aus den Bruderräten vor der Porta della Carta stehen, um im Gewühl von Touristen und Spitzeln das Unterhaltungsprogramm columnae zu genießen, erkennen die wenigsten im Relief des vor dem Markuslöwen knienden Dogen Foscari die 1975 restaurierte Nachbildung aus dem Jahre 1885. Nicht einmal alle ständigen Delegierten bei der Jahrfünftkonferenz, sondern höchstens zwei oder drei kunsthistorisch ganz besonders Interessierte wissen, wen Foscari personifiziert, wo sich das Original seines Kopfes befindet und wie es ab 1438 entsteht.

Die Schnittstelle zwischen Dogenpalast und Basilika wird lange vor dem Umbau des Ziani-Palastes und Calendarios erstem Plan geadelt durch Aufstellung der Tetrarchen und der Pilastri Acritani. Als die Buon, Giovanni und Bartolomeo, der Republik Venedig im Vertrag vom 10.11.1438 zusichern, das Projekt Porta della Carta für 1700 Dukaten in anderthalb Jahren zu vollenden, und zwar “segondo la forma di uno disegno che per nui e fatto“, rechnen sie nicht mit den Gründern - wie auch? Dabei ist noch kein Vierteljahrhundert vergangen, seit wir Calendarios Notizen entdeckt und sein Verschwörerprogramm an den Portikuskapitellen entschlüsselt haben. Der Zorn der Dreiunddreißig brennt noch, als sie beschließen, an der Porta della Carta ausgleichende Gerechtigkeit zu üben, wobei das “disegno che per nui e fatto” der Bildhauer leicht modifiziert werden muss.
Die Buon gehorchen und gestalten den Foscarikopf gemäß dem Wunsch der Dreiunddreißig. Und so findet sich zwischen dem Markuslöwen auf der Säule und der Kirche des Heiligen Markus doch noch das Abbild jenes ersten, des heidnisch-toleranten Marcus, der auf den Portikuskapitellen nirgends vorkommt, obwohl er die Gründer erschaffen hat und fünfhundert Jahre später zur Ursache wird, dafür dass ein Lagunendorf aus Fischern, Salzsiedern und Flüchtlingen sich prächtig entwickelt. Die gemeißelten Züge Foscaris sind das Gesicht Marcus Vipsanius Agrippas.

Foscari und Löwe

Jahrhunderte gehen ins Land. Die Renaissance löst die Gotik ab. Europa unterwirft sich fremde Kontinente, während im Mittelmeer immer noch der Angriff des Islam auf die christliche Welt rollt. Erst mit der gescheiterten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683 wendet sich das Blatt, und der Islam gerät zunehmend in die Defensive. Wir benutzen die absolutistische Herrschaft, um das Gewaltmonopol des Staates endlich durchzusetzen. Aber da Macht nun einmal korrumpiert, korrumpiert absolute Macht absolut - und wir stehen vor der Aufgabe, den jungen Staat aus den Klauen blutsaugerischer Könige und Aristokratien zu befreien, um ihn den fortschrittlichen Kräften der Völker anzuvertrauen. Ach, wie ist doch die Zeit der Aufklärung hoffnungsselig!

Eine der großen Tragödien an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert besteht darin, dass ausgerechnet wir, die wir das Ende des Ancien régime planen - wobei die Federführung beim gebürtigen Venezianer Giacomo Casanova liegt, der vom böhmischen Schloss Dux aus mächtig ins Räderwerk der Geschichte greift - dass ausgerechnet wir den höchsten Preis für die Gestaltung des Notwendigen bezahlen, indem nämlich der Staat Venedig untergeht.
Am 6. Mai 1785 wird eine Freimaurerloge aufgedeckt - und somit bekannt, dass die neuen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und der unantastbaren Menschenwürde auch in Venedig Fuß gefasst haben. Lustig wäre es, hier zu berichten, Venedigs Freimaurer hätten sich vor Kapitell XVIII mit den Quattuor Coronati versammelt - doch nichts dergleichen! Von den verschlungenen Wegen, die die Erzählung des Christianus Rosencreutz genommen hat, ist ihnen nichts mehr geläufig. Sie sind einfach nur aufrechte Leute mit Sinn für das Gemeinwohl und einer kleinen Schwäche für ägyptisierenden Mummenschanz. Man kann sie nicht einmal jenen Freimaurergruppen zuordnen, die Casanova zur Vorbereitung der Revolution rekrutiert hat - sie streben auf eigene Faust nach dem Guten oder dem, was sie für gut halten.
Frankreich macht also Revolution - Venedig davon nicht viel Aufhebens, trotz unserer Versuche, die ermattete Führungsschicht wachzurütteln. Da brauchen wir gar nicht zu erwähnen, dass Venedig dummerweise den geflohenen Bourbonen Asyl gewährt und sie unter den Namen eines Grafen d’Artois und Grafen von Lille auf seinem Territorium beherbergt, wenn auch zumeist nur in Verona und nicht in der Serenissima Dominante.
Jedenfalls wird Venedig in Paris immer unbeliebter, während auf die Konstituante die Legislative folgt, dann der Konvent, die Schreckensherrschaft und schließlich das Direktorium, bei dem wir wieder einsetzen, weil diese Pariser Oligarchie ihren General Napoleon Buonaparte nach Oberitalien schickt. Sie will ihn dort verheizen, eine törichte Hoffnung, denn jemand, den wir aufs Pferd gesetzt haben, fällt so leicht nicht herab. Übrigens schreiben wir Buonaparte hier durchgängig in der ursprünglich korsischen Weise, die auch er selber benutzt, bevor er, um französischer zu klingen, das “u” weglässt.
Venedig baut unterdessen auf das Völkerrecht und denkt im Traum nicht daran, Frankreichs Generäle könnten es mit den Füßen ihrer zerlumpten Armeen in den Dreck stampfen. Unter den Fenstern des französischen Botschafters lärmen die Arsenalotti ausdauernd feindselig. Angelo Emo, Venedigs letzter großer Admiral ist tot, und im Senat wird über unbewaffnete Neutralität schwadroniert. Die Republik ist nicht zerfallen. Ihre Institutionen funktionieren. Die Stadtvenezianer sind zufrieden. Nur ein paar Festlandsbesitzungen liebäugeln mit einer Trennung von der Serenissima. Doch irgendwie ist das System, dem man unendlich viele Spitzel nachsagt, blind, taub, schlaftrunken und merkt nicht recht, was in der Welt vorgeht. Die Warnungen der Gründer verhallen - ich erwähne hier nur die leidenschaftlichen Appelle eines Circospetto Graf Rocco Sanfermo - und verlieren sich im Intrigengewirr. Auf französischen Druck wird der bourbonische Thronprätendent ausgewiesen. Napoleons Italienarmee rückt vor. Der - mit Verlaub! - saudämliche Provveditore Foscarini stimmt der französischen Besatzung Veronas auch noch zu, obwohl die Bauern der Terra Ferma fest zu Venedig halten, weil nur die Gerichtsbarkeit der Dominante sie vor der Willkür ihrer Grundherren schützt. In Dalmatien hält das Volk zu Venedig, weil Venedig die Verteidigung gegen die nach wie vor brutale Aggression der Türken organisiert - eigentlich gute Voraussetzungen, um den Staat zu retten. Aber man schläft.
Man schläft, als Frankreichs Geschäftsträger in Konstantinopel dem venezianischen Bailo Ser Ferigo Foscari eine französisch-venezianisch-türkische Allianz gegen Wien vorschlägt - nun gut, Venedig kann kaum anders, als sich dem zu entziehen. Aber man schläft auch, als sich die Allianz mit England anbietet, die zumindest die Lagune selber und die Überseebesitzungen vor dem französischen Ansturm retten würde. Man isoliert sich, hört nicht auf die Gründer und muss schließlich den Preis bezahlen, denn der Wiener Kaiser plant im Falle einer von Frankreich erzwungenen Abtretung der Österreichischen Niederlande, das Gebiet Venedigs als Abfindung zu verlangen. Letzte Verhandlungen über ein französisch-venezianisches Bündnis scheitern an Napoleons Geldforderung. Wütend schickt Buonaparte General Junot nach Venedig, wo dieser am Karsamstag 1797 eintrifft. Die Bauern der Terra Ferma brüllen "Tod den Franzosen" - und die französische Republik verlangt von der venezianischen Republik die Entwaffnung ihrer Bauern. Junot stellt ein Ultimatum. Der Senat schickt neue Gesandte an Buonaparte, um ihn zu bitten, bei der Herstellung von Ruhe und Ordnung auf venezianischem Territorium zu helfen - welch ein Versagen!
Napoleon jedoch ist inzwischen zu weit nach Deutschland vorgedrungen, um noch zurück zu können, und zu schwach, um Wien anzugreifen. Deshalb beginnt er Verhandlungen über einen Frieden mit Österreich - um den Preis, dass Venedig dem Kaiser zum Opfer fällt. Napoleon beginnt, auf Möglichkeiten zu sinnen, in Venedig eine willfährige Regierung zu installieren, die diesem Wahnsinn ein völkerrechtliches Mäntelchen umhängt. In den Veroneser Ostern massakriert das Volk alle erreichbaren Franzosen, sogar Verwundete im Lazarett. Dann wird ein französisches Kriegsschiff beschossen, die Befreier Italiens, als sie versucht, gewaltsam in die Lagune einzudringen. Buonaparte fühlt sich angenehm provoziert. Seine Truppen stehen an den Ufern der Lagune. Am 1. Mai 1797 erklärt er Venedig formell den Krieg.
Wir ersparen uns die letzten peinlichen Konvulsionen in einem legal gar nicht mehr beschlussfähigen Großen Rat, ersparen uns die weinerlichen Reden des letzten Dogen Manin. Derselbe Große Rat, für den einst der Ziani-Palast erweitert werden musste, erklärt sich nun für überflüssig. Ein paar Wochen später wird das Goldene Buch, in dem seine Mitglieder verzeichnet sind - um ganz genau zu sein, nur eine Kopie desselben - auf dem Markusplatz öffentlich zerstört. Die Institutionen der Republik Venedig lösen sich auf, um einer vermeintlich demokratischen Stadtregierung den Weg frei zu machen - unter dem wütenden Protest des Volkes auf dem Markusplatz.
Wir haben Venedigs herrschender Klasse jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen. Sie hat versagt.

Nun gut - für uns ist das zwar unerfreulich, aber nicht wirklich gefährlich. Eine neue Situation, in der man sich einrichten muss. Doch nun gerät unser Geschöpf Buonaparte auf Abwege. Wir hatten Napoleon gegen den Terror gesetzt, um die fürchterliche Entartung der Französischen Republik zu beenden. Nun begeht er den gleichen Fehler wie Calendario und will seine Macht mit der unsrigen verschmelzen. Er will die Gründer Frankreich einverleiben, will unser Großes Archiv. Er kann sich schlechterdings nicht vorstellen, wie wir in einem österreichisch besetzten Venedig handlungsfähig bleiben wollen. Genauso wenig stellt er sich vor, was sein Verrat ihn kostet. Zunächst lehnen wir höflich ab. Doch Napoleon legt nach: Auf der Flucht vor Attila haben wir Venedig gegründet - nun tönt der kleine Korse, er wolle für Venedig ein neuer Attila sein. Offenbar hat er sich nicht besonders sorgfältig mit Attilas Ende befasst.
Als ihn die Nachricht von der Abdankung des Großen Rates erreicht, befiehlt Buonaparte seinem General Baraguay d’Hilliers, unverzüglich nach Venedig einzumarschieren. Da wir ihm nicht zu Willen sind, glaubt er nun, eine offene Rechnung mit uns begleichen zu dürfen. Sowohl Casanova aus Dux, der Organisator der Revolution, wie auch der bereits sterbenskranke princeps Molnay schreiben Buonaparte in gleichlautenden Briefen, der Rat der Dreiunddreißig denke nicht daran, sich den französischen Pressionen zu beugen. Buonaparte könne zwar Venedig erobern, vom Großen Archiv jedoch möge er seine Finger lassen. So etwas ist Buonaparte nicht gewöhnt. Er sinnt auf Rache. Natürlich tarnt er seinen Racheakt, doch der Anschlag richtet sich gezielt gegen Agrippas Kopf an der Porta della Carta.
Bevor am 4. Juni 1797 auf dem Markusplatz die öffentliche Verbrüderung von Besatzern und Franzosenfreunden aufgeführt wird - die Trikolore flattert an den drei Fahnenmasten Venedigs - lässt General d’Hilliers von der Basilika, dem Uhrturm, der Fassade des Dogenpalastes und von der Porta della Carta die Markuslöwen meißeln. Drei arbeitslose Maurer geben sich dafür her.

Maurer? Nein - man täte ihnen damit zu viel Ehre oder Unrecht an. Sie sind biedere Venezianer. Sie meißeln im Auftrag der Gründer. Die Löwen sind ohnedies verloren, doch haben die Maurer von General d’Hilliers eigens Befehl, über der Cartapforte nicht nur den Löwen, sondern gleich den kompletten Foscaridogen zu zerstören - in den Augen der Gründer wie Napoleons also der Personifikation Agrippas. Was aber tun die braven Maurer? Sie retten Agrippas Kopf, so dass er heute noch im Original zu besichtigen ist: im Museo dell' Opera des Dogenpalastes.

Napoleon versteht und gibt nach. Inwiefern er begreift, dass wir ihn zur Strafe in den Abgrund blicken lassen, als wir ihm die ägyptische Expedition aufhalsen, wird schwer zu klären sein. Aber wenn es für den Menschen ein Leben nach dem Tode gibt, dann muss Zerkon Syenus, unser Zerkon magnificus von Kapitell XXI, der Gründer Venedigs, im Jenseits schallend gelacht haben über klein Attila Napoleon in Ägypten!
Napoleon sucht die Route nach Indien und China. Was er bekommt, ist der Stein von Rosette - ein Anhaltspunkt, um die Hieroglyphen zu entziffern. Andere Wissenschaftler aus Napoleons Stab vermessen die Trasse, auf der, cum grano salis, später der Suezkanal gebaut wird. Geoffroy Saint-Hilaire hingegen - offenbar liebt die Geschichte den ironischen Seitenhieb - sammelt mumifizierte Ibisse, Filippo Calendarios Lieblingsvögel, aus den Gräbern Thebens. Und als wir die ganze Gefolgschaft des “Sultan El Kebir” Napo-Leon, des Löwen aus der Wüste, schließlich mit dem Ergebnis der Seeschlacht von Abukir konfrontieren, in der Nelson ihre Flotte versenkt und ihnen den Rückweg nach Frankreich abschneidet, da schlägt sie sich tapfer.

Wenig später lassen wir Napoleon entkommen. Er wagt den Staatsstreich. In Frankreich geht das Direktorium ins Konsulat über und endlich ins erste Kaiserreich. Wir arbeiten an einem neuen Rom, dessen Hauptstadt Paris heißen soll. Napoleon arbeitet für und mit uns. Die Grundzüge des modernen Europa entstehen. Die Grundzüge des modernen Rechts- und Verwaltungsstaats entstehen. Millionen Menschen leiden und sterben für diese Errungenschaften, die wir nicht einmal einzigartig nennen dürfen, denn Amerika ist uns mindestens einen Schritt voraus. Zum Schluss jedoch verrät Napoleon unsere Ziele mit dem Russlandfeldzug und der Kontinentalsperre, die zwar England fast in die Knie zwingt, dafür jedoch bleibenden Schaden anrichtet, indem sich die Insel dauerhaft vom Kontinent ab- und überseeischen Partnern zuwendet.

Ein Attila will Buonaparte für uns sein? Kennt er denn nicht das Schicksal, das Zerkon magnificus dem ersten Attila bereitet? Niemand zerschlägt Agrippas Antlitz. Die letzten Gründer im selbständigen Venedig verfahren mit ihrem Attila ebenso wie die ersten mit dem ursprünglichen Hunnenkönig. Es hat schon seinen Grund, dass sich in Buonapartes Haar Arsen nachweisen lässt.

Und hier, mit diesem Satz, ist columnae am Ende, einem von vielen möglichen. Wir hätten gern noch im Februar weiter geplaudert, doch die Jahrfünftkonferenz, für die wir columnae konzipiert haben, geht zuende. Nicht im entferntesten reicht ihr Ergebnis an jenes der Millenniumskonferenz von 2000 heran. Die Zeit ist nicht danach, obwohl wir Agrippas Gold mit unseren Bruderräten teilen. Es ist nicht unsere Sache, hier öffentliche Noten zu vergeben. Wir wollen uns bescheiden für die Aufmerksamkeit bedanken und nur an den Orakelrat ein letztes Wort richten. China hat zu unserer Bestürzung seine strategische Grenze in den Persischen Golf vorverlegt. Glaubt, liebe Freunde, endlich dem Herrn Dsien und eurem neuen zweiten Mann im Rat, unserem ehemaligen praefectus extra Douglas: Man kann jeden Dschunkenkapitän lotsen - bis er Kalligraphien harkt im Peristyl Agrippas.

Wir sind uns auf gleicher Ebene begegnet. Und wir haben uns im rechten Maß getrennt.

Der Stein der maritimen Republik kommt nun zur Ruhe. Schweigend fügen die Kapitelle sich wieder in die Palastfronten, um fortan übersehen zu werden, so wie sie es gewohnt sind. Gehabt euch wohl!

Venedig im Großen Archiv, zu Silvester 2005
Benizelos Miaulis, magister archivorum