index     vollmacht     impressum     disclaimer     CCAA     Archiv der Gründer - Der Roman     Akte Hunnenschlacht     Akte Hunnenschlacht 2

Dossier Kaiser Otto III.     Dossier Störtebeker     Dossier Jan van Werth     Akte Petersburg     Dossier Casanova 2    
Akte 9/11     Nota Agrippae

Columnae     collection widerwort     Akte Orgacons     Akte Datacons    
LC-reviewed     editorials    
Aurum Agrippae     Zett ...?      illigdebatte
Plumbum Agrippae ... archiviert, wie seit Oktober 2008, was Adam Bonaventura Czartoryski uns hinterließ. Er deponierte es auf seinen Schreibtisch, bevor er sich für unser Bündnis mit dem Orakelrat opferte. Entnehmen Sie die näheren Umstände dem widerwort vom 18.08.2008.

Nun wird der bislang publizierte Text von plumbum agrippae überarbeitet.

Ab der Folge August 2012 erscheint die jeweils aktuelle Ausgabe von agrippas mund, wie in Blogs allgemein üblich, am Kopf dieser Seite.

Kölner Archiv, Juli 2012

Antje Peeters, successor principis


Als Rechenblatt gestern in einem Bericht über Südafrika wieder einmal die Parole One man, one vote! hörte, reimte er flapsig:
Ein Mann, ein Tod! Das sollte ihnen doch einleuchten. Über die außerordentlich schwierige Vernichtung aller chemischen und biologischen Waffen ist bereits jetzt ein Abkommen erzielt, denn auch den Militärs stecken die sizilianischen Gräuel dieses Sommers noch tief in den Knochen. Mit dem Dreckszeug will niemand mehr was zu tun haben. Als Zeichen der Betroffenheit und seines guten Willens bereitet der US-Kongreß ein Gesetz über die Entschädigung der Opfer vor, zu welchem Zweck 10 Milliarden Dollars bereitgestellt werden. Unter den genannten Voraussetzungen sind kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Vertragsmächten kaum noch vorstellbar, zumal wir davon ausgehen, das der Westen China und den Staaten des Warschauer Paktes großzügig bei der Behebung ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten hilft. Womöglich kann man ja auch die Japaner hier einspannen. Es wäre ja wohl keine Zumutung, wenn sie sich finanziell für eine Sicherheitsordnung engagierten, die ihnen erhebliche Vorteile brächte, vom Frieden einmal abgesehen, den offenen Markt Osteuropa. Und dafür stehe ich persönlich ein: was immer in diesem Zusammenhang die Sternenputzer beitragen können, mit Rat, fachspezifischem Know How, schließlich mit ihrem Aktieneinfluss und Bargeld, das soll geschehen!
Veranschlagen wir für diesen Prozess zehn bis fünfzehn Jahre, während derer zugleich der Dritten Welt massiv unter die Arme gegriffen würde. Wir befinden ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende. Krieg oder nur Kriegsangst in den Ländern der nördlichen Hemisphäre wären ein Fremdwort von gestern. Nun beschleunigen wir die konventionelle Abrüstung und führen einen Zustand herbei, in dem die Streitkräfte bloß noch pro Forma existieren. Wer sollte sich davor fürchten? Die USA, die ihre Politik inzwischen mehr und mehr auf den amerikanischen Großraum ausgerichtet hätte? Das starke Westeuropa? Die osteuropäische Gemeinschaft, die stolz auf ein Jahrzehnt der Demokratisierung zurückblickt? Eine im Prozess der Dezentralisierung begriffene Sowjetunion? Oder vielleicht China, das unterdessen Gastarbeiter in die sonnigen, sibirischen Felder schicken muss, um seine Milliardenbevölkerung zu ernähren? Durchs Ozonloch wird nämlich in Zukunft eine ganz neue, eigenwillige Sonne scheinen und allerlei Machtverhältnisse umkehren, wenn erst einmal die Permafrostböden tauen. Das sollte man bei aller Strategie nicht vergessen! Und man tut gut daran, rechtzeitig um die Freundschaft jener zu werben, die von den unausweichlichen klimatischen Veränderungen profitieren. Doch zurück zur Ausgangsfrage: wer fürchtet den Krieg dann noch? Wer hat Angst vorm schwarzen Sensenmann? Niemand! Nun gut, dann begeben wir uns an die nukleare Abrüstung. Taktische atomare Gefechtsfeldwaffen gibt es schon seit langem nicht mehr. Damit konnte kein General noch etwas anfangen, sobald die Panzerarmeen dem Schweißbrenner zum Opfer gefallen waren. Es sind geblieben: in Europa die Mittelstreckenraketen und die strategischen Langstreckenarsenale, reduziert auf das zum kompletten Homizid unabdingliche Minimum, also im Vergleich zu heute außerordentlich stark vermindert. Angesichts der Realitäten auf der Nordhalbkugel wäre es ein leichtes, kontrolliert von unseren besagten Vierergruppen, von einem Tag auf den nächsten, atomare Waffen und Trägersysteme zu entschärfen. Und ich vermute, das es hierzu nicht einmal am politischen Willen fehlen würde. Aber: ist derlei möglich, solange Indien und Israel, solange irgendwelche Spinner in Pakistan oder das letzte Aufgebot der Apartheid noch mit einem Knopfdruck ganze Städte vernichten, - zumindest jedoch mit Zerstörung einer fernen Stadt erpresserisch drohen können? Die Sternenputzer wiegen traurig den Kopf und sagen: Nein! Das ist der Fluch der bösen Tat! Das kommt davon! Man begibt sich auf sehr subtile Weise seiner Entscheidungsfreiheit, wenn man willkürlich die Büchse Pandoras öffnet. Das Zeug ist da und nur sehr schwer wieder aus der Welt zu schaffen. Und solange das Zeug vorhanden ist, dürfen verantwortliche Politiker (innen) aus ihren Überlegungen nicht den Gedanken verbannen, das es irgendwann einmal gegen sie verwendet werden könnte. Folgendes wird also der Reihe nach geschehen. Zunächst rüsten die drei Supermächte nuklear bis auf jenes Niveau ab, das den Westeuropäern aus der Zusammenlegung britischer und französischer Arsenale verblieben ist. Immer kontrolliert, immer hübsch proportional, damit zu keinem Zeitpunkt ein wahnsinniger General auf die Idee verfällt: jetzt fechten wir es aus, sind überlegen und fast schon im Besitz der Weltherrschaft. In immer noch gewohnten Denkbahnen sind wir nunmehr am Punkt des nuklearen Gleichgewichts auf niedrigst möglicher Basis angelangt. Am geeigneten Augenblick, um das Konzept der Sicherheitspartnerschaft seiner Vollendung, unserem Triumph zuzuführen. Wir befinden uns etwa im Jahre 2010. Jedes Element der Fünfergruppe ist innerlich solide und stabil. Ein jeder Eckpunkt unseres Pentagons steht wohlgerundet und gewichtig auf dem Papier. Die Linien dazwischen sind keine Grenzen mehr, sondern deuten Beziehungsreichtum an. Europa, China und Amerika sind über sich hinaus-, will meinen zusammengewachsen. Nun lösen wir die Blöcke auf.
Jawohl! Aus für den Pakt von Warschau! Beim großen Zapfenstreich erschallen unsere Abgesänge auf die NATO. Der Fackelschein in behandschuhten Kriegerfäusten wirkt plötzlich anheimelnd.
Die fünf militärischen Polizentren unserer Hemisphäre schließen Nichtangriffs- und Beistandspakte gegen jeden denkbaren Aggressor. Sie überantworten ihre letzten Streitkräfte, die atomaren Arsenale inklusive, einer Verteidigungskooperative, deren Ursprung einmal die Berliner Kontrollbehörde war. Mit lächerlich gering anmutenden Mitteln ist nunmehr ihre Sicherheit gewährleistet. Niemand auf der ganzen
Welt würde es wagen, die Waffen gegen diesen Block zu erheben. Man schreibt das Jahr 2010 pcn. So weit planen wir im Jahre 1989 zu Berlin. So stellen wir die Weichen. Und ich wage die Prophezeiung, das die Behörde mit ihren Vorstellungen durchdringt, das es nicht bei Absichtserklärungen bleibt, sondern grundlegende Verträge geschlossen, ja sogar die notwendigen Schritte hin zu unserem Ziel sachlich und in zeitlicher Reihenfolge vereinbart und vertraglich festgeschrieben werden.

Ich höre Euch schon kläffen, Ihr wahlperiodischen Strategen:
Geh träumen, Sternenputzerin. 2010, das ist in zwanzig Jahren! Mach dich nicht lächerlich!
Ich will mich aber lächerlich machen! Wenn wir unsere lächerlichen Visionen aufgeben, bleibt allein Euch das Feld und den tödlichen Sachzwängen.
Gewiss, die zwanzig Jahre: Papier ist sehr geduldig. Soweit kann man nicht vorausplanen und zweifellos wird alles wieder anders kommen. Andererseits: was sind schon zwanzig Jährchen? Ein gutes Viertel Menschenalter. Da wird es doch erlaubt sein, sinnvolle Ziele abzustecken, statt alles den zufälligen Entwicklungen zu überlassen! Zur Zeit ist das Wort von der normativen Kraft des Faktischen enorm beliebt - sollte die normative Kraft der Vision dem Weltgedächtnis entfallen sein?
Was schwätzt du da von Weltgedächtnis! braust Berthold auf und ich denke: Wie gut, das ich nicht seine untergeordnete Beamtin bin! wir sind das Weltgedächtnis, wir. Die Behörde mit ihren Archiven, der dauernde Verhandlungsdruck, die Zögerlichkeiten seiner Gesprächspartner, jener Mangel an Sachlichkeit, den sie Diplomatie nennen, die Regie des großen Konzerts der Mächte, zerrt nun schon in der vierten Woche bedenklich an seinen Nerven. Doch der erste Verhandlungsabschnitt nähert sich seinem erfolgreichen Ende. Der vierwöchige Gipfel der Großen hat mächtige Fundamente gelegt. Nun kehren die Herren Potentaten in ihre jeweiligen Zentralen zurück und überlassen für ein halbes Jahr den Experten die Konferenzsäle. Dann sollen die ersten vier Vertragswerke zur Unterzeichnung vorliegen. Gewiss, die zwanzig Jahre. Und immer noch zahllose ungelöste Probleme: Was ist, wenn der eurasische Machtblock sich seinerseits nun Weltherrschaft anmaßt und eine Welt zunehmend knapperer Ressourcen zum Helotendasein zwingt? Die fünf Himmelskörper, die wir zunächst voneinander trennen, auf stabile Äquidistant bringen müssen, dieser Kosmos der Macht, würde der Rest der Welt nicht wie ein hilflos aus seiner Bahn gezerrter Planetenschwarm dieser schier unvorstellbaren Massenanziehungskraft erliegen? Ich habe Angst.
Ach Mo. tröstet Rechenblatt, es ist ja damit nicht zuende. In zwanzig Jahren hätte ein Neunzigjähriger den Hitler, den zweiten Weltkrieg und den Zerfall der eurozentrischen Welt erlebt, den Anfang und die Auflösung der Biopolarität, unsere Zeit des Polizentrismus und dessen endliche, zumindest sicherheitspolitische Überwindung. Solange wir die biologischen Grundlagen der Geschichte nicht zerstören, gibt es kein Ende der Geschichte. Und wo Geschichte ist, ist Hoffnung.    .
Ich habe trotzdem Angst. Wenn Euer... unser... Alchymistentraum nun anstelle ewigen Lebens, des Weltfriedens, einen abscheulichen Homunculus erzeugt? Wenn alles doch noch schief geht? Was geschieht, wenn die Sicherheitspartnerschaft zerbricht? Oder wir die ökologischen Katastrophen nicht wenigstens begrenzen können? Wohin flieht dann die Menschheit? Nichtmal die Sternenputzer hätten eine Überlebenschance. Die Welt ist kein Atlantis, von dem man sich in vorsorglich angelegte Archive flüchten könnte. In Träume.
Rechenblatt gibt keine Antwort. Zerstreut spielt er mit dem Ring DES Stellvertreters. Auch er trägt ihn vorwiegend am Kettchen und hat die Gewohnheit, seine Baskenmütze um den Finger zu wirbeln, nun auf die Kette übertragen. Zwischendurch schaut er auf die Uhr. Er hat alle Termine fest im Kopf und wartet auf Halide, die bei einer türkisch-deutschen Besprechung unter NATO- und EG-Partnern dolmetscht. Nun zählt er die Stufen vom obersten Hotelstockwerk bis hinunter in die Lobby. Gleich hat Halide Sitzungspause. Aufmerksamkeit heischend, wedele ich den Siegelring derer von Klingenhoven zu Bucholtz ein paar Mal vor den Augen DES Stellvertreters auf und ab. Auf dem Scheitelpunkt seiner angeketteten Kreisbahn um Rechenblatts Zeigefinger hält sein Ring plötzlich inne und stürzt in seine offne Hand zurück. Still bleibt DER Stellvertreter sitzen, nickend, wie so ein Miniaturboxer, wie man sie früher durch die Heckscheiben von Autos sah.
Wie haben wir denn angefangen, vor einem halben Jahr? fragt er gelassen. Ich in Polen auf der Suche. Berthold eingesperrt im Behördensitz. Du im ... bei CIRCE-Investment. Ohne den Schimmer einer Ahnung vom Ende. Und so wird es auch weitergehen, in zwanzig Jahren oder morgen: mit unerklärlichen, absurden, ja schlichtweg unmöglichen Zufällen, nach deren Sinn wir forschen.
Und mit diesen Worten erhebt sich DER Stellvertreter und verlässt unser Zimmer, ohne sich noch einmal umzuschauen. Eilig hat ers. Ständig besetzte Aufzüge. Will er aber über die Treppe noch rechtzeitig zu Halides viertelstündiger Pause nach unten gelangen, so muss er sich sputen. Dass wir das oberste Stockwerk benutzen, ist kein Zeichen gehobenen Ranges, sondern liegt allein daran, das sich in unseren Räumen allzu viele vertrauliche Positionspapiere sämtlicher Parteien häufen. Eine sicherheitstechnische Entscheidung. Man konnte uns nicht in einem der unteren Stockwerke einquartieren, wo ständiger erlauchte Durchgangsverkehr über die Flure wuselt. Unten vertraut jeder Potentat seinen eigenen Wachen. Vor unseren Zimmertüren aber müsste Turner zu Recht die langen Finger einer russischen Wache fürchten, und umgekehrt. So stehen nur an den Zugängen des obersten Stocks internationale Fünferwachen, die sich hauptsächlich gegenseitig im Auge behalten. Und Rechenblatt muss rasch ausschreiten. Alles zittert. Bertholds Stimme ist heiser und zittert, überbeansprucht durch vermittelnde Worte. Die Potentaten zittern voreinander und allenthalben zittern die Soldaten vor dem sozialen Abstieg. Zitternde Soldaten sind ungemein gefährlich. Sachkundige Naturwissenschaftler und Behördenbeamten zittern aus Angst um die biologische Zukunft des Planeten. Ich zittere - abgemagert, auch da, wo es mir gar nicht recht ist - vor Kälte. Und Sisyphus zittert vor Anstrengung an seinem Stein. Nur Rechenblatt, früher das Wiesel, dann der gefährlich nervöse Bulle, bis dato stets ein Terrier vor der Jagd, geht ohne Zittern vollkommen gelassen aus der Tür. Wohin?
Nachdem die Tür ins Schloss geschnappt ist, suche ich wieder Aufmunterung beim Liebsten:
Sag mir, Cheri, was haben wir da angefangen? Wie soll das enden?
Sacht nimmt er meine Hand und zieht mich hoch vom Stuhl zum Fenster. Wir schauen bewußt in die andere Richtung, vorbei an dem falschen Gestirn überm Europacenter.
1989 post Christum natum. krächzt er. ist eine Unzahl von Träumen zur Wirklichkeit gediehen. Wir haben eine fremde Vergangenheit geträumt und auf ihren Spuren in unsere Gegenwart hineingewirkt. Nicht nur die Plagen aus Pandoras Büchse, nein Mo, auch gute Träume entfalten mächtige Eigendynamik. Laß uns jetzt bitte nicht aufhören! Schmeiß nicht die Karten. Gib, das wir Zukunft träumen dürfen, gemeinsam! Dass noch Stein herumliegt, den wir in Bewegung setzen können! Und sei es als Strafe dafür, dass auch wir dem Tod gerne ein Schnippchen schlagen möchten.
Schmutzig ist der Himmel über Berlin. Vor einer Woche hat das Müllverbrennungswerk Ruhleben seinen Betrieb wieder aufgenommen. Schmutzig ist der Himmel, grau, beinahe schwarz, wie der Stein der Weisen Magier, der Lapis Niger, vulkanisches Gestein vom Kontinent Atlantis, das Hubschrauber vom Himmel stürzen und Mauern brechen  ließ. Schmutzig und schwarz ist der Himmel, doch nicht mehr länger fluchgeschwärzt, ebensowenig wie der Stein. Wir starren angestrengt aus dem Fenster, um reine Sterne zu entdecken. Fürchte ich mich? Angst ist die Schwester aller Hoffnung. Schließlich entdecken wir am dunklen Himmel doch noch ein paar Sterne. Und jeder kreist um alle anderen.


++++

Deshalb muss Europa stark werden und sich auf sich selbst besinnen. Deshalb darf das Geschwätz über deutsche Vereinigung Europas Integration nicht verzögern.
Nicht in der Welt - das geht vorläufig nicht - doch auf der gesamten Nordhalbkugel muss ein durchgängiges Gleichgewicht der Mächte ausbalanciert werden. Aller ost-westliche Konfliktstoff gehört nun ein für allemal vom Tisch. Es müssen enorme Finanzmittel im Abrüstungsprozess freigesetzt werden, die der Reihe nach in eine kollektive Sicherheitsordnung, den einigermaßen sozialverträglichen Umbau der Planwirtschaften, und radikale ökologische Umstrukturierung der Industriegesellschaften zu fließen haben. Jede übrige Mark aber, jeder entbehrliche Dollar und Rubel muss in die Beilegung des Nord-Süd-Konfliktes investiert werden. Nicht länger das römische divide et impera ist angesagt. Teilen im Sinne von Spalten ist ein überholtes Konzept. Wir müssen mit der Dritten Welt teilen, um unser nacktes Leben zu retten! Glauben diese mittelfristigen Laberer, diese wahlperiodischen Vier- oder Fünfjahresstrategen denn tatsächlich, beim Eintritt der fast unausweichlichen Klimakatastrophe würden ein paar Milliarden Afrikaner, Lateinamerikaner und Süd-Ost-Asiaten friedlich am Rande ihrer überfluteten oder verdorrten Äcker verhungern? Oder sind die Herren Strategen derart verderbt, das sie den Gedanken erwägen, diese Brandung der Völker mit Atombomben einzudeichen?
Nein Freunde, Europa muss seine Kräfte konzentrieren, um ein Machtvakuum zwischen Sowjetunion und USA zu füllen. Die ganze Nordhalbkugel muss ihre lächerlichen Querelen vergessen und alle Macht auf die vage Chance des Überlebens richten. Nie dagewesene Kraftakte, geradezu heroische Arbeit bei gleichzeitigem Verzicht auf ihre Früchte, sind schon deshalb gefordert, um jene Glaubwürdigkeit zu erringen, die uns erlaubt, der Dritten Welt zu sagen: Sorry. Vorbei. Es tut uns leid, aber Ihr dürft, um des gemeinsamen Überlebens willen, nie jenen quantitativen Wohlstand genießen, den Ihr aus unseren neokolonialistischen Fernsehserien kennt. Wir im Norden haben nämlich das Erbteil der Menschheit verprasst in ein paar Jahren. Der Kontostand des Planeten lässt keine weiteren Ausgaben für materiellen Luxus zu.
Welch eine intellektuelle Aufgabe: die schleunige Popularisierung eines völlig neuen Wertesystems, dessen philosophische Grundlegung wir noch kaum bewältigt haben! Welche Opfer! Welch eine Zeit des Darbens für die Konsumentenherde! Hat so was Aussicht auf Erfolg? Auf Atlantis misslang die Schließung der Bäder! Die Folgen sieht man. Oder nein - man sieht sie eben nicht mehr.
Der Friede, Freunde, an dem wir nun basteln, der Friede ist kein Paradies. Schlaraffia wird reduziert auf alltags Brot und Reis für alle. Und samstags ein Glas Wein im Freundeskreis. Und sonntags mal ein Huhn im Topf. Nie wieder werden Euch gebratene Hamburger in die Schleckermäulchen fliegen. Friede bedeutet die Erlaubnis, zu arbeiten, bis Ihr umfallt. Schöne Grüße von Sisyphus. Er ist todtraurig und hat Muskelkater. Aber - er lebt, der Schwiegersohn des Atlas.
Und deshalb:
Kein de Kempenaer‘sches Roulette um Europa! Kein Jonglieren mit den Bällen der Macht! Kein Schachspiel um die Weltherrschaft! Auch keine Münzen mehr in die Fontana di Trevi, in Moskauer, Warschauer, Budapester oder sonstige Brunnen, um auch dort westliche Konsumhybris zu verankern. Zuerst kommt es jetzt einmal auf die gleichberechtigte Befriedigung der Grundbedürfnisse von Körper, Geist und Seele an. Nicht einmal Marian Guardinis Traum in Neuauflage! Ich mag sein Machtgestammel nicht mehr hören, habe genug von seinen bresthaften, fiebrig phantasierten Aufmärschen inmitten faulen Kerkerstrohs. Er und Niccolo Manini mussten für die Anjouchronik im Traum sterben, an einer Ratte aus Loyang. Und in heutiger Wirklichkeit tötete Siau Chou zu Loyang einen chinesischen Widerling . Laßt es mit diesen Opfern genug sein! Für lebenserhaltende Einheit bezahlen wir mit Tod und Krieg zu teuer! Schluss mit dem ganzen Theater!

Vereinigte Staaten von Amerika. Westeuropäische Gemeinschaft. Osteuropäische Gemeinschaft. Sowjetunion. China. Das ist das Pentagon künftiger Abrüstung. Ziehen wir also die nötigen Verbindungslinien zwischen seinen Eckpunkten:
Die Vereinigten Staaten lassen ihre Mitgliedschaft in der NATO ruhen, sobald sie am Ende des Abrüstungsprozesses alle Truppen samt nuklearen Einheiten, aus Europa abgezogen haben. Im Gegenzug verschwinden nicht nur die sowjetischen Divisionen aus den Staaten des Warschauer Paktes, sondern die UdSSR entmilitarisiert überdies die Republiken Karelien, Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland, Ukraine und Moldawien, weil dem strategischen Stolperstein Atlantik im Osten etwas annähernd gleichwertiges gegenüberstehen sollte. Daneben könnte aber diese Entmilitarisierung dem aufkeimenden Nationalismus der sowjetischen Teilrepubliken einen gehörigen Dämpfer aufsetzen. Vielleicht wäre das schon der geeignete Aufhänger für Romanows föderative Verfassungsreform, die den zentralistischen Bundesstaat Sowjetunion in einen Staatenbund innenpolitisch souveräner und demokratischer Gliedrepubliken umwandeln möchte.
Beiden Supermächten steht dann innerhalb ihrer Pakte nur noch ein Partner gegenüber. Eine west-, beziehungsweise osteuropäische Verteidigungsallianz mit integrierten Streitkräften unter eigenen Oberkommandos, die in Brüssel und Moskau halbwegs gleichrangig zur Seite der supermächtigen Generalität platznehmen. Den Völkern und bisherigen Staaten wird ihre Sicherheit enteignet und supranationalen Organisationen anvertraut, ein Vorgang, dem engeres Zusammenrücken der beiden Staatengruppen auch auf anderen Politikfeldern logischerweise teils vorausgehen, zwangsläufig folgen wird. Auf dem Weg dorthin sind zwar erhebliche Schwierigkeiten zu bewältigen, im Westen etwa müssen französische und britische Großmachtvorbehalte eingemottet werden, im Osten harren die unter dem Zement russischer Vorherrschaft noch höchst lebendigen Fragen der nationalen Minderheiten ihrer Lösung, - doch wenn wir nicht das nationale Staatskonzept relativieren, sind alle weiteren Überlegungen zwecklos. Diese Erfindung eines der Geschichte immanenten Teufels, die Deckungsgleichheit von Staat und Nation, die unermessliches Leid verursachte, ist sie uns wirklich so teuer, das wir uns nicht von ihr lossagen können? Warum sollten Sprach- und Kulturräume nicht, bar jeden völkischen Beigeschmackes, über staatliche Grenzen hinweg oder als Regionen im Rahmen umfassenderer Staatsgebilde funktionieren?
Im Sinne operativer Politik ergeben sich daraus drei dringliche Verträge:
Ein Friedensvertrag der vier Siegermächte des zweiten Weltkriegs mit BRD und DDR, um endlich die geisterhafte Existenz des juristischen Zombie Deutsches Reich zu beenden. Ist diesem Untoten dann die ewige Ruhe verschrieben, sind außerdem die heutigen Grenzen vorbehaltlos von beiden deutschen Staaten anerkannt worden, so dürfte nichts mehr ihrer uneingeschränkten Souveränität im Weg stehen. Doch wenn sie klug sind, die souveränen deutschen Länder, dann binden sie ihre neugewonnene Bewegungsfreiheit sogleich wieder ein - in die Ordnungen des zweiten und dritten Vertrages. Die EG hat es dabei leicht. Sie braucht nur geeignete Institutionen zur Wahrnehmung ihrer Außenpolitik und Sicherheitsbedürfnisse zu schaffen. Damit wäre der zweite Vertrag unterschriftsreif. Was nun den dritten angeht so fragen die Sternenputzer: spricht eigentlich etwas dagegen, die innere Verfassung der EG den Staaten Osteuropas als Vorbild für ihren Einigungsprozess anzuempfehlen? Was mit den römischen Verträgen anfing, hat sich hervorragend bewährt. Und wenn es denn tatsächlich einen qualitativen Fortschritt der Geschichte geben sollte, beruht er ganz bestimmt zum Teil darauf, das die Menschen endlich beginnen, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Ein Politikkonzept, dem es im Westen Europas gelang, die vertrackte Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen fast zu entschärfen, sollte doch wohl auch mit den Problemen ungarischer Minderheiten in Rumänien oder der Türken in Bulgarien so human umgehen, das sie schließlich einfach vergessen werden, sogar von den Betroffenen.
Auf rein militärischem Feld steht bei den Unterhandlungen die strukturelle Nichtangriffsfähigkeit im Mittelpunkt und bedeutet für die Luftwaffen Verschrottung aller Bomber sowie minimale Bestände von Jagdflugzeugen, bei den Landheeren jedoch Auflösung weitreichender Artillerie und schnellrollender Panzerarmeen, die immer den Verdacht wach hielten, eines Tages könnte Verteidigung mit Angriff verwechselt werden. Nur noch panzerbrechende Einheiten sind vonnöten. Man kann ja nicht davon ausgehen, das nun plötzlich niemand mehr vorm Nachbarn Angst hätte! Deshalb diese Wehren, die im Gedränge schlimmstenfalls blaue Flecken verursachen, doch nicht mehr über die mörderische Effizienz heutiger konventioneller Streitkräfte verfügen. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch Einrichtung tiefer entmilitarisierter Zonen zwischen NATO und Warschauer Pakt, wie der Sowjetunion und China. Damit schließt sich der Kreis. US-Truppen in den Vereinigten Staaten. Das Hindernis des Puffers Atlantik. Einheiten der westeuropäischen Verteidigungsgemeinschaft. Militärfreie Zone West. Blockgrenze. Entmilitarisierte Zone Ost. Das Hindernis, beziehungsweise der strategische Puffer der entmilitarisierten Sowjetrepubliken Sowjetstreitkräfte West in der Sowjetunion. Sowjetstreitkräfte Ost in der Sowjetunion. Entmilitarisierte Zone UdSSR entlang der chinesischen Grenze. Entmilitarisierte Zone Nordchina. Chinesische Streitkräfte. Und zwischen beiden letzteren eurasischen Großmächten und den Vereinigten Staaten ersaufen alle Vormärsche im Pazifik. Sind das genügend Stolpersteine und Hürden für jene Potentaten, die sich früher leichtfertig in Konflikte verrannten?
Übrigens ist im Gespräch, sowohl Alaska, als auch, auf russischer Seite der Bering-Straße, die Halbinsel Kamtschatka samt der sibirischen Region nordöstlich des Flusses Kolyma zu entmilitarisieren. Kanada will auf seinem Gebiet endgültig alle Stützpunkte der strategischen US-Luftflotte schließen. Dies würde der Sowjetunion erlauben, über kurz oder lang mit Verlegung ihrer nordsibirischen Luftbasen ins Landesinnere zu antworten. Die waren bisher, wo sie waren, nur weil die Vorwarnzeiten so kurz waren, wie sie waren.
Zur Kontrolle der entmilitarisierten Zonen schlägt Berthold die Gründung einer gemeinsamen Sicherheitsagentur der fünf Mächte vor, die ihren Sitz in Berlin nehmen könnte. An ihrer Spitze stünde natürlich ein Fünfergremium. Es hätte außerdem die Aufgabe, die laufenden Abrüstungsverhandlungen zu koordinieren und als Schiedsstelle für alle Fragen der Verifikation zu dienen. Bei diesem internationalen Generalstab der Kriegsverhinderung sollten die Fäden tausender Offiziersdelegationen zusammenlaufen, die in allen Rüstungsbetrieben, in den Atomsilos, auf Militärflughäfen, bei Brigadestäben und auf den Flaggschiffen der Flotten Informationen über Zahlen und Qualität der Ist-Bestände sammeln, später dann den Vollzug der Verschrottungen überwachen könnten. SEASTAR und die inzwischen zum drittenmal umbenannte TROTZKI haben bereits Gastoffiziere ausgetauscht. So einfach wäre das: niemand bräuchte mit gutem Beispiel voranzugehen, nichts liefe da auf Treu und Glauben und niemand wäre mehr auf die lückenhaften Dossiers seiner Geheimdienste angewiesen. Sogar die kostspieligen Überwachungssatelliten würden überflüssig. Jedermann würde seine Offiziere ganz offen in die militärischen Einrichtungen seiner vier Sicherheitspartner entsenden und deren Delegationen auf seinem Territorium dulden, ja ihnen völlige Bewegungsfreiheit lassen. Als einzigen Soldaten auch in ansonsten entmilitarisierten Gebieten.
Bertholds Vorschlag einer Sicherheitsbehörde verfolgt heimliche Nebenabsichten:
Die Offizierskorps, meint er. bilden das Rückgrat aller Armeen. Wird nun abgerüstet, so fürchten die Herren um ihre Arbeitsplätze und sperren sich schon deshalb gegen jede Streichung. Bieten wir ihnen doch Zukunftsperspektiven und heben ihr soldatisches Selbstwertgefühl! Schicken wir sie bis zur Pensionierung auf fett dotierte Auslandsposten, wo sie gleichzeitig ihrer Fahne und dem Weltfrieden dienen, indem sie, jeweils zur Vierergruppe zusammengefasst, als ständige Beobachter, wie Attaches, allmorgendlich dem Zählappell auf den Kasernenhöfen ihrer Gastländer beiwohnen! Das ist doch was! Da dürfen sie ungeniert strammstehen. Dann wird die tägliche Manöverkritik geschrieben. Und schließlich ziehen sie sich in die weichen Fauteuils des Offizierskasinos zum Nickerchen zurück, damit sie abends beim Saufgelage mit dem Standortkommandeur Stehvermögen beweisen können. Fraternisiert, Soldaten! Offiziere aller Länder verbrüdert Euch bei chinesischem Kirschblütenschnaps, bei Vodka, bei Pilsener Urquell, Cognac und Bourbon! er grub sein Gesicht in die Hände, zum Kotzen! stöhnte Berthold, das das Gesocks uns soviel Kopfzerbrechen macht.
Eine Zwischenbilanz ergibt folgenden Zustand:
Im Zentrum Europas ist die deutsche Frage gelöst. Die Amerikaner stehen jenseits des Atlantik, Russen und Chinesen nur noch tief im jeweiligen Landesinneren. Entlang des ehemaligen eisernen Vorhangs geben die Soldaten der beiden europäischen Großmächte nur noch augenzwinkernd vor, gegnerischen Blöcken anzugehören. Die konventionellen Streitkräfte sind schon zu diesem Zeitpunkt stark reduziert. Ohne jedes Risiko haben mittlerweile die Supermächte mit der Verschrottung ihrer nuklearen Overkillkapazitäten begonnen. Es sollte doch reichen, wenn jeder ein Mal die Welt sprengen kann.


++++

Eigentlich tagen vier Kongresse:
Der deutsch-deutsche, bei dem de Kempenaer den Vermittler macht, aber auch Vertreter der vier Mächte als Beobachter zugelassen sind. Ein Kongress der Europäischen Gemeinschaft bereitet Beschlüsse vor, die sämtliche Kompetenzen für Verteidigung und auswärtige Politik bei einem noch zu bildenden Wahlorgan der EG bündeln. Auf diesen Sitzungen präsidiert Bertuccio Manini, der seine gesundheitliche Krise glücklich überwunden hat.
Verhandlungen der nichtsowjetischen Warschauer-Pakt-Staaten. Sie arbeiten an einer Art Ost-EG und kommen gut voran, nachdem nun auch in Bulgarien, der Tschechoslowakei und sogar in Rumänien die alten Regimes gestürzt sind. Ein Jugoslawischer Beobachter nimmt an ihren Sitzungen teil. Der Pole Marian Langiewicz, bis vor kurzem noch Bürochef Adam Bona Ventura Czartoryskis, läutet hier das Glöckchen des Vorsitzenden.
Dann die allesverknüpfende Über-Konferenz der Fünf, der Wortführer von EG und der Gemeinschaft osteuropäischer Staaten, der Führer von UdSSR, USA und China. In diesem Teilnehmerkreis hat Berthold die Diskussionsleitung übernommen. Hier plant man das sicherheitspolitische Gerüst. Die fünf Stimmberechtigten und ihr Vorsitzender bauen an einem europäischen Haus, das Chancen hat, über sich hinaus zu wachsen. Am Ewigen Frieden von Berlin bauen sie. Am großen Traum der Sternenputzer, die heute wieder hoffen, es sei Einheit in Frieden zu bewerkstelligen, nicht nach Jahrhunderten des Gemetzels, wie auf Atlantis, nicht aus erschöpfter Gewalt, sondern kraft menschlicher Vernunft.
Das sind die vier Teilkongresse. Mir hat die Behörde das Mandat erteilt, Wirtschaftsgespräche zu führen, die sich zwangsläufig auf Impulse für die Ökonomien der bisherigen Ostblockstaaten und Chinas konzentrieren. Bei dieser Gelegenheit machte die Mehrheit der Sternenputzer mir ein Riesenkompliment, denn obwohl mittlerweile meine Halbweltkarriere über dunkle Kanäle an die Öffentlichkeit durchgesickert war, stimmten nur fünfzig Studenten und Beamte gegen mich.
Rechenblatt schließlich koordiniert alle Gespräche und muss immer wieder die losen Enden der verschiedenen Erklärungen, Verlautbarungen und Kommuniques verzwirnen. Gibt es einen Mythos vom roten Faden des Sisyphus?
In einer Verhandlungspause hockte er auf unserem Zimmer und schnippelte an Zeitungsausschnitten.
Die Kritik reagiert überraschend feinsinnig, meinte er. Manche Feuilletonisten vergleichen uns mit der Erziehungsbehörde aus Hermann Hesses Glasperlenspiel. Auf Atlantis, so schreiben sie, seien wir aus und nach dem Krieg entstanden, wie die Glasperlenspieler, um Kultur und Zivilisation zu bewahren. Nun aber hätten wir den Bereich bloßer Konservierung verlassen und uns auf das Feld der Evolution gewagt. Vor dem Krieg. Zwecks seiner Vermeidung. Gar nicht so dumm, die Leute! Alles was recht ist, wir haben derzeit gute Presse! Er spielte mit einem länglichen Papierrechteck und färbte seine Fingerkuppen an der Druckerschwärze. Hier kommentieren sie beispielsweise über eine ganze Spalte das Endlosschriftband vom Lapis Niger. Die Übertragung des Kreises aus der Geometrie in die Literatur, meinen sie. Nun, dazu gehört nicht viel Originalität. Aber der Kommentator setzt den anfanglosen Satz auch in Beziehung zum Möbius‘schen Band, versteht ihr ...? er verbog den Papierstreifen, so dass die ursprünglich diagonal gegenüberliegenden Eckpunkte sich nun trafen, und klemmte ihn in diesem Zustand zwischen Daumen und Zeigefinger fest. Jede Fläche hat ja Vorder- und Rückseite, erläuterte er, ohne auf Bertholds wachsende Gereiztheit zu achten, und um von der einen auf die andere Seite zu gelangen, muss man normalerweise Kanten überschreiten. Beim Möbius‘schen Band aber entfällt diese Notwendigkeit. Es ist eine einseitige Fläche! ohne mit der Schnittkante in Berührung zu kommen, fuhr Rechenblatts Kugelschreiber auf dem verdrehten Zeitungsartikel herum und demonstrierte, wie man auf dem Papier überall hinkonnte, ohne eine Kante, eine Grenze, eine Mauer zu berühren. Sehr hübsch, nörgelte Berthold, können wir uns jetzt wieder um etwas weltlichere Dinge kümmern? Legst du jetzt bitte deine metaphysische Geometrie beiseite.
- Wir sollten das Band zum offiziellen Behördenemblem machen, schlug Rechenblatt mit noch ungewohnter Dickfelligkeit vor. Sein Sedativ heißt Halide.
- Verschon mich jetzt mit dem Blödsinn, das begreift  doch eh keiner!
- Aber ganz gewiss verstehen sie! Sobald man es zu Gesicht bekommt, erkennt man spontan die Bedeutung des Bandes. Außerdem ist die Idee sowieso im Schwange, seit Hawkings Buch über die Geschichte der Zeit und des Universums zum Kassenschlager gedieh. Vergiss nicht, dass ein Möbius‘sches Band den Titel ziert ... das ...
- Ja? fragte Berthold.
- Das trifft ins Herz des Zeitgeistes. Das liegt überall in der Luft: in der modernen Physik, den Geisteswissenschaften, bei ganzheitlicher Medizin und ökologischer Architektur, in Kunst und Literatur, macht in Überdosis die Sitzungen esoterischer Zirkel stickig, Und auch hier in Berlin schnuppert man es. Auch politisch. Wir sollten aber über aller Politik nicht vergessen, aus welcher Geisteshaltung unsere Lösungsansätze entstanden. Wir sind die Sternenputzer und so oder so für diesen Prozess verantwortlich. Warum da nicht ein Symbol hernehmen, das zum Schlüssel des Verstehens werden könnte? Warum vergessen, wo wir herkamen: aus dem alchymistischen Destillierkolben? Wo wir hinwollten: unentwegt zur Verknüpfung vermeintlicher Unvereinbarkeiten? Mancherlei fanden wir auf dieser einseitigen Fläche: die Sterne und die Zeiten, Zufall und Sinn, Vision und Wirklichkeit, vier antike Zeitalter auf einem christlichen Kreuz, die Herzen Ludwigs und Friedrichs in derselben Reliquie, verbrecherische Hände der Vergangenheit, die, ohne es zu ahnen, beim Bau des goldenen Zeitalters Hand anlegten. In Rom entdeckten wir den Stein aus Atlantis, der einst die Mauer König Romulus‘ zu Schutt bombardiert hatte und dessen Entdeckung nun wiederum dazu beiträgt, eine Mauer des Bruderzwistes abzureißen. Hier in Berlin fanden wir die römische Idee der Einheit wieder. In Träumen fremder Schreiber unsre eigene Herkunft. muss ich noch weitermachen? So vieles wissen wir nun voneinander abhängig und auf derselben einseitigen Fläche versammelt, was seit jeher als streng geschieden galt. Das Möbius‘sche Band ...
- Ich werde es mir überlegen, willigte Berthold zögernd ein.
- Nein. Falsch. Du solltest im Plenum abstimmen lassen, widersprach Rechenblatt.
Bedauerlicherweise neigte sich nun aber die Sitzungspause ihrem Ende zu, so dass interne Sternenputzer-Diskussionen Aufschub erlitten.

Was wir eigentlich wollen? Was die Verhandlungsziele der Behörde sind?
Fangen wir in Europas immer noch wichtiger Mitte an: Deutschland. Ein einiges Deutschland, das die Bundesrepublik für den Warschauer Pakt vereinnahmt, ist ausgeschlossen.
Deutschland, vereint und neutral wäre ein gefährliches Gravitationszentrum, ein schwarzes Loch inmitten des Kontinents. Gesetzt den Fall, Romanows Umgestaltung der Sowjetunion scheitert doch noch - wer sollte dann dies Deutschland vor seiner Rolle als ostwärts gerichtete Speerspitze des freien Westens schützen? Wo wäre dieses Deutschland fest und sicher eingebunden, welcher freundschaftlichen Kontrolle und Kritik müsste es sich noch stellen, lavierend zwischen den Blöcken? Ja, wer vermöchte, dieses Deutschland vor sich selbst schützen? Wenn wieder einmal, irgendwann, der letzte Literat ins Exil fortgeekelt worden wäre, würde, um einen Satz Thomas Manns umzukehren, dann nicht erneut der Gedanke keimen, ein deutsches Europa sei einem europäischen Deutschland vorzuziehen?
Bertholds geplante Ansprache an Deutschland habe ich ihm trotzdem ausgeredet. Ich würde sie zwar blind unterschreiben, doch manche seiner Sätze will man zur Zeit hüben wie drüben einfach nicht hören. Sie liebäugeln noch immer mit ihrer Wieder-Vereinigung. Und in einer solchen Situation hätten die Worte DES Sternenputzers kontraproduktive Wirkung. Die Deutschen im Osten würden annehmen, Berthold wollte ihnen lediglich den Zutritt zum Paradies der Konsumenten verwehren.

***

Ich will doch nicht den feurigen Wein Eures Mutes verwässern, Ihr heldenhaften Demonstranten aus Leipzig, Dresden und Berlin, die Ihr zuerst Egon Schwarzaug auf den hohen Stuhl verhalft und ihn dann flugs gekippt habt, als er sich, trotz Öffnung des Brandenburger Tores, doch bloß als aufgeklärter, absoluter Serenissimus in Rot entpuppte! Ich will doch Eure Leistung nicht miesmachen! Gar nichts will ich schmälern. Aber waren da nicht auch noch andere? Hat Polen Euch nicht vorgemacht, was möglich sein könnte? Hat Ungarn nicht Tausende aus Euren Reihen gerettet und die Berliner Führung unter Druck gesetzt? Zeigte nicht Chinas Barbarei, wie es auf gar keinen Fall kommen durfte? Bewiesen nicht sogar eure SED-Bonzen immerhin ausreichenden Verstand, um einzusehen, das an der Mauer mehr als genug Menschen zu Tode gekommen waren? Und dann die Gnade der Geschichte: könnt Ihr Euch tatsächlich die Entwicklung im Ostblock ohne Romanow vorstellen? Sind bereits alle Schulden bei unseren lieben Vettern Iwan, Vaclav, Lech, Imre, und wie sie alle heißen mögen, getilgt? Oder sind solche Fragen jedem verboten, der nicht in Euren Reihen mitmarschierte?
Je nun - jetzt behaupten natürlich die Kalten Krieger West, denen ihr stabilisierendes Feindbild abhanden gekommen ist: die Hochrüstung der letzten amerikanischen Präsidenten habe dies alles bewirkt, die Aufklärung durch RADIO FREE EUROPE, das permanente Beispiel westlicher Freiheit. Na sicher doch! Das wissen wir, dass kein tyrannisches Imperium ewig dauert. Aber entscheidend bleibt, unter welchen Begleiterscheinungen es dann zusammenbricht. Und da wird uns durch Romanow nun vorgeführt, dass humanes Management eines Zerfallsprozesses historische Glanzleistung sein kann. Bedenkt die Alternativen! Zählt nur einmal die Toten, die fallen mussten, bis das freie, demokratische Frankreich sein Kolonialreich aufgegeben hatte und bedenkt dann, was alles in Russlands Vasallenstaaten hätte passieren können - und gnädig unterblieb. Wenn einem Selbstverständliches gewährt wird, so ist das kein Anlass für Dankbarkeit, meint Ihr? Und wenn besagte Selbstverständlichkeit das Recht auf Leben ist? Kein erleichtertes Aufatmen? Kein Schreck, der durch die Glieder fährt? Keine nachträgliche Angst vor der eigenen Courage? Dann habt Ihr nichts begriffen, liebe Gebrüder Michel Teutsch. Dann wird man Euch - und uns! - die Lektion nochmals einpauken. Hört Ihr die Stiefeltritte in der Ferne nicht?
Wie dem auch sei. Hut ab vorm Volk, das rief: Wir sind das Volk!
Von ganzem Herzen meinen Glückwunsch, Brüder Michel! Gesegnet Euer Mut, der nie vergessen werden soll! Doch werdet jetzt nicht übermütig! Was Ihr erreicht habt, kann niemand mehr revidieren. Ihr müsst Euch jetzt Bedächtigkeit leisten. Der Weg ist so dicht mit Fettnäpfchen gepflastert, das Ihr durchaus noch ins Schlittern kommen und ziemlich schmerzhaft auf dem Steiße landen könnt. Das aber dürft Ihr Euch - und uns! - nicht antun.

***

Diese garstige Rede durfte nicht gehalten werden, zumal Berthold gegen die selbstgefälligen Politiker der Bundesrepublik noch weit schärfer vom Leder zog. Deutschland für sich genommen bedeutet DEM Sternenputzer wenig - Europa alles. Und das darf man heutzutage wohl denken und in Sternenputzer-Memoranden niederschreiben, - aber nicht laut sagen.
Also ein vereinigtes Deutschland in der EG? Womöglich gar als Mitgliedstaat der NATO? Wie schade, das der amerikanische Außenminister sich nicht entblödete dies vorzuschlagen. Doch gehen wir einmal davon aus, es wäre möglich - könnten die Sternenputzer ein solches Deutschland gutheißen? Sie sagen: nein! Dieses dominante Achtzig-Millionen-Deutschland würde den lebenswichtigen Prozess europäischer Einigung lähmen. Dann wäre Europa vorläufig zu den Akten gelegt. In der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts des dritten nachchristlichen Jahrtausends dürfte es maximal zwei genügend starke Machtzentren geben, die die Welt aus dem ökologischen Kollaps herausmanövrieren könnten. Ganz gewiß gehört der pazifische Wirtschaftsraum dazu. Nur vielleicht der europäisch-atlantische. Zu beiden Großräumen besäßen USA und Sowjetunion Zugang. Wir möchten aber nicht, das die Welt künftig von Russland, China, Japan und den USA allein beherrscht wird! Zumindest Afrika käme zu kurz dabei. Lateinamerika und Asien hätten eine reelle Chance, als nützliche Idioten, als Standorte für gefährliche Industrien, als Reservearmee der Arbeitskräfte, knapp vor Hungertod oder Meuterei besoldet zu werden. Afrika nicht. Allenfalls die Ölstaaten können ein paar Jahre hindurch ihre Konten abspecken. Und Europa endlich müsste hochqualifizierte Gastarbeiter nach China schicken. Nein danke. Ohne mich.


+++++++++++++++

Ich kann die Frage nicht mehr beantworten. Noch, als Du mich auf den Azoren besuchtest, hätte ich auf mein Sinngebungssystem, aufs I Ging verwiesen, so wie man eben rechthaberisch auf seinen Standpunkt pocht. Das kann ich heute nicht mehr. Ich habe für meinen - und mit meinem - Sinn gemordet, vielleicht um eines höheren Sinnes willen. Mein Buch der Wahrheit stinkt nach Tod. Ich habe meinen Sinn beschmutzt.
Nur zwei Wünsche will ich noch äußern:
Mein lieber Junge, ich wäre Dir sehr dankbar, könntest Du mir, in einigermaßen freundlicher Atmosphäre, einen Abschiedsbesuch am Sitz der Sternenputzer ermöglichen. Da sind noch ein paar Hände zu schütteln. Und dann, warum es verschweigen, wäre ich glücklich, Dich, nunmehr DEN Herrn der Behörde, in deinem Glanz zu sehen. Ganz unbeteiligt war ich ja nicht an diesem Aufstieg.
Zweitens aber hege ich einen unbescheidenen Wunsch. Vielleicht gibt es gar keinen Sinn. Vielleicht ist der Wandel gesetzlos, zufällig und obszöne Willkür. Vielleicht unterliegt den Ereignissen keine vernünftige Struktur. Doch wenn wir die Ereignisse für die Archive aufbereiten, Berthold, wenn wir die Akten heften, wenn wir von Welt und Wandel erzählen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als zu ordnen und strukturieren. Ich bitte dich, befiehl Bertuccio Manini und seinen untergebenen Notaren, unsere Geschichte auch einmal nach der Struktur des I Ging zu ordnen. Ihre Abschnitte und Kapitel, die Reihenfolge der Akten, mag dem Muster eines Orakelzeichens gehorchen. Für mich würde, es Trost bedeuten, das das I Ging, dessen heilige Reinheit ich für die Welt opferte, als Struktur in der Geschichte ebendieser Welt aufgeht. Bis wir uns am Behördensitz zum Abschied treffen, bitte ich mir Bedenkzeit hinsichtlich der Wahl des Zeichens aus.

Nun besitzen die Sternenputzer wieder Macht, Berthold. Nun hat DER Herr der Sternenputzer, wonach es ihn immer verlangte. Benutze deinen Einfluss vorsichtig und behutsam. Und achte darauf, das niemals Deine Hand zu hart oder Dein Herz zu kalt wird!
Ich warte auf Antwort und habe nicht mehr sehr viel Zeit. Es grüßt dich ergeben Siau Chou. Einstmals des Kleinen Zähmungskraft.

********

Das Erdgeschoss inbegriffen, wo auf schmalen Mauerstreifen zwischen den Foyerfenstern und auf der Markise neuerdings sattes Bordeauxrot, besät mit dezenten goldenen Sternen, alle von den Müllgebirgen durchgesuppten Flecken vergessen macht, zählt das europäische Haus sieben Stockwerke. Der Gehsteig vor unserem europäischen Haus ist trotz erlauchter Gäste aufgebrochen und mit Rotweiß-Band abgesteckt, weil unten im Sand Pflasterer den gesprayten Pfeil und die Wortfolge 'International Star Cleaners Headquarter' in Gestalt eines farbigen Mosaiks aus Natursteinen nachbilden. Das europäische Haus heißt Bristol Hotel Kempinski und auf seinen Fluren trifft sich alles, was Rang und Namen hat in der Weltpolitik, um zu verhandeln, vielsprachig parlierend amüsante Wortscharmützel auszufechten, die merkwürdigerweise nie in Aggressivität ausarten, oder einfach nur miteinander zu reden. Ein Forum. So stellten R. und B. sich früher mal in ihren kühnsten Träumen Rom vor ...
Mutierte Potentaten logieren jetzt hier im Hotel. Präsident Turner, der heilfroh ist über das Ende des Schlamassels, den sein Vorgänger angerichtet hatte und aus dem er beinahe den Ausstieg, die Wende, nicht mehr geschafft hätte, jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Des weiteren Romanow, Zhou Zhiyang, als Wortführer der EG-Staaten der Italiener Della Gloria, sowie, als Beauftragter aller nichtsowjetischen Warschauer-Pakt-Staaten Ungarns Premier.
Nicht der Wiener Kongress findet hier statt. Berthold als zentrale Figur ist ja kein Metternich, der die Staatenwelt Europas nach einem revolutionären Entwicklungsschub wieder restaurieren wollte. Wo wäre auch heute der abgehalfterte Napoleon - es sei denn, man täte den tatterichten Moskauer Politbürokraten die Ehre an, jene Zellen, in denen sie nun ihrer Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Sicherheit der Sowjetunion harren, mit Elba oder St. Helena zu vergleichen. Der Kongress tanzt auch nicht. Obwohl - manchmal wirken die Schritte der Potentaten, als gehorchten sie einer höheren Choreographie des Frohsinns, so beschwingt kommen sie daher, leichtfüßig, als hätten sich die Herren der Welt einer furchtbaren Bürde entledigt.
Immerhin 111 Jahre liegt der Berliner Kongress zurück. Zwar geht es heute durchaus unter anderem wieder um Bewältigung ebenjener balkanischen Zustände und Nationalitätenkonflikte, die bereits 1878 Gegenstand des Diplomatenstreits waren und später dann, wenn nicht den Grund, so doch Anlas zum Ersten Weltkrieg boten, zwar ist Berthold, ebenso wie Bismarck, ein absolut ehrlicher Makler, doch gibt es gewaltige Unterschiede. DER Sternenputzer brachte sie in einer Pressekonferenz auf den Punkt, als er aus dem Stegreif drei Fragen eines französischen Journalisten beantwortete. Hätte er sich nicht, um diesen Termin hinauszuzögern, in meine Armen geflüchtet und gejammert: Sie werden voll auf unser deutsche Herkunft abfahren, Mo, glaub mir, und dagegen kann man sich mit sachlichen Argumenten nicht wehren, nur indem man den richtigen Ton trifft!, - so würde ich einen raffiniert ausgeklügelten Schachzug vermuten. Aber er trat tatsächlich völlig verzweifelt und unvorbereitet vor die Presse und schüttelte, als es drauf ankam, die Lösung aus dem Ärmel. Vor lauter Stolz habe ich abgebrühtes Weib 'nen roten Kopf gekriegt.
Frage: Magnifizenz (diese Anrede hat sich eingebürgert), hier findet ein Kongress statt, bei dessen Kommissionen Sie und Ihre Beamten, wenn auch ohne Stimmrecht, den Vorsitz führen. Ein Deutscher in dieser Zeit der Annäherung souveräner deutscher Teilstaaten. Wohl kaum ein neuer Reichsgründer Bismarck. Doch liegt der Vergleich mit dem Berliner Kongress von 1878 nahe und die internationale Presse zieht bereits Parallelen zwischen Ihnen und Otto von Bismarck, bezeichnet Sie als den zweiten "ehrlichen Makler". Wo, glauben Sie, sollte die Welt nach Unterschieden zwischen beiden "ehrlichen Maklern" suchen?
Antwort: Ich bin kein Gegner eines demokratischen Sozialismus. Ich fälsche keine Emser Depeschen. Ich führe keine Kriege, weder gegen Dänemark, noch gegen Österreich oder gar Frankreich. Und schließlich vertrete ich hier in Berlin, auf die Gefahr hin, den Herrn Bundeskanzler zu verärgern, keine deutschen Interessen, sondern nehme ein Mandat wahr, das meiner Behörde einstimmig von der Vollversammlung der Vereinten Nationen erteilt wurde.
Welche Unterschiede sehen Ihre Landsleute zwischen Ihnen und Bismarck?
Sie werden mich kaum jemals den "Eisernen Sternenputzer" nennen. Und hoffentlich errichten sie mir nie eins dieser schrecklichen Denkmäler auf ihren Plätzen.
Sie selbst aber, Magnifizenz, wie würden Sie sich im Gegensatz zu Bismarck definieren?
Ich hasse Doggen, sagte Berthold.
Und damit war alles gesagt. Damit war die Absage erteilt an alles teutonisch schwerfällige, an jede Brutalität des Auftritts, das verstanden sie alle und seither ist die Hypothek deutscher Herkunft ihm erlassen worden.
Rechenblatt hatte allerdings beachtliche Vorarbeit geleistet. Von Schöntuers Presseorgan, der Depp-Rundschau befragt, ob er es nicht für angebracht halte, in einer neuen Phase internationaler- und innerdeutscher Politik nun endlich Schluss zu machen mit der lähmenden deutschen Dauer-Vergangenheitsbewältigung, erwiderte er barsch:
Wir sind eine Behörde, die Träume verwaltet. Als Stellvertretender Sternenputzer und Deutscher diskutiere ich nicht mit Leuten wie Ihnen über Vergangenheitsbewältigung. Es bezeugt Ihre menschenverachtende Unverschämtheit, danach zu fragen, solange noch die überlebenden Opfer Nacht für Nacht aus Alpträumen hochschrecken, in denen sie durch Auschwitzer Lagerstraßen geknüppelt werden. Überdies entlarvt diese Frage auch Ihre und Ihrer Gesinnungsgenossen völlige  außenpolitische Instinktlosigkeit ...
Aber ...?
Halts Maul, Nazi! schnitt Rechenblatt ihm das Wort ab.
Ich hab‘s genau gesehen. Diesmal wurde Halide Toprak rot. Da haben sich noch zwei gefunden. Halides Mutter schwärmt schon von einer Doppelhochzeit und Azim Toprak schlägt mir grinsend ein Eheanbahnungsinstitut für Sternenputzer vor.
Nächste Frage an den Rechenblatt. Die Chefredakteurin einer regierungsnahen bundesdeutschen Provinzzeitung wollte wissen: Wie stehen die Sternenputzer zur deutsch-deutschen Einheit?
Antwort Rechenblatt: Deutschlands nationalstaatliche Tradition ist kaum 120 Jahre alt und wird dennoch von der Welt aus gutem Grund als bedrohlich empfunden. Wir halten es daher zwar für wünschenswert, das man von Köln nach Dresden oder vice versa reisen kann, ohne auf Schlagbäume zu treffen. Derlei sollte innerhalb des europäischen Hauses möglich sein. Für überflüssig halten wir es hingegen, das man in Pöppelmanns Zwinger mit derselben Währung Eintritt bezahlt, wie im Südturm des Kölner Doms. Wir plädieren für eine enge wirtschaftliche, kulturelle, umweltpolitische Vertragsgemeinschaft, ein meinethalben symbiotisches Bündnis souveräner deutscher Staaten, das wie eine Klammer die Grenze zwischen den Blöcken überspannt ...
Und wo stößt diese deutsche Vertragsgemeinschaft an ihre Grenzen?
Wie bitte?
Die Oder-Neiße Linie ist doch nach übereinstimmendem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wie des Herrn Bundeskanzlers ...
Da wurde Rechenblatt richtig böse: Die Oder-Neiße Linie gilt ohne jedes Wenn und Aber! Es gibt keine polnisch-deutsche Grenzdiskussion. De facto verpflichten mich weder Vernunft noch Gewissen auf das unsinnige Urteil eines bundesdeutschen Gerichts. De jure bin ich dieser Verpflichtung als Mitglied meiner Behörde enthoben. Und was die Meinung des Bundeskanzlers anbetrifft, von dem ich nicht weiß, wie er seinem Vaterland dienen will, ohne seine Muttersprache zu beherrschen, so möchte ich mich dazu nicht eingehender äußern.
Kaum verwunderlich, dass nach diesem Rechenblatt-Interview die Bundesregierung auf die Sternenputzer nicht mehr gut zu sprechen war. Kein Wiener oder Berliner Kongress also. Jedoch auch nicht die KSZE-Schlusssitzung in Helsinki, denn hier in Berlin soll sich weit mehr entscheiden, als nur Europas Sicherheit und Zusammenarbeit, hier könnten die Weichen für unseren Aufbruch ins dritte Jahrtausend gestellt werden.
Am ehesten gleicht der Kongress daher noch jenen Verhandlungen in Mailand, wo ein paar Potentaten unter Anleitung der Ratsherren den 'Ewigen Frieden von Mailand' aushandelten, der am 1. Januar des Jahres 1638 zur Unterzeichnung vorlag. Geduldiges Papier. Geträumtes Pergament. Vielleicht Spickzettel für reale Urkunden?


+++

Mein Vorschlag sollte Deng vorgeblich aus einer Patsche befreien, die durchaus nicht sozialistischer Natur, vielmehr dem unterschwelligen chinesischen Traditionalismus entsprungen war. Die Seele meines Volkes weiß um ein unbarmherziges Gesetz, welches da lautet: wer Soldaten gegen das Volk einsetzen muss, um seine Herrschaft zu schützen, der hat das Mandat des Himmels verloren.
So lasse ich den Satz dastehen, Berthold. Mag auch das Mandat des Himmels eine offiziell verpönte Redensart sein - so denken die Menschen: Wer uns beschießen muss, um uns zu führen, der hat verspielt. Schwer ist es, ja beinahe unmöglich, sich rational gegen solche Überzeugungen zu wehren. Und Deng war Realist genug, einzusehen, dass die gigantische Propagandakampagne, die er nach den Massakern aufgezogen hatte, gescheitert war. Er spürte, dass er nur noch Lippenbekenntnisse zu hören bekam - aus Millionen liebdienerischer Zitate, aus Zeitungen, Büchern, Hörfunk, Fernsehen, auch aus den verkrampften Diskussionen, die in jedem Betrieb, jedem Straßenkollektiv, in jeder Militäreinheit einzig zu dem Zwecke anberaumt wurden, damit sämtliche Teilnehmer gehorsam ihren Widerwillen gegen die sogenannte Konterrevolution bekundeten und den Massenmord als revolutionäre Heldentat feierten. Es hatte alles nichts verfangen. Nur noch Lippenbekenntnisse. Die Menschen duckten sich, sagten brav auf, was ihnen abverlangt wurde, und hofften insgeheim auf Wandel. Mit den Düften abgebrannten Räucherwerkes stiegen auch die Flüche auf Deng und die Bitte um seinen Tod gen Himmel.
Diesen Teufel treibst du nur mit Beelzebub aus! So begrüßte ich ihn. (Natürlich nicht mit exakt diesen Worten, denn das entsprechende chinesische Sprichwort ist unübersetzbar.) Die Traditionalisten zähmst du nur mit traditionalistischen Argumenten. Und wenn du dich nicht sputest, ist es zu spät. Töte einen und erschrecke zehntausend, das mag ja noch angehen, doch du hast, ohne nachhaltigen Erfolg, viele tausend getötet. Wann siehst du ein, das diese Strategie nichts taugt? Nach zehn Millionen Toten? Nein, guter alter Freund, mystischen Aberglauben bekämpft man weder mit Gewehren, noch mit Reden, sondern - mit Mystik.
Deng pflichtete mir bei. Mir eilt ein gewisser Ruf als Orakelsteller voraus, fuhr ich fort, den muss man aufbauen - immer unter der Voraussetzung, das du mir zustimmst. Ich hatte ihn hier schon am Haken. Dass ich ihn betrügen oder gar töten wollte, konnte Deng sich schlechterdings nicht vorstellen. War ich nicht immer, auch auf Distanz, sein Freund gewesen? So konnte ich denn vorschlagen: Ich zähl dir vor den Augen unseres Volkes ein Orakel aus, dass sie das Mandat des Himmels fortan bis zu Deinem Tode über Dir schweben sehen!

Loyang, mein Berthold, ist nicht nur die Stadt, von wo laut eurer Anjouchronik einst eine Ratte aufbrach, um zu Zara ihren Auftrag zu erfüllen. Loyang mit seinen legendären 1300 Tempeln spielt auch für die Buddhisten Chinas eine große Rolle. Und nicht zuletzt war es die Hauptstadt jener Dynastie, unter der das I Ging entstand. Dort schlug ich mein Quartier auf. Vier Wochen lang druckten alle Zeitungen des Landes täglich meine Orakel, die sich niemals mit politischen Fragen befassten. Vier Wochen mimte ich täglich in einer viertelstündigen Fernsehsendung landesweit den heimgekehrten Wahrsager und erwarb Reputation. Vier lange Wochen hindurch gewährte ich bevorzugten Klienten, Generälen der Volksbefreiungsarmee, hohen Verwaltungsbeamten und Parteikadern Audienz und nutzte die Gelegenheit, jene Fäden, die von Hong Kong aus gesponnen worden waren, zu einem festen Netz zu knüpfen. Natürlich ließen wir keinen Verdacht aufkommen, das etwa über Politik gesprochen würde.
Bloß nicht! riet ich Deng ab. Ich darf ja keine kritischen oder bedrohlichen Orakel stellen. Und wenn ich während dieser Wochen mit dem I Ging deine Politik stütze, dann werden sie das für Auftragsarbeit halten und dem Schlussorakel gar keinen Glauben mehr schenken. Dass daraus auch umgekehrt ein Schuh wurde, dass ich mich nicht durch Rechtfertigung seiner Positionen vorab diskreditieren wollte, kam Deng nicht in den Sinn.

Vor einer Woche dann der große Tag. Meine schrecklichere Stunde. Unsere Freunde hatten alle strategischen Punkte im Lande besetzt und Militäreinheiten mit unklarer Loyalität vorsorglich isoliert. Ich bezweifle, dass es in der Geschichte jemals einen Putsch dieser Größenordnung gab, der so vortrefflich organisiert war. Schon als Deng und sein Tross den Sonderzug verließen und ihre Füße auf den Bahnsteig einer Station setzten, die nur ein wenig östlich von den Mauerruinen der alten Kaiserstadt liegt, was in der Live-Übertragung aller Rundfunk- und Fernsehsender eigens Erwähnung fand, waren sie von jeder Information oder Hilfsquelle abgeschnitten. Im Lande rollte bereits die Verhaftungswelle. Dengs Hofstaat wurde in dem Augenblick arretiert, als sich die Türen zu meinem Gemach hinter ihm schlossen. Nun war er mit den Fernsehkameras und mir allein. Ich hatte das Psychopharmakon in die Teekanne gegeben, aus der wir gemeinsam nachgossen, während wir einleitend vor laufenden Kameras und Mikrophonen plauderten. Ich selbst hatte ein Antidot geschluckt.
Das begreife ich nicht! fiel Romanow mir ins Wort. Warum haben Sie ihn nicht einfach vergiftet? Schreibt man in Ihrem Land heuer nicht das Jahr der Schlange?
Er sollte nicht an Gift sterben, sondern am Hauptwerk der chinesischen Klassik, erklärte ich. An einem Buch. An DEM Buch. Vor den Augen des Landes sollte die Wahrheit ihn töten.
Nana! Romanow drohte mir schalkhaft mit dem Zeigefinger. Wahrheit?
Wir hatten verabredet, Deng solle nach den Konsequenzen fragen, die sich für China aus dem Armeeeinsatz auf dem Platz des Himmlischen Friedens ergeben könnten. Als Antwort hatte ich ihm das Orakelzeichen Kien versprochen. Das Schöpferische. Sechs starke Yangstriche, auf denen der Edle, der konfuzianische Staatslenker, wie auf sechs Stufen zum Himmel emporsteigt. Aller Probleme wäre Deng nach diesem Orakel ledig gewesen. Was ich ihm aber nun mit flinken Fingern hinzauberte, die die 49 Stängel der Schafgarbe zu Haufen teilten und abzählten, ohne das Deng mir folgen konnte, war eine perfide Umkehrung, ein vernichtendes Urteil des Orakels. Ursprünglich hatte ich befürchtet, der durch das Medikament erzeugte Erregungszugtand Dengs könnte nicht heftig genug sein, um seinem alten Herzen Schaden zuzufügen. Doch hatte ich mich da getäuscht. Er wurde zusehends unruhiger, rutschte auf seinem Stuhl herum, schluckte und wusste seine innere Not schon nicht mehr vor den Kameras zu verbergen, als ich das Orakel noch gar nicht ausgezählt hatte. Da näherte der alte Weggefährte sich nun seinem Ende, von mir hinterrücks vorwärts gestoßen. Ich habe das bewusst getan. Berthold. Sein Tod war mein Wille. Das sagt sich leicht dahin. Aber nur die geheimen Aufnahmen, die ich gesehen hatte, Schmierspuren aus Blut und Fleischbrei junger, hoffnungsfroher Menschen, die Dengs Panzerketten zermalmt hatten, ließen mich durchhalten. Mein Orakel besagte Ming I, das heißt Verfinsterung des Lichts, ein böser Mann an maßgeblicher Stelle. Da sackte er mit einem Wehschrei zusammen und stürzte vor den Augen und Ohren von Millionen privilegierter Chinesen sterbend zu Boden.
Ich will mich nicht entschuldigen, tat ich doch, was mir recht erschien. Ich habe einen getötet, um einer Milliarde den Weg in die Zukunft zu bahnen. Und doch stammelte ich, neben Deng niederkniend: Verzeih mir, bitte!
Nein. Man soll ehrlich bleiben bis zuletzt. Ich kniete bei ihm nieder, es hätte sein können, das er noch lebte und noch Kraft hatte, zu reden. Für diesen Fall war es meine Absicht, seine Anklage zu ersticken.
Ich würde es nicht wieder tun. Kein Zweck heiligt den Mord als Mittel. Doch tat ich es und muss jetzt damit weiterleben und wenig tröstet mich die Aussicht, das dies mein Leben nicht mehr allzu lange dauern dürfte.

Den Rest kennst du, Berthold. Binnen dreier Tage konsolidierten wir die Lage. Als du dich um Hilfe an mich wandtest, konnte ich die neue Führung von einem radikalen außenpolitischen Kurswechsel überzeugen, der nicht nur die Sowjetunion verhandlungsbereit stimmte und DEM Sternenputzer machtpolitischen Rückhalt verlieh, sondern überdies Michail Romanow wieder in den Sattel hievte. Nun magst Du über mich urteilen, Herr der Sternenputzer.

Sie brachten ihm die Bälle und standen dabei stramm. Peinlich berührt von meinem Gefühlsausbruch wanderte Romanow nun schweigsam neben mir auf und ab. Ausdauernd auf und ab. Wir drehten keine Runde, Berthold. Nicht, dass ich deine Theorie der Kreise, die jeder aller anderen Zentrum sein sollen, konterkarieren möchte, obwohl das Bild mir nie die inwendige Verbundenheit allen Geschehens vollständig zu treffen schien, aber die Kremlmauern spannen doch eher ein verbeultes Dreieck ins Zentrum der gesammelten russischen Erde - und nicht einmal dies Dreieck schritten wir ab. Ich sagte schon: wir liefen hin und her.
Senatsturm gleich römischer Bezug, sinnierte Romanow leise. War Dengs Tod nötig? Ex Oriente Lux? Erlösertor, zwar nicht von einem Römer, doch vom immerhin Mailänder Architekten Pietro Antonio Solari erbaut. Dann der Zarenturm, der seinen Namen beim römischen Staatsmann Gaius Julius entlieh, genauer, von dessen Cognomen Caesar. Anschließend der Alarmturm, den lassen wir mal beiseite. Dann das Konstantin-und Helena-Tor. Bezieht sich aufs Zweite Rom: Byzanz. Moskau, ihm nachgezählt, das Dritte Rom. Auf wenigen Metern ein solcher Assoziationskosmos! Ein europäischer Kosmos. Genuin römisch. Und wir schlendern über eine Mauer, ohne uns totzuschlagen. Unten hupte die schwere Sil-Limousine, die auf uns wartete, das vereinbarte Signal zum Staatsbankett. Derart unkonventionelle, gar nicht hochherrschaftliche, Kommunikation bevorzugt Romanow, und zuguterletzt noch mein Name, schloss er. im Gleichklang mit dem letzten russischen Zaren-, Caesarenhaus: Romanow. Rom inklusive. Aber kommen Sie. Ich habe die Speisenfolge ändern lassen und den Köchen aufgetragen, chinesisch-russische Blini auszuprobieren. Russischer Kaviar als Füllung. Die Pfannkuchen dafür aus Reismehl statt aus Buchweizen.
Ich verschwieg ihm, das ich seit Jahren vegetarisch lebe, sagte vielmehr:
Es wäre nicht das Schlechteste, wenn Europa in der Küche über sich selbst hinauswüchse. Es muss über sich hinauswachsen, friedlich, um seine verschwendeten Potentiale der Welt zugute kommen zu lassen. Die Mauern müssen fallen. Die römisch-mythologischen, so wie die deutsch-deutsche, der ganze eiserne Vorhang, und schön wäre es, wenn eines Tages auch die Kremlmauer nur noch als Denkmal Wert besäße. Romanow jonglierte, während wir die Treppe des Spasskijtores hinab stiegen:
Und die chinesische Mauer? Er fing die Bälle nacheinander auf. Die Vereinigten Staaten, zählte er und brachte seinen ersten Ball erneut ins Spiel, die Europäische Gemeinschaft, zweiter Ball. Osteuropa, dritter, die Sowjetunion, mit vier Bällen gelang ihm das Jonglieren schon vorzüglich, und China, fügte er endlich den letzten Ball und Machtfaktor hinzu, wenn wir ernsthaft über Frieden in Europa reden wollen, muss die Sowjetunion China berücksichtigen. Wir sind nicht nur eine europäische Macht. Wir können nicht im Westen abrüsten, ohne die Sicherheit unserer riesigen Gebiete östlich des Ural zu bedenken. Wollen wir wirklich über dauerhaften Frieden verhandeln, mit diesem merkwürdigen Generalsekretär der Sternenputzer als Vermittler, so muss auch China am Verhandlungstisch sitzen, denn ...
Um Ihnen ebendies namens der neuen Pekinger Führung anzubieten, bin ich gekommen, unterbrach ich. Wir wollten die Sowjetunion nicht schädigen oder erpressen. Wir haben viel zu bieten, unter Umständen ganz neue Formen der Zusammenarbeit. Sie verfügen über die unerschlossenen, menschenleeren Weiten Sibiriens. Wir sind eine Milliarde. Und, Dank meinem Amtsvorgänger, DEM Sternenputzer, verfügt China nunmehr über erhebliche Finanzmittel. Aktien, Gospodin Romanow! Westliche Aktien. Brauchen wir nicht beide technologische Hilfe aus dem Westen? Peking ist bereit, seinen neuen wirtschaftlichen Einfluss auch zugunsten der Sowjetunion zu nutzen! Dann gingen wir essen. Die fünf Mächte vertrugen sich leidlich, ohne Kollisionen in der Luft, in dem Oval, dem plattgedrückten Kreis, den sie beschrieben. Bis Romanow die Bälle vor der Limousinentür freiwillig einpackte, stürzte nichts ab. Die interkontinentalen Blini aber wurden, nach allem was ich sah, ein kulinarischer Erfolg.
Macht das nun Sinn, Berthold? Will er etwas bedeuten, der Wind, der gedreht hat und Mauern davon fegt? Folgt nun ein goldenes Zeitalter, in dem wir wirklich alle über uns hinauswachsen, als Individuen und Gesellschaften, ja als Bündnisse von Staaten uns annähern statt gegenseitig voreinander und dem Schlimmsten abzuschrecken? Haben sich Traum und der gewaltige Aufwand an nüchternem Realitätssinn, haben sich Mord und Drohung und Gesprächsbereitschaft nun gelohnt? Was sagen die gefundenen Schriftstücke darüber? Was wollen sie anderes, als in der Nachfolge des Hermes Trismegistos immer nur wieder auf sich selbst zurück zu verweisen. Was wollen wir! Was bleibt uns denn sonst übrig? Was haben wir denn - außer uns und unseren Träumen? Gibt es eine Ordnung der Dinge, Berthold? Oder sind alle Muster, die wir in unserer Welt und ihrem Wandel zu erkennen meinen, nur Spuren von des Zufalls tapsigen Füßen. Und wenn dem so wäre? Ist es verwerflich, von einem Selbstbetrug zu leben, wenn man ohne ihn stirbt?


+++

Daher will ich der jugendlichen Ungeduld DES Herrn der Sternenputzer Motive und Beweggründe meines Lebens, seinen Fahrplan zwischen den Stationen Traum und Wahrheit offen legen, auf das DER Sternenputzer dies zu seinen Akten nehme und gebührend gewichte, ehe er vorlaut über mich urteilt. Ich verlange Gehör!
Seit Generationen hasste meine Familie jene Zöpfe, die uns die Mandschu zum Zeichen unserer Unterwerfung geflochten hatten. Unentwegt waren wir in den Triad-Geheimgesellschaften tätig, um die Usurpatoren aus Peking zu vertreiben und wieder legitime Ming auf den Drachenthron zu setzen. In der konventionellen Geschichte, wie auch in den Bucholtzpapieren nahmen wir regen Anteil an Hong Kongs Gründung, wo wir eine unangreifbare Basis gegen die Mandschu aufzubauen hofften. In den Bucholtzpapieren, dieser bedeutsamen Ergänzung zu eurer Anjouchronik, retteten wir dir und Rechenblatt das Leben. Soviel summarisch zur Vergangenheit. Nur noch dies vielleicht: jene Erdnussbauernexistenz, die meine Familie in der Provinz Kiangsi führte, war Tarnung, denn sowohl unsere geheime Macht in den Triads, als auch die Schätze, die wir im Verborgenen angehäuft hatten, überstiegen bei weitem das Maß dessen, was selbst der fetteste Palasteunuch sein eigen nannte.

Romanows sozialistischer Regenbogen bekam spätestens hier dunkle Flecken. Er ist aber kein Doktrinär und kleidete daher sein ideologisches Missbehagen in gelinde Ironie:
Sieh da! Ein Rotchinese mit Goldschatz im Garten. Und was hielt die Partei davon?
Der Brüche, Risse, Unvereinbarkeiten, Widersprüche in meinem Leben waren so viele, Berthold, das ich auf Schritt und Tritt in den Erklärungsnotstand tappe und hinlänglich darin geübt bin, mich wieder seinen Schlingen zu entwinden.
Die kommunistische Partei? fragte ich daher. Kommunist? Bin ich verrückt? Chinese bin ich, Gospodin Romanow, vor allem anderen Chinese. Chinese und Parteimitglied, weil man dem Land außerhalb der Kuomintang nur als Parteimitglied dienen konnte. Chinese und Bordellier, weil meine Genossen entschieden hatten, mich zu den Sternenputzern zu entsenden, ich somit einen schillernden biographischen Hintergrund benötigte. Chinese und Beamter, schließlich DER Sternenputzer, weil ich meine Stellung dazu benutzte, ausfindig zu machen, welcher Stellenwert den Sternenputzern in Chinas Strategie zukam ...
Auch so ein Punkt, Berthold. Ich kann ja gut verstehen, das kluge Menschen sich unbändig ärgern!, wenn sie derart zum Narren gehalten werden, wie Ihr durch mich . Aber ich versichere Dir nochmals, das der Behörde kein Schaden entstand. Da ich mich stets der klassischen chinesischen Tradition verpflichtet fühlte, konnte ich meinen Erkundungsauftrag ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr in vollem Umfang erfüllen, jedenfalls nicht zu seinem ursprünglichen Endzweck, also um die Sternenputzer China zu unterwerfen. Was nämlich gut war am Reich der Mitte und wertvoll, ließ sich zu zwei Fünfteln auf sein Verwaltungssystem zurückführen. Auf eine Hierarchie von Literaten-Beamten, die in populären Romanen Mandarine heißen, nach der Farbe ihrer Gewänder. Zutiefst bedauerte ich schon vor meinem Eintritt in die Behörde, das es mir misslungen war, diese Beamtentradition aus der Versenkung der bürgerlich nationalen Revolution von 1911/12 wieder hinaufzuholen und sie reformiert, von Korruption gereinigt und um den Gedanken der Fachkompetenz erweitert, in die Volksrepublik hinüberzuretten. Nur zähneknirschend hatte ich die große kommunistische Abrechnung mit der Tradition über mich ergehen lassen, nach welcher unter dem Strich so gut wie nichts vom klassischen Geist der Literaten-Beamten übriggeblieben war. Als ich daher in die Behörde eintrat und Li für Li erfasste, das die Sternenputzer bereits mit den frühen Zhou-Herrschern, mit Kun Fu Tse und den allerersten Ursprüngen der klassischen Tradition in Verbindung gestanden hatten und China ihnen gerade das verdankte, was ich so an ihm liebte und für seine originäre Errungenschaft hielt, - sag selbst: traust Du mir zu, Berthold, das ich danach noch der Behörde hätte schaden wollen? Meinst Du, ich hätte das Original in die Dienste einer, übel von den Spuren der Zeit gezeichneten, Kopie gestellt, hätte die Behörde an China ausgeliefert? Die schreibenden Beamten meinen kommunistischen Auftraggebern in die Hände gespielt, diesen Beamtenverächtern und, - man muss es leider sagen, - bald auch Verächtern jeder institutionalisierten Intelligenz? 1954 erschien in Djakarta (wo mein Ahnherr die Knäblein der Ratsherren vor dem Tode bewahrte hatte) mein Buch über eine alternative Geschichte des Literaten-Beamtentums, das, obwohl sein Titel Maos 100 Blumen Kampagne vorwegnahm, mit aller Schärfe gegen die damalige Politik des Großen Vorsitzenden argumentierte. Glaub mir, Berthold, es gab meine ureigenste Überzeugungen wieder, die ich unter dem Vorwand, mir eine behördengerechte Legende zu verschaffen, ungehindert äußern durfte.
Während der sogenannten Kulturrevolution war ich dann bereits Procurator in Magistratu Ordinis und indem ich machtlos zusah, wie ihr abscheulichen Auswüchse wucherten, wohingegen viele vernünftige, harmonisch gewachsene Traditionen verkümmerten oder gar von den aufgewiegelten Massen brutal niedergestampft wurden, verlor ich jede Illusion darüber, was geschehen würde, wenn ich die Behörde an China auslieferte. So schläferte ich Pekings Interesse an den Sternenputzern ein, indem ich sie als einen gänzlich bedeutungslosen Gelehrtenzirkel darstellte, den zu unterwandern sich nicht lohnte. Ganz sicher, dass mir dies gelungen war, war ich erst im Jahre 1982. Und weil ich inzwischen zum Clarator Magnificus aufgestiegen war, kam es dann eben zu dem Skandal, dass DER Herr der Behörde sein Amt niederlegte, um den Loyalitätskonflikt zwischen der Behörde und China zu beenden. Meine Ansiedlung auf den Azoren setzte ich gegenüber Peking übrigens mit dem Argument durch, man brauche den Sternenputzern ja nicht deutlich auf die Nase zu binden, dass immer noch, und trotz meines im Jahre 1951 wohlweislich inszenierten, eklatartigen Bruchs mit Mao, Verbindungen zwischen mir und der chinesischen Führung existierten. All das dokumentierte ich im geheimen Archive der Magnifizenzen. Und mittlerweile dürfte meine Handlungsweise ja auch deine letzten Zweifel am Wahrheitsgehalt meiner Niederschrift ausgeräumt haben.
Um noch einen weiteren Verdacht zu widerlegen: jener Korrespondent, den die Volksbefreiungsarmee in Tibet fasste und aus dessen Mund die damalige Pekinger Führung erstmals etwas über die Sternenputzer erfuhr, wurde keineswegs gefoltert, wie du in deinem vorletzten Brief unterstelltest. Er schwamm bereits als Wrack, gekentert und kieloben, in schalen Reisschnapslachen. Er war ein Idiot, der bereitwillig drauflos plapperte, um die Herkunft der merkwürdigen Dokumente, die man bei ihm fand, zu erklären. Und er starb friedlich in einer sauberen, beheizten Einzelzelle, noch ehe auch nur Anklage wegen Landesverrats gegen ihn erhoben worden war.
Zum Abschluss des Komplexes Literaten-Beamten will ich dir noch verraten, dass ich nach den diesjährigen Pekinger Massakern einzugreifen beschloss, weil wieder die Intelligenz zum Opfer wurde. Aus ethischem Blickwinkel mag es gleichgültig sein, ob nun Bauern, Straßenbahnschaffner oder Professoren ermordet, werden. Haben erst einmal Panzerketten aus diesen Menschen Klumpen rohen Fleisches gemacht, so sind alle Unterschiede von Herkunft, Bildung und Funktion im Staatsganzen belanglos. Aber es war die Zukunft meines Landes, die dort buchstäblich eingestampft wurde, die Elite zukünftiger Lehrer und Gelehrter, Beamten, Künstler, Literaten, die zerfleischt wurdet von tumben Schlächtern, deren Willfährigkeit Deng Xiaoping gegenüber bestimmt teilweise daher rührte, das die meisten von ihnen kaum lesen oder schreiben konnten. Halbe Analphabeten töteten Menschen, die später einmal ihre Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht hätten. Diese erneute, bewusst in Kauf genommene, Zementierung eines uralten Bildungsgefälles zwischen Stadt und Land, die Politik Verdummung durch Mord, sie brachte mich so auf, das auch ich mich entschloss, zu töten.
Es gibt in der chinesischen Geschichte die tragische Konstante eines unzähmbaren Intellektuellenhasses von Seiten der kleinen Leute. Zurückverfolgen lassen sich Zorn und Verachtung in jene Zeiten, da die Literaten-Beamten, kaum waren ihre Examina abgelegt, nichts besseres zu tun hatten, als das Volk bis aufs Blut zu schröpfen, oftmals zunächst, um jene Schulden abzutragen, die sie bei Wucherern gemacht hatten, um studieren zu können, dann, weil sie sich endlich ein bisschen Wohlleben gönnen wollten und schließlich, weil sie auf den Geschmack gekommen waren. Wird nun dieser, unter zahllosen korrupten Geschlechtern herausgebildete, nur zu verständliche Zorn des Volkes von skrupellosen Machthabern gegen die progressive Intelligenz gelenkt, so ist es um Chinas Zukunft geschehen. Dem konnte ich nicht tatenlos zusehen.

Romanow nahm sein Spiel mit den Bällen wieder auf.
Hepp! rief er und warf einen nach dem anderen in die Höhe, da haben wir also einen Menschen, von Geburt reich, hepp, einen notgedrungenen Kommunisten, hepp DEN spionierenden Sternenputzer und endlich hepp, hepp, den Orakelsteller aus Überzeugung, wie ich glaube, vier Bälle hielt er in der Luft. Und der Bandit? Das Mitglied mafiöser Geheimgesellschaften? Beim fünften Ball versagten die noch halb betäubten Reflexe und wieder mussten Wachmannschaften rennen. Ein wenig eitel hatte Romanow darauf geachtet, mit dem Rücken gegen eine der Zinnen zu stehen, damit keiner der vielen schwerbepackten Kunden, die aus dem Kaufhaus GUM auf den Roten Platz strömten, sein Missgeschick beobachtete. Die Grundversorgung ist in der Sowjetunion nicht länger gefährdet, seit ein einstimmig erlassenes Gesetz des Obersten Sowjet, jedem Funktionär, der sich etwa neuerliche Sabotage des Versorgungswesens einfallen ließe, mindestens zwanzig Jahre Lagerhaft androht. Keine endlosen Waggonschlangen mehr auf den Bahnhöfen, während zweihundert Meter weiter Hausfrauen nach dem Gemüse Schlange stehen, das in den Güterwaggons verrottet! Romanow hob in gespielter Resignation seinen Blick nach rechts oben, wo die Turmuhr des Erlösertores fünf Minuten vor Zwölf anzeigte. Da der kritische Moment vorrüber ist. scherzte er, können Sie mir eigentlich sagen, wie Sie Deng ausgeschaltet haben!
Mit Unterstützung der Banditen, antwortete ich. Sie verschafften mir in Hong Kong, noch vor meiner Einreise in die Volksrepublik, das dringend benötigte Psychopharmakon. Unter den Triad-Chefs sind nicht nur geldgierige Haie. Hören Sie ganz genau hin: nicht alle sind nur übler Abschaum. Nicht nur internationale Heroinschieber, bezahlte Killer, Menschen- und Waffenhändler. Auch in ihren Reihen gibt es einen Ehrenkodex, manchmal beinahe staatsmännische Weitsicht, sehr selten sogar Anstand und Güte gegen Familienfremde. Die Motive dieser Leute sind unentwirrbar. Ein untrennbares Gemisch aus sentimental mandschufeindlichen Traditionen, chinesischem Nationalismus, widerwärtigster Brutalität und Geldgier, Kommunistenhass, Killermentalität, fröhlichem Schmugglertum, der Bereitschaft, trotz alledem der Heimat zu helfen und zahllosen weiteren Komponenten. Vor allem aber existieren viel mehr Kontakte zwischen diesen Bandenchefs und dem Festland, als Außenstehende sich träumen lassen. Die Triads sind schließlich nicht dumm. Sie wissen genau, das sie bald entweder die Kronkolonie verlassen, oder sich mit Peking irgendwie arrangieren müssen. Und so stehen heute viele der ihrigen insgeheim auf der Seite der innerchinesischen Opposition. Sie halfen mir und knüpften alle Kontakte zu Geheimdienstleuten und Armeekommandeuren, die ich nicht selbst unauffällig zustande bringen konnte. das sie sich später aus dem Fonds der Sternenputzer-Milliarden großzügig bedienten, ebenso übrigens, wie manche der aufbegehrenden Offiziere, Partei-, und Regierungskader, das steht auf einem anderen Blatt.

Verehrter Herr der Sternenputzer! Ich kenne Deng Xiaoping, seit wir uns 1922 im Rahmen des Programms Arbeiten und Studieren in Frankreich trafen. Obwohl er meist in der Fabrik zu finden war, wohingegen ich die Sorbonne bevorzugte, verstanden wir uns damals recht gut. Wahrheitsgemäß muss ich sagen, das wir einander über Jahrzehnte hinweg mochten, das ich mit ihm zusammenarbeitete, als er von 1932 bis 1934 die Zeitung Roter Stern herausgab, das wir auf dem Langen Marsch oft nebeneinander schliefen, das ich später in den schrecklichen Tagen der Kulturrevolution, der er ja fast zum Opfer gefallen wäre, um ihn bangte und wir insbesondere während des vergangenen Jahrzehnts seiner Reformen einen sehr freundschaftlichen Briefwechsel führten. Ehe Deng zum Unhold wurde, war er ein Mann von großem Zuschnitt und hätte als bedeutendster Staatslenker der chinesischen Moderne in die Geschichte eingehen können. Daran will ich nicht rütteln, obwohl ich ihn mit meinen eigenen Händen umbrachte, mit Fingern,
die das Schafgarbenorakel viel zu geschwind handhabten, als das er meine Manipulationen hätte bemerken können. Erst vor zwei Jahren, als interne Nachrichten aus Peking immer beängstigender klangen, sagte ich mich im Stillen von ihm los und begann ihn nach und nach sogar zu hassen.
Er machte es mir läppisch leicht. Wie alle klugen Köpfe Chinas schätzte er das Buch der Wandlungen und benutzte gelegentlich unverhohlen das Orakel. Warum nicht? Treffen sich nicht Yin und Yang im Orakelzeichen zu höchst dialektischem Treiben? Es kostet nur geringe Mühe, das Buch und seinen Gebrauch mit wissenschaftlichem, dialektisch-materialistischem Geschichtsverständnis in Einklang zu bringen. Das Orakel ist nicht nur geduldet, sondern anerkannt und mächtig, wenn auch die Kommunisten dies bislang öffentlich nicht gerade an die große Glocke hängten, seiner binären Mystik wegen.


+++

Nur ungern würde ich auf das Jahr 1989 obskuren Heils datieren, 1989 Jahre nach Geburt eines Gottessohnes, der gekreuzigt wurde, um die Schandtaten seiner menschlichen Brüder und Schwestern zu sühnen, gemäß dem Willen des angeblich liebenden Gottvaters. Diese Zählung war mir seit jeher tief suspekt. Wenig besagen auch die Jahreszahlen atlantischer Provenienz über das aktuelle Geschehen.
Roms Zeitrechnung aber, von Gründung der Stadt, würde erneut Gedanken an Mauern verfestigen, welche doch nun, dank den Kräften des Wandels, geschleift werden.
So schreibt Dir denn Siau Chou, des Kleinen Zähmungskraft und ehedem DER Sternenputzer, mit chinesischem Datum, im Jahr der Schlange, des eifersüchtigen, misstrauischen Reptils.

Mein lieber, junger Amtsnachfolger,
als ich Michail Romanow bei unserem Spaziergang auf der Kremlmauer in die Wahrheit einweihte, da purzelten ihm alle fünf Bälle zu Boden, mit denen er zuvor geschickt jongliert hatte.
Wie bitte? tat er ungläubig, als sei politischer Mord im Kreml, dem Palatin des Dritten Rom, etwas ganz und gar absurdes, als wäre nicht er selbst unlängst beinahe einer Palastintrige zum Opfer gefallen, oder als wären die Elitesoldaten des Innenministeriums, die auf dem Wehrgang der Kremlmauer eilig den davonkullernden Bällen nachjagten, grundverschieden von putschenden chinesischen Truppen, in deren Schutz ich zu Loyang die Drecksarbeit verrichtete, von der mein erstes Telegramm Dir Bericht gab. Dabei sind sie doch alle Prätorianer, diese Militärs, heben goldlechzend (oder nach Dollars begierig) Imperatoren auf den Schild und stürzen sie wieder. Oder sie gleichen, bestenfalls, den Degenmännern deiner Anjouchronik, diesen metallisch scharfen Transmissionsriemen eines Traumes.
Wie bitte? fragte Romanow erneut mit scheinheiligem Augenaufschlag. Sie haben Deng Xiaoping getötet? (Nein, ABC hat 2008 in Loyang kein Mitglied des chinesischen Politbüros getötet, sondern sich selbst und den Chef des Orakelrates COR, Ho Lung. Gleichwohl ist die Analogie zu den hier erzählten Ereignissen, die 1989 spielen sollen, frappierend. Anm. d. Hrsg.)
Ich nickte und reichte ihm den letzten Ball. Er jongliert, seit er diese Begabung anlässlich einer studentischen Laienaufführung entdeckte. Und da die Ärzte ihm dringlich rieten, seine durch den erzwungenen Drogenkonsum der vergangenen Monate bis zur Tollpatschigkeit verlangsamten Reflexe zu trainieren, hat er dies Spielchen eines russischen Tanzbären wieder aufgenommen.
Da sollte man doch eigentlich meinen, grinste er schief, Theaterspiel oder wenigstens das Jonglieren mit Bällen, so das sie alle in der Luft bleiben, ohne zu stürzen oder kollidieren, sei eine hinreichende Vorbereitung auf hohe Staatsämter. Aber dass auch Mord dazugehört ...! Ich hätte Messerwerfen üben sollen!
Ich hingegen werde keine Ämter übernehmen, erwiderte ich, sondern mich nach erfüllter Mission endgültig auf die Azoren zurückziehen.
Wir standen auf Höhe des Senatsturmes. Links auf dem Roten Platz
dräute in düsterrotem Porphyr und schwarzem Granit das Lenin-Mausoleum, rechts, flatterte auf der Kuppel des Ministerratsgebäudes die sowjetische Staatsflagge.
Wir betten Wladimir Iljitsch demnächst in ein anständiges Grab um und schließen das Mausoleum, kündigte Romanow verdrießlich an. Nicht länger Heiliges Moskau oder unwürdige Reliquienverehrung, abgesehen von gewissen Kreuzen natürlich, versicherte er eilig. Die Mythen machen Feierabend. Man muss die Völker der Sowjetunion an den Gedanken gewöhnen, das es jetzt Zeit ist, anzupacken, so wie der Sisyphus, der seinen Stein rollt auf dem Kapitol und ... er brach den Satz ab. Wir schauten uns an und lachten verlegen. Ausweglos, sagte Romanow, die Welt ist ein hermetisches Gebäude aus Mythen, Träumen und ein paar wenigen Ziegeln Wirklichkeit. Manchmal gewinnt man den Eindruck, sie verklinkern den Bau nur. Geben unserem Leben lediglich eine individuelle Fassade. Und nun lustwandeln wir auch noch auf dem Wehrgang der Kremlmauer, um die ich mich mit meinen sogenannten Brüdern im Politbüro wahrlich genug geschlagen habe. Als hätten wir nicht sowieso mit den Mauern Ärger bis zum Überdruss! Erst hemmen sie jeden Verkehr. Dann wünscht man sie sich beinahe zurück ...
Er meinte die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze. Berthold - er ist besorgt, weil allem Anschein nach, sobald die weltpolitischen Wogen sich geglättet haben, nur Egon Schwarzaugs Kehrtwende hin zur Öffnung seiner DDR, de facto unumkehrbar, festliegt, wohingegen alle sonstigen sicherheitspolitischen Entwicklungen noch in den Sternen stehen. Romanow sieht zwei Möglichkeiten für die Zeit nach der Truppenentflechtung: freundliche Annäherung bei Verbleib im jeweiligen Pakt - oder - wenn es sich nicht vermeiden lässt, ein vereinigtes Deutschland als Kernstück eines neutralen Cordon Sanitaire zwischen den Blöcken, bei Loslösung beider Teilstaaten aus NATO, Europäischer Gemeinschaft und Warschauer Pakt. Eine EG- und NATO-Mitgliedschaft der DDR, dieses verquere Ansinnen der Unbelehrbaren im Westen, schließt er natürlich aus. Romanow ist am Frieden interessiert, doch er wird niemals einen Siegfrieden des Westens unterschreiben. Die Duldung der Neuschaffung eines Staates aus BRD und DDR, der in den Westen eingebunden würde, käme einer Selbstverstümmelung Moskaus gleich.

Mich aber überfielen, weniger beim Stichwort "Mauer", als beim Begriff eines "befreiten Deutschland" ganz andere Assoziationen. Chinesische. Bitter traurige. Dem Jahr der Schlange angepasste. Neidische. Hätte es nicht auch auf dem Tienanmen ebenso unblutig abgehen können? Denn für die Deutschen in Ost und West lief alles, wider jedes Erwarten, einigermaßen glimpflich. Nur Russen und Amerikaner bringen Leichensäcke heim.
Ob die Deutschen ihr unsägliches Glück wenigstens zu würdigen wissen? Oder halten sie sich ihr gnädiges Geschick immer noch als eigenes Verdienst zugute? Die Frage ist müßig, sagst du? Ungültiges Nachkarten?
DEM einstigen Vorsteher einer Behörde, der die Verwaltung von Träumen oblag, wird wohl erlaubt sein, für eine kurze Weile konjunktivischen Betrachtungen nachzuhängen: Stellen wir uns also einmal vor, das Reißen des Eisernen Vorhangs wäre auch in der Deutschen Demokratischen Republik so friedlich vonstatten gegangen, wie in Ungarn, gänzlich aus eigenem Antrieb und eigener Kraft der Bevölkerung, ohne lenkende Abschüssigkeit entlang jüngster welthistorischer Verwerfungen, ohne dreißig russische Divisionen, denen an der Grenze ebenso viele Amerikaner gegenüberstanden, ohne Schießereien zwischen rivalisierenden deutschdemokratischen Truppenteilen, ohne dass einige Tage hindurch Demonstranten in Ostberlins, Dresdens und Leipzigs Straßen vor aufgepflanzten Bajonetten rannten, auf gänzlich revolutionär friedlichem Wege also, sprich, auch ohne die lästige Tatsache, dass die Führung eben nicht einfach davongefegt wurde vom tausendfüßigen Besen über den von den Frostschäden des Kalten Krieges löchrigen Asphalt, sondern Vernunft bewies, im letzten Augenblick Kurs und Steuermann wechselte und sich reorganisierte. Glaubst Du, außer ein paar Intellektuellen hätten Deine Deutschen bemerkt, welches Privileg sie da genossen? Glaubst Du, mehr als eine Handvoll hätte daran gedacht, das ihr Blut hübsch in den Adern pulsieren durfte, weil chinesische Intellektuelle und Studenten zur Jahresmitte auf dem Tienanmen geblutet haben, so bluteten, das anschließend wirkliche Besen mit Borsten von Reisstroh den Platz kaum sauber geschrubbt kriegten? Kein Gedanke Berthold! Rasch und gründlich, wie es die Art der Deutschen ist, hätten sie verdrängt, dass jenes Opfer, das ihnen erspart blieb, wenige Monate zuvor von meinen Landsleuten gebracht wurde. Schulterklopfend und mit Tränen der Rührung in Augen hätten sie sich gegenseitig belobigt, ob der ersten geglückten, friedlichen Revolution auf deutschem Boden. Und keiner, kein tapferer Demonstrant, noch gar die teilnahmsvollen Beobachter hüben wie drüben hätten eingestanden, dass die bewaffnete Staatsmacht nur deshalb nachgab, weil sie sich nicht, um keinen Preis, mit Deng Xiaopings Schlächtern gemein machen wollte. So was lässt die Weltöffentlichkeit nur einmal jährlich durchgehen. So kurz währt ihr Gedächtnis wiederum auch nicht.
Nun kam es aber anders. Dein Land, Berthold, hatte zwar Glück, doch muss es, leider, leider, einige Märtyrer beklagen, wird halb regiert von einem Häuflein restlos diskreditierter Demokraten, zur anderen Hälfte von einer Bande illegitimer Diktatoren, die nichtsdestoweniger aus Gründen politischer Opportunität große Wandlungsfähigkeit an den Tag legten. Immer kann alles anders kommen, Berthold! Immer, bis es dann passiert ist: so und nicht anders. Nur die Gesetze des Wandels sind im I Ging niedergeschrieben. Auf welche Weise er über uns hereinbricht, und welche Opfer er fordert, ist stets ungewiss.

Da schwingt er sich jetzt ungefragt zum Richter der Welthistorie auf - wirst Du denken - und will drüber hinwegtäuschen, dass er selbst knietief im Dreck watet. Dieser Tyrannenspitzel im Archiv. Dieser Verräter an den Sternputzern. Ein gelber Meuchelmörder, wenn nicht gar Mohr, der nach getaner Schuldigkeit in der Versenkung verschwinden sollte, den wir notfalls in Marian Guardinis tönernem Wasserkrug ersäufen - diese giftige Ratte aus Loyang ...
Nur zu verständlich, dein Unbehagen angesichts meiner deutsch-chinesischen Erwägungen!
Dennoch habe ich auch mit dir persönlich noch ein Wörtchen zu reden. Nicht scharf will ich Dich richten. Nicht vollstreckend, wie in Loyang. Aber du sollst nicht gar so ungeschoren davonkommen, wie dich unser Abschied auf den Azoren glauben machte, als du in der Sänfte meinen kurzatmigen Schritten vorauseiltest, auf den Beinen von Trägern, die ich dir ausgeliehen hatte. Als dir die Selbstgerechtigkeit aus allen Poren troff und Du Dich angeekelt abwandtest vom vermeintlichen Verräter. Ohne Respekt vor meinem Alter. Jetzt wirst du gefälligst die Güte haben, mich bis zuende anzuhören! Nach allem, was ich tat, schuldest du mir das. Prophezeite ich nicht auf den Azoren, Du würdest Hilfe bekommen, Traum und Wirklichkeit? Und strandete dann nicht eine lange versprochene Flaschenpost am Spreeufer? Eine publicityträchtige Botschaft, abgeschickt aus dem Reich deiner eigenen Träume? Und spann ich dann nicht meine Fäden, umgarnte Deng Xiaoping, lockte ihn nach Loyang, um dem mistigen Stück Wolfsherz und Hundelunge in dieser einstigen Hauptstadt der Dynastie Zhou, unter deren Schirmherrschaft das I Ging entstand, - aus dem I Ging - den Strick zu drehen? Ließ ich ihn nicht unter den surrenden Kameras an der unverdaulichen Weisheit des Buches der Wandlungen sterben? Führten nicht die landesweit ausgestrahlten Aufnahmen zum Sturz des Regimes und einer dramatischen Wende in der chinesischen Außenpolitik? Zwang China nicht in den kritischen Stunden die Sowjetführung, Michail Romanow frei- und ihm freie Hand zu lassen, anderenfalls chinesische Truppen nach Sibirien eindringen, den Hafen Wladiwostok abriegeln, das Radar auf den Kurilen bombardieren und notfalls Atomwaffen einsetzen würden? Und ging der Plan nicht auf? Was, bitteschön, hätte es dir genützt, die Sowjets mittels Deiner Einkreisungsstrategie zum Nachgeben zu zwingen? Die Welt hätte es weiterhin mit verknöcherten, rachsüchtigen Greisen zu tun gehabt, die mindestens ebensoviel Schuld an der Krise trugen, wie der gemeingefährliche Irre Quayle in Washington. (Wies der Herausgeber oben auf eine Analogie hin? Eine Analogie zwischen der erzählten Zeit 1989 und dem Jahr 2008? Nun - hier haben wir eine Analogie zwischen der erzählten Zeit 1989 und unserem Jahr 2017: einen offenkundig irrsinnigen Chef im Weißen Haus.) Die Sternenputzer hätten keinen adäquaten Gesprächspartner gefunden. Mir Berthold, mir und meinem Einsatz hast du zu danken, das demnächst Romanow am Verhandlungstisch sitzt, statt eines Haufens debiler Weltrevolutionäre, deren Finger über den roten Knöpfen der Raketenbunker unkontrollierbar zittern! China machte den Sowjets klar, dass es den Frieden und die Stabilität Europas für eine entscheidende geopolitische Voraussetzung seiner nationalen Sicherheit erachtet. Wir sagten ihnen: deeskaliert, vereinbart Waffenstillstand, erteilt den Sternenputzern ein Mandat für die Vermittlung bei der dringend notwendigen Konferenz über eine künftige Sicherheitspartnerschaft - oder wir greifen in den Konflikt ein. Greifen euch nach Ablauf des Ultimatums an, wie Indien, der Iran, die Türkei, Rumänien, Ungarn, die Tschechoslowakei, sowie Polen. Wir wollen Euch nicht schaden. Nur den Frieden erpressen, den Ihr freiwillig nicht herausrückt. Und für den Fall, das ihr doch nachgebt, bietet euch China jede gewünschte Zusammenarbeit an, angefangen bei der Entmilitarisierung unserer vielen tausend Grenzkilometer. Mir liegt es fern, nun meine Ohren nach dem Beifall der Behörde zu spitzen, doch würde ich mich freuen, müsste ich nicht weiterhin jene hässlichen Anfeindungen hören, von denen es in den Jahren seit meinem Rücktritt mehr als genug gab. Gern würde ich wieder einmal die alten Freunde unter den Collegen besuchen, oder sie in meinem bescheidenen Domizil auf Santa Maria begrüßen.


+++

Vermutlich schlägt uns, sobald nach Beilegung der internationalen Krise der Goldmarkt unter dem Überangebot zusammenbricht, der Hass zahlloser Anleger aus den Industriestaaten entgegen. Damit müssen wir dann leben.
Selbstverständlich werden Industrienationen und multinationale Konzerne auch versuchen, diese Kapitalübereignung nach irgendwelchen Paragraphen für gesetzeswidrig und unwirksam zu erklären. Doch eine übermächtige Koalition aus UNO und begünstigten Ländern wird sich dagegen wohl durchsetzen.
Des großen Spieles nächste Züge:
Deutsche Demokratische Republik. Für 30 Milliarden Dollars werden ihre Truppen die kämpfenden sowjetischen Einheiten bei Wartha und Herleshausen im Rücken bedrohen und notfalls auch angreifen, wenn nicht bis übermorgen ein Waffenstillstand geschlossen ist. Zudem tritt Schwarzaugs Botschafter im Kreml energisch für eine Vermittlerrolle der Behörde ein.
Polen. Für dreißig Milliarden Dollars in stocksoliden, kapitalistischen Aktien blockiert das Heer der Volksrepublik den Weichselübertritt der Sowjets. Das langt natürlich vorn und hinten nicht. Auch, dass die italienische Marine im Mittelmeer längst SEASTAR, PRAWDA und sämtliche Hilfsschiffe eingekesselt hat, dass die Bundesrepublik Deutschland den USA die Heranführung von Verstärkungen auf dem Luftweg verwehrt, Mexiko sich für 30 Milliarden bereitfand, bei Fortführung der Kampfhandlungen mit seinem Heer die Südstaaten zu infiltrieren und Kanada schließlich für 30 Milliarden und den Frieden alle strategischen US-Luftbasen und Radarstationen in Neufundland, Labrador, Baffinland, dem Nordwest- und Yukonterritorium besetzte, um einen Präventivschlag der Amerikaner zu verhindern, verschafft der Welt noch keine Sicherheit. Sogar isoliert von jeglichem Nachschub können die ineinander verbissenen Heeres- und Marineeinheiten der Potentaten noch den Stein der Katastrophe anstoßen. Das große Spiel scheint mir zwar überschaubarer als meine Schachpartien mit Adam, doch seine Figuren und Steine sind nicht leicht zu handhaben. Zumindest einem Potentaten musste drastisch vor Augen geführt werden, dass es in unserem Zeitalter nur noch die Illusion militärischer Sicherheit gibt. Wir mussten ihn von dem Wahn heilen, in Europa sei ein begrenzter Krieg führbar, hübsch konventionell, sei vor dem atomaren Schlagabtausch zu beenden, sei - zu gewinnen!
Oh nein! Kein Ordenssegen mehr! Das mussten wir klarstellen. Schlechtwetter für Paraden! Wir mussten ihn in den Abgrund blicken lassen. Und da wir Sternenputzer im großen Spiel zwar allerlei vermögen und das Repertoire der schmutzigen Tricks beherrschen, jedoch, ebenso wie alle anderen, um die geopolitischen Gegebenheiten, wie sie sich auf der Landkarte darstellen, nicht herumkommen, blieben die Vereinigten Staaten leider von unserer lebensbedrohlichen Demonstration verschont und sie erstreckte sich allein auf die Sowjetunion. Natürlich waren wir sehr diskret. Es galt ja, zu vermeiden, dass die Amerikaner von unserem Vorgehen profitierten. Sie durften nicht auf den Gedanken kommen: jetzt drauf und dran, die Sowjets kriegen sowieso an allen Grenzen Ärger. Den greisen Hasardeuren im Kreml sollte Kompromissbereitschaft abgetrotzt werden. Es lag nicht in unserem Interesse, sie vor den Augen der USA zu demütigen.
Dennoch: entweder sehen die Sowjets ein, dass nur Verständigung sie rettet, dass alles Heil im Frieden liegt, dass sie Bereitschaft zu sofortigem Waffenstillstand und Truppenentflechtung bekunden müssen, - oder wir machen morgen schon ihre schlimmsten Alpträume von der Einkreisung wahr. Fast tun mir die Genossen leid, fast reut es mich, sie so gemein mit der Gebrechlichkeit ihres Riesenreiches zu erpressen. Aber man ließ mir keine andere Wahl. Für jeweils 30 Milliarden Dollars in Aktien verlegten die Tschechoslowakei, Ungarn, sowie Rumäniens widerlicher Conducator ihre Truppen nach Osten und drohen für den morgigen Abend mit ihrem Einmarsch in die Moldawische Sozialistische Sowjetrepublik und die Ukraine. Ursprünglich hielt ich es für zu riskant, NATO-Staaten in meinen Aufmarsch einzubeziehen, doch Rechenblatt belehrte mich eines besseren:
Entweder es funktioniert, oder der Jüngste Tag bricht an. Also sei konsequent. Meinte er.
Also zahlten wir 30 Milliarden Wirtschaftshilfe an die Türkei und sie kündigte in einer geheimen Note dem Kreml für morgen Abend ihren Einmarsch in die Grusinische SSR an - es sei denn, die Kampfhandlungen bei Herleshausen und im Mittelmeer würden bis dahin eingestellt.
Iran dito. Er fällt in die Turkmenische und die Aserbaidschanische SSR ein, was wegen der Ölfelder von Baku von besonderer Bedeutung ist. Es steht zu hoffen, das der Iran seine dreißig Milliarden nicht dazu benutzt, auch fürderhin Kopfgelder auf missliebige Schriftsteller auszusetzen.
Für jeweils zwanzig Milliarden in bunt bedrucktem Aktienpapier geben Afghanistan und Pakistan den Khaiberpaß frei. Über Jahrhunderte fürchteten die Briten ihn als russische Einfallspforte nach Indien. Nun wird er, was uns immerhin 70 Milliarden kostete, das hochgerüstete, das indische Heer nach Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisien und in die Kasachische SSR führen, kurz, zu den wichtigsten sowjetischen Raketenzentren. Wird er, der Khaiberpaß? Oder nimmt man zuvor in Moskau Vernunft an?
Was nun, Ihr Potentaten? Besitzt Ihr immer noch die Frechheit, DEN Sternenputzer nach der Anzahl seiner Divisionen zu befragen? Meint Ihr, ich lasse mein Europa von Euch in Schutt und Asche legen? Gewiss, daran kann ich Euch nicht hindern, nichts und niemand ist Euren Overkillkapazitäten gewachsen. Aber dann müsstet Ihr Euch schon entscheiden unter Umgehung jeder weiteren konventionellen Eskalation unvermittelt in den Nuklearkrieg einzusteigen. Und das scheut Ihr. Würde ja nicht mehr viel übrigbleiben zum Regieren, außer den engen, stickigen Bunkern.
Was höre ich da? Noch immer nicht genug? Noch immer nicht gelernt, dass Eure angeblichen Schutzschilde wie Seifenblasen platzen? Noch immer glaubt Ihr, es sei die Welt bis in den Tod hinein zu tyrannisieren, es ließe sich der Mensch zur Schlachtbank führen, wie ein gehorsam Opferlamm auf den Altären eurer Macht?
Wartet‘s nur ab. Es mag wohl sein, das ich bis morgen Abend ein letztes strategisches Schlupfloch dichtgemacht habe. Es hängt an einem Brief des Siau Chou. Es hängt daran, ob 130 Milliarden Dollars in Peking ihre Wirkung getan haben. Wenn ja, dann müsst Ihr auch noch 16 Millionen reguläre Soldaten und Milizen Chinas einkalkulieren in eure stümperhafte Rechnung. Würde euch das dem Frieden geneigt stimmen? Wärt Ihr wenigstens dann bereit, einzulenken, in Richtung Washington Gesprächsbereitschaft zu signalisieren, damit wir Sternenputzer im Verein mit unseren Verbündeten die leis geflüsterte Drohung nicht wahrzumachen brauchen?
So wird das große Spiel gespielt, Ihr Potentaten! So spielt man es, ihr armen, dummen Genossen zu Moskau, die es nun einmal am härtesten trifft, weil Euer Gegner sich den besseren Platz auf der Landkarte ausgesucht hat. Gebt ihr jetzt endlich Frieden?

Wie ein gutgeöltes Uhrwerk arbeitet die Behörde. Ungeachtet der Bedrohung tagt jeder Ausschuss. Fast ist beängstigend, in welchem Maß wir Sternenputzer von der Außenwelt absehen können. Oder ist dies die Disziplin, die erst zur Teilnahme an dem großen Spiel befähigt? Keine Wortmeldungen der Opposition im Collegium. De Kempenaer behielt Recht: sie wollten Wagnis, wollten lieber den letzten, großen Wurf riskieren, als machtlos träumend auf den Untergang zu warten.
So viele ungeklärte Fragen. Ich weiß nicht, ob mir die Integration der Frauen gelingt, ganz zu schweigen von einer wirklichen Demokratisierung der Behörde. So viele Fragen, die hintan zu stehen haben, bis wir erfahren, ob wir weiterleben dürfen. Nicht einmal die Weltentwürfe der Studentenschaft sind ausgewertet, beinahe alle Zeit hat das große Spiel verschlungen. Nur mein Arbeitszimmer konnte ich inzwischen reformieren. Es wurde von Adams protzigen Ebenholzmöbeln entrümpelt. Ich ließ mein eigenes Kirschholz aus den Räumen DES Stellvertreters aufstellen. Rechenblatt war‘s zufrieden, den Werkstätten seine persönlichen Möbelentwürfe in Auftrag zu geben.
Alle planen sie irgendwas, rechnen mit höchst ungewisser Zukunft, bauen darauf, das alles weitergeht. Die Welt betreibt, am Rand der Katastrophe, ihr tägliches Geschäftchen. Abwiegler, Geldscheffler. Erbsenzähler, Bedenkenträger. Maulwürfe graben sich ein. So klein scheint mir: die Zahl der großen Spieler.
Ob unsere Rechnung aufgeht? Macht Siau Chou soeben den spielentscheidenden Zug?
Wir sitzen, still ist es, schutzsuchend eng beisammen. Wir haben alle Sekretäre fortgeschickt. Nur noch Mo, der Rechenblatt, de Kempenaer und Manini. Jeder sucht schreibend oder lesend Ablenkung. Wir sitzen, still ist es, der Saal nun viel zu leer, und warten bang. Der Brief! Die Nachricht des gewesenen Verräters soll die Entscheidung bringen. Die am I Ging geschulte Wandlungsfähigkeit des uralten Chinesen. Des Doppelagenten Siau Chou. Vorläufig ticken noch alle acht Weltzeituhren.

******

+++

Das sind sie dann so ziemlich, die Petitessen und Kinkerlitzchen am Rand des Brettes. Ich komme nun, - noch nicht aufs große Spiel - doch immerhin schon auf der Sternenputzer Schwedenpolitik zu sprechen.
Die Schweden akzeptierten. Zwar unternahmen sie zunächst noch einen dilettantischen Versuch, sich gewaltsam Einlass zu verschaffen, indem sie den Berg aus allen Rohren ihrer neutralen königlichen Artillerie fünf Minuten lang mit konzentriertem Feuer belegten, so dass man mir berichtete, im Empfangssaal habe der Boden ein wenig gebebt. Doch Neu-Atlantis ging diesmal nicht unter. Nur ein wenig pulverisierter Fels. Mehr richteten die Schweden nicht aus.
Nach nur fünftägiger Verhandlung und einem festlichen Diner, zu dem ich die beiden erstaunten Majestäten, je eine Dame und einen Herrn von der königlichen Suite, den Ministerpräsidenten, Außenminister, Finanzminister, Verkehrsminister, sowie alle Fraktionsvorsitzenden des Reichstages einlud, unterzeichneten wir folgenden Vertrag, der wieder einmal trefflich unter Beweis stellt, das mit ein wenig gutem Willen jedes Problem zu lösen ist:
Artikel I : Das Königreich Schweden anerkennt den Sitz der Hohen Behörde, sowie ein Gebiet von 100 Quadratkilometern rings um den Berg Färras als selbständiges Staatswesen. Wir können endlich aus den Höhlen wieder ans Tageslicht hinauf. Natürliches Licht für die Sternenputzer, welch ein Fortschritt! Auf Wunsch kann jeder Bürger dieses Sternenputzerstaates zusätzlich die schwedische Staatsbürgerschaft annehmen. Dies gilt auch für alle Korrespondenten in Drittländern. Damit sind wir endlich beweglich, nicht länger auf Heimlichtuerei angewiesen und genießen, wann immer es uns notwendig erscheint, den Schutz der diplomatischen und konsularen Infrastrukturen Schwedens. Später einmal werden wir eigene diplomatische Vertretungen in wichtigen Staaten einrichten, dafür ist es jetzt noch zu früh.
Warum nicht? sagte der Ministerpräsident, was Italien und der Vatikan in den Lateranverträgen schufen, können wir schon lange, meine Herren Sternenputzer. Das internationale Recht definiert einen Staat als die Einheit von Staatsgebiet und Staatsvolk. Beides haben Sie. Wie viele Milliarden Dollar, sagten Sie doch gleich, möchten Sie der Königlichen, Staatsbank anweisen?
Artikel II : Das Königreich Schweden gewährt Anreisenden wie Abreisenden jederzeit freies Geleit über sein Territorium. Diese Regelung betrifft Menschen, den Landtransport von Waren und Nachrichten in beide Richtungen, sowie den Luftverkehr. Wir können also einen kleinen Flughafen anlegen. Unsere üblicher Weg nach Stockholm wird (niemand weiß von ihm) in den Abmachungen nicht erwähnt. Sollte es also irgendwann Unstimmigkeiten mit Schweden geben, so können wir immer noch auf ein Transportsystem zurückgreifen, das uns jahrtausendelang sicher, geheim und rasch mit aller Welt verband.
Artikel III : Die Sternenputzer verpflichten sich, auf jede militärische Verteidigung ihres Territoriums zu verzichten und keinerlei bewaffnete Streitmacht zu errichten.
Artikel IV : Die Sternenputzer leisten eine einmalige Zahlung in Höhe von 25 Milliarden Dollar an das Königreich Schweden. Das war, ich geb es zu, kein leicht zu lösendes Problem. Über die Summe wurden wir zwar zügig handelseins, aber die offizielle Begründung dieser Zahlung erwies sich doch als schwierig. Nachträgliche Pacht, Zahlung für ein Territorium, das uns gehörte, bevor noch die entfernten Vorfahren erster Wikingersippschaften sich zusammenschlossen, von Schweden ganz zu schweigen? Dem konnte ich nicht zustimmen. Ein freiwilliges Geschenk der Sternenputzer an ihre Gastgeber? Diese Formulierung missfiel den Schweden. Sie forderten eine Begründung, die einen Rechtsanspruch Schwedens auf die Zahlung dokumentieren sollte. Mo fand den Kompromiss und bewies damit einmal wieder, diesmal augenzwinkernd, ihr taktisches Geschick: die 25 Milliarden wurden als Ausgleich für jene Summen definiert, um welche die Sternenputzer den schwedischen Fiskus durch fortgesetzten Alkoholschmuggel geprellt hätten.
Doch nun endlich zu dem, was wir, versteckt hinter Berlins Kulisse, inszenierten:
Kein Potentat verfiel auf den Gedanken, die Goldtransaktionen der letzten Wochen mit den rührend naiven Sternenputzern in Verbindung zu bringen, mit uns treuherzigen Anfängern, die wir glaubten, durch Theater die Herren der Gewehrlaufe beeindrucken zu können. An Kabinetts- und Vorstandstischen entwarf man wunderhübsch verwickelte Verschwörungstheorien. Unter anderem wurde überlegt, ob nicht etwa allerhinterste Hintermänner der MAFIA noch auf freiem Fuße wären und durch Privatbanken nun ihre Goldreserven liquidierten. Die MAFIA aber, die willfährigen Hände, dies Instrument der Träumer, mit dem soviel begann, ist tot. Nicht Hände der Vergangenheit erschufen ein goldenes Zeitalter. Hoch sollen vielmehr gegenwärtige Sternenputzer leben!
Den Stein der Weisen Magier - profan: flüchtiger Sternenputzer von Atlantis - den rollt, als schwarzes, kugelrundes, nicht länger fluchbeladenes Vulkangeschoss auf dem Römischen Kapitol ein weißmarmorner Sisyphus. Ich fand keinen anderen Stein der Weisen. Ich kann kein Gold kochen. Auch halte ich für zweifelhaft, ob ausgerechnet jetzt das goldene Zeitalter angebrochen ist, wie manche Wirtschaftsjournalisten, teils mit feinem Instinkt, teils zynisch, behaupten. An dem gediegen schönen Metall Gold mit seiner spezifischen Dichte von 19,32 Gramm je Kubikzentimeter interessierte mich anfangs nur das ungeheuerlich erscheinende Volumen jener Menge, von deren Existenz ich erst aus diesen geheimen Archiven erfuhr. Jeder Student der Sternenklarheit hört im Seminar 'Behördengeschichte‘, das wir zwischen 1200 und etwa 800 acn Goldbergbau betrieben und in damals menschenleeren Gebieten Nordamerikas und Sibiriens. Wie die Häuptlinge im Land der Cantabrer, dachte ich, als ich auf die fraglichen Notizen stieß. Oder ich dachte: die Sternenputzer maßten sich also Schürfrechte in der Nähe Bodaibos an, wo im diesjährigen Sommer ein, von Konservativen angezettelter, Streik der Kumpel aus den Goldbergwerken die erste Runde von Romanows Entmachtung eingeläutet hat. Ich besinne mich nicht mehr genau, was ich tatsächlich dachte. Zuviel geschah seither. Ursprünglich war beabsichtigt, in ferner Zukunft für das römisch beherrschte Europa und auch für China Goldwährungssysteme einzurichten. Das Vorhaben wurde jedoch nie ausgeführt, aus den bekannten Gründen erneuten politischen Scheiterns der Behörde. Es geriet in die Vergessenheit unserer Geschichtsbücher und das Vorhandensein des Goldes schwand zunehmend aus dem Bewusstsein der Behörde, zumal die finanziellen Angelegenheiten der Sternenputzer allein vom Clarator Magnificus in Zusammenarbeit mit wenigen vertrauten Korrespondenten entschieden werden und der Herr der Behörde hierüber keinerlei Rechenschaft zu legen hat, sieht man einmal von seinen Einträgen in die Geheimarchive ab, die ja nur für die Augen seiner Nachfolger(innen) bestimmt sind.
Zunächst erschien es mir daher schlicht unglaubhaft, das wir, verteilt auf gut 280 Depots in Privatbanken aller Länder, ungefähr 58.000 Tonnen Gold besitzen sollten. Aber es stimmte. Bis vor Kurzem gehörten uns etwa 3.000 Kubikmeter des kostbaren Stoffes, die, gestapelt, einen Würfel von circa 14,4 Metern Kantenlänge ergeben hätten. Das Volumen war also nicht gar so unabsehbar gewaltig und da es auf 280 Tresorkeller verteilt gelagert wurde, entfiel durchschnittlich auf jeden Lagerort ein Würfel, dessen Kantenlänge ich, gerundet, mit 2,2 Metern angeben will. Beileibe nicht unmöglich, dies Volumen verborgen zu lagern, im eigenen Tresor, in Depots bei Filialen oder Fremdinstituten, oder auch in Schatzkammern, deren Lage nur dem jeweiligen Korrespondenten und Privatbankier bekannt war. Weit schwieriger gestaltete es sich im Laufe der verflossenen fast drei Jahrtausende, die Lagerorte immer wieder auszuwechseln, je nachdem, wie politische Umwälzungen dies erforderten. Zunächst befand sich die gesamte Menge im Behördensitz. Dann wurde sie verteilt, um überall rasch greifbar zu sein. In regelrechten Horten wurde das Gold verborgen. In den Schatzkammern kleinerer, befreundeter Fürsten. Mit dem Aufkommen des Bankwesens dann in diesen Regelstellen des Zahlungsverkehrs. Aus Krisenzonen musste es ausgelagert werden und nur mit Staunen liest man Berichte, wie beispielsweise seit Oktober 1917 binnen weniger Monate vierzig Depots in Russland geräumt wurden. Das war allein schon des Gewichtes wegen unglaublich schwierig, vor allem jedoch, weil solche Werte, einmal bekannt und greifbar, natürlich auch die standhaftesten, ehrlichsten Seelen unter den Korrespondenten in einem Ausmaß in Versuchung führten, dem sie sich nicht immer gewachsen zeigten. Aber es ginge zu weit, die wechselvolle Geschichte des Horts der Sternenputzer hier noch einmal breit auszuwalzen. Nur eine zusätzliche Schwierigkeit sei kurz erwähnt, und zwar, weil sie mir erspart blieb. Wodurch erst die Ausführung meines Planes gelang: das Umschmelzen des Metalls! Stets galt es ja, das Gold dem Wechsel der gängigen Handelsformen der Münzen, Barren, Gewichtssysteme und so weiter anzupassen und es ist durchaus möglich, das ein Kilo Gold, das wir in Form eines DEGUSSA-Barrens zu Frankfurt feilboten, aus chinesischen Goldschiffchen, persischen Dareiken, Aurei des Diokletian, spanischen Dublonen, französischen Louisdors und 20-Reichsmark-Münzen zusammengeschmolzen wurde, deren eine Seite die Visage des zweiten deutschen Wilhelm verunzierte, mit steil empogezwirbelten Schnäuzer. Kaum nimmt es Wunder, das jeder Herr der Sternenputzer sich vor der Aufgabe zu drücken suchte, in seiner Amtsperiode die "große Schmelze" durchzuführen, die, - weil sie klammheimlich stattfinden musste, in kleinen Portionen, welche in den letzten zwei Jahrhunderten in zunehmend riskanteren Goldtransporten durch zunehmend dichter besiedelte und schärfer überwachte Zivilisationslandschaften, so dass jedes Mal eine Unzahl von Gesetzesbrüchen und Manipulationen der Finanzmärkte verschleiert werden musste - nicht nur Unsummen verschlang, sondern DEN jeweiligen Sternenputzer auch Jahre der Arbeit kostete.
Ein Zufall also nur: hätten sich meine Amtsvorgänger Siau Chou und Adam Bonaventura Czartoryski nicht dieser Aufgabe unterzogen, hätte ich nicht über Gold in handelsüblicher Form verfügt, dann hätte ich das Zeug nicht so rasch auf die Märkte werfen können, als in den Industrienationen und Schwellenländern, von Tokio bis nach Los Angeles oder Sydney, von Stockholm bis Kuwait vor vier Wochen die kopf- und hemmungslose Flucht ins Gold anhob, als jeder Kleinsparer nach Golddollars, Vrenelis und Maple Leafs; die kapitalkräftigeren Spekulanten aber nach Kilobarren zu schreien begannen, dutzendweise. Hätten wir die Märkte nicht geflutet, hätten wir von dieser Angst nicht profitiert, so wäre das labile wirtschaftliche Gleichgewicht der Welt vollends aus den Fugen geraten. Gold wäre heute 250.000 Dollars wert, je Kilo, den Dollar zum neuen Kurs von 1,15 DM gerechnet. Und eine Aktie der Deutschen Bank bekäme man für fünfzig Mark. Ich habe 30.000 Tonnen Behördengold verkauft und so das nicht goldgebundene Vermögen der Sternenputzer um 780 Milliarden Dollar (überschlägige Rechnung zum Tageskurs per heute, genaueres, mein(e) Nachfolger(in) entnimmst Du bitte einem gesonderten, wirtschaftlichen Rechenschaftsbericht, den ich in Kürze beiheften werde) auf knapp eine Billion Dollars gemehrt. Durchschnittlich erzielten wir für jedes Kilo etwa 26.000 Dollars und okkupierten doch den Markt, weil wir rücksichtslos jeden sonstigen Anbieter unterboten.
Als mit Entsendung der US-Brigade nach Herleshausen die Finanzmärkte erdrutschartig in Bewegung gerieten, ordnete ich den Goldverkauf an und entschloss mich, alle Erlöse sofort in ausgewählte Wertpapiere zu investieren, auch, um deren rapide sinkenden Kurse zu stützen, denn während der Goldpreis kletterte, versackten die Kurse der solidesten Papiere in ungesunde Kellertiefen. Marktstabilisierung tat also not. Dennoch orderten wir nicht jedes beliebige Papier, sondern konzentrierten uns auf den Erwerb mächtiger Anteilminoritäten des stimmberechtigten Kapitals großer Publikumsgesellschaften. Mo rechnet mir vor, dass wir, nimmt man die fünfhundert umsatzstärksten Banken und Konzerne der Welt in eins und unterschlägt, das hier ein Prozent mehr und dort 2,7 weniger uns gehören, insgesamt eine 21,3prozentige Kontrolle über diese Firmen ausüben. Aber Mo rechnet noch weiter: Das trifft den Sachverhalt nicht, sagt sie. die Tatsache, das es sich um Gesellschaften in Streubesitz handelt, verschafft uns Großaktionären und Eignern qualifizierter Minderheiten weit mehr Einfluss, als die Prozentzahl 21,3 besagt. Fünfhundert Umsatzriesen sind uns zwar nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wir können sie nicht tyrannisieren, doch gegen unseren Willen fällt in ihren Vorstandsetagen nicht eine wichtige Entscheidung mehr. Sie sind gezwungen, mit den Sternenputzern zu kooperieren. Monica sagt: wenn wir den ganzen Schlamassel überleben, dann werden die Industrienationen uns den Vorsitz beim nächsten Weltwirtschaftsgipfel anbieten. So weit wird es nicht kommen, denn ich habe diese enorme wirtschaftliche Macht unmittelbar in politisches Kapital umgemünzt. Behalten werden wir nur unsere verbliebenen Goldvorräte, die bald sehr wenig wert sein werden, sowie jenes Vermögen, das ich bei meinem Amtsantritt vorfand und das allein genügte, die Sternenputzer zum reichsten nichtstaatlichen Wirtschaftsfaktor der Neuzeit zu machen. Eine Schande, dass wir dieses Potential bisher nicht ausgeschöpft haben!
Den Rest unseres Vermögens warf ich verdeckt, versteckt hinter der Berliner Kulisse in die Waagschale der Geschichte. Er war das Eintrittsgeld zum großen Spiel. Wir haben pflichtgemäß unseren Obolus entrichtet.
Was Rechenblatt und ich einst in den Steingärten der Lobberter Elternhäuser übten, mit Truppenaufmärschen auf dem Wohnzimmerteppich, angemalten Legionärsfigürchen auf Gipfeln und Hängen der Bücherregale oder inmitten imposanter Wälle aus Bauklötzchen, was heut die Potentaten keinem Sternenputzer zubilligen wollen, weshalb sie uns, gleich aufmüpfigen Zauberlehrlingen an die Töpfe und Tiegel politischer Alchymie zurückverweisen, im ahnungslosen Irrglauben, nicht sie, wir vielmehr seien die wahren Scharlatane der geheimen Kunst und hätten noch so viel zu lernen, - das große, menschenverachtende, schmutzige und brutale Spiel der Macht - wir haben endlich wieder seine Führung an uns gerissen . Die Sternenputzer rührten ihre Werbetrommel und nahmen unter Sold, was ihnen fehlte: Gewehrläufe.
Morgen wird die Vollversammlung der Vereinten Nationen den Sitz der Behörde als autonomes Staatswesen anerkennen und uns bitten, zwischen Supermächten zu vermitteln. So wird es geschehen! Denn die UNO wird sich um kein amerikanisches oder sowjetisches Veto im Sicherheitsrat scheren, sie wird die Potentaten ignorieren, dieweil in dem Moment, da die UNO-Resolution beschlossen ist, die Sternenputzer dem Generalsekretär der Vereinten Nationen den Gegenwert von 150 Milliarden amerikanischen Dollars in erstklassigen Aktien übereignen werden. In Zukunft nimmt also die UNO massiven Einfluss auf das Weltwirtschaftsgeschehen. Eine von uns organisierte, unfreiwillige Spende der Reichen an die Armen des Erdballs. So wird das große Spiel gespielt!


+++

Er wäre mir bald gestorben, sagt sie mit anklagendem Unterton. Eine schwere Entscheidung. Bertuccios angeschlagene Gesundheit hätte irreparabel leiden können. Andererseits musste ich garantieren, dass weder er noch Monica den - politisch ohnmächtigen - Applaus der Berliner aus Ost und West samt ihrer Gäste zu gelassen oder gar erfreut aufnahmen. Sie mussten ganz und gar den Eindruck Besiegter erwecken. Ein Lächeln oder Zwinkern im falschen Augenblick - und die Täuschung Berlin wäre geplatzt.
Zudem hat Bertuccio mir verziehen. Er, der mich seit der Inthronisation boshaft nur noch mit vollständigem Titel ansprach, nennt mich jetzt wieder beim Vornamen:
Eine wunderhübsche Combinazione, Berthold, lobte er am Telefon, eine köstliche Intrige. Wir werden dieser weltweiten Stadtverordnetenversammlung eine Lektion in Geheimdiplomatie erteilen. Das war das Risiko wert. Dafür hätte ich mit Freuden den Löffel abgegeben. In letzter Zeit schmeckt mir das Süppchen ohnedies nicht mehr. Zu meiner Schande muss ich bekennen, das seine Worte mein schlechtes Gewissen einlullten.
Noch mehr von Scham und faulen Kompromissen: ich musste dafür sorgen, das jetzt nicht Mo‘s Vergangenheit bekannt wird. Innerhalb der Behörde stellt sie kein Problem mehr dar. Geradezu verbrecherischer Leichtsinn wäre es jedoch gewesen, nicht die Vorurteile von fünf Milliarden braver, biederer Weltbürger zu berücksichtigen oder den Mächtigen zu trauen, die solche Vorurteile gern benutzen, selbst wenn sie sie nicht teilen. Kurz und gut: Monicas Puffkarriere gehört unter Verschluss! Ich bot den lieben Schwestern in Lobbert die Wahl zwischen Peitsche und Zuckerbrot. Die Sternenputzer ließen CIRCE-Investment eine Spende in Höhe von 30.000.000 DM zukommen. Gleichzeitig wurde den Damen jedoch vorgerechnet, das man für ein Promill dieses Betrages bereits Problemlöser der Spitzenklasse engagieren kann, für die sich das Gebot des Schweigens auf exakte ballistische Berechnung reduziert. Gewiss, ein schmutziges Geschäft, Vernunft durch Todesdrohung zu erzwingen. Mag auch sein, das Cleo lediglich scherzte, als sie keck ankündigte, Mo‘s Identität an die Presse zu verkaufen. Sprach sie aber im Ernst und beabsichtigte, ungeschreckt vom kollektiven Tod der Menschheit, tatsächlich Mo und auch uns Sternenputzer für ein paar Silberlinge den Lästermäulern anzudingen, das junge Pflänzlein unserer Reputation zu zertreten und dergestalt den Krieg noch wahrscheinlicher zu machen, sollte dies ihre Absicht gewesen sein, dann halte ich es für legitim, ihr eigenes, gieriges, rücksichtsloses kleines Ego mit dem persönlichen Tod zu konfrontieren und den Alptraum aus den Zeitungsmeldungen in ihren Schlaf zu projizieren. Zumal es ja beim Alptraum bleiben wird, schon deshalb, weil es uns nichts nützen würde, Cleo töten zu lassen, nachdem sie Mo verraten hätte. Und vorher zuzuschlagen, verbieten jene Reste von Menschlichkeit und Gewissen, die ich mir auf den Thron gerettet habe. Wie gestalten wir nun unser privates Leben? Ich bin als Sternenputzer an meinen Sitz gebunden, Mo aber will hier nicht wohnen. Sie weigert sich, als Beamtin bei uns einzutreten, will aber ebensowenig zurück nach Lobbert. Sie will Distanz, doch nicht Entfremdung. Lobbert ist ihr zu klein geworden. Mo fand Geschmack am großen Spiel und nun verlangt es sie nach eigenen Herausforderungen. Überdies mag sie sich nicht allzu weit von mir entfernt niederlassen, sie sagt: Ich hatte in Berlin Entzug.
Was glaubt sie denn, wies mir erging? Schlussendlich aber ist ihr Verhältnis zum Geld erotischer Natur. Sie liebt es und berauscht sich an den großen Zahlen, was biographisch nur zu verständlich ist. So haben wir einen gemeinsamen Nenner gefunden. Wir werden in Stockholm, das ist keine Entfernung, die uns trennen könnte - eine Finanzzentrale der Behörde einrichten. Schweden erklärte sich bereit, einem geeigneten Gelände exterritorialen Status zu verleihen. Wie bisher werden vertrauenswürdige Korrespondenten nominell als Eigentümer des Behördenvermögens fungieren und ihren jeweiligen Bereich selbständig verwalten.  Aber sämtliche Aktivitäten werden fortan von Stockholm aus, und zwar durch Mo, koordiniert. Sie wird nun mancherlei managen: vom Kauf der Flasche Wein für den Keller DES Sternenputzers, bis hin zur Finanzierung und großflächigen  Vernetzung  ökologieverträglicher  ernährungswirtschaftlicher Projekte in der "Dritten Welt". Sie warnt zwar:
Und wenn doch jemand rauskriegt, das die Frau Generaldirektor früher mal ‘ne Nutte war?
Gewiss, zur Zeit könnte diese Nachricht uns enorm schaden, Haben wir aber die Krise einmal überstanden, hat sich die Menschheit erst an uns gewöhnt, dann kann uns so leicht nichts mehr erschüttern. Einige Wochen lang würden die Klatschspalten der Boulevardpresse von schlüpfrigen Details triefen. Danach jedoch würde der "Fall Monica" zum Lehrbeispiel kometenhaften Aufstiegs werden. Wer weiß, vielleicht wird sie noch mal Leitbild der Frauenemanzipation. Ist Monica bereit, das durchzustehen, dann soll’s mir Recht sein. In jeder Hinsicht. Als einer, der sie liebt und braucht und als DER Sternenputzer, der Risiken zu wägen hat.
Das sind also die Petitessen, am Rand des großen Spiels. Verzeih, mein(e) Nachfolger(in), das ich so ungeordnet niederschreibe, was immer mir für dies Geheimarchiv DER Sternenputzer(innen) einfällt! Trag mir auch nicht die Mischung von Privatestem und Weltgeschicken nach, die ich Dir Satz für Satz zumute! Ich muss ja meine knappe Zeit für die Erfordernisse des großen Spiels nutzen und will nicht Geisteskraft und Stunden an sauberen Gedankenbau dieser Notizen verschwenden. Auch glaubte ich seit jeher, spätestens, seit ich gemeinsam mit dem Rechenblatt die Anjouchronik begann, eine Arbeit, die Vision und Realität, groteskes Detail mit der historischen Großwetterlage verband, das der Blick des Chronisten nicht distanziert sein darf, wenn er die Welt zu fassen sucht. Meine Theorie der Kreise, die These von totaler Interdependenz allen Geschehens, hat sich nun bewahrheitet. Mikroskopisch unwichtige Traumsplitter addierten sich zu Wirklichkeit - von welthistorischen Parametern, blieb nur ein geträumter Steinklotz auf dem Kapitol. Nur beide ineinander verschränkt ergeben ein brauchbares Modell: Gesetz und Zufall. Weltall und subatomares Teilchen. Relativitätstheorie und zufälliges Quantengewusel unter dem Lichteinfall. Einstein und Heisenberg. Vereinzelung der Dinge und Akte - Totalität gegenseitiger Abhängigkeit. Interkausalität herrscht absolut über Bettgeschichten, Kneipengespräche, Erbfolgekriege, Revolutionen, Giftanschläge, Jahrhundertverträge, Steine, Mauern, Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit, Geschehen, Mythos, Zeit, Raum. Verzeih, Nachfolger(in), aber das Philosophieren vermisse ich doch, nun, da Entscheidungen mir am laufenden Band abverlangt werden. Es ist nicht leicht, pragmatisch zu träumen. Weiterer Kleinkram:
Im Empfangssaal, unmittelbar hinter den Toren, stapeln sich meterhoch die Solidaritätsadressen, Nachfragen, Unterstützungsangebote, Gratulationen, Bittgesuche. Hohepriester und Gurus diverser esoterischer Zirkel fühlen sich bemüßigt, den Sternenputzern Ratschläge zu erteilen.
Eingedenk der Ereignisse von 1342 und zur Erinnerung an den strategisch träumenden Scholaren Marian Guardini haben die Ratsherren Zadars einstimmig beschlossen, ihre Stadt wieder in Zara umzubenennen. Außerdem heißt der Platz vor der Marienkirche, wo Don Anselmo predigte, und mit ihm das komplette ausgegrabene Römische Forum „Trg Marian Guardini" - Platz des Marian Guardini. Spezialisten der Römischen Universität, denen wir eine Übersetzung der Flüche vom Lapis Niger zuleiteten, bitten nun um Lehrer für Atlantisch.
Heinrich Taube gratuliert aus Lobbert.
Carlo und Petra bitten, ihre Pension zur wahren Küche in „Pensione Atlantis" umbenennen zu dürfen.
Die venezianische Stadtverwaltung behauptet, den Steinanker des Traumschiffes, das steinerne Steckspiel Marian Guardinis in einer ungefegten Gerümpelecke der Dombauhütte von San Marco entdeckt zu haben. Das ist natürlich gelogen. Das Steckspiel wurde nur geträumt. Und sollte es, wie andere Traumspuren auch-, auf wundersame Weise zu Substanz gekommen sein, so läge es auf dem Grund der Lagune, weil Randolph Hamilton, nach seinen eigenen Worten, das Steinsteckspiel verlor, als während seiner Flucht vor dem Einmarsch napoleonischer Truppen, Gepäckteile vom schaukelnden Boot fielen und versanken. Aber ich gönne der einstigen Serenissima, der Stadt, die in Realität und Vision stets eine Capitale war, wenn sie auch nie an Rom heranreichte, ich gönne ihr von Herzen diese neue Touristenattraktion und werde schweigen. Nur auf Maßstabtreue des Steckspiels muss ich bestehen.
Der Deutsche Bundestag diskutierte heute die düstere Prophetie des Doctor Anselmus Lorwitz. Man erwägt, in den Park um Schloss Bucholtz, von dessen Buchen einst reichsdeutsche Bett- und Tischwäsche flatterte, nachdem eine V-1 ihr Ziel verfehlt hatte, ein Mahnmal zu stellen.
Ein großer Kopf soll vom Wiener Bildhauer Kantenbein aus weißem Marmor gehauen werden, kein Januskopf, vielmehr ein Schädel mit drei Antlitzen, welche das Traumgeschöpf Beppo, die reichsselige Mimik der Klingenhoven zu Bucholtz (seit 1625, also im Grunde der Lorwitze) und schließlich das, in sich selbst noch einmal zwischen Traum und Alp zerrissene Antlitz des Doctor Anselmus Lorwitz  darstellen sollen. Eine Ratte, die sich in den Schwanz beißt.
VANITAS droht in Vergessenheit zu fallen. Alles jubelt den Sternenputzern zu. Menschen, die uns halfen, sehen sich plötzlich wieder an den Rand gerückt. Das darf nicht sein. Da gibt es eine Rechnung zu begleichen. Wir werden daher in Kürze mit der DDR in Verhandlungen eintreten, um dem gewendeten Staatwesen das Gelände der Mauer für harte Devisen abzukaufen. Abgesehen von den Übergängen, von Straßen, die künftig wieder ostwestlich gangbare Wege sein sollen, statt als Sackgassen abrupt an der Mauer zu enden, von dieser Infrastruktur menschlichen Kontaktes also abgesehen, sollen die Mauer und der Todesstreifen in das Eigentum von VANITAS übergehen, mit der Auflage, dort einen Traumpark zu errichten, ganz nach den Vorstellungen der Theatermacher, denen wir überdies für die Verwirklichung ihrer Pläne in einer VANITASstiftung erhebliche Geldmittel zur Verfügung stellen. Ich bin mir fast sicher, das Azim Toprak Präsident der Stiftung wird. Ich habe ihm, als meinen ganz persönlichen Dank, die anonymen Manuskriptblätter aus den Archiven rahmen lassen und geschenkt. Die Behörde selbst besitzt jetzt von diesem Text nur noch Kopien.
Zorro (Mensch) und Zorro (Ratte) tingeln mit eigener Show durch Italien. Beim Geld endet der Weltschmerz des Punkers, er lernt sogar reiten, um in Freilichtaufführungen als Marc Aurel vom Kapitol posieren zu können. Soll er, wenn man sich auf diese Weise einen goldenen Käfig verdienen kann. Soll er sich und sein weißes Viech hinter die Gitter bürgerlichen Lebens bringen.
Italiens Regierung mäßigt ihren Ton bei Unterhandlungen über den zukünftigen Aufbewahrungsort der Traumspuren. Das Troianer Kreuz, die Briefe Michelangelos und der Ratsherren wollen wir gerne stiften, wenn nur die Grube auf dem Kapitol zu einem gemeinsamen Museum der Sternenputzer und der Republik Italien ausgebaut wird. Auch die Trümmer Marc Aurels sollen dort ausgestellt werden. Der Kaiser ist nicht mehr zu restaurieren. Nun bleibt abzuwarten, ob, wie die Römische Lokalsage wissen will, mit dem restlosen Schwinden seiner Vergoldung ein neues goldenes Zeitalter anbricht. Dem Stein der Weisen Magier aber gehen die Flüche aus. Nachdem nun, Krieg oder nicht, wenigstens das Zeitalter eines ummauerten Rom und Europa sich seinem Ende zuneigt, haben auch die Verfluchungen des Brudermörders Romulus ausgedient. Ihr Ende kommt sehr prosaisch. Roms abgasgesättigte Luft hat nun, bei aufgebrochenem Grubengewölbe, freien Zugang zum schwarzen Stein von Atlantis und ätzt ihm stänkernd alle mühsam mit dem Meißel ausgestemmten Lettern weg. Nein. Eigentlich nicht alle. Die Flüche verflachen. Das Endlosschriftband um die Kugel aber wird von der sauren Luftfeuchtigkeit nicht angegriffen. Seine Buchstaben bleiben unverbröselt lesbar.
Das Bildnis Ludwigs I. an der Stalaktitendecke der palermitanischen Cappella Palatina soll demnächst zu besichtigen sein. Das Kreuzreliquiar, welches man unter der Schwelle von Domine Quo Vadis fand, kommt ins neue Kapitolinische Museum. Ausführliche Museumsdidaktik wird auch dem unbedarften Besucher den Sinn dieses geträumten Friedensschlusses zwischen den Herzen Friedrichs von Staufen und Ludwigs d'Anjou zugänglich machen. Auch die Aschenurne, die man in den Ruinen des Torre di Romulo ausgrub, die sterblichen Überreste Romulus Erhabenchens, kommen hier hinter dickwandiges Vitrinenglas.
Der Kirchenschweizer des Troianer Doms schreibt mir Unglaubwürdigkeiten: mein hektisches Geschwätz vor dem Portal, während Monica die Kanzel zu öffnen trachtete, will er gleich durchschaut haben. Unsere Römischen Überlegungen zur Schwetzer Säule, die Gedanken im engen Dreierkreis, sie haben sich als falsch erwiesen. Nicht genug damit, das das Kind des Steins Weiser Magier, welches auf Befehl Guido Colonnas nach Swiecie geriet, in nicht mehr ganz nachvollziehbarer Weise den sowjetischen Truppenvormarsch an der Weichsel stoppte, so das 350.000 Rotarmisten, die zu Zeit an der DDR-Grenze amerikanischen GIs gegenüberstehen, isoliert blieben. Nein, damit nicht genug. Der Stein von Swiecie macht der Schwarzen Madonna von Czenstochau als Wallfahrtsziel der Polen Konkurrenz. Nicht umsonst war ja das Paulinerkloster Jasna Góra, das die Madonna birgt, im selben Jahre 1382 pcn gegründet worden, in dem es den Winrich von Kniprode bös erwischte.
In Swiecie selbst soll künftig eine Straße den deutschen Namen „Petrus Brock“ tragen, zu Ehren des Alchymisten. Ein zweiter Straßenzug heißt „Doktor Anselmus Lorwitz“.
Im Auftrag des fürstlichen Hauses Colonna und der d‘Anjou aus Angers verklagt ein spanischer Anwalt die Sternenputzer vor dem europäischen Gerichtshof auf Zahlung hoher Schmerzensgelder für jede neuerliche Nennung der hochadeligen Namen in bloß geträumt historischem Zusammenhang. Ein hübsches Beispiel europäischer Einigung.
Herbert, Filialleiter aus Lobbert, neuerdings Dalisammler, Herbert, der mich an der Vierster Astrologenmühle vorbeikutschierte, ist anmaßend genug, mir namens seiner Konzernleitung 100.000 DM pro Werbeauftritt anzubieten.
Das Städtchen Lobbert will Mo Schloss Bucholtz samt Bibliothek abkaufen. Denen muss irgendwas zu Kopf gestiegen sein. Nein, von Verkauf ist keine Rede. Die Behörde wird das Gebäude von Mo pachten und dort ein Zentrum für historische Kausalitätsforschung etablieren. Die alteingesessenen Lobberter Familien Rechenblatt und Hockenbrannt, die, abgesehen von Stephan und mir, viele Jahre hindurch nichts mehr voneinander wissen wollten, schließen sich nun wieder eng zusammen. Ihre Ratsherrenvergangenheit ist ihnen unsäglich peinlich, vor den Nachbarn und besonders vor der Journaille, die seit Wochen keinem Familienmitglied mehr eine ruhige Minute lässt. Sie wollen es aber aushalten und nicht, um keinen Preis, von Lobbert weg. Die alten Bäume und die Wurzeln. Das Wort “Heimat“ bescheidet alle Angebote, die Rechenblatt und ich machen, abschlägig.


+++

Und doch hatte er sie zum Schluss wie ein Puppenspieler an seinen Fäden. Als sich nach einer langen, genial berechneten, rhetorischen Pause, erste Hände zum Applaus regen wollten, brauchte es nur eine winzige Gebärde, ein Kopfschütteln, ein kaum sichtbares Abwinken, um wieder Ruhe herzustellen.
In diesem Fall, so schloss er, sollte die Welt diesen Weg wählen, so bin ich vom Clarator Magnificus Stellarum, DEM Herrn der Sternenputzer von Atlantis, ermächtigt, die Hilfe, den Vermittlungsdienst unserer Behörde anzubieten. Wir sind die einzige ganz und gar neutrale Macht der Welt. In uns vereinigen wir alle Völker, Sprachen und Überzeugungen der Erde. Die Sternenputzer vertreten keinerlei Partikularinteresse, fordern kein Zugeständnis, berechnen nicht Proporz, verlangen keinen Preis für ihre Hilfe. Sie wollen nicht verdienen, nicht herrschen, sind nicht auf Beifall angewiesen. Ohne Bedingungen stellen wir uns der Welt zur Verfügung, so wie wir es taten, bevor Atlantis unterging - so wie wir es schon vor Jahren wieder hätten tun sollen. Mit allem, was wir haben, bieten wir uns der Welt an. Mit unserem Wissen, das allein bereits manche der Probleme lösen mag. Mit Erfahrungen, die länger währen, als die geschriebene Geschichte Ihrer jungen Kontinente, meine Damen und Herren. Mit Kopf und Herz bieten wir uns an. Vor allem jedoch mit unserer Geduld, die alles übersteigt, was meine geschätzten Zuhörer sich vorzustellen vermögen, denn in ihr üben wir uns seit fast achttausend Jahren. Dann vollzog er eine knappe Verbeugung vor dem Publikum und eine tiefe, Demut und Dankbarkeit zum Ausdruck bringende, vor den Mitwirkenden der Aufführung, die im Bühnenhintergrund beisammen standen. Viele Hände blieben ungeschüttelt. Ohne der Beifallsstürme zu achten, ließen wir uns von einer Polizeieskorte unseren Weg durch die Menge bahnen und flohen in die Wagen, furchten im Schritt-Tempo ein Menschenmeer, das drückte, drängte, trampelte, Blicke erhaschen wollte auf einen der Sternenputzer.
Azim Troprak blieb in der Kongresshalle, um Glückwünsche entgegen zu nehmen und Blumensträuße zu verwalten.

Bertuccio war am Ende. Als er vor dem Hotel den gesprühten Wegweiser auf den Gehsteigplatten entziffert hatte, brach er in einen Weinkrampf aus. Ich brachte ihn zu seinem Zimmer. Schwer hat er sich auf mich gestützt.
Es ist zuende, carissima Monica, würgte er zwischen zwei Krämpfen. wir haben verloren. Sie haben nicht die Hälfte begriffen und werden nicht ein Zehntel beherzigen. Wir mussten es versuchen. Aber das Spiel ist aus.
Inzwischen haben Schwarzaug, Stampfer, der chinesische Botschafter und viele andere im Hotel angerufen, um sich nach dem Befinden des Praefecten zu erkundigen. Als es unerträglich wurde, habe ich den Hörer neben das Telephon gelegt. Ich überlege nur, ob ich nicht Klunk bitten soll, einen Arzt zu rufen. Bertuccio darf mir nicht unter den Händen wegsterben, wie Anselm Lorwitz (Beppo/Doctor Anselmus/der Astrolog/der Bucholtzvetter/...). Aber Bertuccio lehnt meinen Vorschlag ab und will sich keinesfalls untersuchen lassen. Berthold hat angerufen und ist offenbar verrückt geworden. Wir hätten alles ganz ausgezeichnet erledigt und er sei hochzufrieden mit uns. Er liebt mich, sagt er. Wahrscheinlich habe ich nicht mehr viel Zeit, mich daran zu freuen.
Aus Herleshausen/Wartha wird erneut ein Schusswechsel gemeldet. Von SEASTAR und PRAWDA steigen frisch betankte Jägerstaffeln auf.
Den Tiergarten haben die Zuschauer in eine matschige Wüstenei zertrampelt, sechshunderttausend Fußpaare traten alles Grün in den Dreck, Berge von Müll, Flaschen, Papier, leere Zigarettenschachteln hinterließ die friedensbewegte Menschheit Ost und West, unbelehrbar, wie sie nun einmal ist. Verkohlter Müll wird bleiben, wenn seine Produzenten vom Angesicht der Erde vertilgt sind, Ruinen und verkohlter Müll, der in der langen atomaren Nacht zerfällt. Und natürlich die Ratten.
Ist es vollbracht? Quatsch! Gar nichts ist vollbracht. Den Sisyphus hat seine Kugel überrollt. Vorbei ist es und damit Schluss. Und kalt ist mir, mich friert am ganzen Körper.
Draußen, auf Kurfürstendamm und Fasanenstraße, rings um die Gedächtniskirche, wo immer noch Klangauer und die Kultdiener anderer Bekenntnisse beten, grölen die Deutschen Ost und West, von Einigkeit besoffen, Stegreifverse über die Sternenputzer, welche zur Rettung nahen sollen, wenn die Not am größten. Keiner von ihnen blickt nach oben, wo sich auf dem Europacenter das Neongestirn des Rüstungskonzerns dreht, ohn Unterlas, weil eben hier, wie andernorts, der Rubel rollt. Mich tröstet kaum, dass diese Waffenschmiede unter dem guten Stern ihre Gewinne aus der Rüstung wahrscheinlich nicht mehr wird einfahren können. Ich leg mich schlafen. Zum letzten Mal?

*****

Gemessen an der verwirrenden Vielfalt der Schachspiele mit meinem Amtsvorgänger Adam Bonaventura Czartoryski, vor dem Hintergrund gleichfarbener Bauerndiagonalen schräg übers ganze Brett, verglichen mit ungedeckten Damen, die sich Feld an Feld bedrohten, so dass der dumme Zufall des ersten Zuges das Spiel entschied, im Angesicht von Königen, die nach planlos vollendetem Aufbau der Figuren ein gegnerisches Grundlinienquadrat besetzten - an diesem Chaos gemessen, wirkt meine Konstruktion verblüffend überschaubar.
Das eigentliche Spiel wird nun eröffnet. Als Simultanpartie auf vielen Brettern, vornehmlich aber auf politischem Parkett. Berlin war keine Niederlage! Zielten unsere Eröffnungszüge auch scheinbar ins Leere, so wird Berlin doch spielentscheidend sein, und zwar in ganz anderem Sinne, als unsere Gegner meinen. Sollen sie schwelgen im Bewusstsein ihres trügerischen Sieges, sollen sie triumphieren und sich in Selbstgewissheit suhlen! Hauptsache, ihre Aufmerksamkeit bleibt weiterhin von den  Umwälzungen abgewandt, die wir unterschwellig in Gang setzen! Berlin ereignete sich auf drei Ebenen:

Unten, in der Theatermaschinerie verschob, da hob und senkte sich das Gestänge einer Bühnenmechanik aus Träumen. Auf Beppos Buckel ruhte ein Versenkpodium, der Stein der Weisen Magier rollte die Drehscheibe zwecks Szenenwechsel, türkische Testamente verliehen festen Stand und womöglich fiel sogar diesem oder jenem auf, dass dem Konstrukt als statische Formel die Summe 1888 plus 101 zugrunde lag, was sich mit gleichem Recht auf zahlenmystische, mathematische Spielchen eines irren Anjou-Kaisers, aufs deutsch-preußische Dreikaiserjahr konventionell historischer, oder Brock'scher Prägung, oder auch auf das letzte Jahr unserer Anjouchronik zurückführen lässt, auf die Berliner Konferenz, wo ein blinder chinesischer Wahrsager den Spitzen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik dunkle Andeutungen bezüglich der Zahl 101 und einer Flaschenpost machte. Soviel zum Unterbau des Geschehens.

Auf der Bühne Berlin zeigten wir der Welt unsere Absichten und deren scheinbares Scheitern. Jener Hohn, mit dem die Potentaten alle Vermittlungsangebote ausschlugen, ihre verächtliche Skepsis, die spöttisch hochgezogenen Brauen: und das ist alles? So viel Tamtam nur dafür?, die Kälte dieser Abfuhr ließ uns die Herzen der Ohnmächtigen zufliegen. In deren Augen sind wir jetzt nicht Retter aus fremden Welten, nicht allmächtige Weise von Atlantis, denen man aus gebührender Entfernung zu huldigen hat, wobei die eigenen Hände andächtig im Schoß gefaltet bleiben. Mit nur ein ganz klein wenig Pech - und ohne das Scheitern, das wir in Berlin vorführten - hätten wir zwar unsere Existenz verlautbaren, die Menschen zum Zuhören einladen können, doch jedes Wort wäre in weihevoller Höhe eines
atlantischen Olymp verhallt. Zu Häupten gesichtsloser Massen. Dieser Fehler ist in Berlin vermieden worden. Monica und Manini, VANITAS und Kreuzberger Randexistenzen bewahrten uns vor ihm. Unserer Niederlage gilt der Respekt von Intelligenz und Unterprivilegierten. Allein die Mächtigen glauben, uns verachten zu dürfen. Der solidarischen Ohnmacht gelten wir als ihresgleichen. Hätten wir prahlerisch mit Einflussmöglichkeiten aufgetrumpft - die Öffnung der Behörde wäre zum Alp geraten, wie Adam es voraussagte.

Und dies ist die dritte Ebene des Berliner Geschehens: Der Schnürboden. Der Ort, wo wir Kulissen schoben - damit uns niemand hinter die Kulissen blicken konnte. Vielleicht der allerwichtigste in unserem Theater.
VANITAS verstellte die Sicht hinter die Bühne, so dass gewisse Manipulationen auf weiteren Brettern der großen Simultanpartie aus Traum und Wirklichkeit in unbeobachteter Ruhe einzufädeln waren. Die hohlen Denkmäler ihrer eigenen Macht, (weit eher als Marcus Aurelius vom Kapitol hätten sie Sprengstoff unter dem Arsch verdient), diese aufgeblasenen Wichte von Potentaten, sie hatten sich um das Berliner Brett geschart, sie drängelten und hüpften auf den Zehenspitzen, um ja nicht einen Schachzug der ergötzlichen Partie zu verpassen. Wir hatten ihren Blick fixiert. Was wirklich vorging, überblickten sie nicht mehr. Die großen Herren der Welt! Gebieter kollektiven Todes! Ich werd sie Mores lehren! Was halten sie sich denn zugute auf ihre paar Jahrhunderte, oder, so wir die Despoten im Kreml vornehmen, auf armselige 72 Jährlein, in denen ihr Traum vollends degenerierte, so dass nun selbst das böseste Erwachen heilsam wäre? Was halten sie sich drauf zugute? Glauben sie etwa, ihr bisschen Praxis in unmittelbarer Machtausübung machte überlegen? Glauben sie, wir hätten unter dem Gebot „Nie wieder Macht!“ das große Spiel verlernt, wir, die wir es erfanden und sein Regelwerk erdachten? Sehr unzulängliche Gesetze, zweifellos, doch sind sie unser eigen als Verdienst wie Erblast. Wir sind die Sternenputzer und Herren von Atlantis - gedachten diese Hampelmänner, uns im großen Spiel zu unterrichten? Wir spielen es seit mehr als acht Jahrtausenden, spielten es schon, ehe Atlantis eins wurde. Wir stürzten mehr als einmal in Abgründe, bedeckten uns mit Schuld und Schmutz und Schande, nicht den geringsten Grund gibt es, uns stolz in die Brust zu werfen. Aber: wir leben noch!
So manches Spiel haben wir verloren, das wohl, doch nie begannen wir eine Partie, die von vorneherein verloren war. Wir setzten nie auf Ausweglosigkeit. Niemals ließen wir uns auf Zwangsläufigkeiten ein, wie sie mit ihrem närrischen Wettrüsten.
Sie lachten uns aus, weil wir mit einer Theateraufführung an die Weltöffentlichkeit traten. Sie glaubten, wir wären auf den kulturellen Spielplatz abzuschieben, wir, die wir älter sind als älteste historische Gebilde ihrer Welt, älter als das chinesische System der Literaten-Beamten, älter als die Römische Kirche, älter als alle Lehrbeispiele für Überlebensfähigkeit. Sie fragte mich nach Anzahl meiner Divisionen, die freche Bande. Bestand darauf, immer noch komme die Macht aus den Gewehrläufen.
Nun gut, dachte DER Sternenputzer, wir werden sehen, wer letztendlich seinen Finger am Drücker hat. Und dann begab er sich ans Brett.

Als sie aus Berlin zurückkam, geknickt, hoffnungslos traurig, mit spitzem Vogelgesichtchen unter dem Kurzhaarschnitt und vor Magerkeit fröstelnd, - und dann bemerken musste, dass sie gar nicht auf so verlorenem Posten gestanden hatte, da tobte sie wie in unseren ersten Tagen, da fühlte sie sich hintergangen. Es brauchte Stunden, bis Mo bereit war, zuzugeben, dass auch mein Vertrauen hart geprüft worden war, dass ich sie weder benutzt, noch gar missbraucht, sondern die Taktik der Behörde nur voller Zweifel und Besorgnis, auf jede ihrer möglichen Vorgehensweisen abgestimmt hatte. Unsere Strategie begriff sie natürlich sofort. Doch die Emotionen sträubten sich gegen Einsicht. Sie nimmt mir übel, dass ich sie nicht informierte, nachdem ich in Erfahrung gebracht hatte, wo sie war. Damit muss sie wohl leben. Ich bat Mo nicht, im großen Spiel eine so maßgebliche Rolle für sich zu reklamieren. Recht hinterhältig hat sie mir ihre Rolle abgetrotzt. Nun muss sie, wie jeder andere Mitspieler, das Eintrittsgeld entrichten, mit Niederlagen und Demütigungen fertigwerten, und, was viel schwerer wiegt, auch die Bitterkeit mancher Triumphe schmecken. Schließlich muss Mo noch einsehen, dass DER Sternenputzer niemandem erlaubt, ihn zu foppen, auch wenn ein armer Kerl mit Namen Hockenbrannt sich liebend gern mit ihr unter der Bettdecke verkriechen würde.
Sie hat Freundschaft mit Bertuccio Manini geschlossen und nimmt mir krumm, dass ich auch ihn in Berlin im Ungewissen ließ.


++++

Rund um die Kongresshalle lassen wir im Tiergarten unter großen Zelten 1000 Lautsprecher und Bildschirme aufbauen, damit die erwarteten Besuchermassen alle Ereignisse auf der Bühne im Freien verfolgen können. Wenn alle Prominenten drinnen Platz gefunden haben, dazu die Journalisten und der harte Kreuzberger Kern, dann ist die schwangere Auster voll. Die Polizei erwartet mindestens 100.000 Menschen. Behelfsparkplätze werden ausgeschildert, der ganze Bezirk zwischen Mauer, Spree, S-Bahn und Landwehrkanal für den Autoverkehr gesperrt, mobile Klos aufgestellt, öffentliche Verkehrsmittel legen Sonderfahrten ein. Bereitwillig stellt uns der Senat seine gesamte organisatorische und materielle Infrastruktur zur Verfügung. Der Regierende sagt mir, ich solle getrost alles ihm überlassen, wenn ich mich nur um das Gelingen der Vorstellung kümmerte. Aber darum kümmern sich Toprak, Christian und Halide, die vor lauter Aufregung ihre deutschen Stilübungen drangegeben hat.
Der Regierende kommt also morgen. Die gesamte DDR-Führung. Bonns Minister für Innerdeutsche Angelegenheiten. Der englische und der französische Stadtkommandant, fast alle in Ostberlin akkreditierten Botschafter, die Senatoren und das vollzählige Abgeordnetenhaus, ein paar Bundestagsabgeordnete - jede Menge unbedeutender Leute also. Der chinesische Botschafter hat sogar extra angerufen, um sich für die Einladung zu bedanken, nicht, wie andere, bloß schriftlich zugesagt. Da tut sich was in China! Er ist ein undurchsichtiger Mensch, soweit man das am Telephon beurteilen kann. Aber er wünschte mir Erfolg und bat mich, DEM Sternenputzer seine Gratulation zu der Entscheidung zu übermitteln, nun doch politisch aktiv zu werden. Seit längerem verfolge die chinesische Führung, wie ich sicherlich wisse, gespannt die Entwicklung der Sternenputzer. Weiß ich! Aber seit dem Rücktritt des Verräters Siau Chou vom Amt des Clarator Magnificus hat es sich doch wohl ausverfolgt.
Ach ja: Siau Chou hat mir unbekannterweise ein Glückwunschtelegramm aus Peking geschickt. In seinem I-Ging-Garten auf den Azoren ist es ihm wahrscheinlich zu langweilig geworden. Oder er musste an Deng Xiaopings Beisetzung teilnehmen. Ich habe einen Punker losgehetzt, mir ein I-Ging zu kaufen und zurücktelegraphiert:
„Sechs auf dem vierten Platz bedeutet: Bist Du wahrhaftig, so schwindet Blut und weicht Angst. Kein Makel.
Des Kleinen Zähmungskraft hat Großes gehemmt. Habe nie der Behörde einen Eid geschworen wie Du. Verzichte aber trotzdem auf Glückwünsche von lausigen Verrätern.“
Es ist so still in unserem Hauptquartier. Alles in die Wege geleitet, keine Kuriere mehr, kein Telephongeschrill. Wir können nur noch warten.
Berthold hat wieder angerufen. Er sagt, zum erstenmal sei er nun sicher, dass die Behörde in ihrer Gesamtheit hinter ihm Seite stehe. Das geschlagene Heer schart sich um seinen König? Er klang nervös, war aber bei weitem nicht so deprimiert, wie ich. Es ist zu still. Gar nichts passiert. Was soll ich schreiben? Die Ruhe vor dem Sturm? Oh nein: es ist die Ruhe vor dem Sturm im Wasserglas. Wir sind besiegt. Jene mächtigen Winde, die wir nicht drehen konnten, wehen bei Herleshausen und Neapel.
Sternenputzer auf dem Römischen Kapitolsberg. Sternenputzer auf dem Berliner Kreuzberg. Sternenputzer auf dem Ölberg des Himmlischen Jerusalem, im Garten Gethsemane, nachts vor dem vergeblichen Opfergang. Man kann ja sagen, was man will, das Wort, es zeugt von Größe: lass diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deinige!
Ein überholtes Wort. Wir heutigen blättern weiter, überschlagen die Evangelien und vertiefen uns gleich in die Apokalypse.

BERLIN, DEN 31. OKTOBER
Im Jahre 1382 pcn schlug der geträumte Kronfeldherr Ludwig des I., Guido Colonna, entlang der Weichsel drei Schlachten gegen den Deutschen Ritterorden unter seinem Hochmeister Winrich von Kniprode. Nachdem der Ritterorden nahe einem Städtchen Culmer Rechts, mit Namen Schwetz geheißen, sobald er dort also aufgerieben worden war, und jegliche deutsche Ostexpansion von den Landkarten gnädig ausradiert, schaffte der Kronfeldherr des europäischen Friedensreiches aus Rom ein Kind des Steins der Weisen herbei und stellte diese Stele, gegen scharfen Protest sämtlicher polnischer Regimenter des Reichsheeres, zu Ehren Kniprodes auf eine Anhöhe, die in den folgenden Jahrhunderten zunehmend von robustem Brombeergestrüpp überwuchert wurde. Im Jahre 1989 pcn gelüstete es etliche verkalkte Kremlherren danach, längst abgelebte Träume von gewaltsamer Weltrevolution wieder aufleben zu lassen, aus welchem Anlass es ihnen dringend geboten schien, eine Million Soldaten über polnische Eisenbahnschienen und Straßen gen Westen zu schicken. Bei dem ehemaligen Schwetz, heute auf polnisch Swiecie geheißen, schlugen ihre Pioniere Pontonbrücken über den Weichselfluss, da sie sich nicht gegen das widerspenstige Heer ihrer gezwungenen Verbündeten, das alle Weichselbrücken besetzt hielt und für den Ernstfall mit Sprengung drohte, den Übergang erkämpfen wollten. Als sich zwei polnische Divisionen westlich der Weichsel den russischen Truppen entgegenwarfen, hatten Kalaschnikows Ladehemmung, war jeder Schuss ein Rohrkrepierer, da klemmten alle Panzerketten, soffen Motoren ab, da platzten sämtliche Autoreifen und Polen, wie auch Russen, liefen ihren Offizieren davon, um sich zu besaufen. Natürlich nur Polen mit Polen und Russen mit Russen. Immerhin muss gesagt werden, dass zwar die Polen nicht siegten, der sowjetische Vormarsch  nichtsdestoweniger zum Halten kam. Westliche Kriegsberichterstatter warten mit der Nachricht auf, zuvor habe sich rings um den schwarzen Stein inmitten des Brombeergestrüpps ein sanfter, goldener Schein gebildet und dann geschwind, gleich einem Regenbogen, den Himmel über den kampfbereiten Divisionen durchwölbt. Ich träumte also mit der Aura auf unseren Werbeplakaten nicht allzu weit an der Wahrheit vorbei.
Werbung ist nun nicht mehr vonnöten. Wir haben das Produkt, die Sternenputzer von Atlantis, an den Mann gebracht, auch wenn Topraks Jungtürkengarde Seite an Seite mit der Berliner Polizei, uns den Weg aus Kempinskis Hotel erst durch einen Schlammsee von DEPPS freischaufeln musste.
Ist es also vollbracht? Ich weiß nicht, bin jetzt nur noch müde. Viertausend Boote zählte die Wasserschutzpolizei, als wir Bertuccio Manini, den Nachfahren venezianischer Kapitäne und des letzten Dogen, am Tegeler Flughafen abholten.  Sein heißgeliebter Bucintoro war nicht darunter.
Dreihunderttausend Ostberliner, so schätzen Beobachter, durchbrachen heute das unbewachte Brandenburger Tor, klommen über die Mauer, orientierten sich nicht geradeaus an der Siegessäule, ließen das sowjetische Ehrenmal ungerührt rechts der Straße des 17. Juni liegen und gesellten sich lachend, weinend, burschikos schulterklopfend, unter Umarmungen und Händeschütteln, schluchzend, jubelnd, oder glückselig lächelnd zu ihren Westberliner Schwestern und Brüdern im Tiergarten. Aus diesem Grunde musste sich VANITAS dareinfinden dass Egon Schwarzaug der Theateraufführung nicht beiwohnte, sondern zuerst unter dem Brandenburger Tor, dort, wo der Kriegsgott Mars sein Schwert in die Scheide zurückschiebt, später dann, als er vom Schub Richtung Westen mitgerissen worden war, auf der breiten Mauerbekrönung, seine Landsleute herzlich begrüßte und bat, nach dieser Stippvisite im Westen auch wieder heimzukehren. Er werde schon dafür sorgen, dass die Mauer bald abgebrochen werde und nicht einmal gemalte Tore von ihr übrigblieben.
Auf dem Wullenwebersteg und der Lessingbrücke hatte sich die Berliner Gärtnerinnung versammelt und überhäufte unsere Boote mit schlichtem Grün und Herbstblühern, wie Astern, Dahlien und Heidekraut. Die meisten Blüten landeten aber nicht in den Booten, sondern auf dem schillernden Ölfim, der dort die Spree bedeckt. Insgesamt hunderttausend Menschen säumten die Ufer von Spree und Kanälen, bis wir beim provisorischen, hölzernen Landungssteg auf Höhe der Kongresshalle anlegten.
Alles in allem 600.000 Menschen schätzte die Polizei im Tiergarten und dessen näherer Umgebung. Sechshunderttausend Menschen Ost und West.
Die Vorstellung war grandios und nährte den Schauspieleraberglauben, dass verpatzte Generalproben zwangsläufig eine glänzende Premiere folgt. Eindringliche Szenen, locker ineinander gefügt. Der Stoffumfang war zu gewaltig, als dass zeitlich geschlossene Abfolge möglich gewesen wäre. Toprak und ich füllten abwechselnd die zeitlichen Lücken zwischen den Bildern, versuchten uns im Brückenschlag über jene Klüfte, die geträumte und wirkliche Vergangenheit voneinander scheiden.
Die Einigung des Kontinents Atlantis durch die Sternenputzer. Der Untergang des Kontinents an zivilisatorischer Hybris. Neubegründung der Behörde. Schicksal der Frauen. Europäische Pläne. Generationenfolge der Geschlechter Hockenbrannt und Rechenblatt. Anjouchronik. Der Traum vom einigen Reiche, zu dem Europa hätte wachsen müssen, um der Welt zu geben, was ihr Atlantis schuldig blieb. Alle Schrecken der Geschichte, die mit diesem Traum von Einheit gerechtfertigt wurden, auch außerhalb des Traumes, in bitterer Wirklichkeit. Scheitern des einen Traumes. Die Erfüllung - statt seiner - des schlimm genauen Astrologentraumes. Die Beziehungen zwischen Träumern und Träumen: Hockenbrannt, Rechenblatt, Marian Guardini, Beppo (Alles Quatsch, die Kirche war zu jenem Zeitpunkt Ordens- und daher mitnichten Pfarrkirche. Zumindest dies darf als Arbeitsergebnis des Jahres 2016 festgehalten werden. Anm. d. Hrsg.), Doctor Anselmus, Lorwitz, Bucholtz, Berthold und Stephan als Herren der Sternenputzer, die Wiederkehr der Herren von Atlantis, die alchymistische Verschmelzung aller Träume und der Wirklichkeit zum goldenen Zeitalter, der Stein der Weisen, gerollt von Sisyphus, dem Nimmermüden, der Lapis Niger, die Säule von Swiecie, die Mauern und die Tore und das Haus Toprak ... und, und, und ... insgesamt vierzig Szenen von jeweils drei bis fünf Minuten Dauer. Trotz des Geldes, das wir in Kostüme und hastig zusammengekaufte Requisiten gesteckt hatten, wirkte alles sehr improvisiert. Den Texten hörte man an, dass keine Zeit war, sie zu dramaturgisch zu feilen und aufzubereiten. Unmöglich konnten unsere Laienschauspieler binnen weniger Tage alle Passagen perfekt auswendig lernen. Es gab viele Hänger. Halide musste oft soufflieren. Sie tat es, offen auf der Bühne stehend, da wir keine heile Theaterwelt vorgaukeln wollten. Bewegungsabläufe waren nicht ausreichend einstudiert worden, einmal stand unser Doctor Anselmus Lorwitz irrtümlich vor mir, ließ die Bucholtztochter peinlich unter den Flügeln der Vierster Windmühle allein und trug mir seine innige Dreitageliebe an. Das Publikum hielt aus. Viereinhalb Stunden gespannter Aufmerksamkeit, wie kein Theaterprofi sie sich intensiver wünschen könnte.Gerade das Unfertige, das Spontane machte die Vorstellung ungeheuer lebendig. Reichlich Szenenapplaus. Blumensträuße wurden auf die Bühne geworfen. Einmal trat ein Kameramann begeistert klatschend vor sein eigenes Objektiv. Die Menge an den Bildschirmen im Tiergarten brüllte so laut ihre Empörung über die versperrte Aussicht, dass wir es drinnen hören konnten. Ich vermag nicht zu sagen, wie viel sie verstanden haben, wenn wir vom vordergründigen Reiz des Spektakels einmal absehen. Dann rollten Degenmänner einen Flügel auf die Bühne. Zograffe spielte und sang die zwei versprochenen Lieder, wie man ihn kennt, mit Whiskyflasche auf dem Instrument. Sehr still wurde es, als er anschließend, unangekündigt, die ersten Akkorde der russischen Nationalhymne klimperte und sie Ton für Ton ebenso brutal und präzis verfremdete, wie weiland Jimi Hendrix auf seiner E-Gitarre das „Star Spangled Banner“ der Amerikaner zerfetzt hatte. Ein neues Festival, mehr als zwanzig Jahre nach Woodstock.
Sachlich und schnörkellos leitete der Praefect der Sternenputzer, Bertuccio Manini, nach dieser musikalischen Einlage, seine Ansprache ein. Eine Lagebestimmung der Welt und der Sternenputzen. Die schmerzhafte Vivisektion zweier Krisen. Langsam steigerte er sich und zeigte, wie Traum und Wirklichkeit einander stets bekämpften und gleichzeitig bedingten, wie es zu unverständlichen Kreuzungen beider kam, zu absurden Mischungen der Gleich-, Vor- und Nachzeitigkeit, der Folgen und Gründe, Mischungen auch von Sinn und Zufall. Alle Figuren des vorher aufgeführten Welttheaters, jeder Charakter, jeder Zufall, jedes Gesetz bekamen noch einmal ihre Rollen zugewiesen, auf jenen Brettern, die zuschauende und handelnde Menschheit nur mit den Füßen voran verlässt: ausgestreckt auf der Bahre.
Es schien Manini fortzureißen: wie alles hätte anders kommen müssen und noch immer kommen kann, sofern die Menschheit sich auf eine Alchymie aus Wirklichkeit und Traum einlässt, wenn sie, als ganz kleiner Adept, wieder lernt, Ratio und dunkle Ahnung zum sinngebenden, wegweisenden Mythos zu vereinigen, für eine Zukunft - nicht ohne Hass und Not, die wird es immer geben - für künftige Weltzeitalter, in denen wir Hass zu beherrschen und Not zu beheben trachten, stets aufs Neue, für eine Welt, deren größte und einzige Hoffnung die knochenzermürbende Arbeit des Sisyphus ist. Für ein Europa, das sich in Einigkeit versucht, nicht mehr im Sinne des Anjou-Europas der Ratsherren, welches die Völkerschaften gewalttätig zu ihrem Glück zwang, sondern als Assoziation von Freien, die sich an Toren treffen, nicht über Mauerkronen argwöhnisch beäugen, die zurückfinden zu den Gemeinsamkeiten vieltausendjähriger Geschichte und Kultur, durch welche sie sogar in Krieg und Leid noch aneinander gefesselt sind. Für ein Europa, das seine Schulden in der Welt tilgt, sich den ökologischen und ökonomischen Herausforderungen der Zukunft stellt, die Menschenrechte schützt, statt in maßloser Verschwendung unführbare Kriege vorzubereiten, während der Rest der Welt die Hungerbauche mästet. Für weltweit friedliche Zusammenarbeit von Völkern, deren keines mehr Macht beansprucht, der anderen Schicksal zu bestimmen. Für eine Gemeinschaft von Völkern, deren keines den anderen gleichgültig bleibt im Leid.
Bertuccio Manini hielt die klassische Sonntagsrede.


++++

BERLIN, DEN 30. OKTOBER
Luftschlacht über dem Mittelmeer. Von PRAWDA und SEASTAR hoben heute gegen 12.00 Uhr MEZ jeweils zehn Jagdbomber ab und duellierten sich im strahlend blauen Himmel. Nur zwei amerikanische Piloten und ein Russe brachten ihre mörderischen Vögel wieder in die schwankenden Fliegerhorste zurück. Die übrigen stürzten ins Wasser. Zwei Russen konnten sich auf ihren Schleudersitzen retten. Fünfzehn Menschen fanden den Tod in grellen Feuerwolken. Bei Herleshausen und Wartha donnern seither die Panzerhaubitzen und beschießen sich über den Stacheldraht hinweg. Journalisten zählen einen Schuss pro dreißig Sekunden. Die Amerikaner beziffern ihre bisherigen Verluste auf 75 Gefallene, 130 Verwundete und 40 Panzer außer Gefecht. Von den Sowjets erhält man keinerlei Auskunft. Es scheint nicht so, als hätte Theodore Wasp Turners Präsidentschaft die Wende gebracht.
Zudem nimmt die Lage in Polen bedrohliche Züge an. Weil sie den für morgen erwarteten ersten Schub Rotarmisten nicht zur DDR durchmarschieren lassen wollen, montieren die Polen in fieberhafter Eile auf den Bahnhöfen die Weichen aus dem Schienennetz und verbarrikadieren sämtliche Weichselübergänge. Die Regierung braucht antirussische Gefühlsaufwallungen gar nicht zu schüren, der Hass auf die Zaren von einst und jetzt lodert auch so. Den Unterdrückern aus dem Kreml soll eine unvergessliche Lektion erteilt werden, selbst wenn zu diesem Zweck Blut fließen muss. Noch ist Polen nicht verloren!
Egon Schwarzaugs Proklamation des Generalstreiks wird in der DDR allgemein befolgt. Insbesondere allen Verkehrsbetrieben ist es eine Herzensangelegenheit, den Sowjets jede Hilfestellung zu verweigern. Darüber hinaus hat dieser Streik die angenehme Nebenwirkung, dass schon nach einem Tag die Lebensmittelversorgung der in der DDR stationierten Sowjettruppen ins Stocken gerät. Ich weiß wirklich nicht mehr, was Romanows Moskauer Widersacher sich eigentlich von ihrer Politik versprechen! Vielleicht gelingt es ihnen ja, Mitteleuropa zu verwüsten, aber nur um den Preis, dass dabei auch ihr Imperium zerfällt. Ob sie das als Erfolg betrachten?
In der Volksarmee ist wieder Ruhe eingekehrt, zumindest haben die Soldaten ihre Meinungsverschiedenheiten über bündnispolitische Verpflichtungen nicht in den Kasernen mit der Waffe fortgesetzt. Und so gilt jetzt alles Lob der DDR-Medien, die sich übrigens nicht am Generalstreik beteiligen, Schwarzaugs klugem Rückzugsbefehl und jenen Armeekommandeuren, die ihn ausgeführt haben. Offenbar ist die DDR haarscharf an einem Bürgerkrieg vorbeigeschlittert. Anstatt aber nun darüber froh zu sein, anstatt es zu begrüßen, dass wenigstens nicht Deutsche an der innerdeutschen Grenze aufeinander schießen, ergeht der Bundeskanzler sich mit pfälzischem Gequake in Anschuldigungen gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Stampfer, der ohne Vorbehalte zu Gesprächen mit Schwarzaug und dessen Mammutdelegation bereit war. Was soll der Mann denn machen? Zuerst im Kanzleramt anrufen, wenn plötzlich die komplette DDR-Spitze in einer Mauerlücke steht, beinahe so, als bäte sie um politisches Asyl? Stampfer muss seine Stadt Berlin retten. In Bonn hat man gut quaken.
Demgegenüber behält Schwarzaug die Ruhe. In einem Interview mit BILD gestand er sogar, nach Westberlin gekommen zu sein, um den Sowjets die Möglichkeit zu nehmen, die unbotmäßige neue DDR-Führung in einem Handstreich zu entmachten und gegen moskautreue Vasallen auszutauschen. Befragt zur Berliner Mauer und deutsch-deutschen Grenze, um Auskunft gebeten über seine Absichten bezüglich der Löcher an der Bernauer Straße und unseren Tor-Mal-Wettbewerb, fand Schwarzaug zu Worten, die man mit Fug und Recht historisch nennen könnte und die noch vor zwei Wochen eine Sensation dargestellt hätten, nun aber leider vor‘m Hintergrund der Kriegsgefahr viel zu wenig beachtet werden:
Einst waren unsere Väter Seite an Seite die Täter, sagte Schwarzaug. Heute sind wir gemeinsam Opfer, könnte Deutschland zum Schlachtfeld der Weltmächte werden. Angesichts dieser Bedrohung scheint mir die Mauer nur noch ein makabrer Scherz zu sein, von der Geschichte überholt, das steinerne Relikt einer verflossenen Epoche, aus dem wir ein Mahnmal oder eine devisenträchtige Touristenattraktion machen sollten, wenn wir das Glück haben, gemeinsam diese schwere Zeit zu überleben. Das ändert nichts an der souveränen Staatlichkeit der Deutschen Demokratischen Republik, es könnte aber sehr wohl die Beziehungen zwischen ihr und der Bundesrepublik Deutschland von Grund auf ändern. Uns könnte, als gleichberechtigten Partnern und bei unverminderter Einbindung in die sozialistische, beziehungsweise westeuropäische Staatengemeinschaft, eine ganz neue Rolle in Mitteleuropa zufallen. Wir könnten zum Marktplatz für Ideen und Waren werden, zur Schleuse zwischen den zweifellos vorhandenen Niveauunterschieden der Waren- und Geldströme. Unsere gemeinsame Sprache müssten wir zum Katalysator eines verstärkten wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs zwischen Ost- und Westeuropa machen. Überlegen Sie nur einmal, welche Vorteile diese gemeinsame Sprache für ost-westliche Verhandlungen jeder Art darstellt! Stellen sie sich vor, ihre französischen und italienischen Freunde führten mit unseren Genossen aus Polen und Ungarn Gespräche über wirtschaftliche Zusammenarbeit - und alle würden deutsche Schreibkräfte beschäftigen, oder auf deutsche Dolmetscher ihres Vertrauens zurückgreifen! Wie kompliziert und schwerfällig gestaltet sich schon jetzt die Kommunikation in Ihrer Europäischen Gemeinschaft. Bieten die beiden Deutschland sich nicht an, drängen sie sich nicht geradezu auf, derartige Probleme in einem großen europäischen Haus der Zukunft möglichst klein zu halten? All dies könnte geschehen, wenn wir die Mauer beseitigen. So große Chancen hätten wir, wollten wir sie nur endlich wahrnehmen. Ich bin übrigens zuversichtlich, dass es sehr bald soweit kommen wird, sofern wir nur die nächsten Tage heil überstehen. Ich darf Ihnen nämlich verraten, dass die Fraktion der Reformer in Moskau wieder im Erstarken begriffen ist. Die Chancen des Genossen Michail Romanow stehen bei weitem nicht so schlecht, wie sie hier im Westen dargestellt werden. Die DDR-Führung baut fest darauf, dass die Herrschaft der derzeitigen Machthaber im Kreml nicht mehr ist, als eine alptraumhafte geschichtliche Episode.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll! Jene Chancen, welche die unbewachten Mauerlöcher an der Bernauer Straße bieten, wurden bislang nur von einer Gruppe DEPPS genutzt, die auf den Todesstreifen vordrangen und inmitten der Satellitentrümmer "Deutschland" brüllten, sonst nichts nur "Deutschland", bis ihre Kehlen heiser, oder sie selbst des ausbleibenden Echos müde wurden.
In Rom begann heute der Prozess gegen die Cousins Gibbalde. Zum Totlachen, dass die Präliminarien zum Dritten Weltkrieg von einem Kurienkardinal und einem Giftmüllhändler der MAFIA eingeleitet wurden!
Der Papst besuchte heute ein Auffanglager für Sizilianische Flüchtlinge und forderte die von den unwürdigen Lebensumständen entnervten Insassen auf, für den Weltfrieden zu beten. Er denkt sich wohl: die haben ja sonst eh nichts vor.
Die Binnenschipperei in Formation will nicht recht klappen, wir sind ja alle ungeübt. Unfälle können wir uns nicht leisten, man stelle sich das vor: ein tropfnasser Bertuccio Manini, der an seiner Amtsrobe von Wasserschutzpolizisten aus Spree-Not geborgen wird ...

Das ist doch alles zwecklos, das können wir nicht schaffen, es ist zu spät geworden, um unsere Flussfahrt richtig einzuüben. Ich kann nur noch beim Regierenden anrufen und ihn um Unterstützung bitten. Soll er uns gefälligst helfen, wenn er schon mitfahren will, um den Herrn Notar, wie er Manini nennt, erst am Flughafen zu begrüßen und dann in die Kongresshalle zu geleiten! Vielleicht können Polizeiboote ja unsere tausendschiffige Plastikmarine ins Schlepptau nehmen?
Später. Nein, geht nicht. Die Wasserschutzpolizei wird benötigt, um den Verkehr zu regeln, doch grundsätzlich ist der Stampfer mit meiner Schlepptauidee einverstanden. Ich solle doch größere Motorboote zu diesem Zweck mieten, riet er mir, dann brauchten die ungeübten Insassen der Schlauchboote, statt selbst zu manövrieren und die Außenborder zu bedienen, nur noch mit den Ruderriemen Abstand von Uferböschungen et cetera zu halten. Jetzt sind die schönen Motoren also überflüssig. Stampfer befürchtet übrigens einen gewaltigen Andrang aller Berliner, die auf dem Wannsee oder sonst wo ein noch so winziges Paddelbötchen liegen haben und sich uns morgen anschließen wollen. Aus diesem Grund hält er auch die Wasserschutzpolizei zurück. Sie soll dafür sorgen, dass unsere Schlauchbootformation geschlossen ab- und anlegt und sich für Unfälle bereithalten. Am Ende unseres Telephonats druckste Stampfer eine Weile herum und bat dann im Namen Schwarzaugs um eine Einladung für ihn und einige weitere DDR-Spitzenfunktionäre. Wir dürfen also morgen auf erlauchtes Publikum rechnen. Manini rief mich aus dem Stockholmer Hotel an. Sein morgiger Abflug ist gesichert, nachdem es Berthold gelang, die Schweden davon zu überzeugen, dass er gern bereit sei mit ihnen über alle anliegenden Fragen zu sprechen, sofern sie nur aufhörten, DEN Herrn der Sternenputzer dreist in seinem eigenen Sitz zu bombardieren. Nun braucht Bertuccio sich wenigstens nicht mit falschen Papieren in sein Flugzeug zu schleichen.
Bertholds Gelassenheit am Telephon klingt nicht mehr echt. Ihn erbittert, dass der Behörde jeglicher Einfluss vorenthalten wird, dass sie nur in den Medien präsent ist, nicht in den Schaltstellen der Macht. Er hat sich mehr erhofft, sagt Berthold. Mehr, als ein bloßes Medienereignis.
Ohne Ankündigung traf heute Zograffe in Berlin ein und schlug vor, zwei seiner beliebtesten Lieder zu singen, und zwar zwischen Ende der VANITAS-Vorstellung und dem Beginn der Rede Maninis. Letzte Woche hätte ich noch begeistert zugestimmt. Nachdem bekannt wurde, dass Zograffe als Korrespondent zu den Sternenputzern gehört, gibt es in Europa keinen Radiosender mehr, der nicht täglich seine Lieder rauf und runter spielt. Der Auftritt eines so bekannten Sängers, was hätt‘ ich mich gefreut! Aber jetzt? Das ist doch alles für die Katz! Wir wissen, dass wir bei einer breiten Öffentlichkeit Erfolg haben werden, nur eben nicht bei jenen Leuten, auf die es ankommt. Wir machen in Berlin nur deshalb weiter, weil wir zuende bringen wollen, was einmal angefangen wurde. Diese Stimmung beherrscht auch die Laienschauspieler, (was sich bei der heutigen Kostümprobe nicht eben förderlich auswirkte) und unsere Kreuzberger Helfer. Der Wunsch, angesichts des Untergangs ein bisschen Würde zu bewahren. Die Würfel nämlich sind längst gefallen. Der Stab der Geschichte ist über uns gebrochen worden. Gewogen wurden wir zu leicht befunden. Wie viele Divisionen hat DER Sternenputzer?
Auch der Kölner Korrespondent, Prälat Klangauer, der liebenswürdige, indiskrete, stieläugige Autor von Büchern über die Hexenverfolgung im Rheinland hat sich angesagt. Gemeinsam mit einem lutherischen Pfarrer, einem alten Rabbiner und einem türkischen Mullah aus Topraks Bekanntschaft will er - ausgerechnet in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, wo die Gespenster des fatalen Jahres 1888 unerlöst geistern, für den Frieden beten, während die Theatervorstellung läuft. Na schön, wenden wir uns also an die Etage oberhalb der Sterne!
Dauernd wollen mich die lieben Schwestern aus Lobbert sprechen, weil sie die Börse nicht durchschauen. Zugegeben, ich wüsste nicht, wie ich selbst im Augenblick disponieren würde. Mir bleibt unbegreiflich, was zur Zeit an Wertpapier-, Edelmetall- und Devisenbörsen geschieht. Alles will weg von Aktien oder Rentenpapieren und flieht ins Gold. Das ist auch ganz natürlich in einer solchen Krise. Aber irgendwer verfügt über enorme Goldrücklagen, die jetzt auf die internationalen Märkte geworfen werden, so dass die Nachfrage annähernd dem Angebot entspricht und der Goldpreis zwar stark anzieht, doch nicht ins Unermessliche steigt. Gleichzeitig finden die Wertpapierabstoßer Käufer. Die Kurse sinken, teilweise um zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent, aber sie fallen nicht ins Bodenlose, wie ich erwartet hatte. Das Ganze funktioniert nur, weil etwa 12.000 Tonnen Gold durch ein internationales Konsortium von mehr als 200 Privatbanken, von dessen Existenz bislang niemand wusste, angeboten werden. Eine solche Menge entspricht, vorausgesetzt, ich habe die Zahlen noch richtig im Kopf, ungefähr dem Zehnfachen einer durchschnittlichen Welt-Jahres-Förder-Menge Gold. Banker, Broker, Finanz- und Wirtschaftsminister verstehen die Welt nicht mehr. Meine lieben Schwestern zu Lobbert noch weniger, ich jedoch hab jetzt wichtigeres zu tun, als mich um CIRCE-Investment zu kümmern.
Cleo drohte mir (hoffentlich so scherzhaft, wie es klang) damit, für eine Million dem SPIEGEL meine Vergangenheit zu verkaufen. Das wäre natürlich die Story für das Blatt, brandheiß, in letzter Sekunde eingetroffen, ein gelber Balken, schräg übers Titelbild gelegt: Die Berliner Repräsentantin der Sternenputzer - Prostituierte, Bordellwirtin, Pornofilmerin. Wir, Toprak, Regisseur Christian und ich stehen sowieso auf dem nächsten Titel, vor einer Umrisszeichnung der ehemaligen Küstenlinien von Atlantis. Ich hab sie ihnen eigenhändig aufs Papier gepaust. Sie ziert den Einband von Moshe Ben Aschers Werk über Behördengeschichte, das Rechenblatt mir ins Reisegepäck gesteckt hat.
Als Cleo ihren fiesen Vorschlag auspackte, besann ich mich des kaiserlichen Generalprofosen Matheus Ghika und flötete zuckersüß: Mach das ruhig, Darling, verkauf mich, ich schick Dir dann jemand vorbei, der Dir den Bauch aufschlitzt und Dich mit Deinen eigenen Därmen erwürgt.
Das war zwar leeres Gerede, doch anschließend wollte Cleo sehr hastig alles ganz anders gemeint haben.


+++

Die nächsten Minuten hindurch war Azim Toprak damit beschäftigt, den Mund auf und zu zu klappen, um die Taubheit aus seinen Ohren zu vertreiben. Sobald er nach dem Knacken wieder etwas hörte - hörte, dass draußen Stille herrschte, erhob er sich vorsichtig und trat erneut ans Fenster. Entlang der gesamten Bernauer Straße, vom Lazarus-Krankenhaus bis zum Güterbahnhof Eberswalder Straße, war die Mauer durchlöchert. Alle paar Meter hatten relativ kleine, doch mit ungeheurer Wucht aus Richtung Süden einschlagende, Satellitentrümmer, die vorher hochkant aufrechten Betonelemente der Mauer nach Norden auf die Bernauer gekippt. Manche standen schräg in Winkeln um die 45 Grad, andere hatte es vollends flachgelegt, so dass man ungehindert das Staatsgebiet wechseln konnte. Sonst war es sonderbarerweise zu keinerlei Verwüstungen gekommen, wie Azim Toprak sich, zuerst vom Fenster, später unten auf der Bernauer Straße, überzeugte. Nur die Grenzsoldaten hatte es bös erwischt, und zwar in erster Linie die Ordnungswächter. Die wesentlich leichter lädierte Gruppe der Abbrecher rappelte sich gerade wieder mühsam auf die Beine, als, nach anfänglichem Zögern, von Westen Ärzte und Pfleger des Lazaruskrankenhauses, gefolgt von freiwilligen Helfern, unter ihnen Toprak, auf DDR-Gelände liefen, um die Schwerverletzten zu bergen. Da die Ärzte bei etwa zwanzig der Soldaten entschieden, sie dürften nicht auf Armen fortgetragen werden, und nicht auf Anhieb zwanzig Tragen bereitstanden, zögerte sich die Bergung etwas hinaus, lange genug, das vom nächstgelegenen Wachlokal her neue DDR-Soldaten anrückten, um die Lage zu sondieren, bemerkten, dass DDR-Bürger in den Westen entführt wurden und prompt zu ihren Waffen griffen, um auf die letzten Tragen zu schießen. Sie hatten allerdings nicht mit den Abbrechern gerechnet, die sich inzwischen wieder soweit erholt hatten, dass sie der medizinischen Nachhut solange Feuerschutz gewähren konnten, bis diese sich auf der sicheren Bernauer Straße befand. Dann ergaben sich die Abbrecher der erdrückenden Übermacht frischer, linien- und mauertreuer Truppen.
Erst als auch er wieder im Westen war, einer der letzten, Mensch türkischer Herkunft und deutscher Staatsangehörigkeit mit einem Streifschuss am linken Oberschenkel, erkannte Azim Toprak, das nur noch Tore von der Mauer übrig waren. Überall dort, wo vorher keine Maler tätig geworden waren, - und zwar nur dort - lagen die Betongusselemente ganz flach oder senkten sich nun langsam unter ihrem westwärts gerichteten Übergewicht, wie Zugbrücken, die man herunterlässt.
Dann trafen endlich DDR-Verstärkungen ein und stopften breitbeinig, versteckt hinter grimmigen Mienen, die Löcher zwischen den gemalten Toren. Auch wurden nun zügig die drei qualmenden Wracks der Militärfahrzeuge mitsamt dem Presslufthammer abgeschleppt. Sehr obenhin, fast gleichmütig, erzählt Azim Toprak dies alles, wobei er verstohlen seinen bandagierten Oberschenkel betastet. Von einstigen Berliner Bauzäunen erwähnt er nichts. Auch das Testament des Großwezir/Herzogs Ahmed Toprak, wo ja von Mauern mehrfach die Rede ist, selbst den fatalen Mauerdurchbruch in der Izmirer Polizistenwohnung, lässt er unter den Tisch fallen. Kein Wort davon, das solche Grenzüberschreitungen ihm zur lieben Gewohnheit wurden. Schweigen auch darüber, dass Sterne, denen wir‘s doch, betreffs der Mauern, laut Ahmed Topraks Testament, gleichtun sollen, die Berliner Mauer durchlässig machten, künstliche Sterne, Himmelskörper von Menschenhand, von Menschenhand, wie auch die Mauer - zwei Spionagesatelliten.
Und auch ich selbst erinnerte mich erst im Laufe des Abends verschiedener Bruchstücke aus dem Fluch des Rechenblattahnherrn:

"mit Sternengesteinen und Erdengebeinen
die Mauern vernichten und Tore errichten
...
Troia öffnete gar feindlichem Pferd seine Tore,
du aber bautest lückenlos deine Mauer.
...
Da du den Bruder erschlugest um steinerne Mauer,
...
schiedest den Osten vom Westen,
...
Romulus, König, ich fluche dir, Mauerbaumeister!
Nimmermehr soll dein Schicksal sich in deiner Stadt erfüllen,
fremde Mauern sollen dich stürzen sehen und endlich doch siegen,
nicht aber Roms Mauern und die seines Reiches.“

Buchstäblich fünf vor Zwölf Uhr nachts. In Ostberlin heulen alle Sirenen. Vor dem Fernseher sitzend, erfahren Halide, Toprak und ich vom DDR-Nachrichtensprecher, soeben habe das Zentralkomitee der SED auf außerordentlicher Sitzung ein neues Politbüro gewählt, dem der bisherige Staatsratsvorsitzende nicht länger angehöre. Sofort anschließend sei die Volkskammer zur Wahl eines neuen Staatsrates geschritten. Neuer SED-Generalsekretär, Staatratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates sei der Genosse Egon Schwarzaug, dem nun und hiermit das Wort erteilt werde.
Um‘s kurz zu machen, ich muss ins Bett, schließlich brauche auch ich ein bisschen Schlaf:
Schwarzaug verkündete eine Sensation. Mit sofortiger Wirkung befahl er sämtliche Einheiten der Nationalen Volksarmee, die kasernierten Einheiten der Volkspolizei, ja sogar die Wachmannschaften von der Grenze und die Betriebskampfgruppen in ihre Quartiere, wo sie ihre Waffen niederlegen und ruhig weitere Anweisungen abwarten sollen. Strengstens verbot er allen Kommandeuren jede Zusammenarbeit mit der Roten Armee. Die DDR will also keinen bewaffneten Konflikt an ihrer Grenze, will sich, wenn dieser denn zwischen Sowjets und Amerikanern schon nicht vermeidbar ist, wenigstens nicht einmischen.
 Außerdem, so Schwarzaug mit bemerkenswerter Offenheit am Ende seiner Ansprache, außerdem gilt es, um jeden Preis zu verhindern, dass die Schießereien zwischen einzelnen DDR-Truppenteilen sich zu einem regelrechten Bürgerkrieg ausweiten. Ich stehe, Genossen, vor Ihnen, als legitimer Sprecher der neugewählten Spitzen von Partei und Staat, außerdem als Ihr Oberkommandierender. In diesem Land werden keine Gefechte um die Macht geführt. Die demokratisch gewählten Organe unseres sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates haben entschieden, dass der, im Warschauer Vertrag festgelegte, Verteidigungsfall nicht eingetreten ist. Und da die Deutsche Demokratische Republik nicht angegriffen wurde, ebensowenig wie eine andere Signaturmacht des Vertrags von Warschau, sehen wir auch keinerlei Anlas, uns an der Seite der Sowjetarmee gegen einen Angriff zu verteidigen, den wir als nicht gegeben betrachten. Nichtsdestoweniger verurteilen wir natürlich aufs Schärfste den Herleshausener Vorfall von heute Morgen und geben unserer Besorgnis Ausdruck ...

Ich möchte mich maßlos erleichtert fühlen. Doch reicht es nur zum schnappenden,  vom rasenden Herzschlag abgehackten, Aufatmen. Auf Messers Schneide haben wir gerade eben noch die Balance behalten. Für heute. Flugzeugträger oder Panzerverbände der Hegemonialmächte können zu jeder Zeit das Grauen wieder entfesseln.

BERLIN, DEN 29. OKTOBER
Die Sowjetunion hat die Verlegung von einer Million Rotarmisten in die DDR angekündigt und ihr Bruderland des Vertragsbruches bezichtigt. Bei Herleshausen verstärkten Russen und Amerikaner ihre Kampfverbände auf jeweils fünf Divisionen. Transitverkehr findet längst nicht mehr statt, obwohl alle Behinderungen aufgehört haben. Die DDR-Deponien sind nun prinzipiell wieder zugänglich, doch denkt im Augenblick niemand daran, den Westberliner Müll fortzukarren. Das alltägliche Arbeitsleben ist unter dem unerträglichen Druck beinahe zum Erliegen gekommen. Nur sporadisch landen oder starten noch Flugzeuge in Tegel. Schwarzaug hat über alle DDR-Medien den unbefristeten Generalstreik ausgerufen, die Nationale Volksarmee nochmals auf Waffenruhe verpflichtet und ist dann, mit den Spitzen von Regierung, Staat, Parlament, Militär und auch Partei zu einem überstürzten, informellen Besuch nach Westberlin aufgebrochen. Sie kamen durch die unbewachten Mauerlöcher an der Bernauer Straße und betrachteten als erstes, kaum das sie mit einem Bein im Westen standen, die gemalten Tore. Auf die Frage, ob es sich tatsächlich nur um einen krisenbedingten Arbeitsbesuch handele, oder um Gründung einer DDR-Exilregierung, sagte Egon Schwarzaug:
In diesen bewegten Zeiten sollte man nichts ausschließen. Polen und Ungarn sind mit sofortiger Wirkung aus dem Warschauer Pakt ausgetreten. Sie betonten, das ihre Territorien der Sowjetarmee künftig nicht mehr für Truppenbewegungen oder Nachschub zur Verfügung stünden.
Die Beneluxstaaten und Dänemark haben den Nordatlantikpakt gekündigt. Romanow ist es offenbar gelungen, über die polnische Botschaft in Moskau, einen Brief nach Warschau zu schmuggeln. TRYBUNA LUDU druckte heute den ganzen Text Polnisch und in englischer Übersetzung ab. Darin heißt es unter anderem, dass die Magazine der Leningrader Eremitage ein juwelenbesetztes Kreuzreliquiar aufbewahren. Es gleicht den römischen und troianer Exemplaren aufs Haar und ist offenbar jenes Reliquienkreuz, das auf verträumten Wegen, als Geschenk Kaiser Ludwigs und der Räte an den Moskowiter Großfürsten nach Russland gelangte. Als Pfand ewiger Freundschaft. Freundschaft und Frieden zwischen Traum und Wirklichkeit, vor allem aber zwischen Ost und West, das sind auch die Kernpunkte von Romanows Briefbotschaft. Eine Vermittlerrolle der Sternenputzer kann er sich durchaus vorstellen - bis die Umgangsformen zwischen den Supermächten wieder ein zivilisiertes Niveau erreicht haben. Natürlich erklärten TASS und PRAWDA den Brief sofort zur Fälschung.
Die Polen haben den Stein von Swiecie entdeckt. Der ehemalige Geschichtsprofessor der Universität Warschau zeigte ihnen gestern den Weg. Während der Filmeinlagen der vorgestrigen Verlautbarung Bertholds hatte der Emeritus in einer Gruppe von Beamten Stephan Rechenblatt wiedererkannt, dem er ja im Frühsommer dieses Jahres in Swiecie begegnet war. Daraufhin raffte er alle Energie zusammen und telephonierte sich tatsächlich bis zum persönlichen Referenten des Ministerpräsidenten durch. Danach kam alles schnell ins Rollen. Polen hat für die äußerlich doch so schlichte Säule, welche nichtsdestoweniger ein Kind des Steins der Weisen ist, bereits bei der UNESCO den Status eines Weltkulturerbes beantragt.
Vor Neapel bekamen die Flugzeugträger Verstärkung. Die Russen schickten zwei Zerstörer, wohingegen die Amerikaner einen Raketenkreuzer hinbeorderten. Jetzt könnte sich zumindest eins der sowjetischen Schiffe in den Hafen Neapels hineinmanövrieren - hätte Della Gloria die Rote Flotte nicht wieder ausgeladen. Präsident Quayle ist endlich zurückgetreten. In der Nacht noch wurde Turner vereidigt. Betreffs der Sternenputzer sagte er, vor historischen Träumereien könne in dieser Zeit der harten politischen Realität nicht oft genug gewarnt werden. So habe beispielsweise erst hasenherziger europäischer Pazifismus die Gräueltaten von Auschwitz ermöglicht. In diesem Zusammenhang sei besonders interessant, das, so wörtlich: „... the so-called Lord of Atlantis is a German, which is ridiculous in itself."
Laut WASHINGTON POST demonstrierten gestern landesweit siebzehn Millionen Amerikaner gegen die Politik ihrer Führung. Die Zahlen für heute liegen noch nicht vor. Bürgerrechtler und Opposition gaben einige Millionen Sticker und Buttons mit dem Schriftzug THE LORD OF ATLANTIS FOR PRESIDENT in Auftrag. Der Konzernmulti Communication Systems International leistet 100.000.000 $ Kaution für die Freilassung der inhaftierten Korrespondenten. Allerdings glaube ich mich zu erinnern, dass die Behörde über Strohmänner an dem Konzern eine hohe Beteiligung hält.
Nach der SFB-Sendung verteilten wir Kopien des leicht zensierten Rechenschaftsberichtes unserer Reise. Die italienische Regierung benutzte sie als Wegweiser. Archäologen suchten und fanden: das leere Versteck im Kanzelpult des Doms zu Troia. Unter Zuhilfenahme von Metalldetektoren entdeckte man auch das päpstliche Kreuz, das auf Anordnung Julius des II. unter der Schwelle des Kirchleins S. Maria in Palmis, vulgo Domine Quo Vadis, eingelassen worden war. Schließlich förderten rücksichtslose Ausgrabungen in den Ruinen des Torre di Romulo auch noch eine unversehrte Aschenurne aus glasiertem Ton zutage. Drei Siegel verschlossen sie. Einmal das Zeichen des Romulus Erhabenchen, den Odoacer im September 476 pcn als Kaiser abgesetzt und ins Exil nach Lucullanum bei Neapel verbannt hatte. Zweitens jedoch und neben dem kaiserlichen Purpur, ein Siegel gefertigt aus einem Gemisch durchsichtigen Harzes mit Goldstaub. Es zeigt die bekannten drei Quadrate, die einen zwölfstrahligen Stern bilden, und in ihrem Zentrum die Buchstabenfolgen NUF und SED - Nufolius und Sedardentius - für Rechenblatts und Hockenbrannts Ahnen, sowie als Umschrift das übliche QUADRATURA CIRCULI. Das Postulat des Unmöglichen. Dann war da schließlich noch das letzte Siegel, wiederum von purpurnem Lack, ein Zeichen, das DER damals amtierende Sternenputzer sich ausgesucht hatte, und zwar mit respektheischender Selbstironie, angesichts seiner Lage: ROMA AETERNA behauptet die Schrift über dem obligatorischen Kürzel CLAM für Clarator Magnificus.
Den Nachfolger dieses Siegelinhabers beschossen heute die Schweden mit schwerer Artillerie, um auf diese Weise die Tore zu zerstören. Immer noch wollen sie sich den Zutritt in den Sternenputzersitz erzwingen, die trutzigen Schweden. Außerdem weigern sie sich, Bertuccio Manini ausreisen zu lassen. Dabei logiert der doch bereits mit falschem Pass im Stockholmer Hotel und wird übermorgen unbehelligt sein Flugzeug nach Berlin besteigen. Ganz schön blamiert werden die Schweden dastehen. Keine Phantasie, diese nüchternen Leute! Kein Funke Realismus bei allen Wirklichkeitsfanatikern der Welt. Die Volksrepublik China richtet einen Friedensappell an beide Supermächte. Dabei haben sie noch nichtmal ihren Massenmörder Deng Xiaoping verscharrt.
Unsere Außenbordmotoren sind geliefert worden. Mit Unterstützung der Berliner Wasserschutzpolizei werden wir ab morgen in den Schlauchbooten üben. Wahrscheinlich ist die Probenzeit zu knapp bemessen und alles bleibt im Chaos stecken, so wie unsere erste Probe in der Kongresshalle. Bei diesem Fiasko ist mir der Sinn des Wortes "Lampenfieber" zum erstenmal in meinem Leben richtig aufgegangen.


+++

BERLIN, DEN 27. OKTOBER
Ha, dass ich nicht lache! Kreuzberger Wirrköpfe? Keine Spur! Die Polizei nahm die Täter fest, kaum eine Viertelstunde nach dem Anruf: ein Stoßtrupp der DEPPS, die zu solch kriminellen Methoden greifen, um unserem Ansehen zu schaden. Unter ihnen der Berliner Landesvorsitzende. Einhellig und äußerst scharf verurteilt die gesamte Presse sie. Daher entschieden Toprak und ich, auf eine direkte Konfrontation zu verzichten. Trotzdem baten wir Klunk, eine Jungtürkengarde im Foyer zu genehmigen.
Man weiß ja nie. meinte der verständnisvolle Hoteldirektor, sollen sie Posten beziehen! Auf die paar Tassen Mokka kommt es jetzt auch nicht mehr an.
Nein, weiß man wirklich nicht: aus Ostberlin wird sporadischer Schusswechsel gemeldet. Zwei Stunden hing aus der Kugel des Funkturms ein Transparent senkrecht herunter: FRIEDEN hieß seine mindestens zwanzig Meter lange Botschaft. Wer wen beschoss, ließ sich nicht feststellen.
Auch an der Mauer Schüsse. Das Malen von Toren hat sich zum Hobby eines nicht geringen Teils der DDR-Grenztruppen entwickelt und immer öfter kommt es nach Vollendung des Bildes zu sofortigen symbolischen Durchbruchversuchen. Der bisher ernsthafteste, originellste und auch kaltschnäuzigste bestand darin, das eine Gruppe von Soldaten Presslufthämmer herankarrte, die sie gerade in Betrieb setzen wollte, als sie durch Warnschüsse ihrer Kameraden auf den Ernst der Lage hingewiesen und dann mit Kolbenstößen fortgetrieben wurden. Willig übergaben sie ihre Waffen und setzten sich auch sonst in keiner Weise zur Wehr. Westliche Journalisten melden eine Reihe spontaner Friedensdemonstrationen aus der DDR, die aber meist gewaltsam aufgelöst werden, ohne sich recht entfalten zu können.
Ein Beitrag der AKTUELLEN KAMERA, der im Namen der Menschen Europas an alle Beteiligten appellierte, den Konflikt friedlich beizulegen, wurde unterbrochen. Einige Sekunden rieselte Schnee über den Bildschirm, dann kündigte ein ausgewechselter Nachrichtensprecher an, nun werde zu den heldenhaften Sowjet-Soldaten umgeschaltet, die bei Herleshausen dem amerikanischen Konvoi gegenüberstünden. Auch diese Leitung brach jedoch bald wieder zusammen.
Präsident Quayle hat seinen Psychiater gewechselt. Der bisherige Arzt hatte dem Präsidenten geraten, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Millionen vernünftiger Amerikaner demonstrieren gegen die Politik ihres verrückten Präsidenten. Die Westeuropäer sind aus ihrer Lethargie erwacht und versuchen nun endlich, ihren Hegemon zu bremsen. Zur See, im Mittelmeer, herrscht zur Zeit Flaute. Deng Xiaoping ist tot.
Und ich habe mich zwingen müssen, alles ordentlich runterzuerzählen, denn Sternenputzerangelegenheiten liegen mir sehr am Herzen - und nicht nur mir allein: Welch ein Echo! Nun stehen wir auf allen Titelseiten, gleichrangig neben den übrigen Top-News der Weltpolitik, überall auf dem Globus, von PEKINGER VOLKSZEITUNG, über PRAWDA, ISTWESTIJA, bis hin zu NEW YORK TIMES und WASHINGTON POST. In den westeuropäischen Zeitungen geben wir sowieso den Aufmacher her.
Welch ein Echo! Während der ersten fünfzehn Talkshowminuten gestern Abend, von 20.00 bis 20.15 Uhr MEZ hat Berthold den Funkverkehr der gesamten Welt abgeschaltet, allen zivilen und militärischen Sendern Schweigen geboten, jedes Radio, jeden Fernsehbildschirm auf die Wellenlänge der Sternenputzer gezwungen und in Chinesisch, Japanisch, Russisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Arabisch, Indisch, Kisuaheli, Französisch, Italienisch, Ungarisch, Polnisch, Tschechisch, Schwedisch und Deutsch die jeweils einminütige erste Botschaft der Hohen Behörde an die Welt verlesen lassen. Er hat sich nicht politisch festgelegt. Aus jeder inneren Angelegenheit herausgehalten. In knappen Worten erklärte er die Herkunft der Behörde von Atlantis, handelte römische Ereignisse in einem Nebensatz ab, dankte den Schweden für ihre nur in Jahrtausenden zu messende, wenn auch unbewusste, Gastfreundschaft und mahnte dann die Welt zum Frieden. Zum Schluss wies er noch auf Petrus Brocks Flaschenpost hin und kündigte für die VANITAS-Aufführung am 31. Oktober Maninis Erscheinen an. Für Radiohörer war das alles. Wer aber am Fernseher saß, bekam unerhörte Bilder geboten, während der Text nacheinander durch sechzehn Beamte in ihrer jeweiligen Muttersprache verlesen wurde: der Thronsaal, wo die Fünfzehn (Berthold selbst las den deutschen Text) sich um den Sitz DES Sternenputzers gruppierten, ewige Kamerafahrten durch die Regalstraßen der Bibliotheken, die Weltzeituhren im Arbeitszimmer DES Sternenputzers, die Tore von innen, dann halboffen von außen gefilmt, so das die Zuschauer in den Empfangssaal blicken konnten. Es folgten Luftaufnahmen des Berges Färras bei Tage, dann bei Nacht und geöffneten Toren, aus denen breite Schneisen Lichts durch Schwedens Finsternis geschlagen wurden, dann wieder Innenaufnahmen, das Auditorium Maximum mit allen Studenten, die Beamtenschaft, mit vollem Amtsornat im Thronsaal prunkend, zuletzt die technische Zentrale, um keinen Zweifel an den Möglichkeiten der Behörde zu lassen. Verbindungen nach Stockholm hielt Berthold vor der Welt geheim. Die schwer gepanzerten Tore zu seinem Reich aber entdeckt nach diesen Aufnahmen jeder blinde schwedische Pfadfinder.
Welch ein Echo! Einhellig verurteilen Amerikaner und Sowjets einen "terroristischen Anschlag auf die freie Weltkommunikation“. Verfügt die Behörde über derartiges technisches Potential - werden sie jetzt denken - dann kann sie auch noch mehr, ist vielleicht gar militärisch gefährlich - womit sie irren würden. Riskantes Spiel, B., wie willst Du Dich davor schützen, das sie Dich irgendwie zwingen, Deine militärische Ohnmacht zu offenbaren?
Welch ein Echo! Schweden steht Kopf. Dort begreift man gar nichts mehr, hat noch in der Nacht den 1609 Meter hohen Färras von Elitetruppen umzingeln lassen. Ob sie tatsächlich glauben, sie könnten mit Gewalt rein? Welch ein Echo! Zeitgleich mit Ausstrahlung der Talkshow gaben sich auf Bertholds Weisung weltweit etwa 10.000 Korrespondenten der Behörde zu erkennen. Die unbedeutenderen unter ihnen: Universitätsdozenten, Unternehmer, Schriftsteller, Künstler, Abgeordnete, Gewerkschaftler, Journalisten, Priester, Richter, Notare...! Auch Zograffe und Klangauer. Drei Kategorien von Korrespondenten arbeiten weiterhin im Verborgenen: jene, die das Vermögen der Sternenputzer verwalten. Die ganz wenigen, die in politisch wichtigen Funktionen stehen, sowie jene, die das Nachrichtenwesen der Behörde betreiben. Es wäre Selbstmord gewesen, diese Leute schon jetzt der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen.
Die Technokraten der Macht verhalten sich abwartend. Nur vereinzelt werden Festnahmen von Korrespondenten gemeldet, die nun in endlosen Verhören ausgequetscht werden sollen, wogegen Berthold schriftlich protestiert. (Die Schweden fragen sich natürlich, wie seine Post den abgeriegelten Berg überhaupt verlassen kann.)
Vor dem Sender Freies Berlin erwartete uns auf der Straße eine vieltausendköpfige Menschenmenge, die in Jubel ausbrach, als Toprak das Kreuz, ich Brocks Flaschenpost und Zorro seine weiße Ratte hochhielt. Eine krakeelende Oma hatte ein Erbstück mitgebracht, einen riesigen, asiatischen Vogelbauer mit geschnitzten Gitterstäben, und bot ihn Zorro als Geschenk für seine Ratte an: damit det arme Viech ooch endlich malne Wohnung kricht. Jedermann hatte am Bildschirm die Talkshow und Bertholds Verlautbarung verfolgt. Und jeder, aber wirklich jeder glaubt uns. Keine hämischen Zweifel. Keine Fälschungsvorwürfe, mit denen ich, nachdem sie doch sogar in den Reihen der Sternenputzer laut wurden, fest gerechnet hatte. Allerdings hatten wir auch vorgesorgt. Die Briefe waren von neutralen Wissenschaftlern untersucht worden. Und dass das Troianer Kreuz mit dem Kreuz vom Kapitol übereinstimmte, war deutlich erkennbar. Übrigens erklärte die italienische Regierung noch in den Abendstunden das Kreuz und alle Briefe, mit Ausnahme von Petrus Brocks Flaschenpost, zu ihrem Eigentum. Wir haben diese Dokumente und Objekte daher beim Berliner Korrespondenten hinterlegt, einem der wenigen, die sich noch nicht zu erkennen gaben. Dort sind sie vorläufig vor möglicher Beschlagnahme sicher.
Die Menschen auf den Straßen aber riefen: FRIEDEN AUS ATLANTIS! FRIEDEN FÜR UNSERE ZEIT! EUROPA OHNE MAUERN! War die Zeit reif für uns?

BERLIN, DEN 28. OKTOBER
Sie haben es gewagt! Amerikaner und Russen haben tatsächlich für ihre Empfindlichkeiten den Weltfrieden aufs Spiel gesetzt. Die US-Brigade drang bei Herleshausen gepanzert in die DDR ein, und wurde mit Schüssen empfangen. Dann passierte etwas, was niemand begreift. Westliche Journalisten, die von bundesrepublikanischem Terrain den Vorfall beobachteten, berichten, plötzlich hätten alle Panzer merkwürdige Manöver ausgeführt, unkontrolliert seien Geschütztürme um ihre eigene Achse gekreist, ein russischer Panzer sei in die DDR-Grenzanlagen gebraust, zwei amerikanische frontal zusammengestoßen. Dann hätten die Gegner sich voneinander gelöst und zurückgezogen. Die Amerikaner auf Bundesterritorium.
B. erklärte mir den Vorgang so: Wir haben gesendet. Stakkatoartige Tonfolgen rufen auf gewissen Frequenzen beim Menschen Bewusstseinstrübungen hervor, wenn er ihnen ungeschützt ausgesetzt ist. Das war unser letzter Taschenspielertrick, Mo. Wenn sie gescheit sind, haben sie in einer Woche heraus, was geschah und können sich durch Einbau simpler Geräuschfilter immunisieren. Und wenn ihnen das nicht gelingt, dann schießen sie sich notfalls auch unkontrolliert über den Haufen. Sie brauchen bloß die Verbindung zu ihren Befehlsständen und Feuerleitstellen zu kappen. Wir können ja nicht im Inneren der Panzer die Funkgeräte anknipsen, sondern uns nur in den laufenden Verkehr einblenden.
Er hat in Washington und Moskau angerufen. Weder der Präsident, noch Vizepräsident Turner, waren zu sprechen. Nur das Politbüro der KPdSU fand sich gnädig zu einem Gespräch bereit. Allerdings kam Romanow nicht zu Wort. Einer der neuen alten Männer fragte zynisch:
Wie viele Divisionen haben Sie, Genosse Sternenputzer? Über eine Vermittlerrolle der Behörde konnte man sich nicht verständigen.
Die Schweden belagern den Behördensitz und verlangen Einlass. Eine niedere Charge aus dem Bundeskanzleramt telegraphierte mir: ob nicht die Sternenputzer in dieser Krisenzeit zu loser Zusammenarbeit bereit wären? Selbstverständlich könne von einer offiziellen Anerkennung nicht die Rede sein, auch schlage man für die Aufnahme der Beziehungen nur die konsularische Ebene vor. Da es diese Herren in Schweden aber offensichtlich gebe und sie, ebenso, wie die Bundesregierung, an der Erhaltung des Weltfriedens interessiert seien, könne man sich doch einmal austauschen. Könnte man, jawohl! Ich bezweifle jedoch, das Berthold mit der "unteren diplomatischen Ebene" einverstanden ist.
Unglaublicher Kometensturz: auf weite Strecken liegt die Berliner Mauer in Trümmern!
Im Nachrichtenchaos der letzten Tage sind Meldungen, dass der amerikanische und sowjetische Satellit, ineinander verkettet, auf Berlins Umgebung stürzen würde, nahezu untergegangen. Nun fielen die künstlichen Sterne nicht in Berlins Umgebung, sondern mitten ins Herz der Stadt. Und Azim Toprak war dabei.
Während in Herleshausen beinahe der Dritte Weltkrieg ausbrach, befand sich Toprak in Halides Wohnung, um die vernachlässigten Blumen am Fenster zu gießen und irgendwelche Unterlagen aus ihrem Schreibtisch abzuholen. Im Radio lief die Berichterstattung vom Schlachtfeld.
Ansonsten kaum religiös, fühlte sich Toprak doch gedrängt, zum ersten Mal seit dem Unterricht an Izmirs Koranschulen, Allah mit einer Bitte zu behelligen, dem bescheidenen Wunsch, es - wenn schon -, dann doch besser kurz zu machen.

Das Blumengießen half, sagt er. die monoton wiederholte Bewegung, zu der ich meine schlotternde Hand zwang.
Das kann ich lebhaft nachvollziehen: bei mir war es der Löwenring derer zu Bucholtz, mit dem ich mir, während die schrecklichen Minuten aus dem Lautsprecher tropften, den Finger wund scheuerte. Für jedes Wort, das der Reporter ins Mikrophon seines Herleshausener Übertragungswagens sprach, drehte ich einmal den Ring. Aber zurück zu Toprak und den Satelliten.
Ich stand also am Fenster und goss Alpenveilchen. sagt Toprak. und wunderte mich die ganze Zeit, das auf der Bernauer Straße die Maler ungerührt weiter ihre Tore auf die Mauer pinselten oder sprühten. Auf der Ostseite der Mauer, exakt gegenüber der Aussichtsplattform Bernauer Straße, luden Grenzwächter einen Presslufthammer von ihrem Militärlaster, warfen das tuckernde und knatternde Monstrum an und richteten es gegen die Betonplatten. Was unterdes bei Herleshausen vor sich ging, schien sie nicht im mindesten zu interessieren. Ich weiß noch ganz genau, das ausgerechnet in dem Augenblick, als aus dem Radio das erlösende Wort "Feuereinstellung" ertönte, das in dem Moment, als die Anspannung wich, zwei vollbesetzte Mannschaftsfahrzeuge der Grenztruppen aus beiden Richtungen über den weißen Sand des Todesstreifens angebrettert kamen, Uniformierte von den festmontierten Lattenbänken der Ladeflächen sprangen und ihre Waffen auf die abbruchlustigen Kollegen richteten. Die gaben aber nun keineswegs auf, wie gestern, sondern legten auch an. Wer zuerst schoss, kann ich nicht sagen, jedenfalls fielen zwei um, einer von jedem Trupp, dann suchten beide Gruppen Deckung hinter dem Kompressor und den Autos. In der Mitte lagen blutüberströmt die Verwundeten. Die Abbrecher müssen dann ihren Presslufthammer abgestellt haben, um sich ohne Geschrei verständigen zu können. Ich sage müssen, weil der Kompressorenlärm langsam erstarb und gleichzeitig ein schrilles Pfeifen immer lauter wurde. Ich dachte noch: das ist aber ein komisches Geräusch, typisch, das DDR-Gerät hat Motorschaden. Aber ein paar Sekunden später wurde der Krach so ohrenbetäubend, das er unmöglich vom Presslufthammer stammen konnte, ich knickte unwillkürlich in den Knien ein, gab dem Bedürfnis nach, flach auf dem Boden ausgestreckt, Schutz zu suchen. Ich dachte: oh Allah, jetzt hast Du doch noch Krieg gemacht, denn das Schrillen klang mittlerweile so, wie man es von Bombenabwürfen aus Kriegsfilmen kennt, nur wesentlich lauter und vielstimmig. Dann schlug es ein.
 

+++

Wir haben tausend gebrauchte Schlauchboote günstig gekauft. Für Werbefahrten auf Berlins Kanälen, Seen, auf Spree und Havel. Jetzt brauchen wir nur noch die Außenbordmotoren. Sollen wir Naumachias auf dem Tegeler See inszenieren, mit einem Befehlsstand auf der Spandauer Zitadelle - und die Manöver der Flugzeugträger nachvollziehen? Die Boote sind robust. Stammen aus Altbeständen des Technischen Hilfswerks. Jedes verfügt am Heck über die Vorrichtung, die es erlaubt, den Außenborder einzuhängen. Wir wären auf dem Wasser mobil und könnten uns die Ruderer sparen bei unseren Werbefahrten.

Jetzt hat er doch noch angerufen, endlich! Hat‘s nicht mehr ausgehalten, sagt er. Ich konnte zuerst kaum sprechen und hab dann lauter dummes Zeug geredet, kann kein Wort richtig wiederholen. Aber auch B. war nicht gerade die Souveränität in Person, oh nein, DES Sternenputzers Stimme kam belegt aus meinem Decoder.
Erstens. Berthold will als offiziellen Gesandten der Behörde Bertuccio Manini nach Berlin schicken, zur Sondervorstellung des VANITAS-Theaters. Er hält es für besser, wenn weder er noch Rechenblatt den Behördensitz verlassen, solange die Weltöffentlichkeit sich noch nicht über ihre Einstellung den Sternenputzern gegenüber klargeworden sei. Dann aber will er sein Höhlenreich verlassen, das hat er versprochen, im vollen Amtsornat, das mich, ich kann‘s mir nicht verkneifen, vielfarbig seidig schillernd, an ein Clownskostüm erinnert, an die Berufskleidung eines Harlekin.
Zweitens. Mit allem ist er einverstanden und lässt mir völlig freie Hand. Der liebe Idiot! Hat mir nochmals den Praefectenstatus angeboten und einen eigenen Ring. Ich lehnte ab, hab ihm gesagt, ich wolle nur den Wappenring derer von Klingenhoven zu Bucholtz behalten. Ein bisschen enttäuscht lenkte er ein.
Drittens. Kein Streit über die Modalitäten meiner Abreise. Ich fragte, wie sich Teddy mache, in seiner Glasvitrine. Dass Männer immer sammeln müssen, irgendwas! Er habe begriffen, von Anfang an begriffen, lautete B.‘s Entgegnung, na schön, er braucht den Schock nicht zuzugeben, ich kenne ihn, verzichte gern auf Beichten, auch ich habe ja meins für mich behalten. Mir reicht, dass wir nun wissen: wir hatten beide Schiss, von nun an ist der nicht mehr nötig.
Meine Schlauchbootpläne gefielen. Er hatte sich auf das Telefonat gut vorbereitet. Als er anrief, lag auf seinem Schreibtisch ein Stadtplan Berlins. Weißt Du was, sagte er am Ende meiner maritimen Überlegungen, in Tegel landet Maninis Flugzeug. Dicht vorbei am Flughafen läuft der Hohenzollernkanal. Wie wäre es, wenn ihr Bertuccio mit den tausend Schlauchbooten abholt, über Westhafenkanal und den Charlottenburger Verbindungskanal zur Spree schippert und unmittelbar bei der Schwangeren Auster anlegt? Die Kongresshalle steht doch direkt am Spreeufer. Ließe sich das machen?
Kanäle in Venedig. Bucholtz‘ Nauchmachia. Die javanische See, wo Ratsherren zu Tode kamen. Vornehmlich Seewege führten die Ratte von Loyang nach Zara. Einst flohen Sternenputzer über den salzigen Atlantik nach Europa. Nun kehren sie zurück, auf Berliner Süßwasser, stilecht symbolträchtig. All dies fand Ausdruck. Nur die Flaschenpost des Petrus Brock blieb unerwähnt, das I-Tüpfelchen auf unserer Wirrnis, die angeschwemmte Nachricht, die, Spreewasser tropfend, das Fass der Träume endgültig zum Überlaufen gebracht hatte.

BERLIN, DEN 26. OKTOBER
taz: ATLANTIS UND DIE STERNENPUTZER SIND RENNER DER SAISON (sagt der säzzer) * VANITAS - DIE BRETTER UND DIE WELT.
Das SED-Zentralorgan ND:  "... beklagenswert infantile Spielereien abgewrackter, zu Asozialen degenerierter Bürgersprösslinge, obskure Geheimorganisation mit Namen ‚Herren von Atlantis‘ ohne jeden Klassenstandpunkt, Drohgebärden der Amerikaner, kurzum, all dies ist bezeichnend für die politisch unreife Haltung des Westens und Anlass zu größter Besorgnis. Keine Spur  von  dialektisch-materialistischem  Geschichtsverständnis  auf Seiten dieser Leute, die sich gefälligst aus den inneren Angelegenheiten der Deutschen Demokratischen Republik heraushalten sollen!"
Mehr Tore! Jetzt auch auf der anderen Seite welche! Die Grenztruppen der DDR nehmen am Mauer-Malen teil. Einer hängt jeweils über die Rundung in den Westen hinein, wobei er sich wahrscheinlich die Eier ganz schön klemmt, nebenher aber Maß nimmt, das heißt, die aus der Vogelperspektive abgeschätzte Lage westlicherseits gemalter Türpfosten mit Kreide, Kohle oder sonst womit markiert, dann meist rechts und  links jeweils ein Lot fällt, um einem Malerkollegen Gelegenheit zu geben, die ungefähre Lage des Tores auf der Ostseite der Mauer zu skizzieren, - danach machen sie sich an das Geschäft des eigentlichen Malens, das allerdings sehr unter Mangel und Eintönigkeit der vorrätigen Farben leidet. Dennoch sind mittlerweile etwa zwanzig Tore beidseitig vorhanden. Aus dem Westen schaut man in bunte DDR-Landschaften, der Osten eröffnet triste, ein- oder zweifarbige Ausblicke nach Westberlin. Bis jetzt wurden die künstlerisch ambitionierten Grenzwächter von ihren Kameraden nicht behindert. Lediglich eine Malergruppe, die nach Vollendung ihres Werkes unmittelbar daranging, es mit Hammer und Meißel zu zerstören, also die Mauer zu beschädigen, wurde festgenommen und abgeführt.
Auch dem Herrn Schöntuer hat man vergleichbares angetan. Bei der heutigen Sternenputzer-Debatte im Abgeordnetenhaus störte er von der Publikumstribüne aus so nachhaltig, dass Saaldiener den geifernden, rot angelaufenen, Speichel und Schweiß verspritzenden Irrwisch vor die Tür geleiten mussten, was seine Fraktion zum Anlass nahm, stehend die peinliche Strophe des Deutschlandlieds zu grölen, bis auch sie stillgelegt wurden, die Fraktionsmitglieder nämlich. Der Präsident des Hohen Hauses entzog ihnen für die gesamte Dauer der Debatte das Rederecht. Ein Antrag der Alternativen Liste, der, wenn auch durchsetzt von ironisch-distanzierten Untertönen, den bevorstehenden Auftritt der Sternenputzer in Berlin begrüßte, fiel knapp durch. Einige SPD-Mitglieder enthielten sich der Stimme, so dass die Oppositionsparteien in der Mehrheit waren.
Bei den inzwischen alltäglichen MP-Schießereien zwischen PRAWDA und SEASTAR erschoss ein Russe einen amerikanischen Leutnant zur See. Seitdem herrscht Ruhe. Dafür machen die Amerikaner jetzt mit ihren Konvoiplänen ernst. Eine diplomatische Note der Sowjetunion warnt, dass ein solcher militärischer Verband mit Waffengewalt an der DDR-Grenze abgewiesen würde. Warum nur die Sowjets? Weshalb droht nicht gleich der ganze Warschauer Pakt? Und was bewegt die DDR-Führung dazu, sich so zurückzuhalten?
Drüben gibt es jetzt jede Menge Unwägbarkeiten. Nicht nur die Szenen an der Mauer samt Nichtunterzeichnung der russischen Note ist außergewöhnlich, es kam heute auch wieder zu Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Kräften der DDR. Ein ähnliches Szenario wie gestern: Amerikanische Soldaten wollten sich bei einer der zahllosen Potemkinschen Unfallstellen Platz schaffen, es kam zu ost-westlichen Rangeleien, die derart eskalierten, dass - diesmal Vopos - ihre Waffen zogen, dass schließlich einer schoss und auch getroffen hätte, wäre ihm nicht der Arm durch einen Soldaten der Nationalen Volksarmee eben noch rechtzeitig hochgeschlagen worden, so dass der Schuss danebenging. Was folgte, war eine Schlägerei zwischen Volkspolizei und NVA, während der amerikanische Jeep unbehelligt weiterfuhr. Höchst undurchsichtig das alles. Spielen Teile des DDR-Sicherheitsapparates auf Deeskalation? Finden sie in den Medien Unterstützung? Die AKTUELLE KAMERA bot beispielsweise einem General der Luftwaffe Gelegenheit, ausführlich die Folgen eines Krieges in Mitteleuropa zu schildern. Das wurde zwar nicht kommentiert, doch sprach die bloße Schilderung deutlich genug für sich.
Zorro, der Punker vom Kapitol, stand heute mitsamt Ratte und Freundin im Foyer und verlangte, zu mir gelassen zu werden. Er hat mich im RAI-Fernsehen erkannt und wohl gedacht: so Zorro, nix wie hin! Ich werde ihn in die SFB-Talkshow mitnehmen, vielleicht gelingt es ja, mit seiner Hilfe die kapitolinische Atmosphäre vom Sommer zu rekonstruieren. Schon heute Abend! Sonderbar, ich bin nicht im geringsten nervös, obwohl ARD, das Österreichische und Schweizer Fernsehen die Sendung life machen. In Berlin läuft heute unsere hundertste Werbeminute. 150.000 Plakate kleben in der Stadt. Zehn- bis zwanzigtausend in jeder westeuropäischen Hauptstadt. Sogar in Budapest und Warschau. In New York, Washington, Los Angeles, San Francisco, Chicago, überall haben Korrespondenten Werbeagenturen für die Sternenputzer unter Vertrag genommen. Das Seltsamste aber ist, dass die Stadtverwaltung von Peking sich offenbar benachteiligt fühlte. Der chinesische Botschafter in Ostberlin rief mich an und signalisierte die Bereitschaft seiner Hauptstadt, Werbeflächen für die Sternenputzer zur Verfügung zu stellen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, weiß nicht, ob der Stein seine Aura auch auf den blutgetränkten Platz des Himmlischen Friedens ausstrahlen soll. Dabei wäre mir unbehaglich. Andererseits  geistern seit zweidrei Tagen Gerüchte durch die Weltpresse, Deng Xiaoping, der Initiator des Massakers, habe sich zu seinen Ahnen versammelt. Na hoffentlich! Der Botschafter wurde jedenfalls am Telefon zeitweilig metaphorisch und meinte im Zusammenhang mit den Sternenputzern müsse das Mandat des Himmels vergeben werden. Hieß das nicht früher in China, dass eine kaiserliche Dynastie abgewirtschaftet hatte? Sehr undurchsichtig, das alles!
Bei einem Bremer Unternehmen haben wir die Außenborder bestellt. Übermorgen kommen sie an, wenn es auf der Transitstrecke keine Zwischenfälle gibt.
Niemand in Berlin glaubt mehr, dass wir bluffen: niemand gibt so viel Geld aus, ohne dass was dahintersteckt! Darum müssen die Herren von Atlantis existieren. Berthold versprach mir, dass sich die Behörde, zeitgleich mit Beginn der Talkshow, weltweit und unüberhörbar zu Wort melden würde. Ich fragte: Wie? und er erzählte mir von einigen Satelliten, die noch zu atlantischen Zeiten gestartet worden seien, um die restliche Welt zu beobachten. Die letzten 50 Jahre hätten sie deaktiviert und unbemerkt in einem Orbit von 300.000 Kilometer Radius die Erde umkreist. Von niemandem geortet. Sie könnten senden, peilen und empfangen, ganz nach Belieben des Benutzers. Gerade als ich auflegen wollte, trat Klunk, ohne zu klopfen, ein und entdeckte den Decoder. Berthold bat mich, ihm den Hoteldirektor ans Telefon zu holen, weil er gemerkt hatte, dass ich unvermittelt auflegen wollte. Klunk sprach fünf Minuten mit ihm und läuft seither mit leuchtenden Augen durch sein Hotel, um jedem zu erzählen, er habe mit DEM Herrn von Atlantis gesprochen. Damit lenkt er das Interesse der Reporter ein bisschen von uns übrigen ab.

Verdammt, soeben werde ich aus dem Präsidium angerufen. In Sichtweite der Polizei, die doch die Stadt sonst aus den Fenstern des ehemaligen Tempelhofer Flughafengebäudes scharf im Auge behält, hat eine Bande elender Spinner das Luftbrückendenkmal von oben bis unten mit unseren Parolen beschmiert und rundherum alle Blümchen ausgerupft. Das werden die Berliner nicht mögen! Das wird Stimmung gegen die Sternenputzer machen! Ich wusste ja, dass man mit manchen dieser Kreuzberger Wirrköpfe nicht arbeiten kann! Jetzt muss ich mich also morgen entschuldigen, um den massenpsychologischen Flurschaden wenigstens zu begrenzen.


++++

BERLIN, DEN 25. OKTOBER
Schlagzeilen: ATLANTIS FÜR DEN FRIEDEN * VANITAS FÜR ATLANTIS. Der Tenor der Berichterstattung ist durchweg freundlich. Man wendet sich nicht ab, hat offenbar beschlossen, bis zum Beweis des Gegenteils die Sternenputzer als ein Lichtlein am Ende des stockdusteren Tunnels zu deuten. Morgen debattiert, auf Antrag der AL, das Berliner Abgeordnetenhaus über die Sternenputzer.
Inzwischen liegen so zahlreiche Nachfragen vor, das wir nicht mehr alle persönlich beantworten können. Wir verteilen kopierte Handzettel mit Basisangaben über Behörde und VANITAS, über unser Anliegen und das merkwürdige Traumgeflecht, das wir in Kürze aufdecken. Der SFB plant eine Talkshow zum Thema Sternenputzer. Eine kleine Arbeitsgruppe um Halide perfektioniert die Handzettel bis zur Druckreife. Dann machen sie ab morgen nicht nur optisch was her, sondern wir können sie, als Vorab-Material, an einige tausend Redaktionen schicken. Sobald die Leute merken, über wie viel Geld wir verfügen, nehmen sie uns sehr ernst.
Präsident Quayle hat sich unter dem Druck der Öffentlichkeit zu einer psychiatrischen Untersuchung bereitgefunden. Romanow gab wieder ein Interview, zur Lage. Er begann mit auswendig gelernten Hasstiraden auf den amerikanischen Imperialismus, drohte, Berlin in die Luft zu jagen, zumindest aber der PRAWDA zu befehlen, die SEASTAR zu versenken. Sie hatten ihn aber nicht ausreichend mit Drogen vollgepumpt, denn jählings kam der Mann wieder zu sich selbst und zu Bewusstsein und rief die versammelte Weltpresse an: Helfen Sie mir! Retten sie Perestroika und Glasnost! Ich bin nicht mehr Herr meiner Entschei ...! Dann drehte einer der flinken Büttel das Mikro ab und Romanow wurde im schlechtgetarnten Polizeigriff überstürzt abgeführt. Der neue Außenminister erklärte, der Genosse Generalsekretär und Präsident des Obersten Sowjet habe leider einen Schwächeanfall erlitten.
Auf der Transitstrecke Herleshausen-Berlin wurde eine Schießerei zwischen amerikanischen Soldaten und Stasi in Zivil nur durch das mutige Dazwischentreten einiger Vopos verhindert, die die Parteien mit ihren unbewaffneten Leibern trennten. Aus unerfindlichen Gründen ging in der Nacht ein sowjetischer Matrose über Bord der PRAWDA und ertrank. Ansonsten melden die Berichterstatter jeglicher Couleur: Im Süden, zwischen SEASTAR und PRAWDA, nichts Neues!

Kein Stern! Aber auch nicht ein einziger! Gegen vier Uhr früh weckte mich der Hoteldirektor aus einem Anlas, auf den ich gleich eingehen werde. Da ich also ohnedies auf den Beinen war, beschloss ich, mir ein Taxi zur Mauer zu nehmen und nach dem Malerwettbewerb zu sehen. Wir fuhren etliche Kilometer der bleichen, im Kunstlicht fahlen weißen Wand ab und überall boten sich uns die gleichen Bilder: Tore! Einige hundert Menschen sprayten oder malten mit breiten Pinseln Tore auf die Mauer. Haustüren, Gartenpförtchen, Autotüren, Kirchenportale, Stadttore rechts und links getürmt. Wo Straßenbeleuchtung oder jene Taschenlampen, die von zahlreichen willigen Nachtschwärmern gehalten wurden, nicht ausreichten, parkten auch mal Dienstautos der Berliner Polizei so günstig, das ihre Scheinwerfer Künstler und entstehende Werke ins rechte Licht setzten. Über die angeschnittene Betonwurst der Mauerkrone lehnten sich Angehörige der DDR-Grenztruppen beobachtend nach Berlin-West hinein und waren sichtlich amüsiert. Manche machten kein Hehl aus ihrer Zustimmung, andere rafften sich, befehlsgemäß, von Zeit zu Zeit zu lauem Protest auf. Tore! Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin! Jedes eröffnet den Ausblick in ein dahinterliegendes Zimmer, einen angedeuteten Straßenzug oder ganze Landschaften. Jedes weist über sich selbst hinaus - nach jenseits der Mauer. Nicht einmal die DEPP-Horden, die sich erneut zu Prügeleien zusammengerottet hatten, konnten sich dieser Faszination ganz entziehen. Topraks Jungtürken gingen umsonst auf Streife. Kein Maler wurde bei seiner Arbeit gestört. Gespannt bin ich, wie sie das Problem zunehmender Enge künstlerisch bewältigen. Vermutlich werden ja die Maler von heut Nacht nicht die einzigen bleiben. Alle zwanzig Meter ein Tor - das ist beeindruckend. Doch wie wird es wirken, wenn sich nach ein paar Tagen Tor an Tor reiht? Käme da nicht zuviel rüber?
Eine Journalistin von der taz bat um meine Stellungnahme zu jener unnötigen Belastung, die dem Ozonhaushalt der Atmosphäre durch unsere Spraydosenaktion zugemutet würde. Je nun. Ein Fehler, geb ich zu! Trotzdem sagte ich etwas ähnliches wie: tut mir leid, liebe Ozonschicht, aber an Dir sterb ich noch nicht gar so bald. Ansonsten kommen die Tore bemerkenswert gut an, bei DDRlern, die kürzlich erst rübergemacht haben, wie bei den Altberlinern, die das Ereignis zum Anlas für ausgedehnte Spaziergänge nahmen. Wie von selbst hat sich durch die Spraydosenaktion auch die Frage nach Notwendigkeit und Standort einer Koordinationsstelle für unsere Aktivitäten geklärt: auf breitem Gehsteig vor dein Hoteleingang sind seit letzter Nacht die Platten bunt. Der Grund, weshalb Klunk mich aus dem Schlaf trommelte: in grellen Farben weist ein mächtiger Pfeil ins Hotelinnere, ein Pfeil, von dem allerdings nur die Umrisse gezeichnet sind, dessen Außenzeichnung die waagerechte Buchstabenfolge ISCHE einfasst. Ich wollte mich, als Klunk ihn mir zeigte, persönlich angesprochen fühlen, war nur im Zweifel, ob ich mich beleidigt fühlen sollte, oder etwa geschmeichelt, doch dann sah ich die kleineren, senkrecht unter ihren waagerechten Initialen angeordneten, Druckbuchstaben auf den Platten. ISCHE ist eine Abkürzung, dort steht: International Star Cleaners Headquarters Entrance. Als die Sprayergruppe in aller Seelenruhe die große Pappschablone für die Buchstabenfolge auf dem Gehsteig festklebte, um deren Leerstellen vollzusprühen, kam der misstrauische Nachtportier heraus und drohte mit der Polizei. Die kreativen Nachtschwärmer boten ihm an, falls er sie gewähren ließe, alle gestapelten Müllsäcke aus dem verschandelten Foyer fortzuschaffen. Er telefonierte mit dem Chef, Klunk erschien selbst am Tatort und entschied: wir lassen sie sprayen. Drei Punks wurden bis zur Vertragserfüllung als Geiseln in ein Hotelzimmer gesperrt. Die übrigen vollendeten ihr Werk, verschwanden und kamen eine halbe Stunde später mit einem klapprigen VW-Pritschenwagen zurück, den sie bis zum frühen Morgen ein ums andere Mal mit Säcken beluden und so allen Müll fortschafften. Nun ist das Foyer des Traditionshotels wieder begehbar. Man trennte sich in bestem Einvernehmen. Der begeisterte Herr Klunk spendierte sogar einen feudalen Imbiss für zwanzig Personen, als zwischenzeitlich der Arbeitseifer der jungen Leute zu erlahmen drohte. Eine Verbindung zwischen diesem Vorgang und der Tatsache herzustellen, das es in einigen stillen Seitenstraßen über Nacht zur wundersamen Müllvermehrung kam, wäre böswillig.
Ich habe mich den Umständen gebeugt. Dem Pfeil, der ins Foyer verweist und auf das internationale Hauptquartier der Sternenputzer zielen will. Klunk macht‘s möglich. Überhaupt steckt mehr in dem Mann, als man seinem distinguierten, mäßig arroganten Äußeren nach vermuten sollte. Er hat mir sogar - gegen Vorkasse natürlich - die ganze Etage vermietet und duldet nach anfänglichen Protesten Scharen schräger Gestalten, die sich nun in seinem Hotel tummeln. Zwar hält er mich für bescheuert, weil ich ihm offen schilderte, was wir vorhaben (manchmal ist rückhaltlose Ehrlichkeit die beste Tarnung), aber das hinderte ihn mitnichten daran, einen Haufen anderer Gäste umzuquartieren, um die Etage für mich frei zu räumen, hinderte ihn nicht, uns fünf Standleitungen nach draußen zu reservieren, einen speziellen Tag- und Nacht-Etagenservice zu organisieren, Hotelpagen für den Botendienst abzuordnen und sogar den Hoteldetektiv zu unserer Verfügung zu stellen. Der Mann stoppt in der Halle erst mal jeden, der zu uns will. Nur persönliche Bekannte dürfen rauf, wir legen keinen Wert auf Spitzel des Verfassungsschutzes und der alliierten Dienste. In eine Besprechung, die Toprak gestern mit dreißig Theaterleuten in seiner Wohnung abhielt, hatte sich jemand eingeschlichen, der dem Budikenküster an seiner Theke schon einmal als Zivilstreife begegnet war. Glücklicherweise war bis dahin nur über Kostüme und Regiefragen diskutiert worden.
Klunk ist ein netter Kerl. Nachdem die Hauptquartierfrage geklärt war, überreichte er mir einen riesigen Blumenstrauß, an dem ein Kuvert befestigt war. Inhalt: feinstes, handgeschöpftes Bütten mit geprägtem Hotelbriefkopf und dem Satz "In dieser Zeit schwerster Prüfung für unsere Stadt und die Welt wünschen wir Ihren originellen Bemühungen jeden erdenklichen Erfolg. Direktion und Mitarbeiter des Bristol Hotel Kempinski."
Da wir nun Platz haben, sind Toprak und Halide neben mir eingezogen, ebenso Christian, der inzwischen etwas aufgetaut. Halide kann frei über ihre Zeit verfügen, aber die beiden anderen mussten ihren Urlaub daransetzen.
Nun hängen auf den Fluren Stadtpläne, gespickt mit Fähnchen, die anzeigen, wer wann wo welche Plakate klebt, die Wände sind tapeziert mit Dialogentwürfen, die irgendwie zu einer provisorischen Dramaturgie für die Kongresshallenaufführung verflochten werden müssen, im Luftzug sich öffnender und schließender Türen flattern die Richtungspfeile auf dem tausendfach kopierten Bühnengrundriss, damit wir eine Ahnung davon kriegen, wer wann wo steht, da hängen Leinwände auf den Zimmern für die Overheadprojektoren, ununterbrochen klingeln Telefone, sofern nicht gerade wir selbst anrufen, um über ein schnell aufgebautes Schneeballsystem Helfer zu koordinieren, Kuriere hasten über die Flure mit Nachrichten, die wir den sicherlich abgehörten Telefonleitungen nicht anvertrauen wollen, Journalisten, Abgeordnete, Bürger, die Werbeheinis mit neuen Plakatentwürfen, der Behördenkorrespondent bringt 1.000.000 DM in bar, auf der Bank, sagt er, liegen weitere 10.000.000 DM bereit, Kosten bräuchten wir nicht zu scheuen. Außerdem übergab er mir, äußerst geheimnistuerisch, ich musste zuvor alle anderen aus dem Zimmer schicken, ein Dekodiergerät, das man über Hör- und Sprechmuschel des normalen Telefons stülpt, zum Zweck, verzerrte Schallwellen wieder entwirrt hörbar zu machen, beziehungsweise die eigene Sprache so zu zerstückeln, das nur der Mensch am anderen Ende der Leitung, der mit dem entsprechenden Decoder, verstehen kann, was gesagt wurde. Für den Fall, so der Korrespondent, das sich die Notwendigkeit direkten, telefonischen Kontakts mit dem Behördensitz ergeben sollte. Von Berthold aber vorläufig keine Botschaft. Dabei weiß er doch inzwischen, wo ich bin. Der Dreckskerl lässt mich jetzt zappeln dafür, das ich ihn sang- und klanglos sitzenließ!
Wir können froh sein, das Topraks Netzwerk so gut funktioniert, dank seines persönlichen Ansehens in Kreuzberg! Er sagt, wir verfügten mittlerweile über fünftausend potentielle Helfer, die in längstens 45 Minuten über unser telefonisches Schneeballsystem zu aktivieren seien. Jederzeit. Rund um die Uhr. Manchmal habe ich den Eindruck, er konfrontiert mich bewusst mit den verschiedensten Typen, die eigentlich jede Zusammenarbeit mit den Sternenputzern ablehnen, um dann vermitteln zu können, mir zu zeigen, das sein Einfluss nahezu unbeschränkt ist, das wir auf ihn angewiesen sind. Meinethalben! Wenn er diese Bestätigung braucht! Es wäre ja auch ein Wunder, wenn das Bündnis zwischen der kleinen, doch einst allmächtigen, Behörde und den vielen Kreuzberger Ohnmächtigen ganz ohne Widerstand von Mensch und Material funktionierte. Es gibt unter unseren Verbündeten härteste autonome Pflastersteinköpfe, Türkenmachos, die mich als Frau verachten, entschiedenste Aufklärer, denen schon das Wort "Atlantis" suspekt klingt, Traumfeinde, Zufallsleugner und Sinnsucher voller Ekel vor unserer Werbekampagne - trotzdem machen alle mit. Uns sammeln aber nicht die Argumente. Der Feind eint uns. Noch nie war mir so klar, das gemeinsame Gegner unter Umständen ein stärkeres Band sein können, als beste Freundschaft: es geht gegen die Technokraten der Macht, die heutzutage die Welt beherrschen, die weder den ernsthaften Gestaltungswillen aus der Frühphase der Behörde kennen, noch etwa Tristesse und Ohnmacht, wie sie in Kreuzbergs Hinterhöfen haust. Es geht gegen die Macher, die bloß noch frech sind, dummdreist, egozentrisch, brutal und inkompetent.
Die Journalisten gehen mir, so dringend wir sie brauchen, auf die Nerven. Haben Sie wollen Sie wann genau bitte warum gestatten Sie noch eine Frage. Hoffentlich recherchieren sie nicht zu gründlich! Was passiert, sobald sie herausfinden, womit ich mein Geld verdient habe? Auf dem Topf muss der Deckel bleiben! Bis sie meine Lobberter Karriere aufgetan haben, muss ich bereits wieder von der Bildfläche verschwunden sein. Mächtige Herren von Atlantis kann die Welt so gerade noch verkraften, wird sich ihnen vielleicht sogar beugen, aber die Chefin von Circe, das klappt nicht Mo! Das wäre kontraproduktiv und muss vermieden werden, gleich wie.


+++

Dann begab sich besagter Petrus Brock wohl nach Königsberg, gründete seinen Holzhandel und kaufte später den mutmaßlichen Sohn seines Freundes von Sinti oder Roma los, welchselbiger den kurfürstlichen Spitznamen LORWITZ annahm ...
Berthold und Rechenblatt träumten Beppo zu Zara, mitsamt verkokeltem Bohneneintopf. (Höchst zweifelhafte Geschichte, angesichts der Benediktinerinnen in Sv. Marija des heutigen Zadar. Anm. d. Hrsg.) Aus Beppo wurde Doctor Anselmus, der Vater jenes Knaben, der im Marcellustheater Cesare Colonnas, beziehungsweise in Shakespeares schottischem Königsdrama, unfreiwillig den Kesselpart übernahm, wurde der Astrolog von Lobbert und der Vierster Mühle, wo er das Bucholtzmädchen, der Legende zuwider, keineswegs vergewaltigte, wurde der Stammvater aller angeblichen Klingenhoven zu Bucholtz seit 1625, wurde der Begründer der doppelten Buchführung, wurde (später, im Buche Brocks) der Sternkuecker der Churprandenburgischen Durchlaucht. Wurde schließlich der Erfinder der Ratsherrengeschlechter, deren Nachfahren hinwiederum ihn selbst, und zwar etliche Jahrhunderte später, erfinden sollten. Hermetische Träume. Jeder träumt jeden. Die visionäre Summe gilt uns dann als Welt. Mein Anselm Lorwitz nistete sich nicht bei einem fremden Adligen ein, kaufte vielmehr dem entfernten Vetter sein legitimes Erbe ab und hinterließ es - mir.
Shakespeares Hexenkessel im Marcellustheater. Beppos Bohneneintopf auf den Brettern der Kleinkunstbühne VANITAS. Zara, Rom und Berlin. Alles Theater. Kulissenmauern.
Bertholds träumerische Berliner Konferenz: Anjou-Europa vereinbarte ein 101-jähriges zivilisatorisches Moratorium, an dessen Ende die Flaschenpost ... Berliner Konferenz von 1888, Dreikaiserjahr, am Anbeginn vom Untergang des Abendlands.
Die Flaschenpost des weisen, blinden, chinesischen Orakelstellers und - hundert Jahre drauf und eins - Berlinkrise von 1989. Es hat die Zeit sich ineinander gefaltet, ihr geradliniger Verlauf ist bloß noch eine widerlegte Hypothese. Der allerletzte Kreis hat sich geschlossen. Es fand die große alchymistische Vermählung statt. Nunmehr verfügen wir über die Rezeptur zum goldenen Zeitalter. Apropos Gold: an den Börsen hat längst der Run begonnen. Jedermann will Bargeld und Wertpapiere loswerden und legt in Gold an. Trotzdem bleibt dessen Kurs relativ stabil, weil irgendwer gewaltige Edelmetallreserven auf die Märkte wirft. Wenn die Mädels in Lobbert nicht aufpassen, geht in diesem Tohuwabohu CIRCE-Investment hopps.
Finale Synthese. Teleologischer Zirkelschluss. Brock brachte VANITAS nach Schloss Bucholtz. VANITAS die Bucholtzpapiere auf die Bühne. Ein Bepponachfahr brachte Villanovanus‘ Buch nach Benediktbeuern. Und so immer weiter. Nutzlos, nun noch jeder Querverbindung nachzuspüren. Ich lass mich auch nicht noch mal durcheinander bringen. Jene Flaschenpost, die vom sinnvollen Zufall an unseren Küstenstrich des Meers der Zeitlichkeit geschwemmt wurde, ich werde sie, da ich nun gar nichts mehr erklären kann, einfach hinnehmen. Ich weigere mich, über Gebühr beeindruckt zu sein, Atem anzuhalten, bleibe supercool bedacht auf Nutzanwendung: Sternenputzer-Marketing.

BERLIN, DEN 24. OKTOBER
Nun ist die Mauer völlig weiß, ein unbeschriebenes Blatt aus Stein, die vielversprechende Negation des fluchbeschmierten, schwarzen Steins in Rom. Die Strecke von Tiergarten bis in den hohen Norden wurde heut Nacht bewältigt, allerdings nicht ganz so reibungslos, wie die erste Hälfte. Schöntuer war eigens aus seinem badischen Obersalzberg angereist, um den braunen DEPP-Pöbel zu glorreichen Taten anzustacheln. Bei den Schlägereien mit Polizei und türkischen Milizen trug ein sattes Fünftel des Packs SA-ähnliche Uniformen, um kundzutun, wes Geistes Kind es ist. Was sie übrigens genau wollten, außer Randale, blieb ungewiss. Sie verzichteten sogar auf die sonst üblichen Transparente. Bei unseren angestellten Neubürgern aus der DDR erregten sie jedenfalls nur Widerwillen. Dabei will ich‘s bewenden lassen. Alles ging glimpflich ab. Keine Festnahmen und niemand musste nach der Prügelei ins Krankenhaus.
In kostbaren Werbeminuten und Zeitungsinseraten erklären wir allen interessierten Künstlern das Thema des Spraydosenwettbewerbs: Sterne! Glattrunde,  pockennarbige,  von wulstrandigen Kratern gezeichnet, stilisiert vielstrahlige, schmutzige, geputzt glänzende, - Sterne eben, meinethalben auch schlichte Planeten, Himmelskörper, deren Bahnen das Anliegen der Sternenputzer einkreisen sollen.
Außerdem senden SFB und RADIO 100 inzwischen unsere Spots. Da sie meine Kempinski-Telefonnummer einblenden, laufen hier im Haus die Drähte heiß. Die Werbung hat Erfolg Ich habe nicht gezählt, wie oft ich den Leuten am Telefon erklären musste, das sie die Sternenputzer, was eine ihrer entscheidenden Qualitäten sei, eben NICHT kaufen könnten. Die Filmchen zeigen den Einbruch eines sternenputzermäßig kostümierten Schauspielers in die nachgebaute kapitolinische Grube. Dann nimmt der Mann auf dem runden Stein Weiser Magier Platz, erläutert seine Herkunft und weist endlich noch darauf hin, Näheres könne man bei der Berliner Kleinkunstbühne VANITAS erfahren. Ich muss das mit der Nummer ändern! Kann nicht auch noch Telefondienst schieben. Die Plakatentwürfe liegen vor. Der schwarze Stein in seiner Aura. Darüber groß und fett: STEIN VON ATLANTIS. GRUNDSTEIN EUROPAS. Darunter, klein, doch lesbar, die Übersetzung der atlantischen Schriftzeichen und dann, als Unterschrift: B. HOCKENBRANNT AUGUSTUS, REGIERENDER STERNENPUTZER DER HOBEN BEHÖRDE VON ATLANTIS. Das verfälscht zwar den Sachverhalt, aber Werbung entstellt ihre Ware ja immer. Vielleicht sollte ich mir Textvarianten ausdenken. Vielleicht auch nicht nur in Berlin, sondern in allen Weltstädten Plakate in jeweiliger Landessprache aufhängen lassen. Aber der erste Schub wird unverändert ausgedruckt. Morgen soll die Startauflage von 25.000 Stück geliefert werden.
Wieder wäre fast der Krieg ausgebrochen: von jedem der Flugzeugträger hob eine Jägerstaffel ab, die Raubvögel umkreisten einander und landeten wieder. Ohne Beute.
Della Gloria hat die Russen ausgeladen. Auf einer internationalen Pressekonferenz bat er, dies als Beitrag Italiens zur friedlichen Beilegung der Krise zu verstehen. Ich glaube aber nicht, das das jetzt noch was bringt, es geht längst nicht mehr um die Liegerechte in den Häfen - um Demütigung der jeweils anderen Weltmacht geht es.
Der Tanz auf dem Vulkan stampft immer ausgelassener daher. Wir müssen uns beeilen. Jenseits des Atlantik drohen Wild-West Strategen, einen militärischen Konvoi in Brigadestärke zusammenzustellen und quer durch die DDR nach Berlin zu schicken, falls die Behinderungen auf den Transitstrecken nicht sofort aufhörten. Er soll, laut Präsident Quayle, "...amerikanische Bürger vor den barbarischen Roten Garden schützen." Der Schwachkopf!
Misstrauen und Angst der VANITAS-Theatermacher vor den Sendboten der
Sternenputzer sind mir nun, nach Lektüre von Petrus Brocks Flaschenpost, nur zu verständlich. Zunächst wirkte störend, das die Legaten viel früher als im angekündigten Jahr 1989 vorstellig wurden - dann traten sie plötzlich überhaupt nicht mehr auf, Sondern eine gänzlich unbekannte Frau in ihre Fußstapfen. Das hätte alles sehr leicht schief gehen können! Halide bat mich unverblümt, nicht gleich beleidigt zu sein, wenn mir nicht alle VANITAS-Angehörigen gelöst und mit freundlichen Gesichtern gegenüberträten. Ich solle der unausgesprochenen Vorbehalte eingedenk sein, nach Jahren der Arbeit im Verborgenen nun mediennotorisch zu werden. Als wäre das nicht viel eher ein Problem der Behörde!
Aus den Tiefen der Zeit müssen die Sternenputzer auftauchen, den mythologischen Bodensatz im kollektiven Unterbewussten ansprechen, Vertrauen gewinnen und Hoffnungen machen. Die Träume der Menschheit zum Leben erwecken und, wenn es nicht anders geht, auch manipulieren. Den Sternenputzern bleibt keine andere Wahl, als den Zeitgeist zu benutzen, selbst wenn sich der nachher missbraucht fühlt. Das könnte passieren. Wollen wir nämlich ernstgenommen werden, so darf keine Rede sein vom glückverheißenden Sternzeichen des Wassermanns, in welchem zur Jahrtausendwende die große Umwälzung stattfinden soll, von Isis‘ magischen Kulten, schwebenden Yogis, indischen Gurus, Beschwörungen dunkler oder lichter Mächte. Derlei hat Menschen noch nie daran gehindert, einander abzuschlachten. Friede kann nur auf nüchtern rationalem Interessenausgleich gründen. Die Kraft jedoch, der Wille, ihn herbeizuführen, kann aus Träumen geschöpft werden und den rührend widersinnigen Spuren, die wir am Wegesrand der Geschichte fanden. Und dann: sollte der Zufall jetzt plötzlich streiken, nachdem er für uns solche Sonderschichten fuhr?
Das alles ändert nichts daran, dass viele meiner neuen Partner mir eigentlich zu ausgeflippt sind, unsolide Leute, mit denen ich niemals Geschäfte machen würde. Aber wenn sie sich auf eine wie mich einlassen, die im Hotel Kempinski logiert, dann sollte wohl auch ich nicht pingelig sein. Unsere Lage erfordert ungewöhnliche Koalitionen. Ganz gewiss werden die Mächtigen und ein Teil der Medien gegen manche meiner neuen Partner den Vorwurf der Irrationalität erheben. Von der anderen Warte werden unsere New-Age-Partner das politisch klare Denken der Behörde verfluchen und Hingabe an ihre diversen Mysterien verlangen. Die Rationalisten und vorgeblichen Verantwortungsethiker, die uns an den Rand der Katastrophe wirtschafteten, sie werden auf ihrem Wahn von einem Denken beharren, das zu totaler Erkenntnis befähigt ist, werden damit fortfahren, großkotzig alles Geschehen für beherrschbar zu erklären und in tiefer, atavistischer Furcht die Ohnmacht, das Geheimnis, Traum, Alptraum und sinnvollen Zufall leugnen. Die Zeitgeister aber werden das Menetekel hoffnungsloser Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnis in üppigsten Farben an die Wand zaubern und sich in feuchtwarmer Treibhausluft wollüstig aalen, in der verschwärmten Geborgenheit ihrer solipsistischen Kulte, Phantasien und Hoffnungen. Auf dem Grat zwischen diesen Extremen ist leicht Straucheln. Das Risiko ist hoch, kein Zweifel, aber beiden mächtigen Strömungen unserer Zeit haben wir das Wissen um ihre Beschränktheit voraus, die ja auch die unsrige ist. Eine alchymistische Vorstellung wäre es, diese Denkweisen zu verschmelzen, aneinander zu läutern, Rationalität, die fehlgeleitet lebensfeindlich wirkt, mit jener Ahnung tieferer Lebenszusammenhänge zu verbinden, die unfruchtbarer Eskapismus bleiben muss, solange sie strenger gedanklicher Form entbehrt. Eine ganz und gar alchymistische Suche nach dem neuen Stein der Weisen. Fühlen und Denken hermetisch kurzgeschlossen? Dieser neue Urknall würde das menschliche Bewusstsein kosmisch erweitern.
Halide und ich traten heute Morgen eine Lawine los, als wir gemeinsam den Berliner Chef-Korrespondenten der Behörde aufsuchten, damit Berthold über die Kooperationsbereitschaft von VANITAS ins Bild gesetzt wird. Jetzt muss DER Sternenputzer Farbe bekennen. Unser Nahziel ist, einen Vertreter der Behörde, eingebettet in ein VANITAS-Rahmenprogramm, das nun in aller Eile improvisiert werden muss, weltweitem Publikum zu präsentieren. Für alle Fälle haben wir die Kongresshalle angemietet. Ich war verblüfft, wie leicht das möglich war, hatte sie für ausgebucht gehalten und lediglich nachgefragt, um ja nichts zu versäumen. Aber Wirtschaft und Wissenschaft haben weitgehend ihre Buchungen storniert, aus Ekel vor dem Müll und Furcht vor der abgeschnittenen Berliner Insellage im Konfliktfall. Nun können wir vom repräsentativsten Marktstand die Sternenputzer als Krisenmanager anpreisen. Vielleicht will sie ja jemand haben! Finanziell keine Probleme. Zwar sind meine Mittel (Behördendollars und zugebuttertes eigenes Geld) nicht unbegrenzt, aber recht umfänglich und müssten für eine durchschlagende Werbekampagne) inklusive der Kongresshallen-Miete reichen. Halide staunt zum Bespiel immer noch, wie anstandslos ich die Kosten der Mauerbemalung beglich. Wenn B. Einverständnis signalisiert, brauche ich mir über Geld gar keine Gedanken mehr zu machen. Schon der kurze Einblick, den ich am Behördensitz in die, von Korrespondenten als Strohmännern abgewickelten, finanziellen Aktivitäten der Sternenputzer gewann, ließ mich vor professionellem Neid erblassen. Sie sind weder wohlhabend noch einfach reich: sie sind der unbekannte Nabob dieser Welt. Hunderte Milliarden. So viele, dass es auf die Währung schon gar nicht mehr ankommt. Und sie könnten noch mehr haben, wenn sie nur wollten. Das ist die Tragik der Behörde: ihre ungenutzten Möglichkeiten! Gut, auch mit einem solchen Kapital krempelt man nicht ohne weiteres die Welt um, aber viel ließe sich damit ausrichten, wenn sie nur wollten. Es ist zum Heulen. Hoffentlich ergreift B. seine Chance!


+++

Wieder vier Jahr spaeter / Anno Domini 1629 / wir hatten Confessionem wechselt / waren gut lutherisch worden / und dienten am Berliner Hof als Magister und Lehrmeyster des jungen Prinzen Friedrich Wilhelm / der Doctor Lorwitz stund in seynem fuenfzigsten / da schrieb er eynen Brief nach Lobbert / an seyn dreytaegig Weyb / und erhielt sogar Antwort. Das Weyb schrieb ihm / gar boeses Blut haett der Vater gezeygt / den guten Mueller haetten die Crowatts / auf seyn Befehl hin / aufknuepft an seynem Hals / und all seyn Mehl mit schwarzer Asch gemengt / was traurig / boes und Unrecht wesen sey / zumal das Kirchspiel winters haette Hunger leyden muessen. Die Pest haett / eyngeschleppt von den Crowatts / das ganze Ambt schwerstens verheert / den Vater haett alsbald der Schlagflusz troffen / was eyn gerechte Straf und auch eyn Glueck gewesen sey / da er sie in eyn Kloster haett stecken wollen / was doch nit gut haett ausgehen koennen / da sie / paar Monat spaeter / dem Doctor Lorwitz eyn Soehnleyn schenkt haett und geboren / wovon der Vater nit gewisset / dasz sie guter Hoffnung. Heutigen Tags sey sie vermaehlt mit ihrem lieben Ehegatt / und Vetter auch des Namens Bucholtz / der sie / ob ihres Reychtums / genommen haett / ohn Ansehung eynes gewissen verletzet Haeutleyns / zumal er gern bey huebschen Knaben laeg. Doctor Anselmus braeucht sich keyne Sorgen machen / alldieweyl ihr beyder Sohn somit der eynzige bliebe / und somit Erbe aller Gueter derer von Klingenhoven zu Bucholtz / Bibliothecam inbegriffen. Diese / die Buecher naemlich / und von ihnen insbesondere jene getraeumten Biographias / von der Hand Doctor Anselmi / wolle sie dem Knaben an seyn Herz legen / alswi das Hauptvermaechtnis seynes Vaters selig. Sie wollt so tun / alswi Biographiae nit erfunden waern / sondern mit eygen Hand verfaszt von Ahnen / deren getraeumte Vitas sie enthielten / und dergestalt eyne Traditio begruenden / fuer das Geschlecht derer von Klingenhoven zu Bucholtz / indem naemlich eyn jedes Mitglied des Hauses sollt kuenftig zwon Biographias abfassen / eyn wahre / eyn getraeumte / so in dem Friedensreych des Kaisertums Anjou sollt spielen. Den Doctor Anselmus aber bitt sie recht herzlich / darob strengst Stillschweygen zu wahren / damit nit irgend wann / der Erbe Bucholtz sollt als Astrologen=Sohn / sive die Buechersammlung / fuer Zeytlaeuft von beynah hundertdreyszig Jahr / als gefaelscht sollte entlarvet werden.
Welcher Bitte ich / id est der Verfasser dieser Flaschenpost in leer getrunken Weynflasch / mich hiermit anschliesz / fuer den Fall / dasz die Bouteylle dermaleynst gefunden werden sollt. Moeglicher Leser / sey also verflucht bis in das siebente Glied / so Du den schoenen Traum des Hauses Bucholtz / dem Doctor Anselmus und ich Grund legten / verraetst durch redselige Plapperey vor falschen Ohren.
Auch Frau von Bucholtz schlosz naemlich mit der Bitten / fuerderhin nit weyter zu schreyben / es ginge alles seynen rechten Gang / und gebe ohnedem schon Schwetzerey und boese Reden ueber das Lobberter Geschlecht Bucholtz / mehr als genug.
Als er den Brief gelesen / schmunzelte Doctor Lorwitz / doch wurd rasch wieder ernst / und sprach umflorten Augs: Da siehst du es / meyn Freund / so uebel spielt Historia uns mit / den Sohn / den ich kenne / weysz ich nimmer zu finden / wogegen ich meynen zweyt Geborenen wohl zu finden wueszt / doch nimmer kennen darf. Alsdann verdoppelte er seynen Eyfer / bey des hohenzollernschen Prinzen Erziehung / allwas in unseren Tage schoene Folgen zeytigt hat.
Mittlerweyl ist Friedrich Wilhelm / eynstmalen Prinz / seyt sieben Jahn selbst Churfuerst des Heyligen Roemischen Reyches und Herzog / und hat letzt Jahr ehelicht Luisen Henrietten von Nassau-Oranien / und hoch ists an der Zeyt / dasz ich komm aufs verspaetete Hochzeytsgeschenk zu sprechen / wofuer der Churfuerst Doctor Lorwitz reych Gegengab hat in die Hand gelobt / die ich nun eyn zu heymsen hoff / dieweyl auch ich eyn gut Teyl beygetragen hab zu diesem Werk. Eynes Tages / der Churfuerst war noch eyn prinzlicher Knabe / hat Doctor Anselmus Lorwitz ihm erzaelt / von unserm niederrheynischen Traum. Vor seyner Hochzeyt nun / kam der Churfuerst darauf zurueck / und bat: eynst Mals traeumtet ihr eyne heyle Welt / lustig Theatrum Mundi. Fuer mich und meyn Nachkommenschaft bitt ich mir aber ander Traeume aus. Traeumt mir wahrhaftige Zukunft. So lautet meyn Begehr und Wunsch.
Also verlegten wir uns vollends aufs Stern Kucken / womit Doctor Anselmus etliche Jahr zuvor schon hatt begunnen / und machten uns bekannt mit allem / was Ptolemaeos und die uebrigen Alten / was Nikolaus Copernikus / was Johannis Kepler / der Tycho Brahe und der Seni / jemals uebern Sternenhimmel atque dessen Mantik / vulgo Astrologia genannt / geschrieben hatten. Und sodann traeumten wir entlang der Lichtstrahlen / so die Gestirn durch schwarze Unermeszlichkeyt des Alls senden. Unsere Gabe an den Churfuersten besteht / wies Doctor Lorwitz eynmal sagte / aus Traum und Wirklichkeyt / aus Sichtbarem und bloszer Ahnung / zu gleychen Teylen / und wie die Wirklichkeyt besteht auch der Traum seynerseyts / so meyne ich / zur Haelften je aus gut und boes und wirket sich so aus: Der Alptraum / sive Nacht Mahr / schafft grausam schrecklich Leben / allwie von guten Traeum auch eyn rechts Leben kommen mag. Nit ohn Gefahr ist solche Gab / in dieser Mischung / doch hatt der Churfuerst sie erbeten / und was an unserer Gabe furchtbar ist / und schrecklich / das mag so kommen durch die Traeum unds Schauen in die Stern atque Futurum / doch kanns auch ohne Traum so gehen / und mag schlieszlich auch ausbleyben / mit oder ohne Traum. Es ist der Traum eyn gar zwiespaeltig Ding. Denn oftmals / glaub ich / traeumt der Mensch Gott oder Teufel / sive Deus atque Diabolus traeumen die Menschen und die Welt / welch Meynung und Anschauung mag theologisch hoechst verwerflich seyn / doch halt ich sie fuer wahr / obzwar auch ich nit weysz / ob wir die niedern und das hoechste Wesen zuerst traeumten / oder jene uns. Fest steht jedoch / wenns seyn Bewandnis haben soll / mit Mensch / mit Welt / und Gott / und Sternen / so muessen alle ihre Traeum atque Wirklichkeyten in eyns gesehen werden. Und sehr wohl mags so zugehen / dasz auch wir Menschen uns nur gegenseytig traeumen / gleychsam erfinden / all unser Tun und Trachten / allwie das Unterlassen und die Furcht / sogar die Traeume selbst blosz traeumen. Und trotzdem kommts dann so / dasz Traeum und Tun und Unterlassen zeytlich wirksam werden / obzwar sie blosz erfunden. Dies alles kann / und will / ich nit erklaern / nit eyn Mal denken kanns der Mensch recht wohl / doch ahnet ers / und woher sollt die Ahnung kommen / ohn jeden Grund und Anlasz?
Doch will ich nun der Spekuliererey entsagen / und auf des Friedrich Wilhelm Hochzeytswunsch zu sprechen kommen. Der Churfuerst hat erbeten / eyn wahrhaftig getraeumt Historiam seynes Landes / wie auch des ganzen Teutschen Lands. All so kalkulierten wir / nach mehrmonatiger Schau des Sternenhimmels / so wie ausgibiger Observation der Friedens=Unterhandlungen zu Muenster atque Osnabruck / dasz:
 
Primo der grosze Krieg / so in der Hauptsach Teutsches Land verheeret / nach dreyszig Jahrn / gerechnet vom Jahr seynes Beginns / wird enden / id est Anno Domini 1648 und bey wohlerwogener Fuehrung der Unterhandlung dem Churfuersten eynbraecht Hinterpommern mit dem Bistum Cammin / die Bistuemer Minden / Halberstadt / sowie die Anwartschaft aufs Erzbistum von Magdeburg.

Secundo in Teutschland / trotz gedeysamen Fortkommen Sr. Durchlaucht / seynes Hauses / und seyner Laender / fast alles liegen wird im Argen / auf viele hundert Jahr / und dasz des Teutschen Landes Nachbarn sich dran ergoetzen werden / und bereychern / dasz allhier herrschen Elend und Zersplitterung / und Ohn Macht / allwas schlimm genug waer / doch wirds noch schlimmer kommen. Es wird geschehen / wies zugeht / wenn Nachbarn ihres Nachbarhauses Fundamente untergraben. So das verhaszte / unterhoehlte Bauwerk eynstuerzt / reyszt es leycht auch die Nachbar=Mauern eyn / so dasz alles in Klumpf fallet / und Asche.

Tertio S. Durchlaucht dermaleynst dem Schwed auch Vorderpommern koennt abnehmen / nach Krieg und grausam Schlacht / und S. Durchlaucht A. D. 1688 sterben muesst / und fortan Grosz genennet wuerd / so ers genau wollt wissen / sich aber binnen zwo hundert Jahrn / post mortem Sr. Durchlaucht / noch weyt groeszer Unheyl moecht anbahnen.

Quarto / dasz Sr. Durchlaucht Sohn sich Koenig nennen duerft / IN Preuszen / wofuer dem Herrn Kaiser zu Wien viel Geld muesst zahlet werden.

Quinto / dasz Sr. Durchlaucht Enkel Soldatenkoenig wird geheyszen werden / da er eyn stattlich Streytmacht aufstellet / doch nit / um selbst damit zu kriegen / viel mehr / um sie seynem Sohn zu hinterlassen / dem Urenkel Sr. Durchlaucht / woraus neu Krieg und Metzeley entstehen wird / doch auch reycher Zuwachs an Laendern. Naemlich die Schlesischen Lande vom Habsburger / alswi vom Polenkoenig viel Gebiet / indem naemlich das Land des Polen wird geteylt / im Ganzen drey Mal / zwischen Preuszen / Habsburg / und dem Moskowiter / doch nur beym ersten Mal unter dem Sohne des Soldatenkoenigs. Dasz weyterhin selbiger Koenig Friedrich / nit blosz sey Koenig IN Preussen / sich vielmehr nennen duerft Koenig VON Preuszen / und auszer dem auch Grosz wird nennet / dieweyl bey seynen Kriegszuegen er mehr Fortunam haben wird / denn je Verstand / und wuerd er dieses Gluecks entbehren / auf den Mist Haufen der Geschicht mueszt setzet werden / statt auf den Thron / sich dorten Grosz nennen zu lassen.

Sexto wuerd eyn Koenig kommen / dem der Franzos gar maechtig an den Kragen gehen koennt.

Septimo dessen Thronfolger noch weyt mehr Calamitatem haben wird mit dem Franzos / in seyner Zeyt das letzte Stuendleyn des Heylig Roemischen Reyches Teutscher Nation wuerd schlagen / und / mit dem Untergang dieses After=Reyches der Roemer / neu Reychsgedank sollte entstehen / Teutsch Reychsgedank. Preuszen aber wird vorlaeufig aus allen Calamitatibus hervor gehen als maechtig Koenigtum / an Seyten des Englaenders / und Franzos / Habsburgs / so wie des Moskowiters / und fortan Grosz=Macht seyn / wofuer / sofern man alles nimmt in allem / so zahlreych Menschen mueszten sterben / dasz man sich fragen mueszt / obs Werk sich lohnet haett.

Octavo eyn unbedeutsam Koenig von Preuszen regirn wird / so nur erwaehnt musz werden / dieweyl in seyner Lebensspann das Volk aufstehet / wider die Obrigkeyt / und eyn Senatum bilden will / alswi das Volk von Rom / welch Absicht aber mit Cartaetschen dem Volk austrieben wird.

Nono eyn Cartaetschenprinz wird Koenig werden / welcher / durch seynes ersten Beraters Antrieb / an Spitzen beynah aller Teutschen / Krieg wider Frankreych fuehren wird / und hernach Teutscher Kaiser heyszen / und von dem Hof zu Berolina seyn Teutsches After=Reych regieren. Anno Domini 1888 / zwo Hundert Jahr post mortem Sr. Churfuerstlichen Durchlaucht / wird er eyngehen zu seynem Gott / ich aber moechte nit in seynen Stiefeln stecken / wann es kommt so weyt. Das Jahr Anno Domini 1888 ist eyn erschroecklich Jahr / sieht es doch das Erloeschen jeder Hoffnung / dasz alles doch noch koennt gut ausgehen / dieweyl der Thronfolger / eyn weyser Mann / ersticken wird an boes erkranktem Hals / und dessen jaemmerlicher Sohn auf Thron wird klettern / weshalb drey Kaiser Teutsches Reych regieren in nur eynem Jahr.

Decimo wird neuer Kaiser eynen kurzen Arm haben / und noch weyt kuerzeren Verstand. Zuvoerderst wird er den / von Gemuete eysig kalten / doch ungemeyn klugen / Ratgeber seynes Groszvaters und Vaters hinaus werfen / unds Reych zu Grunde richten / weyl er aus fremder Fuersten Streytigkeyt und Hader sich nit raushaelt / und gar zu gern mit Zabeln rasseln tut. Und an Seyten der Habsburger / die nit mehr Roemisch Kaiser sind / sondern eyn eygen After=Reych ausrufen haben / wird er das Reych in Krieg fuehren und grauslich Niederlag / sodann abdanken / wodurch das Haus Hohenzollern Historiam verlaeszt / und seynes Lebens Rest gemaechlich in Exilo zubringen / beym Holz Hacken. Allwas man nit koennt sagen von Hekatomben Krueppelen und Toten. Die hacken nit. Die selber sind das Brennholz der Geschicht.

Undecimo wird Teutschland alsdann / wirklich und wahrhaftig / durch eyn Senatum regiert werden / doch werden die Senatoren eynander taeglich Toelpel schimpfen / und auch hauen.

Duodecimo wird eyner der Senatorn / wohl versehen mit eyner Leyb=Guardia von dem schmutzigsten Gesindel / so auf zu treyben ist in Teutschland / eyn gewesen Pinsel=Kleckser / eyn schief gestutzet Schnauz=Baertleyn ueber dem allzu groszen Maul / und Narr / und Daemon / und auch Mordbube von ganzer Seel / alswi der Hoellen=Fuerst in personam / mit eyn Gefolg von zahllos Unterteufeln Imperium ergreyfen. Ich mag nit daran denken / was unter Numero Drey=Zehn zu sagen ist.

Tertio Decimo / was ist eyn Schand=Fleck unter den Ziffern. All Jud / auch manche Christenmensch und Heyden / so sie nur Mut und Anstand zeygen / wird er grausamer Marter unterwerfen / sie verfolgen und peynigen auf jegliche Art / so Bosheyt kann ersinnen / und endlich morden. Am schrecklichsten jedoch wird er unter dem Volke Juda hausen. Dann wird ers ganze Abendland und Africa mit Krieg ueberziehn / so dasz bald jeglich Volk auf Erden sich gegen ihn empoeret / bis dasz er / und mit ihm eyn geschaendet Teutschland / gefuellt mit lauter Unterteufeln / mit Hoerigen / mit Duck=Maeusern / aufs Haupt geschlagen wird / dasz es entzwey geht.

Quarto Decimo wird eyn Mauern gehen / mitten durchs Abendland / und auch durch das / allwas von Teutschland uebrig blieben ist. Und Bruder wird nimmer zu Bruder koennen. Und wenn auch Teutschland und die Nachbarn nimmer Krieg fuehrn werden / so werden sies doch eynzig lassen / weyl ihr Geschuetz und Arsenal so maechtig worden ist / dasz sie nit wagen / danach zu greyfen. Die Stadt Berolina aber wird von eyn Mauer rund umgeben seyn / alswi eynst Rom / und jedermann / der Murum uebersteygen will / wird dafuer Leben lassen muessen. Beynah wie Romulus / primus rex Romae / seynen Bruder Remus mit dem Schwerte tot schlug. Und wies zu Rom begann / wird es zu Berolina enden / so nit Wunder geschieht.
Eyronia Historiae aber wirds richten / dasz / waehrend alle Welt dies Wunder sehnlichst erwartet / das Abendland schon zu Berlin vereynt wird seyn / indem naemlich der Englaender / der Moskowiter / der Frantzos atque alia die Stadt gemeynsam regieren. Auf vielen hundert Seyten haben Doctor Anselmus / und meyn Wenigkeyt / den Plan und Ablauf niedergeschrieben / so wir ihn traeumet haben und gesehen in Sternen. Wir koennen nit dafuer / dasz uns die Stern so blutig glaenzten. Wir kunnten nit nauf kletteren / um sie zu putzen.

Dann aber / sobald wir fertig waren / und am End mit all unseren Kraeften / im aller falschesten Momentum sive Augenblick / dann kam die letzte Visio / wir sahn sie alle beyde / an der Doctor Lorwitz vor Schreck gestorben ist. Wir stunden naechtens auf Zinnen des Juliusturms der Spandauer Citadellen / um Stellas zu betrachten. Da trat eyn sabbernd Maennleyn / mitten aus der Luft / an uns heran / und hub dergestalt an zu sprechen:
Ich bin Kaiser Ludovicus Octavus / von dem Geschlecht Anjou / und komme aus dem Jahr des Herrn 1750. Die hundertdrey Jahr zurueck / von A. D. 1750 bis in Euer gegenwaertiges 1647 / bin ich eyner Uhr / eynem groszen mechanischen Chronometer gereyst / weshalb man mich Ludwig den Ticker nennt / in meyner Hauptstadt Venezia. Ernstlich ermahnen will ich Euch / und zur Ordnung rufen. Schon wieder habt Ihr die Herren von Atlantis vergessen / denen Ihr doch hilfreych zur Hand gehen solltet. Ihr solltet doch dienstfertig traeumen. Wie sollen nun aber die Herren von Atlantis je erfahren / dasz die Geschicht / der sie im Jahre 1989 begegnen / wann sie naemlich zurueck kehren / im Ursprung blosz eyn uebler Traum war / verfertigt fuer den Churfuersten von Brandenburg? Schreybt alles / was euch zustiesz / atque / was euch traeumte / also auf / tut es in eyne leer getrunken Weynflasch / versiegelt sie und werft sie in Spree Fluvium. Ich will wol dafuer Sorgen tragen / dasz diese Flaschenpost zur rechten Zeyt wird angeschwemmt.
Wie sollen / des weyteren / die Heren von Atlantis je den schwarzen / runden Steyn wiederfinden / welchen der Villanova Steyn der Weysen heyszt? Wo sollen sie ihn finden / um aus Geschichte Gold zu machen? Wenns an der Zeyt ist / und sie zurueck kehren / werden sie doch laengstens vergessen haben / wo er liegt. Wie solln sie fernerhin erfahren / dasz zu Swiecie im Polenland / eyn Kind selbigen Steynes steht? Des Villanova Schrift / mueszt ihr wissen / wird ihnen naemlich nie zur Gaenze in die Haende fallen. Auf also / schreybt dies alles nieder und legt Spuren aus / das ihr sie auf den rechten Weg fuehrt! Das Abendland kann nur mauernlos eyns werden / so die guten und die boesen Traeum ineynander muenden / gleychwie Fluesse. Der Traum in Bibliotheca derer von Klingenhoven zu Bucholtz / euer Traum fuer den Churfuersten / atque des Arnaldus von Villanova Traum. Die Herren von Atlantis werden diese Fluesse eynigen / so ihr ihnen helfet / im Jahr des Heyls 1989 / 239 Jahr nach meyner Zeyt / 342 nach der eurigen / und 101 Jahr nach 1888 A.D. / wann in eurem churfuerstlichen Hochzeytstraum drey Kaiser regieren. In jenem Traum aber / dem ich selbst angehoere / wird eyn chinesischer Wahrsager allhier zu Berolina Aussetzung eyner Flaschenpost veranlassen / dasz et cetera / et cetera ...

Den Rest von seyner Red verstund ich nit / weyl Doctor Lorwitz brach zusammen mit schmerzlichem Stoehnen. Die Spukgestalt aber trat von den Zinnen wieder in die Luft / und entschwand / zappelnd / und sabbernd / und gestikulierend / und indem er davonschritt / vernahm ich noch allerhand unsinnig Zeug von eyner Ratten aus Loyang / id est eyn Stadt im Lande der Chinesen / alswi eynem chinesischen Orakelsteller. Dann verschied Doctor Lorwitz auf dem Turm / in meynen Armen.

Nun weysz ich nur noch / dasz ich mued bin / und traurig uebern Heymgang meynes Freunds / der auch mit acht und sechzig Jahr noch ruestig war / und recht gut beyeynander. Und nit ganz ohne Sorge bin ich / ob der Churfuerst unser Werk wird lohnen / ist es doch keyn lustig Traumbild / so dasz in Freud und ueberschwang er reychlich lohnen moecht. Doch sagten wir ihm vorher / dasz allzeyt Traeum sind eyn zweyschneydig Ding. Und trotzdem hat er wollen / dasz wir ihm vortraeumten.

Ich hoff / meyn Lohn wird mir Auskommen tun / fuerderhin in Oppidum Koenigsberg / allwo ich Anzahlung hab macht auf eynen Holzhandel / weyl Hoelzer mich schon immer lockten / und sie am Baum / wie auch geschnitten / gar so gut riechen in der Nasen.
Dort werd ich / allwies der Sabberkaiser hat befohlen / der Ticker ex Futura / der Luftgeher / dort werd ich also eyne Schrift verfassen / um den Herren von Atlantis / vom Steyn bey Schwetz dereynst den Weg nach Rom zu weysen. Metallurgia Alchymi=Metaphysica soll die Schrift heyszen.

Diese Blaetter aber / ihr Herren von Atlantis / so ihr vor euch sehet und lest / werd ich / wie mir befohlen / in eyn verpokulieret Flaschen Weyn stecken / so ich grad ausgetrunken hab / gut Tropflin aus Frascati / alsdann verkorken und versigelen mit Lack / und dann dem Flusse Spree ueberantworten. Will hoffen / dasz zur rechten Zeyt / aus rechter Richtung / Flut kommt.

Nun ist es aber an der Zeyt / Abschied zu nehmen / und meyn Wams zu wechseln. Bald wird eyn churfuerstlicher Page eyntreffen / mich in die Audienz zu rufen / und ich bin noch nit ankleydet / wies sich dafuer geziemt.

Eyn Schluck noch auf Doctor Anselmus Lorwitz / eyn letzten auf die Herren von Atlantis / und von der Neyge noch eyn Tropflin auf die eygene Gesundheyt und Zukunft. Nun ist die Flaschen leer / schreybt in der Berolina Urbs / Anno Domini 1647 / eygenhaendig unterfertigter
Petrus Brock.
 

+++

Nach Jahr und Tag / als wir wieder zu etwas Geld gekommen / entsandten wir Kundschafter / nach dem Knaben zu forschen / doch alle Kund / so sie uns hinterbrachten / hiesz: dasz der Sohn / als er zu grosz heran gewachsen war / um weyterhin / alswi eyn Kindleyn / dem Theaterkessel zu entsteygen / durch Knecht des Fuersten Cesare Colonna / den Gott verfluchen moege / an fahrend Volk und Zigeuner verkauft sey worden.
Zuvoerderst aber kehrten wir Roma den Ruecken / und wanderten / des grimmen Zornes uebervoll / gen Norden / wobey wir jedes Wort des maledeyten Folianten immer wieder repetierten / so dasz ich heut noch koennt ganze Capituln / aus dem Kopfe hersagen. Dies taten wir / damit wir die koestliche Handschrift in der Not verkaufen kunnten / fuer Brot und Obdach / ohn ihres Inhaltes verlustig zu gehen / und behielten mit unserer Vorsorg alsbald Recht / denn nur zu geschwind waren die paar Silberlinge aus dem Beutel aufgezehrt / so dasz wir uns genoetigt sahen / an die Klosterpforte Benediktbeuerns zu klopfen / um Speys und Trank und eyn paar Naecht der Ruh von ungewohnter Wanderschaft. Just zwo Wochen zuvor war dorten / als der hochgelahrte Moench / Pater Georgius Busch / in seyner Cella Alchymie betrieb / eyn maechtig Knall atque explosio gewesen / wobey das eynzig Exemplarum der Schrift Villanovae / so dem Kloster eygnete / mitsamt dem Pater / atque 89 Ratten / in Luft war flogen auf Nimmerwidersehen.
Hier geschah / dasz Doctor Anselmus seyn erst Visionem habt hat / all so wie folgt: 89 Ratten / so traeumt ihm / seyen zu Tode gekommen / dies solle heyszen / dasz in eynem kuenftigen Jahre 89 / sey es nun 16 / siebenzehn / achtzehn / oder gar 1989 A. D. / oder wohl noch spaeter / die Herren von Atlantis werden zurueck kehren / um mit dem Steyn der Weysen / und sey es nach der Alchymisten Art / eyn guelden Weltzeytalter zu fabrizieren. Wobey er / der Doctor Anselmus / ihnen bey zu stehen habe. Dies war die prima Visio. Mit Cellerar und Biliothecar des Klosters schlossen wir die uebereynkunft / dasz sie / im Tausch gegen die kostbare / von ihnen bitterlich entbehrte Handschrift / uns eynen Monat Obdach / zwo Reyttier / neue Kleydung / sowie zehn Stuecker Gold sollten geben. Dann repetierten wir eyn letzt Mal des Villanova Gedankengang / uebergaben dem Bibliothecar den Folianten / und fraszen uns die naechsten dreyszig Tag / mit guter Klosteratzung / jeder eyn Waenstleyn an.
Beym Abschied gab uns der hochwuerdigste Herr Abt Ratschlag mit auf den Weg. Er hatt erfahren / dasz wir nit wussten wohin. Geht auf Burg Bucholtz / sagte damalig Abt / vormalig Abt Richard Carolus von Benediktbeuern / welcher A. D.  1579 erstmals des Villanova Schrift fuer dies Kloster erwarb / entstammte dem Geschlecht derer von Klingenhoven zu Bucholtz. Die Herren suchen Bibliothecarii und Secretarii / sagte der Abt noch / worauf er uns noch eyn Empfehlungsschreyben in Satteltaschen steckt hat / und dann schilderte / wie wir am Sichersten in Niederrheynischen Reychskreys kaemen / was auch recht eynfach glueckte / in Satteln von zwo stoerrig alswi raeudig Eseln / doch ohn all Kriegsunbilden.
Doch ganz zuerst machten wir uns nach Polonia auf / was eyne grosze / ueberaus schmerzliche / Plage war / mit meynem wehen Beyn / und sahen dort mit eygen Augen / ja tasteten mit Haend und Fingeren / jen praechtig schwarze Stelam / die Guido Colonna dort hinstellt hatt / das Kind vom Steyn der Weysen. Erst danach gings zurueck gen Westen.
Der neue Herr / bey dem in Lohn und Brot wir gingen / hatt seynen Sitz hart an der Grenz der Hispanischen Niederland / und war eyn reycher Herr / eyn Witmann mit eyn Toechterleyn von zwoelf Jahre / gar liblich anzuschauen. Dort trafen wir im Fruehling A. D. 1619 eyn und blieben beynah sieben Jahr. Rainhald Pompeyus von Klingenhoven zu Bucholtz hiesz er / und hatt / obzwar auf plattestem Land behauset und wohl versehen mit Heymat / eyn stark Verlangen nach dem Meer / was sich geaeuszert / indem er staendig Spielschiffleyn ueber Seekarten hin atque her schob / sich so gebaerdete alswi eyn Admiral zur See / der groszmaechtige Flotten kommandieret und Kriege auf dem Wasser fuehrt / obwohl der graeulichste aller Krieg / der auf dem Land / soeben erst begann.Doch war der Mann keyn Schelm und Narr. Paar Tag / nach unser Ankunft / rief er uns in seyn Schreybstuebleyn neben Bibliothecae / die ueberaus reychlich ausstattet war / halb so umfassend / wie die des Cesare Colonna / und / ganz ohne Groszsprecherey / mindestens eyn Viertel so viel Baende umfaszt hat / wie die des Papstes selbst. Hier also hiesz er uns nieder sitzen / zu eynem Ratschlag et Consilio. Seyt vielen Jahrn / genau seyt 1497 A. D. / verfaszte jeder Angehoerige seynes Geschlechts eyn Biographiam ueber seyn Leben / welche dann andern Werken beygesellt wurd / in die Regaln / und eyngereyht. Wir sollten nun bedenken / so der Edle Bucholtz / wie maszlos viel Elend und Qual / auch Schrecknis / auf diese Weys sich angesammelt haett. Schon als eyn Juengling habe er spekuliret / solchen Schilderungen welche beyzugesellen / die freundlicher von Wesen / die niederlegen sollten / wie das gesamte Abendland sich fridlicheren Zeyten naehert haett / indem naemlich jed Krieg atque Gemetzel / kraeftig zu seyner eynigung beytruege / alswi eyn neu Imperium Romanum / Schrittleyn fuer Stueckleyn / entstuende. Seyt Juenglingstagen / wiederholte er / um dann fort zu fahren: Kurzum; ich kunnt mich nit / und nie / und nimmer / zu solch Sisyphusarbeyt auf raffen / die ja bedeutet und mir abgefordert haett / fuer jede Ahnfrau / atque Ahnherrn / neu Biographiam / die ueberdies noch zu eynander passen muessten / zu erschwindeln sive aus zu denken. Dies ist nun meyn Auftrag an Euch: tut es an meyner Stell. Schreybt fuenfzehn Biographias / eyne fuer jed Glied meynes Hauses / von A. D. 1497 bis 1618 / und luegt dabey / dasz sich Himmels Balken biegen / nur wendets dergestalt / dasz Kriege wohl stattgefunden haben / jedoch eyn jed Gemetzel unser Abendland eyn Stueckleyn mehr eynte / so dasz alsbald eyn occidental Friedensreych entstehen soll. Ich wills Euch lohnen mit Quartier / Speyse und Trank an meyner Tafel / jed Jahr eyn Hemd / eyn Wams / Hosen / Stiefel / eyn Mantel / sowie auf eyne jede Schreyberhand / fuenfzehn Goldfuechs. Macht Euer Sachen gut / und ich will halten Euch / gleych Freund und Gaesten / nit wie Dienerschaft.
Nachts drauf hatt Doctor Anselmus seyn zwote Visionem. Schreybts Abendland dem golden Zeytalter naeher / macht es / wie Bucholtz will / so traeumte ihm. Erfindet heyle Welt nach seynem Wunsche / und bringt sie in eynklang mit Villanovas Buch vom Steyn der Weysen / und den Herren von Atlantis. Dichtet Historiam zurecht ins eyne Reych / und laszt Historiam sich in ausgedachten Lebens Beschreybung spiegeln / verdoppelt das Geschlecht derer von Klingenhoven zu Bucholtz / wendet vergangene Zeytlaeufte so / dasz sie auf besser Futurum hinzielen / tut so / als haett jener Scholar / der A. D. 1342 in Zara kam zu Tode / schon gluecklicher Historiam getraeumt / und ihr solltets nur fortsetzen / und mit der Dinten aufs Pargament gieszen. Nun begebt Euch ans Werk und notieret. Der Kaiser eynes neuen Roemerreychs heyszt Ludwig / und stammt aus dem franzoesischen Haus Anjou / welch selbiges schon um 1342 grosze Macht hatt inne. Also geschahs. Wir folgten dem Traum Doctor Anselmi / wie den Goldfuechsen des Alten.
Der Freyherr nahm an Alter zu / das Maegdeleyn / seyn Tochter / von Jahr zu Jahr an Schoenheyt. Sie lernte / dem Doctor Anselmus Lorwitz / der dazumal noch gar nit so hiesz / schoen Augen zu machen / weyt ueber jedes Masz des Anstands hinaus. Und wir zwo beyden schlieszlich fuehrten Kriege auf Papier / hatten froehliche Zeytweyl / kroenten und vertrieben Herrscher von ihrem Thron / machten die roemischen Colonna zu Kronfeldherren / als welche sie die Schwetzer Saeule aufgestellt haetten / und Schlacht geschlagen wider Teutschen Orden A. D. 1382 / traeumten die Welt in toto heyl / und wendeten Historiam in den Lebens Beschreybungen dergestalt / dasz noch zu Lebzeyten des Rainhald Pompeyus / der letzte Krieg im Abendland sollt ausbrechen / um es endlich zu eynigen / woran der Freyherr Bucholtz / ganz gemaesz seyner maritimen Neygung / als eyn bedeutsam Admiral sollt Anteyl haben. Statt / dasz nun aber wirklich die Welt sich zum Besseren wandelet haett / so wir traeumten / geriet das Abendland immer tiefer in die Not jenes grausen Schlachtfestes / das nunmehr gegen dreyszig Jahr gehet / und sich damals / wir weylten sieben Jahr bey Bucholtz / laengstens bis zu seyner persoenlichen Vita fortschritt / man schrieb das Jahr A. D. 1625 / mit Sieben Meylen Stiefeln / ploetzlich den Weg in unser eygen Leben bahnte. Doch war der eyntritt Martis in unser Gefild / blosz Anlasz / nit ernstlicher Grund / fuer unsern Abschied / denn seyt 1623 A. D. trieben wir schon mit Sr. Durchlaucht Georg Wilhelm / Churfuerst von Brandenburg / allwie Herzog von Preuszen / correspondentiam / da unser Werk sich dem Ende zuneygte / und jener hohe Herr fuer seyn Knaebleyn Magister / sive Lehr Meyster suchte / naemlich unsern heutigen / gnaedigen Herrn Churfuersten. Jedenfalls hats ploetzlich eyn End gehabt / mit Schreyben und Studiererey / was durch erneuten Traum Doctor Anselmi verursacht ist worden.
Dies ist seyn dritte Visio: Ihr habt die Herren von Atlantis wohl vergessen / wurd ihm vorgeworfen / wobey es Maulschellen prasselte. Geschwind nun / rasch / es gilt / des Villanova Gedanken mit Euren Traeumen alchymistisch zu vermaehlen / erfindet rasch zwo Maenner / mit Nam Nufolius und Sedardentius / Ihr moegt sie auch in Teutsche Sprach uebertragen / und schreybet auf / wie sie vorm Zelt des Rainhard Arnaldus / A. D. 1497 / ganz zu Anfang der verdoppelten Buecherreyhe / tags nach der Bataille bey Aachen / dem Generalprofosen Ghika ausgeliefert werden / den ihr so teuflisch erdachtet. Rasch / rasch / hoch ist es an der Zeyt / denn morgen wird’s zu spaet seyn / schreybt all dies auf eyn paar lose Blaetter / schleycht Euch in Bibliothecam / und schmuggelt sie unter des Rainhald Arnaldus erfundene Biographiam.
Dies lieszen wir uns nit zwo Maln sagen / taten / wie uns befohlen / schnuerten naechtens in aller Heymlichkeyt unsern Besitz zu dicken Ranzen / und harrten dann getrost der Dinge / so da kommen mochten. Es kamen Pest und Soldateska / und zwar tags drauf bereyts. Eyn Regiment Crowatten / unterm Obristen Szlavy / nahm Quartier im Kirchspiel Lobbert / wo der von Bucholtz sasz. Diese Crowatts / die Pestilenz mit eynschleppten / warn vom hispanischen Spinola angeworben / der sie gegen die Stadt und Feste Breda werfen wollte. Doch vorher sollten sie Winterquartier beziehen in Lobbert.
Es brach Tumultum aus / sobald die Soeldner kamen / und alles ist gerennet / um zu fluechten / sive zu retten / was zu retten war. Nun kam es aber so / dasz / als wir per fenestram in das rueckwaertige Kraeutergaertleyn der Burg stiegen / dem Doctor Anselmus eynfiel / dasz er seyn Astrolabium vergessen haett / womit wir zu Zeyten Astromantik betrieben hatten / weshalb der Doctor auch im ganzen Kirchspiel fuer eynen Astrolog galt / und diesenthalben noch Mal zurueck muszte zu unsern Stuben. Als er nun wieder Kopf zum Fenstern raus recket / sah ich zu meynem gar nit kleynen Staunen / den roetlich blonden Schopf der Maid Bucholtz / neben dem seynen. So hat das grausam Durcheynander und Tumultum mit sich bracht / dasz wir drittselbst / durch Kraeutergaertleyn / uebern Burggraben / und schlieszlich durch das buchene Gehoelz / in eyn Windmuehlen flohen / nahbey dem Flecken Vierst / allwo wir fuer drey Tage Unterschlupf fanden / und das Maegdeleyn von Bucholtz eynen Mann / den Doctor naemlich / den sie zuvor schon immer hatt mit groszen feuchten Augen angehimmelt. Dies alles war mir groszes Raetsel und Verdrusz / denn war ich nit juenger / alswi der Doctor / und von ansehnlicher Gestalt? Doch so spielt das Leben. Nach drey Tag kam zu allem Unheyl noch der Vater / dem Bauerntoelpel hinterbracht hatten / seyn Toechterleyn sey mit dem Astrolog in Vierster Muehlen. Bucholtz hatte mit dem Crowatten=Obrist verhandelt / und war wohl eynig worden / ueber Contributionem / denn eyn Esquadron Crowatten hat ihn begleytet / das Maegdeleyn heym zu holen. Doch statt es zuechtig / und gesittet / zuging beym guten Vierster Mueller / traf Rainhald Pompeyus von Klingenhoven zu Bucholtz das junge Weyb im Bette an / mit meynem Doctor Lorwitz / und wenig haett gefehlt / und beyde waeren nun erschlagen. Doch bat das Frauenzimmer unter Traenen meynen Doctor / durchs Fenster wieder raus zu kletteren / mit ihrem Vater wollt sie wohl alleyne fertig werden. Und so entkamen wir / mit knapper Not / ueber das Staedtchen Creyfeld / auf churkoelnisches Gebiet.


+++

Bitte, sagte er wichtig, und nun geh und öffne ihn erst im Hotel. Morgen treffen wir uns nach der Vorstellung.
Neinnein! rief Halide mir nach, das ist zu spät, ab morgen sind wir Partner und haben mehr als genug zu tun! Ich hol Dich morgen früh ab! Wenn die ganze Mauer weiß ist.
Heute hatte ich zum erstenmal das Halstuch nicht umgebunden, weil die blauen Flecken in meinem Genick abgeklungen waren. An der Tür verabschiedete mich der Budikenkuester mit sanftem Handschlag:
Sag deinen Leuten, du warst eine gute Botschafterin! In meinem abklingenden blauen Flecken spürte ich ein aufdringliches Kribbeln, das dann in meine Finger rutschte, die das braune Papier krampfhaft festhielten.

Als ich im Hotel den Umschlag aufriss, enthielt er, wie sollte es anders sein, beschriebenes Pergament.

********

Herregotts Muehlen mahlen laenglich und bedachtsam / aber trefflich kleyn. Dies koennt alswi eyn Motto sive Initialum ueber Leben / alswi Wirken meynes Freundes stehn / welch selbiger nach langer Mueh und Plag nunmehr verschieden ist aus diesem Jammertal / um vor den Herrn zu treten. Er entstammte eynem wohlloeblichen Geschlecht von Astrologen / und seyne Wiege stund im schoenen Land Italia / allwo die Sonne immer scheynt und guter Weyn waechst / anders denn allhier in der Mark Brandenburg / die nur an Sand reych und nit sonstig Gut noch Gabe. Wiewohl man uns hier Zuflucht schenkt und eyne Staette / unser Haupt zu betten / und uns mit Mitteln auch haett wohl versehen / waer nit meyn Freund und Werkgenosz all so frueh heymgegangen. Nun musz ich schaun / obs unserem Churfuerst noch gefaellt / mir jenen Lohn zu zahln / welchen er seynem stets zu Scherz und Witz geneygtem Astrologo hat in seyn Hand versprochen / den S. Durchlaucht immer Lorwitz nannt / indem er die lateynisch Woerter Lorica und Vitium verband und uebertragen hat in unser Teutsche Sprach / womit S. Durchlaucht meynte / dasz der Freund sey gleychsam eyne lorica vitii / id est eyn Schutz und Panzer gegen jeglich Lasterhaftigkeyt und Hochmut. So mischte S. Durchlaucht und gosz verschieden Sprach zusammen / allwi der Muenz=Meyster Zinn gibt unters reyne Silber der Mark / um sich unrecht Vorteyl zu nehmen. Es war aber der Vorteyl Sr. Durchlaucht beyleyb nit unrecht. Meyn gestorben Freund naemlich / Doctor Anselmus Lowitz / war zeyt seynes hisigen Verweyls / in toto zwo und zwanzig Jahr / eyn grosz und gnaediglicher Segen fuer den Churfuerst / hat ihn als Knaebleyn von fuenf Jahren schon erzogen / hat ihn bewahrt vor jugendlicher Hoffahrt / und sicherlich seyn Teyl dazu getan / dasz Friedrich Wilhelm / blosz sieben und zwanzig Jahr alt / des oeftern schon wird grosz genannt / in eynem Atemauslasz mit Albertus Magnus oder Alexander dem Groszen ab Macedonia. Dies ist des Doctor Anselmi alleyniges Verdienst / und ist ihm wohl gelungen / in jenen 22 Jahrn / so wir verweylten zu Berolina / eyn Stadt von sechs mal Tausend Seeln / und Hauptstadt unsers durchlauchtigsten Churfuersten Friedrich Wilhelm / des Groszen Churfuersten / wie er vorlaut genannt wird / in diesem Land des Sands / der Heyde und des Biers / das / anders denn der Weyn / den Wanst blaeht.

Nunmehr will ich mir Taten / Traeum / kurzum die ganz Historiam Doctor Anselmi nochmals rekapitulirn / eh ich zum Churfuerst geh / ihm unsern Arbeytslohn zu sagen. Mag er seyn Fuerstenwort hochgnaedigst halten / und nit / gleych dem und jenem seyner Standsgenossen im arg danider liegenden Heyligen Roemischen Reych / all Dankbarkeyt vergessen!

Doctor Anselmus stammte von dem Land Italia / allwo er geboren ward in diese Welt et Universum am dritten Tag des Monats Julius Anno Dom. 1579 / wann die Prophezeyung des Arnald ab Villanova erstmals nach Benediktbeuern gelangt / eyn Foliant erworben durch Abt Richard Carolus von Klingenhoven zu Bucholtz / womit manch Zufall und Absonderlichkeyt anhub. Dazumal wars noch wohl 39 Jaehrleyn hin / bis zum Ausbruch des groszen Kriegs A. D. 1618 / wann die protestantischen Staend zwo Kaiserlich Gubernators aus dem Fenster des Hradschin / i. e. die Koenigsburg zu Prag / gestuerzet in den Mist / und so das Reych in eynen Taumel der Not und Schrecknisse / die vornehmlich Teutsche Lande durch Krieg und Pestilenz verheeret / wohl an die dreyszig Jahr. Denn wenn auch beynah alle Herrn der edlen Dame Europae / als da sind Italien / die Hungarn / der Pol / Schwed und Daene / die Reyche Engeland und Hispania / allwie auch endlich der Franzos / zufoerderst aber Teutsche Fuersten aus dem Heyligen Roemischen Reych / teylhatten an dem graeulichen Hauen / Schieszen / Stechen / und Soldaten schickten und Subsidien / so wurd doch in der Hauptsach auf Teutschen Fluren gekaempft und gestritten / und auf mancherley Art des Reyches Voelkerschaften geschunden / durch Mord / Totschlag und Marodeurs / so ists der Kriege Wesen.
Gar furchtbar wird des Schicksals Strafe seyn fuer diesen Krieg / der da soll noch in hundert Jahrn Unheyl in Menge uebers Abendland bringen. Doctor Anselmus Lorwitz nun ist geboren 39 Jahr / eh diese uebel und calamitates anhoben. Im Jahr / da ich ihn kennen lernt / da nannt man ihn zu Roma noch Doctor Anselmus minor / was heyszt der Juengere / weyl dazumal seyn Vater noch unter uns weylte. Ich war manche Strasz gewandert und suchte eynen Ort / meyn Haupt zu betten / und mit der Haend oder des Kopfes Arbeyt Auskommen zu finden. So war ich in Rom angelangt / wohin bekantlich alle Wege fuehrn. Doctor Anselmus aber stellte mich guetiglich als Secretarium eyn und zahlte rechtschaffen. Doch hiervon wollt ich gar nit Zeytung geben.
Doctor Anselmus trug selben Namen / allwie seyn Vater / und davor dessen Vater und dessen / bis zurueck zu jenem Kirchendiener Beppo / mit welch Gestalt und Personae / die Familia bedeutsam worden ist / was alles bey eynem kupfernen Kessel anfing / der allzu lange ueberm Feuer hing / so dasz er stank und den Kirchendiner erschroeckte. Selbiger Beppo war Diener des hochwuerdigsten Herrn Erzpriesters Don Anselmo / welcher um das Jahr 1342 A. D. der schoenen Pfarre Unserer Lieben Frau Maria zu Zara vorstand / welch Stadt und Ort im Venezianischen liegt / auf der hungrischen Seyte des Mare Adriaticum. Dorstselbst geschah eyn wundersam Geschichtlin / indem naemlich dem Gehuelfen und Stellvertreter des Conte von Zara / dem die obriste Gewalt von der Serenissima anvertrauet war / indem also diesem Gehuelf mit Namen Niccolo Manini / gemacht werden sollt der Process als Ketzer und Haereticus / weyl er gelaesteret wider die Roemische Kirch / was anklaget worden war von besagtem Don Anselmo / samt seynem Diener Beppo / beym Erzbischoff von Zara. Daneben kam zur Anklag / dasz selbiger Capitan Manini / unrecht Urteyl gefaellt haette / wider eyn wandernden Scholaren / mit Nam Marian Guardini / was alles stund verzeychnet in den Annales der Familia Doctoris Anselmi / welche zu Rom bey unserer ueberstuerzten Flucht verloren gingen. Der Process aber hat nimmer stattfunden / dieweyl der Capitan und der Scholar im Kerker der Stadtwach von Zara starben / in welche Sach nie eyn rechts Licht bracht worden ist. Des ohngeachtet kamen der zugtraegerische Saupfaff Don Anselmo und seyn Diener Beppo zu ansehnlichem Gelde und Vermoegen / durch ihre Anzeyg bey der Inquisitio / und uebersidelten beyde nach Avignon / allwo Don Anselmo eyn paepstliche Praelatur kaufte / was / obzwar Simonie / sogar heutigen tags noch gang und gaebe ist. Stellung / Schandgold und Schlauheyt hat Don Anselmo so weyse genutzt / dasz er alsbald zum Episcopus und Bischoffe gemacht wurd / und spaeterhin sogar Titularertzbischoff von Trapezunt und Cardinal sich nennen durft. Den Paepsten Clemens sextus / Innozenz sextus atque Urban quintus hat er gedint auf diese Weyse treu und ist steynalt gestorben / in den Armen seynes fast gaenzlich ehrbaren Majordomus Beppo / der seynen Sohn / zu Ehren des eminentissime Goenners / Anselmus hatt genannt.
Indes war Beppo nit nur zu Haushofmeysterswuerden gekommen / vielmehr genoss er eygen Reputationem am Hofe Sr. Heyligkeyt / in babylonischer Gefangenschaft / weyl er konnt Nativitatem stellen nach den Sternen / und bracht es endlich so weyt / den rechten Tag zu weyssagen fuer die Rueckkehr Sr. Heyligkeyt Gregor XI. aus Avignon nach Rom / wohin Beppo dem Papste folgte / mit Sack und Pack / mit Gut und Geld / mit Weyb und Sohn Anselmus. Dies geschah im Jahr des Herrn 1376 / wann naemlich die babylonisch Gefangenschaft der Paepst zu Avignon eyn End fand. Und seyther lebt meynes toten Freundes Familia zu Rom. Ihr Ansehen und Vermoegen wuchsen rasch / auch wenn sie dem Papsthof alsbald den Ruecken kehrten / und in Dienst der Colonna uebertraten / wo sie / eyn jeder Doctor Anselmus mit Nam / als Astrologi / Mathematici / Advocati / Historici sive Bibliothecarii wirkten / bis man uns aus Rom forttrieb / im Jahr des allgemeynen Unheyls 1618.
Und das kam so. Bey eynem Bankett sah eynes tags Doctor Anselmus / wie der Fuerst Cesare Colonna dem boes verhaszten Orsini aus eynem hohlen Ringeleyn giftigen Puder in Pocalum Weyn riselte / woran der arme Schlucker noch zur selbigen Stund verrecket / was gar nit weyter schlimm gewesen waer / haett nit der Fuerst Colonna aufgemerkt / dasz auch Doctor Anselmus Obacht auf seyn Mordanschlag hat geben. Besagter Fuerst muszte sich nun unserer Verschwiegenheyt versichern. Am Ausgang des Gelags lieszen wir uns in eyner Saenfte vom Palazzo des Cesar Colonna zu unserer Heymstatt tragen / dem Haus nahebey der Porta del Popolo / wo wir / soeben ankuenftig / gerade noch sahen / wie Knecht / gemeyne Buettel und Sauschergen des Fuersten das dreyjaehrige Soehnleyn Doctor Anselmi / bey dessen Geburt seyn Weyb verschieden war / aus dem Tor des Hauses trugen / wobey der Kleyn gar furchtbar nach dem Vater und der Magd schrie / die ihm sunst aufzuwarten pflegte. Als wir dem Pack da an die Gurgel wollten / ernteten wir grausam Schlaeg und Pruegel / mit Faeusten wie mit derben Stoeckern / so dasz wir alsbald ablieszen. Zuvor traf mich eyn Stock am Knie / dasz ich vor Schmerz die Pisse nit kunnt halten. Seyt dem Tag habe ich eyn lahmes Beyn. Das Kindleyn des Doctors aber war / und blieb / dem Vater entfuehret.
Tags drauf wurden wir beym Fuersten vorstellig / der Doctor Anselmus und ich / den Knaben wieder her zu fordern. Aber Colonna lachte nur mit boeser Haeme / erinnerte meynen Freund des verbrannten Bohnengerichts in der Schenke zu Zara / welches der Kirchendiener Beppo gerochen und darob in satanisch Gruebeley verfallen war / was alles der Doctor dem Fuersten im Vertrauen mitgeteylt hatte / und beschied dem flehenden Vater / auch seyn Soehnleyn solle nunmehr mit Toepfen und Kesseln zu tun kriegen. Es sey / so Colonna / seyn unverbruechlich fuerstliches Bestreben / im Theatro des Marcellus nah seynem Palast / um den Besitz welchen ruinoesen Bauwerks / er den Orsini naemlich haett getoetet / gestrig abends / eyn neu Theatrum eynzurichten / allwo eyne Tragedia des englischen Dramatici Williham Shakespeare zur Auffuehrung sollt kommen / darin zwo Mal eyn Kind aus eynem Hexenkessel steygt / um das Schicksal zu kuenden / allwelche dramatisch persona / vom Knaebleyn Doctor Anselmi sollte verkoerpert werden / das grad die rechte Leybesgroesze haett.
Darob brach Docotor Anselmus / obzwar er das gar harte Herz des Fuersten doch gekannt hatt / in eyn solch steynerweychend Bitten / Betteln / Flehen und Quartierrufen aus / dasz es den Colonna wohl geruehrt musz haben / denn er versicherte uns nit nur / dasz dem Knaben reyn gar nit Schlimmes werde zustoszen / solang wir nur Stillschweygen ueber des Fuersten Orsini meuchlings Ermordung bewahrten / sondern / und damit nit genug / in Bibliothecam ging und zurueck kam mit eynem Foliant / so wir / die Bibliotecarii / nimmer zuvor hatten entdecket. Das Buch war des Arnald ab Villanova Schrift De Valitudine Corporis Generalis / ueber deren Gedankengang alswi auch Sinn / ich alsbald eyn Bericht werd geben / doch noch nit jetzo. Ihr sollt / sagte der Fuerst Colonna dem Doctor Anselmus / mit Schalk in der Miene / an Eures Sohnes Statt / eyn gaenzlich neu Kindleyn bekommen / naemlich dies Buch / das Euch hiermit anempfohlen sey. Bald nach Ano Domini 1282 und der Sizilianischen Vesper ist es geschrieben. Anno Donini 1342 / wann Euer Ahnherr Beppo ist zu Zara / zu eygen Ansehen und Vermoegen gekommen / pfaendete eyner meyner Vorfahrn die Schrift / auf Sicilia / von eyner Famili dortiger Banditen / so sich abwechselnd mit Nam Mafia sive Dellarda nannten / doch davon nun genug. Dereynst stellten die Herren von Atlantis / i.e. eyn Insul / davon Platon Bericht gibt / eyn schwarzen / runden Steyn auf des roemischen Koenigs Romulus Grab. Diesen Steyn fanden wir nun / nach Arnald von Villanovas Angaben / allhier zu Rom in eyner Grube auf dem Forum. Der Bildhauer Michelangelus Buonarroti bracht ihn spaeter auf den Huegel Capitolinum / wo er bis heut unter dem Reyterbildnis des roemischen Kaisers Marcus Aurelius liegt verborgen. Er soll der Steyn der Weysen seyn / doch taugt er nit / um Gold zu machen / dies haben wir probieret / sondern dient vielmehr alleyn dem Zwecke / eyn guelden Weltzeytalter herauf zu beschwoern / ueber und ueber von unleserlicher Schrift und Zeychenwerk bedecket / allwie er sich rundet. Sey dem nun / wie auch immer. Alldiweyl Arnald ab Villanova solch Geschehen prophezeyt / schnitt meyn Ahnherr Guido Colonna / mitten aus dem kugeligen / steynernen Mutterbauch eyn runde Saeul und Stelam heraus / wobey er sorglich achthatte / keyns der vielen Schriftzeychen zu verletzen / und stellte sie / man schrieb das Jahr A. D. 1382 / nach eyn triumphaliter geendigt Schlacht gegen die Teutschen Herren Ordensritter / bey Schwetz im Polenlande auf. Hineyn meyszeln liesz er die Wort COLONNA ADVERSARIO COLUMNAM. Diese Saeule ist nun eyn Kind des Steyns der Weysen / sive der Herren von Atlantis / und dieses Kind vertrau ich Euch / Doctor Anselmus / an / anstelle Eures eygen Sohnes. Ihr habt dann nit blosz Menschenkind / Ihr zieht eyn Gulden Zeytalter grosz. Ich schenke Euch das Buch. Beherzigt wohl / was drinnen steht geschrieben. Also sprach Fuerst Colonna. Dann packten uns wiederum seyne Buettel / banden uns grob / ohn jede Obacht auf meyn wehes Knie / und warfen uns auf eyn bereyt stehend Bauernfuhrwerk / das uns alsbald aus Rom und dem Patrimonium Petri hinaus gekarret hat / mit nits dabey / alswi des Villanova Buch / Kleydern / so wir am Leyb trugen / sowie eyn schmaechtig Beutleyn Silber. All unser anderen Besitz / insbesunder Haus / Hab und Gut Doctor Anselmi / hatte Colonna konfiszieret / und hat uns arm gemacht / gleych Kirchenmaeusen / welch Sprichwort mir nun doch nit recht zu Rom und seynen prachtvollen Kirchen will passend scheynen. Aus dem Patrimonium jedoch / warn wir auf Lebenszeyt / und bey Halsstraf / fortgewiesen und verbannt.
 

++++

Oder tu ich den Generälen Unrecht? Steckt womöglich Präsident Quayle persönlich dahinter? Zuzutrauen wär‘s ihm. Na, dann fangen wir besser an, zu beten.

Wie vor einem Tribunal fühlte ich mich in der Theaterwerkstatt, ich mit dem Troianer Kreuz in meiner Leinentasche. Mag sein, dass ich übervorsichtig bin, doch nachmittags hatte ich eine Privatdetektei beauftragt, mir für den Abend Bodyguards zu stellen. Halides Schwadronieren über türkische Miliz und angeworbene autonome Schläger hatte mich doch ein wenig nervös gemacht. Zwar fürchtete ich nicht, sie würden mir persönlich etwas antun, aber dass jene VANITASgruppe, die sich um Christian schart, mir gewaltsam das Kreuz entriss, hielt ich für denkbar. Mein Misstrauen erwies sich als unberechtigt. Niemand trat mir zu nahe. Keine miesen Tricks. Dennoch stärkt es gehörig den Rücken, wenn man weiß: draußen stehen sechs Mann, die hauen dich hier raus, wenn‘s Ärger gibt. Ich kann nur hoffen, dass niemand die überflüssigen Detektive bemerkt hat!
Wie vor dem Tribunal: als Toprak nach der Vorstellung seine Truppe zusammen trommelt, ihnen das Troianer Kreuz, den Brief der Räte, mein Photo aus der Süddeutschen präsentiert, Moni auf der Strickleiter, halb schon im Sprengkrater, zur anderen Hälfte noch in der Grube, das römische Kreuz in hocherhobenen Händen, ohne Festhalten - wieso ich da nicht runtergepurzelt sei? Als hätten sie mich nun auf Herz und Nieren zu prüfen! Wie soll ich das Nicken der Männer und Frauen deuten, die ihre Janitscharenkostüme, Blaumänner, schwarzen Degenmänner-Kürasse ablegen, wie die verschmierten Gesichter, aus denen Wattebäusche den Hochmut byzantinischer Palastdamen des letzten Palaiologenkaisers abschminken? Trauen sie mir endlich oder bin ich noch immer unwillkommener Eindringling? Die Räte haben Namen. Diese Monica will sie kennen, hat sie uns genannt. In Rom war sie, das steht nun fest und dieses Kreuz, an dem eine Ampulle hängt, ist ein anderes, als das römische. Zwölf gibt es von der Sorte! Aus Troia will sie es gestohlen haben, aus der Domkanzel, der Pergamentstreifen mit dem angeblichen Brief der Räte bestätigt diese Angaben. Insgesamt sollen es nach dieser Ratsherreneinlassung zwölf Kreuze gewesen sein, wie auch schon Bucholtz sagte, ohne allerdings die Standorte zu verraten. Warum hat er Monica uns vorgezogen? Weshalb enthielt er uns dies Wissen vor? Bei ihr war er offensichtlich nicht so verschwiegen. Was wurde nun aus den Ratsherrenfamilien? Weiß Monica noch mehr? Handelt sie auf eigene Faust oder beauftragt durch die Ratsherrenabkömmlinge? Was wollen diese Kerle? Haben sie was mit den Spitzeln zu tun, die jeden Monat einmal hier auftauchen? Woher kommt Monica überhaupt? Aus Lobbert, sagt sie, wo wir den alten Bucholtz im fernen Jahre 1968 aufstöberten, als hier in Berlin alles drunter und drüber ging und wir vermeintlich einen Weg gefunden hatten, die Revolution von der Straße in die Köpfe der Menschen zu tragen. Was weiß sie sonst noch, die Lobberter Fremde? Weiß sie zum Beispiel, weshalb wir am Vinetaplatz wohnen? Weiß sie, woran unsere Adresse erinnert?

Aber klar doch weiß ich das und suche Blicke, die mir ausweichen, um nicht als bohrend erkennbar zu werden. Heute Abend ist mit dem Ensemble kein Reden. Die Brücke, die ich aus Troianer Reliquiar und dem Photo zwischen dem Traum des VANITAStheaters und dem römischen Sommertheater baute, sie ist zu lang oder wacklig für VANITAS, jedenfalls m ersten Anlauf. Oder bilde ich mir das alles bloß ein?
Wie dem auch sei, ich werd‘ ich Euch schon noch ‘rüberbringen VANITAS, dort geht‘s über den Graben, hopphopp und Peitschenknall, lauf VANITAS, spring, wenn es sein muss, du wirst doch wohl das Publikum nicht enttäuschen!? Alles könnte so einfach sein, wenn ihr ein bisschen schneller machtet: Ihr gebt alles, ich gebe alles, dann ziehen wir die Sternenputzer hinzu und legen gemeinsam los. Es kann doch dieses Bündnis nicht unmöglich sein! Es liegt so nahe! Gebt auf, verdammt nochmal, gebt auf und redet, nun sagt schon, was Ihr von Atlantis wisst und sonst noch, damit auch ich endlich meine Schatzkiste öffnen ...

Die Detektive schmollten, als ich sie heim schickte, ohne dass ein einziger Schlagabtausch stattgefunden hatte. Aber was kommt später, was geschieht, wenn ich VANITAS und Sternenputzer aus ihrem jeweiligen Bau gelockt und an den runden Tisch gesetzt habe? Was kommt dann auf mich zu, auf uns, Berthold?

BERLIN, DEN 23. OKTOBER
Notizen in Eile: Der Luftverkehr von und nach Berlin wurde auf ein Zehntel der Vorkrisenfrequenz reduziert, nachdem eine startende PanAm-Boeing in einen Schwarm meteorologischer Heißluftballons geriet und auf DDR-Gebiet bruchlandete. Zum Glück keine Toten.
Auf den Transitstrecken kam es zu Schlägereien zwischen Vopos, Angehörigen der Nationalen Volksarmee und US-Personal. Beide Parteien melden gebrochene Gliedmaße.
Was ist der Mensch doch für ein sonderbares Geschöpf! Von den Hauptdecks der stählernen Ungetüme, deren jedes ausreichend Vernichtungskapazität gebunkert hat, um Europa einzuäschern, von den Oberdecks der SEASTAR und der PRAWDA beschießen sich die Besatzungen mit Maschinenpistolen. Der Zugverkehr zwischen der Bundesrepublik und Westberlin wurde eingestellt. Angeblich streiken die deutschen demokratischen Stellwerker. Die Mauer ist halb weiß! In einer Nachtnebelaktion haben Halides Hilfskräfte das obszöne Bauwerk von Neukölln bis Tiergarten gestrichen. Der verbliebene Rest weißer Deckenfarbe soll heute Nacht geweißt werden, und wir haben Anlass zur Hoffnung, dass die Polizei wiederum nicht einschreitet. Ich habe heute Morgen, nachdem Halide mir gebeichtet hatte, den Regierenden Bürgermeister Stampfer angerufen und ihm erzählt, es handele sich um die Vorbereitungen zu einem Wettbewerb der Spraydosenkünstler. Da ich in seinem Büro gleichzeitig durch Bankboten einen Scheck über DM 500.000 abgeben ließ, erklärte er sich sogar bereit, die Schirmherrschaft über den Wettbewerb zu übernehmen und das Preisgeld dem Gewinner persönlich zu überreichen. Jetzt belagert mich die Presse im Hotel Kempinski, um näheres über das verrückte Wessi-Weib in Erfahrung zu bringen, das Hunderttausende als Köder für die Straßenkunst auslegt. Morgen werde ich das Thema das Wettbewerbs bekannt geben. Morgen laufen die ersten Sternenputzer-Spots bei SFB und Radio 100. Morgen wollen die DEPPS gegen jede überproportionale Beteiligung von DDR-Aussiedlern an künftigen Mauer-Mal-Happenings demonstrieren. Ihr Sprecher, ein wegen des Verdachts der Hehlerei vom Dienst suspendierter Justizvollzugsbeamter, gab die Parole aus: DEUTSCHLAND DEN WESTDEUTSCHEN!
Toprak hat auf Mitwirkung der autonomen Schlägerbanden verzichtet. Nur seine türkische Miliz wird auf Streife geschickt, damit wenigstens ein paar weiße Quadratmeter für den Wettbewerb freibleiben. Die zwei verkanteten Satelliten stürzen erheblich schneller ab, als alle Spezialisten erwartet hatten. Schon in den nächsten Tagen sollen sie in die Erdatmosphäre eintreten.
Romanow gab im Kreml eine Pressekonferenz. Fast alle Journalisten, darunter auch Ungarn und Polen, behaupten, er hätte ausgesehen und gesprochen, nein eigentlich gelallt, wie unter Drogeneinfluss. Seinen feinmähnigen Außenminister haben die konservativen Kommunisten wegen Devisenvergehen festnehmen lassen. Jetzt funktionieren plötzlich auch die Apparatschiks wieder. Nachdem die Schlacht geschlagen scheint, nachdem Romanow offenbar nur noch pro forma der Öffentlichkeit vorgeführt wird, nachdem also nunmehr seine Reformpolitik nicht länger sabotiert werden muss, werden Getreidesilos und Schatzkammern voller Seife entriegelt, stehen Gebirge aus Zuckerhüten in den Schaufenstern, die Einzelhandelswaagen ächzen unter abgepacktem Tee, und Wässerchen gibt‘s, ach das so lang entbehrte, drei Liter je Woche und erwachsenem Familienmitglied, so dass der Vodka in den Ohren der Schnapsleichen säuselt: seht ihr, Genossen, Perestroika hieß doch nur Hunger und Entzug, lasst also mal wieder gestandene Funktionäre ran, die haben Euch nach dem Großen Vaterländischen Krieg noch immer sattgekriegt und blau, da wusste man doch, was man hatte, anders, als bei diesen übergeschnappten Utopisten ... Jetzt, da es zu spät ist, schlägt sich der Westen an die Brust und klagt: hätten wir Romanow doch bloß geholfen! Spottbillig wäre das gewesen und doch eine epochale Investition.
Ob jetzt die Sternenputzer überhaupt noch Chancen haben, da auf der einen Seite des Atlantik ein meschuggener Präsident sich abstrampelt, um seiner Amtsenthebung zu entgehen, wohingegen im Kreml die alte Garde wieder die Finger am roten Knopf hat?
Ach nein, ich übe mich in Optimismus. Verhalten jubelt Monica: Geschafft! Jetzt hat sie VANITAS am Wickel! Buletten, Weizenkorn flaschenweise, widerliches Gesöff das, Berliner Weiße rot und grün, zigarettenverqualmte Luft. Wir tranken uns gehörig Mut an, im hinteren, vorsorglich angemieteten Sälchen des Budikenküsters, tranken uns Mut an, Körnchen für Körnchen.
Dann kam, was ja doch einmal kommen musste, geschah merkwürdig sachlich, man müsste eigentlich sagen: geschah so vor sich hin. Wir tauschten uns aus.
Ich hielt ihnen eine Vorlesung über atlantische Geschichte. Ich gab Sternenputzeranekdoten zum besten. Ich sprach von der im Meer versunkenen Wirklichkeit und gescheiterten Träumen an Land, von Rom, dem Reich, den Mauern, von politischen Querelen zwischen Beamten einer Hohen Behörde sprach ich, von einer italienischen Reise, der Freundschaft zweier Männer und einer Liebe, fing damit an, dass Rechenblatt im Tresorkeller ein Blatt aus De Valetudine Corporis Generalis des Arnaldus von Villanova stahl, gab ihnen die Kopie des Blattes, schweifte kurz in alchymistische Gefilde ab und beschrieb, wer erstmals im Bohneneintopfkessel auf ihrer Bühne rührte, erwähnte den im Radio verlesenen Abschiedsbrief Lucia Dellardas, von dem manche deutsche Presseechos gehört hatten; die nun ganz neu gewichtet werden mussten, erklärte nochmals die Kopie der Bucholtzpapiere in ihren Händen, kam auf atlantische Abstammung der Ratsherren zu sprechen, (vergaß die eigene Herkunft: ich weiß es ja nun wirklich nicht, ob Muttis baskische Familie aus dem Land der Cantabrer ... ), bemühte mich, möglichst eindeutig dreinzuschauen, wenn ich von zwei hochschwangeren, atlantischen Bäuchen sprach, auf die Beinaheausrottung der Familien, auf ihr Lobberter Zigarrenhändlerexil, auf Steine in polnischem Brombeergestrüpp und in kapitolinischer Grube, auf Kreuzreliquiare und Ratsherrenresignation, auf das Denkmal des Sisyphus, auf Michelangelos Teilhabe am Ganzen, auf die Briefe aus der kapitolinischen Grube, die ich als Kopien und Übersetzungen, deren Übereinstimmung mit dem Original ich zuvor hatte notariell beglaubigen lassen, vorlegte (wer will sich schon mit Michelangelos, unters Latein gestreuten toskanischen Brocken plagen?). Der gesprengte Marc Aurel und das Marc-Aurel-Zitat der Ratsherrengemahlin im DREIZEHNTEN TAG. Dolche auf Papier und Haut. Traum und Spuren. Sinn und Zufall, Bucholtz und Lorwitz, Berthold ist Herr der Behörde, mir gehört - zumindest vor dem Gesetz, wenn auch nicht nach Lorwitz‘ wirklichem letzten Willen, die Bibliothek Bucholtz. Dies waren einige der Querverbindungen und Widersprüche, die ich VANITAS auftischte, zwischen Bulettenkrümel, den fiesen, gelben Tupfern verspritzten Senfs und aufgeweichten Bierdeckel, auf denen die Kolonnen der Bleistiftstriche sich zu fingerdicken, graubrauenen Rechtecken zusammengeschlossen hatten. Daneben stapelte ich Stöße von Kopien aus der Anjouchronik, von Mosche Ben Aschers Behördengeschichte und letztlich auch die Übersetzung der Flüche vom Lapis Niger und hoffte, dass man mir alles abkaufen würde und auch dafür bezahlen ... Ich sagte beispielsweise: Es geht jetzt um die Nützlichkeit der Träume. Wir müssen eine Werbekampagne starten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Euch kennt man hier in Berlin. Ihr könnt die Sternenputzer der Stadt und der Welt vorstellen. Ich sagte beispielsweise nicht: Da oder dort liegt der Behördensitz, letzte Vorbehalte blieben gewahrt.
Und jetzt, fragte Toprak, jetzt wo wir unseren eigenen Angstschweiß riechen, jetzt endlich besinnen die Herren von Atlantis sich wieder ihrer Aufgabe und schicken dich zu uns?
Kalt und möglichst hoheitsvoll wies ich ihn zurecht, dass die Herren von Atlantis mich zwar entsandt hätten, um VANITAS Zusammenarbeit anzubieten, es aber keineswegs für nötig befänden, sich vor ein paar Laienschauspielern zu rechtfertigen. Zack. Toprak erbleichte. Er tat mir leid, aber dies Thema musste ich abwürgen, von Anfang an musste klar sein, wer hier federführend sein würde. Sie stimmten ab.
Dann fegte Azim Toprak Kippen, Senftupfer, Servietten und beinahe auch sein Glas mit abgestandener grüner Brühe vom Tisch, die einem geheimnisvoll bedeutsamen, dabei recht dünnen Umschlag nicht Gesellschaft leisten sollten, den er mit abgezirkelten Bewegungen vor sich hin legte, so salbungsvoll, wie der Priester das Allerheiligste berührt. Ich dachte an Berthold und das Getue mit seinem ehemaligen Stellvertreterring: die Männer und die großen Gesten.


+++

Weshalb spielt ihr Theater? fragte ich zurück. Wozu die Heimlichkeit rund um Geschichten, die doch angeblich nur geträumt sind - wofür Du, Azim, das beste Gegenbeispiel abgibst? Was trieb die Gründerväter bei der Stoffsuche von Berlin an den Niederrhein, ausgerechnet zu Bucholtz? Ihr seht, auch ich habe Fragen ... lch wollte hinzufügen: wir sollten uns austauschen! Doch das Ekel Christian unterbrach mich: Die wir kaum beantworten werden! (Die Rechthaber, Wächter reiner Lehre, das arrogante Inquisitorenpack - es gibt sie auch unter den Zeitgeistern. Dort vielleicht mehr als sonstwo.)
Wieso hieß das Flaggschiff des Degenmännergeschwaders, auf dem die Kaiserräte nach Batavia segelten, Atlantis? Mir fielen die Buchstaben aus Dachlatten ein, atlantische Konsonanten im schummrigen Krankenhausflur, der VANITAS als Kulissenlager diente. Hätte es Vinetaplatz heißen sollen?
Was bildest du dir eigentlich ein, wer du bist, mischst Dich hier ein und...! fuhr Christian auf, doch Toprak rief ihn diesmal zur Ordnung:
So kommen wir nicht weiter, Chris, dein gesundes Misstrauen in allen Ehren, aber hier führt das zu nichts.
So streckten wir die halbe Nacht wechselweise Fühler aus, zuckten zurück, versuchten, das Gegenüber auszuloten, reinzulegen, was oberflächlich betrachtet niemandem gelang, mich jedoch trotzdem an mein bescheidenes  Ziel führte. Ganz schön selbstgefällig, Mo! Aber sie fragten nur nach dem Schiff  Atlantis, nicht nach der Bedeutung des Kapitels DER ERSTE TAG! Jeder schien zu wissen, was da geschildert wird, wo Dampfgebirge sich auftürmen und weshalb. In einer Weise, die ich noch nicht näher definieren kann, weiß VANITAS also von der Herkunft der Ratsherren aus Atlantis, sonst hätten sie manches nicht fraglos als evident hingenommen. Und wenn sie auch nur halbwegs Bescheid wissen, dann hab ich sie am Wickel, besitze Macht über VANITAS, Macht, ihnen die Wirklichkeit ihres Theaters zu liefern oder verweigern. Berthold würde jetzt sagen: ich werde mich dieser Macht bedienen!, aber so möchte ich es nicht ausdrücken. Ich sehe die Chance vernünftiger Kooperation - das ist mein Formulierungsvorschlag.
Vertrauen aufzubauen wird jedoch schwierig. Ich muss wohl den ersten Schritt tun, will ich die Dinge in Bewegung halten und das Heft des Handelns bei mir. Soll es mir nicht entgleiten, muss ich bei jedem Zug den Gegenzug von VANITAS in die gewünschte Richtung lenken. Risiken darf ich nicht eingehen, geht es doch nicht um mein banales Wohl und Wehe, nein, die Behörde steht auf dem Spiel.
Langsam entfaltet sich ein Plan: In Topraks Wohnung sah ich heute Abend, dass er Zeitungen sammelt, unter anderem die SÜDDEUTSCHE. Und sie war eins der wenigen deutschen Blätter, die nach den Ereignissen vom Kapitol jenes Photo brachten, das mich mit dem Grubenexemplar des Kreuzes in emporgereckter Hand zeigt. Ein Photo, auf dem ich gut getroffen bin, gut genug, dass Toprank mich wiedererkennt. Morgen werde ich ihn also im Tiefbauamt anrufen und an die besagte Titelseite erinnern. Und morgen Abend übergebe ich ihm dann die Troianer Entsprechung des Kreuzreliquiars vom Photo, das Troianer Exemplar mit Ampulle und dem erläuternden Pergamentstreifen darin. Dies sollte VANITAS beweisen, dass ich einiges zu bieten habe - gibt aber nicht die Behörde oder gar die Identität der Ratsherrenfamilien preis. So mach ich‘s!
So, B., ich kann es schaffen, das weiß ich jetzt! Würd so gern deine Stimme hören! Tu mir die Liebe und werd nicht kalt, wie es Dein Amt es angeblich von Dir verlangt! Es wäre ein armseliges Leben, wieder allein, nachdem alles vorbei ist. Schlaf gut in Deinem Reich aus Tunneln und aus Höhlen! Und vergiss nicht, die Uhren im Arbeitszimmer DES Sternenputzers aufzuziehen! Ich glaube fast, nur sie allein geben der Welt noch Zeit.

BERLIN, DEN 22. OKTOBER
Halide sagt mir, das Personal für die Maueraktion stehe jederzeit zur Verfügung. Etwa hundertfünfzig Leute aus dem Umfeld von VANITAS, gut vierzehnhundert neue Bundesbürger aus den Auffanglagern und, man höre und verharre in andächtigem Staunen: fünfzig Polen, die ihre Westberliner Visa normalerweise für den Straßenhandel nutzen, an der Aktion aber keineswegs teilnehmen wollen, um die schnelle Mark zu machen, sondern um es der sozialistischen Brudernation DDR endlich mal ordentlich heimzuzahlen, dass sie für die gewitzten Einkäufer und grenzüberschreitenden Organisationstalente nicht viel übrig hat. Von wegen polnische Wirtschaft! Die sind ganz einfach pfiffiger.
Um abzuklären, ob wir uns strafbar machen, habe ich eine renommierte Anwaltskanzlei um ein Gutachten gebeten. Man gab sich dort viel Mühe, mich zu beruhigen: Die Bausubstanz ist natürlich Eigentum der Deutschen Demokratischen Republik, gnädige Frau, aber wir gehen davon aus, dass die Westberliner Polizei nicht hart durchgreift, um sie zu schützen, zumal nicht in diesen Tagen. Sie müssen allerdings mit zahllosen Beobachtern rechnen.
Na schön.
Halide sagt mir, Sicherheitsfragen seien Nebensache:    Es gibt in Kreuzberg  eine türkischer Miliz, die zum Selbstschutz gegen DEPPS und den übrigen rechten Pöbel aufgestellt wurde. Wenn mein Vater, sagt Halide, die um Hilfe bittet, geben die schon Obacht, dass niemand unsere schöne weiße Mauer bekleckert. Außerdem haben wir ja noch eine Menge breitschultriger Punks. Und wenn es hart auf hart geht, können wir gut die Hälfte der Autonomen für ein Butterbrot anheuern. Weißt du, vielen von denen geht‘s so dreckig, dass sie sich für Geld prügeln, sogar im DEPP-Auftrag, wie neuerdings durchsickert. Wenn die Kohldampf schieben, geht die ganze linke Ideologie flöten und sie machen auf Söldner!
Halide sagt mir, Halide sagt mir, Halide sagt mir...! So ein durchtriebenes Luder! Präsentiert sie mir doch eine Quittung über DM vierzehn Tausend zweihundertachtundsiebzig komma dreißig für weiße Deckenfarbe und verlangt, den Betrag umgehend zu überweisen, sie habe ihr Sparkonto geplündert. Wieder eine Prüfung! Und führe Mo in Versuchung! Hätte ich den Mund zu voll genommen, wäre ohne ernste Absichten in Bezug auf die Mauer oder hätte mit geträumten Sterntalern geprahlt - ich wäre jetzt in ihren Augen erledigt. Obwohl: was für ein königliches Amüsement, zu schauen, was sie mit einem ganzen Waggon weißer Farbe angestellt hätte. Gar nicht so weltfremd, dieses Übersetzerinnenmäuschen! Und sie geht aufs Ganze! Hätte sie mich falsch eingeschätzt, wären ihre gesamten Ersparnisse futsch.

Ich hab das Logo: Lapis Niger. Kugelrunder, glatter, pechschwarzer Stein von Atlantis. Scheinen soll und strahlen, was allzu lang in dunkler Grube sich verbarg! Glänzen soll er, der Mineralklumpen, poliert mit Menschenfett.
Jahrtausende zinsbringend angelegter Investition werden nun liquidiert. Wir fordern unser Erbe, um es für Träume zu verprassen. Mein Sternenputzerlogo eignet sich für Briefköpfe und Plakate. Kugelrund, schwarz, glatt, von Atlantis. Vulkangetrieben flugtauglich. Tödlich für flüchtige Hubschrauber. Nachtragend gegenüber Verrätern der Frauen. Gerechtigkeitsfanatisch. Der Erde Eingeweide ausgekotzt vom sterbenden Vulkan, übers Wasser in die Luft geschleudert, womöglich absichtsvoll ins All gezielt, um ihn als Wegweiser unter die Sterne zu versetzen. Stein weiser Magier. Stein dreier Finder. Das Sternenputzerlogo. Hab ich Dich endlich!
Ein schwarzes Quadrat, vor dessen Hintergrund man den Stein eigentlich nicht sehen könnte. Aber die runde Schwärze wird durch eine bronzefarbene, von Silber- und Goldfäden durchwobene Aura aus dem viereckigen Schwarz herausgeschält. Wie die Spiralen im Kreuzungspunkt der Reliquiare. Farben der Zeitalter.
Man sollte vielleicht ein ebenso großes zweites Quadrat daneben setzen, das die Kugel in perspektivischer Zeichnung zeigt, die Kugel und das Loch darin, aus dem, säuberlich eingepasst, die Stele von Swiecie ein Stückchen hervorragt. Einfach so, dünne, schwarze Striche auf weißem Grund. Der Traum in Glanzlack neben nüchtern hingestrichelter Realität. Werde mir das noch überlegen.

Berlin ist keine Stadt für feine Nasen, stinkt täglich mehr. Man gewöhnt sich jedoch an alles, an Müll, an Kanalratten, die frech im Sonnenlicht an Plastiksäcken knabbern, - oh diese Plastiksäcke, anderthalb Meter hoch gestapelt vor Kempinskis Türen, durchgehend entlang der ganzen schöngeschwungenen Fassade. Von draußen wirkt das wie ein Splitterfang aus Sandsäcken in Beirut. Sitzt man drinnen in der Lobby, so schluckt es Licht. Die Türsteher im perlgrauen Cut lächeln nicht mehr, wenn sie ihre Zylinder zur Begrüßung lüften und der distinguierte Herr Klunk schämt sich, dabei ist er so unschuldig, wie irgendeiner.
Die DDR hat einen Zahn zugelegt. Jetzt verweigern sie nicht nur dem kommunalen Entsorgungsunternehmen die Anfahrt zu den Vertragsmüllplätzen, sie stören auch die interne Entsorgung der westlichen Stadthälfte. Vergangene Nacht musste das Müllverbrennungswerk Ruhleben, bisher zwischen Spree und Charlottenburger Chaussee auf Hochtouren stochend, wegen technischer Mängel den Betrieb einstellen. Niemand weiß genau, was dort geschah, immerhin ist aber gewiss, dass drei Techniker, die während der Nachtschicht die Schaltzentrale für Förderbänder und Ofenbeschickung betreuen sollten, sich samt ihren Familien in die DDR abgesetzt haben. Wohl Stasimitarbeiter. Mit traurigen Hundeaugen erklärte ein Senatssprecher, die Reparatur werde mindestens drei bis vier Wochen in Anspruch nehmen, in toto sei die Elektronik zerstört und jede manuelle, mechanische Steuerung sei bei so hochmodernen Anlagen ausgeschlossen.
Das wird den Gestank nicht mindern, doch geradezu entsetzlich finde ich, was sich auf der Transitstrecke zutrug: kurz vor Berlin missachtete ein amerikanischer Jeep, in dem ein Captain und, als Fahrer, ein Sergeant saßen, die Anweisung der Vopos, vor einer der fingierten Unfallstellen. Das US-Fahrzeug startete nach einem wütenden Streit seiner Insassen mit den Vopos durch - die Fahrbahn war gesperrt - fuhr los und rammte sich zwischen zwei Polizeitrabis den Weg frei. Umfangreiche Blechschäden wurden für die AKTUELLE KAMERA des DDR-Fernsehens in genießerischer Breite gefilmt und kommentiert. Aber auch Amerikas RIAS blieb nicht untätig, sondern gab den Seinigen, zwei tapferen Soldaten, reichlich Gelegenheit, im Interview die Helden der Berliner Freiheit zu mimen. Kam aber bei den Berlinern gar nicht gut an. Die verehren zwar die Amipiloten der Rosinenbomber aus Tagen der Blockade, mögen es aber ganz und gar nicht, wenn man sich auf ihr Risiko so weit aus dem Fenster lehnt, wie die beiden Autofahrer. Das darf doch nicht wahr sein! So was tun die doch nicht aus eigenem Antrieb, so dämlich sind nichtmal amerikanische Subalternoffiziere, - da muss es einen Befehl gegeben haben! Wahrscheinlich verhält sich die menschliche Intelligenz umgekehrt proportional zu den Dienstgraden der US-Army. Berthold zitierte einmal das chinesische Sprichwort: aus gutem Eisen macht man keine Nägel und aus guten Männern keine Soldaten.


+++

Seltsam, bemerkte sie, es ist mir dies Geschichtlein durchaus nicht geläufig. Du musst über Quellen verfügen, die uns unzugänglich sind. Jetzt ist also doch noch jemand gekommen, sagte Halide beziehungslos in den Raum. Dann schimpfte sie wieder wütend drauflos auf die Berliner Mauer und schloss endlich: kennst Du den neusten DDR-Witz? Nein? Also, warum wurde der Staatsratsvorsitzende kürzlich zum Helden der Arbeit des VEB Wartung Antifaschistischer Schutzwall gewählt? Ganz einfach. Die konnten ihren Plan nur erfüllen, weil er seine Gallensteine gestiftet hatte!
Schreib‘s ihm, entgegnete ich. Mir brauchst Du's nicht ins Ohr zu brüllen.
Mit selbiger Absicht trage ich mich des längeren schon. Könnte ich‘s mir leisten, dann würde ich Leute engagieren, die die Mauer auf ganzer Länge weiß überpinselten und dem Herrn Staatsratsvorsitzenden auf dieser weißen Fläche einen langen Brief schrieben. Nur dass er ihn von seiner Seite aus nicht lesen ...
Halide! rief ich.
... könnte. Und ich das Geld nicht hab. Aber dafür hätten die Westberliner ...
Halide!
... jede Menge zu lesen. Was‘n?
Ich hab das Geld!
Mach keen Quatsch nich! plötzlich wirkte sie total verunsichert.
Ich geb‘s Dir, versprach ich. Im Ernst!
Sie kramte nach ihrem Taschenrechner und begann zu kalkulieren. Doch Zahlen lagen ihr weit weniger, als Worte. Ich übernahm.
Sechsundvierzig Kilometer Mauer zwischen West- und Ostberlin, fasste sie zehn Minuten später zusammen, mit breiten Anstreicherrollen müssten fünfzehnhundert Helfer das in längstens zehn Stunden schaffen. Gut drei Meter Mauer pro Helfer und Stunde sind machbar. Braucht ja nicht schön zu werden, muss nur einigermaßen decken! Veranschlagen wir einen Stundenlohn von fünfzehn Mark, dann kommen wir auf zweihundertfünfundzwanzigtausend Mark. Soviel hast Du? Und gibst es dafür aus?
Ich nickte: Sogar noch mehr. Inklusive Lohnnebenkosten wie Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung sowie Werkzeug, Leitern, Farbe und so weiter, brauchten wir mindestens 300.000. Trotzdem können wir das ganze vergessen, denn wo sollen wir ohne einen eigenen Verwaltungsapparat, ohne eigene Firma plötzlich fünfzehnhundert Hiwis herkriegen?
Das lass mal meine Sorge sein! Sie gab sich zuversichtlich. Der Chef vom Notauffanglager für DDR-Flüchtlinge gehört zu VANITAS. Wenn der das bekannt gibt, hat er in einer Viertelstunde fünftausend Freiwillige. Sie hielt inne, um sich nochmals zu vergewissern: Wirklich kein Quatsch?
Um diesen Quatsch anzuleiern, habe ich vier Wochen lang versucht, mit Euch ins Gespräch zu kommen, sagte ich. Und das ist erst der Anfang! Ihr werdet noch staunen?
Wer bist Du? fragte sie. Lächelnd nannte ich ihr meinen Namen, doch sie schüttelte unwirsch ihren Pferdeschwanz. Woher hast Du das Geld und die Informationen? Schickt Dich jemand oder arbeitest Du auf eigene Faust? Wir haben mit soviel Hoffnung auf jemand gewartet, all die langen Jahre. Und jetzt kommst Du. Die anderen wollten uns immer nur ausforschen. Und jetzt kommst Du und bietest Hilfe an, gerade wo die Zeit so unglaublich knapp wird.
Dem hatte ich nichts mehr hinzuzufügen. Ich will VANITAS langsam auf meine Seite hinüberziehen, den Reiz steigern, ihnen Zugeständnisse abhandeln, bis sie endgültig zur uneingeschränkten Zusammenarbeit mit den Sternenputzern bereit sind. Beim Abschied gab ich Halide eine Photokopie der Bucholtzpapiere. Ausgeworfene Köder.
Die kaiserlichen Räte kennt Ihr ja, erklärte ich. Hier werden sie namentlich aufgeführt, anders als in Eurem Theater. Von den Nachfahren dieser Räte beziehe ich mein Wissen.
Halide stand im Flur ihrer Wohnung, die Photokopie in Händen. Ich zog vom Treppenhaus her ihre Tür ins Schloss. Unten auf der Straße wäre ich beinahe einer Ambulanz, die vom Gelände des Lazaruskrankenhauses auf die Bernauer Straße brauste und dabei einem stinkenden Berg von Müllsäcken ausweichen musste, unter die Räder gelaufen. Ständig im Tran. Ich muss mehr schlafen! Schlafen? Im Künstlerhaus BETHANIEN spielen sie Theater - neben dem LAZARUSkrankenhaus wohnen ein paar von ihnen. Es liegen die Symbole auf der Straße, wie der Müll, man braucht sie nur aufzuklauben! Bleibt allerdings die Frage offen: wie erwecken wir den Toten, da er schon aufdringlich riecht?

BERLIN, DEN 21. OKTOBER
Schon wieder früher Morgen, eigentlich der 22. Oktober. Ehe die Maueraktion richtig anläuft, müssen wir alle erreichbaren Spraydosen in Berlin aufkaufen, sonst sprüht man uns binnen weniger Stunden die schöne weiße Fläche mit irgendwelchen Tags zu. Andererseits kam mir die Idee, einen Wettbewerb der Sprayer auszuschreiben und für die originellste VANITAS-Werbung oder den plakativsten Hinweis auf Atlantis einen fette Geldprämie auszuloben.
Die Agenturen können bald erste Entwürfe für Print-Werbung vorlegen. Muss mich auch um die spätere Verteilung der Plakate und Handzettel kümmern. Wem vertraut man einige hunderttausend hochbrisante Blatt Papier an. Doch nicht Mittelschülern, die sich sonst mit Wurfsendungen ihr Taschengeld verdienen! Unterdessen löchern mich die Agenturmenschen.
Sie wollen ein Logo. Ein Sternenputzerlogo. Früher hätte man Wappen gesagt. Aber die Sprache globalisiert sich zusehends und was wir altmodischen Trottel nicht aufhalten können, sollten wir wenigstens steuern. Ich muss also eine Idee für das Sternenputzerlogo liefern. Seine message sei viel zu image setting, als dass sie es über meinen Kopf hinweg entwerfen wollten. Ich hab eher den Verdacht, den dynamischen Zeitgeistern fällt nichts ein!
Denkbare Sternenputzerlogos: Tierkreiszeichen plus Scheuerbürste, Feudel und Putzeimer? CCS für Collegium Claritatis Stellarum? Ein Stern, der aus dem Krater eines soeben ausgebrochenen Vulkans geschleudert wird? Die Umrisse von Atlantis mit einem Stern an der Stelle, wo einst der Ilcom stand? Es gibt so viele Möglichkeiten und keine einzige wird Berthold schmecken.
Neuigkeiten des Tages:
Auf den Transitstrecken hat die Volkspolizei eine neue Behinderungstaktik eingeführt. Jede Unfallstelle wird stundenlang abgesperrt, photographiert und vermessen, so dass der Verkehr blockiert ist. Siebzigkilometerstaus. Augenzeugen schwören Stein und Bein, dass die Unfälle gestellt sind, absichtlich verursacht von der Stasi. Das könnte stimmen, zumal es nur Richtung Berlin gehäuft kracht. Zurück in die Bundesrepublik reist man ungehindert.
Vor Neapel kreuzen nach wie vor die Flugzeugträger. Kein weiterer Schusswechsel.
Ich habe Sehnsucht nach Italien. Falsch. Nach: Mit B. in Italien! Das Wort Sehnsucht ist angemessen bescheiden für meinen Gemütszustand und irgendwann müssen ja doch die großen, ausgelutschten Worte gesagt werden, weiß nicht, warum - weiß doch, warum - weiß hauptsächlich: hab Sehnsucht!
Der Rest der Welt zankt sich derweil im Weltall, zwar ungewollt und nicht programmiert, doch dafür um so eindrucksvoller. Das Werk vorgeblicher Spezialisten. In einigen zigtausend Kilometern Höhe kollidierten zwei Nachrichtensatelliten der Supermächte. Inmitten des Raumes schnitten sich die errechneten Umlaufbahnen, irgendwo war ein Fehler in der Kalkulation, gleichsinnig umtriebig stießen artifizielle Himmelskörper, künstliche Monde unseres natürlichen Planeten mit nur geringer Geschwindigkeitsdifferenz (obgleich beide sehr schnell) sanft aneinander, zerstörten sich jedoch nicht, sondern verhakten ihre energiespendenden Sonnensegel, vereinbarten gemeinsame Kursänderung Richtung Erde, ließen sich durch verzweifelt hochgefunkte Selbstzerstörungsbefehle nicht aus der neuen Bahn werfen, keine Notfallsprengung fand statt, und werden nun in trauter Eintracht in die Erdatmosphäre stürzen, dort vermutlich nicht vollständig verglühen, vielmehr ihre Trümmer zwischen dem 12. und 16. Grad östlicher Länge feurig durch Luft in Erde oder Wasser bohren. Ich hab‘s mir auf der Karte angeschaut: im fraglichen Bereich liegen das schwergeprüfte Sizilien, Neapel, das italienische Kleinstädtchen Troia, Rom und Venedig, die geträumte Kapitale Europas, Zadar/Zara, Berlin und der Behördensitz, doch der würde wohl unter seinem Helm von schwedischem Granit jeden Treffer unbeschadet überstehen. Wann der Absturz erfolgt, ist unter den Wissenschaftlern der Verursachernationen strittig, ebenso wie die Schuldfrage. Nur über beiderseitige Hilflosigkeit herrscht Einvernehmen: die Geister, die man rief...
Heute war keine Aufführung. Wir saßen in Topraks Wohnzimmer und Halide las vier Stunden aus den Bucholtzpapieren. Nur der harte Kern von VANITAS war anwesend, die Topraks, etwa zehn Schauspieler, ein aufgeblasenes Ekel namens Christian, das im Augenblick für die Regie zuständig ist und die Grand Old Lady, Beherrscherin des Kleiderfundus, früher mal Kostümschneiderin bei der DEFA. Still und professionell nähte Hilde Gerach falschen Pelzbesatz an Kragen und Säume eines schwarzen Talars: demnächst stehen wieder Programmänderungen ins Haus.
Altmännersommer. Warum fiel mir zum schwarzen Talar partout der Schwarze Mann ein, der Astrolog aus Schloss Bucholtz, der in die Vierster Mühle floh - und dann erst Anselm Lorwitz? Altmännersommer: Wie oft versuchte er in unseren ersten Jahren, ein bisschen zu tätscheln und fummeln. Wie unnachsichtig ich ihm auf die Finger klopfte, sagte: Freier oder Geschäftspartner! Beides zugleich geht nicht! Such‘s Dir aus!
Jetzt hat er mir sein Schloss vermacht.
Als Halide fertig gelesen hatte, fragte ihr Vater: Du behauptest also, dass die Ratsherren wirklich existieren? Dass du sie sogar kennst? Hockentbrannt und Rechenblatt? Komische Namen! Woher kannte Bucholtz sie denn?
Ich hatte die ersten erklärenden Seiten Aegid Maria Krafft Richards, wo er beschreibt, wie er die losen Blätter fand und dann zufällig oder schicksalhaft in den Zigarrenladen von Bertholds Vater geriet, nicht mitkopiert. VANITAS soll nicht zuviel auf einmal kriegen! Und nicht umsonst! Ich las mir gern die Informationen abkaufen für Gegenwert in gleicher Münze, doch man darf sich nie billig anbieten, die Leute meinen sonst, man sei nichts wert.


+++

Mein glücklicher Zufall kündigte sich damit an, dass heute Abend ein türkisches Schwerpunktprogramm gegeben wurde - vermutlich weil Azim Geburtstag hatte: Verhandlungen zwischen dem d'Anjou-Reich und dem trapezuntischen Kaiser. Belagerung Konstantinopels durch die Türken. Verbannung des byzantinischen Schattenkaisers auf das Landgut Lucullanum bei Neapel. Tonbandaufnahme von einer Nachrichtensendung über den Konflikt zwischen SEASTAR und PRAWDA als Geräuschhintergrund. Beinahe-Selbstmord des besiegten Großwezirs Ahmed Toprak vermittels purpurner Seidenschnur. Eintreffen des Degenmännerkommandos zu seiner Lebensrettung. Am Schluss gab VANITAS eine Pantomime, die dem Testament des Großwezir/Herzogs entlehnt war und einen kühnen Bogen schlug zu den Ereignissen des anonymen Toprak-Fragmentes im Zentralarchiv der Behörde. (VANITAS kennt die Episode ja aus erster Hand, von Toprak selbst.) Das kleinasiatische Kaiserreich Trapezunt hatte eine - kulturell durchlässige - Mauer zwischen Abendland und Morgenland bilden sollen. Leider hat die Mauer nur Europa dichtgemacht. Diese Mauer hat erstmals dem Friedensreich eine Grenze gesetzt, ein Vorgang, der sich später in tragischer Konsequenz wiederholte, indem Europa sich freiwillig halbierte und auf seinen Osten verzichtete. Das Zweite Rom, Byzanz, gehörte noch dazu - Moskau, das Dritte Rom, blieb ausgegrenzt.
Dramatisierung des Testamentes also: der Herzog von Smyrna bricht tatsächlich Löcher in eine Mauerattrappe und wechselt die Seiten. Er balanciert auf der Mauerkrone, schwankt, stürzt ein ums andere Mal rechts oder links ab und jongliert schließlich wunderbar zart mit sternförmigen, goldenen und silbernen Luftballons, die er hin und her über die Mauer schubst, ohne dass auch nur einer platzt. Dann streift er auf offener Bühne einen Blaumann über sein Kostüm. Vom Tonband wirbt eine Computerstimme, gelegentlich von aufdringlichem Rattenfiepen untermalt, für den Film High Noon und die Kleinkunstbühne VANITAS. Schwarzgepanzerte Degenmänner mit Polizeimützen statt Helmen umringen den Pantomimen. Er löst sich mit einem 20-DM-Schein aus. Vorhang.
Danach ging alles sehr schnell. Vorhang auf für Beifall. Vorhang. Vorhang auf für den zweiten Applaus, das Publikum klatschte die Mitwirkenden auf der Bühne fest, als erwarte es noch eine Zugabe und wirklich stand drei Reihen vor mir ein eleganter Türke auf und alle machten ihm bereitwillig Platz, als er sich durch die Stuhlreihen zum Gang zwängte. Das ist Autorität: wenn einem auf diese Weise Platz gemacht wird. Er sprang mit einem Satz auf die nur mäßig hohe Bühne. Etwa zweihundert Zuschauer rasten. Geburtstagsgrüße wurden gerufen. Ich wusste: das ist Azim Toprak!
Wie ich auf die Bühne gelangte, weiß ich nicht mehr, erinnere mich nur noch, dass ich nach Luft japste, um endlich reden zu können. Es wurde totenstill. Alle starrten mich an. Ich griff mir Topraks Hand, schüttelte sie wie verrückt und gratulierte, mit zitternder Stimme doch laut genug, dass die hinteren Reihen mich verstanden, erstens dem Großwezir Ahmed Toprak Pascha, zweitens, dem kaiserlich-trapezuntisch belehnten Herzog von Smyrna, Seiner Durchlaucht Ahmed Toprak, drittens, dem Türken Azim Toprak im Berliner Exil. Inzwischen hatte ich mich so weit gefasst, dass mir gelang, vernünftig in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen und wollte gerade zu einer ausführlichen Schilderung wahrer wie auch geträumter historischer Vorkommnisse bei Byzanz anheben, als endgültig der Vorhang fiel und Toprak mich hinter die Kulissen zerrte. Das Publikum ging schweigend. Nur Füße scharrten.
Ich aber musste erzählen. Zwar wurde mir in der Theaterwerkstatt Kaffee angeboten, aber die Schauspieler umstanden mich bedrohlich dicht gereiht, bis auch dem letzten klar war, dass mein Wissen nicht auf etwaigen einzelnen Indiskretionen beruhte, sondern umfassend war und legitim. In den Grundzügen leierte ich die ganze Anjouchronik runter. (Sie kennen, sie aus den Gesprächsnotizen, die ihre Gründer zu Füßen des alten Bucholtz anfertigten.)
Ich redete in der Werkstatt, berichtete im KÜSTER ZUR LETZTEN BUDIKE, wo eine kleine Geburtstagsfeier vorbereitet war, sprach noch, als Toprak schon im Taxi saß, um heimzufahren, plauderte aus, was mir in den Sinn kam. Nur über die Herkunft meines Wissens schwieg ich. Beharrlich. Und sie achteten meine Zurückhaltung. Nur einige versuchten, mehr im Scherz, zu raten:
Bucholtz?
Lau!
Lorwitz? (Sie mochten ihn nicht, weil er sie aus dem Schloss hatte verjagen wollen, aber die Nachricht von seinem kürzlichen Tod machte sie doch betroffen.)
Ein bisschen. Nur ein bisschen Lorwitz. Anselm war nicht meine Hauptquelle ...
Ja wer weiß denn sonst noch von uns? Gehörst du zu den komischen Typen, die jeden Monat auftauchen, um uns auszuquetschen?
Heiß, dachte ich, brandheiß, und blickte in die Runde, beiläufig erstaunt.
Nicht unfreundlich, wenn auch völlig verstört, fuhren sie schließlich im Taxikonvoi ab, Richtung Vinetaplatz. Morgen treffen wir uns wieder. Irrtum, heute! Es ist sechs Uhr früh. Sollen sie grübeln, während ich ausschlafe, zum erstenmal seit Wochen. Armer EH, Du schläfst sehr schlecht, nicht wahr? Ich kann Dich nicht beruhigen, leider noch nicht, verzeih, mein Schatz!

BERLIN, DEN 20. OKTOBER
Azim Topraks Tochter Halide holte mich heut Mittag bei Kempinski zu einem Spaziergang durch den Stadtteil Gesundbrunnen ab. Wäre ich ein Mann, könnte ich mich in Halide verlieben. Sie sieht aus, wie frisch einer Haremsphantasie entsprungen, pechschwarzes Haar, das sie in hüftlangem Pferdeschwanz trägt, nur am Hinterkopf von einer wunderhübschen Emaillefibel gebändigt. Ich darf nicht daran denken, wie lange sie es täglich kämmen muss! Sie zählt circa dreißig Jahre und ist eine Frau, für die Zeit keine Rolle zu spielen scheint. Die Ruhe selbst. Sehr souverän. Nur ein kurzes, schrilles Anklingen von Hysterie, als sie mir knapp und präzise Nachrichten von heute früh erzählt, die ich verschlafen hatte. Sie schießen aufeinander! Jede Partei beschuldigt die andere, das Feuer eröffnet zu haben, aber die fünf Dutzend Journalisten aus aller Herren Länder, die auf gecharterten Fischkuttern und Jachten die kreuzenden Stahlgiganten aus respektvoller Entfernung umschwärmen, berichten übereinstimmend, die SEASTAR habe der PRAWDA zuerst einen Schuss vor den Bug gesetzt, und diese habe das Feuer erwidert. Kein Treffer, dem Himmel sei Dank! Bleibt zu hoffen, dass mit diesem, vorläufig nur ins Wasser gesetzten, Schusswechsel, nicht Hemmschwellen abgebaut wurden!
Halide sagt: Gottverdammte Scheißkerle!
Sie scheint nicht die duckende Standarterziehung muslimischer Frauen genossen zu haben. Halide verdient ihr Geld als Übersetzerin vom Türkischen ins Deutsche, was ich recht ungewöhnlich finde, denn normalerweise übertragen Literaturübersetzer doch aus der Fremd- in ihre Muttersprache. Aber die Türkin ist ein sprachliches Chamäleon. Unglaublich schillernd wechselt ihr Ausdruck seine Stilfarbe, manchmal im selben Satz.
Mit den Worten: Liebwerte und wohledle Dame, darf ich mir erlauben, Euch meines Herrn Vaters Segenswünsche zu übermitteln, begrüßte sie mich im Foyer, um darauf die Sprachebene abzusenken: Da staunste, wa, det ick so jeflüjelte Worte kenne, aber mal ganz im Ernst, ich bin Halide und wir werden wohl für einige Zeit miteinander auskommen müssen. Einverstanden? Na fein! Willkommen bei VANITAS! Möge unsere Zusammenarbeit eine gedeihliche sein!
Abgesehen davon ist sie einfach nett, auch wenn sie offen zugab, von ihrem Vater geschickt worden zu sein, um mich auszuhorchen. Der einstmals rote Wedding. Humboldthain und Gesundbrunnen. Gemeinsam hingen wir nachher aus ihrem Wohnzimmerfenster zur Bernauer Straße hinaus und blickten gen Osten: die Westseite der Mauer mit unzähligen Graffitis, die runde Mauerbekrönung aus den vorgefertigten Elementen, die aussehen, wie angeschnittene Kanalisationsröhren, dahinter der Todesstreifen - ich wollte mich schonen und ließ meinen Blick leichthin darüber weg schweifen, doch alles was ich so erreichte, war die Ansicht zweier Friedhöfe, rechts und links eines Sträßleins, das früher einmal in die Bernauer mündete, nunmehr jedoch von der Mauer abgeschnitten wird.
Ackerstraße, sagte Halide. irgendwo ist immer Endstation. Gottesacker. Ausnehmend praktisch, die Friedhöfe direkt am Todesstreifen. Sie können die Abgeknallten sofort ohne viel Aufhebens verscharren, aber nichtmal dafür reicht’s bei der Planbürokratie. Piesepampeliges Bonzenpack, charakterloses! Saubande!
Ein Windstoß wirbelte Herbstlaub von den Gräbern und vermittelte uns für einen Augenblick das Gefühl, wie Jägerinnen auf einem Hochstand zu sitzen. Wir schießen Blicke. Können die Beute nicht ausmachen. Sie versteckt sich hinter Hausmauern, geht in Badezimmern und hinter Bücherwänden in Deckung, neben denen, auf unserer Seite, gleich der Todesstreifen liegt. An der Bernauer Straße sind Hauswände in den inneren Kreis der Befestigungsanlagen integriert. Die DDR-Auslegware, dreißig Zentimeter Ziegelstein, drei Zentimeter Putz, dann der geharkte Sand, der sofort alles Blut aufsaugt. Diesem herbstlichen Jagdvergnügen aber wohnen wir lieber nicht bei. Die Blicke schossen daneben. Rechterhand in der Ferne der Ostberliner Fernsehturm. Oben und unten schlank, kugelig in der Mitte, markiert er, rotweiß gestrichen, die ungefähre Lage des verschandelten Alexanderplatzes.
Liebste Freundin, stellte Halide mich auf die Probe, würdet Ihr, um meiner unbescheidenen Neugier abzuhelfen, mir kund zu tun, was ich wissen will, los doch, rück schon raus damit, beeil Dich jetzt gefälligst, mich dürstet nach topographischer Information! Also Monica, ich möchte, dass Du mir sagst, welches imaginäre Gebäude in Bucholtz' imaginären Papieren am Alex errichtet wurde. Ich musste nur kurz überlegen. Bertholds Anjouchronik hatte am Alexanderplatz (historisch genau: zunächst außerhalb Berlins, "int jrüne", die Stadt war erst später um Palast und Park herumgewachsen!) die Residenz der kaiserlichen Statthalter platziert. Zu Ehren des Erbauers, eines geträumten Alexander Graf Leverkühn, eines Originals, dem später mehrere Jahrzehnte lang die Reichsprovinz Brandenburg-Sachsen untertan gewesen war, hatten die Berliner dem Platz seinen Namen ergeben. Der „Klimperalex". Graf Leverkühn nämlich komponierte fürs Klavier. So will es die Anjouchronik.
Ich gab die passende Antwort und Halide nickte zufrieden. Hach, juchzte sie, für Dich könnt ich mir jlatt hintan Zuch schmeißen.
Weil’s doch so schön war, gab ich noch ein weiteres geträumtes Lokalhistörchen zum Besten, Berthold und Rechenblatt investierten ja Träume reichlich! Schlägt man unter dem Stichwort "Berlin" im Register der Anjouchronik nach, so findet man beileibe nicht nur die Geschichte vom Alex, sondern auch den Kreuzberg erwähnt. Der soll (immer laut Anjouchronik) seinen Namen nicht von jenem Denkmal haben, das nach Schinkels 1821er Entwurf kreuzgeschmückt zur Erinnerung an die napoleonischen Kriege errichtet wurde. Vielmehr soll auf der Anhöhe die allererste Rutschbahn der Reichsprovinz Brandenburg-Sachsen gestanden haben. Bei der Eröffnung brach sich ein Kind den Hals, in wildem Spiel, auf neumodischem Gerät, im Jahre 1647. Danach wurde die Rutschbahn wieder demontiert und zum Gedenken an dies traurige Ereignis ein Kreuz errichtet. Deshalb heißt der Kreuzberg Kreuzberg.


+++

So viele sind um soviel schlechter dran, als wir: In Auffanglagern für die aus Sizilien Evakuierten herrschen menschenunwürdige Zustände, behauptet das Internationale Rote Kreuz. Und den jüngst über Ungarn geflohenen DDR-Deutschen, von denen insgesamt achttausend nach Westberlin wollten, fällt die Decke auf den Kopf in ihren Übergangsquartieren. Der rotgrüne Senat sieht tatenlos zu, wie jeden Tag DEPPS vor den Baracken aufmarschieren und Transparente mit Schöntuers faschistoiden Losungen entrollen: WIEDERVEREINIGEN STATT AUSWANDERN! Die Menschheit hat einen ihrer Anfälle sporadischer Verrücktheit, Berliner inbegriffen. Nach Abklingen der proitalienischen Sympathiewelle in Berlin schlägt die Stimmung jetzt um. Die Berliner verübeln den Italienern die Einladung des sowjetischen Flugzeugträgers PRAWDA, die sie als Auslöser für Moskaus Maßnahmen gegen ihre Stadthälfte betrachten. Hinzu kommt negative Presse von ganz anderer Art: italienische Unternehmer, vor allem Gastwirte, die sich bislang auch in Berlin nicht gegen Schutzgelderpressungen der MAFIA wehren konnten, werden jetzt mutig und gehen zur Polizei. Mit einigem Erfolg. Dafür beschäftigt aber nun der Sumpf des organisierten Verbrechens die Medien und schräges Licht fällt auf die nette Familie von nebenan, bei der man bisher freitags Pizza essen ging.
lch habe mich entschieden! Ich darf nicht länger mit Geld knausern, selbst wenn die hohen Ausgaben letztendlich zu nichts führen. Aber Poster, Handzettel für Wurfsendungen, Radiowerbung und Fernsehspots überfordern mich. Jede Idee wirkt furchtbar hausbacken und erbaulich, sobald ich einen selbstkritischen Blick wage. Ich muss eine professionelle Werbeagentur beauftragen. Das kostet zwar ein Schweinegeld und erweitert den Kreis der Mitwisser, aber es lässt sich nicht vermeiden!

BERLIN, DEN 19. OKTOBER
Sie waren ein verwunschenes Schloss. Ich habe sie entzaubert.
Erstmals ist nun in den Bereich des Möglichen gerückt, dass es den Sternenputzern ähnlich ergeht, dass sie dem Fluch aller nützlichen Dinge, dem Verschleiß anheim fallen und ihre Magie einbüßen. Das ist der Preis, so wir die Träume dienstbar machen wollen.
VANITAS war der versteckte Schlüssel, der einer unbedarften, unvorbereiteten Welt vielleicht den Zugang zur Behörde öffnen konnte. Vielleicht! Ich habe ihn gefunden. Jetzt kommt‘s drauf an! Misstrauisches Völkchen, diese Schauspieler, die tagsüber alle ihren Berufen nachgehen, weil VANITAS ein unsubventioniertes Theater ist. Introvertierte Fanatiker eines Traums von der Geschichte, die sich zwischen zwei Lebensbereichen aufreiben. Verschworene Gemeinschaft von Darstellern und Zuschauern, wobei es Aufgabe der Zuschauer ist, Neulingen den Zugang zu erschweren. Toprak erzählte mir, dass "Neue" meist erst nach vielen Monaten aufgenommen würden. Deshalb auch die falschen Werbeplakate, die VANITAS eingangs der Siebziger über ganz Berlin streute: widersprüchliche Programmankündigungen, verschiedene, meist falsche Adressen, auf Plakaten mit korrekter Adresse falsche Spielpläne - so stellte VANITAS sicher, dass nur ein kleiner Kreis Eingeweihter, zufällig Glücklicher oder hartnäckiger Sucher die ersten Vorstellungen erlebte. Inzwischen sammelt sich regelmäßig das Stammpublikum, bleibt ein paar Wochen fort, kommt wieder, bringt manchmal enge Freunde mit ins Künstlerhaus Bethanien, fluktuiert, wie man so sagt. "Neue" kommen äußerst selten, und wenn, dann nur als Freunde von "Alten" oder zufällig, weil sie sich verirren. Hätte ich nicht in den Archiven nachgeschaut, wo VANITAS spielt, hätte ich das Theater gar nicht erst gefunden, denn seit etlichen Jahren macht es überhaupt keine Reklame mehr, nicht einmal solche mit falschen Angaben über nichtexistente Straßen oder absurde Hausnummern. Sie wollen für sich bleiben. Selbstgenügsame Leute, darauf bedacht, keine Fremden an sich heranzulassen. Wovor sie sich fürchten, habe ich noch nicht herausgefunden. Weshalb scheuen Theatermacher mehr Publikum, mehr Geld, mehr Bekanntheit, die Chance auf Ruhm, ja selbst auf größere gesellschaftliche Wirkung? Ein Theater, ernsthaft bemüht, möglichst wenige Zuschauer anzulocken - absurdes Theater, dessen letztes Geheimnis es noch aufzuspüren gilt.
Azim Toprak. Der Türke aus dem anonymen, dem einzigen anonymen Manuskript der Archive. Kanalarbeiter. Bauzaunabzähler. Kinderfreund. Lückenfinder. Plakatgucker. Beobachter der Ratten.
Azim Toprak. Übersiedlung nach Berlin. Hilfsarbeiter. Gesellenbrief. Meisterbrief. Nebenher Abitur am Abendgymnasium. Dann Tiefbauingenieur im Rekordzeitstudium an der TU. Soll mir mal einer nachmachen, sagt er. Sechsundfünfzig Jahre ist er alt, mittlerweile deutscher Staatsbürger, hat Frau und Tochter längst aus Izmir nachgeholt, von wo er 1971 fliehen musste. In der Türkei waren die Gebrüder Toprak Inhaber einer kleinen Baufirma, eines Zweimannbetriebs, selbst hochgeschuftet, kein Gedanke an ererbte Schätze des Großwezirs und späteren Herzogs von Smyrna. Bei dreißig Kindern sechsundachtzig Enkeln, fast dreihundert Urenkeln und drei Ur-Urenkeln, auf welche dieser Ahmed Toprak sein gewaltiges Vermögen zu gleichen Teilen vererbt hatte, war nicht viel für den einzelnen übriggeblieben. Keine Reichtümer also vom Kanzler Trapezunts. Nicht mal ein Andenken, kein Kleinod mit Erinnerungswert, von der Art, wie sie in der Türkengeschichte der Bibliothek Bucholtz beschrieben wird. Nur mit Mauern, wie es Ahmed Toprak Pascha in seinem Testament vorausgesagt hatte, mit Mauern hatte dieser Zweig der Familie Toprak immer noch zu tun.
Also zurück zum Baugeschäft.
Eines Tages wurde ein Polizeioffizier von Ergani nach Izmir versetzt, weil er am früheren Einsatzort eigenhändig Kurden gefoltert hatte und deshalb um sein Leben fürchten musste, worüber verschämte Meldungen der linken Lokalpresse Izmirs zwar durchaus berichteten, dann aber widerrufen wurden, nachdem die verantwortlichen Redakteure der Reihe nach unangenehme nächtliche Besuche erhalten hatten. Ebendieser Polizeioffizier bezog natürlich eine neue Wohnung. Da er zwei Zimmer zusammenlegen wollte, wozu ein Mauerdurchbruch nötig war, wandte er sich mit seinem Anliegen an die Firma der Gebrüder Toprak und Azim erledigte den Auftrag persönlich, nicht gern, doch konnte sich das kleine Unternehmen seine Kunden nicht aussuchen. Dann wird die Rechnung geschickt - die Summe des Kostenvoranschlags ist unterschritten. Der Polizeioffizier bezahlt nicht. Mahnung. Nichts. Zweite Mahnung. Danach spricht der Folterpolizist im Büro der Topraks vor und erkundigt sich, was ihnen einfiele, ihm eine Rechnung zu schicken. Heftiger Wortwechsel. Der Offizier kündigt Azim Toprak den Besuch eines Trupps befreundeter Polizisten an. So sehr er sich beherrschen will, zuletzt rutscht dem Maurer doch die Hand aus und bricht das Nasenbein des Polizisten. Aus solchen Gründen verlässt man die Türkei. Manchmal. Azims Bruder nämlich bleibt und erklärt ihn für verrückt. Unter fadenscheinigen Vorwänden, einer  Steuerhinterziehung wegen, die niemals stattgefunden hat, (schwört Toprak), wird sein Bruder drei Monate später verhaftet.
Mich interessiert die Berechtigung der Anklageerhebung wenig, ich wüsste nur gerne, woran der kerngesunde Toprak-Bruder kurz darauf im Gefängnis verstarb. Das aber kann Azim mir nicht sagen, denn zu dieser Zeit lernte er schon seine ersten deutschen Vokabeln.
Azim Toprak ist der Kopf von VANITAS. Niemals hätte er ein deutsches Theater betreten, hätte er nicht bald nach jenen Tagen, an denen er auf der Rückseite des Bauzaunes erst ein falsches Werbeplakat, dann aber die, von einer Ratte kahlgefressene, Bretterreihe sah, am Paul-Lincke-Ufer, (Azim erinnert sich genau), ein weiteres Plakat gefunden, auf dem zufällig alle Angaben stimmten. Komische Leute, diese deutschen Künstler, hat er gedacht und eine Vorstellung besucht. So stieß er zum Stammpublikum der ersten Stunde, war der erste türkische Zuschauer, zog all die anderen Türken nach sich ins Theater. Zum Kopf des Ganzen avancierte er, sobald die deutschen Theatermacher in ihren niederrheinischen Gesprächsnotizen auf seinen Namen stießen und auf Befragung von ihm erfuhren, dass seine Familie sich in der Tat vom geträumten Ahmed Toprak Pascha, dem nachmaligen Herzog von Smyrna herleitete. Auch VANITAS fand also Traumspuren! Topraks Engagement und Intelligenz taten ein übriges. Die Erzähler einer Geschichte aus zweiter Hand ordneten sich bereitwillig einer der Hauptfiguren unter. Geradezu süchtig klammerten sich anfangs die VANITAS-Erfinder an die Droge Toprak, dies menschliche Relikt einer verflossenen Traumepoche, an den Renommiertürken Azim Toprak und trieben mit ihm Schindluder, ließen sich dumme Mätzchen für die Bühne einfallen, doch nach und nach zeigte Toprak ihnen, was in ihm steckte. Es spricht für VANITAS, dass sie sich überzeugen ließen.
Toprak lebt am Vinetaplatz, keine zwei Steinwürfe von der Mauer, kaum drei vom Innovations- und Gründerzentrum gegenüber dem Humboldthain entfernt, wo junge Ingenieure "Silicon Wedding“ spielen. In dieser Gegend wohnen auch die anderen Schauspieler, samt Kostümschneidern, Kulissenschreinern, und Beleuchtern, alle wohnen sie am Vinetaplatz.
Mo durfte sich nicht verplappern! Sie gab sich einen Klaps auf ihren vorlauten Mund, sobald ihr einfiel: Vineta? - versunkene Stadt? Erinnert an Atlantis. Mo bremste sich grad noch rechtzeitig und schwieg. Nicht einmal, dass VANITAS beinahe ein Anagramm von VINETA ergibt, also nicht unbedingt nur auf Lateinisch "Eitelkeit“ bedeuten will, merkte sie an.
Eher harmlos sind die Tricks, durch die sie den Kontakt mit neuen Zuschauern vermeiden. Sie demonstrierten mir, wie sie regelmäßig, während ich fluchend am Haupteingang gelauert hatte und fürchtete, wieder mal zu spät zu sein, wie sie also regelmäßig durch ein Erdgeschossfenster im Anbau des Nordflügels geklettert waren, um dann, parallel zur Mauer, fast bis zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße zu laufen, mit einem Schwenk nach links zum Moritzplatz zu gelangen, unter dem die U-Bahnlinie 8 hält. Von dort wird man zügig unter halb Ostberlin durch befördert, ein mulmiges Gefühl. An der Bernauer Straße schneidet die Bahn zum zweiten Mal die Mauer und an der Haltesstelle Voltastraße steigt man aus. Nur noch knapp zehn Minuten Fußweg bis zu den Wohnungen Vinetaplatz. So kommen sie, abgesehen von Treffen im Hinterzimmer des Budikenküsters, gar nicht erst in Versuchung, in Kreuzberg noch einen zur Brust zu nehmen. Hätte ich lange suchen können! In hundert Jahren nicht hätten die Kreuzberger Nächte mitsamt blauen Flecken im Genick zum Erfolg geführt. Der Zufall führte hin, der übliche Zufall, wer oder was denn sonst, da jedermann mir deutsch-deutsch-deutsche Schleichwege verschwieg! (Die seit heute übrigens gesperrt sind: als Teil ihrer Schikanen gegen Westberlin haben DDR und Sowjets die U-Bahn-Trasse durch das Erdreich unter Ostberlin wegen angeblicher Einsturzgefahr zeitweilig stillgelegt!


+++

Es folgt die Wirtshausszene. Auftritt vier Söldner. Viel Teufelsspuk im Hintergrund. Dunkle Gestalten tanzen um den Kessel voll angebrannten Bohneneintopfs. An dieser Stelle stinkt es, wahrscheinlich kokeln sie hinter der Kulisse Papier. Nicht nur Beppo schnüffelt bedenklich.
(Diese Kombination von Kessel und tanzenden Gestalten drängt natürlich den Gedanken an Macbeth auf, an Cesare Colonnas Neubau des Marcellustheaters, an Knaben, die dem Hexenkessel entsteigen an beschwörend murmelnde Vetteln, die alchymistengleich schicksalhaftes Gebräu panschen:

„Sumpf‘ger Schlange Schweif und Kopf,
brat und koch im Zaubertopf.
Molchesaug und Unkenzehe,
Hundemaul und Hirn der Krähe,
...
Auch des Villanova Schrift,
werft hinein zum andren Gift!“

Ich gebe zu, da schmeckt mir Bertholds angebrannter Bohneneintopf besser.
Dann wieder Auftritt Niccolo Manini und Marian Guardini, beide im Kerker. Weil Flöhe, auch Pestflöhe, winzig sind und aller Wahrscheinlichkeit nach vom Publikum übersehen würden, beißt die Zwei-Menschen-Ratte zweimal zu, um jene engbegrenzte Pestepidemie in Gang zu bringen, die das vorzeitige Bekanntwerden des großen Traumes verhindert. Vorhang.
Aus dem Off hört man Guardinis fiebriges Gestammel: in summa das Reich. Dalmatien den Venezianern fortnehmen...

Ein Bänkelsänger tritt auf, erläutert die Episoden und treibt den historischen Gegenentwurf weiter, grauslich berlinernd:

„Vazeiht mir, det ick nu berichte,
wat all det soll mit der Jeschichte,
mit Marian un seene Ratte,
die jern ma wat zu knabban hatte. ...“

Er erzählt von Stauferträumen und Anjoueuropa, von Geschichte, Zufall und Sinn, von Traum, Spiel, trister Wirklichkeit um dann zu guter Letzt einen neuen Bilderbogen aufzublättern und mit dem Zeigestock kurze Szenen, markante Punkte aus Anjouchronik und Bucholtzpapieren anzutippen.
Kaiserkrönung in Aachen, Tanz der schottischen Clanhäuptlinge im südenglischen Hauptquartier des Kronfeldherrn Colonna, Revolution von Venedig und anderes mehr. Auch kaiserliche Räte kommen vor, über Jahrhunderte den immer selben Familien entstammend - ihre Namen verschweigt der Bänkelsänger. Vermutlich wahrte der geschwätzige Freiherr Bucholtz in diesem Punkte Diskretion. Aus zufällig aufgeschnappten Gesprächsfetzen hörte ich übrigens heraus, dass dieser Programmpunkt, der mit den Ratsherren, erst kürzlich aufgenommen wurde, was erklärt, wieso er in der Behörde noch unbekannt ist.
Rasender Applaus, sobald am Schluss der Vorhang fällt. Ein Stammpublikum, das feinste Nuancen erspürt und zu würdigen weiß: Studenten, die es nach Kreuzberg verschlagen hat, angejahrte Revoluzzer, Körnerpropheten, Makrobiotiker mit Sojasauce im Rauschebart, freakige Leute aus der Hausbesetzerszene, die bessere Hälfte der Autonomen, die lieber mit Argumenten um sich wirft, als mit Pflastersteinen, junge Schwarzlederne, die stolz ihre Blessuren aus der letzten Schlägerei mit den Bullen tragen, bekiffte Dichter, Bildhauer, die nie einen Meißel in der Hand gehalten haben, sondern das Klopapier zum plastischen Material des 21. Jahrhunderts ausrufen, strickende Omas, die geboren wurden, als Wilhelm Zwo sich brüstete, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, Omas, die seitdem Kreuzberg nie verlassen haben, allenfalls kurz evakuiert wurden, nachdem der Doktor Goebbels im Sportpalast was über den totalen Krieg gegeifert hatte, und - man glaubt es kaum - jede Menge Türken, die sogar ihre Frauen mitbringen. Ein Querschnitt durch Kreuzberg. Neuerdings tauchen manchmal DDR-Flüchtlinge aus der anderen Stadthälfte auf. Sonderbarerweise genießt VANITAS im Ostberliner Kreuzberg, dem Viertel Prenzlauer Berg, einen weit besseren Ruf, als im gesamten nichtbergischen Westteil der Stadt.
Warum schauen sie zu? Was veranlasst sie, in Endloswiederholung den Bildern Beifall zu spenden und Geld? Ich finde einfach keinen Zugang zu den Leuten, sie ignorieren mich, tun so, als sei ich gar nicht da, grinsen verschwörerisch, nachdem sie mir auf die Füße getreten sind und spielen ansonsten siebenfach versiegeltes Buch.
Nur einmal erhielt ich Antwort, als ich mich beim Drängeln nach Vorstellungsschluss ungefragt ins Gespräch eines schwulen Pärchens einmischte. Eingeweiht, wie alle Gläubigen des theatralischen Anjou-Kultes, bescheidwisserisch, wie das ganze Stammpublikum, freuten sie sich auf eine neue Szenenfolge, die gerade einstudiert wurde. Ich bat sie mit treuherzigem Augenaufschlag um Auskunft, doch alles, was ich zu hören bekam, war die Boshaftigkeit von Wächtern einer reinen Lehre: Det wirste denn schon kieken, Tintenpisserin! offenbar verdächtigten sie mich, eine spionierende Journalistin zu sein, jemand, der jedenfalls nicht dazugehörte, det wirst abwarten müssen, Ische!
Werd ich, worauf ihr einen lassen könnt! Aber sogar die arrogantesten Collegiumsmitglieder zieht man leichter in ein Gespräch als euch.
Die Darsteller sind nicht zu sprechen. Ich nehme das lediglich an, denn mir eine Abfuhr zu holen, hatte ich bisher nicht einmal die Gelegenheit. Nach der Vorstellung sind sie schlichtweg unsichtbar. Kein Zutritt zu den Behelfsgarderoben im Künstlerhaus Bethanien am Mariannenplatz. Der einzige mir bekannte Zugang wird von breitschultrigen Punks bewacht, die jeden Unbefugten mustern, als wollten sie ihn zu bierdosengroße Portionen falten. Vermauerte Träume. Nicht weit entfernt sperrt der real existierende Sozialismus sich selbst ein.
Einmal geisterte ich während der Vorstellung durch die langen Flure des ehemaligen Krankenhauses und befragte Leute von anderen Projekten, die mit VANITAS nichts zu tun hatten - und haben wollten. Die Ausbeute war mager. Nur eine nette Malerin, die nach ihrer Ausstellung Bilder zum Abtransport verpackte, nahm sich eine Minute Zeit und wies mir den Weg zu einem Lagerraum, wo VANITAS alte Kulissen aufbewahre. Eine wattschwache Glühbirne hing von der Decke, so konnte ich nicht viel erkennen, nur ein paar übermannsgroße Buchstaben, T, L, N, T, S, aus Dachlatten zusammengenagelt. Fehlten nur drei Vokale, um sie zu ATLANTIS zu verbinden. Meine Führerin wusste nichts darüber, war vor Glück sowieso sprachlos und ganz aus dem Häuschen, denn ihre Ausstellung hatte den Durchbruch gebracht. Zwei Tage später sah ich ihre Bilder in den noblen Galerien auf der Fasanenstraße und beschloss, mich für ihre Hilfsbereitschaft zu revanchieren, indem ich eines kaufte: Die Erweckung des Lazarus von Bethanien. Schrille Acrylfarben, kaum mein Geschmack, doch passte es sowohl zum gewesenen Krankenhaus, wie auch zu meiner augenblicklichen Situation. Muss ich nicht dem Leichnam der Behörde neues Leben einhauchen? Blasphemische Töne, Mo, es wird ein böses Ende mit dir nehmen!
Sackgassen. Meine Nächte versaufe ich in Kreuzberger Kneipen und frage vorsichtig herum: Wo trifft man die Darsteller? Achselzucken! Sind sie so stocksolide, dass sie nie nach der Vorstellung einen trinken gehen? Die Wirte schauen dumm aus der Wäsche: VANITAS? Nie gehört! Kenn ich nicht! Und dabei sieht man ihnen deutlich an, dass sie lügen. Das abschätzige Grinsen auf ihren Visagen bringt mich zum Ausflippen. Heute Abend ließ ich mich hinreißen, im Tausch für Auskunft Geld zu bieten. Ein Fehler. Der Wirt ZUM LETZTEN BUDIKENKÜSTER, ein Schrank von einem Kerl, schraubte mein Genick in seiner Pranke hin und her und schob mich vor die Tür, wobei er mir den Rat gab:
- Wir mögen hier keene Fragen!
Jetzt habe ich zu allem Überfluss einen steifen Nacken und morgen sicher blaue Flecken. Na wunderbar: Das kommt unter der neuen Kurzhaarfrisur prima zur Geltung. Hätt ich ihn doch in die Eier getreten!
Von Kempinskis Portier, einem wandelnden Berlinlexikon, erfuhr ich, dass der "Budikenküster" dafür bekannt ist, seinen Laden mit harter Hand zu regieren. Vor einem halben Jahr hat er vier Autonome von der schlimmen Sorte zur Raison gebracht. Sie wollten ihn als "Kiezfremden" fortekeln, weil er in seinem Lokal auf saubere Toiletten achtet. Ihre Aktion lief darauf hinaus, ihm vier Eimer Scheiße auf die Theke zu kippen, endete aber für die Autonomen im Landwehrkanal, wohin der Budikenküster sie zwecks Generalreinigung beförderte, nachdem er ihnen vor der Tür ihre vollen Eimer über die Köpfe gestülpt hatte, ein Vorgang, der in Berlins Annalen als "Kübelaktion" einging. Manchmal möchte ich nur noch nach Stockholm fliegen, im Hotel den Passierschein mit Rechenblatts Unterschrift vorzeigen und losbrausen. Eine sinnreiche Konstruktion, diese Schnellbahn, und auf dem einzigen Bahnsteig ihrer geheimen Endstation womöglich geöffnete Arme ...
Was soll das, Mo? Im Gegensatz zu eingegrabenen Sternenputzern kann ich wenigstens noch ans Fenster treten und zuschauen, wie der Mercedesstern auf dem Dach des Europacenters um sich selbst kreist. Ein schlechter Witz! Sie sollten ihr Firmenemblem besser gegen ein Fadenkreuz austauschen!


+++++++++

Was für'n Schnellschussurteil, was tu denn ich an seiner Stelle? Komm doch genau so wenig weiter! Verliere langsam die Geduld mit dem Zufall! Lasse in der BRD Sternenputzer-Poster und Handzettel drucken, ohne jede Ahnung, wer die jemals verteilen soll. Verhandle mit RADIO 100 und mehreren privaten Fernsehsendern über Sternenputzer-Werbespots. Habe ein sattes Viertel der beiden Dollarmillionen verplant, mein Haus in Lobbert und die Anteile an CIRCE-Investment verpfändet, damit mir unterwegs nicht finanziell die Puste ausgeht und habe doch keinen Fortschritt vorzuweisen. Wie früher, als ich viel zu lange brauchte, um zu lernen, Kursschwankungen an der Börse keine eingebildete Zwangsläufigkeiten zu unterlegen. Baisse für den Zufall in Berlin - an die richtigen Leute komm ich nicht ran.
Um nicht den Überblick zu verlieren, führe ich ab heute Tagebuch, wie in Jungmädchenzeiten. Berthold würde auf die Archive verweisen, unterstellen, ich wollte mich, - schreibend - des Fortbestands der Welt versichern, das ist aber Humbug. Ich brauche nur einen Schrottplatz für Gedanken und Gefühle, wo ich das Zeug hinkippen kann, damit es nicht den Kopf zumüllt.

Jetzt ist Oktober. Noch im August machte ich weiter, wie seit drei Jahren, gewohnte Lebensbahnen, Aufstehen, am Fernschreiber Nachtkurse überfliegen, die am, sagen wir Hongkonger oder Tokioter Morgen ausgehandelt worden waren, Duschen, Anziehen, Frühstück, Schreibtisch, wieder Fernschreiber: Frankfurter Kurse, Düsseldorfer, Londoner Gold, Pariser Aktien, Züricher, Brüsseler, Mailänder, selten nur römische Kurse, Telefonate mit unseren Maklern, kurvenreiche Computergraphiken, angebliche Hintergrundberichte, Entscheidungen, schnell, cool, fremdes Geld und eigenes war zu mehren oder zu verlieren, Mittagessen von irgendeinem Pizza- oder Chinesentaxi, überschlägiges Tagesergebnis berechnen. In Phasen des Größenwahns planen wollen: wie mach ich's morgen? Eine Schachtel Zigaretten leer, einmal um den Block an die nicht sehr frische Lobberter Luft, gegen fünf die New Yorker Kurse, Gespräche über den großen Teich, ein Scheißpornodrehbuch lesen, mit Darstellern um die Scheißgagen feilschen, den verkoksten Scheißregisseur abkanzeln, zwei Schachteln Zigaretten leer. Vor dem abendlichen Hauptgeschäft ein Plausch mit den lieben Schwestern vom Verwaltungsrat, Rechnungen gegenzeichnen, zehntausend Pikkolos falschen Schampus bestellen, Briefwechsel mit Anwälten, nächtlicher Ruhestörung wegen, Ärger mit dem Gesundheitsamt. Eine Neue will bei uns als Partnerin einsteigen, Vertragsunterzeichnung, kleine Fete, todmüde ab ins Bett, noch ein Kapitel lesen, wenn ich genügend Selbstdisziplin aufbrachte. Einmal die Woche Sauna, Massage und Friseur. Mal bei Heinz Taube ein Bier oder Lorwitz auf einen Cognac besuchen. Der Mo eine Wochenendbelohnung gönnen, schönes Buch, Klamotten kaufen. An manchen Sonntagnachmittagen ein Zuckerstück für das Pferdchen in Creyfeld auf der Rennbahn. Alle paar Wochen dann, wenn ich's nicht länger aushielt, aufbretzeln, suchen. Was riskieren. Und der Einsatz lohnte so gut wie nie.
Alles bloß, damit paar Weiber bisschen Geld in den Fingern haben, wenn sie aus dem Geschäft aussteigen? Ach nein, Mo, sei ehrlich, nicht das war dein Motiv, obwohl dir das nicht unwichtig war.
Dann wurde mir der niederrheinische Sherwood Forest zu eng. Weiden, zu kurz geraten, um aus ihrem Geäst Umschau zu halten, mit Kronen, zu mickrig und verkrüppelt, als dass sie hätten Schatten spenden können. Mamas baskische ETA-Vergangenheit meldete sich wieder und drohte. Nicht genug, dass Klein-Mo weder Kunstgeschichte studierte, noch eine Banklehre gemacht hatte, mit deren Zerstörung man sie hätte erpressen können, nun forderten sie Cash. Wollte ich aber nicht zahlen. Feilschte um Aufschub. Übersatt hatte ich den ganzen turmhohen Laden, den ich doch eigenhändig aufgebaut hatte. Übersatt das ganze. Berthold war Anlass - nicht der Grund. Seit langem lockte das Abenteuer, lockte die Verantwortungslosigkeit. Mo wollte ausbrechen aus dem goldenen Käfig CIRCE-Investment. Wer macht eigentlich jetzt in Lobbert die Karrenstute? Mein Anwalt hat immer nur mit dem gesamten Verwaltungsrat gesprochen und will mir nicht verraten, wer das große Wort führte. Cleo könnte es schaffen, mit etwas Hilfe, aber genau die werden die Zicken ihr nicht geben. Auch egal! Mein Anteil gehört der Bank als Sicherheit, soll der Laden doch den Bach runtergehen ...

Was für ein filziges Geflecht aus Motiven! Wie wortreich ich mich beschwindle, nur um das Geständnis zu vermeiden, dass ich nach neuen Herausforderungen suchte, weil in Lobbert das qualitative Maximum erreicht war und ich keinen Wert darauf legte, noch ein paar Umsatzprozent mehr herauszuschinden. Aussteigertum ist peinlich. Schäme ich mich vorm Eingeständnis, dass mich die diffusen Ziele Bertholds und der Sternenputzer magisch anzogen? Folgte ich ihm nach Italien, um mir Lorwitz' Hinterlassenschaft zu verdienen, das Geld, das mich finanziell auf alle Zeiten unabhängig macht, die doppelte Buchführung, die Verstand und Gefühl - fast hätte ich gesagt: in strenge Zucht nahm? Was machte diesen Reiz aus ...
Ob er die Anspielung auf Berlin, den Tausch Ring gegen Teddybär begriffen hat? Komischer, lieber Berthold, wie verdutzt er guckte, als ich mich erfrechte, seine hehre Sternenputzerprofession mit meinem schmuddeligen Freiberuflerturn in einem Atemzug zu nennen. Dabei weist die Behörde in der Tat erhebliche Ähnlichkeiten mit einem Puff auf. Beide erfüllen uneingestandene oder nirgendwo anders auslebbare Bedürfnisse. Ob meine professionellen Vorbereitungen einer Werbekampagne den Sternenputzern dienlich sind? Oder verplempere ich einfach Geld? Was wird aus ihnen, mir und uns, wenn ich keinen Kontakt zu VANITAS herstelle? Wie soll ich ihren Traum verkaufen? Ist überhaupt jemand an der Ware interessiert? Und ist Berlin der Markt? Ja, wenigstens in dem Punkt bin ich sicher! Die Stadt ist, wie die Sternenputzer, halbierte Wirklichkeit. Beiden hat man die Herkunft entzogen. Ein Kontinent, der an sich selbst zugrunde ging! Ob man nun Bombenhagel oder Vulkanausbrüche leichtfertig heraufbeschwört, ob man die Welt unterjochen oder beglücken möchte - in beiden Fällen gibt der Ungeist Hybris den Ausschlag und die Ergebnisse bleiben sich gleich. Berlin hat, wie Atlantis, sich selbst in einem fremden Meer versenkt. Beide sind geographische Fiktionen, nur mit Mühe aufrecht zu erhalten. Hier verhökert Mo, die einst ihre Haut zu Markte trug, nun Träume.

BERLIN, DEN 18. OKTOBER
Keine Neuigkeiten. Leerlaufende Zeit, wie in Rom auf dem Pincio, als wir im großen dunklen Sack umsonst nach unserem letzten Kreuzreliquiar grabbelten.
Jetzt treibe ich mich seit Mitte September in einschlägigen Kreuzberger Kneipen herum, punkig ausstaffiert mit hautengen, schwarzgepunkteten Nylonhosen und abgewetzt fettigen Lederjacken aus Secondhand-Läden. Beim Friseur im Kiez habe ich mir sogar eine Punkfrisur schneiden, strählen und färben lassen. Die achtundzwanzigjährige Oma macht auf mindestens zehn Jahre jünger. Schade um die Haare, Berthold wird sauer sein. Und auffallen tu ich trotzdem, sowohl auf meinen Erkundungszügen, wie auch dem Portier an Kempinskis Rezeption. Als ich vom Friseur kam, wollte er meinen Zimmerschlüssel nicht herausrücken, erst auf den zweiten Blick gewährte er mir Einlas.
In die Kreuzberger Szene finde ich mich auch frisiert nicht recht hinein. Der Stallgeruch fehlt, stattdessen haftet mir eine anrüchige Duftnote an aus fehlendem Eiferertum und mangelnder Gelassenheit - jeweils am falschen Ort. Jedenfalls misslingt, was ich mir als ersten Schritt ach so simpel dachte: Kontakt herstellen zur Kleinkunstbühne VANITAS. Oh ja, die Vorstellungen im Künstlerhaus Bethanien am Mariannenplatz mit seinen zwei Baumreihen besuche ich regelmäßig, aber es scheint unmöglich, mit den Schauspielern ins Gespräch zu kommen, denn außerhalb des Bühnenraumes sind sie unauffindbar. Auch das Publikum, eine verschworene Gemeinschaft ewig gleicher Gesichter, hält dicht.

Kleinkunstbühne VANITAS: eher mäßiges Kabarett, wo es sich an aktuelle Tagesthemen wagt. Der Rest ist nicht Kultur, sondern Kultus, eine sakrale Handlung, das Zelebrieren der Anjouchronik auf einer Bühne. Der umfangreiche zweite Programmteil wird mit den Ereignissen aus dem Zara des Jahres 1342 bestritten. Seinetwegen kommen die Zuschauer. Manchmal erlaubt sich die Regie kleinere Änderungen einer Szene, nimmt sie aus dem Programm und ersetzt sie oder stellt Reihenfolgen um, stets aber bleibt die Programmstruktur dicht am Handlungsablauf von Bertholds Anjouchronik, die die Theatermacher aus den Parallelträumen der Familie Bucholtz kennen. Aegid Maria Krafft Richard von Klingenhoven zu Bucholtz muss in seinem Rollstuhl freimütig geplaudert haben, während mein armer Anselm Lorwitz, ob dieses schändlichen Geheimnisverrates an sogenannte jugendliche Spinner, wohl aus dem Stirnrunzeln nicht mehr rauskam. Noch kurz vor seinem Tod brachte ihn die plappermäulige Senilität des alten Bucholtz in Rage.
Mit sparsamsten Mitteln empfindet VANITAS Kapitän Maninis Saal in der alten Stadtwache Zaras nach, lässt hier den wandernden Scholaren, anjou-ungarischen Spion und maßgeblichen Träumer, lässt Marian Guardini, blutig geprügelt, dennoch gegen den Vertreter der Serenissima anargumentieren und Manini schließlich aufs Kreuz legen. Nach Kulissenwechsel streicht ein riesiges Rattenkostüm, in dem zwei Schauspieler stecken, dem angeketteten Scholaren zutraulich um die Beine.
Dann verwandelt Kirchendiener Beppo, der unkostümiert den Mustertyp des ältlichen Achtundsechzigers abgäbe, den Zuschauerraum in die Marienkirche Zaras und sammelt mit seiner blechernen Kollektenschale beträchtliche Geldbeträge von der profanen Gemeinde ein. Zwanzigmarkscheine sind keine Seltenheit. Unterdessen läuft ein zweiter Mann durch die Reihen und trägt im Gestus mittelalterlicher Stifterbilder einen Miniaturturm vor der Brust, wohl in Anspielung auf den romanischen Glockenturm der Marienkirche, den irgendein ungarischer König gestiftet haben soll.
(Koloman hieß er, ich kann mir das Nachschlagen nicht mehr abgewöhnen.)
Don Anselmo verschanzt sich hinter seinem Lesepult und referiert die Ikonologie des heiligen Evangelisten Markus, insbesondere, weshalb dieser glasgemalt in einem Südfenster der Kathedrale von Chartres auf den Schultern des Propheten Daniel reitet, liegt ihm am Herzen. Dann wechselt er das Thema, kommt auf knifflige Rechtsfragen des Inquisitionsverfahrens zu sprechen, venezianische Ausnahmeregelungen werden heruntergeleiert und dabei übersieht er ostentativ, dass Beppo den Ertrag der Kollekte in zwei Hälften teilt, von denen er nur eine dem hochwürdigen Herrn Erzpriester überreicht, wohingegen er die zweite in einem freistehenden Weihwasserbecken aus Styropor versenkt.


+++

Während Ihr Euren Rechenschaftsbericht schriebt, zweigte ich einen Tag ab, um mein Geburtstagsgeschenk in Augenschein zu nehmen. Ich will es kurz machen, EH: gereinigt und farblich aufgefrischt war das Deckengemälde eindeutig als Panoramadarstellung der 1763er Seeschlacht in der Straße von Malakka zu identifizieren, in welcher Generalkapitän Geert von Rijndsberck im Auftrag der Räte fast alle Einheiten der aufständischen Faktoreien zu den Fischen schickte. In die nordöstliche Zimmerecke aber, gelegen in Richtung Canal Grande und Rialtobrücke, fügte der Cavaliere Tempesta auch jene schreckliche Szene ein, die sich einige Monate später zugetragen haben muss, als nach Versenkung des Ratsherrenflaggschiffes Atlantis durch die Piraten, mein unseliger Vorfahr Pieter de Kempenaer, der sowohl laut Bucholtzpapieren als auch nach konventioneller Geschichtsschreibung Generalgouverneur von Java war (den Tod der Räte allerdings allein in erster Eigenschaft veranlasst hatte) auf den Zinnen der Hafenbastion Batavias stehend betrachtete, wie die Leichen seiner Opfer in den Hafen trieben. Beim Licht der Sonne, wie das Entsetzen mir in die Glieder fuhr, wie ich unter diesem Geburtstagsgeschenk erblasste! Hatte ich Euch nicht vorgeworfen, Ihr würdet der Behörde mit Euren Traumspuren ein Danaergeschenk aufdrängen? Nun verehrte der wohlmeinende Manini mir zum Geburtstag das traurige Wissen, dass auch die Geschichte meiner Familie unwiderleglich zu jenen Traumspuren gehört, welche ich derart heftig angefeindet hatte. Pieter de Kempenaer, Generalgouverneur von Java und Präsident des Rates der Ostindischen Faktoreien kratzt sich auf diesem Bild wütig unter seiner linken Achsel, während er ins Hafenbecken starrt.
Nach dem ersten Schrecken versuchte ich vergebens, die Zusammenhänge zu rationalisieren. 1701 realer Zeit starb der Maler Pieter de Mulier alias Cavaliere Tempesta in Mailand - da die Zuschreibung im Familienarchiv der Manini eindeutig ist, muss das Deckengemälde also vor diesem Zeitpunkt entstanden sein. 1750 geträumter Zeit besucht Bucholtz - draußen findet soeben die Venezianische Revolution statt - die Ratsherren in ebendiesem Zimmer. Wie ließ es sich wohl arbeiten unter einer Decke, die ihnen tagtäglich die genauen Umstände ihres eigenen Todes vor Augen führte? Sie müssen unglaublich stark gewesen sein, um sich solchermaßen mit der einzigen absoluten Gewissheit des Menschenlebens auszusöhnen! Im Jahre 1763 lud mein Ahnherr die bildhaft prophezeite Schuld auf sich, woraufhin es höchst real unter seiner linken Achsel zu jucken und nässen begann. Seitdem plagt der dolchförmige Hautkrebs jedes männliche Mitglied meiner Familie. 1763 geträumter Zeitrechnung wurden aber auch die Knäblein Hockenbrannt und Rechenblatt von Vorfahren Maninis und Siau Chous vor meinem Ahnherrn errettet. 1903 realer Zeit wurde ich als Findelkind entdeckt und des Muttermales wegen von der Familie de Kempenaer adoptiert. In den 40er Jahren ging ich auf den Spuren Pieter de Kempenaers nach Niederländisch Ostindien und scheiterte dort kläglich. Wenig später wurden die Muttermalbeschwerden chronisch. Ich wurde sie erst wieder los, als ich gemeinsam mit Bertuccio Manini in die Behörde eintrat. Dann nahm man Euch und Rechenblatt, Nachkommen der, vor meines Ahnherrn Mordlust knapp verschont gebliebenen, Säuglinge in die Studentenschaft der Behörde auf. Wir fochten unsere Kämpfe aus, - um Euren Traum. Aus den Bucholtzpapieren erfuhrt Ihr in unserem realen Jahre 1989, dass Euer Traum gleichzeitig Eure ganz persönliche Vergangenheit war. Ihr wurdet meine Vorgesetzten und ich musste mich in unserem Streit geschlagen geben. Nun endlich muss ich auch noch erfahren, dass ich - in der Gestalt Eures Traumes - meine eigene Vergangenheit bestritten habe. Erschüttert und kleinlaut stehe ich 1989 vor dem Geschenk meines Freundes Manini, vor der Gabe von 1701 oder früher, und sehe endlich klar, blicke hinauf zu jener Decke, unter deren düsteren Farben ich so oft unruhig schlief.
Meinem Rationalisierungsversuch ging also die Puste aus. Kennt Ihr die hübsche Entdeckung des Schulpfortaer Mathematikers Möbius? Das Möbius‘sche Band? Die einseitige Fläche ohne Vorder- und Rückseite? Ich komme mir nun vor, als wäre ich mein Leben lang über diese Fläche geirrt, als hätte ich stur geradeaus gewollt und doch nie jene Schleife verlassen können, die sämtliche Dimensionen von Zeit und Kausalität begehbar macht. Ich bin verwirrt und ratlos. Viel Zeit habe ich bei dem Versuch vergeudet, ein in sich selbst zurückgekrümmtes, begrenzt unendliches Universum, als plane Ebene zu erwandern. Ich kann nicht ändern, was mir widerfuhr. Doch für die Zeit, die mir noch bleibt, werde ich es wenigstens bewusst als mein Schicksal hinnehmen.

Stets habe ich am Ziehen im Gedärm bemerkt, wann es zu kämpfen galt. Glaubt mir, EH, es ist wieder soweit! Nun aber weiß ich erstmals ganz genau, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ihr könnt politisch auf mich zählen! Der Weg, auf den Ihr die Behörde führt, ist jetzt auch meine Straße, mag sie unter Triumphbögen oder dem Galgen enden. Bei einem bloßen Achtungserfolg der Behörde oder im Scheitern. Wir haben keine Wahl und müssen diesen Weg versuchen. Es gilt, den Stein zu rollen, dessen Stillstand das Ende der Welt bedeutet.
In den Briefkopf setzte ich 21.°° Uhr Washingtoner Ortszeit. Nun habe ich mich weit in den 6. Oktober hineingeschrieben. In etwa einer Stunde geht der Text chiffriert an Euch ab. Und in etwas weniger als vierundzwanzig Stunden treffe ich via Stockholmer Hotel wieder am Behördensitz ein.
Ich bitte, mich für eine sofortige Audienz vorzumerken!
Bis dahin grüßt Euch ehrerbietig Gerrit Daniel de Kempenaer, Praefect der Hohen Behörde der Sternenputzer von Atlantis.

***

BERLIN, DEN 17. OKTOBER

Frischauf. Bienenhain. Birkenweg. Pfefferloch. Waldfrieden IV. Jungbrunnen. Einigkeit. Degenhof. Gute Hoffnung.
Halb eingebettet in den Kranz solcher Kleingartenkolonien, als Horror inmitten der Scheinidylle, liegt die Gedenkstätte Plötzensee, nahe bei welcher man zwar keine Widerstandskämpfer mehr ermordet, dafür aber nun, mit dickem Fell gegen historische Bezüge, straffällige Jugendliche hinter Gitter und Gefängnismauern sperrt. Als heute Mittag Schöntuers DEPPS (selbst nennen sich DEMOKRATISCH POPULISTISCHE PARTEI) mit ihrem schlagkräftigen Landesvorsitzenden an der Spitze bei einer ungenehmigten Demonstration ihre Parolen gegen "überzogene Vergangenheitsbewältigung“ grölten, scholl es aus den vergitterten Fenstern zurück:
Backe, backe Kuchen, kommt uns doch besuchen!
kommt, ihr Nazipack, dann gibt‘s was auf den Sack!

In Reih und Glied angetretene Blümchen. Berlins Bärenwappen auf Blech emailliert und mit rostigen Stiften ins lebendige Holz eines Baumstammes genagelt. Wannenartig ausbetonierte Gartenwege, blaugrau gestrichen, Avus für Dreiradfahrer. Englischer Rasen, dem der heiße Sommer nicht bekommen ist, kackbraun ist er, wie einst die Uniformen der SA. Plötzensee - die Fleischerhaken, an denen die ermordeten Widerständler hingen. Und manchmal auch ein Fahnenmast vor Vereinsheimen der Schrebergartenkolonisten, ein Fahnenmast, von dem es schwarzrotgolden schlapp baumelt. Kaum ein Lüftchen, das den entsetzlichen Gestank aus Berlin vertriebe.
Geteilte Stadt. Nicht, dass ich anspruchsvoll wäre und Aufhebung der Teilung forderte, nein, ich bin sehr bescheiden: Mir würde schon genügen, wenn die DDR ihre Grenze zumindest für die LKW der Westberliner Müllabfuhr wieder öffnete, damit endlich die grauen, blauen, braunen Berge prallvoller und teils geplatzter Plastikmüllsäcke aus den Straßen verschwänden! In manchen Quartieren ekelt man sich inzwischen vor dem Atmen - deshalb lief ich heute eine Runde durch die Kleingärten und hatte so auf frische Luft gehofft, doch irgendwo durchsticht auch hier immer der Scherben einer zerschellten Pulle Bier die Folie eines Sacks, so dass faulige Rinnsale ihre Duftmarken setzen. Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft! Zwei Wochen stapeln wir jetzt Säcke und langsam wird es grauslich.
Wenn die Amerikaner aber vor Neapel nicht nachgeben, kann es noch wesentlich schlimmer kommen. Zahllose Möglichkeiten stehen Sowjets und DDR offen. Sie können den Druck auf Berlin ins Unerträgliche steigern, ohne militärische Gewalt auch nur anzudeuten. Sind ja nicht auf den Kopf gefallen, wie die Weigerung, West-Müll endzulagern uns beweist. Angeblich streikt zur Zeit das Personal der DDR-Deponien, die das Gros Westberliner Drecks gegen harte Westmark aufnehmen. Gerade der Westen, so NEUES DEUTSCHLAND habe sich ja immer wieder in die. inneren Angelegenheiten der DDR eingemischt, um die sozialistische Arbeitsdisziplin aufzuweichen und Streiks anzuzetteln. Nun solle er gefälligst nicht zetern, weil die Müllwerker in einen Arbeitskampf eingetreten seien, um gegen jede weitere Belastung der DDR-Umwelt durch kapitalistischen Dreck zu protestieren. Die Entladung der Westberliner LKW sei nicht gesichert. Also dürften sie auch nicht die Grenze passieren, njet, tut uns leid, Endstation Mauer. Sie sind gewitzt, das muss ihnen die Wut lassen. Statt mit dem Säbel zu rasseln, wie es der plumpen Gewalt des amerikanischen Flugzeugträgers entspräche, köcheln sie Berlin auf kleinster Flamme. Sogar die Springerpresse zollt ihnen widerwillig Respekt. Ich mag sie ja nicht, die Herrschaften aus diesem Verlagshaus an der Mauer, doch heute machten sie einen ulkigen Vorschlag: entlang der Mauer Kräne aufstellen und mit Müllsäcken einfach die sogenannten Verteidigungsanlagen der DDR zuzuschütten. Zwei Fliegen schlüge man so mit einer Klappe - würde den Abfall los und baute gleichzeitig allen Ausreisewilligen eine Rampe aus Müllsäcken, die ihnen die Überwindung der Mauer kolossal erleichterte. Ob die Springerzeitung das ernst meinte?
Die Nadelstichstrategen drüben haben übrigens was neues ausgefeilt. Nun drosseln sie den westlichen Luftverkehr nach Berlin. Langer Hand wurde dieser Schlag vorbereitet und wieder begann es mit Artikeln im östlichen Leitblatt. Dann beschäftigten das Ozonloch und seine Auswirkungen die gesamte DDR-Presse, ohne dass im Westen jemand ahnte, worauf sie hinauswollten. Vier Wochen hindurch wurde die Diskussion künstlich angeheizt, bis vorgestern, angeblich unter dem Druck der Medien (so ein Quatsch: Medieneinfluss in der DDR!), der Staatsratsvorsitzende eine flächendeckende Untersuchung aller klimatischen Veränderungen anordnete. Immer noch machte kein Mensch sich Sorgen, denn erst heute Morgen platzte die Bombe. In Befolgung eines Ersuchens der DDR-Regierung bat der sowjetische Vertreter bei der alliierten Luftkontrolle um Verständnis für folgende Maßnahmen: im Rahmen eines auf zwei Monate befristeten Forschungsprogramms werden täglich Hunderte von Heißluftballons rund um Berlin aufsteigen und in lichter Höhe Messungen vornehmen, hauptsächlich dort, wo die drei Luftkorridore für westliche Fluggesellschaften zusammentreffen. Pan Am, Air France und British Airways möchten bitteschön die Frequenz ihrer Starts und Landungen am Tegeler Flughafen reduzieren, sonst seien Kollisionen mit den Ballons zu befürchten. Ungelesen flattern die Protestnoten des Regierenden Bürgermeisters, des Ständigen Vertreters der Bundesregierung davon, selbst den Westalliierten hört Ostberlin nicht einmal zu. Dem Forschungsprojekt wird seitens der DDR absolute Priorität eingeräumt. Bis zu 70% aller Flüge könnten entfallen oder zum langen Kreisen aus Sicherheitsgründen gezwungen sein.
Wie ich in diesem geistigen Klima den Job machen soll, denn ich mir unter den Nagel gerissen habe, steht in den Sternen. Ob Berthold mir verzeiht? Wie geht‘s dem Rechenblatt? Hat Berthold ihn gefeuert, als er, zurück von den Azoren, unser Komplott entdeckte? Mussten wir es nicht versuchen? Hatte Berthold nicht längst angefangen, den Zufall zu verwalten, vom Thron herab, und hinter seinem Schreibtisch den Dirigenten der Ereignisse zu spielen?


+++

Es mag jedoch auch sein, dass Ihr die letzte Chance der Behörde verschenkt habt, als Ihr Eure Gefährtin gewähren ließet, und diese Sorge einzugestehen, müsst Ihr mir gestatten!
Was nun unser beider unglücklich zerstrittene Vergangenheit angeht, so ist hierüber folgendes zu sagen: soweit es an mir liegt, können wir das Kapitel chließen. Wenn auch im Range nachgeordnet, so nehme ich doch mein Vorrecht als der Ältere wahr und strecke Euch die Hand zur Versöhnung entgegen. Zwar kann ich die unsäglichen Auftritte, die Ihr mir als Student und später dann als untergebener Beamter zugemutet habt, nicht vergessen, doch bin ich inzwischen darüber belehrt, dass ich mich in einigen wesentlichen Punkten unserer fachlichen Auseinandersetzung im Unrecht befand. Hinzufügen will ich, dass jenseits aller Wutausbrüche Euch stets mein Respekt galt, als einem der wenigen Menschen, die je meinem Zorn standhielten. Ich würde dies nicht sagen, nur um dem neuen Herrn der Behörde zu gefallen! Da ich in der Außenwelt über ein ansehnliches Privatvermögen verfüge und mich noch bis vor kurzem darauf vorbereitete, bei Eurem Amtsantritt meinen Abschied einzureichen, dürfte es Euch nicht schwer fallen, dies zu glauben. Bis zu Eurer Rückkehr von der Italienreise habe ich Eure Position mit allen Mitteln bekämpft - doch danach hagelte es Argumente, die mich dazu bewogen, meinen Standpunkt zu revidieren, was sich dann endlich so im Geschehen niederschlug, dass ich, zum maßlosen Erstaunen aller, den Rechenblatt zum Stellvertreter proklamiert und Euch im Plenum unterstützt habe.
Wie wir alle beschreite ich gelegentlich den esoterischen Weg, um einen Blick in die Zukunft zu tun. Aber nicht diese Schau wesensgemäßer Fortentwicklung der Dinge veranlasste mich, Eure, zuvor von mir angefeindeten, Theorien über das Koinzidenz, die self-fulfillig-prophecy, Strukturen der Kausalität und Traumspuren nun zu übernehmen, - sondern eine Reihe anderer Faktoren, die ich nun anführe, um damit auch zum Abschluss meines Briefes zu kommen. Erstens wurde mein Fälschungsvorwurf entkräftet. Niemand vermag, den Kohlenstofftest zu manipulieren - und er beweist, dass das Kreuz und die Briefe dem Alter nach echt sind.
Zweitens beeindruckte mich die Übereinstimmung der Prophezeiungen vom Stein der Weisen Magier mit jüngsten Ereignissen und einigen schriftlichen Quellen. Vornehmlich meine ich hier das Buch des Petrus Brock, sowie Arnalds von Villanova pergamentenes Vermächtnis. Doch noch ein weiteres geistesgeschichtliches Bindeglied wäre zu nennen. Im abschließenden Band XIV der Anjouchronik vertagtet Ihr, verkleidet als chinesischer Redner auf der 1888er Weltkonferenz des Reiches zu Berlin die Zukunft auf das Jahr 1989. In unserer realen Zeit - so der geträumte Orakelsteller - werde eine Flaschenpost stranden, deren Inhalt die Fortsetzung des Traumes ermöglichen solle. So weit, so gut. Noch warten wir vergeblich auf diese Nachricht von jenseits der Kausalität und ich hätte dem Komplex keine Beachtung geschenkt, wenn nicht auch Bucholtz, und zwar unabhängig von Euch, im Kapitel DER DREIZEHNTE TAG einen geträumten Kaiser Ludwig, vermittels sonderbarer Zahlenspielerei, die Gründung Anjou-Europas ins Jahr 1989 verlegen ließe. Verlangt nun nicht von mir, dies alles zu verstehen - Ihr selbst begreift es nicht, wenn Ihr ehrlich seid -, doch ich muss zugeben, dass mir Koinzidenz in solch geballter Häufung zu denken gibt.
Drittens aber wirkte Euer Traum unlängst äußerst eindrucksvoll bis in mein privatestes Leben hinein. Verzeiht, wenn ich nun nochmals weit aushole, bevor ich dann auf das Ende zusteure, aber ich komme mir unsagbar lächerlich vor, und fühle mich beschämt, da ich nach unseren giftigen Auseinandersetzungen nun dies erzählen soll!
Lasst mich also versuchen, auf anständige Art zuende zu kommen! Für die Gewinnung eines Großteils der hier versammelten Nachrichten hätte es unserer Kontakte zur Central Intelligence Agency nicht bedurft. Ein gutes Lexikon, allmorgendliche Zeitungslektüre, vernünftiges Kartenmaterial sowie etwas gesunder Menschenverstand hätten vollauf hingereicht, sie zu beschaffen. Es tut mir leid, doch auch die großen Hexenmeister des geheimen Wissens mischen ihre informationellen Zaubertränke vorwiegend aus Wasser. Auf die Gefahr hin, geortet zu werden, sollten wir daher unseren eigenen Kommunikationssatelliten reaktivieren, der seit Entwicklung leistungsfähiger physikalischer Messinstrumente in der Außenwelt, aus Gründen der Tarnung wie nutzloser Weltraummüll seinen Orbit beschreibt. Sonst, scheint mir, kann man heutzutage Geheimnisse nur noch entdecken, wenn man sie vorher selbst erfunden hat.
Ehe ich das Geheimnis lüfte, welches meinem Sinneswandel Euch gegenüber zugrunde liegt, will ich ein Missverständnis ausschließen: betrachtet meinen Seitenwechsel nicht als selbstauferlegte Sühne für eine imaginäre Schuld! Mein Muttermal juckt nicht mehr, seit Ende der 40er Jahre frische Haut auf das operativ bloßgelegte, rohe Fleisch transplantiert ward. Das Mal geträumter Schuld, der Krebs, der Dolch, das buntkörnige Karzinom - es wanderte mit anderen Operationsabfällen in den Verbrennungsofen unserer Klinik und ging in Rauch und Asche auf. Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg auf Timor und Java brachte ich Väter oder Mütter um, die Hockenbrannt und Rechenblatt hießen, noch verfolgte ich zwei Knäblein, als sie vom Diener Chou in Djakartas, damals Batavias, verwinkelte Chinesenstadt hinabgeschleppt und dort Carlo Manini, dem Ahnherrn meines heutigen Freundes übergeben wurden, gerade noch rechtzeitig, ehe die Venezia, die erste Handels-Dampffregatte in Ostasien, mit der Tide und Kurs auf ihren Heimathafen Goa auslief. Nur mein Vorfahr mordete sich schuldig! (Unser Siau Chou übrigens, Euer abtrünniger Amtsvorgänger, hat,  wie aus CIA-Kreisen zu erfahren ist, nach Eurem überflüssigen Besuch auf den Azoren sein dortiges Domizil aufgegeben, ließ seine I-Ging-Adepten, derentwegen ich ihn einst leidenschaftlich beneidete, im Stich und ohne ihren Meister und zog sich nach Peking zurück. Nachdem wir durch Euch die wahren Gründe seines Rücktritts erfuhren, vermute ich, dass er sich nach seinen Freunden und Auftraggebern sehnte. Wie die CIA meldet, wird der kommunistische Mandarin sowohl von den Verbrechern der Führungsclique, wie auch von den verbliebenen Oppositionellen mit offenen Armen empfangen. Fehlt nur noch, dass er seine alten Kontakte zu den Geheimgesellschaften und Gangstersyndikaten spielen lässt, um dann die Macht in China zu übernehmen! Merkt Ihr, wie gern und ausgiebig ich abschweife, nur um nicht meine Beichte einleiten zu müssen? Schluss damit!
Seit meinen 40er Jahren, als ich mich in Buenos Aires herumtrieb, für den spanischen Sprachraum über das I Ging schrieb und - weil als Deserteur von meiner Adoptiv-Familie enterbt - mit dem Roulette ein neues Vermögen aus dem Boden stampfte, sammle ich Kunst. In Argentinien war es die Keramik der Inka, welche damals, aus Chile hereingeschmuggelt, billig zu haben war. Wieder in Europa (und in der Behörde) verlegte ich mich auf die Surrealisten, weshalb ich Euer hartes Urteil über Dali nicht zu teilen vermag -, landete aber schließlich bei Seestücken, das heißt vornehmlich den Marinemalern meiner niederländischen Heimat, soweit sie erschwinglich sind. Dieser Vorliebe wegen wurde mir im venezianischen Haus Bertuccio Maninis ein Gästezimmer zugeteilt, dessen Decke die stark nachgedunkelte Darstellung einer Seeschlacht ziert. (Nach Lektüre der Bucholtzpapiere nahmen wir uns übrigens den Grundriss des Palazzo Manini vor und stellten fest, dass mein Schlafzimmer früher das Arbeitszimmer der Ratsherren gewesen sein muss. Die Anordnung der Räume lässt keinen anderen Schluss zu, wir konnten sogar jene Wand ausmachen, wo das Bild-im-Bild Motiv aus Alchymistenlabor und Entdeckung des Steins der Weisen durch zwei Männer und eine Frau gehangen haben muss. Mein Deckengemälde aber ist ein Werk Pieter de Muliers, der sich in Italien Cavaliere Tempesta nannte und eigentlich nur durch seine Fresken im Palazzo Colonna zu Rom einige Bekanntheit erlangte. Zu meinem diesjährigen Geburtstag nun, bei welcher Gelegenheit ich voller Entsetzen gewärtigte, dass ich inzwischen mein 86. Lebensjahr vollendet habe, beschenkte mich Bertuccio mit der Ankündigung, die beinahe bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelte Seeschlacht in meinem Zimmer auf seine Kosten zu restaurieren. Neun Monate dauerte diese Arbeit.


+++

Und was passiert?
Della Gloria muss dankend ablehnen, weil jedes Einlenken in dieser Frage der nationalen Ehre Italiens seinen Sturz zur Folge hätte.
Wir können davon ausgehen, dass die Amerikaner sich dann mit Gewalt nehmen, was nicht zu kaufen ist. Machen wir uns nichts vor: Die Zeichen stehen auf Sturm im Mittelmeer! Abgesehen von peinlichen italophoben Hasstiraden aus Downing Street 10 vernimmt man aus den westeuropäischen Hauptstädten nur höfliches Bedauern über Italiens NATO-Austritt. Sehr nachdenklich geben sich die EG-Chefs und sind wohl heilfroh, nicht in Della Glorias Haut zu stecken, denn dass, cum grano salis, jedem von ihnen ähnliches hätte zustoßen können, ist ihnen klar. In Washington jedoch wird solche Zurückhaltung als grobe, an Verrat grenzende, Undankbarkeit bewertet. Die Amerikaner merken nicht einmal, dass sie selbst vollbrachten, was stets der unerfüllbare Traum des kürzlich verstorbenen Andrej Gromyko und seiner diplomatischen Eleven gewesen war: einen Keil zwischen die USA und ihre europäischen Verbündeten zu treiben. Aus diesem Blickwinkel entbehrt es nicht der Ironie, dass Risse in der Burg NATO erst aufbrachen, als, siehe Ungarn und Polen, die ideologischen Fundamente des Warschauer Paktes längst ruinös zerbröselt dalagen. In manchen Regierungszentralen, so wird hier bissig kolportiert, sei inzwischen gar die These diskussionsfähig, die Zeit der Militärbündnisse neige sich ihrem Ende zu. Wollen wir es hoffen! Im Moment aber sieht es gar nicht so aus, als ob mit einer solchen Entwicklung der Frieden in der Welt sicherer würde. Seitdem SEASTAR und TROTZKI Bord an Bord kreuzen, genügt ein kurzfristiges Verrücktspielen der Elektronik, ein geringes Nachlassen der Nervenkraft auf einer der beiden Brücken, ein winziger Navigationsfehler, während die Schiffe sich gegenseitig auszumanövrieren trachten - die Russen, um in italienische Hoheitsgewässer einzulaufen, die Amerikaner, um sie nicht vorbeizulassen - und es findet eine bewaffnete Auseinandersetzung unmittelbar zwischen den Supermächten statt, von der ich sehr bezweifle, dass sie auf Einheiten der 6. US-Flotte und der sowjetischen Mittelmeereskadra beschränkt bliebe. Zweifellos haben die Russen das Völkerrecht für sich: der souveräne Staat Italien räumte ihren Kriegsschiffen Hafenrechte in Genua und Neapel ein. Ganz unverständlich jedoch ist auch die Haltung der Amerikaner nicht, die sich nun dagegen wehren, dass NATO-Marineeinheiten künftig neben Schiffen der Roten Flotte an der Landungsbrücke liegen sollen.
Von einer höheren sicherheitspolitischen Warte betrachtet, war es eine kleinliche Narretei Romanows, sich nicht mit dem diplomatischen Sieg zu bescheiden, sondern tatsächlich Schiffe zu entsenden, um das Liegerecht wahrzunehmen. Man konnte doch in Moskau absehen, dass so etwas kaum gut gehen würde.
Aber eine unserer wichtigsten Fragen lautet zur Zeit: fällt überhaupt noch Romanow in Moskau die Entscheidungen? Erinnert Ihr Euch, welch Aufsehen es Anfang des Jahres erregte, dass der fragliche Flugzeugträger im Zuge von GLASNOST, als Demonstration eines ehrlicheren und gerechteren Umgangs mit der eigenen Geschichte, nach dem lange verfemten Schöpfer der Roten Armee Lew Trotzki benannt wurde? Nun, damit ist es jetzt vorbei. Die NSA, der globale Abhör-Geheimdienst der Amerikaner, fing heute Morgen einen Funkspruch auf, welcher als Befehl an die Besatzung der TROTZKI entschlüsselt wurde, den Namen ihres Schiffs mit dem Schriftzug PRAWDA zu überpinseln, sobald einigermaßen ruhige See dies zulasse. In meinen Augen eine sehr hintergründige Absage an die Phase der Entstalinisierung, denn, wenn auch PRAWDA Wahrheit heißt und man vom journalistischen Niveau der Parteizeitung halten mag, was immer man will (eindeutig pro-Romanow war sie jedenfalls nie), so ist doch unstrittig, dass das Blatt ursprünglich eine Gründung Stalins war, welcher nun dergestalt wieder über seinen Rivalen Trotzki triumphiert. Ich werte dies nicht als marginale Randerscheinung im großen Welttheater. CIA-Informationen aus der UdSSR stimmen sehr bedenklich. Nicht nur nimmt die Perestroika-kritische Berichterstattung der Medien auffallend zu, sondern es mehren sich Zweifel, ob Romanow überhaupt noch an der Macht ist. Zwar kehrte er am vergangenen Wochenende aus seiner georgischen Datscha, wo er sich angeblich vergraben hatte, um sein drittes Buch mit dem Titel Brot zu schreiben, in den Kreml zurück, doch könnte es sein, dass er, inzwischen faktisch entmachtet, nur noch für die Dauer der augenblicklichen Krise als personelles Aushängeschild dient. Vielleicht beabsichtigen die neuen alten Kräfte auch, ihn im Falle einer für die Sowjetunion ungünstigen Konfliktlösung als Schuldigen zu präsentieren, oder die Machtverhältnisse sind einfach noch nicht soweit abgeklärt, dass feststeht, wer ihn ersetzen soll. (EH, Ihr hättet, - und ich sage dies ganz ohne Schadenfreude - Osteuropa stärker in Eure Träume einbeziehen sollen. Aber auf meinen diesbezüglichen Sinneswandel werde ich erst gegen Ende des Briefes näher eingehend Gemäß nachrichtendienstlichem Sprachgebrauch gilt es mittlerweile jedenfalls als harte Nachricht, dass Romanows Rückkehr nach Moskau nicht ganz freiwillig erfolgte. Photos belegen das. Dazu muss man wissen, dass einem amerikanischem Spionagesatelliten, der auf seiner Bahn unter anderem das kaukasisch-georgische Gebiet überquert, just in dem Moment Aufnahmen gelangen, als Romanow seine Datscha verließ und in eine Sil-Limousine stieg. Die Bilder zeigen, dass er auf der kurzen Strecke zwischen Haus- und Wagentür beidseitig von Leibwächtern untergehakt wurde. Von einer Erkrankung des Präsidenten aber, die ihn solcher Stütze bedürftig machen könnte, ist nichts bekannt, auch überquerte er völlig ebenen Rasen, so dass nicht anzunehmen ist, dass fürsorgliche Leibwächter einen Gestrauchelten auffingen. Gehen wir also davon aus, dass er abgeführt wurde. Hinsichtlich der sowjetischen Machtverhältnisse tappen wir somit im tiefsten Dunkel. Wie schon oft, fällt mir auch hier, in diesem Brief, wieder die undankbare Rolle des kaltherzigen Analytikers zu. Ich werde sie ausfüllen und sage daher: was ich soeben schilderte, ist völlig unmaßgeblich. Natürlich war es ein historisches Verhängnis, dass Romanow im Westen keinen adäquaten Partner fand. Selbstverständlich bedaure ich auch den Menschen Romanow in seiner Not. Nachdem jedoch die TROTZKI / PRAWDA nun einmal vor Neapel kreuzt, kann es uns gleich sein, wie der wirkliche Herr des Kremls heißt, denn auch ein Romanow hätte sich das Verhalten der Amerikaner unmöglich bieten lassen können. Neapel ist nicht Cuba! Eine zweite solche Demütigung nimmt die Sowjetunion nicht hin. Und der CIA liegen, wiederum harte, Informationen darüber vor, dass die Russen, sollten die Amerikaner nicht einlenken und den Flugzeugträger passieren lassen, mit geeigneten Maßnahmen in und um Berlin reagieren werden. Was wäre im übrigen auch natürlicher als eine Koalition der neuen Altkommunisten im Kreml mit den ewig altkommunistischen Hardlinern der DDR?
Die CIA weiß es. Quayle ist informiert. Doch scheint es nicht so, als ob er auf der Grundlage dieses Wissens handelte. Wenn er aber nur noch wenige Tage weitermacht wie bisher, könnte es sein, dass nach seiner Amtsenthebung auch der gutwilligste Theodore Wasp Turner den Schaden nicht mehr begrenzen kann.
Die CIA weiß es. Unser Korrespondent ist informiert. Ergo wissen auch wir Bescheid. Doch welche Schlüsse gilt es nun zu ziehen? Der Korrespondent rät derzeit dringlich von jedem öffentlichen Auftritt der Sternenputzer ab und legt uns händeringend eine mindestens fünfjährige Vorbereitungsphase nahe. Er hält es für durchaus wahrscheinlich, dass Quayle, träten wir plötzlich als neue Macht auf den Plan, mit Waffengewalt gegen uns vorginge, zumindest aber jede Vermittlung unsererseits kategorisch ablehnen würde. Ich kenne unseren Korrespondenten gut. Bei mir machte der Mann Examen. Er war schon damals übervorsichtig. Ich schließe mich seiner Meinung daher nicht an. Wir sollten uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass bereits viele Chancen vertan sind! Ich beziehe dies nicht allein auf Romanow, der Abrüstung wollte, weil er die Rubelchen brauchte, um das Innere des Riesenreiches zu verkitten, auf Romanow, der uns für ein halbes Dezennium die Vision eines sozialistischen, demokratischen Rechtsstaates UdSSR erlaubte, auf Romanow, unter dessen Führung der Zensor die Presse zum Freimut anregte, auf Romanow, der nach so vielen Jahren erstmals wieder humane Lösungen aller globalen Probleme denkbar erscheinen ließ ...! Ebenso gilt mein Lamento über verpasste Chancen Eurem halbierten Traum und Eurer Gefährtin, sowie unser beider unglückseliger Vergangenheit.
Der Traum: wundert Euch nicht, denn ich gehöre mittlerweile zu seinen entschiedenen Verfechtern und hege die Überzeugung, dass, hättet Ihr jenen EWIGEN FRIEDEN VON MAILAND, welchen Anjouchronik und Bucholtzpapiere gleichermaßen auf den 1. Januar 1638 geträumter Zeit datieren, nur ein wenig umfassender formuliert, manches heutige Problem durch sorgfältige Lektüre in den Archiven lösbar wäre. Leider habt Ihr jedoch den Osten Europas immer recht stiefväterlich behandelt und den Großfürsten von Moskau und Kiew wenig Aufmerksamkeit angedeihen lassen, so dass sich zwischen Ost und West geistige, wie auch träumerische Klüfte auftaten, die nicht mehr ohne weiteres zu überwinden sind. Der Eiserne Vorhang fiel nicht umsonst parallel bis deckungsgleich zu den Grenzwällen Roms - er grenzte aus Europa aus, was wir zuvor nicht ausführlich genug beträumt hatten, den Osten eben, und durchaus mag es daran liegen, dass auch wir Sternenputzer uns heute noch so schwer tun, sobald es gilt, Konzepte für ein gesamteuropäisches Miteinander zu entwerfen. Wir haben es versäumt, haben unsere Chance vertan, den Kontinent komplett zu träumen.
Die Frau: da habt Ihr einen guten Fang gemacht, Erhabener! Erlaubt mir, Euch zu Eurer Herzdame zu gratulieren! Als Ihr zu Siau Chou flogt, stellte ich sie auf die Probe: Ihr hättet hören sollen, wie sie mich herunterputzte, wie sie mir, einem Praefecten, die Stirn bot, da ich falsch zitierte, wie sie für einen ganzen Tag in den Archiven verschwand und sich dann Zutritt zu meinem Büro verschaffte, indem sie meinen Sekretär ohrfeigte - um mir dann jene Passage aus Band IIX der Anjouchronik auf den Tisch zu knallen, die mich widerlegte! Sie ist beängstigend klug, mutig bis zum Leichtsinn, arbeitet wie besessen, verfügt über enormes taktisches Geschick, kennt keine Skrupel, sobald sie sich durchsetzen will - doch ist sie auch loyal, Erhabener? Mich und meinen Freund Bertuccio Manini konntet Ihr mit Eurer Rede vor dem Plenum nicht täuschen. Wir beide sind zu alte Füchse und fochten allzu lange in wechselnden Konstellationen mit- und gegeneinander, immer um das Wohl der Behörde, als dass man uns noch etwas weismachen könnte. Ich vermute, dass niemand außer uns ihn bemerkte, doch Manini und ich hörten den falschen Zungenschlag in Eurer ansonsten meisterhaften Rede. Freimütig gestehe ich, dass ich Euren Beteuerungen keinen Glauben schenke. Vielmehr habe ich Euch im Verdacht, nicht - oder zumindest nicht genau - zu wissen, wohin Eure Geliebte ging und wie sie das Eigentum der Behörde zu verwenden beabsichtigt. Ich will aber deswegen keinen Streit vom Zaune brechen, zumal noch keineswegs absehbar ist, ob sie nicht, unbehindert durch Beamten-Scheuklappen und die Betriebsblindheit der Sternenputzer, genau das Richtige unternimmt.


+++

Macht macht einsam. Seit Jahren wusste ich, dass dieser Kampf mir bevorstand und freute mich sogar darauf. Man steigt nicht zum Herrn der Sternenputzer auf, wenn man Konflikte scheut! Doch wiegten mich die letzten Wochen in der trügerischen Hoffnung, dass ich zwar Herr sein müsste, doch nebenbei auf ganz normales Menschenglück nicht zu verzichten bräuchte. Mir geht es nicht nur um die Liebe! Viel mehr vermisse ich das spontane Verständnis ohne Worte, ihr loses Schandmaul, den Blick von außen, den Rat, von dem ich weiß: daraus spricht ganz bestimmt keine Behördenintrige. Wir sind vom selben Holz, sogar der kleine Unterschied ist noch aus ihm geschnitzt.
Es war nicht recht von Stephan, mich wieder so zu isolieren, nachdem der Zufall mir vorher einen Schluck dieses süßen Giftes gegönnt hatte. Es war nicht klug von ihm, ihr unsere einzige und letzte Chance anzuvertrauen, nur um sie dann damit allein zu lassen. Jetzt sitzt der Rechenblatt im Straflager einer philologischen Arbeit, die er hasst. Unser Vertrauen ist nachhaltig gestört. Und Monica pirscht allein durch eine fremde Wildnis. Drei isolierte Kinder von Atlantis.

***

Gerrit Daniel de Kempenaer, Praefectus in Magistratu Ordinis Collegii Claritatis Stellarum entbietet dem Berthold Hockenbrannt Augustus, Clarator Magnificus Stellarum et Princeps Collegii Claritatis Stellarum seinen Gruß.
Washington, 4-40-7544, am 5.10.1989 pcn, 21.00 Uhr Ortszeit

Erhabener Sternenputzer,
hört Ihr das Knistern im Gebälk? Vernehmt auch Ihr das Rascheln der mutmaßlich letzten Seiten unseres Zeitalters? Ich fürchte unsere Zukunft wird allein von Eisen sein, aus einem Guss, nicht wie die Bronze und wesentlich härter als kühl schimmerndes Silber oder gar Gold.
Doch wie man hierzulande in den Think Tanks sagt: facts first! Nach dem AIDS-Kranken Tuft, der mittlerweile als hemmungslos saufende männliche Kassandra - fast wäre man versucht zu sagen: mit aufgelöstem Haar - durch Washingtons Society-Zirkel geistert und sich einen Dreck um seine Leibwächter schert, nach Tuft also kam Denis "Goldfinger“ Quayle. Er unterzeichnet so, EH, und was das in einem Land bedeutet, das sich darüber erregte, dass James Earl Carter mit "Jimmy" unterschrieb, wisst Ihr so gut wie ich. Der Mann ist nicht einfach plemplem - er weiß es und genießt es, was ihn noch gefährlicher macht. Aber seine Tage sind gezählt! Das Establishment will endlich wieder Ruhe, will, dass man sich mit Italien und der Sowjetunion arrangiert und ungestört Geld machen kann. Im Supreme Court sprechen die obersten Richter offen von der Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens, das Wort Impeachment steht auf der Titelseite jeder Ostküstentageszeitung,  und man fühlt sich lebhaft an Richard Nixon‘s letzte Tage erinnert. Die Administration hat längst genug vom Chef, seit nicht einmal mehr engste Berater aus dem Nationalen Sicherheitsrat zu ihm vordringen. Die Vereinigten Stabschefs legen ihre Gesichter in kantige, martialische Falten, wenn sie vor ihm stramm stehen müssen, und im Kongress scheitern seine Gesetzesvorlagen im Dutzend billiger. (So sagt man doch in Eurer Sprache, EH?) Als Politiker verbreitet Quayle schon süßlichen Leichengestank.
Nach Tuft kam Quayle. Auf Quayle wird der augenblickliche Vizepräsident Theodore W. Turner folgen, vor ein paar Wochen noch Senator des kleinsten Bundesstaates Rhode Island, auch er ein Mann, dessen Namen, wie derjenige Quayle's, allenthalben besondere Beachtung findet. Das Kürzel „W.“ nämlich ist von einer Vieldeutigkeit, die zum Schmunzeln verleiten könnte, wäre der Hintergrund nicht so ernst. Es steht für WASP, einen Spitznamen, den der zweiundzwanzigjährige Jagdflieger Turner im Koreakrieg erwarb. Zugleich aber gibt die Abkürzung den vollständigen genetischen Code von Amerikas herrschender Klasse wieder: Weiß, Angelsächsisch, Protestantisch. Ihr nanntet Amerika einmal den Kindergarten Europas, eine Einschätzung, die ich nicht uneingeschränkt teile - auf Turner hingegen trifft sie zu. Er ist, so man ihn in die großelterliche Generation zurückverfolgt, polnisch-italienisch-rumänisch-französischer Abstammung und dennoch ein protestantischer Angelsachse, wie jetzt in der Presse breitgetreten wird, vermutlich um den Eindruck zu erwecken, er repräsentiere nicht allein die WASP-Führungsschicht, sondern darüber hinaus eine Reihe weiterer ethnischer Gruppen. Eva Bialostocki heiratete Niccolo Pedestri, welcher Verbindung Aurelia Pedestri entspross. Monica Ghika ehelichte Henri Tourneur und gebar ihm einen Jungen namens Marian Tourneur, der hinwiederum mit seiner Gattin Aurelia Pedestri Theodore Turner zeugte. Die Anglisierung von Tourneur zu Turner leuchtet ein, doch macht sie ihn zu einem Angelsachsen? Die Presse sagt: ja, weil die Tourneurs zwar französischer Herkunft, gleichzeitig jedoch hugenottische Auswanderer auf die englische Kanalinsel Guernsey waren, somit also über alle notwendigen Qualifikationen für die amerikanische Präsidentschaft bereits verfügten, als sie vor 150 Jahren in die Staaten einwanderten, um eine Textildynastie zu begründen. Ihr seht, Erhabener: verschlungen europäisch sind die Wege, die hier zur Macht führten. Absonderlicherweise aber zerbricht sich kein Mensch den Kopf darüber, ob im Falle Turners Nomen gleich Omen sein könnte - bringt der jetzige Vize nach Quayle‘s Sturz die Wende?
Mag diese Frage auch sehr drängen - verbindlich beantworten kann ich sie nicht, Erhabener, und weder unser Korrespondent im Weißen Haus, noch ein seit Jahren von ihm gepflegter (und teuer bezahlter) Kontakt in der Central Intelligence Agency wagt eindeutige Prognosen. Turners persönliche Option wäre wohl eine unauffällige Beilegung der Italienkrise, um dann in Ruhe abzuwarten, bis sich die Verhältnisse in der Sowjetunion stabilisiert haben, doch weiß man nicht, welchen Druck das Militär auf ihn ausüben wird, denn wenn den Herrschaften mit den vier Sternchen Quayle‘s direkter Konfrontationskurs der anderen Supermacht entgegen auch zu riskant ist, so sehen sie doch durch Della Glorias Vorgehen die südliche NATO-Flanke in einem Maß gefährdet, das sie kaum hinnehmen werden. Überdies teilt auch der Vizepräsident das grundsätzliche Unverständnis des konservativen Amerika für die Haltung Della Glorias. Dass mittlerweile 200.000 Sizilianer an amerikanischem Kampfstoff verreckt sind, dass der italienische Innenminister von US-Marines erschossen wurde, erscheint diesen Leuten offenbar als unvermeidlicher Kollateralschaden. Die toten Marines hingegen, die Tatsache, dass Verbrecher in italienischen Gefängnissen einsitzen, obwohl sie Inhaber amerikanischer Diplomatenpässe sind, Della Glorias fristgerechte Kündigung des Nordatlantikpaktes zum September 1990 und vollends gar die Einräumung von Hafenrechten an Schiffe der sowjetischen Mittelmeer-Eskadra gelten als teuflische Werke des Weltkommunismus, wobei zum Beweis immer wieder angeführt wird, Della Gloria habe die Kommunisten in Koalition und Kabinett aufgenommen. Dass er nicht anders konnte, wenn er der MAFIA den Garaus machen wollte, dass er diese Mehrheitsbeschaffer brauchte, um nicht von MAFIA-Hörigen, die ja in allen italienischen Parteien vertreten sind, lahmgelegt zu werden, dass schließlich sein entschiedenes Vorgehen gegen das organisierte Verbrechen bereits jetzt auch an der US-Drogenfront Entlastung bringt - all dies fließt nicht ins Kalkül der Konservativen ein, deren Weltbild auf bedingungslosem Schulterschluss aller good guys gegen die Kräfte des Bösen beruht. Höchst ungewiss, wie diese schlichten Gemüter die Gratwanderung zwischen Deeskalation und weltweiter Demütigung durchstehen sollen.
Machen wir uns nichts vor, EH! Italiens Kündigung des Nordatlantikvertrages droht das gesamte Bündnis aus der Balance zu hebeln. Allein die Qualität und Zahl der betroffenen Kommandostellen auf italienischem Boden, die im Laufe des nächsten Jahres verlegt werden müssen, spricht Bände. Von Neapel fortziehen müsste der Oberkommandierende Süd CINCSOUTH mit dem gesamten Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Südeuropa AFSOUTH. Des weiteren verlieren die Seestreitkräfte NAVSOUTH, dem acht Kommandobereiche im Mittelmeer unterstellt sind, ihr Hauptquartier. Der See-Eingreiftruppe geht STRIKEFORSOUTH verloren, den Luftstreitkräften AIRSOUTH - allesamt in Neapel. Aus Verona wird LANDSOUTH verbannt. Die 6. ATAF, eine von nur zwei taktischen Luftflotten im Mittelmeerraum wird nicht mehr länger in Vicenza heimisch sein und von den zahlreichen Luftbasen, Häfen und Kasernen in Italien wollen wir gar nicht erst reden. Die südliche NATO wird durch diesen historischen Einschnitt buchstäblich enthauptet. Was von ihr übrigbleibt sind lediglich LANDSOUTHEAST und die 5. ATAF in Izmir/Türkei. Um dies zu verhindern, wären die USA bereit, einen sehr hohen Preis zu zahlen. In CIA-Kreisen wird davon gesprochen, man wolle Della Gloria ein Angebot unterbreiten, das er unmöglich ablehnen könne - diese Hirnrissigen zitieren tatsächlich Coppolas Film Der Pate. Aber sie bieten verbilligte Rüstungslieferungen, überproportionale Vertretung der italienischen Generalität in allen alliierten Stäben sowie, als Trumpf, eine einmalige Pachtzahlung in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar für das Recht, alle bisherigen Stützpunkte uneingeschränkt weiter zu benutzen. Dieses Geschenkpaket werde demnächst auf Quirinal und Esquilin abgeliefert. Die verstärkte Präsenz der Italiener in den Stäben ließe sich natürlich, da diese Verschiebung des Proporzes nicht zuungunsten der Amerikaner selbst ausfallen soll, nur auf Kosten der übrigen Bündnispartner bewerkstelligen. Dieser Punkt wird daher von einem Arbeitskreis im Nationalen Sicherheitsrat diskutiert, der so geheim ist, dass außer uns beiden, dem Korrespondenten und seinem CIA-Gewährsmann nur vier weitere Personen davon wissen. Die Amerikaner werden also ihr Geschenk abliefern ...


+++

Wird jemals alles aufzuklären sein? Mancher Dunstschwaden aus dem großen Alchymistentopf verzieht sich nie. Und vom Gebräu können wir allenfalls kosten - unwiederbringlich ist die Rezeptur verloren.
Dennoch gestatte ich Bertuccio Manini in seiner Eigenschaft als Notar und Archivar unbeschränkten Zugriff auf die Beamte aller übrigen Magistrate, was deren Praefecten natürlich keineswegs begeistert. Ist aber nicht zu ändern!
Nur weit im Hinterkopf denke ich manchmal, die Entscheidung sei ungerecht, denn ganz kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass Bertuccio über Gebühr Personal abzweigt, um den Querverbindungen Bertuccio Manini / Niccolo Manini in Zara / Kapitän Manini in Batavia nachzuspüren. Kann man ja auch irgendwie verstehen, so wie allesamt in die Geschichte verwickelt sind.
Aritomo Jamagata, nach Rechenblatt und mir mit zweiundvierzig Jahren drittjüngstes Mitglied des Collegiums und der erste Praefect, bei dessen Ernennung ich als Stellvertreter meine Hand im Spiel hatte, wurde Chef einer weiteren Sonderkornmission. Er hat sein ganzes Leben beim Go-Spiel und über Entwürfen fiktiver Marketingstrategien zugebracht. Am Beginn seiner Karriere stand Woodstock, wo es ihn ungeheuer faszinierte, dass Träume sich in Geld ummünzen ließen. In der Behörde scheiterte er noch zu Siau Chous Zeit mit dem Vorschlag, philosophische Sinnsprüche und Sternenputzerweisheiten in Betonklötze zu gießen und nächtens durch Korrespondenten in U-Bahnhöfen aufstellen zu lassen. Nun soll dieser Mann für uns Konzepte finden, wie Träume Massenbewegungen in Gang bringen. Er will seine Kampagne vornehmlich auf den Lapis Niger und die Säule von Swiecie stützen. Ich habe gewisse Zweifel, ob das den Menschen unsere Ziele nahe bringt, so nahe, dass sie notfalls für die Sternenputzer auf die Straße gehen, aber solange mir selbst auch nichts besseres einfällt ... Die Hohe Behörde betritt mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit Neuland.
Meine zahlreichen Personalprobleme bedingen einander: Beamte, die in Sonderkommissionen eingesetzt werden, fehlen im laufenden Geschäft. Das ruft Missmut hervor, lenkt den Zorn der Praefecten auf mich und wird sie kaum für meine Pläne einnehmen. Ich kann nur hoffen, sie sehen ein, dass mir zurzeit keine andere Wahl bleibt, als Löcher mit Löchern zu stopfen. Ich muss Prioritäten setzen! Und doch ist gerade jetzt das laufende Geschäft besonders dringlich. Ohne kontinuierliche politische Analyse aller Magistrate werden wir binnen kurzem jeden Überblick verlieren. Andererseits dürfen wir uns nicht länger einigeln und vom sicheren Schreibtisch aus die Welt beobachten. Ich benötige also Beamte, die ich zu den Korrespondenten schicken kann. Unsere Außenposten nämlich ausgerechnet jetzt von den Entscheidungszentren der Welt zum Rapport herzubeordern, grenzte an Wahnsinn. Washington. Rom und Neapel. Moskau. Die westeuropäischen Hauptstädte. Das explosive Peking. Ostberlin, Warschau, Budapest. Von überallher brauche ich die jeweils aktuellsten Informationen und kann mich nicht mit brieflichem Kontakt zu den Korrespondenten begnügen. Das persönliche Gespräch mit ihnen ist unabdingbar, ich will die Atmosphäre riechen können, das Hochziehen einer Augenbraue vor dem locker hingeworfenen Urteil sehen, das Zögern vor bestimmten Antworten. Ich will das Zittern ihrer Pulse unter dem Zeigefinger spüren - ein fernschriftliches EKG reicht mir nicht aus. Also muss ich scharfe Beobachter schicken, die besten, die ich habe, doch woher nehmen, wenn ich sie zugleich im Behördensitz so verzweifelt brauche? Eigentlich wäre Manini der geeignete Mann für Washington, doch Italiener erfreuen sich in der US-Hauptstadt derzeit keiner übermäßigen Beliebtheit. Rechenblatt ist verplant. Mo ist was weiß ich wo. Und ich selbst darf im Sturm die Brücke nicht verlassen. Ob ich mich mit de Kempenaer dahin gehend arrangiere, dass er nur pro forma und um die Steinbeißer ruhig zu stellen die Leitung der ersten Sonderkommission behält und den Hauptteil seiner Arbeitskraft auf die Leitung meines neu einzurichtenden Nachrichtendienstes verwendet? Er würde sich vielleicht geschmeichelt fühlen von einem solchen Vertrauensbeweis. Ärgerlich, wie dünn die Spitzenkräfte gesät sind - selbst inmitten unseres hohen Durchschnittsniveaus. Folgerichtig ergibt sich ein weiterer Bruch mit den Traditionen: Auf meinem Schreibtisch liegt die Verfügung, den Lehrbetrieb vorläufig einzustellen. Die Lage überfordert uns alle gleichermaßen. Gute Beamte müssen die Aufgaben der Besten wahrnehmen. Warum sollte ich nicht den besten Studenten zeitweilig die Aufgaben guter Beamter übertragen? Jaja, Nachfolger/in, ich höre Dich kritteln: Die Hierarchie gerät ins Wanken! Du hast schon Recht, es werden Erbhöfe geschleift, doch wenn wir jetzt am Personalmangel scheitern, gibt es Deine Hierarchie, Dich selbst inbegriffen, bald schon nicht mehr. Du stimmst mir sicher zu: Da sind ein bisschen Anarchie und Pöstchenwirrwarr vorzuziehen! Wollen mal sehen, was die alte Maschine noch hergibt! Dass mir das passiert: ein Bild aus der Mechanik zu benutzen! Die Macht treibt befremdliche Blüten in der Sprache.
Analog gilt das für Traum und Wirklichkeit: Ich werde einen Griff in die Schatzkammer der Träume tun. Bucholtz beschrieb, wie im Untergeschoss des Palazzo Manin zu Venedig, wo die Ratsherren residierten, auch noch zu aufgeklärt wissenschaftlichen Zeiten eine Alchymistengruppe sich in der Goldmacherkunst übte. In die Anjouchronik hinein träumten Rechenblatt und ich die Praefectura septem artium liberalium alchymiaeque und siedelten sie im selben Gemäuer an. Nur gut, dass Bertuccio Manini nie lesen wird, wie respektlos ich von seinem Vaterhaus schreibe! Unter ebendiesem Namen werde ich nun eine Praefectur aus dem Magistratus Purificationis Stellarum ausgliedern und dem sympathischen Spinner Alexander Ypsilantis unterstellen. Ein netter Kerl, aber als Praefect eines ordentlichen Magistrates eine glatte Fehlbesetzung. Er gehört zu den Erblasten, die ich von Czartoryski übernahm. Für meine besonderen Zwecke ist er dennoch genau der Richtige, weil in seiner Person Aggressivität und Verträumtheit eine originelle Symbiose eingehen. Schon dass der Grieche kein Hehl daraus macht, leidenschaftlicher Anhänger des spanischen Stierkampfs zu sein! Aber er besitzt nicht nur Hemingway-Qualitäten, sondern ist gleichzeitig ein Tagträumer: Als ich ihm vor dem Plenum seine Ernennung mitteilte, bat er mich doch tatsächlich, seiner griechischen Abstammung zuliebe, Die Sieben Freien Künste aus dem Namen der neuen Praefectur zu streichen und durch Die Neun Musen zu ersetzen! Na, seine zukünftige Arbeit ist ihm auf den Leib geschneidert! Diese neue Praefectur nämlich wird sich mit der Studentenschaft auseinander setzen. Ich trage bereits schwer genug an der beamteten Opposition. Man darf ihr keine Angriffsflächen bieten, indem man ihr die Chance lässt, in einer unzufriedenen Studentenschaft Wühlarbeit zu leisten! Daher werde ich die Studenten der Sternenklarheit buchstäblich entfesseln. Ich schenke ihnen Spielzeug! Da klingt er wieder an, dieser habituelle Zynismus der Macht! Etwa hundert von ihnen setze ich als Beamte auf Zeit ein und muss vermeiden, dass der unterforderte Rest, nun da der Lehrbetrieb aufhört, aus lauter Langeweile und Leerlauf rebellisch wird, denn mit ihren üblichen Sekretärs- und Assistentendiensten sind die Studiosi nicht ausgelastet. Der Neid auf kurzfristig beamtete Kommilitonen könnte sie auf dumme Gedanken bringen. Sie alle blickten bereits auf beachtliche Lebensleistungen zurück, bevor wir sie zu uns riefen, zwangsläufig würden sie die Frage stellen: Wenn jener befördert wird, warum dann nicht ich? Solange die Hierarchie festgefügt stand, konnten solch bittere Gefühle allenfalls auftreten, sobald einer der ihren in den untersten Beamtenrang erhoben wurde. Doch was würde geschehen, nun da die Strukturen sich auflösen? Nein, dies Risiko geh ich nicht ein! Vor gerade einmal zwanzig Jahren erlebten wir, dass ein paar tausend gewitzter Idealisten ganze Gesellschaften umzukrempeln vermochten. Nun lässt sich studentischer Idealismus aber auch missbrauchen und welche Folgen dies in einer Gesellschaft hätte, deren aktiver, maßgeblicher Teil (vernachlässigt man einmal unsere Techniker, Handwerker, die pensionierten Beamten hier am Behördensitz und so weiter, was sie mir hoffentlich nachsehen werden) zu 81,5 Prozent aus Studenten besteht, lässt sich leicht vorstellen! Nein, ausgeschlossen, keine unnötigen Risiken, man muss die Studiosi ablenken! Und hier kommt wieder Alexander Ypsilantis mit seiner neuen Praefectur ins Spiel: Die unterbeschäftigten Studenten werden in Dreiergruppen Weltentwürfe anfertigen, die davon ausgehen sollen, dass die Existenz der Hohen Behörde öffentlich bekannt wird. Jeder Student hat schon zahlreiche mögliche Welten ohne Sternenputzer entworfen, nun sollen sie einmal versuchen, sich die wirkliche Welt inklusive der Behörde auszumalen. Jede vorstellbare Rolle, die uns zufallen könnte, vom Dirigenten im Konzert der Mächte, über weltpolitische Mittlerfunktionen bis hin zum öffentlich verlachten Narrenkränzchen oder gar zur Zerstörung der Behörde, die zwangsläufig erfolgen wird, wenn wir an die Weltöffentlichkeit treten und zu viele Feinde gegen uns stehen. Auch das allerschlimmste soll mit bedacht werden, dass nämlich unser Auftritt nicht nur uns selbst zerstört, sondern die Welt. Eine Gesamtschau aller Chancen und Risiken, Träume und Nachtmahre! Die Praefectur des Alexander Ypsilantis wird alles sichten, ordnen und aus diesem gigantischen Planspiel sinnvolle Züge für Verteidigung und Angriff herausfiltern. Und ich selbst endlich? Was tut DER Sternenputzer, nachdem er Arbeit delegiert, gestraft, befördert hat? Gleich einer Spinne sitze ich im Mittelpunkt des kausalen Netzes und taste sorgsam der leisesten Vibration nach. Gleich Minotaurus hocke ich im Labyrinth der Möglichkeiten, entwickle mich zu einem Monster. Mir ist kalt ums Herz.


+++

Kein Wort vom querulatorischen Theorienstreit, den wir über Sinn und Zufall führten! De Kempenaer gab mir nicht recht, sondern argumentierte strikt pragmatisch. Hält er die Entdeckung der Traumspuren für bloße Koinzidenz? Oder teilt er halb und halb meine Ansicht, dass Zufälle, die sich so nahtlos ineinander fügen, Sinn machen wollen? Wahrscheinlich würde es ihn demütigen, dies einzugestehen. Wie dem auch sei, ich kann mir meine Verbündeten nicht aussuchen. Das Muttermal unter der linken Achsel, das Mal verjährter Schuld? Die Beinaheausrottung unserer Vorfahren durch den javanischen Gouverneur de Kempenaer? Eigentlich war Gerrit Daniel ja kein in der Wolle gefärbter de Kempenaer, denn lediglich sein Muttermal wies ihn als familienangehörig aus. Was also treibt ihn jetzt auf meine Seite?
Ach was, solche Fragen sind müßig! Rücksichtnahme auf persönliche Gefühle steht mir nicht länger an. Nachdem ich die Wandlung vom Saulus zum Paulus erkannt habe, werde ich mich seiner künftig bedienen. De Kempenaers Einfluss auf die Steinbeißer ist nahezu ungebrochen. Ohne ihn käme ich nur schwer zurande, denn nach sorgfältiger Auflistung aller Namen unter den Rubriken Anhänger-Unentschiedene-Gegner, sieht es trotz de Kempenaers Seitenwechsel mitnichten rosig aus. Nur maximal fünf Neuntel stehen überzeugt auf meiner Seite. Drei Neunteile der Behörde fühlen sich gegen den Strich gebürstet und hätten längst frondiert, wäre die Lage nicht so verzweifelt. Sie sind noch unentschieden und nach jeder Seite offen. Es bleibt ein letztes Neuntel der Beamtenschaft. Das sind die Männer, die nun de Kempenaer die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Meine hartnäckigsten Gegner. Es wäre närrisch, de Kempenaers Hilfe alter Querelen wegen abzulehnen! Noch im Plenum berief ich ihn daher zum Leiter einer Sonderkommission von siebenundzwanzig Beamten, die strukturelle und juristische Fragen, aber auch notwendige bauliche Veränderungen im Behördensitz abklären soll, die sich aus der zukünftigen Einbindung von Frauen in unsere Arbeit ergeben. Damentoiletten müssen eingebaut werden. Der komplette Text der Behördenverfassung bedarf der Überarbeitung. Abstimmungsmodalitäten stehen zur Disposition: bislang sorgte die Dreizahl der Praefecten in den Magistraten bei jeder Entscheidung mindestens für eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Mit Hinzuziehung von drei Praefectinnen geht die Gewähr für sichere Mehrheiten verloren. Ein Sechsergremium ermöglicht Pattsituationen. Damit soll Gerrit Daniel de Kempenaer sich herumschlagen! Die Steinbeißer werden sich hüten, nach ihrem Oberhaupt zu schnappen! Ich setzte der Kommission ein sechsmonatiges Zeitlimit bei wöchentlichem Vortrag. Ich weiß, mein Nachfolger: solche Eile verleitet zur Schluderei! Doch will ich nichts unversucht lassen. Rechenblatt wurde beauftragt, eine Liste von zunächst fünfhundert weiblichen Kandidatinnen für die Studentenschaft zu erstellen. Das zwingt ihn, unüberschaubare Literaturmassen zu sichten und wird ihm eine Lehre sein! Keine Eigenmächtigkeiten mehr! Papier soll er fressen zur Strafe für Monikas unerlaubte Entsendung!
Das Kernproblem jedoch bleibt ungelöst, auch wenn der langfristige Beförderungsplan in meinem Kopf annähernd bis zur Reife gediehen ist. In spätestens zwei Jahren könnte eine ausreichende Zahl von Frauen das Studium am Behördensitz aufgenommen haben. Wir müssen es heroisch straffen, damit in fünf Jahren gleichzeitig zweihundertdreiundvierzig Frauen in den Sekretärinnenrang der Beamtenschaft erhoben werden können. In sieben Jahren etwa müssten die fähigsten einundachtzig von ihnen zu Legatinnen erhoben werden, in neun Jahren aus deren Reihen siebenundzwanzig zu Procuratorinnen und damit ins Collegium aufsteigen. Um die Jahrtausendwende dann wird es mir ein Vergnügen sein, neun Praefectinnen im Collegium zu begrüßen. Lächerliche Fragen: dehnen wir die Tradition des Bruderkusses im Collegium auf unsere Schwestern aus oder würden uns die künftigen Kolleginnen das als Sexismus ankreiden? Völlig neue Perspektiven: erstmals in der Behördengeschichte ist DER Stellvertreter älter als DER Sternenputzer. Sollte Rechenblatt vor mir sterben, so wird man mir DIE erste Stellvertreterin seit dreitausendsiebenhundertneunundfünfzig Jahren wählen. Es könnte also durchaus sein, dass Du, für DEN ich hier schreibe, eine DIE bist, merkwürdiges Gefühl, das! Die Kernprobleme bleiben auch hiervon unberührt! Wie steht die männliche Studentenschaft jenen ersten Beförderungsschub psychologisch durch, der unvermeidlich ist, um den Umbau der Behörde in angemessener Frist zu bewältigen? Hunderte Frauen müssten binnen weniger Jahre ernannt werden, während weiterhin jährlich nur 20-30 Männer in die Beamtenschaft nachrücken. Trotzdem bleibt die Doppelbesetzung aller Funktionen unsere einzige Chance. Das Hinzukommen von Frauen wird dem männlichen Ego gerade noch erträglich scheinen, verlange ich von ihnen für Frauen zurückzustecken, dann bin ich erledigt. Verdammt, das klingt so herablassend ironisch! In meiner unangreifbaren Position kostet mich solche Gelassenheit nichts. Würde ich persönlich für eine Frau zurücktreten?
Da fällt mir eben ein, dass wir einen neuen Krönungssaal entwerfen müssen, wenn demnächst übereck um die Thronsessel DES/DER Sternenputzer/s/in und DES/DER Stellvertreter/s/in statt dreihundertsechzig die doppelte Zahl von Beamt/inn/en Platz haben soll! Rasch eine Notiz in meine morgige Agenda ...
So, da bin ich wieder! Wo war ich stehen geblieben?
Weitere Sofortmaßnahmen: ich muss Bertuccio Maninis Mannschaft verstärken! Ohnehin ist er mit Auswertung der doppelten Bucholtz-Buchführung jetzt schon überlastet. Dennoch komme ich nicht umhin, ihm weitere Aufgaben aufzuhalsen. Er soll mir Suchprogramme entwerfen, die in den Computerkatalogen selbsttätig nach Übereinstimmungen mit der Anjouchronik oder den Aufzeichnungen der Familie Bucholtz zu Klingenhoven suchen. Da sich während der letzten Wochen die Hinweise häufen, dass Traum und Wirklichkeit, unser Archiv und fremde Bibliotheken, kurz, alles und jedes irgendwie zusammenhängt - was einen sehr unbefriedigenden Zustand darstellt, solange dieses irgendwie nicht näher zu definieren ist - müssen wir entweder in den wesentlichen Punkten Klarheit schaffen, oder uns in die Lage versetzen, guten Gewissens sagen zu können: wir geben auf und leben künftig mit der Undurchschaubarkeit von Welt und Worten.
Es lässt sich ja womöglich Dickfelligkeit erlernen oder ein Waffenstillstand mit dem eigenen, unlöschbaren Erkenntnisdurst schließen. Wir sollten uns rechtzeitig mit einer solchen Notwendigkeit anfreunden, weil schon die schiere Quantität der Archive, die Materialfülle sich so gewaltig häuft, dass seit Jahrhunderten die Archivare stöhnen, sie könnten nur noch abstauben und sich dem Verfall entgegenstemmen - von Sichtung oder gar qualitativer Auswertung entferne man sich Tag für Tag weiter. Acht Millionen Regalkilometer, addiert man die Instituts- und Magistratsbibliotheken zum Zentralarchiv hinzu! Seit fast achttausend Jahren sammeln wir sozusagen alles, was auf der Welt geschrieben wird und schreiben dann noch selbst darüber! Als ob man sich die Welt in Schriftform untertan machen könnte!
Dennoch wüsste ich gern, ob die Sternenputzer Rechenblatts und meine Vorfahren als das kannten, was sie wahrscheinlich waren: Nachkommen der Menschen von Atlantis! ? Brennend interessiert mich, ob die Behörde während der Sizilianischen Vesper mit der MAFIA zusammenarbeitete! Waren wir Freunde von Freunden? Oder wie ist sonst zu erklären, dass das organisierte Verbrechen zwar eine weltweite Krise herauf beschwor, andererseits aber Lucia Dellarda, die biestige Gangstermutter, uns den Gefallen erwies, Marc Aurel in die Luft zu sprengen, so dass wir Reisende den Sisyphus samt Stein der Weisen Magier und Kreuz fanden - womit der üblen Pestilenz vielleicht schon gleich nach alchymistischen Regeln ein heilsamer Theriak gemischt ward?  Warum köchelte uns die Alte solch gefällige Mixtur? Weil sie über den Tod ihrer Familie und das Verschwinden des MAFIA-Pergamentes erbost war. Weshalb verschwand das Pergament? Weil Rechenblatt stahl. Wie kam ich zu den Bucholtzpapieren? Weil ich vor Dellardas Leuten floh, die das Pergament fälschlicher Weise von mir zurück erwarteten, und so an Lorwitz geriet. Wie konnte Rechenblatt das Pergament entwenden? Weil die Behörde in derselben Privatbank wie Alcide Dellarda ein Schließfach unterhält. Warum mietet die Behörde Schließfächer in MAFIAbanken?


+++

Die Europäer sind die Deutschen dieser Welt, ich darf das sagen, ich, DER Sternenputzer, darf mein Volk vergleichen. An seinem großkotzigen Wesen ...
Die Europäer samt ihrem Kindergarten, gelegen zwischen dem 2424 Meter hohen Mount Olympus im Nordwesten und dem Neuen Orleans südöstlich, dort wo der Mississippi mündet ins karibische Nebenmeer Atlantiks. Atlantik gleich Atlantis? An dessen Wesen?
Der Rest der Welt studiert fleißig die weiße Medizin. Will gar nicht behaupten, dass er anständiger ist, oder ein besserer Doktor, dieser Weltenrest, doch unterlaufen ihm die Kunstfehler vorläufig noch in geringerer Menge. Er verordnet auf dem dünneren Rezeptblock, muss oft gegenzeichnen lassen, ist Assistenzarzt und manchmal auf Selbstversuche angewiesen.
Wie weit wird Rhetorik mich verführen zu immer neuen Bildern? Wo verläuft die Grenze, an der jedes Recht der Sprache endet, dahinter nur Statistik möglich bleibt, zahlengebändigtes Grauen, weil jedes Wort unmenschlich?
Wenn Europa, anhand dieser Statistiken demnächst die Rechnung präsentiert würde, oh Sterne! Manche Schulden sind zu tilgen. Die meisten aber lassen nur moralische Bankrotterklärung zu, die Hoffnung auf Vergebung, auf ungerechte Gnade. Es fruchtet auch nichts, die Gläubiger auszuhungern oder durch Lieferung von Waffen zum Selbstmord anzuregen. Werden eigene und ererbte Schulden nicht erlassen, so muss man bar zahlen, geht beim Versuch zugrunde, vom persönlichen Leben Tilgung abzusparen oder wird eingemauert im Schuldturm des Gewissens. Oder man hat kein Gewissen. Niemals jedoch gehen Europas Schuldscheine verloren! Aus den Konturen menschlicher Skelette unter noch dünnem Treibsand am Rande der Sahelzone zu lesen. Mit Fingernägeln in Betonwände der Gaskammern gekratzt. Mit Napalm in vietnamesische Säuglingshaut gebrannt. Mit dunkelgelber, vom Stiefelabsatz in den Nieren rotschlieriger Pisse dem Schnee sibirischer GULAG-Lager eingeschrieben. Sie dürfen nicht verloren gehen, diese Schuldscheine! Nach Auflaufen solcher Schulden rechtfertigt einzig und allein noch saubere Buchführung den Namen Mensch.
Ich hör Euch schon, ihr Europäer: geh träumen, Sternenputzer, vergleich uns nicht mit deinen Deutschen! Denk auch mal an den mörderischen Erfindungsreichtum außereuropäischer Kulturen: indianische Marterpfähle, das geradezu genießerische Raffinement in den Folterkammern der Ming ...
Damit sind wir dann wieder bei den Deutschen, schlimmer - beim unsäglichen Streit der Historiker in meiner Heimat. Oh Sterne, welch ein Vergleich! Seiner Natur nach soll der Holocaust eine asiatische Tat gewesen sein! Als ob die weißen Herrenmenschen ausgerechnet auf diesem Gebiet der Anleitung bedurft hätten! Dschingis Chans Horden schwelgten im Blutrausch. Sollte der teuflische Orden unterm Totenkopf bei diesen wilden Blutsäufern in die Lehre gegangen sein, um die Grenzkapazität der Verbrennungsöfen zu berechnen? Wurde Zyklon B in Schamanentöpfen angerührt, oder saß Stalin im Aufsichtsrat der I.G. Farben? Mitnichten, ihr Herren Historiker: die durchrationalisierte, industrielle Massenvernichtung ist originär europäisches Gedankengut! Blutsäufer stellen keine detaillierte Kosten-Nutzen-Rechnung auf! Das macht sie beinahe sympathisch.
Keine Vergleiche mehr! Oder falsche Statistiken!
Dann lieber fehlfarbene Bilder, denn sie versuchen wenigstens, das Gräuel zu skizzieren. Nirgends endet das Recht der Worte. Höchsten ihre Wirksamkeit!
Stammelnde Sprache. Tolle Ärzte in Weiß. Genesen an Wesen. Zwangsjacken und Schuldscheine. So unaufzählbar hohe Ziffern. Deutsche. Und inmitten all dessen sitzen wohlgenährt und frisch gewaschen, ohne einen einzigen Blutstropfen im Urin, die Sternenputzer dieser Welt am Schreibtisch und sublimieren Selbstzweifel, anstatt sich totfoltern zu lassen für ihre Wahrheiten und Träume. Es muss ein Ende nehmen oder einen Anfang. Es muss Sinn zu finden sein in Welt und Worten! Wir sind ihn schuldig!

Erneut im Archiv der Magnifizenzen, damit beschäftigt, meine schriftliche Hinterlassenschaft für Dich, mein Nachfolger auf neuesten Stand zu bringen. Ob Du dereinst wohl tatsächlich Rechenblatt heißt? Trotz unseres ziemlich gleichen Alters?

Nach erbitterter, teils hasserfüllt geführter Kontroverse konnte ich mich durchsetzen ... vorläufig ...

Nein, so geht‘s auch nicht, Du könntest Dich versucht sehen, diesen Archivband zuzuklappen, geschätzter Nachfolger. Welche Sprache soll ich also für die Archive wählen?

Sie haben es gefressen! Zwar knirschten Zähne und mancher würgte, ich weiß nicht, ob jeder es verdauen wird, aber, - sie schluckten! Für den heutigen Vormittag hatte ich eine Vollversammlung der Behörde anberaumt, Collegium, Beamtenschaft, sogar die Studenten waren eingeladen. Vor dieses Forum hinzutreten und zu sagen: Der Rechenblatt, mein eigener Stellvertreter hat mich betrogen, in seinen ersten Amtstagen ... hätte das Ende jeder Loyalität bedeutet.
Andererseits hatte die ganze Behörde meine Lautsprechersuche nach Mo mit angehört und nun waren sie neugierig. Zum Glück war Rechenblatts Entscheidung, Monica gehen zu lassen, nachdem er ihr die Traumspuren ausgeliefert hatte, sein einsamer Entschluss gewesen. Ich wusste nichts. Unser Freund Bertuccio Manini war ahnungslos. Ja, Rechenblatt selbst zuckte ratlos die Achseln. Sie hat ihn angeschwiegen, als er fragte, sagte dann (so sagt er mir): Wart ab oder nimm den ganzen Krempel zurück! Ungelegte Eier haben dünne Schalen. Ein Wort kann sie zerbrechen.
So konnten wir heute Morgen wenigstens lügen, ohne ertappt zu werden. Beiläufig nur flocht ich Monicas Verschwinden in meine Erläuterungen ein, schilderte ihren Abgang so, als hätte ich sie selbst mit einem Auftrag fortgesandt und sei nur von ihrem sehr zeitigen Aufbruch überrascht worden. Der Macht zu dienen, heißt für die Worte: lügen. Natürlich sprach ich all dies nicht aus, schließlich habe ich es ja nicht mit Idioten zu tun. Ich ließ meine verlogenen Ausreden nur zwischen den Zeilen anklingen, in halb verschluckten Nebensätzen, um die Beamtenschaft nicht des Vergnügens zu berauben, ihren neuen Herrn zu durchschauen. Ich foppte die Collegen, manipulierte sie, ich beugte Fragen vor, wich aus, legte falsche Fährten und lenkte alles Interesse fort von Monicas Abwesenheit auf Geschichtliches hin. Nur nicht festlegen! Wer weiß, welche verrückten Manöver Monicas ich hinterher erklären muss! Ich glaube, niemand merkte, dass ich hauptsächlich eigene Unkenntnis verheimlichte.
Ich kleisterte mit Sensation die Hirne zu: Erstmals erhielt die Gesamtbehörde Zugang zu unserem Rechenschaftsbericht, zum erstenmal erfuhren sie die ganze Wahrheit über den Untergang von Atlantis. Erbärmlich, dass Adam mich auch hier belog: Die beiden Sternenputzerinnen von Atlantis gehörten, wie die Männer, zur Opposition, hatten das Energieprogramm bekämpft. Sie flohen nicht aus Angst ums Schicksal ihrer Ungeborenen. Sie entkamen an der Seite ihrer Bundesgenossen - und wurden von diesen verraten. Warum, Adam? Deine Asche ist davon mit dem Wind, kannst mir nicht antworten. Vielleicht frage ich gerade deshalb. Wozu diese Lebenslüge der Behörde, so durchsichtig, so primitiv? Musste der Tagesanbruch des Patriarchats auf so brutale Weise in unseren Reihen nachvollzogen werden? Adam, hast Du nicht recherchiert in den Geheimarchiven? Oh ja: seit dem Tag 1-1-3785, an dem Atlantis unterging, behaupten die Archive der Magnifizenzen penetrant und mit bedauerndem Unterton, die Frauen seien schuldig, es sei zwar nicht sehr nett gewesen, sie inmitten öder Küstenlandschaft im Stich zu lassen, aber doch psychologisch nachvollziehbar. Inkompetente Fälscherbande! Auf wundersame oder saublöde Weise entgingen Euch einige Worte des Peranus von Atlantis, DES letzten atlantischen Sternenputzers. Nur ein paar Seiten blättern, schon waren gefunden, nicht einmal handschriftlich, so dass Ihr Euch auf fehlende Transskription, mangelnde Lesbarkeit hättet rausreden können, nein in präzisen Lettern: "... und so empfinde ich als tröstlich, dass diese beiden zu mir halten. Sie allein hindern mich, vollends am weiblichen Geschlechte zu verzweifeln ..."

Und dieser Satz soll nie jemand aufgefallen sein? Waren denn die Herren der Behörde Analphabeten, die ihr eigenes Geheimarchiv nicht zu gebrauchen wussten? Willst Du mir weismachen, Du hättest die Passage nicht gekannt? Überblättert? Eine verblinzelte Zeile, weil Aktenstaub unter das Augenlid geraten war und piekste?

Wir waren alle drei prallvoll der Gegenwart gewesen. Wir hatten nicht bemerkt, dass man den 1. September schrieb, als wir Adams - jetzt mein - Arbeitszimmer aufsuchten, um unseren Rechenschaftsbericht zu überreichen. Auch Mo und Rechenblatt war das Datum entgangen. Voll selbstgerechten Zornes trat ich daher wenige Stunden später an Adams Sterbebett, gekränkt, beleidigt und auf Rache für sein Falschspiel sinnend. Ich wollte ihm die letzte Ruhe rauben. Ich trug mich mit der Absicht, ihm seinen Abschied von der Welt mit moralinsauren Vorwürfen zu vergällen. Adam empfing mich mit den Worten:
Heute ist der 1. September 1989. Ich habe versucht, Dich zu betrügen und bin gescheitert. Ich führe dieses Datum zu meiner Rechtfertigung an. Ich bin Pole, Berthold, und vor genau fünfzig Jahren begann Dein Volk den schrecklichsten Krieg der Geschichte mit der Beschießung eines polnischen Munitionslagers auf der Westernplatte. Ich habe Angst Berthold, fürchte die Deutschen und meinen deutschen Nachfolger, ängstige mich vor zwei Menschen, vielleicht auch dreien, die angeblich von Atlantis herstammen und Sendungsbewusstsein ausbrüten könnten. Und schließlich zittere ich davor, dass fünfzig Jahre nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs der letzte Krieg der Menschheit beginnen könnte. Die Flugzeugträger vor Neapel, SEASTAR und TROTZKI heizen der Atmosphäre gefährlich ein. Ich musste es versuchen, Berthold!

Wie soll man auf so was antworten? Dass - obwohl ich im Eifer der Gegenwart das historische Datum vergaß - ich zu jenen Deutschen gehöre, die sich in Brandts Warschauer Kniefall repräsentiert sehen, nicht im unseligen Grenzgeschwätz des bayerischen Straußeneins Theo Waigel, - dies wusste Czartoryski. Auch muss nach meiner Meinung gar nichts im nationalstaatlichen Sinne wiedervereinigt werden. Es sollte niemals ein neues Deutsches Reich geben, das gegenüber Polen Gebietsansprüche geltend machen könnte. Nur ja kein übermächtiges Gebilde in der Mitte des Kontinentes! In jeder Hinsicht wäre es mit viel zu vielen antiquierten Vorstellungen behaftet, um segensreiche Wirkung entfalten zu können. Vielmehr begreife ich die deutsche Teilung als unglaubliche Chance für Europa. Die beiden deutschen Staaten sollten zu zwei Seiten einer hochdurchlässigen Membran zwischen Ost- und Westeuropa werden, lediglich die Mauer müsste fallen. Unterschwellig war der Gedanke wohl seit eh und je vorhanden gewesen, doch nun durchzuckte er mein Hirn gleich einer Sternschnuppe: An dieser Mauer, wenn überhaupt, erfüllt sich Roms Schicksal. Hier kann der Fluch des Rechenblattahnherrn gelöst werden.

Schön Berthold, sagte er. Aber nicht alle Deutschen denken so wie du.
Es nehmen auch nicht alle Deutschen bald auf deinem Thron platz, entgegnete ich.
Sendungsbewusstsein Adam? Woher soll ich es ableiten? Vom fürchterlich realen Auschwitz? Von Abermillionen totgeträumten Opfern atlantischer Sternenputzer? An meinem Wesen? Nein, mein ehemaliger Freund aus Polen, Du hast nichts zu befürchten, denn die Grundzüge meines Wesens sind ein unbequem gutes Gedächtnis und das ausgeprägte Gefühl von Zusammengehörigkeit über Zeit und Raum und Kausalität hinweg. Ich schäme mich für Untaten von meinesgleichen. Mögen sie auch ohne meine Mitwirkung, im fernsten Anderswo und lange vor meiner Zeit begangen worden sein, so komme ich doch nicht umhin, mich von ihnen in die Pflicht nehmen zu lassen. Man macht nichts ungeschehen. Auch Wieder Gut Machung des Bösen ist unmöglich. Wer sich aber nicht von allem lossagen und in den Abgrund der Geschichtslosigkeit stürzen will, der müht sich ab, Folgen zu lindern und neue Gründe zu vermeiden. Allenfalls in diesem Sinn entwickle ich Sendungsbewusstsein. Man fällt mit solchen Anschauungen ganz zweifellos der Umwelt lästig und womöglich attestieren einem die Psychiater Schuldkomplexe. So recht enttäuscht fühlt man sich aber erst, wenn die eigenen guten Absichten von jenen misstrauisch beäugt werden, denen sie gelten. Sei‘s drum! Ich lasse mir, was ich für simplen menschlichen Anstand halte, weder von bierseligen Ablasshändlern an den Stammtischen ausreden noch nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen wegtherapieren. Es mag durchaus sein, dass ich in diesem Sinne treudoof und -deutsch bin, aber wäre das ein legitimer Grund, mich zu fürchten, polnischer Sternenputzer?

Grimmig lächelte Adam: Ihr wart so oft die ungerechten Täter, dass es Euch gar nicht gut zu Gesicht steht, gleich dermaßen zu jammern, sobald Ihr mal zu den unschuldigen Opfern gehört. Was willst Du eigentlich? Habe ich Dich gefoltert oder ermordet? Brach ich zu Deinen Ungunsten die Behördenverfassung? Verbaute ich Dir die Nachfolge? Nein, alles was ich tat war, Dir einen läppischen Falschspielertrick zuzumuten, der überdies durchschaut wurde und nicht zur Wirksamkeit gelangte. Ich würde es wieder versuchen, Berthold, jederzeit. Ich habe immer noch erbärmliche Angst vor Deinen Plänen, und wenn mein Versuch, Dich zur Mäßigung zu zwingen, tatsächlich so verwerflich war, wie Du mich glauben machen willst, dann trage es mit Fassung und mit jenem menschlichen Anstand, von dem Du eben sprachst und spiele Dich jetzt nicht als gekränkte Unschuld auf. Auf der Suche nach dem knalligen Schlusswort kaute Adam an der Unterlippe - dann fiel ihm doch nur ein Zitat ein: Es ist der Fluch der bösen Tat, dass stets nur Böses sie gebiert! Misstrauen ist ein schlimmes Kraut. Es wuchert fort und fort. Jäte, mein junger Freund!

Dies waren seine letzten Worte.

Es ist der Fluch ... ! Auch der Behörde sind Lebenslügen von der Sorte geläufig, die zwar die Wahrheit kennt, sich jedoch mit Vergessen und Verdrängen erfolgreich gegen sie wappnet. Tot bist Du Adam, Du letzter Hüter tief verscharrter Lügen. Ich bin nicht kaltschnäuzig genug, nun öffentlich mit Deinem Andenken abzurechnen. Ehren jedoch kann ich es auch nicht.

Im heutigen Plenum wollten mir viele einfach nicht glauben, als ich von den Frauen berichtete. Dann aber wartete ich mit freiem Zugang zu den Geheimarchiven auf, und dass ich die gefälscht hätte, trauten mir selbst die ärgsten Feinde nicht zu. Merkwürdig: wie bei der Wahl Rechenblatts zum Stellvertreter sprang wieder Gerrit Daniel de Kempenaer über den eigenen Schatten und für mich in die Bresche. Mit einer brillanten Stegreifrede forderte er Mut zur Wahrheit, auch und besonders in den Träumen. Schließlich tat er sogar den Schritt, den ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte: der geistige Führer der Steinbeißerfraktion im Collegium forderte die Sternenputzer auf, zu handeln:

***

Wir alle kennen das Versagen, ihr Sternenputzer dieser Welt. Jeder von uns ist Gründervater seiner eigenen Ideologie und hat Legitimation geliefert für fremde, gewalttätige Macht. Wir konnten uns dabei auf zwei uralte Befehle berufen, die wir über jeden Zweifel erhaben wähnten: NIE WIEDER FRAUEN! und NIE WIEDER MACHT!. Nun aber müssen wir erkennen, dass das erste dieser Gebote bestenfalls auf einem Missverständnis beruht, wenn nicht DIE Herren der Sternenputzer uns sogar über Jahrtausende hinweg bewusst getäuscht haben. Wir gingen von falschen Prämissen aus, verweigerten, da man uns hinterging, den Frauen jede Mitwirkung in unseren Reihen und stehen jetzt mit blöden Staunen vor der Tatsache, daß eine Frau, die Gefährtin unseres neuen Herrn, der Behörde binnen weniger Wochen größere Dienste leistete, als zahllose Generationen  Sternenputzer vor ihr. Jeder hier weiß, dass ich mich bis zuletzt gegen diese Entwicklung gesträubt habe, mit allen, auch mit den weniger feinen Mitteln des politischen Kampfes. Ich bin nicht der Mann, heutigen Überzeugungen zuliebe meine Vergangenheit zu verleugnen. Aber ich bin auch lernfähig und nicht willens, nachweisliche Fehler ad infinitum fortzuschreiben. In dieser Hinsicht vertrete ich den Leitsatz, welcher das schreckliche Ende dem unendlichen Schrecken vorzieht. Bezüglich der Frauen sind wir getäuscht worden. Bezüglich der Macht sehen wir uns nunmehr durch die italienische Krise und jene Traumspuren, die unser Herr von seiner Reise mitbrachte, in eine Lage versetzt, die ich stets gefürchtet, vor der ich stets gewarnt habe. Nichtsdestoweniger gerieten wir hinein und es wäre kindisch, die Situation zu leugnen. Ich bin zu alt für Kindereien, Sternenputzer, und auch nicht mehr annähernd freundlich genug, sie meinen Kollegen zu verzeihen. Wir müssen uns neuen Umständen stellen.
Ich darf rekapitulieren:
Der ungebrochene Traum von Herrschaft endete früh, mit dem Untergang von Atlantis. In Europa scheiterten wir mit dem Traum aller Gutgläubigen, - es erwies sich die Erziehung des Menschengeschlechtes als unmöglich. Zur Zeit stehen wir einer beispiellosen historischen Situation gegenüber, indem ausgerechnet dem behutsamen Wandel zum Besseren eine entsetzliche neue Bedrohung des Weltfriedens entwuchs, eine Krise, die sich vom sizilianischen Kinderspielplatz auf das heikle Gleichgewicht zwischen den beiden schwer angeschlagenen Supermächten ausweitete und nun die Welt in Atem hält. Doch nicht nur Leben ist bedroht! Ich spreche kalt und herzlos: Dies wäre zu verkraften, die Menschenwelt besteht millionenfachem Tod zum Trotz. Es sind die Grundlagen des Lebens, an welche diese Krise rührt, die biologischen Voraussetzungen für den Fortbestand unserer Art. Wir Sternenputzer können nicht so tun, als ginge uns das nichts an!
Zu diesen externen Gründen für die Änderung unserer Politik treten gewichtige interne Gründe: Das lapidare NIE WIEDER FRAUEN! wurde als Lüge oder unverantwortliche Verkürzung eines weit differenzierteren Gebotes entlarvt, welches da lauten könnte: NIE WIEDER MAJORISIERUNG DER BEHÖRDE DURCH EIN GESCHLECHT! Müssen wir uns nicht in einem Moment, da mit der Welt auch die Sternenputzer in ihrer Existenz gefährdet sind, auch um eine zeitgemäßere Auffassung des einsilbigen NIE WIEDER MACHT! bemühen? Sollte es heute nicht heißen DIE GESCHICHTE DARF NIE MEHR ZUM BLOSSEN OBJEKT DER BEHÖRDE WERDEN! ? Und würde das nicht vice versa bedeuten: DIE BEHÖRDE DARF NICHT ZUM WILLENLOSEN OBJEKT DER GESCHICHTE VERKÜMMERN! ? Ganz neue Perspektiven tun sich auf. Wir können nicht mehr herrschen - doch wer will uns ernstlich verwehren, unseren spärlichen Einfluss gegen das eigene Ende zu mobilisieren? Ich jedenfalls bin nicht bereit, mich abschlachten zu lassen oder im Sitz der Sternenputzer zu ersticken, weil unsere Filter die verstrahlte Luft der Außenwelt nicht mehr reinigen können.
Träume sind wohlfeil. Handeln ist Wagnis. An der Spitze unserer Hierarchie steht ein Herr, der gemeinsame Wurzeln dieser beiden Weltkonzepte aufgespürt hat und sie verflechten will. Das ist der blanke Irrwitz. Aber wir haben nur die Wahl, ihn, den wir wählten, nun zu stürzen, was den Zerfall der Behörde zur Folge hätte, oder unserem Clarator Magnificus loyal zu dienen, mit allen Risiken und Chancen.
Im Zweiten Weltkrieg versuchte ich mich dereinst selbst in dem verwegenen Unterfangen, esoterisches Wissen auf die Gestaltung der Wirklichkeit anzuwenden. Mein damaliges Scheitern ist hinlänglich bekannt. Ich weiß, welche Kämpfe DEM Sternenputzer bevorstehen und erinnere mich schmerzlich genau daran, wie ich selbst einst unterlag.
Doch bin ich auch ein Spieler, Ihr Sternenputzer und spüre die Gefahr, aus einem Spiel hinausgeblufft zu werden, weil der Einsatz schwindelerregend steigt. Ich spüre die Gefahr, das gute eigene Blatt zu schmeißen, bereits gesetzte Summen abzuschreiben, um ja nicht alles zu verlieren. Ich bin ein Spieler! Und gerade deshalb weiß ich, dass nach millionster Karte stets der Mutige gewinnt!
Wir haben alles zu verlieren, - haben Leben zu verzocken- und nur die Chance auf ungestörten Fortgang des Sterbens. Dennoch empfehle ich nun: steckt Karten in die Ärmel, Sternenputzer, zinkt das Papier und dann macht Euch ans Spiel und lasst Euch um der Sterne willen niemals irremachen von jenen, die Fair Play fordern. Es sind dieselben Potentaten, die unsere Welt an den Rand des Unterganges führen. Diesmal zählt das Dabeisein gar nichts! Wir spielen um den Sieg! Das große Spiel ist schmutzig und gemein - auf der anderen Seite steht eine Meute tollwütiger Hunde. Ihr spielt um Euer Leben, Sternenputzer! Ihr träumt um Eure Zukunft! Ich sage Euch: es ist jetzt an der Zeit, zu handeln!

***
+++++

Seelenruhig erschien Rechenblatt in meinem ungeliebten Arbeitszimmer dessen hybrides Ausmaß halbwegs wohnlich zu gestalten mir bislang die Zeit fehlt, denn die Größe des Raumes kann nicht ohne hässliche Zwischenwände reduziert werden, die wiederum die Proportion des Raums verschandeln würden. Zu üppig sollte einst der Anspruch des hier Wirkenden in Kubikmetern Raumvolumen ausgedrückt werden. Höchstens kann ich dem Raum die Leere nehmen. Ich plane eine Skulpturensammlung, einen Irrgarten aus Sternenputzerantlitzen, von Stein, von Ton und Bronze, ein Labyrinth, in dessen Mitte ich wie Minotaurus hocke, um gefräßig jeden verirrten Beamte zu verspeisen. Wie Ariadne könnte Mo mit Fäden hantieren ... Unfug, Freundchen, schön sachlich bleiben!
Rechenblatt also hatte sich weder im Labyrinth verlaufen, noch wirkte er im geringsten eingeschüchtert, als er seelenruhig vor mich trat. Er kennt mich zu genau und benahm sich daher wie ein Vertreter jener kostbaren Politikerspezies, die gerade steht mit steifem Rückgrat, das man nur brechen kann, das sich nicht beugt. Er war bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Bei Carlo hast Du mir Monicas Auftritt zugemutet. Nun mute ich DIR ihren Abgang zu. Ich hatte Revanche angekündigt. Du hast die Behörde Deiner Geliebten ausgeliefert. Dahinter führt kein Weg zurück. Nun können wir nur hoffen, dass sie ihr Wissen weise zu unserem Vorteil nutzt. Und weil Du dies Vertrauen zwar als Stellvertreter, niemals jedoch als Herr der Sternenputzer aufbringen durftest, tat ich es an deiner Stelle. Die Verfassung verbietet Dir zwar, mich dafür zu entlassen, aber wenn Du es verlangst, reiche ich meinen Abschied ein.
Er schloss mit einer Geste, die meine Sentiments aufrührte. Rechenblatt zog vom Finger meinen Ring - falsch, gehört mir ja nicht mehr, nicht länger Hoffnung auf Zukunft, ich muss die Gegenwart gestalten! - er streifte also den Stellvertreterring ab und legte ihn schief grinsend auf meinen Tisch. Fast 700 Stellvertreter(innen) trugen ihn im Laufe der Jahrtausende, begaben sich, den Ring noch am Finger, doch schon als Herr(in) der Behörde, in den Thronsaal und steckten ihn ihren gewählten Stellvertreter(inne)n an. Ich trage jetzt nicht länger diese Verkörperung eines Amtes, mein Ring meint flüchtige personale Macht, deren Wort bei den Sternenputzern Gesetz ist. Keine zwei Wochen alt ist der Neuling an meinem Finger: QUADRATURA CIRCULI, drei Quadrate mit zwölf Ecken, letztere Michelangelos Ovaloid vorn Kapitolsplatz nachgezählt, dem Siegel der geträumten Ratsherren auch.
Nimm ihn, sagte Rechenblatt. Schieb mir alle Schuld zu! Klage mich grober Pflichtvergessenheit an! So behältst Du, falls Mo versagt, saubere Hände.
Ich nahm den Ring und spielte mein Finale mit den smaragdgrünen Reflexen an der Decke. Wie gewohnt huschten sie schneller, als mein Auge folgen konnten. Er passt nicht mehr, der Ring. Der Vergleich Rechenblatts mit einem sehnigen Wiesel stammt aus frühen Jugendtagen, ist überholt, denn mit dem Alter hat er auch an Umfang zugelegt und gleicht heute mehr einem nervösen Bullen. Wurstfinger. Der Ring war mir zu groß. Ich händigte ihn seinem legitimen Träger aus und hielt eine Standpauke über Freundschaft, Gehorsam und Heimtücke. Dann wies ich Rechenblatt hinaus.
Womöglich ist, was er getan hat, doch das Beste. Wahrscheinlich tut Öffentlichkeit not. Ob Mo die Richtige dafür ist? Gleichviel, ich fühle mich von beiden hintergangen. War auch mein Zorn ausgangs der Unterredung zum Teil gespielt, so bleibt in diesem Kelch doch eine bittere Neige. Einiges habe ich auszuspucken, damit müssen sich Rechenblatt wie Monica abfinden. Auch aus Gründen der Amtsräson komme ich nicht umhin, beide zu disziplinieren. Als Stellvertreter durfte ich freche Tricks verzeihen, als Mensch fehlt mir meine Geliebte, enttäuschte mich mein Freund, als Herr der Sternenputzer aber werde ich fortan Disziplinlosigkeit strafen müssen, will ich nicht zum lächerlichen Wicht verkommen, auf dessen Nase jedermann herumtanzt.
Vielleicht war Monicas Entsendung durch Rechenblatt sogar strategisch richtig. Doch hätte man sie nicht besser vorbereiten müssen? Gravierende taktische Mängel unterliefen Rechenblatt und ihr: für den Erfolg weiß sie noch nicht, - um Schaden anzurichten, mehr als genug. Ahnte ich doch wenigstens, wohin sie will, was ihre Pläne sind!
Ich kann meine paarhundert Sternenputzer nicht bewaffnen und in einen europäischen Einigungskrieg führen, verfüge auch nicht über Waffensysteme, mit denen die Potentaten zu erpressen wären. Wir sind auf Manipulation der Öffentlichkeit angewiesen, permanenten geistigen Bürgerkrieg, wie er in modernen Demokratien um die zeitlich beschränkte Macht einer Legislaturperiode ausgetragen wird. Glücklicherweise wurde uns die Wahl genommen. Wir können Europas Einheit nicht mit Gewalt erzwingen, selbst wenn wir wollten. So vieles muss geändert werden, nun, da wir stolpernd wieder auf die politische Straße zurückfinden. Wir müssen das Handeln auf Träume gründen, wollen wir nicht bis zum Ende perversen Phantasten die Macht überlassen. Zwar nagt der Zweifel, ob wir nicht die schlimmsten jener perversen Narren waren, als wir es wider besseres Wissen soweit kommen ließen, aus Angst, erneut zu scheitern, wie auf Atlantis. In einer Hinsicht aber darf es keine Zweifel geben: wir müssen dem friedlichen Sinn unserer Träume gemäß handeln, all den voreiligen, machtgeil durchgreifend geträumten Zufällen zum Trotz. An der Fontana di Trevi sprach Rechenblatt das Urteil über sie: zu deutsch!

Und doch muß ich den Zufall achten! Ich schrieb ihn selbst ins Spiel. Bei allen Sternen: Mein fluchbeladenes Europa soll endlich Frieden finden über alle kulturellen, ideologischen, ethnischen Schlagbäume hinweg! Mag sein, daß dann die enormen Potentiale, die zwischen Ural und Atlantik verschlafen haben, aufwachen zum Nutzen aller Welt. Daß Selbstverständlichkeiten so verquer pathetisch klingen, wie immer wir die Worte wenden!
Sprachliche Alternative zu verschlafenen europäischen Chancen könnte lauten: Eine supranational administrierte europäische Friedensordnung könnte auf Basis der Koexistenz konkurrierender Systeme - der Sowjetführer mit dem Schuh läßt grüßen -, durch ideologische Pluralität, erkenntnisethisch fundierten, pragmatisch organisierten technisch-wissenschaftlichen und philosophischen Dialog, gesamtkontinentale Kooperation bei der Sicherung von gemeinsamen ökologisch-ökonomischen Lebensgrundlagen, zukunftsbewußter Ressourcendistribution und einer human orientierten, im Sinne der Kriegsprävention regulativen Nord-Süd- sowie Menschenrechtspolitik weltweit exemplarisch, innovativ und konservierend zugleich wirken. Na bitte! Oder: bitte nicht!?
Oder, um in den Archiven der Magnifizenzen Ausdrucksvielfalt zu gewährleisten: Jeder lässt alle leben. Jeder macht seinen Schnitt. Jeder denkt sich was er will und spricht es aus. Die Naturwissenschaftler reden weniger über biologische Kriegsführung, dafür von der Heilung kranker Bäume sibirischer wie portugiesischer. Die Philosophen verlassen ihre Elfenbeintürme und werfen Denknetze aus, erdenken logische Systeme und Ethiken, die wenigstens ausschließen, dass Kinder verhungern, während anderswo Getreide verheizt wird, um den Weltmarktpreis zu halten. Der Westen legt den Rhein-Main-Donau-Kanal trocken und lässt den Rehen ihren Lauf. Der Osten pumpt das Kaspische Meer voll und setzt Fische aus. Die Pumpen bauen sie in Joint Ventures. Wasser ist zum Trinken da, nicht um Atommeiler zu kühlen. Intelligenz gehört eingesetzt - nicht eingesperrt. Wer in der Dritten Welt Krieg führt oder foltert, dem streichen wir jede Entwicklungshilfe. Die sollen sich ein Beispiel nehmen! Da muss sich allerlei ändern. Unwiederbringliches allerdings muss bewahrt werden. Dann herrschen schließlich Friede, Freude und alle Welt futtert Eierkuchen.
Wort für Wort ein hehrer Glockenschlag vom Turm des Hohen Doms zu Irgendwo. Diskurse, als hätten wir den politologischen Ladestock verschluckt, so hölzern. Oder Sprache drauflos, so wie das Maul gewachsen ist ...
... dazwischen gibt es nichts, will man die einzeln zahllos vielen Menschen Leben Freuden Leiden Sterben verallgemeinern.

Ach Europa, Traum und Alptraum, du schizophrener Kontinent, Dein Humanismus, deine tröstliche Rationalität, aber auch das Individuum mit seiner Gier in der Mitte deines Weltbildes und der fatale Hang, dich Fremden als Errungenschaft aufzudrängen, aus armen Heidenkindern glückliche Plantagennigger zu machen! Von wegen Beispiel nehmen! Von wegen die Entwicklungsländer entrüsten! Da haben wir‘s doch schon wieder! An deinem Wesen soll die Welt genesen, weißer Mann und Doktor? So viele Zwangseinweisungen in sein weltweites Tollhaus nahm der verrückte lrrenarzt in fünf Jahrhunderten vor, dem ganzen Planeten hat dieser Herr in Weiß die Zwangsjacke übergestreift, die blütenweiß sterile Zwangsjacke, darin kein Platz für unliebsame Regungen. Das ist nicht eurozentrisches Geschichtsbild, das ist banale Wahrheit!


+++

Ich hatte Adam für einen schlechteren Verlierer gehalten.
Für Schwarz sieht es recht schäbig aus! bemerkte er nun seelenruhig. Ich glaube kaum, dass es Zweck hat, diesen Disput fortzusetzen. Gern würde ich noch ein paar Fragen erörtern, aber mir scheint, dass uns ein wenig die Puste ausgeht. Wer führte VANITAS nach Schloss Bucholtz, so dass der greise Schlossherr die jungen Theaterleute in der Geschichte Anjou-Europas unterweisen konnte?  Wer brachte De Valetudine Corporis Generalis aus der römischen Bibliotheca Colonna nach Benediktbeuern, damit die MAFIA eine Chance bekam, sich ein Exemplar des Werkes wiederzubeschaffen? Ein Doctor Anselmus wird in diesem Zusammenhang erwähnt. Auch ihn möchte ich näher kennen lernen. Auch wüsste ich gern, wer jener "Sternkuecker der Churprandenburgischen Durchlaucht" war, der offenbar eine geistesgeschichtliche Mittlerfunktion zwischen Villanovanus und Petrus Brock innehat, indem er nämlich Brock darauf hinweist, die Säule von Swiecie sei "eyn Kinnt vom Weysenstein". Außerdem scheint ja auch dieser Unbekannte wieder Probleme mit den Colonna zu haben. Wenn ich mich recht entsinne, entführten sie Menschenkinder ... fast hätte sich DER Sternenputzer in seinem Nachdenken verloren, es war erstaunlich, wie er seine Niederlage hinnahm. Nun, Berthold, setzte er nach einiger Zeit hinzu, wie steht es jetzt mit uns? Spielen wir? Oder willst Du die paar restlichen Figuren noch aufs Brett stellen?
Ganze acht Schachfiguren lagen noch im Ebenholzkästlein, vier weiße und vier schwarze, je ein Springer und drei Bauern, so dass auf dem Brett hinsichtlich der Truppenstärken Gleichgewicht herrschte, wenngleich die Weißen durch Stellung und den Vorteil des ersten Zuges so gut wie gewonnen hatten. Der Zufall der Farbwahl würde darüber entscheiden, wer siegte.
Für Schwarz sieht es ja mehr als bescheiden aus! schloss Czartoryski.

Wart mal. Platzte Monica in die Runde, schaut mal genau hin, vielleicht hab ich was übersehen, ich dilettiere nur. sie beugte sich über das Brett und fuhr dann fort:
Die strategischen Linien, auf denen ihr angreift, bilden einen Stern. Die Linie 5. Senkrecht dazu die Linie E. Und dann die beiden Diagonalen H1-A8 und B2-H8. Vier Linien, auf denen je vier weiße und vier schwarze Offiziere einander unmittelbar bedrohen. Vier Kraftlinien, die sich im Quadrat der vier zentralen Felder des Bretts schneiden. Ihr habt einen achtstrahligen Stern aufs Brett gezeichnet.

Wir spielen jetzt ums Ganze! DER Sternenputzer überging sie, setzte kühl auf seine Chande eins zu eins. Losen wir! schlug Czartoryski vor, griff in die Ebenholzkiste, verbarg kurz seine geschlossenen Hände hinter dem Rücken und bot zur Farbwahl beide Fäuste Berthold an, soweit der hinderliche Infusionsschlauch dies zuließ. Wähle, mein Stellvertreter! sagte er.

Niemand hatte hingeschaut. Jeder traute immer noch dem Gegenüber. Jahrelange Eingewöhnung des Rituals hatte Aufmerksamkeit lahm gelegt. Berthold und ich starrten gebannt auf die knochigen Fäuste DES Sternenputzers und hofften auf zufällig vorteilhafte Farbwahl, hofften auf Weiß. Allein Monica hatte aufgepasst:
Du hast zwei schwarze Bauern in den Händen, du alter Mistknochen! brach es aus ihr heraus. Du bist ein mieser kleiner Falschspieler!

Berthold erblasste. Drei weiße und drei schwarze Bauern waren übriggeblieben, nun aber lagen außer schwarz und weiß ungenutztem Springer drei weiße Bauern und nur noch ein schwarzer in der Kiste. Lange tickten Uhren, schwiegen Menschen. Zuvor war anklagend von unserem angeblichen Verrat gesprochen worden.

Nun Adam? fragte endlich DER Stellvertreter.

Aus Adams Händen purzelten zwei schwarze Bauern auf den Schreibtisch.

 Aha. sagte Berthold traurig.

Ich musste es versuchen, so begreif mich doch, ich darf doch nicht verlieren, stammelte Czartoryski. Der erhabene Adam Bonaventura Czartoryski, Clarator Magnificus Stellarum et Princeps Collegii Claritatis Stellarum stieß in einem unvorhersehbaren Tempowechsel seine Linke vor, so dass auf ganzer Länge die Nadel seine Vene im Arm aufriss und dunkles Blut über Schachbrett und Schreibtisch quoll. Kurz schloss er seine Augen, als der Schmerz durch die Nervenstränge fuhr und wischte dann mit blutbesudelter Hand über das Brett, ließ elfenbeinerne und schwarze Figuren gleichermaßen aufs Fußbodenparkett des Arbeitszimmers prasseln, ehe er in den Kamelhaardecken zusammensackte und mit blutunterlaufenen Augen sein Werk begutachtete. Ein trüber Blick. Wie Sternerlöschen. Und doch gelang es ihm, sich ein letztes Mal aufzuraffen: ich konnte nicht anders, Berthold, so versteh mich doch! Es war meine Pflicht, zu siegen, um Dich zum Stillhalten zu zwingen! Italien beabsichtigt, den Nordatlantikpakt zu kündigen, ja bietet der sowjetischen Kriegsmarine Hafenrechte in Neapel und Genua an, Liegeplätze unmittelbar neben den Schiffen der 6. US-Flotte. Quayle ist ein Irrer, der offensichtlich glaubt, immer noch in einer vietnamesischen Dschungelstellung eingegraben zu sein. Er handelt jedenfalls, als erschöpfe sich die Aufgabe des amerikanischen Präsidenten darin, wie ein Scharfschütze auf Rote zu ballern. Romanow in Moskau hat die allergrößten Schwierigkeiten. Unser Korrespondent meldet, dass sein Rückzug auf die Datscha, um ein drittes Buch zu schreiben, Brot soll es wohl heißen und sich mit der prekären Versorgungslage auseinandersetzen, nicht ganz freiwillig erfolgte. Die reformorientierte Opposition hat mit ihren überzogenen Forderungen, die in der Sache zwar berechtigt sind, aber auf einem unerfüllbaren Zeitplan beharren, Romanows Ansehen soweit angekratzt, dass die alte Funktionärsgarde jetzt eine Chance wittert, ihn auszuschalten. Gleichzeitig streben allerorts die Nationalitäten, gerade erst der Knute entronnen, mit ganzer Macht nach Autonomie. Das ruft natürlich ein Koalition von KGB und Streitkräften auf den Plan, denn diese Leute denken in imperialen Strukturen und werden, wenn niemand stark genug ist, sie zu zwingen, eine solche Erosion an den Grenzen des Reiches nicht hinnehmen. Während die Sowjetunion also bis zur Entscheidung des Machtkampfes im Kreml zur unkalkulierbaren Größe wird, gehorcht Amerika einem geisteskranken Scharfschützen. In China verfolgt Deng verbissen all jene, die das Junimassaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens überlebt haben. Polen und Ungarn driften in demokratische Gewässer, hinaus aus dem Warschauer Pakt. Die DDR sieht sich dreifach bedrängt: im Westen vom Westen. Im Osten von reformwilligen Nachbarn, im Inneren von einer Bevölkerung, die ihr Heil nur noch in der Flucht sucht. In Westeuropa kriecht überall rechtsradikaler Pöbel aus seinen Löchern und verspritzt giftigen, braunen Schmutz gegen Menschen, die geflüchtet sind, um frei zu sein oder sich einmal satt zu essen. Arabische Kinder schmeißen Steine auf jugendliche jüdische Soldaten, danach schießen die missbrauchten Jünglinge auf ebenso missbrauchte Kinder. Irans Mullahs kämpfen catch-as-catch-can um die Nachfolge Chomeinis. Die Dritte Welt hungert. Luft stinkt, Wasser fault, Erde dorrt. Die weltpolitische Großwetterlage lässt Donner und Blitz befürchten. Und in dieser Situation willst Du, mein Nachfolger, nicht nur die Behörde umkrempeln, Frauen in unsere Arbeit einbinden, die Hierarchie zersetzen und das Collegium demokratisieren, kurz, alles, was uns bisher überleben ließ, umstürzen, nein, mit einer solchen, im Umbruch begriffenen, gespaltenen Behörde willst Du auch noch an die Öffentlichkeit treten und ausposaunen: schaut her, ihr Mächtigen der Welt, dies ist der Traum der Sternenputzer und hier sind gleich auch noch ein paar verstaubte Pergamente und Weissagungen auf einem Stein, die uns berechtigen, ihn in die Tat umzusetzen. Jetzt macht mal schön Platz! Lasst uns mal ran! Wir sind die Sternenputzer von Atlantis. Wir sind zwar an der Macht gescheitert, doch jetzt verspüren wir die Lust, es noch mal zu versuchen. Wir werden das schon schaffen! Sei doch kein Narr, Berthold! Indem Du die Behörde in ihrem jetzigen Zustand als neuen Machtfaktor ins Spiel brächtest, als Faktor überdies, der Macht beansprucht, ohne real über sie zu verfügen, würdest Du die Probleme bis zur Unlösbarkeit komplizieren. Und ganz gewiss würden die Sternenputzer dabei draufgehen, selbst wenn die Welt unseren öffentlichen Auftritt überlebte. Das darf ich nicht zulassen, nur über meine Leiche ...

Wie Du willst, Adam! Und wenn es sein muss, auch über Deine Leiche! Berthold wollte sich erheben, als er von Czartoryski unterbrochen wurde.

Das große Spiel läuft nach den Regeln fremder Mächte, nicht nach den unseren. Du musst begreifen, dass Deine Verantwortung für die Behörde jedes Spiel mit dem Zufall ausschließt! Und die Welt wird nicht von fühllosen Figuren bewohnt, auf die Du Einfluss nehmen könntest oder dürftest, Du nicht, ich nicht, kein Sternenputzer nach dem Untergang von Atlantis, nie wieder, hörst Du! Nie wieder Frauen! Nie wieder Macht! Nie wieder das Bewegen der Figuren auf den Brettern dieser Welt! So lauten die Befehle! Ich appelliere an Dein Ehrgefühl ...

Das war zuviel. Da stand er nun, DER Stellvertreter, mein Freund Berthold. Ich weiß nicht, wie er seine kläglich beschränkte Macht eines Tages handhaben wird, wie dies geistige Spiel um höchst weltliche Macht endet. Aber zumindest das Gehabe und Gepränge großer Macht versteht Berthold aus dem Hut zu zaubern, sofern er es drauf anlegt. Jedem unbedarften Zuschauer wäre er furchterregend erschienen, wie er nun dastand, einsam in eiskalter Ruhe.
Du appellierst an mein Ehrgefühl, Adam, Du, der mich angebettelt hat, Dir Deinen Lebenswunsch zu erfüllen? Du warst Dir nicht zu schade, Dein falsches Spiel mit mir zu treiben! Du hast Dich nicht gescheut, anschließend weiter mit mir zu rechten, als sei nichts geschehen. Du hast Dich aufgeführt, als sei Dein erbärmlicher Täuschungsversuch nur ein dummer Jungenstreich! Und jetzt appellierst Du an mein Ehrgefühl, Du schäbiger Betrüger? Gut, wie Du meinst, jeder bestimmt für sich, wie viel Würdelosigkeit er aushält. Von mir hast Du keine diesbezüglichen Anklagen zu gewärtigen. Wohl aber werfe ich Dir vor, dass Du ein Spiel verhindertest, das Du selbst verlangt hattest. Mutwillig hast Du die Figuren vom Brett gefegt, unser zufälliges Konstrukt zerstört, dem Zufall seine faire Chance verweigert und einem von uns den anständigen Sieg! Hättest Du es uns auskämpfen lassen ...

... aber ich musste doch ... ! wollte DER Sternenputzer wieder einwenden. Grauenvoll sah er aus, war sich mit seiner blutverschmierten Linken durchs Gesicht gefahren um Schweiß fortzuwischen. Die Wunde am Handgelenk blutete schon lange nicht mehr. Geringer Druck nur auf den Venen. Nun schnitt ihm Berthold barsch die Rede ab.

Mich interessiert nicht mehr, was Du willst, Adam. Du hast das Spiel verhindert. Es ist ein königliches Spiel. Ein Spiel für Menschen. Wir bewegen souverän die Figuren und werden übers Feld gejagt, sind ordnende Könige und hilflose Püppchen auf dem Brett, sind Menschen, Adam! Machtvoll und erbarmungswürdig, erhaben und verächtlich, von strahlender Reinheit und gemeinem Schmutz zugleich. Du durftest uns nicht vom Brett fegen. Von Deiner Arglist will ich nicht mehr sprechen -, doch Du hättest die Figuren auf dem Brett belassen müssen! Es wäre unser Spiel geworden um unsere Welt. Wir hätten es gewinnen oder verlieren können. Nun aber, ohne uns, ohne die Figürchen da ist auch die Welt überflüssig, sinn-, grund- und folgenlos, obszönes Chaos, siehst Du! Brüllte er Adam unvermittelt an. Beim Licht der Sonne, schau her! Und mit diesem Schrei packte DER Stellvertreter das Schachbrett, hob es über seinen Kopf und schmetterte es auf die Schreibtischkante, wo es entzwei ging, - nein!, - nur der allererste Augenblick sah zwei Hälften des vordem heilen Brettes, sofort danach erkannten wir, dass dieser Hieb die handwerklich gediegene Verleimung von Elfenbein- und Ebenholzquadraten fast überall zerbrochen hatte, denn viele schwarzweiße Vierecke sagten sich nun voneinander los und schwirrten durch die Luft, bis sie einzeln, zu zweit, in Dreierreihe oder rechtwinklig übereck verbunden zu Boden oder auf den Schreibtisch klackerten, hier und da beim Aufprall eine der Schachfiguren anstießen, die nach solchen Impulsen meist auf den Kanten ihrer runden Füßchen einen Halbkreis ausrollten und dann zum Stillstand kamen. Erst danach hörte man die Weltzeituhren wieder ticken. Ihr hattet uns vom Brett gejagt, bevor das letzte Matt gesprochen war! sagte Berthold und schritt grußlos davon.

Erschöpft klingelte DER Sternenputzer. Sein neuer Leibarzt und zwei Pfleger kamen in den Raum gestürzt, betteten Adam Bonaventura Czartoryski auf eine fahrbare Trage und rollten ihn hinaus. Ich folgte ihnen.

Als ich die Türflügel hinter der Trage schloss, kniete Monica selbstvergessen auf dem Parkett. Sie legte vorsichtig die Figuren wieder in ihre Kiste und sammelte Bruchstücke des Schachbretts ein. Ich weiß nicht, ob es ihr gelang, aus diesen Trümmern die Welt wieder zusammenzusetzen. Vielleicht wenn man ihr das richtige Werkzeug in die Hand drückt? Ich werde sehen, was sich machen lässt, oh ja, das werde ich!

***

DER Stellvertreter verfasste einen Rechenschaftsbericht darüber, wie wir nach dem Sinn reisten und zufällig fündig wurden. Mit dieser Akte wollte vor seinem Tod DER einstige Herr der Behörde Schindluder treiben. DER Stellvertreter trat an seine Stelle. Ich bin nun DER Sternenputzer und gänzlich unerwartet wählten sie Rechenblatt zu meinem Stellvertreter.
Dann flog ich um Rat zu den höchsten Berggipfeln von Atlantis. Doch alles, was mir in Siau Chous wundersamem I-Ging-Garten zuteil wurde, war die Generalbeichte eines chinesischen Verräters. Und der Vorschlag, den Rechenschaftsbericht nochmals zu rekapitulieren, um mich am Schopf der eignen Worte aus dem Sumpf zu ziehen. Im Privatflugzeug unseres Korrespondenten beherzigte ich diesen Rat. Vom atlantischen Höhenflug auf dem Boden der Tatsachen bruchgelandet, vom luftigen Gipfel ins unterirdische Höhlenreich heimgekehrt zu meiner Sisyphusarbeit, gerade erst am ungeliebten neuen Schreibtisch sitzend - versuchte ich, Mo in meiner Wohnung anzurufen. Wohl eine Ewigkeit ließ ich es klingeln, ohne dass jemand abgehoben hätte. In allen Bibliotheken und Amtsstuben der drei Magistrate suchte ich nach ihr, fragte in den Wohnungen jener Beamten, mit denen sie sich angefreundet hatte, ließ meine Lautsprecherstimme in Laboratorien, auf Gängen, in jedem Hörsaal und Seminarraum hallen, in technischen Abteilungen, den Werkstätten, der Energiezentrale, auf Krankenstationen, in Freizeiträumen, Schwimmbädern, Kinos, Theatern, Kneipen, in der Oper, den Wasseraufbereitungskavernen, - ja sparte nicht einmal die Agrarflöze aus. Sie gab keine Antwort.

An ihrer Statt sprach Rechenblatt nun bei mir vor.

Ausgezogen war ich als einer, der Rat suchte. Nun muss ich die Mär schreiben von einem, der heimkam und das Fürchten lernte. Rechenblatt gestand, dass er jene Drohung, die er in der römischen Pension ausstieß, nicht nur wahrgemacht, sondern bei weitem übertroffen habe. Obwohl er nicht wagte, mir einen direkten Befehl zu erteilen, riskierte er etwas viel weitreichenderes, indem er an Mo auslieferte: das Troianer Kreuzreliquiar mitsamt Ampullenbrief, das MAFIA-Pergament, Michelangelos und der Ratsherren Briefe aus der kapitolinischen Grube, das Original der Bucholtzpapiere, die wichtigsten Bände unserer Anjouchronik, Moshe Ben Aschers Kurzer Abriss der Behördengeschichte von atlantischen Anfängen bis zum Fallen des eisernen Vorhangs in Europa, die strenggeheime Korrespondentenliste, Code-Karten der elektronischen Torsicherung, einen Passierschein fürs Stockholmer Hotel, sowie zwei Millionen bare Dollars. Sie kann jetzt nicht nur nach Belieben kommen oder gehen. Rechenblatt beschränkte sich nicht darauf, ihr sämtliche Traumspuren zu leihen, sondern lieferte das Schicksal der Behörde vorbehaltlos an Monica aus. Ich bin nicht mehr Herr meiner Entscheidungen. Nicht einmal der Zutritt zum Behördensitz unterliegt noch meiner uneingeschränkten Kontrolle, wie es eigentlich sein sollte.
Ohne meine Rückkehr abzuwarten ging sie, hinterging mich mit Rechenblatts Hilfe. Nun wäre zwar Misstrauen gegen Monicas gute Absichten fehl am Platze, weil ich mir schlechterdings nicht vorstellen kann, dass sie uns schaden will. Trotzdem fürchte ich mich vor den Folgen ihrer Hast und oft brutalen Offenheit. Wenn mich nicht alles täuscht, wird sie versuchen, den Sternenputzern ein Podium zu zimmern, auf dem wir uns in einem grandiosen Auftritt den Menschen vorstellen können. Mo meinte einmal, die Behörde sei ein farbenprächtiger Schmetterling, der es verdiente, im Licht der Welt zu flattern - dabei gleicht das Collegium derzeit eher einem panischen Mottenschwarm, den jeder Sonnenstrahl verbrennen würde. Kein Zweifel also an Monicas Absichten, sie meint es gut, doch auf dem Feld des großen Spiels ist gutgemeint nur allzu oft das Gegenteil von gut.

Sie ging, doch wenigstens hat mich nicht verlassen. Aus meiner kleinen Kuriositätensammlung hinter Vitrinenglas verschwand der Ring mit den drei Löwenköpfen - ich kaufte ihn am ersten Samstag meiner Reise, ungeduldig hupte Herbert in Creyfeld. Lieber Sternenhimmel, wenn ich zurückdenke: aufstrebender Filialleiter, Baumstumpf und Odyssee im Schoß, die Vierster Astrologenmühle, mein Intermezzo bei den jungen Rabauken. Ich leistete mir das Wappen derer von Klingenhoven zu Bucholtz samstags, Stunden bevor ich Monica kennenlernte. Als dann Monica, Lorwitz und ich auf dem Treppchen zum Park hinauf nach diesem Ring tasteten, da kam weit mehr ins Rollen, als der schmale Metallreif auf den Stufen, da verzahnten sich erstmals die Räder des Zufalls um Sinn zu produzieren.
Mo hat ihn also mitgenommen, diesen Ring. Sie, der ich, in mir jüngst zugefallener Machtvollkommenheit, ein völliges Novum offerierte, eine vollwertige Praefectur ohne Portefeuille, ohne Zugehörigkeit zu einem der drei Magistrate, jedoch mit Sitz und Stimme im Collegium, sowie dem Auftrag ausgestattet, erste Kontakte zu möglichen weiblichen Kandidatinnen für die Studentenschaft der Behörde aufzunehmen, sie, der ich dies sensationelle Angebot unterbreitete und die es ausschlug, sie, die auch auf den damit verbundenen eigenen Siegelring verzichtete, sie hat nun das Erinnerungsstück aus meiner Vitrine mitgehen lassen.
Keine Löwenköpfe mehr. Dafür thront jetzt hinter Glas ein Bär. Rechts bündelt kaisergelbe Seidenschnur fünfzig Schafgarbenstängel, die ich neunzehnjährig eigenhändig während eines Ostseeurlaubs schnitt, vor dessen Antritt ich leichtfertig das I Ging als Ferienlektüre gekoffert hatte und daher erstmals in Versuchung geriet, das Orakel auszuprobieren. Links marschiert der Signifer einer römischen Legion aus noch früheren Jahren, die Rechenblatt und ich beim Kriegsspiel auf dem Wohnzimmerteppich zubrachten. Irgendwann zerbrach die Standarte in den winzigen Plastikfäusten ihres Trägers und wir mussten Ersatz schaffen. Aus einem ganzen Zahnstocher, einem halben Hölzchen als Querstange und einem Fetzen blauen Samtes bastelten wir das neue Signum der Legion und klebten es unserem Plastikhelden in die Hand. Nie aber hörte Rechenblatt zu maulen auf, weil es uns nicht gelingen wollte, am oberen Stangenende einen gehörigen Legionsadler mit dem Schild SPQR zu applizieren. Rechts und links also Krimskrams. Dazwischen und anstelle des Löwenringes nunmehr, mit Knopf im Ohr, darauf das Firmensignet Steiff, Mo‘s einarmiger Teddybär. In Palermo, Lagonegro, Rom, später wiederum in Lobbert, wo wir den Rechenschaftsbericht abfassten, auch während einiger Nächte im Behördensitz teilte er unser Bett. Nun hat sie ihn mir als Pfand der Rückkehr hinterlassen. Warum der Ring verschwand? Wo sie doch kein Behördensiegel wollte? Ich nehme an, Mo will lieber Abstand wahren, als sich vorbehaltlos in die Hierarchie der Sternenputzer fügen. Will sich nicht vereinnahmen lassen und erliegt gleichzeitig doch der für sie neuen, geheimnisvollen Anziehungskraft meiner Behördenwelt soweit, dass sie auch unserem Kosmos aus Analogien und Symbolen nicht einfach farewell sagen kann. Deshalb wählte sie jenen Ring, der sie mit mir und gemeinsamen Erinnerungen verbindet - nicht aber ein Siegel, das sie DEM Sternenputzer untergeordnet hätte. Wo soll das enden? In der Studentenschaft hat sie nichts zu suchen, weil sie längst in einem Maße qualifiziert ist, auch weil DER Sternenputzer und seine Behörde ihr so viel schulden, dass es geradezu lachhaft wäre, sie auf die Schulbank zu schicken. Was ihr an Wissen fehlt, wird sie sich binnen kurzem selbständig aneignen, sie stürzte ja auch ins eiskalte Wasser der Archive und konnte sofort schwimmen. Andererseits weigert sie sich, eine noch so hervorgehobene Bearatenstelle anzunehmen. Ich kann sie doch nicht nominell als DIE gleichberechtigte Sternenputzerin an meine Seite rufen! Vermutlich würde de Kempenaer mir in einer düsteren Ecke den Dolch zwischen die Rippen bohren und damit wäre die Reformpolitik des EH Clarator Magnificus Stellarum Hockenbrannt vorbei, ehe sie noch recht begonnen hätte. Ich fürchte, wir müssen uns in Geduld fassen. Mein Fernziel jedoch bleibt eine Behördenverfassung auf der Basis völliger Gleichberechtigung der Geschlechter. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als diesen Grundsatz vermittels gleicher numerischer Präsenz der Geschlechter auf jeder Rangstufe durchzusetzen, die Ämter DES Clarator Magnificus und der Stellvertretung einmal ausgenommen. Hierbei handelt es sich um jeweils nur eine Person. Die Lösung könnte in unserer atlantischen Tradition zu finden sein, DEM Sternenputzer jeweils eine Stellvertreterin zu wählen, welche später DIE Sternenputzerin wird, der das Collegiuin wiederum einen männlichen Stellvertreter wählt, so dass Männer und Frauen abwechselnd an der Behördenspitze stehen. Aber die drei Magistrate? Jeder wird von drei Praefecten geleitet, denen jeweils drei Procuratoren nachgeordnet sind. Diesen unterstehen je drei Legaten und den Legaten endlich dienen drei Secretarii des untersten Beamtenranges. Doch damit nicht genug, denn die Secrtarii tun ja mitnichten Sekretärsdienste im Sinne von Büroarbeit. Jeder von ihnen sucht sich zu diesem Zweck vielmehr einen Studenten aus, der vielversprechend genug erscheint, solche gar nicht einfachen Aufgaben zu erledigen. Einem Legaten arbeiten schon drei Studenten zu, dem Procurator neun, die Praefecten, DER Stellvertreter und DER Sternenputzer beschäftigen Stäbe ganz nach ihrem Belieben. Regierende Zahl des Organigramms der Behörde ist und bleibt jedoch die Drei. Drei Magistrate, insgesamt neun Praefecten und siebenundzwanzig Procuratoren bilden das Collegium. Einundachtzig Legaten. Zweihundertdreiundvierzig Secretarii. Wollte ich nun diese Ämter gerecht an Männer und Frauen verteilen - so stellte sich auf jeder Rangstufe in jedem Magistrat die Machtfrage: ein Mann oder eine Frau mehr? Ersteres könnte die jetzige Beamtenschaft notfalls noch verkraften, bei plötzlichem weiblichem Übergewicht in gewissen Funktionen müsste ich aber mit einem Aufstand rechnen. Mein Problem ist, dass die Drei sich innerhalb des Reiches der natürlichen ganzen Zahlen nicht durch zwei teilen lässt. Jeweils auf eine gerade Zahl aufrunden? Das hieße, das sakrosankte Prinzip der Drei aufzugeben. Und wo fände Monica ihren Platz in diesem institutionalisierten Streit der Geschlechter, vorausgesetzt, sie kehrt nicht an die Spitze der CIRCE-Gruppe zurück?


++++

Was, bei den Sternen, was belästigst Du mich mit diesen Ratten, Proclarator, was soll mir Dein Geschwätz, schwarzer Turm A5, ich ...

... weißer Bauer F2! Ja, Du Adam, immer nur Du! Die Ratten? Woher sie kommen? Weil sie inmitten dieser Küchenabfälle aus unseren Alchymistentöpfen paradiesische Lebensbedingungen vorfinden, deshalb sind sie zugegen!
Berthold war jetzt aufs äußerste gereizt, sein Gesicht zu jener Grimasse verzerrt, die er stets aufsetzt, wenn er vernichten will, was ihm im Wege steht, wenn er längst alles besser weiß, als jeder andere. So fuhr er nun fort: Egal, sie sind jedenfalls dabei! Stören sie Dich? Stimmen sie Dich unbehaglich? Oder gilt Dein Zorn nicht eher der Tatsache, dass Du selbst nirgendwo dabei bist, niemand Dir eine Rolle zuweist, dass Du, Adam, einfach nicht vorkommst? Alle Welt ist der Beschreibung wert - allein Du wurdest vergessen.

Wie sehr Machtmenschen doch einander ähneln! Solche Charaktere werden, anders als man meinen sollte, keineswegs von ihren Zielen geprägt! Die Art und Weise, wie er das beliebige Ziel angeht, macht den Machtmenschen. Der unbedingte Wille, aus dem Weg zu räumen, was immer hindern mag. Bereitschaft, für den Sieg den Gegner bis zur Zerstörung zu bekämpfen. Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die der Machtmensch vom Zweck geheiligt glaubt. Kurz: - Killerinstinkt! Adam Bonaventura Czartoryski war zwar ein todkranker alter Mann, aber einer von ihnen, mit allen Wassern der Macht gewaschen, mit Bereitschaft und Fähigkeit, lange auszuharren, durchzuhalten, auf seine Chance zu warten, um dann erbarmungslos dreinzuschlagen:

Schwarzer Bauer C4, sagte er nun und lächelte ebenso siegesgewiss wie böse, noch jemand kommt nicht vor, Berthold! Deine wichtigste Figur wird nirgendwo genannt, mein lieber Junge! Das Weibsstück! Die Texte übergehen Monica!

 Weißer Bauer D2. Doch! trumpfte Berthold auf. Sie steht im Text des Lapis Niger, auf dem endlosen Schriftband, das sich um den Stein schlingt: ... drei späte Sachwalter der Magier, drei zeitweilige Träger desselben Siegels ... ! Das sind wir Adam, wir drei Sachwalter und Inhaber meines Stellvertretersiegels. Ich führe es als Zeichen meines Amtes. Entgegen allen Vorschriften hat Procurator Rechenblatt es schon berührt. Und auch Monica trug es zeitweilig: am Finger, um den Hals und an den Zehen!

Von langer Hand hatte Czartoryski seinen tödlichen Hieb vorbereitet, gehofft, dass Berthold ihm in diese Falle tappen würde. Nun konnte er es sich erlauben, ja er genoss es geradezu, seinen Stellvertreter in aller Ruhe ausreden zu lassen, um ihm dann, gleichsam aus dem Handgelenk, den Gnadenstoß zu versetzen.

Schwarzer Bauer D6. Ach Du mein armer Berthold! Ich will für den Augenblick darüber hinwegsehen, dass niemand von uns eine Ahnung hat, was die Weissagungen des schwarzen Steins der Weisen Magier bedeuten. Ich gehe sogar auf die prophetisch dräuenden Worte ein, damit Du siehst, dass ich voll guten Willens bin. Falscher Stein hat des Romulus Haupt gedrückt, wie es im Fluch heißt, ein nachgemachter Lapis Niger und nimmermehr wurde Rom von Atlantis geküsst. Kein bleibender Erfolg war ihm vergönnt, sein Glanz erlosch, nach weit kürzerer Frist als der Behördenherrschaft auf Atlantis vergönnt war. Wir sind die Nachfolger der Zauberer, wie‘s auf dem Stein steht, und dem Procurator Rechenblatt erschien ein Kind des Steins im Traume, darin will ich der Prophezeiung folgen. Ich hoffe, Du anerkennst mein Bemühen, mich Dir anzunähern! Womöglich ist Monica jenes erste Weib, das - da es die wahre Geschichte Roms kennt - das Reich des Romulus nun wieder ehrt, mag sein, sie ist auch jenes troianische Pferd, das durch die Tore ziehen soll, zu Anbeginn des neuen Zeitalters: durch die Behördentore, als Danaergeschenk meines eigenen Stellvertreters, der mittels dieser Gabe letztendlich die alte Behördenfestung schleift. Gewisslich trat sie ein, stolz gleich einer Tempelhure, obwohl mir nicht ganz klar ist, für welchen Gott sie ihre Beine breit macht. Und meinethalben mag sie zukünftig die Mutter sein, von der Söhne und Töchter abstammen, mag, wie es im Textkreis um den Stein verzeichnet steht, als späte Sachwalterin der Sternenputzer und zeitweilige Trägerin Deines Siegels gelten. Du siehst, Berthold, wie weit ich Dir entgegenkomme! Dies alles mag für sich allein zutreffen, doch Du selbst hast gesagt, die Wahrheit sei ganz oder gar nicht. Und daher kommt Monica nirgends vor, denn Du hast falsch zitiert. Es heißt nicht einfach: drei späte Sachwalter der Magier, drei zeitweilige Träger desselben Siegels!, da steht noch etwas, Du hast es ausgelassen, eine Bedingung, der Monica unmöglich genügt. Da steht: drei Abkömmlinge ihrer Heimat. Stammt Deine kleine Schlampe von Atlantis?

Da saß er nun, DER Sternenputzer und sonnte sich in seinem Sieg. Da saß Berthold, in sich versunken, als hätte er noch gar nicht realisiert, was ihm soeben zugestoßen war. Versonnen schaute er in weite Fernen, als könnte dort urplötzlich am Horizont ein Stern der Hoffnung aufleuchten.
Da saß nun auch ich, im Nachhinein unendlich froh, dass Berthold zugestimmt hatte, die endgültige Entscheidung über unsere Zukunft dem Ausgang des Schachspiels zu überlassen, denn im Wortgefecht, das DER Herr der Behörde und sein Stellvertreter sich geliefert hatten, war er besiegt.

Darf ich was beisteuern? fragte Monica ganz leise. Sie stand hinter Berthold und wirkte, als sei ihr irgendetwas unsagbar peinlich. Mühsam nur rang sie sich zu altgewohnter Form durch und sprach: Daran muss es nicht scheitern, nicht an mir! Ich kann zwar nicht beweisen, dass es von Bedeutung ist, doch meine Mutter war Baskin, gehörte einer uralten Familie im Land der Cantabrer an. Errichteten die Söhne der Frauen nicht dort ihr Dorf? Ob sie nur männliche Ratsherren zeugten? Ob ihre Frauen nicht auch mal Töchter gebaren? Weißt Du, mein Alter, versetzte sie keck, beweisen kann ich und will ich nichts, ich habe keine Ahnung, wer wann über welches Meer kam - aber dasselbe gilt für Dich! Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass ich, wie's auf dem Stein steht, zu den Abkömmlingen ihrer Heimat zähle!

Der erhobene Arm DES Sternenputzers fiel auf den Tisch und stieß die Nierenschale scheppernd an. Dein deus ex machina ist wieder vom Schnürboden einschwebt, sagte er dann, der Zufall, Dein sinngebender Zufall, Berthold, man kann sich seiner kaum erwehren.


++++++

Schwarzer Bauer F7. Weil die Schlussfolgerung mir nicht behagt, Berthold!
Er war wohl doch am Ende seiner Nervenkraft, sonst hätte er kaum den anfechtbaren Kern seines Widerwillens so offen preisgegeben: Nie wieder Frauen, hieß es, nie wieder Macht! Diese beiden Verbote willst Du weghaben, seit Monaten. Aber ich muss Dich enttäuschen. Wenn Du das Spiel gewinnst, leite den Umsturz ein. Ich kann Dich nicht mehr hindern. Doch um keinen Preis bekommst Du auch noch meinen Segen dafür, die Äste abzusägen, auf denen wir sitzen ...

Ganz recht, Adam! Wir sitzen! Weißer Bauer A3. Und übrigens mit recht bequemem, fettem Hinterteil, ungeachtet Deiner persönlichen Magerkeit. Faulheit hält Behörde und Welt am sprunghaft beweglichen Abgrund fest. Starrsinn, nicht die Beweglichkeit oder der Umsturz, dessen Du mich beschuldigst! Wir müssen handeln. Den Träumen Konsequenzen folgen lassen! Die Wirklichkeit hat ihre Tradition und narrativen Stränge, wie der Traum. Die Spuren, die wir fanden, stammen aus beiden Quellen. Da dürfen wir nicht alles in die träumerische Schublade packen! Es ist uns nicht erlaubt, einfach zu sagen: die Texte sind doch bloß geträumt - deshalb darf es nicht geben, was wir sehen, ja sogar anfassen können. Es ist auch nicht vertretbar, Dein Argument: Ihr habt die Texte teils selbst verfasst, habt Geschichten erzählt, nun kümmert Euch gefälligst nicht auch noch darum, dass Eure Geschichten Geschichte machen! Vernachlässigt, dass Träume in die Wirklichkeit eingingen, dass Euer Text versteinerte, zu Reliquienkreuzen geschmiedet wurde, oder gesiegelt, als offizielles Dokument eines geträumten Reiches. Du meinst, dieser gewaltige Vorrat der Träume soll nichts weiter sein als Beschäftigungstherapie für eine ansonsten tatenlose Beamtenschaft? Da mache ich nicht mit! Wir haben hier eine ergänzende Ebene zur Wirklichkeit, eine Art Zwischendecke des Geschehens, die sehr wohl trittfest ist. Das gilt für sie alle: Marcus Aurelius ...  Johannes auf Patmos, auch sonst antike Autoren zuhauf. Der spätmittelalterliche Arzt und Alchymist Villanovanus. Die barocken Persönlichkeiten Michelangelo Buonarroti und Petrus Brock. Über alle Epochen hinweg die von Klingenhoven zu Bucholtz mitsamt ihrer doppelten Buchführung. Doch damit nicht genug. Auch für die weltumfassenden allwissenden Archive der Behörde gilt, dass wir nach unserem Gutdünken, stets in Unsicherheit auswählen müssen, wollen wir denn überhaupt  wirksam arbeiten! Bucholtzpapiere, Anjouchronik und die gefundenen Ratsherrenbriefe setzen uns dem selben Zwang aus. All diese Texte bedienen sich freimütig und reichlich aus den Fundi realer Geschichte und wildester Phantasie, geben mal der, mal jener für ein Kapitel den Vorzug, platzieren aberwitzige Figuren ungerührt inmitten altvertrauter Zusammenhänge oder verpflanzen historische Persönlichkeiten in eine phantastische Szenerie. Alle lügen, dass sich des Himmels Balken biegen. Alle beziehen sich aufeinander, bestätigen oder widerlegen sich in wechselnder Konstellation. Sie überschneiden, stützen, bezweifeln oder ignorieren sich. Aber nicht ein Schriftstück, Adam, kein einziges ist darunter, das, wie Du unterstellst, schlicht abgeschrieben wäre. Wohl aber wissen diese Texte voneinander und üben Einfluss aufeinander aus. Dass sie hierbei oft simpelste Grundregeln von Kausalität und Zeitverlauf brechen, macht es uns zweifellos schwer, sie hinzunehmen in ihrer ganzen Merkwürdigkeit. Glaub doch nicht, dass dies Rechenblatt und Monica und mir zu Anfang leicht fiel! Vielleicht ein bisschen leichter als Dir, weil wir unumstößlich wussten, dass wir uns nie zur Schändlichkeit des Plagiats hinreißen ließen, wohingegen Du darauf angewiesen bist, zu vertrauen. Versuch es doch, ich bitte Dich von Herzen!

Mit großem Nachdruck hatte Berthold gesprochen und mit solch entwaffnender menschlicher Wärme, dass wir fest auf Adams Einlenken rechneten. Doch DEN Sternenputzer schüttelte nur ein rasselnder Hustenanfall. Verschämt spuckte er braunen Auswurf in eine Nierenschale und wischte sich danach minutenlang, wie unter Zwang, die Lippen. Als er zur Entgegnung ansetzte, war in zwei Sätzen klar, dass er die Verständigung zurückwies.

Schwarzer Bauer A4. Ihr glaubt also, dass diese Texte zwischen Wirklichkeit und Traum Tore öffnen? Ihr seht Euch als Grenzgänger, wollt in die Fußstapfen der Familie Toprak treten und Mauern, Zäune, Grenzen ignorieren? Nun los doch, Berthold! Versuche überall zugleich zu sein, im Traum und in der Geschichte! Probier es doch, Dich aufzuteilen zwischen geduldiger Bestandsaufnahme, unserem Sternenputzerberuf, der Verwaltung von Träumen und politischem Handeln, dem Aktionismus, der Wurzel allen Übels! Vorwärts! Wirst schon sehen, wohin das führt, zerreißen wird es Dich! Werden wir nicht bereits zwischen den verschiedenen Träumen zerrieben und müssen unsere Identität aus den verschiedensten Quellen zusammenklauben? Wir sind nicht mehr so heil, wie vor der unseligen Verwirrung, die Du in den Archiven gestiftet hast. Der halben Behördenleitung hast Du widersprüchliche Biographien und Familiensagas verpasst, oft mehr als zweifelhafte Herkunft angedichtet. Glaubst Du, sie werden es Dir danken? Ich weiß noch gut, wie Gerrit Daniel de Kempenaer zur Behörde kam und sich das Karzinom unter der Achsel wegschneiden ließ. Meinst Du, er lässt sich gern daran erinnern? Und Manini! Und Du und Rechenblatt. Und dieses anonyme Toprak-Fragment aus den Archiven. Das VANITAS-Theater in Berlin, erst gestern wieder kehrte ein verzweifelter Legat ohne nähere Auskunft zurück. Nur, dass sie offenbar ihr Programm demnächst erweitern, wusste er zu berichten. Unüberschaubar, wer alles wo vorkommt...

Aber nicht doch, Adam! Berthold zog: Weißer Springer B4. Wenn der Traum ein Eigenleben neben der Wirklichkeit führt, muss es auch Menschen geben, die zugleich beide Welten bevölkern, doppelt und dreifach vorkommen. Auch dies scheint mir, wenn Du gestattest, nicht schmählich, sondern ein Privileg. Was stört Dich so? Was beraubt Dich der Ruhe? Dass die Familie Toprak in den Bucholtzpapieren, dem anonymen Aktenblatt und Leitung der Kleinkunstbühne VANITAS gegenwärtig ist?
Dass Manini in der Anjouchronik wie in den Bucholtzpapieren auftritt und zu alledem noch Beamter ist? Dass unsere Erfindung Marian Guardini aus der Anjouchronik in die Bucholtzpapiere entschlüpfte, um dort den Malern, unseren Ahnen, den Traum vom Anjou-Europa zu übermitteln? Ereiferst Du Dich, weil die Beamten de Kempenaer und Siau Chou Vorläufer in den Bucholtzpapieren haben und uns dort ausrotten, beziehungsweise retten wollten? Ist Dir unheimlich zumute, weil die Collegiumsmitglieder Rechenblatt und Hockenbrannt nicht nur quasi atlantische Geburtsurkunden vorweisen können, sondern in den Bucholtzpapieren, zeitlich scheinbar widersinnig, weil ihre Anjouchronik ja noch gar nicht geschrieben war, als Vollstrecker des eigenen Traumes erfunden wurden? Dies allein könnte ich verstehen, EH, sahen doch Rechenblatt und ich für kaiserliche Ratsherren ganz andere Namen vor. Nun beunruhigt uns ein wenig, dass wir gar so wörtlich beim Wort genommen wurden: es genügt nicht zu träumen, du selbst musst - und nur du selbst kannst - deinen Traum in die Tat umsetzen! So ist wohl zu deuten, dass Sedardentier und Nufolier, dass Hockenbrannts und Rechenblatts die Herren Europas berieten. Aber nicht von uns wollte ich sprechen: stören Dich die Mütter, auch sie Figuren der Bucholtzpapiere? Gibt es doch eine Akte über sie in Deinem hochgeheimen Archiv? Werden sie dort sehr wohl als Beamtinnen ausgewiesen, entgegen Deiner Behauptung? Missbilligst Du, dass Bucholtz im eigenen Traum vorkommt? dass Lorwitz die Bibliothek verwaltete? dass VANITAS unseren Traum teilt, Colonna überall zugange ist, aus jedem Bücherhimmel gleißende Kometen stürzen und allenthalben Ratten schnüffeln ...

Sie schrieen sich jetzt an, brüllten sich gegenseitig nieder. Hätte ich nicht unter den bauschigen Falten der Amtsrobe mein Diktaphon verborgen - die folgende Passage wäre unmöglich zu rekonstruieren.


+++

Weißer Turm H5. Lass gut sein, Adam. Lassen wir für den Moment unsere Kontroverse ruhen! Ich möchte ausloten, wie tief noch unser Vorrat an Gemeinsamkeiten reicht. Die Ratsherrenväter werden wegen des Streits um die neue Hauptstadt verbannt, fliehen nach Rom und finden auf dem Forum den originalen Lapis Niger. Als sie sich später des Lebens wieder sicher fühlen, beackern sie nahe Venedig ihre paar Morgen Land und melken mit ungeschickten Schreiberhänden Kuheuter galtig. Dann sterben sie. Die Söhne verdingen sich bei Bucholtz zum Kriegsdienst, kämpfen auf kaiserlicher Seite vor Aachen. (Wo die Ausstellungen zum zwölfhundertsten Todestag Karls des Großen stattfinden. Anm. d. Hrsg.) Es folgen Verhaftung durch Mattheus Ghika und Begnadigung durch Ludwig, schließlich der Auftrag für die Reliquiare, ein handwerkliches Intermezzo und die Denkmalsenthüllung: Verteilung der zwölf Kreuze. Das vorletzte schaffen sie nach Troia, weil einst Aeneas von einem Ort dieses Namens aufbrach. Ein beigefügtes Pergamentstreiflein verweist wieder nach Rom. Dort hat Michelangelo ihnen Beistand geleistet und schuf die Schatzkammer fürs letzte Kreuz: Sisyphus, den ewiglich zur Fron Verdammten. Ratsherren, dazu verurteilt, dem unerreichbaren ewigen Frieden hinterher zu hecheln. Der Todesspötter. Die um der Nachwelt Urteil höchst besorgten Räte. Der Steineroller - der Lapis Niger. In der Unterwelt  - in der Grube, in Michelangelos Gewölbe. Bergauf - auf dem kapitolinischen Hügel. Was soll daran gefälscht sein? Inzwischen schaut die halbe Menschheit diese Fernsehbilder.

Schön und gut! Schwarzer schwarzer Läufer H8 und Schach dem weißen König. Aber wiederum führte euch ein undurchschaubares Manöver mit Büchern, eine Bibliotheksintrige, nach Troia und darüber hinaus nach Rom. Ihr fandet das Troianer Kreuz doch anhand eines Planes, der den Weg von Friedrich des Zweiten Herz nachzeichnete, eines Planes, den Rechenblatt zu Palermo aufstöberte, nach dem Diebstahl des MAFIA-Pergaments. (Interessant übrigens, dass Papst Franziskus die Mafia exkommuniziert! Ist er bloß zornig, weil deren schwarze Konten dem Vatikan jede Bilanz versauen oder will er der verbrecherischen Struktur generell an die Wurzel? Und wie viel eigene Wurzel risse er damit aus? Anm. d. Hrsg.)

Steck Dir das Schachgebot an Deinen Sternenputzerhut: Weißer schwarzer Läufer B2. Was passt Dir daran nicht? dass wir überhaupt was fanden? Monicas Trick, als sie den Plan in Palermo durchpauste? Rechenblatts vorheriger Diebstahl im Tresorkeller? Er verschaffte uns, wie Du ganz richtig sagst, das MAFIA-Pergament. Soll auch das gefälscht sein? Meinethalben, wenn Du Dich soweit verrennst! Ich darf aber in diesem Zusammenhang an Lucia Dellarda erinnern, die sich dann einer gestohlenen Fälschung wegen in ihrem Hotelzimmer aufgehängt hätte! Und nun vollends die Planskizze: sie liegt unangetastet in der erzbischöflichen Bibliothek zu Palermo, authentisch, unverfälscht, wovon Du Dich gern selbst überzeugen kannst. Mit einem Grunzen tat Adam dies ab. Aber eigentlich sehe ich gar nicht ein, wieso ich mir unentwegt Vorwürfe anhöre! Wie viele Leichen hast Du denn im Keller der Archive? Was ist an der Geschichte der zwei Sternenputzerinnen wahr, die an Portugals Küste praktisch ausgesetzt wurden, dem Tod ausgeliefert, - die nur zufällig überlebten: unsere mutmaßlichen Mütter? Auch wieder nur unliebsamer Zufall? Langsam begreife ich: auch diesen Zufall gibt es nur, weil er beobachtet wurde, weil Bucholtz unter Muscarineinfluss genau hinschaute. Hätte er ihn übersehen, so wäret Ihr nun nicht in der höchst unbequemen Lage, Euch rechtfertigen zu müssen, EH! Tut doch nicht so so, als wäre nur meine Argumentation opportunistisch und diene Zwecken jenseits der reinen Wahrheit! Was tat man unseren Müttern an? Fiel schwarzer Stein auf einen Hubschrauber? Wurde er von uns nach Rom gebracht? Wenn ja, warum ließen dann die Herren der Behörde ganze Sternenputzergenerationen an der Übersetzung der Inschrift eines bekanntermaßen falschen Steines irrewerden? Wusste die Behördendelegation zu Zeiten des Königs Romulus um die Herkunft der Steinmetze? Ahnte die spätere Delegation, die der Versenkung der Aschenurne des letzten weströmischen Kaisers beiwohnte, woher die Hofnarren stammten?

Er hatte sich in Rage geredet und wollte fortfahren, doch Czartoryski nutzte seinen Heimvorteil im Amtszimmer DES Sternenputzers.

Ich bin es, Berthold, der hier Fragen stellt! Und noch bist Du es, der über Tun und Lassen Rechenschaft zu legen hat! Dennoch will ich Dir antworten, zunächst auf Deine abschließenden Fragen: nein! Niemand in der Behörde ahnte bis gestern, woher Ihr stammt - gesetzt einmal den Fall es gab Euch überhaupt außerhalb von Bucholtz' Traum ...

Verblüfft flüsterte Mo, sich an Berthold wendend: Jetzt schnappt er über!

Wie gern ich sie. Doch nein, das darf ich nicht mal denken!

Czartoryski überging ihren Einwurf.

Jawohl, der Stein wurde von uns nach Rom gebracht, wo er  verschwand. Das steht im Archiv der Magnifizenzen. Rom hat sich als Fehler der Behörde erwiesen - warum hätten DIE Sternenputzer ihre untergebenen Kollegen also nicht die falsche Botschaft des angeblichen Lapis Niger bearbeiten lassen sollen? Ja, der Stein riss einen Helikopter in die Tiefe. Gewiss, es war vulkanisches Gestein vom Kontinent Atlantis. Nun gut, wir hielten alles geheim! Wem hätte es genützt, davon zu wissen?

Und wem geschadet? Fragte Monica dazwischen.

DER Sternenputzer fiel erneut aus der Rolle: Schweig endlich stille, Frau, mit Deinem Freier red ich, nicht mit Dir! Die grandiose Unverschämtheit dieses Ausfalls machte Berthold sprachlos. Brauchst gar nicht so verkniffen zu schauen! Weiber gleich Tempelhuren! So wurde es in den schwarzen Stein gekerbt. Du wirst doch wohl nicht Deinen eigenen Fund infrage stellen? Was nun aber Eure angeblichen Mütter angeht, die so vorzüglich zu den Weissagungen des Steines passen - Söhne und Töchter sollen künftig von Müttern abstammen -, weiß ich von ihnen nichts. Selbst DER arbeitsamste Sternenputzer schafft es nicht, sich in mehr als vielleicht den zehnten Teil der geheimen Archive einzulesen. Manche Akte ist dort für alle Zeit begraben, ohne dass wir auch nur von ihrer Existenz träumten. Du kannst aber, sobald Du in nicht allzu ferner Zeit auf meinem Stuhl sitzt, Bertuccio Manini gern beauftragen, ein Jägerprogramm durch die geheimen Computerkataloge zu schicken. Schwarzer Springer G6 und Schluss der Ansprache!

Dann darf ich jetzt wohl auf den Stein kommen?

Ich bitte darum! Czartoryski gab sich anzüglich.

Weißer Turm E2. Seine ersten Stationen sind mittlerweile nachvollzogen: Atlantis, Portugal, Behördensitz, Rom, wo die Behördendelegation ihn, gleich einem Artilleriegeschoss auf Romulus‘ Mauer abfeuerte und dem König auf die Sprünge sowie zu etlichen Rippenbrüchen verhalf. Danach kerbte der Rechenblattvorfahr mit spitzem Meißel seine Flüche aus, in reinem Hochatlantisch, wie die vergrößerten Pressefotos zeigen. Diese Tatsache allein sollte Dir schon als Beweis dafür genügen, dass unsere Träume weder Fälschung noch Erfindung sein können. Der bleibt auf dem Grab des Romulus, samt Mauerfluch und dunklen Prophezeiungen, diese Verwünschung Roms lasse sich nicht in Rom selbst lösen, bis endlich die aus Venedig exilierten Ratsherren ihn entdecken - teilweise ausgehöhlt, was sie auf die Sprengung zurückführen, was tatsächlich jedoch das Werk der Colonna ist. Vittoria Colonna teilt dies dem Michelangelo Buonarroti mit, besinne Dich. Beide unterhielten ja einen regen Briefwechsel, so dass es durchaus möglich sein mag, dass ihre Beziehung weiter ging, als unsere konventionellen Historiographen sich bislang ausmalten. Es muss ja nicht unbedingt so sein, dass Michelangelo streng schwul war. Bisexuell wäre doch auch möglich. Durch Michelangelos Brief hinwiederum erfuhren wir Heutigen die wahre Geschichte der Aushöhlung des Steines, - anders als die damaligen Ratsherren, denen der Künstler zu seinem eigenen Ergötzen dies Wissen vorenthielt. Auch hier ein Indiz für unsere Rechtschaffenheit: oder glaubst Du, dass der bedeutendste Künstler seiner Zeit willfährig einer Fälscherbande zur Verfügung gestanden hätte?

Deine Einlassung zeugt von erschreckender Naivität, Berthold! Schwarzer Turm E7.

Weißer Bauer G4. Und Deine Antwort zeigt mir, dass Du längst nicht mehr Herr Deiner zweiflerischen Attitüde bist! Jedenfalls erklärt Michelangelo nicht bloß, von wem der Stein der Weisen Magier ausgehöhlt wurde, bemerkt nicht einfach, zu welchem Zweck Sisyphus ihn rollen soll, begnügt sich nicht damit, ihn auf das Kapitol in seine Grube zu schaffen und den Platz darüber passend herzurichten, sondern nimmt überdies ausdrücklichen Bezug auf das Anjou-Reich und dessen Hauptstadt Venedig. Wen äfft er Deiner Meinung hier nach, Adam? Darauf fällt selbst Dir nichts ernstzunehmendes mehr ein, nicht wahr, so wenig, wie zur Tatsache, dass unsere Suche den kompletten Stein der Weisen Magier wieder der Behörde zugänglich machte, ihn gleichsam dem geistigen Eigentum der Sternenputzer von Atlantis einverleibte. Gemeinsam fanden wir die Kugel. Und Rechenblatt allein entdeckte bei Swiecie das Kind des Steins, das die namensbewussten Colonna ihm aus dem Bauch geschabt hatten, um es in unserem Traum als Säulendenkmal zweckzuentfremden. Auch das Fälschung, EH? Fahrt doch nachhause und schaut nach! Wer schrieb von wem ab? Wer meißelte die Formen fremder Bildner nach? Warum gibst Du nicht zu, dass unsere Funde wichtige Positionen einer zukunftsweisenden geistigen Strategie besetzt haben? Sie haben Kreise geschlossen!


+++

Als Monica mit dem Schachspiel den Schreibtisch erreichte, sah DER Sternenputzer sich zu einer Erklärung genötigt. Dass Berthold mir die eigenwilligen Regeln erläutert hatte, die er und Czartoryski für den persönlichen Gebrauch befolgten, davon ging er wohl aus, doch Monica hielt er für ahnungslos. Schauen Sie .., er stockte, eigentümlich befangen. Bitte schauen Sie: Ihr Freund und ich haben uns auf eine recht unorthodoxe Variante des Spiels geeinigt. Ich will nicht behaupten, auch nur einer von uns beiden sei ein passabler Spieler, dennoch hat uns das königliche Spiel in seiner allgemeinen Form nie befriedigt. Im stillen Kämmerlein gebärden wir uns gern anarchisch. Generell lieben wir ja keine Regeln, die uns von dritten aufgezwungen werden, das dürften Sie inzwischen bemerkt haben. Daher trafen wir folgende Übereinkunft: ehe zwischen uns das eigentliche Spiel beginnt, erzeugen wir willkürliche Situationen auf dem Brett. Abwechselnd platzieren wir Figuren nach eigenem Gutdünken, Berthold immer Weiß, ich stets Schwarz. So entstehen verwirrende strategische Ausgangslagen. Dann losen wir, wer welche Farbe spielt, Weiß macht den ersten Zug und von diesem Augenblick an wird das Spiel nach internationalen Schachregeln bis zum Matt oder Remis abgewickelt. Willkürliche erzeugte Ausgangslage. Regelgerechter Kausalverlauf bis zum Ende. Verstehen Sie?
Was meinen Sie? fragte Monica, ob ich den Sachverhalt begreife oder die Motive Ihres Verhaltens?
Verzeihung! bat DER Sternenputzer, der sie wieder einmal unterschätzt hatte.
Schwarzpoliert schimmerte der Schreibtisch im Kunstlicht, geräumt von aller Arbeit, außer dem Dossier über Monica und dem maschinenschriftlichen Original des Rechenschaftsberichtes. Oft hatten wir es diskutiert in zehn Tagen seiner Entstehung. Monica und Berthold hatten die Hauptarbeit geleistet, während ich mich von meiner langen Reise ausruhte, die mich mehr mitgenommen hatte, als ich je für möglich gehalten hätte. Czartoryski hatte den Bericht in der vergangenen Nacht gelesen, was seiner ohnedies angegriffenen Gesundheit sicher zugesetzt hatte. Nun packte er beide Dokumente auf einen Stapel und legte seine zittrige Hand darauf.
Was ist, Berthold? forderte er seinen Stellvertreter heraus. Spielen wir drum? Alles oder nichts? Nach unseren angestammten Regeln? Es dürfte das letzte Spiel meines Lebens werden. Übrigens habe ich Dir Brett und Figuren testamentarisch vermacht, falls Dich das interessiert. Spielen wir also? Berthold schüttelte den Kopf.
Nein, EH. Die Angelegenheit ist zu wichtig. Der Einsatz zu hoch.
Und wenn ich es Dir befehle?
Das weißt Du, Alter! sagte Berthold. Es war das erste Mal, dass ich einen Beamten DEN Sternenputzer duzen hörte. Ich zuckte zusammen. Wenige Tage später jedoch duzte auch ich DEN Sternenputzer mit großer Selbstverständlichkeit - als er nämlich Berthold Hockenbrannt hieß. Du weißt es, Adam, wiederholte Berthold, diesem Befehl würde ich nicht folgen.
Wütend funkelte DER Sternenputzer ihn an. Als er sich beruhigt hatte, seufzte er:
Alles vergeht. Auch Macht. Du lernst das früh genug, noch schneller, als Dir lieb ist, Berthold. Also bleibt mir nur ein Letztes: im vollen Erst, lass uns um die Zukunft spielen! Gewinne ich das Schachspiel, so werden diese Schriftstücke zu den Akten genommen und vergessen. Auch als mein Nachfolger darfst Du dann keinerlei Gebrauch von ihnen machen, von keinem Eurer vielen Funde, weder von Buch, noch Kreuz, noch Stein, noch Brief. Setzt aber Du mich matt, so magst Du auf der Stelle beginnen, mit Euren Funden in der Behörde oder außerhalb zu schalten und zu walten. Du glaubst an Sinn im Zufall, Berthold. Ist Dein Glaube berechtigt, so haben meine Vorstellungen von Welt und Behörde ausgedient. Verlierst hingegen Du dies Spiel, dann müsste sogar Deine Niederlage für Dich Sinn machen. Hört gut zu: ich schlage dieses Spiel nicht vor - Du würdest es ablehnen. Ich befehle es nicht - Du würdest nicht gehorchen. Ich bitte vielmehr darum! Es ist mein Lebenswunsch! Tun wir so, als weilten wir auf Atlantis und lebten nach der alten  Behördenverfassung. Du kennst sie auswendig, Berthold! Dies Spiel ist möglich, der Wunsch nicht unerfüllbar! Ich bin, er kicherte ein wenig albern, älter als 25 und darf ihn also äußern, meinen Lebenswunsch. Ich erbitte dieses Spiel als meinen Lebenswunsch, den Du nicht ablehnen darfst.
Nein! Monica stöhnte gequält. Nein, mach das nicht, ich bitte Dich!
Berthold war entsetzt aufgesprungen. Seine Hände fuhren ihr durchs Haar, Finger, gekrümmt wie Zinken einer plumpen Harke, verspürten nichts von elektrisiert knisternder Pracht. DER Stellvertreter lag mit sich selbst im Widerstreit. Dann war es ausgekämpft.
Immer hat es geheißen, in unserer Partnerschaft sei ich der Waghals, Berthold jedoch der Planer. Ich sei Bruder Leichtfuß, er der Stratege. Nicht ohne heimlichen Stolz hatte ich meine Rolle angenommen und gelebt. Nun stellte Berthold alles auf den Kopf. Ich muss zugeben: als er die Holzkiste öffnete und die Figuren auf den Tisch goss, als Angst um sechzehn Jahre gemeinsamer Arbeit mein Herz in der Brust stolpern ließ, als ich ihn plötzlich für einen wahnsinnigen Hasardeur hielt, beschloss ich, künftig mitzuspielen, indem ich meine römische Drohung wahrmachte. Wenn er verliert, entschied ich, so haben wir eben verloren, fertig aus. Gewinnt er aber, dann werde ich ihm meine Entscheidung aufzwingen, ein einziges Mal, werde die Isolation der Behörde aufbrechen, werde für ihn und ohne sein Wissen das einzige Risiko eingehen, das er als Herr der Sternenputzer scheuen wird, werde ihm die Karten aus der Hand reißen und alles neu aufmischen ...
Dann dröseln wir den Knoten doch mal auf! sagte Berthold und ließ zugleich wählerisch seinen Blick über die hingegossenen Figuren schweifen.
Monica gab einen Laut von sich, der wie ein Schluchzen klang, stand auf und wanderte zu jener Uhr, deren Zeiger atlantische Zeit rückläufig messen, vom Tage Eins der Behördenherrschaft in die Vergangenheit.
Das dürfte nicht so einfach sein, Berthold, wandte DER Sternenputzer ein. mich dünkt, dies Knäuel ist gordisch unentwirrbar, oder, um alchymistisch zu formulieren: was bisher geschah, was alles aufeinander trifft an Personen, widersprüchlichen Biographien, verschlungenen Strängen der Überlieferung; heidnisch, christlich, in der Behörde aktenkundig oder aus den Regalen dieses obskuren Freiherrn Bucholtz zu Klingenhoven aus Deinem Heimatort, - dies alles schmeckt mir nach heillosem Gepansche. MAFIA, Anjouchronik, Bucholtzpapiere, Villanovanus, Petrus Brock, Michelangelo, Sisyphus, Briefe der sogenannten Räte, atlantischer Stein der Weisen Magier, heidnische Weltzeitalter und christliche Apokalypse ... undefinierbarer Absud! Unordentliche Rezeptur ohne gedankliche Stimmigkeit. Sie beleidigt meine Liebe zur Klarheit!

Berthold blieb ruhig und baute auf: Weißer König A1. Du sagst es selbst, Adam! Hexenkessel! Alchymistenküche! Das Spülwasser vom ganz großen Abwasch! Jedes Ingredienz schmeckt mit, Zufall und Sinn, Wirklichkeit wie Traum, aus aller Herren Länder eine Prise Pfeffer. Oh, ja Adam: Widerspruch und Unvereinbarkeit inbegriffen! Stets beide Seiten der Medaille. Das Körnchen Wahrheit aus dem Staub jeder beliebigen Archivakte, aus jeder Überlieferung ein Nebensatz! Wahrheit, Adam, Wahrheit gilt total oder gar nicht! Aus jedem Dreck sollte der Stein der Weisen Gold machen und ewiges Leben schenken. Zugrunde lag ihm die Idee vom Urstoff, dem Schlüssel zur Totalität, einer Prima Materia, welche, allüberall zugegen, zugleich von einem jeden Ding den Wesenskern beinhalte. So wird freie Assoziation möglich! Aus diesem Bewusstsein allumfassender Verbundenheit rührt die Vermischung und Verquickung scheinbar gegensätzlicher, ja feindlicher, Überlieferungen, wie des antik-heidnischen Gedankengutes von den Weltzeitaltern mit der christlichen Apokalypse, der Sterne und Kometen wegen, die ihrerseits an die atlantische Vulkanschleuder gemahnen und den Stein der Weisen Magier ...

... schwarzer König E8! Fangen wir ganz konventionell an! Adam verzog hämisch die Mundwinkel. Aber das entbehrt doch alles jeder inneren Notwendigkeit! Das ist nicht zwingend, Berthold! Man hätte ebenso gut das bethlehemitsche Sternlein anführen können, mit gleichem Recht, wie auf die Apokalypse hätte man sich auf den Kometen beziehen dürfen, der immerhin drei biblische Magier leitete ...

...von mir aus, warum nicht? Weiße Dame F1! Nur hätte dies den Weg versperrt, mittels der Analogie zwischen Himmlischem Jerusalem und Goldenem Zeitalter, den Christen unseren Traum schmackhaft zu machen. Unser antikes Rom meinte: Europa! Die Offenbarung des Johannes meinte Rom und sagte Hure Babylon ...

... die einzige Hure hier ist diese Frau! rief Adam mit dem Zorn des eifernden Renegaten, eines abtrünnigen polnischen Katholiken, der seinen europäischen Traum durch den Glauben seiner Kindertage beschmutzt wähnte.
Berthold wollte aufbrausen. Aber da säuselte Monica mit boshafter Liebenswürdigkeit: Aber so lass ihn doch, das schwatzhafte Alterchen!
Ganze kurz dachte ich, DER Sternenputzer würde die Leine seines Infusionsschlauches zerreißen, um Monica eine zu langen, und machte mich gefasst, seinen Arm abzufangen, doch dann bezwang auch er sich wieder und winkte Berthold, fortzufahren.
Zuguterletzt, Adam, hätte der Stern von Bethlehem den visionären Grundgedanken der Offenbarung vermissen lassen, träumte doch Johannes auf Patmos!

Schwarze Dame D8, knurrte Czartoryski. Mich tröstet ungemein, dass Du mit den handfesten sogenannten Traumspuren nicht in dem Maße willkürlich wirst umspringen können, wie mit Idee und Assoziation! Ob er nicht merkte, was er da zugab?

Weißer weißer Läufer H1. Ist also der Fälschungsvorwurf vom Tisch? Fragte Berthold hoffnungsvoll aufhorchend.

Nur was Kreuz und Stein anbelangt. Schwarzer weißer Läufer A8: bringen wir endlich etwas Bedrohung ins Spiel! Nein, Berthold, ich betrachte meinen Verdacht keineswegs als entkräftet. Allein in Bezug aufs schiere Material, hinsichtlich der puren Stoffe Metall und Stein ziehe ich ihn zurück. Das übrige, die Bücher, die Phasen der Entdeckung, insbesondere jedoch die ganze Fährtendeutung stinkt mir, dünstet nach zweifelhaftem Mief der Nützlichkeit. Was Euch so bemerkenswert gut in den Kram passt - mir stinkt es! Ich kann und will Euch da nicht trauen. Solche Zufälle gibt es nicht!

Weißer Bauer H6. Berthold lächelte mitleidig: nur nicht nützlich sein, nicht wahr? Nur die Ideen nicht außerhalb ihrer eigenen Sphäre zweckentfremden, wie? Sie sollen hübsch steril bleiben, unter Verschluss, dürfen nicht umkommen beim Versuch, Brot, Frieden oder Trost zu spenden! Wehe, wenn die reine Idee sich an der Welt die zarten, bleichen Fingerkuppen anschmuddelt!

An Welt? An Wirklichkeit? Schwarzer Bauer H7. Doch wohl eher am Verrat! Zu viele wissen über die immer gleichen Sachverhalte Bescheid, Berthold. Du kannst mir nicht vorgaukeln, Ihr hättet Euch nicht ausgetauscht, um jene Übereinstimmungen bewusst zu fabrizieren, angesichts derer ich wohl vor lauter Staunen die Sprache verlieren sollte! Zunächst dachte ich, verräterische Beamte hätten Bucholtz, wie schon dem VANITAS-Theater, Details aus Eurer Anjouchronik gesteckt. Nun, da ich weiß, dass VANITAS durch Bucholtz von den fraglichen Ereignissen Kenntnis bekam und die Bucholtz zu Klingenhoven bereits Jahrhunderte vor Euch an Eurem Traum schrieben, um ihn ihrer doppelten Buchführung einzuverleiben, müsste ich eigentlich davon ausgehen, dass Ihr bei Ihnen abgeschrieben habt. In Eurer Lobberter Jugend hattet ihr reichlich Gelegenheit. Alles andere wäre einfach unglaubwürdig. Gib‘s zu! Es muss doch nicht in böser Absicht geschehen sein! Ihr wart junge Studenten und wolltet Euch einen Jux machen. Dann trat der unvermutete Erfolg ein und Ihr konntet nicht aufhören, nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren! Ihr seid hineingeschlittert ...

... jetzt hör aber auf! schrie Berthold. Jetzt hab ich genug!

Glaubst Du, ernstlich, Gebrüll überzeugt mich? Irgendwer hat nun mal die bleiernen Drucktypen eines anderen abgekupfert ...

... oder denselben Traum geträumt. DER Stellvertreter war im Bemühen,rruhig zu bleiben, rot angelaufen. Wollen mal sehen, wieweit wir uns überhaupt noch einigen können! Die Kreuze also: Eisen, Bronze, Silber, Gold für die vier Zeitalter, verledertes Gewebe zweier Herzmuskel für brüderliche Aussöhnung und schließlich viele Edelsteine. Erlesenes Kunsthandwerk, ohne die Spur von Plagiat oder Eklektizismus. Die schwarzen, Bucholtz und zunächst auch uns unbekannten Gesteinssplitter, die als Teil der diamantenen Ellipsen auf dem eisernen Kreuzesarm ihre Bahn ziehen, sind übrigens extraterrestrischen Ursprungs, Adam, das haben die Labors festgestellt! Meteoriten, womöglich aus jenem Meteoritenschauer, der vor der Sizilianischen Vesper herniederging ...

... jetzt wirst Du gleich, unterbrach Adam ihn, wieder auf naturwissenschaftliche, ja kosmologische, Analogien pochen! Die Gesetzmäßigkeit der Relativitätstheorie und Heisenbergs sprunghafte Quantenzufälle, die, man denke nur, erst im Zug der Beobachtung entstehen. Der Sinn einer erhabenen Ordnung und der dumme, kleine, blinde Zufall, der würfelnde Herrgott. dass ich nicht lache!  Alles ins selbe Weltmodell verschmolzen. Absurde Kreise, deren jeder aller anderen Mittelpunkt bildet. Wirklichkeit erzeugt Träume und diese verändern die Wirklichkeit, wirkliche Gegenwart  bringt erträumte Vergangenheit hervor und diese erzeugt sinnvolle Zukunft. Wobei als immer dienstfertiger Herold Deiner Epiloge, oder zuvor als deus ex machina noch Deines absurdesten Welttheaters stets der passende Zufall zur Hand ist, nur eine Frage von Regie und Bühnentechnik! Sinngebend, ja sinnerzwingend, - da mag das Publikum noch so schrill pfeifen!


+++

Da saß er nun, DER Sternenputzer, ein verschrumpelter Greis, den ich nie hatte lieben können, ja der mir kaum das Gefühl respektvoller Kollegialität abnötigte, das Berthold ihm entgegenbrachte. Die Beamtenschaft war in zwei Lager gespalten: eisige Schweiger und eifrige Tuschler.
Berthold hatte Mo eingeladen. Niemand an den Toren hatte gewagt, ihn aufzuhalten, obwohl DER Sternenputzer ausdrücklich befohlen hatte, Monica nicht einzulassen. Alle Beamten wussten jedoch, dass die Weisung von einem Herrn stammte, der im Sterben lag.
Bei unserer offiziellen Begrüßung spielte Bertuccio Manini die Rolle des Zeremonienmeisters und zog sich mit gewohnter Eleganz aus der Affäre:
An der Tür zum Arbeitszimmer DES Sternenputzers dreimaliges Pochen mit dem Knauf seines Stabes, dann Bertholds Name und, gemäß Protokoll, sein wortreicher Titel in voller Länge. Es folgte das einmalige Klopfen, das meinem neuen Rang als Procurator entsprach, mein Name und der noch ungewohnte Titel. Dann winkte Manini seinen Gehilfen heran, übergab ihm den Zeremonienstab, bot Monica mit höfischer Grandezza seinen Arm und ließ uns einfach stehen, wie dumme Jungs in der Tür. Er führte sie unmittelbar vor Czartoryskis Schreibtisch und sprach gemessen:
Und diese Dame, Herr, weilt auf persönliche Einladung Eures Stellvertreters hier.
Da saß er nun, DER Sternenputzer, in seinem wuchtigen Ebenholzsessel, dick eingemummelt in Kamelhaardecken, an deren Flausch und Faltenwurf er dann und wann mit fahrigen Händen zupfte, um sein Zittern zu verbergen. Vom Rollgalgen baumelte die Infusionsflasche und gab über das durchsichtige Plastikschläuchlein und die Braunüle im linken Handgelenk tröpfchenweise die Substanz an seine Vene ab, die im Kreislauf ihren aussichtslosen Kampf gegen die Infektion wahrscheinlich längst verloren hatte. Ins Bett hätte er gehört. Doch DER Sternenputzer saß da, elfenbeinbleich sein Gesicht, darin die fiebrigen Augen.
Ich weiß, Bertuccio, sagte er zu Manini, ich weiß, ich weiß, auf persönliche Einladung meines Stellvertreters, ganz zweifellos eines der hübscheren Mitbringsel von jener Reise. Eine junge Frau mit beeindruckender Lebensleistung, spottete er, und blätterte in dem voluminösen Dossier auf seinem Schreibtisch: Ali Baba und die nackten Leiber oder Die geilen Weiber von Windsor ... Will Shakespeare wäre zweifellos entzückt gewesen, meine Liebe. Und dann erst Schwarze Dame - Weißer Reiter, vermutlich ein Leckerbissen für jeden Schachspieler? Sie sehen, ich würdige durchaus die Produktion ihrer Circe-Film ...
Mo fiel ihm ins Wort: Heißen Dank! Aber Ihr habt Rosa Sternchen vergessen, allerwertester Sternenputzer und auch sonst allerlei. Wie auf dem Kapitol, als wir uns unter die Punks mengten, die nach Bertholds, Ring grapschten, nahm Monicas Stimme eine unglaublich ordinäre Färbung an: Zum Beispiel, mein Süßer, sagte sie und jedes Worte ätzte, zum Beispiel riskierst Du eine ziemlich dicke Lippe für jemand, dessen Amtsvorgänger Siau Chou Puffwirt in Honkong war.
Bertuccio Manini hüstelte um ein winziges Grinsen zu überspielen, während die Züge DES Sternenputzers jäh versteinerten. Ob seine angegriffenen Lungen schmerzten oder die Erinnerung an den skandalösen Rücktritt seines Vorgängers, blieb ungewiss.
Als er sich wieder gefangen hatte, streckte er mit einem schlichten 'Also bitte!' die Waffen. Es ist kaum mehr zu ändern. Nehmen Sie Platz! Drei Stühle standen vor Adam Bonaventura Czartoryskis Schreibtisch. Vielen Dank für Deine Bemühungen, Bertuccio, sagte er, ich will Dich nicht länger aufhalten. Mit dem Rest muss ich ja doch allein fertigwerden. Manini zog sich zurück und schloss sorglich beide Türflügel. DER Sternenputzer sann schweigend nach, dann wandte er sich mir zu: die protokollgerechte Einführungszeremonie sparen wir uns, Procurator Rechenblatt. Ich habe bereits Eure Eintragung in die Rolle der Collegiumsmitglieder veranlasst. Setzt Euch!
Da saß nun auch ich, zum erstenmal in meinem Leben im Amtszimmer DES Sternenputzers, wo nur Angehörige des Collegiums Zutritt haben, abgesehen vom engeren Stab. Gleichmäßig tickten die acht vor- und rückläufigen Weltzeituhren, verblüffend laut, selbst wenn man ihre Größe in Betracht zog. Berthold verharrte immer noch ungerufen bei der Tür. Fast eine Minute ignorierte Czartoryski ihn. Schließlich hörte ich Bertholds Schritt hinter mir, ohne dass DER Sternenputzer ihn zum Sitzen aufgefordert hätte. Er warf sich auf den letzten freien Stuhl.
Sieh da, werter Kollege, brummte Czartoryski griesgrämig und beinahe mitleidheischend, sind wir also wieder bei der Insubordination, wie gestern Abend, an den Toren, als Ihr entgegen meiner ausdrücklichen Weisung Einlass für Eure ... Bekannte ... erzwangt? Üble Sache das, Herr Stellvertreter! dann überwand er den Missmut des todkranken Greises und sagte auf einmal warm: willkommen! Sei mir willkommen, Berthold, auch wenn Du mir Moribundem nicht diesen Umsturz alter Sitten hättest zumuten dürfen. Ich freue mich, dass Ihr zurückgekommen seid, er nickte Monica zu. alle drei gekommen seid. Aber noch, gebieterisch raffte er sich im Deckengebirge auf, noch bin ich DER Sternenputzer und erwarte, dass sogar DER Nachfolger meinen Anordnungen Folge leistet, er hieb mit der Hand auf den Tisch, so dass wir sein von vielen alten Einstichen geschwollenes Gelenk sahen. Die Venen schlossen zu rasch, das Blut gerann und klumpte im Metallröhrchen, fortwährend mussten neue Braunülen geschoben werden, damit das Antibiotikum stetig ins Blut tröpfelte. Adams Leibarzt, ein Senegalese aus dem Magistratus Purificationis, hatte sein Amt niedergelegt, weil Czartoryski nicht darauf verzichten wollte, diese Besprechung sitzend im Amtszimmer abzuhalten, statt vom Bett aus mit uns zu reden. Berthold hielt den schwarzen Augen stand.
Apropos Damen und Reiter, sagte DER Sternenputzer. spielen Sie eigentlich Schach, ... ? ersichtlich suchte er nach einer unverfänglichen Anrede für Mo.
Nennen Sie mich Monica, half sie ihm aus. Mein Vorname hat sich sowieso im Rechenschaftsbericht eingebürgert. Ja, ein wenig spiele ich.
Die befehlsgewohnte Arroganz seines Amtes brach durch: Holen Sie aus der Vitrine drüben das Brett. Die Figuren liegen in der Holzkiste! Sie rührte sich nicht aus ihrem Stuhl. Bitte! Ergänzte er.
Zu meiner Verblüffung stand Monica tatsächlich auf und brachte das Brett von Elfenbein und Ebenholz samt jener kostbaren Intarsienarbeit, die Czartoryski soeben schnöde als Holzkiste tituliert hatte. Auf schwarzem Ebenholzgrund stellten elfenbeinerne Einlegearbeiten eine ziehende Elefantenherde dar.
Eine Legende rankt sich um das Schachspiel Adam Bonaventura Czartoryskis. 1926 riss er von zuhause aus und schloss sich einem polnischen Landadligen an, der bei Pilsudskis Staatsstreich auf der falschen Seite gestanden hatte und nun das Land verlassen wollte. Czartoryski war damals politisch noch völlig unbedarft, ihn lockte allein die Aussicht, als Leibbursch seines Pan dessen Großwildjagden in Afrika zu begleiten. Bald schon hatte der kaum zwanzigjährige Milchbart Czartoryski seinen ersten Elefanten geschossen. Nicht lange, und er löste sich von seinem Brotherrn, machte sich selbständig und verdiente gutes Geld als Führer und Organisator eigener Safaris für reiche Europäer und Amerikaner. Doch dann entdeckte er eins der Geheimnisse Afrikas, einen Elefantenfriedhof, und beobachtete ihn fast ein Jahr lang. Die Erlebnisse an diesem magischen Ort veränderten unwiderruflich seine Einstellung zu den grauen Riesen: um keinen Preis wollte er sie länger schießen. Als 1932 ein geradezu unwahrscheinlich großer Bulle, er war vom Scheitel bis zur Sohle sechs Meter hoch und maß somit zwei Meter mehr als jedes zuvor gemessene Tier, auf Czartoryskis Friedhof verendete, dokumentierte er das Sterben dieses Elefanten photographisch und nahm dem toten Bullen beide Stoßzähne. Eine schwarzweiße Aufnahme zeigt Czartoryski in Tropenkleidung mit Helm, das rechte Bein in Höhe des Ohrlappenansatzes auf das mächtige Haupt des gefällten Riesen gestemmt, beidhändig die Axt schwingend zum Hieb, noch vor der ersten Kerbe in der Zahnwurzel des Elefanten, den er - wohlgemerkt - friedlich an Altersschwäche hatte sterben lassen.
Dies war seine letzte Trophäe. Nicht mit dem Schießprügel - sondern mit unendlicher Geduld hatte er sie erjagt.
Die Photographien und ein Zahn schmücken noch heute die Wände seiner Privatwohnung. Den zweiten Stoßzahn aber ließ er zersägen, zu weißen Schachfiguren schnitzen, weißen Feldern des Schachbretts, zu elfenbeinernen Intarsien auf Ebenholzgrund. Soviel zum Schachspiel Adam Bonaventura Czartoryskis.
Seine Berufung in die Studentenschaft der Behörde erfolgte dann aufgrund eines Werkes, das der mittlerweile zum Privatgelehrten Geläuterte im Jahre 1942 veröffentlichte: lm Elfenbeinturm. Die Hoffnung aus dem hohlen Zahn. London, Ivory Press.


****

Von Atlantis flog der Stein der Weisen Magier herbei und sie schenkten ihn Rom. Wir übergaben ihn, wie unser Ahn prophezeit hatte, dem Sisyphus zum Rollen, lieferten ihn Michelangelo Buonarroti aus, dem heutigen Sisyphus, auf dass er die legendäre Figur aus carresischem Marmor meißele und so auch dies Wort der Prophezeiung erfülle. Auch trugen wir dafür Sorge, dass seitdem FALSCHER Stein des Romulus Haupt drückt, denn dem Bildhauer Buonarroti war‘s ein Leichtes, auf unseren Wunsch hin einen beliebigen schwarzen Steinstumpen über den Schädel des toten Königs zu setzen. Es gibt keinen STEIN DER WEISEN - nur den Stein der WEISEN MAGIER. Offenbar unterlief einem Glied der langen Ahnenkette unserer Häuser ein Übersetzungsfehler, so dass dies Gerücht Einlass fand in die Welt und, erst einmal rumorend, nie widerlegt werden konnte, wie es mit Gerüchten zu gehen pflegt. Daher können weder wir ein GOLDENES ZEITALTER oder REICH aus dem Stein erschaffen, noch werdet Ihr, Finder, es dereinst vermögen. Tut dennoch Euer bestes. Verlasst Euch dabei, wenn wir Euch raten dürfen, auf Herz, Geduld und hauptsächlich Verstand - nicht auf alchymistische Schimären! Wir öffneten Wirklichkeit und Traum dasselbe Tor. Wir verflochten die Herzen der feindlichen Brüder im Geiste Friedrich von Staufen und Ludwig Anjou. Wir taten ihre Herzen in Kreuze. So, wie wir unseren Traum vom Reich mit der Wirklichkeit aussöhnten, indem wir das Himmlische Jerusalem, dessen Existenz als Traum der Christen wir nicht aus der Welt deuteln konnten, mochte uns auch die Abfolge heidnisch antiker, irdisch metallbenannter Weltzeitalter weit genehmer sein - indem wir also das Himmlische Jerusalem einbezogen statt es auszugrenzen aus unserem Traum von Rom und Abendland - so sollt Ihr, fremde Finder, Eure Wirklichkeit mit unserem Traum versöhnen!
Wir wissen nicht, in welcher fremden Stadt sich Roms Schicksal und das des Abendlands erfüllt. Sucht nach ihr! Habt, so bitten wir Euch, ein wenig Verständnis dafür, dass unser Traum in Rom anfängt und endet! Wir konnten das Standbild des Sisyphus mit seinem schwarzen Stein nirgends anders hinstellen. Michelangelo sorgt dafür, dass es auf einem der sieben Hügel und gleichzeitig in der Grube zu stehen kommt, um auch diesen Teil der Prophezeiung zu erledigen. Alles weitere gelte als Euer Auftrag! Wir haben unser Teil getan, im Sinn der Prophezeiung wie der Staatskunst. Wir haben das alte römische Reich, den Traum der Staufer, so gut es anging, mit dem neuen Reich unseres Kaisers Ludwig d'Anjou verknüpft und verflochten. Wir haben den Traum auf neue, solide Fortifikation gestellt - sicher nicht ganz im Sinne des fluch-mächtigen Propheten, doch sind auch wir nur Menschen und in die Bande unserer Zeit geschlagen.
Der Stein rollt nicht in Venedig, der heutigen Residenz, von der Ludwig, wie schon sein Vater, zu unserem Leidwesen durchaus nicht ablassen mag. Hier zu Rom soll Sisyphus schwarzen Stein rollen, den Stein, der allem, was wir vorher sagten, zum Trotze, doch mächtig sein muss. Auf ihm nämlich, auf dieser fluchbeschmutzten Gabe aus Atlantis, gründete Roms goldenes Zeitalter - nicht friedlich, nicht gerecht, nicht lange, nicht golden genug - aber für kurze Frist um etliches menschlicher, als alles, was vorher oder seitdem kam. Hier wurde der Fluch gesprochen, den es zu tilgen gilt, soll das Abendland endlich eins werden, gemeinsames Haus vieler Brüder, die mit ihren Brüdern im Morgenland, in Afrika, in den beiden Amerika und wo es sonst noch Menschen geben mag, in friedfertigem Austausch stehen, ihnen ihr Bestes zum Geschenk machen und deren Bestes als Gegengabe empfangen. Hier rollt der Stein. Wir wollen uns nicht brüsten, wissen wir doch, dass wir ihn nur ein winziges Stück Hang hinaufschafften und er wieder hinabkollern wird, wenn nicht heut und morgen, dann spätestens wenn unseres Reiches letzte Stunde schlägt. Wir haben nicht einmal den Gipfel erreicht mit diesem Stein, geschweige denn, dass wir ihn zum Stillstand gebracht hätten. Davon träumten wir nur. Doch auch die Träume haben ihren Sinn, denn allein Traum gebiert die Kraft, aberwitzig Notwendiges zu wagen.
Nehmt den Stein auf, wenn Ihrs vermögt! Nehmt ihn, wer immer Ihr seid, nehmt ihn und rollt um Euer Leben, das Eures Traums und den Fortbestand der Welt! Und sucht, wenn Eure Kräfte schwinden, nach einem Nachfolger, wie wir ihn in Sisyphus fanden. Es mag ja sein, dass in Eurer Zeit, die Kunst der Bildhauer wieder in hoher Blüte steht.
Rollt, Freunde, fremde Finder, Brüder, rollt diese Kugel, doch erhofft Euch nicht zuviel, hofft nur: dass sie niemals zum Stillstand kommt!

***

Klangen Euch am hochbequemen Schreibtisch die Ohren, EH? Zitterten Hände, als Ihr den Brief der Ahnherren last? Juckte es in den Fingern, hinzulangen, anzupacken?

Also los! sagte Monica. Und jetzt, da ich diese letzten Zeilen meines Rechenschaftsberichtes nach ihrem Diktat aus unseren Notizen tippe, will sie den Auftrag der Ahnen gemeint haben.
In Rom jedoch meinte dies LOS auf die Abreise. Da gab es nichts zu quatschen. Wir mussten ordnen, was sinnvoller Zufall uns in die Hände gespielt hatte. Ein finales Kreuzreliquiar hatten wir gefunden, liegen lassen und zum gusseisernen Viertel weiterrosten - worum in Kürze italienische Restauratoren sich kümmern würden. Wir taten das, weil die Kausalität uns weit Bedeutenderes zusteckte EH. Ich betrachte meinen Satz vom hinreichenden Zufall, jene absurde philosophische Sentenz, der böser Wille nur aphoristischen Charme beimisst, als bewiesen, so unwiderleglich bewiesen, dass auch politische Mehrheiten seiner Gegner im Collegium ihn künftig berücksichtigen müssen.
Wir können noch siegen, EH, nicht Welt, noch Behörde sind schon verloren. Geträumter, erfunden spurenreicher Vergangenheit mag ebensolche Zukunft folgen. Der Traum ist noch nicht ausgeträumt!
Wir packten. Wir zahlten beim immer noch in seiner Küche wütenden Carlo, der uns jetzt für verrückt erklärte: Rom verlassen, Rom, die wichtigste Stadt der Welt, nachdem nun Scorzi erschossen, die Gibbalde verhaftet ... ! Tedeschi stupidi!
Mit dem Taxi zur Stazione Termini.  Für uns diesmal kein Sackbahnhof. Bald ging ein Zug nordwärts, Richtung Behördensitz. Nur draußen, auf der Piazza Cinquecento, zwischen Bahnhof und Sternwarte, lag der Verkehr lahm. Dort demonstrierten zehntausend Römer gegen den amerikanischen Traum.


+++

Neben dem endlosen Schriftband, oder vielmehr darunter und darüber eingemeißelt, findet Ihr Verse auf dem Stein:

Der Sinn eurer Tage sei Sisyphusplage,
das Eine zu teilen, die Vielfalt zu heilen,
zum Ganzen, zum Einen, um das Menschen weinen,
am Schwert Väter sterben und Mütter verderben!
Die Zukunft sei Gestern, Geburt und Tod Schwestern,
vergangen das Morgen, die Gegenwart Sorgen!
Da Brüder sich töten, das Reich stets in Nöten!
In Osten und Westen, verdorben die Besten,
in Süden wie Norden auf immerdar Morden,
bis einstmals die Weisen nicht Gold, Silber, Eisen,
noch Bronze vertrauen, drauf Dauer zu bauen!
Mit Sternengesteinen und Erdengebeinen
die Mauern vernichten und Tore errichten!
Weltzeitalter werden stets kreisen auf Erden,
aufs neu' das Rund ziehen, bis wir ihm entfliehen,
im Traum Ruhe finden, durch Tat sie verkünden!
Des Remus Tod trage als Frucht reiche Plage!
Der Traum sei vermessen, die Wahrheit vergessen,
bis sie einst vereinigt, vom Blute gereinigt
das Reich ewig machen und fröhlich das Lachen!

Romulus, König, ich fluche dir, Spross des Aeneas!
Troia öffnete gar feindlichem Pferd seine Tore,
du aber bautest lückenlos deine Mauer.
Nimmermehr sollst du entweichen, noch Gäste begrüßen!

Romulus, König, ich fluche dir, Spross des Aeneas!
Stumpf färbe Didos Asche dein Haar,
und dein Stachel erschlaffe vor geraubter Sabinerin Schoß!
Nimmermehr soll ein Weib dein Reich ehren!
    
Romulus, König, ich fluche dir, Zwilling des Remus!
Über dich komme das Blut deines Bruders,
über dich jeder Milchtropfen der kapitolinischen Wölfin!
An Wolfsmilch und Bruderblut sollst du ersaufen!

Romulus, König, ich fluche dir, Bruder des Remus!
Da du den Bruder erschlugest um steinerne Mauer,
mag dereinst falscher Stein dein totes Haupt drücken,
soll immerwährender Schutt deiner Stadt dich erpressen!

Romulus, König, ich fluche dir, Mauerbaumeister!
Du lenktest Europas ersten Schritt fort von des Herakles Säulen, vom Atlas,
schiedest den Osten vom Westen,
nimmermehr wird Atlantis dich küssen!

Romulus, König, ich fluche dir, Mauerbaumeister!
Nimmermehr soll dein Schicksal sich in deiner Stadt erfüllen,
fremde Mauern sollen dich stürzen sehen und endlich doch siegen,
nicht aber Roms Mauern und die seines Reiches!

Romulus, Bruder, so höre denn, König:
ehe nicht Zeitenwende anhebt,
nicht eher, als troianisches Pferd erneut durch das Tor zieht,
nicht bevor Tempelhuren stolz erhobenen Hauptes eintreten,
und Söhne wie Töchter von Müttern abstammen,
ehe nicht Bruder kommt ungehindert zum Bruder,
nicht ehe Wirklichkeit und Traum Seit an Seit Tore durchschreiten,
und feindlicher Brüder Herzen verflochten,
nicht endlich, nicht bevor Stein wird gefunden auf Berg und in Grube,
ehe Mauer zerfällt dieses Steins wegen,
so höre denn, König Romulus, Bruder:
eher sei dir kein Gelingen beschieden.


++++

Mo nimmt das zweite Pergament und bricht sein Siegel auf: kaiserlicher Purpur, keine übertrieben bescheidenen Leute, unsere Ahnen! In der Mitte eine angedeutete Kugel, wahrscheinlich der Lapis Niger. Um sie herum sind drei Quadrate dergestalt angeordnet, dass ihre Ecken einen Stern aus zwölf Strahlen bilden. Der wulstig erhabene Rand des Siegels trägt die anmaßende Inschrift: QUADRATURA CIRCULI.

***

Dies ist das Vermächtnis der kaiserlichen Räte Theophilus Hockenbrannt und Mattheus Rechenblatt.

***

Frechheit! warf Rechenblatt dem Ahnherrn vor. Mattheus als Taufname, genau wie dieser walachische Stückschlächter von kaiserlichem Generalprofos, Mattheus Ghika, Mord im Akkord. So soll ich heißen? Unverschämt!
Immerhin rettete Ghika euch das Leben, mahnte Mo. Ein Hauch von Dankbarkeit stünde dir ziemlich gut.

***

Unsere Geschlechter dienen dem Reich seit Zeiten, die längst unwiederbringlich im abgründigsten Brunnenschacht geschichtlicher Überlieferung versickert sind. Gewisslich und bewusst dienen wir dem Reich seit den Tagen des ersten römischen Königs Romulus und seines Bruders Remus. In jenen Tagen suchten mächtige, weise Zauberer vom versunkenen Kontinent Atlantis unsere Ahnherren auf und lehrten sie manch geheimes Wissen über die Künste der Staatslenkung, der Deutung vergangener Ereignisse wie auch der Träume von der Zukunft. Daneben unterwiesen sie die Gefährten der königlichen Zwillinge in ihrer wortreichen und wohlklingenden Sprache. Zuletzt aber brachten die Zauberer unseren Ahnen den schwarzen Stein, über welchen sie außerordentliche Kuriositäten zu berichten wussten. Nach ihren Aussagen nämlich wurde just dieser Stein, als Atlantis versank, vom Vulkan in ungeheure Höhen geschleudert, so dass er erst an der Küste Portugals zu Boden fiel, nachdem er gewaltige Himmelsweiten über dem atlantischen Ozean durchmessen hatte. Ehe er aber nun zu Boden stürzte, traf er im Himmel über Portugal auf eine Flugmaschine der damaligen Zauberer, die zum Teil vor dem Untergang ihrer Insel geflohen waren, traf also auf die Flugmaschine, mittels derer jene sich zuerst gerettet hatten und riss die Matrosen des Luftschiffs mit sich in die Tiefe.

***

Davon steht nichts in den Archiven, sagte ich.
Weißt Du, was Adam im Archiv der Magnifizenzen alles geheim hält? fragte Rechenblatt.
EH, ich werde Euch folglich peinlich befragen, sobald wir am Behördensitz eintreffen, und solltet Ihr mir Wahrheit vorenthalten, so werdet Ihr in Zukunft ohne Stellvertreter auskommen. Ihr kennt die Floskel ja: ich drohe nicht, ich kündige nur an.

***

Die Überlebenden der übrigen Flugmaschinen bargen die Leichen ihrer Genossen und den Stein und nahmen ihn mit sich in ihre Zauberhöhle. Dort ruhte er in einem geheimen Gelass, bis sich die weisen Zauberer entschlossen, ihn nach Rom zu bringen, um solchermaßen die Römer zu ihren Nachfolgern zu bestellen. Eine Danaergabe war dies Geschenk, denn mit ihm überreichten sie den anfangsstolzen, jugendstarken, den unbefangen aufstrebenden Römern auch die ganze Wissensschwere ihrer uralten Zunft, die nach den Worten des Philosophen Plato schon einmal das gesamte Abendland, mit Ausnahme Athens beherrscht hatte, diese Herrschaft jedoch wieder verlor. Aus der Sicht von uns Heutigen erhebt sich die Frage, ob des römischen Reiches Ausdehnung in den Nordosten des Abendlandes und seine Lebensdauer nicht eine vorteilhaftere Ausgangslage vorgefunden hätten, wären nicht schon seine Anfänge mit Gedanken der Begrenzung, des letztendlichen Scheiterns, kurz: der Nachfolge von Atlantis belastet worden.
Schon zu Lebzeiten des Romulus erwies sich der Stein als schwere Bürde. Ja, mehr als das, denn er tötete den König, mögen auch die Legenden von dieser traurigen Wahrheit abweichen. Das Folgende jedenfalls geschah: Einige der Zauberer lebten ständig unter den Römern, manche kamen und gingen wieder, um nach Jahren zurückzukehren, andere ließen sich nimmermehr sehen - doch fünf bis sechs der Zauberer weilten ständig bei Romulus und unseren Ahnen, die zum Hofstaat des Königs zählten. Den Zauberern nun missfiel schon die Idee, dass der König seine entstehende Stadt mit einer Mauer einfrieden wollte, denn sie meinten, das zukünftige Reich solle grenzenlos sein. Aber Romulus hörte nicht auf sie, sondern errichtete die Mauer und tötete schließlich gar seinen eigenen Zwillingsbruder, als dieser die Mauer im Scherz übersprang. Hierüber gerieten die Magier in solchen Zorn, dass sie den Romulus zur Rede stellten und mit ihm hart ins Gericht gingen, des Brudermordes und der Mauer wegen. Er aber wies sie ab und aus seiner Halle mit den Worten: War Remus euer Zwilling, dass ihr um ihn klagt? Was scheltet ihr denn meine Mauer und brachtet doch selbst Stein herbei? Nie wieder sollt ihr vor mir stehen, als bis ihr fünfe allein den Stein in die Höhe zu schleudern vermögt und mit ihm die Mauer zerschlagen, die euch erzürnt, sprachs und wies die fünf Zauberer samt deren römischen Günstlingen, unseren Ahnen, die die Partei jener ergriffen hatten, aus seiner Halle.
Nun war es aber ausgeschlossen, dass die fünf Magier allein den Stein heben, geschweige denn mit ihm die Mauer zerbrechen konnten: mindestens zwanzig starke Männer hätte es dazu gebraucht. Daher mussten sie zu anderen Mitteln als roher Körperkraft ihre Zuflucht nehmen, um erneut Gehör zu finden beim König. Die Überlieferung unserer Geschlechter lautet, die Zauberer hätten nun ein Feuer unter dem Stein entfacht, so dass er sich in die Lüfte erhoben habe, niedergestürzt sei und ein Loch in die Mauer gesprengt habe, groß wie ein Haus, und zwar so nahe bei der Tribüne des Königs Romulus, dass jenen die Gewalt des Aufpralls emporgeschleudert habe und im Fallen äußerst unsanft zu Boden gestaucht. Hierzu ist nun anzumerken. Zunächst erhellt diese Erzählung, wie ungenaue Legenden später die Halbwahrheit verbreiten konnten, König Romulus sei in den Himmel entführt worden und hernach erst gestorben: tatsächlich tat er einen  Satz von gut sieben Fuß Höhe, als unmittelbar neben ihm der Stein Boden und Mauer aufwühlte und sein Königsthron erbebte. Doch nicht nur das. Mitnichten blieb es dabei, dass Romulus kurz in den luftigen Himmel einging, vielmehr zog er sich bei Sprung und Sturz und Stauchung so böse Rippenbrüche zu, dass er wenige Wochen später an einer Entzündung von Brust und Herz und beiden Lungen elendiglich zugrunde ging, nicht ohne zuvor die Zauberkunst der Magier mehrfach verflucht zu haben. Wir Heutigen können getrost davon ausgehen, dass es sich bei Himmelfahrt und Sturz des Steins keineswegs um Magie handelte, denn wenn die Zauberer schon tausend Jahre früher - so wird in unseren Familien überliefert - über Flugmaschinen verfügten, ähnlich denen des hochberühmten Lionardo da Vinci oder noch besser, so steht ganz außer Frage, dass ihnen in der Gründerzeit Roms simples Schießpulver zu Gebote stand. Der Fluch des Königs Romulus traf also - gegen Magie gerichtet - ins Leere und hätte besser Kriegsgerät gegolten. Und wie sollten wir auch jenen kreisrunden Hohlraum mitten durch die ansonsten massive Kugel deuten, wenn nicht als die Spur einer Sprengung? Woher sollte der Hohlraum wohl sonst stammen?

***

Von Colonnas Meißeln, Ihr Narren! ließ Rechenblatt sich ein.

***

Gewiss nämlich brachten die Zauberer den Stein ganz rund und heil und unversehrt nach Rom und keineswegs durchlöchert.
Gleichviel, nun war Remus tot, gemetzelt von des königlichen Bruders Schwert für seinen Sprung über die kaum weidenzaunhohe Baustelle einer künftigen Mauer. Die Zauberer hatten den Stein benutzt, ein Tor in jene Mauer zu sprengen - sie war schon ihrem Wesen nach tot, durchbrochen und zum Untergang verurteilt, ehe sie vollends stand. Und auch der König schließlich weilte nicht mehr unter den Lebenden. Verbittert und enttäuscht kehrten die atlantischen Zauberer nun Rom den Rücken, doch unter Hinterlassung des Steines, den sie der jungen Stadt geschenkt. Der Ältestenrat Roms beschloss, ihn auf dem Grab des ersten Stadtkönigs Romulus aufzustellen, womit jedoch nur neuerlich Verhängnis anhob, denn des Mattheus Rechenblatt Ahnherr, der zeit seines Lebens dem Remus als Steinmetz gedient hatte, erhielt den Auftrag, den königlichen Grabstein zu behauen, weil der eigentliche königliche Steinmetz, Vorfahr des Theophilus Hockenbrannt, mit Leibschmerz und entzündlicher Seitenkrankheit bös darniederlag. Jener Angehörige der Gens Nufolia nun, immer noch erzürnt ob des ungerechten Todes seines Herrn Remus, meißelte in atlantischer Sprache entsetzliche Verwünschungen in den Grabstein, von denen sich das Reich der Römer bis heute nicht erholt hat. Wir wollen diese Flüche und Prophezeiungen hier niederschreiben und in lateinische Sprache übersetzen, damit auch Ihr, Finder, sie lest.

***

Na, sagte Mo. Wir bitten drum!
Beschrei‘s nicht! Meinte Rechenblatt.

***

Mit uns aber soll die Kenntnis der Atlantischen Sprache untergehen. Wir werden sie nicht mehr an unsere Söhne weitergeben, ebensowenig, wie den Ort, wo wir in unserer Jugend den Stein entdeckten, als wir unseren Vätern in die Verbannung aus Venedig folgten und einen Sommer lang unter Dieben und Hirten auf dem Forum Romanum hausten. Gewisslich aber werden wir den neuen Ort der Aufstellung des Steines für uns behalten, denn mit diesen alten Geschichten, mit atlantischer Sprache und Flüchen und schwarzen Steinen solls nun ein Ende haben. Gegenwart und Zukunft sollen zählen, nicht länger die Vergangenheit, es sei denn, Euch, Finder, führte zufälliges Geschick an diesen Ort, für welchen Fall Euch aufgetragen sei, Euer Teil der Prophezeiungen auf diesem Stein wahrzumachen, so wie wir unseren Teil vollbrachten. Rund um den ganzen Stein schlingt sich ein Band von Worten, die end- und anfangslos so lauten:

***

... den Stein der Weisen Magier, Gestein ihrer sagenhaften Insel, finden und von der Erde hochauf in den Himmel schleudern, aus dem er, einem Kometen gleich, niedergehen soll um ein Tor in die Mauer zu brechen und die Herren aufs Gröbste zu erschüttern, wie es unlängst des Königs Romulus Los war, wie es buchstabengetreu zukünftig wiederum soll geschehen, nachdem nämlich zum Anbeginn des neuen goldenen Zeitalters den Nachfolgern der Zauberer ein Kind des Steines soll im Traum erscheinen, so dass sie die Spur aufnehmen und seinen Weg verfolgen, den er vom Grab des Romulus, das er nicht ewig schmücken soll, unter den Händen des Sisyphus soll zurücklegen auf Berg wie in Grube und dort drei Weltzeitalter hindurch vom Todesspötter gerollt werden, bei welcher Fron jedoch dem Sisyphus die freien Künste sollen zur Hand gehen, dergestalt, dass sie alle zufälligen Kerben und Schrunde, die der Stein beim Rollen erleidet, sinnvoll zusammenfügen zu endlosen Zeichen und Worten des Inhaltes, dass einst drei späte Sachwalter der Magier, drei Abkömmlinge ihrer Heimat, drei zeitweilige Träger desselben Siegels in der Absicht, des Romulus wahrhaftiges Reich golden zu erbauen den Stein der Weisen Magier ...

***

So also, liebes Endlosband! sagte der Rechenblatt. Nicht Stein der Weisen, Stein der weisen Magier heißt das Ding. Die ganze Zeit über hat die Alchymie ein Phantom gesucht!

Drei Abkömmlinge ihrer Heimat? Plötzlich drei? sinnierte Monica.

Ich schwieg.


+++++

Ich, Michel Angelus Buonarroti aus Florenz habe dies geschrieben und auch jenen Sisyphus aus dem Stein gehauen, den du, mein Freund, nun vor dir siehst. Wohl mag es sein, dass man zu deiner Zeit nicht mehr die Sagen und Legenden der Alten erzählt, darum sei kurz erwähnt, dass Sisyphus der Sohn des Königs Aiolos war. Er erbaute die Stadt Korinth und wurde schwerer Verfehlungen wegen zu ewiger Fron in der Unterwelt verdammt. Einen Stein musste er einen Berghang hinauf rollen, einen mächtigen, gewichtigen Stein, und jedesmal, wenn er mit seiner Last oben angelangt war, so polterte der Stein wieder hinab und Sisyphus musste von Neuem beginnen. So wollten es die Götter.
Nun werden aber zahlreiche verschiedene Verfehlungen des Sisyphus aufgezählt, derentwegen er zu seiner Fron verurteilt worden sei. Ich für mein Teil glaube, gleich meinen Auftraggebern, dass sein ausschlaggebendes Vergehen eigentlich eine Wohltat für die Menschen war, womit er die Götter jedoch aufs Äußerste gegen sich aufbrachte. Er fesselte nämlich Thanatos, den Tod, so dass kein Mensch auf Erden starb, bis der Kriegsgott Ares den Tod wieder befreite, damit nach dem Willen der Götter, wiederum großes Sterben unter den Menschen anhob. So verstehe ich die Legende, die natürlich nur eine Legende ist, da wir Heutigen ja wissen, dass die Griechen Götzenanbeter waren, es weder eine Unterwelt gab, wie sie sie erfanden, noch einen Thanatos, oder gar ein Kriegsgott namens Ares sich je unter den Geschöpfen des einzigen und wahren Gottes befand. Soll aber die Geschichte von Sisyphus Sinn ergeben, dann wurde er bestraft, weil er sich ins Geschäft der Allmacht mischte, indem er den Menschen selbst zum Herrn über sein Lebensende einsetzte.

Nun aber genug der Einleitung. Ich will zum eigentlich berichtenswerten kommen. Im Garten nämlich wartet Vittoria Colonna mit neuen Versen auf mich, meine geschätzte Freundin - und ist recht ungeduldig. Wo also beginnen?
Beim oft recht unheiligen Vater Julius II., der mir entgegen meiner Weigerung auftrug, die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen? Beim Streit mit einem Papst, der gotteslästerlich zu fluchen vermochte, wenn er fertige Arbeit sehen wollte, wohingegen ich nur ein Lünettchen weiter gekommen war? Bei einem Papst, der nicht begriff, dass dies Vorhaben eines Sisyphus würdig war? Dem Sisyphus fühlte ich mich ebenbürtig, als ich mir unter der Decke die Arme ausrenkte, auf schwankendem Gerüst, und heute noch überfällt mich Schaudern sobald ich in die Kapelle trete und ich frage mich, wie ich armer Mensch mich überhaupt bereitfinden konnte, solch Werk je in Angriff zu nehmen. Wer weiß - wenn mir die Gnade beschieden war, es zu vollenden, wird womöglich auch der Mensch Sisyphus eines Tages begnadigt? Ich jedenfalls betrachtete mich als dem Sisyphus verschwistert, damals in den Tagen des nunmehr fernen Jahres 1510, als zwei kaiserliche Legaten zu Rom beim Papst vorstellig wurden. Hie und da hatte ich wohl mein Leid auch dem Raphael Santi geklagt, dessen Pinsel, wie meiner, dem Papst im schleppenden Lohn stand. Einmal sprach ich zu Raphael, ich besinne mich noch genau, wir saßen bei einem Krug Falerner zusammen: ich bin ihrer überdrüssig, der Sisyphusarbeit unter der Decke. Das muss er sich gemerkt haben, denn vor den Ohren jener kaiserlichen Ratsherren und Legaten verteidigte er mich gegen Julius, als dieser ihm in den Stanzen bei der Entstehung eines Fresko über die Schulter schaute und mich gleichzeitig grob beschimpfte. Die Legaten aber hörten von Raphael, ich gliche Sisyphus - was ja in gewisser Weise stimmte, denn jedes ernsthafte Menschentun, also auch die Malerei, dient zuletzt dem Zwecke, seiner Majestät dem Tode ein Schnippchen zu schlagen und fällt dementsprechend schwer. Diesen Vergleich hörten sie also von Raphael und gingen mit sich zu Rate, wie es ihres Amtes war. Sie waren mit dem Auftrag nach Rom entsandt, dem Papst Julius als Geschenk des Kaisers ein Kreuzreliquiar zu überbringen, ich kann mich nicht mehr auf den Heiligen besinnen, dessen Überreste darin aufbewahrt wurden. Ein ebensolches Reliquienkreuz aber gehörte ihnen selbst und sie trugen sich mit der merkwürdigen Absicht, ihr Kreuz neben ein Standbild des Sisyphus zu legen. Ich denke mir, dass sie andeuten wollten, auch Sisyphus sei gleichsam an das Kreuz geschlagen oder vielleicht auch meinten, dass Sisyphus eines Tages durch das Kreuz erlöst würde. Wie dem auch sei. Jedenfalls hörten sie in den Stanzen von Raphael, ich sei dem Sisyphus ähnlich und beschlossen sofort, mir den Auftrag für das gewünschte Standbild zu erteilen, was denn auch noch am selben Abend bei einem Bankett des Kardinals Pierre d‘Anjou geschah. Sie kamen mir gerade recht, denn schon seit längerem hatte ich mit dem Gedanken geliebäugelt, einen der Marmorblöcke, die ursprünglich fürs Grab Julius des Zweiten bestimmt waren und nun unbehauen herumstanden, weil die Decke meine Bildhauerzeit fraß, auf eigene Rechnung zu behauen und beiseite zu schaffen, als Entschädigung für Zahlungsrückstände, die ich, wie ich wohl wusste, vom päpstlichen Zahlmeister nie mehr würde eintreiben können. Rasch war also der Handel mit den kaiserlichen Räten geschlossen. Doch erst, nachdem wir mit Handschlag einig geworden waren, rückten die Räte mit einer Vielzahl von Zusatzbedingungen heraus.
Erstere betraf den Stein, den Sisyphus rollen musste. Er sollte in einer bestimmten Grube unter einer der Schutthalden des Forum Rormanum zu finden sein, deren Lage die Räte mir beim Bankett genauestens beschrieben. Und wirklich entdeckte ich am nächsten Tag einen Efeuvorhang an der bezeichneten Stelle und klomm in die Grube hinunter und fand dort diesen Stein, den mein marmorner Sisyphus nun rollt. Nach Auskunft der Ratsherren ist es der Lapis Niger, ein schwarzer Stein, den die Römer aufs Grab ihres ersten Königs Romulus setzten. Mithilfe vertrauenswürdiger Arbeiter gelang es mir Jahre später, als ich an die endgültige Erfüllung des Ratsherrenauftrages denken durfte, ihn ans Tageslicht zu befördern und auf den kapitolinischen Hügel zu bringen, ein schweres Stück Arbeit. Nun haben wir ihn Sisyphus übergeben, auf dass er allein ihn rolle, den wunderschönen, schwarzen, wie du siehst, beinah kugelrunden Stein, der jedes Bildhauerherz höher schlagen läßt, über und über mit Schriftzeichen bedeckt, die ich nicht lesen kann und über welche auch die Ratsherren mir keine Auskunft gaben.

***

Das Dämmerlicht, schimpfte Mo. Staub auf dem Stein, seine eigene Schwärze, zu dumm aber auch, dass ich so spät ...
Wirklich saudumm, meinte Rechenblatt verdrießlich.
Ich munterte sie auf: Regt Euch nicht auf! Wenn es DER Stein ist, dann haben die Ratsherren in ihrem Schreiben den Text nochmals ...
Ja, aber auf Atlantisch! unterbrach mich Monica, sie konnten ihn vielleicht nicht übersetzen.
SIE vielleicht nicht, sagte der Rechenblatt, der nun begriff.

***

Ich muss gestehen, dass ihre Verschwiegenheit mich gehörig ärgerte und ich mehr als einmal in Versuchung kam, das Schreiben, welches sie mir anvertrauten, um es bei Kreuz und Stein und Sisyphus zu deponieren, zu erbrechen, um es zu lesen. Jedoch widerstand ich letztlich dieser Versuchung, zumal mir die Genugtuung widerfuhr, über den Stein etwas in Erfahrung zu bringen, was die Ratsherren selbst unmöglich wissen konnten. Vittoria Colonna, meine Freundin, war nämlich sehr erstaunt, als ich ihr vor einigen Jahren von dem Stein erzählte und meinem Auftrag. Sie berichtete mir, auch ihrer fürstlichen Familie sei seit langem der Standort des Lapis Niger bekannt. Die Colonna hätten sich dereinst sozusagen eine Scheibe von ihm abgeschnitten, indem nämlich aus der vollkommenen Kugel äußerst behutsam einer ihrer Durchmesser herausgemeißelt worden sei, eine kurze Säule von rund zehn Zoll Durchmesser. Die Colonna nämlich leiteten ihren Namen von Säulen ab und habe obendrein den Lapis Niger nach dem Wortlaut eines geheimnisvollen Werkes des Arnald ab Villanova für den Stein der Weisen gehalten, was sich jedoch als Irrtum erwies, da weder mit der vollkommenen Kugel, noch mit dem Säulenstumpf Gold zu machen gewesen sei. Wo aber nun dies Kind des Steins der Weisen ...

***

Die Stele von Swiecie! stöhnte Rechenblatt. COLONNA ADVERSARIO COLUMNAM.

***

... wie sie es nannte, weil es gleichsam aus einem runden Mutterbauch entbunden wurde, verblieben sei, konnte Vittoria Colonna mir nicht sagen. Offengestanden wollte ich das auch gar nicht wissen. Mir genügte die Freude, den Räten diese Kenntnis vorauszuhaben.
Ihre erste Bedingung erforderte noch zusätzliche Arbeit. Ich sollte nämlich einen Ersatz für den Lapis Niger schaffen und an dessen Stelle setzen, nachdem mein Sisyphus den ursprünglichen Stein bekommen habe. Und so tat ich. Ich nahm das erstbeste schwarze Gesteinsstück, das mir unter die Hände geriet, und ritzte ein paar krause Zeichen ein, um Ähnlichkeit mit dem echten Lapis Niger zu gewährleisten. Dann brachten meine Arbeiter es in die Grube unter dem schuttübersäten Forum.

***

Bei den Sternen! so wieder Rechenblatt, der Monate ergebnislos an dies Gekritzels verschwendet hatte, da können wir ja lange versuchen, die Inschrift zu übersetzen! Was für ein alberner Trick! Von wegen Furchenschrift, Bustrophedon, dass ich nicht lache!

***

Die zweite Bedingung der Räte lautete, dass ich Kreuz, Stein und Sisyphus erstlich in einer verdeckten Grube aufstellen müsse, was an und für sich nicht schwierig war, auch wenn es einem Sculptor wehtut, seine Figuren für die Dunkelheit zu bilden. Erschwerend kam jedoch hinzu, dass diese Grube auf einem der sieben Hügel Roms liegen sollte. Auch dies habe ich nun bewerkstelligt, doch hat es mich manches Jahr gekostet. Meine verschwiegensten Arbeiter haben diese Grube ausgehoben und es war das höchst geheime Werk weniger Nächte. Ich selbst werde den Schlussstein ins Gewölbe einfügen, dann wird das Mauerwerk mit Erde zugedeckt und bis in Deine Tage, mein Freund, wird niemand es je finden.
Ein hartes Stück Arbeit, alles in allem. Doch wie ich versprach und den Ratsherren in die Hand gelobte, legte ich den kreuzförmigen Reliquienschrein neben meinen Sisyphus und den Grabstein des Romulus. Der Räte Wille ist erfüllt. Ich habe mir das Gewicht des Steines in Gold verdient, das sie mir vor Jahren als vorgeschossene Bezahlung überließen. Auch ihren Brief an dich, Finder, legte ich dazu, du wirst ihn unter meinem im selben Kästlein entdecken. Er wurde mir zu treuen Händen überlassen, ich las ihn nicht, noch erbrach ich sein Siegel. Ich achtete der Ratsherren seltsames Geheimnis. Und ich werde noch ein Weiteres tun. Wenn das Gewölbe mit Erde bedeckt ist, werde ich den Platz darüber neu gestalten und verschönern. Schon bald wird eine antike Statue zu Ehren des Marcus Aurelius, von dessen Ehrensäule die Familie meiner Vittoria ihren Namen herleitet, die Platzmitte zieren. Ich selbst werde den steinernen Sockel für dies bronzene, noch teilweise vergoldete Reiterstandbild mit meinem Eisenmeißel schlagen. Und ich werde es über der Kuppel des Gewölbes aufstellen.
Da die Räte mir von zwölf gleichen Kreuzreliquiaren berichteten, die sie in der ganzen Welt verteilt hätten, habe ich nun einen Plan für die Gestaltung des Platzes entworfen. Eine vielstrahlige Sonne wird den Sockel Marc Aurels umgeben und von ihm ausgehen, ein Sternensymbol des Sol Invictus, der unbesiegbaren Sonne, Reichsgott des späteren römischen Imperiums. Möge auch das Imperium, das zu meinen goldenen Zeiten wiederum dem Abendland gebietet und ihm Frieden schenkt, so dass Kriegsgott Mars den Tod nicht kann aufwecken, von Dauer sein und unter guten Sternen stehen! Rund um die Sonnenstrahlen aber werde ich, zu Ehren des mir unverständlichen und doch so anrührenden Vorhabens der kaiserlichen Räte, einen zwölfeckigen Ovaloid anlegen. Jede Ecke soll für eines der Kreuzreliquiare stehen, für eines dieser Meisterwerke aus Gießereikunst und Edelsteinschleiferei. Ich will noch erwähnen, dass unter anderen die zwölf edlen Steine des Himmlischen Jerusalem das Kreuz zieren. Auch auf die geoffenbarte Religion mag also mein Ovaloid hinweisen. Die Pläne für den Platz sind fertig gezeichnet. Dem päpstlichen Bauherrn sagen sie zu.

Mag nun das Geheimnis der kaiserlichen Ratsherren unerklärt bleiben. Mein Brief endet hier. Vittoria Colonna klopft an die Tür und mahnt, ich solle nicht soviel Zeit an Geschichten verschwenden, in denen sie nicht vorkommt. Womöglich hat sie Recht. Heut noch werde ich das Silberkästlein bei meinem Sisyphus, beim beinah kugelrunden Lapis Niger und dem Kreuz der Räte ablegen, heut Nacht den Schlußstein des Gewölbes setzen. In zwei Wochen soll der Platz gepflastert werden und des Marcus Aurelius Standbild aufgestellt, womit dann dies Gewölbe
verborgen sein wird.

Mögen die Reste einstiger Vergoldung, die das Bronzestandbild immer noch zieren, dereinst hellauf leuchten in der unbesiegbaren Sonne, dem großen Stern, damit die Kaiserräte aus dem Himmel sehen können, wo ihr Vermächtnis aufbewahrt wird! Mögen ihre Seelen ruhen in Frieden!

Dir aber, mein Freund, der du dies Pergament gefunden hast, wünsche ich Glück und langes Leben. Vielleicht gedenkst du manchmal meiner! Denn es mag wohl sein, dass außer diesem Sisyphus alle anderen Zeugnisse meiner Kunst längst zu Staub zerfallen sind, angefangen bei den wahnwitzigen Deckengemälden in der Sixtinischen Kapelle.
Lebe nun wohl, mein Freund! Vergiss nie jene, die vor dir waren! Denn ohne sie wärest du nicht.
Rom, im März des Jahres 1538 unseres Herrn.
Michelangelus Buonarroti. Sculptor. Architectus. Et pictor quoque.


+++

Zwar ist das Feuerzeug erloschen, erbärmlich habe ich mir die Finger verbrannt, doch meine Augen gewöhnen sich rasch ans Dunkel. Ich sehe:
Blütenweißen Marmor aus Carrara, zu einer Figur gehauen, wie sie nur Michelangelo aus dem Gestein lösen konnte. Man stelle sich den Moses aus San Pietro in Vincoli vor, als uralten Greis, erschlafft die mächtige Muskulatur, schlotternde Haut. An Sehnen und Knochen schwabbelt das einst so straffe Gewebe. Aus dem Gewebe erheben sich dennoch einzelne Kraftlinien aus übermäßig angespannten Sehnen und den wenigen Muskelsträngen, die überanstrengt aus der weichen Masse hervortreten. Um eine Sitzfigur wie den Moses für das Grabmal Papst Julius II. handelt es sich hier jedoch mitnichten. Überhaupt keine Sitzfigur: der steht. Aber da steht auch kein Moses, selbst wenn sich, abgesehen vom Rauschebart, die Gesichtszüge gleichen - nur die Züge wohlgemerkt, keineswegs Mimik oder Alter. Zwiefach gebuckelte Stirne beiderseits der scharfen Kerbe über der Nasenwurzel. Große, weitaufgerissene Augen, starke Nase, des Moses ausgeprägte Wangenknochen, der Mund mit aufgeworfener Oberlippe ...
Nein, ganz gewiss kein Moses - trotz alledem.

Neben mir steht Sisyphus.

Ein vergreister Athlet, dessen Strafe nie endet im Wechsel der Göttergeschlechter und Religionen, im Wechsel der Zeiten, die vergangen sind, während Sisyphus weißmarmorn seinem müden Körper das allerletzte Quäntchen Kraft abtrotzt, ganz ohne Gericht oder Zeugen. Er quält sich, noch einmal, noch dieses letzte Mal den Stein zum Gipfel zu stemmen ... und dann die Augen!
Eindeutig: er weiß, dass der Stein wieder runterrollt. Ganz eindeutig: nie solche Qual gesehen in lebendigen Menschenaugen, nie solch nimmermüde Höllenpein, die niemals schläft, den Körper immer weiter peitscht mitsamt dem Stein: rauf runter rauf runter rauf. Immer wieder rauf!
Jedes Mal am Gipfel: oh ihr Götter! Bitte! Bitte lasst ihn liegen.
Jedes Mal am Hang letzte Verlassenheit: ich kann nicht mehr, hilft alles nichts, gleich schlag ich hin, der Länge nach, krepiere, einsame Schindmähre am Hang. Vorbei.
Jedes Mal, sobald der Stein am Fuß des Berges polternd ausrollt: ich muss! Urteil erging! Ich fluche dem Richter, euch allen fluche ich, für das, was mir aufgeladen ist. Aber ich muss! Entweder bleibt der Stein jetzt liegen oder ich gehe bei der Arbeit vor die Hunde, den Höllenhund Cerberus, ich muss, nicht rechts, nicht links, muss den Stein nach oben ...
Diese Augen, Äpfelchen ohne Iris, dies bisschen Höhlung, Wölbung, in den weißen Stein gemeißelt, vom Überschuss befreit, wie Buonarroti sagte, wie, bei dem Höllenhund, schuf er ihn, diesen Blick voller Qual?
Sisyphus, der Auftrag unserer Ahnen, steht lebensgroß, gestreckt das linke, das rechte Bein im Knie gebeugt an einem Berghang, vor dem Gipfel, er rollt den Stein die letzten Zentimeter, eh er zur Ruhe kommen soll und doch nicht wird.

(Ich frag mich ja seit Jahrzehnten, wo genau der Stein wieder runterrollt - an selbiger Bergseite, wo Sisyphus ihn mühsam raufwuchtet oder schiebt er jedes Mal zu heftig, rollt den Stein über den Gipfel, so dass er die jeweils andere Bergseite runterkollert? Anm. des Hrsg.)

Der alte Sisyphus, sein Stein schwarz und kugelrund. Jedenfalls außen. Im Ganzen wäre eher zu sagen: beinahe kugelig, denn ein kreisrundes Loch von dreißig Zentimetern Durchmesser ist durch seinen Mittelpunkt gebohrt, als fehlte einem Steckspiel zur Vollendung das allerletzte Teil.
Das gibt‘s doch nicht! sagt Mo plötzlich neben mir. Ich habe übersehen, dass Rechenblatt auch sie am Arm hinabgelassen hat. Schwarz und rund! ruft sie, wie der Stein der Weisen. Wie auf dem Bild, das Bucholtz ins Zimmer Eurer Ahnen geträumt hat. Auf einer Anhöhe: dem kapitolinischen Hügel. In einer Grube: hier unten. Cheri, wir haben es geschafft. Tanzend umkreisen wir den Sisyphus und seinen Stein. Draußen heulen Polizeisirenen.

Beeilt Euch! mahnt Rechenblatt, was immer Ihr da unten treibt! Er tanzt nicht mit. Besinnt er sich nicht des Bildes in Bucholtz‘ DREIZEHNTEM TAG? Oder denkt er daran, dass zuhause unser Laboratorium kurz vor der Explosion steht?

Dann fanden wir das Kreuzreliquiar, ein Augenblick der Enttäuschung, denn keine Ampulle hing daran und enthielt Auskunft. Doch gleich darauf wurden wir überreichlich entschädigt: neben dem Reliquienbehältnis entdeckten wir das Kästchen. Es sehen und in Mo‘s  erprobte Umhängetasche stopfen war eins, schnell noch mit der Hand über den Marmor gewedelt, weil sich das Rechteck, wo die Schatulle gestanden hatte, staublos abzeichnete und wir keine Spuren hinterlassen durften.
Du hast das Kreuz gesehen, nichts weiter! Ratterte ich und nahm ihr die Tasche ab. Du mimst eine neugierige Touristin. Das Kreuz bleibt liegen, es sieht genauso aus, wie das Troianer Exemplar - und das besitzen wir schon. Nur das Kästchen ist wichtig. Zieh ruhig hier unten eine große Schau ab, Hauptsache, wir bergen die Schatulle. Monica nickte.
Dann baumelten uniformierte Beine im Einstieg und von draußen hörte ich Rechenblatt protestieren, laut, um uns zu warnen: Aber so geht das doch nicht, so hören Sie doch auf, Sie werden sich alle Knochen brechen ...
Und erst in diesem Moment, viel zu spät, strich Monica zärtlich über die schwarze Kugel und hauchte mit vom Schreck erstickter Stimme: Da sind Schriftzeichen eingekerbt, und jetzt haben wir keine Zeit mehr.
Bis heute weiß ich nicht, wie ich die Kraft fand, mich von dem Stein lösen, um wenigstens das Kästchen zu retten. Ich lief die paar Schritt vom Sisyphus bis zu Zorro (Mensch), der mittlerweile wieder von seinem Rattengefährten umschmeichelt wurde. Dort tat ich so, als tröste ich den Punker, der immer noch die Jacke über den Kopf gezogen hielt - wir hatten uns vergewissert: unseren Diebstahl konnte er nicht bezeugen!
Diebstahl, EH? Wir sind nicht nur glückliche Finder, sondern ja geradezu legitime Erben. Eigens für uns ließ König Zufall das Gewölbe einstürzen, just im rechten Moment! Wir sind die Kindeskinder jener Ratsherren, die Michelangelos Sisyphus in Auftrag gaben und bezahlten, wir, niemand sonst.
Ich kümmerte mich um Zorro (Mensch) und bot dem eingestiegenen Polizisten ein Bild reiner Nächstenliebe, als er sich so weit an die Dunkelheit gewöhnt hatte dass er erste Schemen erkannte. Er eilte mir zu Hilfe und trat dabei versehentlich beinah die Ratte tot. Ihr entsetztes Quieken brachte Zorro (Mensch) vollends zu sich. Nun wieder cool, wies er jede Form imperialistischer Polizistenhilfe barsch zurück und griff sich seinen weißen Gefährten, um ihn in der Lederjacke zu verstauen. Ruhige Atmung. Keine Anzeichen mehr von Hysterie. Kein Zittern von Extremitäten oder Stimme: offensichtlich war der Schock doch nicht so ernst gewesen. Sofort lenkte Monica die Aufmerksamkeit des Polizisten auf sich:
Schauen Sie doch, was ich gefunden habe! sie zeigte ihm das Kreuz. Beamteter Zorn antwortete ihr: Hinlegen! Finger davon lassen! Was haben Sie hier zu suchen? Dann pendelte durchs Loch im Gewölbe eine Strickleiter und ich half beiden Zorros, indem ich die Seile unten festhielt. Sicher gelangten Punk und Ratte hinauf ans Sonnenlicht und konzentrierten erstes Journalisteninteresse auf sich. Ich kletterte ihnen nach, während der Polizist sich über seine Schulter mit Monica stritt, die Finderlohn für das Kreuz beanspruchte, wir brauchten dringend ein Ablenkungsmanöver!, der Polizist sich also stritt, mir freundlicherweise jedoch trotzdem die Stricke der Leiter stramm hielt.
Oben: der kritische Moment.
Auf die Fragen von Polizei und Reportern faselte ich nur irgendwas über Schreck und Dunkelheit und eine komische Figur dort unten. Wenn sie mich jetzt festhielten! Personalien! Wozu tragen Sie denn eine Damenumhängetasche, mein Herr? Wo haben sie die denn her? Machen Sie bitte mal den Reißverschluss auf?
Ich zerrte den empörten Rechenblatt aus dem Krater, wir waren uninteressant, denn soeben kletterte unten Monica heraus, hatte sich durchgesetzt und präsentierte den Photographen, noch halb in der Grube und auf der Strickleiter schwankend, doch schon mit erhobenen Armen das Kreuzreliquiar.
Ich machte mich mit Rechenblatt davon. Die Sensation hatte sich schnell fortgepflanzt von Mund zu Mund, Taxis in Menge unten an der Rampe, wir nahmen eins, wir wollten zur Pension. Rechenblatt neben mir schimpfte:
Bist Du verrückt, verdammt, wir können sie doch nicht der Journaille zum Fraß vorwerfen, wir müssen sofort zurück!
Nein! flüsterte ich. Sie hält uns die Meute vom Leib, ganz leise sprach ich, damit der Fahrer nichts mitbekam, und zog unauffällig den Reißverschluss auf, zeigte dem Rechenblatt die Schatulle. Sie hatte einen leicht gewölbten Deckel und war so groß wie ein dickes Taschenbuch.
Aha. sagte Rechenblatt und lächelte in den Rückspiegel, tat harmlos, weil er dort den Blick des Taxifahrers traf.

In der Pension gehen wir sofort aufs Doppelzimmer, um die Beute auszuweiden. Das Kästlein schon in der Hand, überläuft es mich heiß: ein saudummer Fehler! In Monicas Tasche stecken neben dem Kasten auch ihre Papiere und ihr ganzes Geld, sie kann nicht einmal telefonieren, wenn sie die Meute abgeschüttelt hat. Nicht einmal für eine Busfahrt hat sie Geld. Ich schicke Rechenblatt zum Kapitol zurück und borge mir aus Carlos brodelnder Alchymistenküche (wie gut, dass wir sie rechtzeitig verlassen hatten) ein scharfes Messer, denn die erste Untersuchung hatte ergeben, dass die Schatulle mit einer Schicht roten Siegellacks abgedichtet war. Nur widerstrebend rückte Carlo eins seiner scharfen Mordinstrumente heraus, obwohl er doch noch gar nicht wissen konnte, dass er es stumpf und schartig zurückbekommen würde.
Half nichts, der Lack musste ab. Ich machte mich an die Arbeit, kratzte, schabte, schnitt, ohne Rücksicht auf die Schatulle, ohne jede Acht auf mögliche Gravuren, Prägungen, künstlerische Gestaltung. Ich brauchte nicht das Gehäuse, nur seinen Inhalt wollte ich, mochte das Silberkästlein dabei zum Teufel gehen. Ich wollte wissen, was darin steckte, nur das, aber bitte sofort.
Inzwischen kamen die beiden zurück. An Michelangelos Rampe hatte Rechenblatt Monica warten gesehen, denn natürlich hatte sie mit uns gerechnet.
Zum Schluss hab ich gar nicht mehr mitgezählt, berichtete sie, während ich an der Schatulle kratzte. Alle wollten mich mit dem Kreuz photographieren. Immer wieder: noch einen Schritt nach links bitte, Signorina, ja sehr schön so, und jetzt das Kreuz hoch bitte, höher, ja, sehr gut, wunderbar und noch einmal im Profil, noch einmal - bis schließlich die Polizei das Reliquiar sicherstellte.
Jetzt weißt Du, wie den Models zumute ist, wenn ihr einen Porno dreht. Meinte Rechenblatt gehässig.
Wieso denn erst jetzt - Idiot? fragte sie.
Wo der Deckel eingepasst worden war, hatte ich mittlerweile Staub, Fett und den Schmant vieler Jahre abgekratzt und auch den Siegellack darunter. Mit Messers Schneide fuhr ich am Deckel entlang, hebelte eine Rille auf, Stückchen weiter, leise knackte es, und so fort, bis der Anfang gemacht war und ich mit den Fingernägeln weiter hebeln konnte. Ein leises flopp, EH, dann war es auf. Schon wieder Pergament! Zwei folioformatige, kaum stockfleckige, vielfach gefaltete Pergamente, die im Schutz der Siegellackdichtung geschmeidig geblieben waren und sich leicht entfalten ließen. Folgendermaßen begann das erste, in nachklassischem Latein abgefasst und ausstaffiert mit toskanischen Brocken, wie sie vor viereinhalb Jahrhunderten volkssprachlich gelautet hatten:


+++

Eine Küchenhilfe hat das Tablett mit Geschirr, das eigentlich in die Spülmaschine gehörte, zu Boden klirren lassen. Grausam besudelte Küchenfliesen, als wir Nachzügler unsere Frühstücksgedecke abliefern: Kaffeelachen, Porzellanscherben, zerknüllte Servietten, die im Sud am Boden liegen und sich kaffeebräunen. Carlo ist nicht zu Gesprächen aufgelegt, nimmt nichtmal zur Kenntnis, dass wir nun über ebenjene Zeitungsartikel mit ihm sprechen wollen, die er uns so dringlich ans Herz gelegt hat. Er schreit und überschüttet den jungen Gehilfen mit einem Schwall Flüche. Der Junge brüllt zurück: Carlo selbst habe ihn angerempelt, deshalb sei das Tablett gekippt, was überhaupt los sei heut Morgen, der Patron habe wohl schlecht geschlafen, Scheißtablett, deswegen solchen Aufstand zu machen, wie irgendein schießwütiger Ami ...
Ein dritter mischt sich ein, will schlichten, wird selbst von Carlo angeschnauzt, er solle sich gefälligst ...
Wir fliehen.
Nur raus aus dieser Hexenküche, meint Mo. Die internationale Krise ist perfekt. Nicht auch noch dieses häusliche Desaster!

Und die Behörde? Das letzte Kreuzreliquiar? Hinter uns klappte Carlos Küchenschwingtür. Hexenküche. Alchymistenküche. Schicksalsbräu. Auf unwahrscheinlichen Gemälden wie in realen römischen Pensionen. Alles in Rom stand unter Hochdruck, köchelte, brodelte, wallte über den Kesselrand und machte Dampf. Wir wollten mittlerweile nur noch raus.

Hätte nicht in der Pensionsküche diese Atmosphäre geherrscht, wären wir bei Carlo stehen geblieben, um zu plaudern, hätten uns nicht unmittelbar nach fluchtartiger Räumung der Küche auf den Weg begeben - wir wären zu spät gekommen, und sei es nur um eine einzige Minute. Vergeblicher Fischzug in Rom. Irgendwelchen Fremden hätte die Beute unverdient im Netz gezappelt,  und die Behördennetze, geknüpft in tausend Jahren Sorgfalt und Geduld, sie wären leer geblieben. Durch die Maschen geschlüpft wäre das letzte Kreuz. Zufälle gibt‘s!

Punks der ersten Stunde und viele Nachzügler, inzwischen wohl an die fünfzig junge Männer und Frauen, sitzen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Restpflaster des Kapitolsplatzes und lassen sich des Himmels Senge auf die Hahnenkämme scheinen. Hier und da glitzern Ringe, Sicherheitsnadeln im Fleisch, Ketten.
August. Mittag. Rom. Nichts absonderliches geschieht unter solchen Rahmenbedingungen, nur das Loch in der Platzmitte und die Anzahl der Punks hätten unvorbereitete Besucher verblüfft, allenfalls noch die Zahl unlustig rumlungernder Fotoreporter, die noch nicht ahnen, dass sie sich bald den Grundstock bedeutender Karrieren erknipsen werden. Sonst nichts. Mediterraner Tran, fast Agonie, die Transparente liegen hingeschmissen auf dem Pflaster und schwitzen lila Farbe. All dies beobachten wir, ohne gesehen zu werden. Wir haben die Freitreppe zur Chiesa Aracoeli erklommen und kundschaften vom Mäuerchen am Treppenrand, vom einen der beiden kapitolinischen Höcker. Zwischen und über Baumkronen blicken wir auf den Kapitolsplatz hinab. Halbierter Feldherrnhügel.
Chiesa dell‘Aracoeli, uralte Kirche aus Frühzeiten des Christentums, tempelschänderisch auf den Ruinen eines Junoheiligtums erbaut, durch
der Benediktiner Arbeit und Gebet erneuert im Jahrhundert dreizehn.
Gemauerte Steinfassade von erhabener Schlichtheit. Nur von drei Portalen und Fensterchen, besonders zwei Rosettenfenstern, gegliedert. Spärlichst akzentuiert. Schmutziges Ziegelwerk. Böse Ketzerzungen sagen: kahl. Aber dem schließen wir uns nicht an. Leonardo da Vinci muss solches Mauerwerk im Sinn gehabt haben, als er behauptete, nichts sei so lehrreich, wie eine von vielen Menschen angespuckte Mauer. Unbelehrt lassen wir die Fassade hinter uns, wenden und steigen die Treppe hinunter, die Cola di Rienzo zuerst hinauf stieg, bei ihrer Einweihung, nachdem sie im Jahr 1348 zuende gebaut worden war. Sechs Jahre nach Guardinis Traumtod und der Pfändung einer Handschrift.
Am Fuß der Treppe schwenken wir scharf links, im selben spitzen Winkel, in dem Michelangelos Rampe an die Treppe stößt, dann geht es wieder aufwärts, träge, der Mittagshitze wegen, auch ruhigen Mutes, da wir gesehen haben, was uns erwartet. Glauben wir. Zwischen Castor und Pollux, den Rossebändigern aus Marmor, deren Rückseiten Spuren des Sprengstoffanschlags aufweisen, verschnaufen wir. Auch hier lastet Hitze, wie in der Küche, brütet irgendwas aus, was mag das sein? Keine Ahnung. Doch passt im Nachhinein alles zusammen, im ewig sinnstiftenden Nachhinein.
Zorro, Chef der Punker, hat uns erkannt und winkt stürmisch vom gegenüber liegenden Kraterrand. Zorro heißt genauso, wie die weiße Ratte, die er mit sich herumschleppt. Tiere auf dem Kapitol: Ratten schnüffelten, Kühe, Ziegen, Schweine weideten in schlechten Zeiten, vor allem aber Gänse, die rechtzeitig schnatternd Laut gaben, als eines Nachts in Roms Frühzeit die Gallier Sturmleitern an den Hang der Arx legten und alle Menschenwachen pennten. Kluge, aufgeregte Tiere, immer gegen einen Überraschungsangriff gut. Anders als Ratten.

Eigens für Marian Guardini hatte ein Tier sich einst auf den Weg vom chinesischen Loyang nach Zara gemacht, um ihm sterben zu helfen. Nun machte sich Zorro (Mensch) daran, Zorro (Ratte) vor dem Tod zu retten. Aufgeschreckt vom Wink seines Herrn war das Tierchen von dessen Schulter den Arm hinunter gehuscht und zum Krater gerannt, der Michelangelos Ovaloid im Pflaster, den zwölfstrahligen Stern, zwölf Kreuze, zwölf Tore des Himmlischen Jerusalem, der also den Stern mit zwölf Strahlen, gezackt um Marc Aurels Sockel, nun seines Zentrums beraubte. Noch ungeklärt, wo Lucia Dellarda und ihr Gefolge den Sprengstoff appliziert hatten, um solch enorme Wirkung zu erzielen.

Zorro! ruft Zorro.
Stürzt sich die Ratte also in den Trichter und der menschliche Zorro hinterher, nachdem er mit erstaunlich trainiertem Sprung die Absperrung überwunden hat. Laut fiepend sitzt dahinter Zorro (Ratte). Der menschliche Zorro lockt: Zooorro! Zorrolein! Kommkommkomm! Zoooooorro!
Die Ratte trippelt weiter, nun auf reißbrettgerader Linie, als wolle sie den Halbmesser des Sprengkraters mit raschen Pfotenspuren in die Erde tapsen. Verrückt, wie schnell das alles geht! Zorro (Ratte) rennt weiter, wirbelt ein bisschen Staub auf, denn an der Oberfläche ist das bloßgelegte Erdreich sonnentrocken, rennt und rennt, stürzt zwischendurch mal, purzelt, überschlägt sich und kommt erst in der Mitte des Kraters, am tiefsten Punkt zum Halten. Am Mittelpunkt des Kreises.
Zorro (Mensch) will auch laufen und kann doch nur stolpern, weil er immerzu auf vereinzelte, tückisch im lockeren Erdreich verborgene Pflasterstücke tritt, deren Werkgenossen Fensterscheiben zertrümmert und die Dioskuren angekratzt haben. Einmal bricht Zorro sich fast das Bein, reißt theatralisch weit das Maul auf, mitten in die Objektive der fotografierenden Reporter hinein. Schmerz soll signalisiert werden. Doch mannhaft überwindet er die Krise - für die Fotografen - und gelangt nach allerlei Mühen und Plagen endlich zum Grund des Bombentrichters, vielleicht zwei Meter unter dem Niveau des Platzes, wo der inzwischen wieder handzahme, kleine, weiße Liebling Zorro (Ratte) vertrauensselig auf ihn wartet.

Beugt sich hinunter zum Tier. Orgie aus Streicheln. Küsschen. Mich ekelt. Kameras klicken und surren. Zorro (Mensch) drückt Zorro (Ratte) letztmalig vor dem gefährlichen Aufstieg an die Brust, atmet tief durch und ... versackt.

Ein Schrei, dumpf hören wir Pflastersteine poltern, der Boden hat nachgegeben, sehen Staubgewölk und beide Zorros sind weg. Mitnichten ist also die erdinnerwärts zielende Kegelspitze schon ergründet. Wie zeichenhaft Geschehen oftmals daherkommt, wie deutlich man dann weiß: jetzt oder nie! Monica, Rechenblatt und ich sind die ersten im Krater. Kein Polizist hindert uns, die haben nichts mehr zu bewachen, denn die wertvollen Trümmer der Statue sind längst geborgen. Über die Gitterbarriere, gerannt, gestolpert, Knie aufgeschürft. Rings um das Loch schräges Erdreich, fest und trittsicher.

Ich warf ein Steinchen ins muffige Dunkel. Es klackerte zu Boden, ehe ich eins gesagt hatte, auch glaubte ich nahebei Zorros Stöhnen zu hören. Es konnte der Versuch nicht schaden:
Am ausgestreckten Arm ließ Rechenblatt mich runter, ich schwang eine Sekunden, ließ mich fallen, tief konnte es nicht sein. Ich stürzte nicht mal einen Meter, stauchte mir nicht mal den Knöchel. Oben riefen Mo und Rechenblatt, die Punker sollten nicht alle zugleich zum Loch kommen, man wisse nicht, welches Gewicht der Steilhang tragen könne. Offenbar hatten sie Erfolg, denn außer ihren beiden Köpfen sah ich am Rand des Einstiegs keine weiteren Schattenrisse gegen das Sonnenlicht.
Alles in Ordnung? Monica war besorgt.
Blödsinnig nickte ich, stand da und nickte, was sie natürlich nicht sehen konnte. Auf die Idee, Licht anzuzünden war ich noch nicht gekommen.
Was siehst Du? wollte Rechenblatt wissen, Herrgott, so beeil Dich gefälligst, gleich wimmelt‘s hier von Polizei. Mach doch dein Feuerzeug an!

Hervorragender Gedanke. Der Staub vom Kuppeleinbruch legt sich. Weil zu winzig, leuchtet das Flämmchen dennoch nicht den ganzen Raum aus. Punker Zorro sitzt auf dem Hintern, schmiegt Ratte Zorro an sich und wimmert. Hat Glück gehabt.
Kreisrundes Gewölbe, soweit das Lichtlein flackert. Ich überschlage: Der Durchbruch öffnet sich nicht am Schlussstein der Gewölbekuppel, sondern dicke fünfzig Zentimeter tiefer. Auch hing Rechenblatts Arm höchstens fünfzig Zentimeter tief ins Gewölbe. Ich selbst messe, an
ausgestreckten Armen hängend, vielleicht zwei Meter dreißig, bin schließlich
noch gut einen halben Meter gefallen. Macht summasummarum vier Meter achtzig, wovon die Mauerstärke noch zu subtrahieren wäre. Circa dreißig Zentimeter, das heißt, die Grube wäre innen in der Mitte vier Meter fünfzig hoch von Boden bis Schlussstein. Knappe sechs Meter unter dem Pflaster des Kapitolsplatzes, in einer aufgesprengten Grube auf dem Berg scharre ich mit der Fußspitze glasierte Ziegel frei, pulvertrocken.

Die Statue bemerke ich immer noch nicht, sehe nur Punker Zorro, dem seine Ratte sich entwunden hat, um neugierig, geschäftig, dies Schattenreich zu erkunden, wohin sie uns den Weg gewiesen. Zorro (Mensch) hat seine schwarze Lederjacke über den bunten Hahnenkamm gezogen: was ich nicht seh, tut mir nicht weh - und weint immer lauter. Armer Kerl. Wahrscheinlich Schock. Benommen fühle ich mich, wische mir ein Staubkorn aus dem Auge. Von oben drängen Monica und Rechenblatt, wollen Lagebeschreibungen hören. Ich gehe zu Zorro (Mensch) hinüber und versuche langvergessene Handgriffe der ersten Hilfe. Alles, was mir einfällt: Beine hoch bei Schock, das Blut soll in die lebenswichtigen Organe fließen.

Dann sehe ich ihn.


++++

Im Zimmer ließ ich Revue passieren: Rechenblatts Brief, das Pergament des Villanovanus betreffend, hatte eine Lawine von Ereignissen ausgelöst, die MAFIA in unser Spiel gebracht und uns zu Lorwitz auf das Schloss gejagt. Die doppelte Bibliothek im allgemeinen, insbesondere jedoch die Bucholtzpapiere verdankten wir der Flucht zu Lorwitz, dem Aufkreuzen der Mafia im Zigarrenladen meiner Eltern, somit letztlich Rechenblatts Diebstahl. War das nicht fünf tote Mafiakillerkiller wert? Jaja, EH, ich ahne, dass dieser ethische Pragmatismus Eure Zustimmung nicht findet - doch was ist mit den Folgen Eurer Tatenlosigkeit? Womit entschuldigt Ihr diese, wenn es schon nicht um das Ergebnis geht, sondern um die Rechtfertigung? Sind unbeabsichtigte üble Folgen des Handelns einen Vorwurf wert, dann doch wohl auch Folgen aus Unterlassung, dann EH, ist das Leben als solches untragbar schuldbeladen! Kein Wunder! dachte ich, dass solche Gedanken mir ausgerechnet hier kommen. In Rom. Am Sitz der katholischen Hauptschuldenverwaltung.
 
Hätten wir Petrus Brock ohne Villanovanus verstanden? Hätten wir Villanovanus ohne Lucia Dellardas Abschiedsbrief begriffen? Erklärten sich nicht zunehmend die Spuren unserer Träume wechselweise? Noch unklar, ob Lucias Mädchenname Gibello ghibellinische Staufertreue andeutet. Endlich geklärt, wieso die Hände der Vergangenheit ihren merkwürdigen Namen tragen. Verbrieft: MAFIA inszenierte die Sizilianische Vesper, dunkel, warum - auch hier wieder ein Stein vom Himmel stürzte, demgegenüber nun höchst einsichtig, wie und warum unsere Malerahnen starben. Sorgfältig muss abgewogen werden, ob die Steinigungsträume mafioser Henker wirklich verdammenswerter sind, als Träume, die Anjouchronik oder Bucholtzpapiere heißen - oder gar jene Träume, die das unendliche Leid der konventionellen Geschichte vorwegnahmen. Gewiss, dass Arnaldus von Villanova und die MAFIA Kontakt hielten, sternenklar, wie das Kind zum Namen kam, aus vergangenen Händen und alchymistisch motiviertem goldenen Reich, das eigentlich das goldene Zeitalter meinte. Die vereinzelt aufblitzende Weisheit der bösen alten Mamma Lucia: zuerst kommt der Gedanke - sie scheint um Macht und Vielfalt aufgeschriebener Träume zu wissen. Im Jahre 1342 wurde den Dellarda angeblich das Buch weggepfändet. Im selben Jahr erobert Colonna anjouchronisch Sizilien, im Auftrag Ludwigs. Ist Colonna jener römische Edelmann und Pfänder? Das würde erklären, wieso - Manini hat es recherchiert - das vom Kloster Benediktbeuern eingetauschte zweite Exemplar der Handschrift das Exlibris BIBLIOTHECA COLONNA trug und macht verständlich, weshalb die Familie dennoch mitteilte, das Buch sei niemals Teil ihrer Bibliotheksbestände gewesen. Woher sollte der unbekannte Doctor Anselmus die Handschrift denn sonst haben? Kompliment für Bertuccio Manini. Enorm, was er alles herausgefunden hat über, wie er es nennt: fatum libelli, das Schicksal des Buches. Marco Antonio Dellardas Eingreifen bei der Buchumlagerung von Herrenchiemsee zum Vorkriegsstandort Benediktbeuern. Wir wussten nun genau, wer und warum den Marc Aurel vom Kapitol gesprengt hatte: und wenn du gleich platzen solltest ... ! Unbekannt war uns, was - vermittels dieses Zitates - heutige Mafiosi, mit jenen Ratsherrengefährtinnen verband, die Bucholtz hinter einer Tür im venezianischen Palazzo Manini belauscht hatte, ehe Degenmännerobristen ihn mit Fußtritten hinaustrieben, oder doch beinah. Wir wussten, dass auch die MAFIA auf Träume und Legenden baute und deren Wirkung in ihr Handeln einplante: das letzte Gold der Kaiservergoldung. Wir wussten - ach was: gar nichts wussten wir, kannten lediglich ein paar Gründe für aktuelles politisches Geschehen und einige biographische Histörchen. Und das, wo uns doch eigentlich die Folgen interessierten, die es zu steuern galt. Wo lag das letzte Kreuz? Was sollte aus den Punks am Kapitol werden? Was aus dem fälschlich rund behauenen Stein? Was konnte noch die NATO kitten? War es wünschenswert, dass Italien Mitglied blieb? Was konnte die Behörde retten, auf dass sie ihrerseits die Welt rette? Waren Siziliens Leichenberge verscharrt? Was wurde aus den Gibbalde in der US-Botschaft? Wie wird man schuldig ...
Oder reich! gurgelte Monica aus dem Bad.
Wie bitte? rief ich hinüber.
Ich lese gerade Made in Hongkong auf dem Zahnputzbecher. Womöglich hat der Lastenkuli, der diesen Becher, verpackt mit hundert anderen, im Schiffsladeraum verstaute, bei dieser Tätigkeit jenen entscheidenden Hong-Kong-Dollar verdient, den er am Wochenende auf einen absoluten Außenseiter setzte, beim Pferderennen des Jockey-Club. Pferdewetten sind doch äußerst beliebt in der Kronkolonie. Ich versteh was davon, glaub mir, Pferdewetten eröffnen mir persönlich den Zugang zu Deinen Theorien über Zufall und Sinn. Quote ein zu einer Million. Dann ist der Kuli jetzt reich und zwar deshalb, weil römische Hoteliers Zahnputzbecher Made in Hongkong kaufen.
Das wollte ich genauer wissen: Warum muss immer Geld im Spiel sein?
Geld, Waren und Gedanken, vor allem zu Büchern gereiht: sie lassen sich am ehesten tauschen, transportieren, verbreiten sich so schnell, gelangen ohne Mühe von überall nach nirgends. Mit ihnen kann man die träumerischsten Beispiele fürs Wirken Deiner heißgeliebten Kausalität konstruieren. Ideale Spielregeln, ganz einfach! Ich musste lachen. Sie trat ans Bett, beugte sich über mich.

Kein Einwand gegen die italienische Küche, sie kann beglückend italienisch sein. Doch die Gewohnheit, ausgerechnet das Frühstück aufs Notwendigste zu beschränken, nur den Nachtgeschmack mit einem Happen wegzukauen, kurz, die italienischen Frühstücksgewohnheiten fanden unseren Beifall nicht. Carlo trug dem widerwillig Rechnung, indem er knusprig frischgebackenes Brot, kaltgepresstes Olivenöl, Mozzarella, Gorgonzola, ungeriebenen Parmesan, Zwiebelringe, geschälte Knoblauchzehen, Tomatenviertel, Gurkenscheiben, Weintrauben und Honig auf unseren Frühstückstisch deckte - letzteren vorwiegend zum Süßen des Kaffees. Dabei könnte man es schon eine Weile aushalten, was Carlo normalerweise sehr recht war. Heute aber regte unser künstlich in die Länge gekrümeltes Frühstück ihn auf, so schien es, denn bei jeder Tasse Kaffee, die nachgegossen wurde, scharwenzelte er um uns herum. Fragend. Ungeduldig. Erregt. Endlich mit zorngeschwollenen Schläfenadern.
Die Zeitungen! polterte er, als es nicht länger auszuhalten war. Könnt ihr mir vielleicht verraten, weshalb ihr immer noch nicht die Morgenzeitungen gelesen habt? An diesem Morgen ging es uns allen dreien besser. Fest waren wir entschlossen, die vergebliche Suche nach dem letzten Kreuzreliquiar so lange irgend möglich hinauszuschieben.
Wieso? strahlte Monica ihn an. steht denn wieder was Wichtiges drin? sie wippte auf dem Stuhl, als folge ihr Körper dem Rhythmus eines Schlagzeugsolos.
Wie geohrfeigt fuhr Carlo zusammen. Er stapfte davon und brachte den Packen Papier, den er eigens für uns besorgt hatte. Mitten auf den Tisch knallte er neueste Katastrophenmeldungen, so heftig, dass der leere Brotkorb aus Bastgeflecht weggeweht wurde und zu Boden purzelte.
Ich bring sie extra für euch mit und ihr lest sie nicht mal. Pah! Journalisten! Wärt ihr meine Söhne ... !
Möchte‘ ich nicht sein, sagte Monica. Wir versuchten ein versöhnliches Grinsen, doch Carlo war heute humorlos. Beleidigt war er. Ihm ging es um Italien. Bald darauf hörten wir ihn in der Küche das Personal anbrüllen, was selten vorkam. Er war zurecht empört, wie wir bei der Zwangslektüre feststellten:
Kein Wort mehr über den gestürzten Marcus Aurelius oder Dellardas Mutter. Vergessen waren die Toten Siziliens, Punker auf dem Kapitol und das neue Kabinett mitsamt allen Regierungsprogrammen. Weltenraumweit entfernt die aufwühlenden Moskauer Ereignisse. Allein die vergangene Nacht kam vor in der veröffentlichten Meinung. Trotz verweigerter Starterlaubnis war der US-Hubschrauber vom Botschaftsgelände abgehoben, um drei Uhr in der Früh, ohne zuvor von den Carabinieri durchsucht worden zu sein, zudem ohne Angabe des Zielortes. Mit einiger Wahrscheinlichkeit jedoch konnte angenommen werden, dass er den amerikanischen Flugzeugträger SEA STAR von der 6. Flotte angesteuert hätte, hätte man ihn gelassen. Das große Schiff kreuzte immer noch hart an der Grenze italienischer Hoheitsgewässer. Vom Tower des römischen Flughafens Leonardo da Vinci (oh, die wunderbaren Entwürfe für Flugmaschinen) alarmiert, war eine Staffel italienischer Polizeihelikopter gestartet und hatte den Amerikaner auf einer Kuhweide nahe Ostia zur Landung gezwungen, gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte, als wenige Minuten später amerikanische Marinejäger den Abfangpunkt erreichten, einige Mal über der Weide kreisten und dann das Feld räumten, wohl in der Einsicht, dass ihrem Kameraden nicht mehr zu helfen war. Die Presse schwor, sie seien entsandt gewesen, um ihrem Kollegen bis zum Flugzeugträger Geleitschutz zu fliegen. Zu diesem Zeitpunkt kam es noch nicht zum Einsatz von Waffen. Zwar hatten die amerikanischen Jäger sich beim Eindringen in den italienischen Luftraum nicht identifiziert, zwar war der Hubschrauber ohne Erlaubnis gestartet, doch all dies hätte lediglich zu noch stärkerem Rauschen im diplomatischen Notenwald geführt. Die eigentliche Tragödie bahnte sich erst an.
Kurz nachdem die Marine-Jagdflieger abgedreht hatten, traf Innenminister Scorzi persönlich mit einem weiteren Hubschrauber am Ort des Geschehens ein. Carabinieri hatten den US-Hubschrauber umstellt. Als Scorzi durchs Megaphon die Besatzung aufforderte, die Maschine zu verlassen, man wolle weder technische Gerätschaften ausspionieren noch Papiere einsehen, nur, ob die Gibbalde an Bord seien wolle man wissen - geschah zuerst gar nichts. Dann gab Scorzi sich als Innenminister der Italienischen Republik zu erkennen, auch als Brigadegeneral der Carabinieri, in welcher Eigenschaft er sehr wohl wisse, dass man von Vorgesetzten erteilte Befehle nicht ohne weiteres missachten dürfe, der aber nun, als paramilitärischer Kamerad, Verbündeter und Regierungsmitglied jenes Landes, auf dessen Boden man sich nun einmal befinde, die Amerikaner auffordere, sich vernünftig zu verhalten und unverzüglich seinen Anordnungen Folge zu leisten. Da der amerikanische Pilot aus seinem sicherheitsverglasten Cockpit nicht von Mann zu Mann mit den Italienern reden konnte, funkte er die Carabinieri an und sprach historische Worte, nur diese Worte, die jeden Zweifel am Irrsinn des mächtigsten Mannes der Welt ausräumten und die italienische Presse tiefer bewegten, als alles weitere: Ich habe persönliche Order vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, meinen Auftrag um jeden Preis, ich wiederhole: um jeden Preis! durchzuführen. So der Wortlaut.
Ein hoher Carabinierioffizier aus Scorzis Stab verriet der Presse, der Innenminister habe in diesem Augenblick gemurmelt: beim Schwanz des Teufels, Bürschlein, dann werdet ihr den Preis auch zahlen! Scorzi stellte ein fünfminütiges Ultimatum. Nach Ablauf dieser Frist, müsse mit Gewaltanwendung gerechnet werden. Eingedenk der militärischen Binsenweisheit, einem unterlegenen, doch immer noch gefährlichen Feind stets ein Schlupfloch zum Rückzug zu lassen, bot Scorzi für den Fall, dass die Gibbalde an Bord wären, den Amerikanern an, sie auszuliefern und dann unbehelligt ihrer Wege zu fliegen. Keine Antwort.
Inzwischen war Rom über den Stand der Dinge informiert. Eine italienische Jägerstaffel befand sich im Anflug und hatte Befehl, bei neuerlichem Auftauchen amerikanischer Flugzeuge die Bordwaffen einzusetzen. Verteidigungsminister Ceradini hatte mit allen amerikanischen Standortkommandeuren, insbesondere den Horst-Chefs der US-Luftbasen auf italienischem Boden, Kontakt aufgenommen und das Verdikt verhängt: jeder Start eines amerikanischen Flugzeuges von euren Bahnen, auch jedes Eindringen in italienischen Luftraum von außerhalb, von See oder aus dritten NATO-Staaten, gilt bis auf Widerruf als feindseliger Akt, den wir mit Waffengewalt beantworten. Denis Quayle, der amerikanische Präsident, ließ sich verleugnen. Der neue Vizepräsident, ein Mann namens Turner, den man schließlich schlaftrunken ans Telefon bekam, hatte nichts besseres zu tun, als Brüche des Italienisch-Amerikanischen Stationierungsabkommens sowie etlicher Paragraphen des NATO-Vertrages zu bemängeln. Dessen ungeachtet wurde die italienische Luftwaffe in Alarmbereitschaft versetzt. (Eigenartig, wie geschwind Politiker und Bürokraten zu handeln vermögen, wenn es um ihre eigenen Köpfe geht.)
Nach fünf Minuten lief das Ultimatum ab, ohne dass die Besatzung des Hubschraubers reagiert hätte. Sie spielte toter Mann, während die amerikanische Generalität über Telefonleitungen das  Verteidigungsministerium in Rom bestürmte und der amerikanische Vizepräsident sich grollend aus der Leitung zurückzog, nachdem er Della Gloria, dem Ministerpräsidenten ins Gesicht gesagt hatte, er wolle zunächst einmal bei US-Dienststellen verlässliche Fakten einholen. Die Presse kochte ob dieser Unverschämtheit. Das Ultimatum war verstrichen.
Scorzi befahl einem technischen Sonderkommando seiner Carabinieri, die Einstiegsluke des amerikanischen Hubschraubers aufzuschweißen. (Lyrisch beschrieb eine Zeitung, wie im Dunkel die bläulichweiße Flamme des Schweißbrenners über das Metall gebleckt habe. Andere Zeitungen waren darin einig, dass zu diesem Zeitpunkt längst wattstarke Scheinwerfer auf mobilen Masten, versorgt durch ein tuckerndes Dieselaggregat, das Gelände ausleuchteten, von Dunkelheit also keine Rede sein konnte.)
Dann war die Lukenverriegelung des Hubschraubers durchtrennt. Keine weißblaue Flamme zischte mehr lyrisch in dunkler Nacht, sondern sehr prosaisch sprangen fünf Marineinfanteristen aus der Maschine und feuerten wild auf die italienischen Hubschrauber, während ihr eigener Pilot den Rotor anließ und wieder abhob. (Die Presse behauptete. Ziel dieses Ausfalls sei gewesen, die italienischen Hubschrauber fluguntauglich zu schießen, damit der eigene Pilot unverfolgt einen letzten Fluchtversuch unternehmen könne.) Sie schössen auf die Kanzeln, trafen dabei auch Carabinieri, trafen auch Scorzi, der, tödlich verwundet, in den Gurten hing und dennoch seinem Piloten und zwei weiteren befahl, abzuheben, um den Amerikaner erneut zur Landung zu zwingen. Die Marines hatten ihre Magazine leergeballert und waren dann unter italienischem Feuer zusammengebrochen. Keiner von ihnen überlebte. Als die drei noch flugtauglichen Helikopter der Italiener den Amerikaner eingeholt und wieder zur Landung gezwungen hatten, war der Innenminister, Brigadegeneral Scorzi, bereits tot. Er sah nicht mehr, wie einer nach dem anderen den Hubschrauber verließ, aus der Kanzeltür oder der hinteren, aufgeschweißten Luke mit erhobenen Händen heraussprang: Pilot und Copilot, der römische CIA-Resident, der Sicherheitschef der US-Botschaft, weitere fünf Marines und schließlich die Cousins Gibbalde, die beiden Gangster, um die es ging. Erst als ein Mitglied des Stabes dem Innenminister stolz (und überflüssigerweise) Vollzug melden wollte, bemerkte man, das Scorzi nicht einfach angeschossen, sondern tot war. Energisch bestritten sämtliche Zeitungen, dass es daraufhin, wie die Amerikaner behaupteten, zu unzivilisierten Brutalitäten seitens der Italiener gekommen sei, es sei eine infame Lüge, dass ein Italiener dem CIA-Residenten den Kolben seines Schnellfeuergewehres ins Gesicht geschlagen habe. (Nichtsdestoweniger fehlten dem Mann acht Zähne, aber was sind schon acht Zähne angesichts eines toten Innenministers? Niemand verlor ein Wort über die erschossenen Marines, vermutlich würden die USA ausreichend instinktlos sein, ihnen ein pompöses Militärbegräbnis zukommen zu lassen: zackiges Fahnenfalten, bis ein Dreiecktuch übrigbleibt und so weiter. In Rom waren sie keine Helden, sondern Mörder. Bezahlte Killer in Uniform. Feinde der eigenen Soldaten eben.
Die USA hatten sich aufgeführt, wie in Feindesland. Dementsprechend waren sie behandelt worden. Man konnte zuverlässig davon ausgehen, dass die Vereinigten Staaten von diesem Tage an einen Alliierten weniger hatten.
Es war zu melden: italienische Durchsetzungsbereitschaft. Festnahme von zwei gesuchten Verbrechern. Es waren zu beklagen: kaputte Rotorblätter an Helikoptern. Ein toter Innenminister. Fünf tote Marines. Paar Streifschüsse, paar Leichtverletzte. Acht ausgeschlagene Zähne. Sowie endlich eine tote Ratte. Der US-Helikopter hatte  bei seiner zweiten Landung mit einem Reifen den Kopf vom Rumpf gequetscht. Rom tobte. Carlo auch.


+++

Lange Jahre schenkten wir unserer Heimat die Ordnung, derer sie bedurfte. Wir ersetzten Gerichte und Polizei. Aber nicht alle von uns dachten so gerecht, wie meine Familie, die Dellarda, oder die Gibello, das Geschlecht meines Vaters. Nach dem Krieg lernten die Abtrünnigen von jenen Sizilianern, die in das liederliche Amerika ausgewandert waren, das Geschäft mit schlechten Weibern und dem Glücksspiel. Weltweit trieben sie Waffenhandel über den eigenen Bedarf hinaus und sogar solche gab es, Gott möge sie verdammen, die mit Drogen schacherten, statt den guten Wein ihrer heimischen Gärten ein wenig zu panschen. Diese Leute erwarben Macht, mehr Einfluss, als ihnen und uns gut tat. Sie fühlten sich überall zuhause und vergaßen Siziliens Erde. Sie hockten mit den Amerikanern zusammen, spielten, hurten und statt zu strafen, verübten sie gemeinen Mord. Nicht wie vordem wurden nur die Zuträger zur Rechenschaft gezogen, die das Gebot des Schweigens missachtet hatten, nicht nur unbelehrbare Feinde der ehrenwerten Gesellschaft mussten sterben, sondern beliebige Leute, die irgendwelchen Geschäften im Weg standen. Die neuen Mafiosi zeigten keinen Respekt mehr. Schließlich druckten Zeitungen der ganzen Welt Lügen über uns, weil sie uns mit jenen Respektlosen in einen Topf warfen, verflucht sollen sie sein, die uns Vergessene ins Gedächtnis der Welt zurückriefen. Mein Sohn und seine Freunde und Getreuen kämpften gegen solche Missstände an, doch auch der Löwe vermag nichts, wenn der Schakale tausend sind. Mein Sohn und seine Freunde erlebten, wie man sie in ihren angestammten Rechten schmälerte. Sie schwiegen dazu. Man ließ es an Respekt fehlen. Sie duldeten und beteten, dass jene Verirrten wieder auf den Pfad der Tugend zurückfänden. Die Frau Don Dellardas, meine Schwiegertochter Martina, starb an den Kränkungen, die man unserer Familie zufügte. Erst da begann Don Dellarda, Nachrichten über seine falschen Freunde und Geschäftspartner zu sammeln, sie aufzuschreiben oder den elektrischen Geräten anzuvertrauen, die man Computer nennt. Doch immer noch hielten ihn die Treue und die Omerta davon ab, mit den Römern gemeinsame Sache zu machen, um die Übeltäter zu züchtigen. Erst, als seine eigenen Kinder, meine Enkel am Gift zugrunde gingen, welches diese Übeltäter nah unserem Hause bereitgelegt hatten, erst da beschloss mein Sohn, gerechte Rache zu nehmen. Es galt, seine Ehre wieder herzustellen.
Deshalb ging er zu den Beamten aus Rom, zum vermaledeiten Carabinierigeneral Scorzi und bot ihm alle Namen und Nachrichten an, die er gesammelt hatte. Der Römer leistete heiligen Eid, ihm für diese Gabe Schutz angedeihen zu lassen, gegen jene, die mein Sohn anklagte. Aber schon waren diese Feinde am Werk. Ungehindert von den Römern durften sie das Pergament stehlen. Ungehindert konnten sie es nach Deutschland entführen, und als Gehilfen meines Sohnes es höflich zurück erbaten, wurden sie getötet. Doch kam es noch ärger. Die Römer brachen ihren Schwur. Mein Sohn, Don Alcide Dellarda, den sie beschützen wollten für all die Dienste, die er ihnen geleistet hatte, wurde gestern ermordet. Dazu schweige ich nicht länger. Wohl kenne ich die Stellung einer Frau in der Familie, aber in meiner Familie leben keine Männer mehr, die reden könnten. Und so rief ich gestern drei Leutnants meines Sohnes zusammen, treue Seelen, die ihm tief ergeben waren. Ihnen trug ich meinen Plan vor. Sie waren einverstanden und schafften den Sprengstoff herbei. Und in der vergangenen Nacht gingen sie ans Werk, beinahe unter den Augen der römischen Büttel, die nichts weiter sind, als Versager, da sie weder meinen Sohn schützen konnten, noch ihr Kaiserdenkmal auf dem Capitol. Der eine Leutnant hat studiert und erzählt mir, der Kaiser Marc Aurel habe ein Buch geschrieben, worin sich der Satz findet: Und wenn du gleich platzen solltest, sie werden nichtsdestoweniger ebenso handeln. Nun ist er selbst geplatzt nach meinem Willen und alles wird so kommen, wie es kommen muss. Wenn die letzte Vergoldung vom Denkmal des Kaisers abgefallen sei, breche Gottes Strafgericht über die Welt herein, heißt es. So möge es kommen! Meine Welt habt ihr in Stücke geschlagen und zerstört. Mein Sizilien ist vergiftet. Meine Familie ausgerottet. Das Pergament gestohlen. Geschändet der Name und dahin alle Macht. Nun mag auch eure Welt zum Teufel gehen! Soll das Gericht kommen. Ich fürchte es nicht, weiß ich doch, dass Gott zu unterscheiden vermag zwischen Gerechten und Verbrechern. Wir sprengten den Marc Aurel mit dem Inhalt zweier Kisten, ich selbst gab den Befehl dazu. Nun ist die Vergoldung dahin. Bald wird die Welt zuende gehen. Ihr sollt wissen, dass mir dieser Gedanke Trost gibt, nun, da ich meinem eigenen Leben ein Ende setze. Keineswegs mache ich mich so der Todsünde schuldig, mögen die römischen Priester und Gifthändler auch predigen und mich verdammen in den wenigen Tagen bis zum Weltenende. Andere, bessere Priester aus Sizilien haben viel Geld erhalten und beten für mein Seelenheil. Ich stehle dem Herrn kein Leben! Ich verlasse die Welt nur kurze Zeit, bevor Gott mich ohnedies zu sich geholt hätte. Ich sage dieser Welt auch nicht addio oder lebe wohl. Vielmehr verfluche ich sie, vor allen anderen aber fluche ich euch Römern, noch mit dem letzten Hauch, der stecken bleibt im Strick um meinen Hals. Lucia Dellarda, geborene Gibello.

Da - as - i -  ist sie! Stammelte Mo, nur mir verständlich. Das ist die Frau, die ich in der Cappella Palatina traf. Genau ihr Stil!
Der Fernsehkommentator wies auf eine Vielzahl merkwürdiger Anspielungen hin, die einen vollends verwirrten Verstand nahe legten. Carlo drückte den Knopf und schnitt ihm das Wort ab.
Ekelhaftes Weib, sagte Petra, Gläser reihend, um eine Runde auszuschenken. Für uns der Schlummertrunk. Wir wünschten allseits geruhsamen Schlaf. Nur die Lehrerin, die unser Gebaren beim Frühstück proustend missbilligt hatte, gab keine Antwort.
Als wir Rechenblatt bei seiner Zimmertür verabschiedeten, kam es zu kurzem Nachtgeflüster:
Mein Brief an Dich, stöhnte Rechenblatt. hätte ich bloß nie dies verfluchte Pergament aus dem Tresorraum genommen! Sie haben die Fährenpassagiere ermordet und Euch hätten sie beinahe auch geschnappt.
Fast! sagte Monica, nur fast! Niemand starb, weil Du das Blatt geklaut und in Deinem Brief an Berthold in Lobbert erwähnt hast.
Doch! beharrte er. die Parkbankmafiosi rund um Lorwitz‘ Schloss. Wären sie nicht hinter dem Pergament hergewesen, hätten sie nicht im Park gesessen und wären nicht von den angeblichen Grünflächensäuberern erschossen worden.
Dann hätten Dellardas Feinde sie woanders erledigt, tröstete sie. Mach Dir doch keine Sorgen! nach einem zweifelnden Seitenblick auf mich, strich sie ihr Haar hinter die Ohren und hauchte ihm einen raschen Kuss auf die Wange, zu plötzlich für Gegenwehr. Sacht fuhr er mit den Fingern über die Stelle, wo ihre Lippen ihn getroffen hatten und untersuchte dann die Fingerkuppen. Er fand nichts. Sie trägt keinen Lippenstift. Sie sagte: Sollen sich alle miteinander doch gegenseitig abschlachten! Traurig ist nur, dass Lorwitz am Schreck gestorben ist. Aber vergiss nicht: er war ein schwerkranker Mann. Der Schreck, der seinem Herz den Rest gab, hätte ebenso gut zwei Tage früher oder später kommen können. Du trägst keine Schuld, es sei denn, wir geben zu, dass jede Handlung eines jeden Menschen irgendwie zu irgendeinem Tod, einer Katastrophe, einem Leid beisteuert. Wer weiß: vielleicht erwirtschaftet die Tasse Kaffee, die wir heut Morgen tranken einem brutalen Plantagenbesitzer just jenes Geld, mit dem er die Patrone kauft, die in zwei Jahren einem seiner Pächter ins Fleisch dringt, den der Kaffeebaron töten will, um das Land rationeller auszubeuten? Bist Du darum schuldig? Wenn wir das zuende denken, kann man sich nur noch hinlegen und selbst sterben. Und dabei müsste man noch hoffen, dass bei der Beerdigung kein Sargträger ausrutscht. Rechenblatt ließ die Fäuste von den Schläfen sinken.
Alles Handeln schuldhaft? Auch Vertrauen auf Zufall? Auch, dass wir ihn nutzen, wenn er Hilfe bietet? Ist das so Berthold?
Das alte Lied, sagte ich. man lernt die Melodie erst, wenn man selbst im Text vorkommt. Christen nennen diese Schattenseite der kausalen Vernetzung Erbsünde. Aber auch ganz ohne Schlangen, verführerische Evas oder Äpfel vom Baum der Erkenntnis: das ist ererbte Schuld. Sie wird uns hinterlassen, sobald wir in die Welt treten. Dies Erbe kann keiner ausschlagen. Die Christen jedoch hoffen auf Gnade. Schlaf gut! Und gnädig seien Deine Träume!
Ratlos zuckte er die Schultern. Er öffnete seine Tür. Dann schloss er von drinnen zweimal um.


+++

Kein Grund, am Morgen weiter zu lesen. Man gewöhnt sich an alles. Überraschend allein die aktuelle Entwicklung in der Sowjetunion, aber auch daran, dass dort nur noch Überraschendes geschieht, ist man inzwischen gewöhnt.
Mutlos und verdrossen über Rechenblatts Pöbeleien gegen sinnlose Papierflut machten wir uns an die redaktionelle Durchsicht der Notizen für diesen Rechenschaftsbericht, dessen Niederschrift wir, vermeintlich am Ende der Reise, ins Auge fassten. Mitten in diese Arbeit hinein sagte Monica: Und wenn Du auch gleich platzen solltest ... jetzt ist er geplatzt, Marc Aurel, der Arme, und nichts ist dabei rumgekommen.
Darauf gingen wir nicht ein.
Die Freude an sauberer Dokumentation, sonst durchaus Stimulans meiner Behördenarbeit, war mir seit Freitag abhanden gekommen. Warum Blätter mit Scheitern vollkritzeln?
Abendnachrichten im Fernsehen: Sturm auf das Kapitol, zu spät für Morgenpresse. Der Krater, kaum noch Gaffer, dafür jedoch, wir trauen kaum der Kamera, unsere nachmittäglichen Punker als Mahnwache mit bizarren Transparenten. Ohne Kommentar werden zunächst ausführlich Kleidung, Haarfarben, verstümmelnde Kettengehänge und Nasenringe gefilmt, bevor die Kamera sich hochbequemt zum Text:

WlR SIND DIE GOLDGRÄBER DER ZUKUNFT / WIR WERDEN SCHÜRFEN - EGAL OB WIR DÜRFEN / GOLDZEITALTER FÜR ALLE - ZUM SCHROTT DIE ÜBRIGEN METALLE / AUSSER FRAGE - NIE MEHR JÜNGSTE TAGE / REDET KEIN BLECH - SPRENGT KEINE KAISER / PUNKS ALLER ZEITALTER VEREINIGT EUCH!

Der Kommentator lobte die Punks über den grünen Klee, rechnete ihnen gönnerhaft hoch an, in diesen Tagen schwerer Prüfung zu Italien zu stehen. Obgleich der Transparenttext vor allem scherzhaft gemeint und breiteren Bevölkerungsschichten unverständlich sei, müsse gute Absicht gewürdigt werden. Kurze Befragung der Akteure: Der Schmächtige rülpste dem Reporter vor Ort so magentief ins Mikro, dass sein weinsauerer Atem noch aus dem Lautsprecher quoll. Dazu mampfte er ein Vorratssandwich. Sabina sagte brav zwei Sätze auf, die wohl auswendig gelernt waren: Wir stehen zur Legende. Wir sind selbst eine.
Der dritte Interviewpartner: Die Welt brauchtsich keine sorgenmehr machen wir finden schon noch gold vom kaiser blechheini. Sie wird schon nich untergehn. Und als der Reporter ihn nach der anders lautenden Legendenversion fragte: achscheiße mann haudochab.
Zu jähem Gerangel kam es, weil Punkerchef Zorro (wie seine Ratte nannte er sich), den Fernsehmann weiterstieß, um sich vor jedem Kommentar zu drücken. Dann grölten die Punker unisono: Punkerwacht in dunkler nacht, punkerwacht in dunkler nacht, punkerwacht in ... und schwenkten dazu ihre Transparente, was bald anstrengend wurde, da sie, die ungeübten Demonstranten, versäumt hatten, Schlitze ins Tuch zu schneiden.
Das Bild wurde ausgeblendet. Ein Verlust, denn das Kommentatorengesicht im Studio lächelte erschreckend normal und entbehrte völlig der düsteren Phantastik jener Szene auf dem Kapitol.
Die besuch ich morgen, sagte Mo.
Rechenblatt und ich zwinkerten Einverständnis.

Petra und Carlo waren schockiert, doch neue Nachrichten schnitten dem Gefecht schon das erste Wort ab. Dellardas Mutter, das schwarze Mütterlein, die Frau, die Monica in Palermos Cappella Palatina betend angetroffen hatte und vor einer Ratte fliehen sah, hatte den Freitod gewählt, hatte sich am Halse aufgehängt, bis dass er eintrat. Vor wenigen Stunden war die Leiche in einer römischen Hotelsuite identifiziert worden. Ihre festungsartige Familienvilla bei Sciaccia hatte sie verlassen müssen - gegen das Bakterium und die Räumkommandos der Armee halfen auch keine Leibwächter. Und in die Mailänder Carabinierikaserne zu ihrem Sohn zu ziehen, hatte sie sich strikt geweigert. Unter ihren baumelnden Füßen, neben umgestürztem Hocker, hatten Polizisten einen Abschieds- und Bekennerbrief als Beweisstück aufgenommen, der nun im vollen Wortlaut verlesen wurde. (Um die ganze Perversion und Wirrnis des Denkens dieser Leute zu zeigen, sagte der Kommentator und raschelte furchteinflößend mit Papier.)

Ich bin die Witwe Lucia Dellarda, geborene Gibello und eine gute Katholikin. Dem allein seligmachenden Bekenntnis hing auch mein geliebter Sohn Alcide an, bevor sie ihn gestern ermordeten. Oh ja, wir waren Mafiosi, Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft, nannten uns Freunde von Freunden und unsere Familie zählt seit langem zu jenen, welche die Mafia anführen. Die Männer der Dellarda wurden Don genannt, schon als sie noch arm waren. Jeder Sizilianer wusste, dass Verlas auf einen Dellarda war, dass er Respekt gab und man ihm Respekt schuldete.
Seit vielen hundert Jahren regieren Freunde der Freunde Sizilien und die Dellarda gehören zu ihnen. Wir mussten unsere Heimat regieren, weil niemandem sonst an ihr gelegen war, nur den Steuereintreibern natürlich. Die Erde Siziliens, die schützende Macchia, der Staub, die Berge, die Herden auf den Hängen, der Weizen, der Wein und die Menschen der Insel, alles, was Sizilien je hervorbrachte, war den wechselnden Herrschern gleichgültig, seit den Tagen, da die Staufer vertrieben wurden.
Ich bin eine alte Frau und das Schreiben bereitet mir Mühe. Sogar diesen Brief diktiere ich einem Leutnant meines Sohnes, damit er fehlerfrei aufgesetzt wird, denn niemand soll nach meinem Tod über mich lachen. Ich bin eine alte Frau und habe wenig Bildung. Doch die Geschichte meiner Insel und der Familien kenne ich sehr wohl und bin nicht dumm und vor Gott dem Allmächtigen verfluche ich all jene, die von Weibergeschwätz reden werden, wenn sie meinen Brief gelesen haben.
Bei den Staufern war ich stehen geblieben. Ihnen dienten wir, denn sie riefen das goldene Zeitalter aus und wollten das goldenes Reich bauen. Wir waren ihre dienenden Hände. Und als die Staufer in die Vergangenheit entschwanden, da wurden wir zu Händen der Vergangenheit. Ihren Anspruch auf den Thron unterstützten wir mit unseren Händen und dem eigenen Blut, weil Friedrich Treue durch Treue vergolten hatte und reichen Lohn. Als die Staufer aber von französischen d'Anjou-Emporkömmlingen vertrieben wurden, änderte sich alles. Man hat uns vergessen, stets nur vergessen in Neapel und daher halfen wir dem Peter von Aragon auf den Thron, weil er seinen gerechten Anspruch von den Staufern herleiten konnte und wir in ihm einen Verbündeten zu erkennen meinten. Zu Ostern 1282 im Jahre unseres Herrn erschlugen wir daher in Palermo alle Franzosen mit Schwertern, aber auch mit abgebrochenen Klumpen und Brocken von jenem Stein, der vom Himmel gestürzt war. Der Leutnant meines Sohnes sagt mir, man nenne solche Steine Meteoriten. Wir, die Hände der staufertreuen Vergangenheit, steinigten jedenfalls die Franzosen, weil wir immer noch an das goldene Reich glaubten. Auch später steinigten wir unsere Feinde, die Häscher der Fürsten, lügnerische Schreiber oder Maler, die falsch Zeugnis wider uns ablegten. Bis heute träumen in der Nacht, bevor ein Feind hingerichtet werden muss, unsere Männer, dass sie ihn steinigen - auch wenn man ihn dann tatsächlich abknallt.
Ich bin eine alte Frau, doch niemand soll mich für eine Schwätzerin halten. Ich weiß um die Anfänge der Mafia, vor allem, wie sie zu ihrem Namen kam. Sieben Jahre nach der Sizilianischen Vesper schrieb zu Montpellier ein Arzt und Gelehrter, der vorher lange Zeit auf Sizilien gelebt hatte und unsere Wesensart kannte ein Buch, in dem er, neben viel krausem Unfug und Verstiegenheiten die Vorgänge in Palermo zum Osterfest 1282 schilderte. Darin beschrieb er den Meteoritensturz über der Stadt, und wie wir mit dem Gestein zuschlugen. Ein schön gemaltes Bild zeigte, was geschah, und wurde durch einen einzigen Satz dem Unwissenden erklärt. Der Gelehrte nämlich schrieb unter das Bild die lateinischen Worte: „Manus Antiquitatis Faciunt Imperium Aureum“ und aus den Anfangsbuchstaben dieser Worte, die, wie ich mich vergewissert habe „Die Hände der Vergangenheit schaffen das goldene Reich“ heißen, bildeten unsere Vorfahren ihren Namen. Mafia! So kamen wir zum Namen und suchten einzulösen, was er uns auftrug, denn immer kommt zuerst der Gedanke, sei er im Kopf oder gebildet aufgeschrieben - zuerst kommt der Gedanke. Die Tat ist folgsam. So weiß ich nicht, was das Buch anderen Lesern auftrug, uns aber, den Händen der Vergangenheit, der Mafia, gebot es, über Sizilien zu herrschen, damit die Insel dermaleinst gleich einem Weizenkorn, das man der Erde anvertraut, zum Keim des goldenen Reiches werde. Damit ist es nun aus und vorbei, obwohl doch zu meinen Lebzeiten viel Hoffnungsträchtiges geschah und wir das Buch zurückerhielten. Der Leutnant meines Sohnes sagt mir, ich solle nun erzählen, wie das Buch uns abhanden kam. Nun denn, nie hat es meines Wissens mehr als eine Handvoll Abschriften gegeben. Und schon im Jahre 1342 unseres lieben Herrn wurde unsere Handschrift von einem römischen sogenannten Edelmann, Fluch über ihn, der in Diensten der damaligen Machthaber stand und das Steuerwesen Siziliens beaufsichtigte, einer Steuerschuld wegen weggepfändet, so dass wir seine Botschaft nur noch in unseren Herzen bewahrten, nicht länger auf dem Hausaltar neben der Familienbibel. So ging es viele
Jahrhunderte. Doch dann kam in meinen Tagen der große Krieg und mein lieber Schwager Marco Antonio Dellarda, der als Offizier den Amerikanern diente, erhielt Gelegenheit, uns die Handschrift zurück zu verschaffen. Sogleich verbrannten wir sie bis auf jenes bemalte Namens-Blatt der Mafia. Wir dachten nämlich, dass dies einzelne Blatt in niemandes Augen wertvoll sei - im Gegensatz zur ganzen, heilen, prachtvollen Handschrift - und dass es somit auch nimmermehr weggenommen, gepfändet oder gestohlen würde. Worin wir irrten.

Kreidebleich starrte Rechenblatt auf den Bildschirm. Seine Fäuste ballten sich.

Wir täuschten uns, wie damals, als wir dem Aragon Hilfe anboten. Auch er nämlich vergaß unsere Dienste, vergalt sie mit Verfolgung statt Lohn, so dass wir fliehen mussten. In die Berge machten wir uns auf, in die Macchia, wo niemand uns je fand, oder flohen auf kleine, abgelegene Höfe, um dort ein kärgliches Dasein zu fristen. Und dennoch belohnten unsere Hände die Gerechten und straften die Bösen, die anmaßenden fremden Herren unserer Insel, ihre Knechte und alle, die für ihren Schandlohn tätig wurden. Oft schlugen unsere Hände zu, in Palermo und sonst wo und geschwind bargen wir uns an geheimen Orten, nachdem das Werk getan, der gute Freund belohnt, der böse Knecht gesteinigt oder die lügnerischen Maler tot waren. Doch nicht immer gelang der Rückzug. Fasste man uns, so wurden unsere Hände abgeschnitten. Wir traten mit Füßen. Auch sie hackte der Henker von unseren Beinen. Wir schrieen die Wahrheit heraus. Man schnitt uns die Zunge aus dem Schlund. Wir lauschten nachts, wenn am Feuer die Alten Wahrheit raunten. Man goss uns glühendes Blei in die Ohren. Danach behielten wir die Wahrheit still in unseren Köpfen.
Immer vergaß man uns, wo immer auch die Herren residierten, in Neapel, in Spanien, dann wieder in Neapel und bis zum heutigen Tag in Rom. Nur die Steuereintreiber vergaßen uns nie, auch unsere Gefolgschaft nicht, für die wir sorgten und, lange gärte die Wut. Schließlich mussten wir erkennen, dass einzig Macht den bösen fremden Mächten Einhalt gebieten würde: unsere Macht. Und so erwarben wir sie und wurden stark. Es war die Mafia, die reichen ausländischen Grundbesitzern neue Grenzpfähle steckte ...

... und die Landarbeiter bis aufs Blut ausbeutete! warf Carlo ein.

... wir jagten den Steuerpächtern ihr ungerechtes Gut ab ...

... und habt es für Euch behalten, flüsterte Monica.

... wir förderten Gerechtigkeit und Ordnung ...

... mit der Lupara! das kam von Petra, mit der abgesägten Schrotflinte, dem Wolfsgewehr, zerschießt ihr eurer Feinde Körper zu einer einzigen blutigen Wunde. Neuerdings auch mit leichten Maschinengewehren.

... wir kauften Grund und Boden, um landfremde Eindringlinge von ihm fernzuhalten ...

Rechenblatt war an der Reihe: ... und vor allem die einheimischen Tagelöhner hieltet Ihr von diesem Boden fern, nicht wahr?

... wir bauten Häuser in den Städten, um den Armen eine Bleibe zu geben ...

... und sie unter einstürzenden Massen schlechten Baumaterials zu begraben, nachdem ihr euren schändlichen Profit eingestrichen hattet!

... wir schützten die Geschäftsleute vor Verbrechern und staatlicher Willkür ...

... stecht ihre Autroreifen durch, schießt ihnen als Mahnung durch die Knie, oder zündet ihre Läden, Wohnungen und Büros an, wenn sie das Schutzgeld nicht bezahlen!

... und endlich waren wir es, die auf Sizilien gegen den Faschismus kämpften ...

Weil Mussolini Euch ans Leder ging und die extreme Linke Eure brutalen Praktiken nicht hätte durchgehen lassen. Jede Krähe hackt der anderen ein Auge aus.
 

+++++++++++

Dann röhrte Gianna Nannini Occhi Aperti. Das Personal tauschte lautstark Standpunkte, bis Carlo die Angestellten bat, ihre Diskussion doch lieber am jeweiligen Arbeitsplatz fortzusetzen. Man könne sehr schön beim Bettenmachen oder Gemüseputzen reden. Nur langsam leerte sich die Küche von allen, die anderswo zu tun hatten.
Kennt ihr die Legende, fragte Carlo nachdenklich. Dreifaches Kopfschütteln. Eine alte Volkssage in vielen Versionen. Sicher wisst ihr, dass die Bronzestatue Marc Aurels früher ganz vergoldet war, sie trägt ja heute noch Spuren einstigen Glanzes ... trug jedenfalls ...
Jaja, Rechenblatt nickte, fällt mir jetzt wieder ein.
Selbst wir Römer streiten um die richtige Version. Carlo ließ sich seine Geschichten auf der Zunge zergehen. Nichtmal wir können uns auf die richtige Lesart einigen. Entweder: Wenn der Kaiser und sein Pferd wieder ganz vergoldet sind, dann soll der jüngste Tag anbrechen. Oder: Wenn der Kaiser und so weiter, dann bricht ein neues goldenes Zeitalter an. Und wieder andere behaupten: Sobald der allerletzte Rest der Vergoldung verschwunden ist - und das ist ja nun zweifellos der Fall, geschieht eins von beiden. Wie auch immer, jedenfalls sieht der ganze Großmarkt rot.
Warum hast Du denn eben nichts gesagt, fragte Mo, wenn die Statue schon gesprengt war, als Du auf den Markt kamst?
Ach ja. Ihr habt den Anfang der Radiomeldung nicht mitgekriegt, fiel ihm ein. Nein! Die Bombe explodierte erst kurz vor Sechs. Als ich auf dem Markt war, wusste noch niemand davon, selbst die Zeitungen wurden ja ohne diese Nachricht ausgeliefert. Nein. Nein! Das zerstörte Standbild ist nur der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Überlegt doch mal: hunderttausend Tote auf Sizilien, dreiundvierzig Tote auf der Fähre, Quayles Unverschämtheiten, die Ereignisse vor der amerikanischen Botschaft, Dellardas Ermordung, die toten Carabinieri, die MAFIA. Einfach ... zu viel. Jeder, der einmal Schutzgeld bezahlt hat, fühlt sich schäbig und will vermeiden, den Kassierern wieder zu begegnen. Schau dir den aufkeimenden Mut an, die vielen Anzeigen aus der Bevölkerung, die freiwilligen Zeugenaussagen, die bloß gemacht wurden, weil die Leute glauben, dass es dem Staat nun endlich ernst ist. Alles gärt und brodelt. Ich weiß nicht, was dabei rauskommt. Hoffentlich nicht der Weltuntergang - auch wenn Marc Aurel wohl kaum zu reparieren ist.
Armer Kaiser Marcus Aurelius, ein Träumer, an der Pest gestorben. Scheint eine Berufskrankheit der Träumer zu sein, die Pest, man erinnere sich an Marian Guardinis Tod in Zara! Leid tat uns Marc Aurel, was hatte er nicht durchgemacht als Philosoph auf dem Kaiserthron! Gezwungen, sein Leben kriegerisch zu verbringen. Weit öfter als Vorgänger und Nachfolger hatte er die Toga gegen den Brustpanzer eingetauscht, um an die bedrängten Rhein- und Donaugrenzen zu preschen, gegen Marcomannen und Costobocen, Bastarner und Quaden. Viel wurde darüber berichtet. Über das Regenwunder im Quadenland beispielsweise gibt nicht nur Cassius Dio Auskunft, auch die Säule auf der Piazza Colonna kündet davon, vom langersehnten, kaum noch erhofften Regenguss, der das Schlachtenglück wendete, Hitze und Durst ein Ende setzte. Ein gnädiger Jupiter schickte ihn vom Himmel, endlich sich seiner Pflichten als Reichsgott besinnend, den Seinigen Beistand zu leisten. Auf einen Gott hoffen wir natürlich nicht, wenn wir Wunder brauchen. Macht aber nichts! Wir in der Behörde vergöttlichen die Kausalität.
Armer Marcus Aurelius. Auf der Piazza Colonna ragt seine Säule und trägt zur Namensgebung eines römischen Geschlechtes bei, das sich in der Anjouchronik vom antiken Kaiser herleitete, stilgerecht vermittels Adoption, handelte es sich doch bei Marcus Aurelius um einen Adoptivkaiser. Auf dem Kapitol tänzelte sein Reiterstandbild in unvergleichlicher Eleganz und nun haben Barbaren es in die Luft gesprengt. Was tat man ihm, (dem Standbild), nicht alles an! Im Mittelalter galt es als Statue des Constantin, der Rom, auf Grund der Wahl seiner Hauptstadt, die ihn zum Verewiger der Reichsteilung machte, wenig symphatisch ist. Vom Kreuz soll Constantin geträumt, unter diesem Zeichen gesiegt haben über seinen Rivalen Maxentius an der Milvischen Brücke. Nur weil man den Constantin zu erkennen glaubte, entging Marc Aurels Reiterstandbild frühchristlicher Kulturpolitik, die mit Hammer und Schmelzofen betrieben wurde. Nur fehlinterpretiert als Bildnis des ersten halbchristlichen Kaisers entging es der Zerstörung und durfte lange auf dem Lateransplatz stehen.
Armer Marcus Aurelius. Auch armer Maxentiusl Nicht etwa, weil er besiegt wurde, derlei kommt vor, bis heutzutage. Doch die Geschichte schonte in diesem Fall nicht einmal die Grablege seines innig geliebten Sohnes Romulus. Dort, im Torre di Romulo, verscharrten ein früher Hockenbrannt, ein Ahn des Rechenblatt, sowie Collegiumsmitglieder in närrischer Elfzahl die Aschenurne mit den sterblichen Überresten des letzten weströmischen Kaisers Romulus Erhabenchen, der Namensgleichheit wegen.
Namen, nichts als Namen! Jeder Rechenschaftsbericht wimmelt von ihnen, jedes Buch. Ich las einst eines, das endet mit den Worten: nomina nuda tenemus! Ich hörte auch von der These, epische Prosa - ihr rechne ich die Rechenschaftsberichte zu - müsse dem Telefonbuch einer Großstadt Konkurrenz machen.
Die Ahnherren und fackeltragenden Beamten gruben, während zu Byzanz des siegreichen Constantin Nachfolger Zenon lustig weiterregierte. Sagt Bucholtz. Die Namen und Regierungsdaten können wir überprüfen
- im Torre di Romulo nachzugraben haben wir bislang versäumt. Armer Marcus Aurelius. Unter richtigem Namen gelangte er erst aufs Kapitol, als in päpstlichem Auftrag und nach Entwürfen Michelangelos der Platz umgestaltet wurde. Seit 1538 oder 39 stand der Kaiser auf dem Hügel. Nun klafft um seine Trümmer eine Grube.

Beträchtlich waren die Verwüstungen: der geborstene Sockel des Standbilds lag umgestürzt in einem fast zwei Meter tiefen Krater und die Statue selbst war teils aufgerissen, so dass man ins hohle Innere dieses Sinnbilds imperialer Macht blicken konnte, teils fehlten ihr auch Gliedmaße. Des Kaisers richtungweisende Rechte war abgesprengt und hatte sich mit den Fingerspitzen senkrecht in die weiche Erde gebohrt. Wir sahens wohl, deuteten es aber an diesem Tag nicht richtig. Es fehlte der kaiserliche Kopf, das Haupt des Pferdes bleckte mit geplatzten Nüstern. Der linken Hinterhand war das edle ROs verlustig gegangen. Auch saß verbeult und deplaziert der Pferdearsch im Dreck.
Wir drangen nur bis zu den äußeren Randplatten des Ovaloids vor, das, nach Buonarrotis Plänen ins Pflaster eingelassen, nunmehr seines Mittelpunktes beraubt war. Dann stießen wir auf mobile Stahlbarrieren, wie sie bei allen Großveranstaltungen Verwendung finden. Photographen und Schaulustige traten sich draußen auf die Füße. Drinnen sprang Polizei hin und her und hinderte Neugierige, über die Gitter zu klettern.
Beschränkter Raum zwischen Barrieren, den drei rahmenden Palastfronten und der Rampe an der offenen Seite des Platzes. Die Rückseiten der Dioskuren am oberen Rampenende, die Hinterteile ihrer kaum gebändigten Rosse starrten geschwärzt von Erde, die dort kleben geblieben war, große Marmorstücke fehlten, bei der Explosion durch umhersausendes Gestein abgesplittert. Schwer hatte es die Fassaden von Senatspalast, Konservatorenpalast und Kapitolspalast erwischt: beschmutzte Wände, von Rissen durchzogen, als wären Granaten eingeschlagen, alle Fensterscheiben in Scherben, bis auf die eine Scheibe, die obligatorische Fensterscheibe, die bei jedem Unglück heil bleibt: diesmal im Kapitolspalast. Zerbrochen auch das Glas der schönen gusseisernen Laternen, einige Laternenpfähle umgebogen durch die Gewalt der Explosion, nach außen geknickt, so dass eiserne Finger auf die oberen Stockwerke der drei Palazzi wiesen. Hinter der Barriere Spezialisten am Werk. Kunsthistoriker photographierten und vermaßen Einzelteile des Opfers, betrieben Leichenschau eines vergangenen Imperiums. Kleinere Metallstücke kamen in nummerierte Plastikbeutel und man bückte sich auch für Gesteinsbrocken, die einmal zum Sockel gehört hatten. Sprengmeister schüttelten ungläubig die Köpfe: wo waren die Ladungen angebracht gewesen? In diesem tiefen Krater aussichtslos beschäftigte die Spurensicherung sich damit, Hinweise auf mögliche Täter zu finden.
Da sind Berg und Grube, flüsterte Monica.
Bloß, dass die Grube leer ist! In Rechenblatts Augen standen Tränen der Wut. Bei unserem ersten Rombesuch hatten wir uns vor dem Standbild photographieren lassen, Arm in Arm, von einem hilfreichen Passanten, den der Eifer junger Leute gerührt haben mag. Damals war unsere Freundschaft schon nicht mehr taufrisch, jedoch noch unbekümmert. Nun kriselte es, als führten wir eine Ehe im verflixten siebenten Jahr. Er verschwand kurz in der Menge und kam mit Kamera und einem geldzählenden Touristen zurück.
Ich hab ihm den ganzen Film abgekauft, war alles, was er sagte. Weil Schaulustige im Weg standen, mussten wir die Rampe fast zur Hälfte hinuntersteigen, ehe wir die Kamera des Amerikaners benutzen konnten. Alles, was man später auf den Photos sah - Stephan und mich einmal ausgenommen - waren verkeilte menschliche Rückenansichten. Und natürlich die Dioskuren, die Zwillinge Castor und Pollux, die sich in Rom nicht als Helfer in Seenot großer Verehrung erfreuten, sondern weil sie in der Schlacht am See Regillus 499 acn tatkräftig Waffenhilfe gegen die Latiner geleistet und anschließend die Siegesbotschaft selbst nach Rom gebracht hatten, das göttliche Zwillingspaar auf wilden Rossen. Den versackten Marc Aurel zeigte kein Photo der Sofortbildkamera, dafür die ungewohnte, unverstellt unmittelbare Ansicht der Doppeltreppe des Senatspalastes. Monica schoss den halben Film aus wechselnden Perspektiven leer. Dann lichtete Rechenblatt sie und mich ab. Dann baten wir den älteren amerikanischen Geschäftsmann um eine Aufnahme von uns allen dreien. Und schließlich seufzte Rechenblatt noch:
Der Vollständigkeit halber! er drückte mir die Kamera in die Hand und ließ sich an Monicas Seite photographieren. Akt der Versöhnung? Unterdessen wunderte sich der Amerikaner über Stephans Großzügigkeit; 50.000 Lire hatte der ihm in die Hand gedrückt für Film und Kamerabenutzung.

Als wir ihm die Kamera aushändigen, legt er sofort einen neuen Film ein und geht auf Suche nach mehr Verrückten, findet jedoch niemand, was ihn veranlasst, als Marktschreier mit breitem Maul sein Angebot auszuposaunen, in einem Italienisch, dem man amerikanischen Akzent noch in Timbuktu abgelauscht hätte. Zwangsläufig kommt er so in Schwierigkeiten, wir tragen  nichts dazu bei, EH.
Eine Gruppe einheimischer Punker macht sich an ihn heran, beschimpft ihn, pöbelt, rempelt, vereinigt endlich ihre Stimmen zu lautstark skandiertem: amigohomeamigohomeamigoho ... ! Zuerst versucht der Unvorsichtige, ihren Kreis zu durchbrechen, doch dem Sinn der Parole zum Trotz wollen die Punks ihn in ihrer Mitte behalten. Zunehmend furchtsam bittet der Mann Umstehende um Hilfe, doch die sind allesamt auf Amerikaner nicht gut zu sprechen. Achselzuckend wenden sie sich ab, gehen fort, vorbei, oder bleiben gar stehen, um ins Gebrüll der Punker einzufallen. Die Polizisten an der Barriere betrachten angelegentlich den zerbrochenen Kaiser oder suchen im Himmel nach Vögeln. Klar, dass sie nicht eingreifen werden, solange niemand handgreiflich wird.
Unschlüssig treten wir von einem Bein aufs andere und beobachten die Entwicklung. Wir können den Amerikaner nicht gut allein lassen, immerhin haben erst wir ihn auf seine fatale Geschäftsidee gebracht. Aber nach einer Prügelei mit Punkern und brav empörten Bürgern steht uns auch nicht der Sinn. Als der Mann seinen Kopf zwischen die Schultern zieht und wirkt, als wolle er jeden Moment in Tränen ausbrechen, mögen wir das Schauspiel nicht länger mit ansehen. Mit Ellenbogen bahnen wir uns den Weg durch den Kreis der Neugierigen und Schreihälse bis zu den Punks und richten uns auf eine heftige Auseinandersetzung ein.
Lasst mich zuerst, flüstert Mo und hindert uns, einen der Peiniger einfach beiseite zu zerren.
Die Punks haben unser Näherkommen nicht entdeckt, sie brüllen ja ins Innere des Kreises, so dass das Mädchen, nach dessen Arm Monica greift, in Panik herumfährt, die blanke Bullenangst im Auge. Glutlos hängt ihr eine Filterzigarette auf locker im Mundwinkel. Beim Keifen ist der Stengel offensichtlich nicht im Weg. Ihr kurzgestutztes, dennoch zotteliges Haar ist an den Spitzen blond gefärbt, was den Eindruck einer Tonsur erweckt, denn kreisrund und natürlich ist die Kopfmitte in schimmerndem Blauschwarz behaart, unmöglich, so zu färben. Schwarze Schminke verlängert die Augenwinkel der jungen Frau bis zum Haaransatz, eine leibhaftige Dämonin der Gosse, so soll‘s wohl aussehen. Als sie den Kopf schüttelt, klirrt leis das Kettengehänge, mit großen, stumpfen Sicherheitsnadeln links, im gewichtig herabgezogenen Ohrläppchen und der Wange, dicht überm Kinn im Fleisch verankert. Erleichtert schreit sie auf, weil Mo kein Bulle ist:
Hey, schaut mal her, wer hier kommt, mann, ist die Alte cool, was willstn du? Sofort geben die Kumpane ihr Gebrüll auf und sammeln sich beschützerisch um sie, unser gewaltfrei erretteter Ami taucht in der Menge unter.
Sag schon! mischt sich ein großer, hahnenkammbehaarter Jüngling ein, spielt sich als Chef der Gruppe auf.
Auch hier also Hierarchien, nur oberflächlich funkelt Anarchie, ist bloß Getue, selbst bei den Gegnern aller Ordnung gibt es Hackordnung. Dem Jungen schwillt sein Kamm in Grün und Lila, als er die Frage wiederholt, aber Monica lässt sich nicht kommandieren und wartet ab, bis der Amerikaner vollends verschwunden ist. Die Neugierigen blicken wieder zum Ovaloid, verflüchtigt hat sich auch die Aussicht auf eine lustige Schlägerei, nun ist der Krater doch interessanter als die Halbstarken.
Einladen wollen wir Euch, sagt Mo, sobald der Mann in Sicherheit ist. was haltet Ihr von einem Mittagessen mit soviel Wein, wie Ihr fassen könnt?  Zustimmendes Gemurmel erhebt sich, doch der Chef setzt ein Ende:
Un was solln wir dafür für euch tun? für dich un deinebeiden typen? wer seidn ihr überhaupt?
Nix und niemand, sagt Monica. Die Antwort frappiert unsere Gäste, lässt sie mit geweiteten Augen glotzen, wie samstags die Bocca. Sogar die weiße Laborratte, die sich bislang in der Brusttasche des lederbejackten Chefs verborgen hat, krabbelt raus und wittert.
Ruhig, Zorro! sagt der Chef und kitzelt ihre empfindsamen Schnurrhaare, also noch mal ... fährt er fort ... ihr wollt nix ...
Und wir sind Niemand, assistiert Rechenblatt.
Da schau her, erläutert der Chef seiner Garde. Die können alle reden. Ne geile Alte mit zwei Mackern.
Und dies DEM stellvertretenden Sternenputzer. Ich musste sehr tief durchatmen, um eine scharfe Entgegnung zu unterdrücken und dabei spannte mein Hemd über Brust und Ring.
Was hastn da aufm Bauch hängen? fragte das Mädchen und fingerte schon an meinen Hemdknöpfen, zeigdochmal her!
Jetzt zappeln wir in eigener Falle. Meinen Amtsring kriegt sie nicht in die schmutzige Pfote und müsste ich, dies zu verhindern, jeden einzelnen dieser bunten Schädel eigenhändig spalten. Rechenblatt räuspert sich laut. Aus seiner Sakkotasche höre ich es klimpern und weiß, dass er den schweren Schlüsselbund in der Faust hält. Nur keine Panik, notfalls sind auch die Polizisten noch da, die nun, weil die Punks ihre patriotische Anwandlung vergessen zu haben scheinen, wieder aufmerksam die Umgebung und auch unser Gruppenbild beäugen. Ich schiebe die dreckigen Fingernägel des Mädchens fort und knöpfe mein Hemd wieder zu.
Mensch zeigdochmal, verlangt der Chef.
Vorsichtig ziehe ich das Kettchen über den Kopf, wickle mir seine lange Reihe winziger Titaniumglieder um die Faust, klemme den Ring zwischen Mittel- und Zeigefinger fest und fange einen Sonnenblitz in Grün.
Geeiiil, schreit das Mädchen, Nring. bist dun homo, dasde dich nich traust und den schmuck offen trägst?
Monica reagiert prompt: sie bricht in derart ordinäres Gelächter aus, dass jede Antwort sich erübrigt.
Mensch dassis jan dolles Ding, meint der Chef und streckt seine Hand nach meinem Siegel aus. Ich schwenke meine ringbewehrte Faust unter seiner Nase und passe mich dem Jargon an:
Fass ihn an und es gibt auf die Fresse, warne ich und wirke dabei offenbar glaubwürdig, denn hastig hebt er beide Hände zur Kapitulation und macht einen Rückzieher.
Is ja gut mann is ja gut wir kotzen indi brunnen unpissen aufm Vittoriano aber klaun tun wir drum lang nochnich unden blechheini hier oben ham wir auch nich umgelegt, das mal eindeutig nalosdoch, steck den klunker schon wieder unters hemd.
Was isn jetz? Immer noch futter angesagt, meldet sich ein schmächtiges Bürschlein zu Wort, näselnd, kein Wunder: vermutlich erst seit kurzem trägt er einen Ring, allerdings ohne Siegel, durch die Nase, die um die Durchstiche wund geschwollen glänzt.

Meist wacht ein Polizist auf der Piazza Venezia vor der protzigen Kulisse der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und müht sich ab, großstädtische Verkehrsströme zu lenken. Heute jedoch steht sein Holzpodest verlassen da, denn er lehnt an einer Mauerecke im Cafe, hält seinen Arbeitsplatz espressoschlürfend im Auge, mit dem entrückten Gesichtsausdruck des heiligen Franz, der den Tieren predigt, übersieht er alle Verkehrssünder. Uns widmet er gelangweilte Blicke, als der Kellner den Punks den Eintritt verwehrt. In ein Restaurant wollten sie sich gar nicht erst mitnehmen lassen.
Kommen wir ja doch nich rein, prophezeite das Mädchen, unauf den spießerfraß ham wir eh kein bock.
Also entschieden wir uns fürs Cafe, weil hier die Tramezzini erfahrungsgemäß frisch und anständig belegt sind. Nachdem ein größerer Schein den Kellner davon überzeugt hat, dass wir keine Randale beabsichtigen, rollen tablettweise belegte Weißbrotdreiecke an, die teils sofort verschlungen werden, zum anderen Teil jedoch unverpackt in Taschen wandern. Nicht jeden Tag fällt Manna vom Himmel und das Prinzip der Vorratshaltung scheint - spießig oder nicht - auch Punkerhirnen einzuleuchten. Eigenartige junge Leute: während in England und den Staaten die Punkwelle verebbt oder mittlerweile so kommerzialisiert ist, dass Mister Manager sich bereitwillig mit den modischen Marotten seiner Sprösslinge abfindet, scheint in Italien eine Spätzündung erfolgt zu sein. Piercings wie bei unseren Gästen sieht man sonst kaum noch.
Der Appetit im Schwinden begriffen. Das Fassungsvermögen stößt an Grenzen. Der Wein, mit dem sie bisher nur nachspülten wird Hauptsache. Fünf Minuten haben sie gebraucht, um die Platte zu putzen. Nach noch mal fünf Minuten und einer Zwischenrechnung, die uns der immer noch misstrauische Kellner präsentiert, ist auch der zweite Liter Wein geschluckt, nach einer weiteren Viertelstunde der dritte. Sie lassen zu sechst Karaffen kreisen. Wir drei trinken immerhin noch aus Gläsern, Spießer halt.  Das heißt, dass gut und gern ein halber Liter Wein pro Punkerhirn in einer knappen halben Stunde unsere Gäste auf Touren bringt. Forsche Bemerkungen fliegen über Tische, werden von Gästen geflissentlich überhört. Die Leute weichen aus, rasch leeren sich die Tische im Freien unter der Markise. Eine leere Karaffe kollert über  unsere Tischkante und zerschellt auf dem Gehweg. Auch dahinter eigentlich kein böser Wille. Höflich lümmelt sich der entweder gütige oder stinkfaule Polizist heran und bittet die Punks, doch auf die restlichen Gäste Rücksicht zu nehmen. Uns Gastgeber mustert der Beamte, als kämen wir von weitentfernten Planeten, stellten grüne Haut zur Schau und trügen statt der Ohren Fühler an den Schläfen.
Wir möchten viel lieber mit unserer Hilflosigkeit alleingelassen werden und hoffen, dass die Gespeisten und Getränkten, friedlich gestimmt, kein Interesse mehr an uns zeigen. Deshalb bezahlen wir die Rechnung und gehen.
Irrtum: sie schließen sich uns an. Wir ignorieren sie. Sie mischen sich in unsere Wortwechsel. In gebildeten Andeutungen ergehen wir uns, um sie anzuöden, abzuschrecken. Sie nehmen große Schlucke Wein, beißen in eins der Vorratstramezzini und bitten um genauere Erläuterung. Es wird lästig.
Under blechheini war mal kaiser, fragt  Sabina, das einzige Mädchen der Gruppe.
Mich wundert, dass sie, rechtshändig die mitgenommene Weinflasche balancierend, immer noch aufrecht geht, so klein und zierlich ist sie, so fürchterlich besoffen. Mag sein, die linkshängende Kette hält ihr Gleichgewicht im Lot. Ohne große Hoffnung auf auch nur rudimentäres Verständnis erzähle ich die Legenden von der Vergoldung Marc Aurels. Sie hören zu und labern nicht dazwischen. Aus Randbemerkungen schließen wir, dass Marc Aurels Standbild seit einigen Wochen ihr Treffpunkt war. Weil Polizisten sie von dort vertreiben wollten, liegt der Platz ihnen nun ganz besonders am Herzen.
Under goldige blechheini soll also die große kugel stilllegen so dasse nichmehr rollt? Dann isdasja echt beschissen dasdi Spinner da rumgesprengt haben, ne echte sauerei. Na Machtnix, meint der Schmächtige mit Nasenring, während die ändern fünf aufgeregt gestikulieren und sich dies oder jenes nicht länger bieten lassen wollen, bei unsim kopf is jeden tag Weltuntergang.
Am Tiberufer, an der Brüstung bleiben sie heftig diskutierend stehen.

Wir liefen weiter, froh, sie los zu sein. Dann wandten wir uns auf der Ponte Fabricio doch noch mal um und winkten Wiedersehen, aber sie nickten nur. Der Chef hatte einen Lederbecher und ein paar Würfel aus den Tiefen seiner Taschen gezaubert, thunfisch-mit-mayonnaise-beschmiert und vermutlich voll Rattenhaar. Jetzt zockten sie.
Los! hörten wir, das wolln wir jetz wissen, ja oder nein. Spielten um eine Entscheidung, die uns egal sein konnte. Ohne lohnenden Einsatz fielen die Würfel in den Kreis. Sie knieten in der Mittagshitze.

Und wir schleppten uns weiter über die Tiberinsel. Samstags hatten wir unter ihrer Verkleidung ein Lazarettschiff vermutet, das sich vom Meer der Geschichte auf den Tiber gerettet hatte. Auch heute wurde uns nicht klar, dass dieser Fluss keineswegs Tiber hieß, vielmehr eine gewisse Anzahl Menschen  soeben ihren persönlichen Rubicon überschritten hatte. Nur, dass am anderen Ufer klackernd Würfel fielen, meinten wir noch lange zu hören, doch war dies selbstverständlich Einbildung: das deja-vu des Spielers.

Noch einmal morgendliche Nachrichten, datiert auf Montag. Des Abends käuten wir die Frühstücksneuigkeiten wieder.

PRÄSIDENT QUAYLES INAUGURATION AUF MORGEN VERLEGT * ROMANOW VERSCHWUNDEN * WILDE ERNTESTREIKS BREITEN SICH AUS * REFORMER WARNEN: SCHON DREIZEHN PROZENT DER ERNTE DURCH STREIKS VERLOREN * KUMPEL IN BODAIBO PLÜNDERN GOLDVORRÄTE * KUMPEL BESCHLAGNAHMEN BODAIBO-GOLD UND STELLEN ES LAUT TASS DEN AUTONOMIEBEWEGUNGEN EINZELNER SOWJETREPUBLIKEN ZUR VERFÜGUNG * MILIZ SCHRITT EIN * GOLD IN KASERNE UMGELAGERT * SCHREIBT ROMANOW WIEDER EIN BUCH? * MINISTERPRÄSIDENT DELLA GLORIA STELLT NEUES KABINETT VOR * MINISTER DES ÄUSSEREN: ANDREA EGERIO (KOMMUNISTEN), MINISTER DES INNEREN: BRIGADEGENERAL SCORZI (SOZIALDEMOKRATEN), VERTEIDIGUNGSMINISTER: STEFANO CERADINI (REPUBLIKANER) ,
FINANZMINISTERIN: MARIA TALAMONE (SOZIALISTEN), WIRTSCHAFTSMINISTER: ODDONE FORLANE (LIBERALE), MINISTER FÜR SIZILIANISCHE ANGELEGENHEITEN; VINCENZO SAITE (RADIKALE) * TRAGFÄHIGE KRISENKOALTTION * KOALITION DER NATIONALEN ERNEUERUNG * KEINE SPALTUNG DER DC * DELLA GLORIA SETZT SICH DURCH * EX-INNENMINISTER BARDOLO TRITT AUS DC AUS * BRAUCHT ITALIEN DIE NATO? * COUSINS GIBBALDE WERDEN NICHT AUSGELIEFERT * US-PRÄSIDENT MISSBILLIGT ANTIAMERIKANISCHE WELLE IN ITALIEN * AUSBRUCHSVERSUCH DER GIBBALDES AUS US-BOTSCHAFT DURCH MARINESOLDATEN DES WACHPERSONALS VEREITELT * CARABINIERI UND MARINES BEDROHEN EINANDER MIT ENTSICHERTEN WAFFEN * DIE WAFFEN IM ANSCHLAG: SIND DAS UNSERE VERBÜNDETEN? * VERTEIDIGUNGSMINISTER CERADINI SCHIIESST ITALIENISCHE BETEILIGUNG AN INTEGRIERTEM NATO-MITTELMEER-MANÖVER AUS * EXKOMMUNIKATION FÜR KARDINAL GIBBALDE * HEILIGER VATER BEWEIST ENTSCHIEDENHEIT * KARDINAL SALAMBWE RÄUMT AUF: ENTLASSUNGEN IN VATIKANBANK

Der Rest schilderte Siziliens verzweifelte Lage, nähere Umstände von Dellardas Ermordung, neue MAFIA-Festnahmen, das Übliche also.
 

++++

Sie ließ sich nicht zur Entgegnung herab, meinte nur: Also Cheri, ich höre ... ?
Kurz angebunden, wie ich sie als Managerin der Circe-Investment hatte telefonieren hören. Dabei drehte sie, mittlerweile routiniert, Zigaretten.
Nach der Katastrophe lernten wir das Zuschauen, erklärte ich. Hatten das Nachsehen. Atlantis war ein Fall für Meeresarchäologen. Wir mussten neu anfangen. Auf dem Kontinent unserer Herrschaft hatten wir nach dem Fünfhundertjährigen Krieg jeden Waffenbesitz unter Strafe gestellt. In Europa erlebten wir nun wieder, dass nur waffenstarke Kulturen sich schützen und entwickeln konnten. Als auf Atlantis der Entwicklungsschub einsetzte, hatte der Kontinent seinen Einigungskrieg schon hinter sich. Hier aber konnte von Einigung noch lange keine Rede sein, Kriege und kulturelle Entwicklungsschübe wechselten sich ab, ja bedingten einander, man denke an Heraklits Wort vom Krieg als dem Vater aller Dinge. Das kriegsmüde, sterbensmüde Atlantis hatten wir friedlich geeint. Wie aber sollten wir nun mit den Staaten der fremden Welt verfahren? Natürlich hätten wir sie alle zum Gehorsam zwingen können, zumindest für kurze Zeit. Wer weiß, wie dann Europa und die Welt heute aussähen? Schlechte oder gar nicht so üble Kopien von Atlantis? Vielleicht wären wir auch klug genug gewesen, atlantische und einheimische Elemente zu verschmelzen, keine Ahnung Mo. Wie wäre es beispielsweise weiter gegangen, wenn die Behörde den Befehl „Nie wieder Herrschaft!“ schlicht in den Wind geschossen hätte, als die letzte Fehlleistung eines gescheiterten alten Mannes? Tausend Optionen beim ersten Schritt. Tausend mal tausend beim zweiten. Tatsächlich setzten wir später auf Rom, bauten auf Universalität und Zentralisierung, planten Europa als Zentrum der Welt, DIE Stadt als Zentrum Europas, wo wir alle Länder und Völker und Hautfarben und Kulturen und Meinungen und Religionen und und und - allen gemeinsam wollten wir ein Forum anbieten, einen Markt, auf dem miteinander ge- und verhandelt oder einfach palavert werden konnte. Die Foren bröseln heute noch. Nur Marktbesucher bleiben aus, wollten sich nie in ausreichender Anzahl und gewünschter Zusammensetzung einfinden. Unser Pech, Monica. Dass wir auf Zentralisation setzten, alle miteinander, später auch die Afrikaner, Asiaten und Amerikaner im Collegium, beileibe nicht nur Europäer. Denn mit dem Wegsterben der letzten Beamten, die noch als Menschen von Atlantis geboren waren, suchten wir auf der ganzen Welt Nachwuchs. Insgeheim bereisten Behördenboten die Kontinente, um Menschen zu sammeln, die sich für die Arbeit in der Behörde eigneten ...
Männer, warf Mo ein. Nicht Menschen.
Aber immerhin Männer von überall, nicht nur weiße Europäer. Der Nachwuchs ging den Sternenputzern aus. Sie kooptierten, wie das Politbüro zu Moskau. Nur pflegen wir dies Verfahren seit beinahe dreidreiviertel tausend Jahren, wohingegen Marxens und Lenins Missgeburten nicht einmal ein Jahrhundert durchgehalten haben.
Sage mir, mit wem Du Dich vergleichst, meinte sie, und ich sage Dir, wer Du bist.
Die Moskauer Greise träumten einmal, so wie wir. Das verbindet. Gleich uns stecken sie in der Krise. Sie träumten von sozialer Gerechtigkeit, wir vom Frieden. Scheitern verbindet. Lediglich die Methoden trennen uns. Sie wollten sich mit Gewalt durchsetzen und retouchieren noch heutzutage ihr historisches Versagen mit brutalster Gewalt. Siehe Platz des himmlischen Friedens. Mit dem Brei zerquetschter Menschen kleistern sie Versagen zu. Wir aber wandten nach dem Untergang nie mehr Gewalt an, machten keinen Gebrauch von unserer zeitweiligen Allmacht, selbst dann nicht, als unser Scheitern offensichtlich wurde. Wir verlegten uns aufs Nachhinein, als unübersehbar zutage trat, dass Gegenwart wie Zukunft uns entglitten. Wir verloren unseren Einfluss, die Möglichkeiten, sanft zu steuern, wenn schon nicht zu befehlen, wir fanden kein Gehör mehr bei den Mächtigen, schließlich entglitt uns sogar die geistesgeschichtliche Entwicklung. Wir verkümmerten, versteinerten zum unansehnlichen Fossil. Endlich gaben wir uns damit zufrieden, nur noch zu träumen. Als Europa, in völliger Pervertierung des ursprünglichen Plans, die ganze Welt unterjocht hatte, als es mit überlegener Waffentechnik ältere, gleichrangige, ja höher entwickelte Kulturen zerstörte, um sich zu bereichern, nur immer weiter zu bereichern, zogen wir uns zurück, agierten nicht länger, reagierten nicht einmal mehr, beschränkten uns darauf, zu träumen: den Quantensprung im hinterletzten Atom des Gehirnes eines beliebigen Machthabers. Wäre das Quant nicht gehüpft - hätte Europa dann die ihm zugedachte Aufgabe erfüllt? Ein Regenguss vor historischer Schlacht. Wäre das Wasser etwas früher oder heftiger aus dem Himmel gefallen, hätte es das Schlachtenglück zugunsten dieser Partei oder der anderen gelenkt: wäre dieser Sieg sinnvoller gewesen? Hätte er langen Frieden gefruchtet? Europa geeint? Die kaum frühere Geburt, der nur unwesentlich spätere Tod eines bedeutenden Herrschers - wäre verlängerte Lebensspanne sachdienlich gewesen? So träumten wir. Wir spielten nicht mehr mit, karteten nur noch nach, was bekanntlich nicht gilt.

Am nächsten Morgen Schwarz auf Weiß veröffentlichte Scheußlichkeiten.
Elende Chromkrücke, schimpfte Rechenblatt, als Carlo mit dem neuen Servierwagen zum Frühstückstisch gefahren kam. Hört Euch nur an, wie diese Räder nicht mal quietschen!
Mo hatte schlecht geträumt. Ins Anjou-Rom des achtzehnten Jahrhunderts hatte ihr Alptraum sie versetzt und dann hatte Fürst Colonna alle Bordelle der Heiligen Stadt verstaatlicht.
Nur Saubermannvisionen, stöhnte sie.
Gewäsch. Rechenblatt bestellte einen caffè corretto. Zum Frühstück. Und gleich anschließend noch eine Grappa. Er kippte den Schnaps. Missbilligend musterte uns die Lehrerin vom Nebentisch über den Lesezeichen ihres Proustbandes hinweg. Carlo brachte vorsorglich die ganze Flasche. Das war zuviel für die Frau: vernehmlich hüstelnd klappte sie das Buch zu, knüllte die Serviette auf den Tisch, rauschte hinaus, lächerlich hoheitsvoll, wie die erfolgreiche Odette, nachdem sie Swann geheiratet hat.
Nichts da - in Lindenblütentee gestippte Madeleines, rief Rechenblatt ihr nach. Combray träumt man sich auch mit Schnaps und Schwarzbrot.
Was ist, fragte Monica. Gerade füllte Rechenblatt sein Glas zum drittenmal. Wenn Du Dich eh hier besäufst, können Dein Chef und ich doch wohl losziehen und weitersuchen?
Bitte, bitte, beschäftigt Euch nur, murmelte er.
Wir durften uns nicht vollends gehen lassen. Daher, EH spielte ich jetzt wirklich den Chef und nestelte nach meinem Ring unter dem Hemd. Dort verursachte zusammen mit dem Schweiß und der erfolglosen Hektik eine nie gekannte Metallallergie seit zwei Tagen Juckreiz.
Wir können nicht erwarten, Lösungen gerade dann zu finden, wenn wir zufällig mal nüchtern sind. Hör also mit dem Saufen auf, Rechenblatt, sonst schick ich Dich zum Behördensitz.
Sofort war Rechenblatt bemüht, die Sache ins Komische zu ziehen:
Beeindruckend! Ihr seid wirklich beeindruckend, Erhabener, er zwinkerte Monica zu. Glaubst Du, er meint es ernst?
Du kennst ihn länger, sagte sie.
Na gut, sagte Rechenblatt. Vielleicht versöhnte ihn das Eingeständnis älterer Rechte? Na gut. Suchen wir also weiter. Vorwärts! Kommt!
Wir folgten ihm und falteten nicht mal die Morgenzeitungen zusammen, wollten keine mitnehmen, wollten keine auslesen: nichts Neues stand darin, nur alte Plagen aus der Büchse -, aus des Druckers Farbtopf.

Reger Verkehr auf der Via Nazionale vor unserem Palast kaiserlicher Statthalter. Viel zu viel Gas geben die letzten Berufstätigen, um nicht zu spät zu kommen. Mit Einkaufsbeuteln, leer oder warenprall hasten Hausfrauen, auffällig viele tragen folienverschweißte Klopapierrollen unterm Arm. Es mögen Nachrichten aus Sizilien an die längst fällige Besorgung erinnert haben. Wir schlendern zum Forum. Haben Zeit im Überfluss. Vielleicht kommt uns am Lapis Niger die Erleuchtung.
Rechenblatt, der seit dem Aufbruch wieder zweidrei Schritt hinter uns her zockelt, legt unvermittelt Mo und mir die Hände auf die Schultern. Erschreckt zucken wir zusammen und halten an der Ecke, vor der Privatkapelle der Statthalter, bevor wir in die Via Napoli einbiegen. Von hier aus können wir noch den Hoteleingang sehen, was Folgen zeitigt.
Sorry, sagt der Rechenblatt. Tut mir leid, aber ich hab die Bucholtzpapiere offen auf meinem Tisch im Zimmer liegen. Nichts für ungut. Ich beeile mich. Und weg ist er.
Keine hundert Meter, denken wir, macht nichts, außerdem rennt er, kann höchstens fünf Minuten dauern, denken wir, dann hören wir Rechenblatt schreien. Vor dem Eingang des Mietshauses, in dessen erstem Stock die PENSIONE CUCINA VERA uns beherbergt, etwa in der Mitte der Kutschenauffahrt des Statthalterpalazzo, steht Rechenblatt und wedelt mit beiden Armen, wie der Lakai, der eilig die Kutscher von der blendend weiß gekieselten Auffahrt um die Ecke zu den Marställen dirigiert, wo die Pferde zu saufen und Futtersäcke umgehängt bekommen, wedelt der Rechenblatt also ausholend mit den Armen und wird beinahe vom Bus erfasst, der auf seiner Sonderspur vorbeirauscht, hält, zu Tode erschreckt inne, und verschwindet im Eingang, als er merkt, dass wir begriffen haben. In der Pension hat sich die gesamte Belegschaft, einschließlich Carlos, um den Radioapparat in der Küche versammelt. Nur Petra fehlt. Rechenblatt lehnt keuchend an der Spülmaschine und hört zu ...

... sich die Frage, wie dies geschehen konnte. Ein solcher Akt der Barbarei, mitten in Rom, auf dem Kapitol, ein Sprengstoffanschlag auf ein Kulturdenkmal, das der gesamten Menschheit gehört, wirft aber nicht in erster Linie die Frage nach den Urhebern des Terrors auf. Sie dürfen wir getrost in Kreisen der Mafia vermuten, die offenbar im Sprengstoffterror ihren letzten Ausweg sieht. Vielmehr ist nach den Grenzen unserer eigenen Duldsamkeit zu fragen. Diese schmutzige, gemeine, überdies völlig sinnlose Tat, die ein Standbild traf, an dem die Herzen von Menschen aus aller Welt hingen, verdient unser aller Verachtung. Dieser feige Akt des Terrors, dem, Gott sei Dank, kein Leben zum Opfer fiel, bedeutet dennoch eine weitere Steigerung jener Rohheit und Brutalität, die wir aus den Meldungen der letzten Tage nur allzu gut kennen.
Wir sind nicht länger gewillt, dies alles hinzunehmen, Wir fordern die Sicherheitskräfte auf, alle Schuldigen ihrer verdientermaßen harten Strafe zuzuführen.
Rom hat schon mehr erlebt als dies - und mehr erlitten. Der Marc Aurel vom Kapitol ist nicht der erste Kunstschatz Roms, der von Barbarenhand vernichtet wurde. Auch durchleidet das italienische Volk in den letzten Tagen weitaus schlimmeres als diesen Anschlag, man denke nur an unsere bedrängten Landsleute auf Sizilien. Es ist zuviel, was auf uns einstürmt von allen Seiten. Wir sind nicht länger bereit, dies zu ertragen. Wenn also die Zerstörung des Standbildes auf dem Kapitol ein Gutes haben soll - und ich weiß, wie makaber dies klingt - dann mag es folgendes sein: Die Zerstörung dieses nationalen, ja gesamteuropäischen Symbols könnte wach rütteln, könnte sich als Paukenschlag, als der Fanfarenstoß zu Beginn einer neuen Epoche erweisen, einer Zeit, in der die Italiener sich erheben gegen ihre wahren Feinde und falschen Freunde, auch solche jenseits des Atlantik. Unsere wahren Freunde aber sollten wissen: Dies ist nicht nur die Stunde der Prüfung für Italien, nein, die Ereignisse stellen die europäische Partnerschaft auf die Probe. Von Stund an sollten wir uns gemeinsam zur Wehr setzen, gegen Terroristen wie jene, die die Statue des Marcus Aurelius sprengten,  wie auch gegen die arroganten Hegemonialmächte. Die Zeit der Duldsamkeit ist nun vorbei. Mögen die Schuldigen sich hüten!


+++

Jedenfalls missriet die anfangs noch sachliche Fragestellung zum Politikum. Massendemonstrationen sprengten die größten Plätze, öffentlich beschimpften Demagogen die Sternenputzer als Barbaren, als Ruin der wunderbaren Badehauskultur des Kontinentes: Bald sei man nun so tief gesunken, dass Menschen von Atlantis wie Primitive vegetieren müssten, wie tierisches Volk minder gesegneter Kontinente, das sich von Jagd und Ackerbau nähre, das Krieg führe und spitze Steinhaufen über seinen Toten erbaue, obwohl es andererseits nicht mal Eisenwerkzeug besäße, man wisse das ja aus alles der Literatur, von Photographien und Filmberichten die ethnologische Expeditionen vorlegten. So weit sei es nun also auf Atlantis gekommen! Die Badehäuser nächtens zu dicht zu machen, wie im Urwald. Fehlte nur noch, dass man in Schilfhütten hauste und rohes, ungesalzenes Fleisch fraß!
Unmerklich bahnte sich die Katastrophe an: Im Volk rumorte es, Entscheidungen der Sternenputzer wurden nicht länger willig hingenommen, wie zuvor. Man vergaß, dass wir allein den Kontinent aus dem Grauen des Fünfhundertjährigen Krieges erlöst hatten, vergessen war die Kultur, die wir Atlantis schenkten, die - heute würde man sagen - weiche Industriegesellschaft, die das Volk ohne nennenswerte ökologische Folgeschäden ernährte. Niemand sprach mehr von kultureller Hochblüte, umfassender Versorgung mit allen irdischen Gütern - nur kleptomanisch Kranke hatten Eigentumsdelikte nötig - kein Wort mehr über die völlige Freiheit von Rede, Schrift, Bild und Ton, die jedermann zustand. Als Selbstverständlichkeit galt, dass die Freiheit persönlicher Entfaltung von der Behörde gefördert wurde: Einmal im Leben durfte jeder Mensch von Atlantis einen genau definierten Herzenswunsch an die staatlichen Organe richten. Ob er nun seinen Schrebergarten komplett umgestalten wollte, Geld brauchte, weil er für mehrere Jahre aus dem Berufsleben schied, um ein Buch zu schreiben, ob er sich nach einer Weltreise sehnte oder seine Anschauungen so wichtig nahm, dass er sie in den Medien der gesamten Bevölkerung darlegen wollte - war sein Wunsch irgend erfüllbar, so sah die Gemeinschaft es als ihre Pflicht an, ihn zu erfüllen. Einmal im Leben beschenkte sie das Individuum mit der Möglichkeit, etwas zu tun oder zu bekommen, das weit über dessen eigene Kraft hinausging. Mancher nutzte dies Geschenk und schuf sich daraus ein neues Leben, andere vergeudeten die Gabe. Dies war ganz ins Belieben des Einzelnen gestellt. Nur eine Einschränkung galt unwiderruflich: der Wunsch durfte niemals vor Vollendung des 25. Lebensjahres geäußert werden.
All das galt nun nichts mehr. Die Sternenputzer waren plötzlich anmaßende Diktatoren, obwohl sie nur versuchten, dumme, verschwenderische Willkür einzuschränken. Selbst Menschen, die friedlich in ihren Betten schlummerten, hassten uns dafür, dass nachts die Badehäuser schlossen.
Alles kulminierte in diesem Punkt: wir wollen unseren Willen, koste es, was es wolle. Die Sternenputzer sollen ins Unrecht gesetzt werden, sie müssen klein beigeben, dies eine Mal. Wir fordern das fundamentale Menschenrecht, nachts zu baden. Das Königshaus, ansonsten nur von repräsentativer Bedeutung, stellte sich öffentlich auf die Seite der Volksbewegung. Und dann brach auch in der Behörde selbst der Riss auf. Die männlichen Beamten wollten ausharren, dem närrischen Pöbel widerstehen, in Ruhe sollten die Forschungen weiterbetrieben, nichts überstürzt werden. Die weiblichen Beamtinnen plädierten dafür, um des lieben Friedens willen des Volkes Wünsche zu erfüllen. Die Behörde habe vorbehaltlos dem Volkswillen zu dienen. Im Collegium wurden die Debatten hitziger. Es kam soweit, dass meine Amtsvorgängerin, DIE damals stellvertretende Sternenputzerin, ihren Sessel am Thron DES Sternenputzers räumte (Er war zuvor Stellvertreter DER weiblichen Sternenputzerin gewesen, stets wechselten Männer und Frauen in diesem Amt.) DIE Stellvertreterin setzte sich zu ihren Kolleginnen, die Sitzordnung im Thronsaal löste sich auf, war nicht länger vom Rang betimmt, sondern durch Geschlecht. Einfache Beamtinnen saßen neben der Praefectin, Procuratoren neben dem Legaten. Statt zu argumentieren, tauschte man Schlagworte und Allgemeinplätze. Als ernstlich Spaltung der Behörde drohte, gab DER Sternenputzer nach und befahl, das Energieprogramm beschleunigt voranzutreiben. Das Volk jubelte, und die Frauen nahmen wieder auf ihren angestammten Sitzen Platz. Sie hatten gewonnen. Die Federführung des Energieprogramms wurde DER stellvertretenden Sternenputzerin übertragen und das Königshaus sandte ein ellenlanges Glückwunschtelegramm. DER Sternenputzer aber zog sich in sein Haus auf dem erloschenen Vulkan llcom zurück, um zu meditieren ...
Über diesen Vulkan gibt es übrigens ein wunderbares Gedicht, warf Rechenblatt ein. Darin zählt er, der Berg, den Himmel.
Kenn ich, sagte Monica gereizt. Weiter!
Ich sammelte Gedanken. Wie geht es Gesellschaften, die keinerlei Herausforderung mehr spüren? Sie suchen welche, um nicht lethargischer Übersättigung zu verfallen. Das Hirn hat Fett angesetzt und erfasst die realen Herausforderungen gar nicht mehr. In Ägypten ergötzte sich Kleopatra an Perlen, gelöst im Essig. Caligulas Rom begeisterten zwei Pferde als Consuln, vor goldener Futterkrippe. Im bürgerlich blühenden Holland ruinierte man sich beim Sammeln seltener Tulpenzwiebeln. Und auf Atlantis waren es die Badehäuser und das Energieprogramm. Atlantis kannte keine sehr ausgeprägte soziale Schichtung, keine Kluft zwischen Arm und Reich, es bildete eine ziemlich homogene Gesellschaft. Daher begann nun auch der ganze Kontinent zu fiebern - nicht etwa nur privilegierte Kreise, die Zeit genug hatten, sich künstlich aufzuregen. Jedermann verfügte über die dazu nötige Zeit. Rasche, umfassende Lösung des Energieproblems der Badehäuser wurde zur großen technologischen Herausforderung stilisiert. Man wollte sich noch einmal beweisen, wer man war; Mensch von Atlantis! Auftrumpfen, hieß die Devise, sei der Triumph auch sinnlos und mit Gefahr behaftet. Vergegenwärtige Dir die Stimmung in den Vereinigten Staaten, nachdem Kennedy das Raumfahrtprogramm verkündet hatte, um mit den Russen gleichzuziehen und den Sputnik zu überflügeln: einmal noch zu neuen Ufern! Let's go West! Und dann stell Dir diese Begeisterung bis zur kollektiven Hysterie gesteigert vor, bis zur umfassenden Unzurechnungsfähigkeit einer ganzen Zivilisation. Es fehlten ja die Konkurrenten. Atlantis wollte sich selbst besiegen, sich selbst musste man Beifall klatschen, das wird auf Dauer fad, die Dosis wird erhöht, Selbstkritik gilt als Verrat. Ich halte mich hier nicht mit der Schilderung des technischen Für und Wider auf. Das Volk nahm regsten Anteil. Vernünftige Vorschläge trafen bei der Behörde ein, ebenso wie vollkommen idiotische Projekte. So regte ein hauptstädtischer Bademeister an, die Bäder durch kontrollierten Lavazufluss zu beheizen. Tropfenweise sollte glutflüssiges Gestein in Wasserbecken geleitet werden, das Wasser erhitzen, in ihm abkühlen und erstarren, genau bemessen, immer so, dass die gewünschte Temperatur erhalten blieb. Die zu bizarrer Form versteinerten Gluttropfen sollten unter den Badegästen verlost werden, so schlug er vor, man könne auch Wettbewerbe veranstalten, wie beim sylvesterlichen Bleigießen: wer findet den merkwürdigsten Steintropfen, oder, - ein Angebot an Leute mit okkultem Interesse - Wahrsagerei im Badehaus: anhand der Gesteinstropfen. Eventuell  könne man sogar Stände an kommerzielle Zukunftsdeuter verpachten und so zur Finanzierung des Energieprogramms beitragen. Viele Menschen von Atlantis äußerten den Lebenswunsch, in der Energiekommission mitzuarbeiten, doch diese äußerste Demütigung der Sternenputzer wurde abgelehnt. In zwei hektischen Jahre wucherte ein Programm, das jeder Seriosität hohnsprach: einfachste  Sicherheitsbestimmungen wurden umgangen, man fasste den Plan, gleichzeitig alle Anlagen aufzubauen und in Betrieb zu nehmen, alle Verdampfungsstationen sollten gleich konstruiert sein, niemand nahm noch Rücksicht auf regionale geologische Besonderheiten. Die durchaus bekannte Ausdehnung einiger extrem gefährlicher Gasblasen, die man nie anzuzapfen gewagt hatte, wurde nun unberücksichtigt gelassen. Schutzmaßnahmen gegen Erdstöße, berechnet nach Durchschnittswerten der nach oben offenen Gnaia-Skala ...
Der ... was, fragte Mo.
Richterskala, klärte Rechenblatt sie auf. Herr Richter hieß auf Atlantis Frau Gnaia.
Berechnet also nach Durchschnittswerten waren in stabilen Regionen bombensicher, dort aber, wo die Kontinentalplatten gegeneinander schrammten, völlig unzureichend. Und so weiter: Übereilung, Inkompetenz, Schluderei. Dann wurden die Anlagen nach diesen stümperhaften Plänen gebaut. Dann erwartete der Pöbel sorglos den Tag der Inbetriebnahme.
Während dieser für ihn qualvollen fünf Jahre grämte sich DER verbitterte Sternenputzer auf dem Ilcom, verzweifelte schier an den Seinen. Von Hause aus war er Wahrscheinlichkeitstheoretiker und hatte den Erwartungswert einer kontinentalen Katastrophe mit exakt 0,8065 Periode 2 berechnet. (Diese Zahl lernt seither jeder Student auswendig. Die Flüchtlinge bargen seine Berechnungen nach Europa und kontrollierten sie später: bis zur dritten Stelle hinter dem Komma waren sie exakt. Auch die sogenannte Standartabweichung war korrekt angegeben. Er meditierte über diese Zahl. Er zog politische Schlüsse. Dann begann er, Freunde zu sich ins Landhaus rufen. Niemals viele, nie mehrere wichtige Beamte zugleich. Der Mann war vorsichtig, er wollte das Potential für einen innerbehördlichen Umsturz ergründen - merkte aber bald, dass er sich verschätzt hatte: nur die männliche Beamtenschaft zeigte Bereitschaft zur Revolte, nicht mehr als die Hälfte der Beamten. Das hieß, zu wenige. (So die offiziellen Behördenakten aus Unkenntnis der Bucholtzpapiere. Hochschwangere Frauen, die schließlich mit den Rebellen flohen, wurden nicht gezählt.) Da nun seine Anhängerschaft zu schwach war, um die Behörde zu revolutionieren, leitete er Gegenmaßnahmen ein, um zumindest den Fortbestand der Sternenputzer zu gewährleisten. Unmenschlich gelassen, ohne dass die Restbehörde davon erfuhr, ohne das Königshaus zu informieren oder gar die Öffentlichkeit, wurden die Archive kopiert und ins benachbarte Europa ausgelagert. Kaum 200 Getreue besorgten dies Geschäft. Im hohen Norden Europas, wo nur wenige Primitive hausten, somit Geheimhaltung garantiert schien, wurden unterirdische Bibliotheken angelegt, die Archive neu geordnet, Laboratorien und Wohnräume geschaffen, auch Lagerhallen, die den Nahrungsbedarf eines knappen halben Tausends Menschen für jene Jahre aufnahmen, die verstreichen würden, bis eine unterirdische Agronomie gedeihen konnte: der Kern unseres heutigen Behördensitzes.
Drei Tage, ehe gleichzeitig und landesweit 5 Billionen Kubikmeter kalten Seewassers zur Verdampfung in die glühende Tiefe gepumpt werden sollten, unternahm DER Sternenputzer einen letzten Rettungsversuch: auf Atlantis hatte er das Recht, jederzeit für seine Verlautbarungen totale Aufmerksamkeit zu verlangen. Eine solche Forderung zu missachten war eins der wenigen Delikte, die mit Zwangsarbeit geahndet wurden. Sobald audiovisuelle Medien allgemein verbreitet waren, mussten sogar Chirurgen bei der Operation den Monitor einschalten, sobald DER Sternenputzer sprach. Man soll sich aber vor Augen halten, dass in der länger als dreieinhalb Jahrtausende währenden Geschichte der Sternenputzer von Atlantis dieses Vorrecht nur insgesamt zwölf Mal beansprucht wurde. Der ganze Kontinent sah also zu und lauschte. Und DER Sternenputzer beschwor das Volk beim Licht der Sonne. Das war die eindringlichste aller Appellationen. Das Volk jedoch verlachte ihn und höhnte. Da gab er sich geschlagen. Seinen Getreuen befahl er, an Portugals Westküste Zuflucht zu suchen, um die Ereignisse abzuwarten. Sie flehten ihn an, mit ihnen zu kommen, doch er wollte nicht fliehen. In einem demütigenden letzten Gespräch mit seiner Stellvertreterin und Nachfolgerin versuchte er sie umzustimmen. Bedauernd schüttelte sie ihr graues Lockenhaupt, so schildert ein weiteres Gedicht die Szene, und bestand darauf, die Behörde habe dem Willen des Volkes zu folgen. In jedem Fall. Um jeden Preis. Sie wusste von der Fluchtvorbereitungen der männlichen Beamten und billigte sie auch, heißt es.
Dann liefen an den Stoppuhren Sekundenzeiger rückwärts. An seinem zentralen Terminal presste DER letzte Sternenputzer von Atlantis den Knopf, der alle Verdampfungsanlagen des Kontinents in Betrieb setzte. In Wohnzimmern und auf der Straße, in Kaufhäusern, Fabrikhallen, Bädern und Parks, in OP-Sälen und im königlichen Palast hielten die Idioten erwartungsvoll den Atem an. Nachts sollte eine gigantische Orgie des Badens steigen.
Was nun geschah, kann niemand mit Gewissheit sagen. Niemand konnte darüber Zeugnis ablegen. Nur eins steht fest: bis er starb, stand DER Sternenputzer in Funkverbindung mit den geflohenen Beamten. Sein Palast war in den Hang des Ilcom gebaut, von dort überblickte man die ganze Hauptstadt. Bis zum Tode erstattete DER Sternenputzer Bericht. Auf Grund leichtfertig fehlerhafter Berechnungen wurde unter der Hauptstadt, unter dem Häusermeer, das zwölf Millionen beherbergte, zwanzig Prozent der Menschen von Atlantis, eine Gasblase angestochen. Das Gas entwich und raste als Feuersturm durch die Stadt. Der Boden brach ein, stürzte in den nun leeren Hohlraum, den bisher das Gas unter genügendem Innendruck gehalten hatte. Der Ilcom wurde aktiv. Als von oben Lava rann und die Ränder des städtischen Lochs in unabsehbare Tiefen bröckelten - immer dringlicher forderte die leere Gasblase Füllung - ging irgendwann auch der Palast verschütt. DES Sternenputzers letzte, funkübermittelte Befehle lauteten: NIE WIEDER FRAUEN und NIE WIEDER HERRSCHAFT. Dann schrie er, als die Lava in den Thronsaal eindrang.
Auf ganz Atlantis müssen wir ähnliche Bilder vermuten. Gasblasen entleerten sich oder explodierten. Die Erde brach ein, viele hundert Meter tief, stell Dir ein Maar in der Eifel vor: wo sich vor fünf Minuten eine Provinz erstreckt hat, da sackte nun ein Krater. Des Kontinents Geologie verstand nicht den geringsten Menschenspaß. Die Erde bebte. Alle Vulkane spuckten. Binnen weniger Stunden versank die Zivilisation in Löchern, unter Lava. In den Verdampfungskavernen, am Strand, am Meeresboden trafen Magma und See aufeinander. Salz, flüssiges Gestein, Gluthitze und eiskaltes Wasser: das konnte nicht gut gehen. Ob nun eine initiale Zündung grundentziehend wirkte oder deren viele, das Endergebnis bleibt gleich: der Kontinent versank. Größtenteils fackelten die Gase ab oder explodierten. Mächtig loderten Feuersäulen - zum Glück, denn unverbrannt in die Atmosphäre entwichen, hätten das Gas womöglich den Erdball entvölkert. Heutzutage fahnden Geologen nach dem Ursprung von atlantischem Graben und Rücken. Dies einerseits.
Zum anderen war die gesamte Erdkruste betroffen. Verwüstungen in aller Welt folgten. Seebeben pflanzten sich am Meeresboden fort, schaukelten Flutwellen hoch, Überschwemmungen fraßen Land und Leute, blödsinnig spricht man heute von Sintflut.
Wer auf Atlantis nicht gleich verbrannte, erstickte oder versackte, der floh aufs Meer und soff ab. Wer in Flugzeugen zu entkommen suchte, den brachte eine Druckwelle vom Kurs ab, den verglühten unvermittelt aufsteigende Feuersäulen, der startete mit halbleerem Tank oder verlor in rasch sich ausdehnenden Dampfgebirgen jede Orientierung. Zu jener Zeit wurde einzig auf Atlantis gefunkt. Nach lumpigen sechs Stündlein hatten die Empfänger an Portugals Küste jeden Kontakt verloren. Weltweit herrschte nun Funkstille. Es war vorbei. Und was noch nicht vorbei war, verhallte ungehört: so viele Schreie ohne Mikrophon.
Und während Memphis blühte, des Hammurabi Reich gedieh, gruben die Überlebenden einer unvergleichlich weit fortgeschrittenen, versunkenen Zivilisation sich einen neuen Sitz, sie buken kleine Brötchen und mischten sich nicht ins Weltgeschehen. Man schrieb 1-1-3785, den ersten Tag der ersten Woche im Jahre 3785 nach Gründung der Behörde und Ende des Fünfhundertjährigen Krieges der Sieben Reiche. Den 1. Januar 1770 vor Christus schrieb man. Die ersten Fassungen des Sintflutmythos wurden niedergeschrieben, unter frischem Eindruck der Authentizität.
Geschichten am Lagerfeuer, sagte Monica.
Verbriefte Historie, giftete Rechenblatt. Wie ich meinen Boss kenne und seinen Starrsinn, wird er Dich zur Behörde mitnehmen und die Archive durchstöbern lassen, nur, um Dir was zu beweisen.
Vielen herzlichen Dank, lehnte sie ab. Ich mag nicht mitgenommen werden,
Wir tranken noch einen Grappa an Petras Bar und beklagten, mit den Gedanken ganz wo anders, veröffentlichtes Geschehen. Immer Anlass zur Klage in diesem Leben. Brauchst nie lange zu suchen. Findet sich was.
Und weiter, fragte Monica, als wir wieder auf dem Zimmer saßen. Petra war uns heute Abend polemisch auf die Nerven gegangen.
Was weiter?
Was geschah, nachdem Atlantis versunken war? Wie seid Ihr in Eure jetzige Misere geraten?
Weil Frauen lieber als Männer nachts baden, lästerte Rechenblatt. Die Zivilisation versank, weil Frauen nachts im Wasser planschen wollten.


+++

Alcide Dellarda war einem Sprengstoffanschlag zum Opfer gefallen, Die Schutzhaft im Gefängnistrakt der mailändischen Carabinierekaserne hatte ihn nicht vor dem Tod bewahrt. So weit reichte also der Arm der MAFIA, nachdem sie als beinahe zerschlagen galt: in argusäugig bewachte Hochsicherheitstrakte. Dellardas Leibwächter waren tot. Zehn Carabinieri und fünf seiner eigenen Killer, denen man Asyl gewährt hatte, um den Don bei Laune zu halten. Das Gebäude in Trümmern. Material war professionell eingesetzt worden, wie bei einem militärischen Kommando. Die Familienangehörigen von Mitgliedern der Scorzikommission, untergebracht im selben Bau, blieben nur zufällig verschont. Sie hatten sich nicht im Sicherheitstrakt aufgehalten, sondern in der Kantine um Mittag zu essen. Den fast siebzig Personen, hauptsächlich Frauen und Kindern, das Mittagessen einzeln in den Zellen zu servieren, hätte zuviel Mühe gekostet. So waren sie davongekommen, allenfalls dass sie, als Nachwirkung des Knalls, eine leichte Taubheit plagte. Nur eine vornehme ältere Dame, die Gattin des Herrn vom Außenministerium, der Scorzi hinsichtlich der US-Botschaft beriet, erlitt einen Nervenzusammenbruch.
Dellarda aber würde nie wieder der Polizei Computerdisketten mit Namen und Organigrammen ausliefern. Nie mehr würde er codierte Flimmerzeichen an Bildschirmen entschlüsseln: den Stellenplan samt vollständigem Strafregister der MAFIA, den er, in jahrelanger Arbeit zusammengestellt hatte. Ursprünglich Lebensversicherung, zuletzt jedoch Werkzeug der Rache für den Tod seiner Kinder. Dieser Mund war zu. Der wurde nun vom Zinksarg dichtgehalten. Die MAFIA hatte in einem letzten Aufbäumen noch einmal das Gebot der omertà durchgesetzt.
Zögernd gruppierten sich Beamte zum Halbkreis um den Einsatzleiter, suchten die Nähe von Körpern ihresgleichen, flohen in den Dunstkreis verschwitzten Uniformstoffs, lauschten den markigen Worten des Chefs: Gedenken an die toten Kameraden! Wut, Angst, Trauer. Pathos bewaffneter Männerbünde. Als wir uns in die Viale Rossini davonmachten, sahen wir ähnliche Haufen bei jedem Mannschaftswagen. Wie auf weichen Eiern patrouillierten derweil ihre Kollegen mit verbissenen Kiefern, Hände um die Lauf der Maschinenwaffen verkrampft. Weiß traten Knöchel hervor. In greller Mittagssonne stand der Navy-Hubschrauber auf dem Botschaftsgelände. Auf allen Straßen Roms setzte ein Hupkonzert ein. Fast zeitgleich mit den Funksprüchen der Sicherheitsorgane war die Nachricht im Radio gekommen. Fast überall kam der Verkehr zum Erliegen. Fahrer drückten ihren Daumen auf die Hupe oder stiegen einfach aus, wollten reden, gänzlich unbekümmert um kollabierenden Großstadtverkehr.
Nahe der Piazza Ungheria setzten wir uns in ein leeres Straßencafè, Ekel im Hals. Der Kellner telephonierte mit Freunden in Florenz um sie zu informieren, ganz Hauptstädter: Erzähl mir doch nichts, ich bin Römer!

Via Ulisse. Fortsetzung der Via delle Tre Madonne, ihr südliches Anhängsel und Glied einer neuen Assoziationskette. Wie lange war es her, dass ich daheim auf besonntem Baumstumpf gehockt hatte, die Odyssee im Schoß? Gestern vor einer Woche? Wie viele Wellentäler und Wogenkämme hatte uns ein aufgebrachter Poseidon namens Zufall in den paar Tagen zugemutet?
Via Ulisse. Der Listenreiche. Schwergeprüfte. Nimmermüde. Der kurzfristig becircte. (Mo droht mit erhobenem Zeigefinger Kurzfristig? Denkt sie. Dass Du Dich da mal nicht vertust!) Via Ulisse. Laufende Motoren. Gestikulierende Fahrer. Aufgeheizte Atmosphäre.
Via Ulisse. Gegenstand von Poseidons Hass, weil Niemand dem Polyphem mit zugespitzt glühendem Baumstamm das Auge aus der Stirn stach. Via Ulisse. Wer tüftelte das troianische Pferd und gewann den gleichnamigen Krieg? Wer verjagte Anchises und Aeneas, trieb letzteren in Didos Arme , setzte die Frau auf einen Scheiterhaufen, den Königssohn jedoch in Marsch gen Alba Longa, wo späterhin zwei Knäblein auf dem Tiber ausgesetzt wurden, dann angeschwemmt und von der Wölfin gesäugt , was alles hochberühmte Folgen zeitigte , darunter Weltmacht und schwarzen, fluchgeschwärzten Stein? Umtriebe auf der Via Ulisse:
Sollen wir uns den Lapis Niger nicht doch mal anschauen, schlug Monica vor.
Ausgangspunkt Via Ulisse. Würden dereinst auch wir ins von Schmarotzern wimmelnde Haus heimkehren, erkannt nur vom gichtigen Köter? In eine Behörde voll anmaßender Freier? Mit welche Bogen soll ich es erledigen, EH, das intrigante Volk, das jene Macht für sich will, die doch mein rechtmäßiges Erbe ist?
Gehn wir zum Lapis Niger, beharrte Monica.
Rechenblatt war irritiert. Zu lange hatte er persönlich über den Stein geforscht. Im Nachhinein könnte man sagen: er lag ihm familiär am Herzen. Sein Ahnherr hatte ihn behauen. Auch war der Rechenblatt was Rom anging, von Daten geradezu besessen:
Pech, wandte er sich, voll scheinheiligen Mitgefühls, an Monica. Pech, meine Liebe. Heute ist Sonntag und die Foren schließen früh. Deine Idee kommt fünf Minuten zu spät.
Entschuldigung, Herr Procurator, sagte sie, dies allerdings recht schnippisch. So blieb auch unser heutiger Kurs ziellos, wir selbst ein Spiel der Winde. Wir saßen in der Tinte. Vieltausendjährig ersäufte uns geschriebene Geschichte.

Kometen. Schwarze Löcher. Fixsterne und Planeten: das Universum. Durch endlos in sich zurückgekrümmten Raum gezogene Linien. Kreise oder Ellipsen, die alle aller anderen Zentrum sind. Der Masterplan aller akzeptablen Kausalitätsmodelle. Gründe. Folgen. Taten und Unterlassungen. Archivakten darin Textblöcke, die umeinander kreisen. Zentren und Peripherie wechselweise. Behörde und Korrespondenten.
Beim Abendmahl im Doppelzimmer fragte Mo: Und Eure Korrespondenten? Können die nicht helfen? Lasst doch Eure Spürhunde von der Leine!
Wir mussten ihr erklären, dass Korrespondenten nebenberuflich für uns arbeiten, dass sie nach Studien am Behördensitz in die Welt zurückkehren, um unsere finanziellen Angelegenheiten zu verwalten, Informationen zu sammeln und bei Dienstreisen der Beamte deren Beweglichkeit in Anonymität zu sichern. Die Kreise der Beamte dürfen sie nicht stören.
Und doch verriet Plato Eure Herkunft, fragte sie erstaunt. Oder war das sogar sein Auftrag? Wolltet Ihr Atlantis als Mythos in die Welt setzen, nachdem der Kontinent versunken war?
Ach was, knurrte Rechenblatt. Es war gemeiner Verrat. Was Plato im KRITIAS und im TIMAIOS über Atlantis schwadroniert, ist zwar größtenteils lachhafter Humbug, nicht einmal gut erfunden, aber dass er die einstige Existenz der Insel überhaupt verriet war schändlich genug, nach allem, was die Behörde für seine Ausbildung getan hatte. Es war doch keine Selbstverständlichkeit, einen begabten Griechen zu Studien in eine Welt einzuladen, die der seinigen um dreitausend Jahre voraus war. Wobei, nichts gegen den Philosophen Plato! Zum Beispiel seine Staatstheorie über die Notwendigkeit des herrschenden Philosophenstands, die er schlichtweg von der Behörde abkupferte. Um dann seine Lehrer zu ägyptischen Priestern herabzuwürdigen! Eine bodenlose Frechheit! Nach dieser harntreibenden Tirade zog Rechenblatt sich zu jenem Ort zurück, den sogar platonische Philosophenkönige zufuß aufsuchen. Aber genug von Plato, meinte er, kaum zurück. Die Wasserspülung ist Dreh- und Angelpunkt der Welt. Die armen Sizilianer! Die Infrastruktur des Wassers ...
Wie auf Atlantis, fiel ich ihm ins Wort.
Jaja, Badehäuser, nickte Rechenblatt.
Mo fühlte sich übergangen.
Tut mir leid, sagte ich. Die Umstände des Untergangs von Atlantis sind auf Grund unserer Geheimnistuerei ja nicht allgemein zugängliches Bildungsgut. Aber wir vergessen das manchmal. Uns ist die Geschichte in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn Du täglich mit dem Trauma lebst, verstehst Du bald nicht mehr, dass es auch Leute gibt, die noch an etwas anderes denken Die Badehäuser also: sie nahmen den wichtigsten Platz im öffentlichen Leben ein. Vergiss alles, was Du je über Badehäuser gehört hast, vergiss Roms Thermen. Nachahmung, weiter nichts! Jede heute gängige Vorstellung bleibt dem Original gegenüber kleinkariert. Die Badehäuser waren gewaltige Labyrinthe der Belustigung und Erholung. Das hauptstädtische Bad bot Raum für eine Million Besucher, eine riesige Anlage auf einem Areal von 25 Quadratkilometern im Zentrum der Stadt. Parks, Botanische und Zoologische Gärten, Bibliotheken, Galerien, Ruhe- und Massageräume, Sportstätten, Gasthäuser, Räume für Gesellschaftsspiele, ein kugelförmiges gläsernes Seewasseraquarium von 200 Metern Durchmesser, darin eine kleinere. Glaskugel, von außen zugänglich und belüftet, deren Inneres dem Besucher den Eindruck vermittelte, rundum vom Meer umgeben zu sein. Theater gab es in den Bädern und Tanzsäle, dazwischen immer wieder Wasser: heiß und kalt und lau, schwefelhaltig heilsam, in Seewasserteichen spielten die Kinder mit Delphinen, Liebeshungrige suchten paarweise oder in Gruppen jene Marmorbecken auf, deren Wasser mit Aphrodisiaka versetzt waren. Brunnen künstliche Flussläufe und Wasserfälle, Fontänen schossen Wasserdome gen Himmel, unter denen man trockenen Fußes lustwandeln konnte. Tag und Nacht waren die Bäder geöffnet. In der Hauptstadt. In allen größeren Städten. Ländliche Gemeinden taten sich zu dritt und viert zusammen, und errichteten gemeinsam eine Badeanstalt. Zweitausend Jahre währte diese Hochblüte atlantischer Kultur. Das Gros ihrer Freizeit verbrachen die Menschen von Atlantis in diesen Häusern. Enorme Energiemengen verheizten sie zum Spaß.
Als der Verbrauch fossiler, somit unersetzlicher Energien sich schließlich dem kritischen Punkt näherte, mahnte die Behörde zur Bescheidenheit, auch private Haushalte und Industrie wollten ja versorgt sein. Wir gingen dazu über, heiße vulkanische Quellen zu nutzen, die bislang ihrer landschaftlichen Schönheit wegen als unantastbar galten: weder durften sie überbaut, noch angezapft werden. Mit solch feinfühliger Schonung war nun Schluss. Doch auch dies Opfer minderte keineswegs den Bedarf an fossiler Energie, in der Hauptsache Erdgas, das aus großen unterirdischen Blasen gefördert wurde. Brennstoffe wie Erdöl und Kohle standen nur in geringem Umfang zur Verfügung. Frühzeitig hatte die Behörde die Kernenergie erprobt, ihrer unkalkulierbaren Risiken wegen jedoch rasch wieder verworfen. Solar- und Windenergie waren nicht erforscht. Nicht dass uns das technologisch überfordert hätte, aber jede Kultur geht ihren eigenen Weg und auf Atlantis fasste eben niemand diesen rettenden Gedanken. So einfach ist das: so fallen die epochalen Entscheidungen - oder sie bleiben aus.
Nun lag aber die Ausbeutung der Erdwärme nahe, sogar im räumlichen Sinne, denn dicht unter der nur oberflächlich verkrusteten Schicht, welche den Menschen von Atlantis trügerisch festen Stand verlieh, brodelte zähflüssige Lava. In der Behördenabteilung, die dem heutigen Magistratus Observationis gleichkam, bildeten Sternenputzer eine Sonderkommission, die einzig Probleme der Erdwärme untersuchte. Das Prinzip war einfach: Wasser unter Hochdruck in heiße Erdschichten pumpen, verdampfen lassen und oberirdisch mit dem Dampf Turbinen treiben. Elektrischer Strom in der Größenordnung von Millionen und Abermillionen Gigawatt würde sich so produzieren lassen. Nicht ganz so simpel wie das Konzept, lag allerdings die diffizile Geologie des Kontinentes zu unseren Füßen: drei dünnkrustige kontinentale Platten bildeten den Untergrund und rieben sich aneinander, weshalb oft leichte Beben vorkamen. (Aus diesem Grund entstand Atlantis‘ mörtellose Quaderbauweise. Die Quader wurden verzapft geschichtet. Die ausgesparten Zapfenlager waren größer bemessen als die Zapfen selbst und das Differenzvolumen wurde mit kautschukartigen Substanzen ausgegossen. So schützte eine gewisse Elastizität des Mauerwerks die Gebäude vor Erdstößen, denn nur in Ausnahmefällen baute man höher als dreistöckig.)
Das bedrohlichste Risiko beim Projekt der Erdwärmenutzung stellten unentdeckte Gasblasen dar, die, wenn versehentlich angestochen, gefährlich eruptiv den Druckausgleich erstreben würden. Aber davon wurde bald nicht mehr gesprochen.
Viele Jahre forschte und experimentierte die Behörde, um eine gleichzeitig flächendeckende, sichere, dezentrale und effiziente Methode der Erdwärmenutzung zu entwickeln. Die Sternenputzer machten auch erhebliche Fortschritte, doch den Menschen von Atlantis ging das alles viel zu langsam. Inzwischen nämlich hatten wir verfügen müssen, dass täglich für acht Nachtstunden sämtliche Bäder geschlossen blieben, um so den Energiebedarf zu drosseln. Der Bevölkerung hingegen erschien diese harmlose Einschränkung als brutaler Eingriff in ihre Lebensqualität. Nicht die geringste Kürzung der Öffnungszeiten wollte sie hinnehmen, vor allem nicht in Großstädten, wo es immer eine erkleckliche Anzahl von Nachtschwärmern gab, die auch bei Dunkelheit ihr Bad genossen, oder, wer weiß, vielleicht gerade der Dunkelheit wegen: niemand sah dann so genau, wer in wessen Begleitung welches Becken aufsuchte. Klatschmäuler, die auch auf Atlantis schwätzten, hatten weniger Stoff - bei Nacht sind alle Katzen grau.


+++

Arschloch, hustet Mo. Deine kleine Freundin hält Deinen großen Freund für ein ganz großes Arschloch! Was fällt dem arroganten Spanner ein, mir hinterher zu schnüffeln?
Ich greife mir an den Schädel: Katzen! Die Römer lieben Katzen. Füttern Legionen von ihnen, allein auf den Foren. Diesen Kater jedoch, der mit ausgefahrenen Krallen in meinem Schädel haust, ihn würden sogar die Römer steinigen.
Meiner kleinen Freundin geht es keinen Deut besser. Nach ihrem Ausfall gegen Manini hat sie sich stöhnend wieder unter dem Laken verkrochen. Carlo lässt sich zerknautscht, mit blutunterlaufenen Augen in der Tür blicken. Unser Korrespondent hat auch ihn viel zu früh aus dem Bett geklingelt.
Caffè, fragt er mit ungehaltenem Krächzen.
Wir bestellen Espresso. Eine Kanne Espresso. Noch im Bett entzünde ich eine Corona von Davidoff, eine für die ganz schweren Stunden, und konzentriere mich auf das Problem, mit schleimig aufgerauten Lippen perfekte Rauchringe zu blasen. Den nächsten Rauchring durch die umfangreichere Kreislinie des vorigen zu pusten ist ein Akt der Meditation, der Nichtrauchern unvermittelbar bleibt. Stahlblaue Kreise in ruhiger Luft. Sie stehen still und dehnen sich, jagen einander, ziehen verschränkt ihrer luftigen Wege, nehmen, noch halb verschlungen, Abschied, trennen sich wieder, irgendwann zerreißt ein Hauch die dünnen Bänder und sie verflüchtigen sich zu Wölkchen, die entschlusslos figurenreich durchs Zimmer kräuseln. Mich, wie gesagt, beruhigt das.

Monica war wieder eingeschlafen, nach vier hastigen Tassen Espresso kläglich jammernd, nun habe sie sich auch noch die Lippen verbrannt. Mich rief, was man gemeinhin Pflicht nennt. Ich stand auf, klopfte an Rechenblatts Tür, balancierte eine volle Tasse Espresso und den Brief, erntete aber für meine Gastgeschenke nur grantiges Brummeln. Wieder im Bett nahm ich Monicas Tasse und trank daraus weiter. Bewegte Luft hatte die empfindlichen Zigarrengespinste zerstört, alle Luftschlösser planiert und legte einheitliches Grau als Schleier vor das ganze Zimmer. Strikte Neutralität! Kein Eingriff in die Politik, so hattet Ihr befohlen, EH. Ja, wie denn auch? Sollte ich bei Scorzi antichambrieren, um ein mittelalterliches Pergament zu Protokoll zu geben? Vermutlich genösse ich umgehend die Fürsorge der italienischen Psychiatrie.
Rechenblatt hatte den Wisch nun mal gestohlen. So wichtig konnte dieses ausgerissene Blatt dem reichen, mächtigen Gangster Dellarda doch kaum sein - zumal er ja nicht einmal die Textfragmente kannte. Oder sollte ich zur MAFIA gehen und sagen: also Freunde, passt auf, vergesst das Pergament, streift Euer überdimensioniertes historisches Schuhwerk von den Füßen und zieht als stinknormale Gauner Eurer Wege! Gesetzt den Fall, ich hätte außerhalb der Gefängnisse noch einen Mafioso gefunden: wie umschreiben doch gleich die Sizilianer ihre im Beton der Brückenpfeiler und Hausfundamente eingegossenen Leichen? Weiße Tote. Kein Bedarf!
Insgeheim war das Pergament meine letzte Hoffnung gewesen. Aberwitzig hatte ich darauf vertraut, dass es uns den Weg zum letzten Reliquienkreuz wies. Nun aber beschäftigte es sich bloß mit dem Stein der Weisen, der meinethalben schwarz sein mochte, aber nicht kugelig, sofern er auf des Romulus Grab stehen sollte. Nun hatte die Hoffnung getrogen. Wir saßen nur noch da und schauten tatenlos einer Welt in der Krise zu. Weltuntergangsvoyeurismus.

KRITIK AN QUAYLE IN USA * QUAYLE BLEIBT HART * POLITBÜRO NIMMT ROMANOW UNTER BESCHUSS * VERSORGUNGSLAGE DER SOWJETUNION KRITISCH * ERNTESTREIKS AUF ÜBER TAUSEND SOWCHOSEN * KUMPELS BESETZEN SIBIRISCHES GOLDBERGWERK * STAATSPRÄSIDENT MANFREDI: KEIN NEUER PREMIER! * MANFREDI FORDERT KRISENKOALITION UNTER DELLA GLORIA * VERSCHÄRFUNG DER LAGE AUF SIZILIEN * SIEBZIG BIS HUNDERTTAUSEND GIFTOPFER * WASSERWERKE STILLGELEGT * BRUNNEN UND ZISTERNEN VERSIEGELT * RÄUMUNG DER BETROFFENEN REGION * NOTAUFFANGLAGER IN KALABRIEN * BEHÖRDEN RECHNEN MIT MEHR ALS HALBER MILLION EVAKUIERTEN * UNKONTROLLIERBARE FLÜCHTLINGSSTRÖME * REGIERUNG PLANT HILFSPROGRAMM * GETRÄNKEGROSSHÄNDLER ERSCHIESST VIER PLÜNDERER * KRIEGSRECHT AUSGERUFEN * TANKLASTZÜGE UNTER ARMEESCHUTZ BRINGEN WASSER * KOSTENLOSE VERTEILUNG VON NATO-SCHUTZMASKEN * ABSCHUSS DER VIEH- UND WILDBESTÄNDE ANGEORDNET * ZUSAMMENBRUCH DER MEDIZINISCHEN VERSORGUNG * INTERNATIONALES ROTES KREUZ BIETET HILFE AN * SIEBENHUNDERT ÄRZTE EINGEFLOGEN * WACHSENDE SEUCHENGEFAHR * HYGIENE UNMÖGLICH * PIONIERE BAGGERN MASSENGRÄBER * GEWERKSCHAFT DER TOTENGRÄBER SIZILIENS STREIKT FÜR LOHNERHÖHUNG * ZAHLREICHE SELBSTMORDE * KRANKENHAUSBRAND IN MARSALA * SAMMELSTELLEN FÜR FÄKALIEN * AM ENDE ALLER DIPLOMATIE: AMI GO HOME! * AUSSENPOLITISCHE KRISE WASHINGTON-ROM * BOTSCHAFTER VERWEIGERT GESPRÄCH MIT AUSSENMINISTER * AUSSCHREITUNGEN VOR US-BOTSCHAFT * ORIENTALISCHE WEISHEITEN - VOM IRAN LERNEN HEISST US-BOTSCHAFTEN BESETZEN LERNEN * LIEFERT DIE GIBBALDE AUS! ODER WIR HOLEN SIE! * FRAGE DER NATIONALEN EHRE * QUAYLE LACHT RAI-KAMERATEAM AUS * DER HUBSCHRAUBER BLEIBT UNTEN - BASTA * AMERIKANISCHER TOURIST IN VENEDIG TOTGEPRÜGELT * GONDOLIERE VERHAFTET * US-BOTSCHAFT VERLANGT ULTIMATIV UMFASSENDEN SCHUTZ * NEUE MAFIAVERHAFTUNGEN * MITTLERWEILE ACHTZEHNTAUSEND FESTNAHMEN * SORZI: WIR HABEN SIE BALD! * DELLARDAS AUSSAGEBEREITSCHAFT UNGEBROCHEN * PROZESSFLUT IM NÄCHSTEN JAHR ERWARTET * BEMERKENSWERT WENIGE FESTNAHMEN VON POLITIKERN UND BEAMTEN * WO ENDET SCORZIS MACHT?

Trübe Augen am Frühstückstisch. Was nutzte uns der Brief Maninis? Was nutzte Monicas Palermitaner Einfall, was die Rekonstruktion des Pergaments? Dynamik verebbte. Erwarteter Nachschub blieb aus. Mit abseitigen Problemen haderten wir, statt Ärmel hochzukrempeln, um als Hilfssanitäter ohne Dienstgrad nach Sizilien zu fahren. Unnütze Intellektuelle. Linke Hände beiderseits bis rauf zum Kopf. Die Selbstbezichtigung der Tat- und Ratlosigkeit scheint mir signifikant für den postmodernen Sternenputzer, EH - und nicht ganz unberechtigt. Sicher versetzen wir Berge. Aber doch nur auf Landkarten!

Am Quirinal vorbei schlenderten wir zur Piazza di Spagna, warfen auch hier eine Münze über die Schulter. Kürzlich war verboten worden, den Barkenbrunnen als Fußbad zweckzuentfremden, doch von Münzen hatten wir nichts gehört. Jedenfalls hinderte uns niemand. Nur ein Pulk Jugendlicher lachte und bot an, uns gegen saftiges Trinkgeld zum richtigen Brunnen zu führen.
Dann immer weiter geradeaus, aufs Geratewohl spazierten wir, bis die Piazza del Popolo sich weitete, wo wir, wiederum Touristen, dem Obelisken des Flaminius unsere Aufwartung machten. Wir streunten wie Katzen, hielten mal hier, mal dort, um alte Bekanntschaften aufzufrischen und ließen uns sogar vom sonnigen Wetter verleiten, den Pincio zu besteigen. Bei klarer Sicht ist der Blick über Rom beachtlich. Monica aß Eis, gemischt diesmal, nicht nur Banane solo und Rechenblatt kultivierte in gebrummelten Bemerkungen unser aller Depression. Unauffällig blickte ich mich um.
Brauchst gar nicht zu suchen, höhnte Rechenblatt, wir stehen zwar auf dem Berg, aber hier gibt es keine Gruben.
Sollen wir uns die amerikanische Botschaft anschauen, fragte Mo. Warum hier Trübsal blasen? Gehen wir dahin, wo was los ist!
Die Villa Borghese war voll sonntäglicher Spaziergänger, ähnlich neugierig wie wir. Die Familiengeschichte der Borghese, ihre jahrhundertelange raffinierte Demütigung als Groß-Almoseniers der Colonna, die sie gleich adeligen Hofnarren hielten und sich daran ergötzten, Roms Bettler von einem Borghese mit bleiernen Münzfälschungen beschenken zu lassen, erheiterte Mo. Wir, die wir die Geschichte erdacht hatten und auswendig kannten, konnten nicht recht über den eigenen Witz lachen.
Gewaltiges Aufgebot der Carabinieri. Wir schätzten eine Tausendschaft. Das Trapez, aufgespannt vom Zoo, der Viale Rossini, der Via Bertoloni und der Via delle Tre Madonne war dicht, keine Maus kam durch, geschweige denn ein ausgewachsener Kardinal mit mafiosem Cousin. Niemand durfte raus. Wir nicht rein. Höflich rieten uns Beamte zur Umkehr und in diesem Fall ebnete selbst Monicas bewährter Charme uns nicht den Weg. Zwar knüpften wir Gespräche an, aber deshalb ließ man uns dennoch nicht durch. Alle zehn Meter ein Mannschaftswagen, darin die Reserve, dösend und diskutierend, zeitungslesend und radiohörend, dazwischen die gerade wachhabende Schicht, mit durchsichtigen Plastikschilden und Gummiknüppeln gegen mögliche Demonstranten gerüstet , teils auch mit kurzläufigen Maschinenpistolen drohend. Unklar, gegen wen die eingesetzt werden sollten. Nach jedem fünften Mannschaftswagen ein Wasserwerfer. Keine Demonstranten mehr. Zahlreiche Journalisten rauchten gelangweilt.
Als wir uns gerade wieder auf den Rückweg machen wollten, geriet die Gruppe um das Fahrzeug des Einsatzleiters in Wallung. Unverständlich knarzten Funkgeräte, nur dass irgendwer tot war, konnten wir verstehen. Unsere neugierigen Gesprächspartner drehten uns den Rücken zu und rannten zu ihren Kameraden beim Wagen. Wir folgten ungehindert. Das Lamento erreichte soeben mediterrane Heftigkeit.


+++++++

Auf den zweiten oder dritten Blick erst sahen wir den Umschlag, der unter der Tür durchgeschoben war:

***
Prüfbericht des Instituts für Bibliothekswissenschaft beim Magistratus Observationis Stellarum über das eingereichte Pergament 2431128004 / 5-32-7544 / 0009 / ArnVill /
DeVaCoGe / linglat / 1289pcn

von

Bertuccio Manini, Praefectus in Magistratu Observationis Collegii Claritatis Stellarum, Notar der Hohen Behörde

an

Berthold Hockenbrannt Augustus, Proclarator Stellarum et Cancellarius Collegii Claritatis Stellarum.

Caro amico,

erwartungsgemäß handelt es sich beim Pergament um eine Illustration aus De Valetudine Corporis Generalis (Von der Gesundheit des allgemeinen Körpers), des Arnaldus von Villanova, aus dem Jahr 1289 post Christum natum. Der Text gilt als verschollen, selbst in den Archiven der Hohen Behörde ist kein Exemplar auffindbar. Wir konnten jedoch die Zuschreibung durch Zitatenvergleiche mit anderen einschlägigen Werken verifizieren.

Physikalisch-chemische Untersuchung:

Das einseitig illustrierte Pergament trägt auf Schau- und Rückseite Spuren des Schriftbildes jeweils anschließender Blätter.
Sowohl Vor- als auch Folgeblatt wurde mit Goldtinktur auf Purpurgrundierung beschrieben. Dies ist zwar ungewöhnlich für das Hochmittelalter und ein Werk profanen Inhalts, kann jedoch durch die, im gesamten alchymistischen Schrifttum gebräuchliche, Metallsymbolik erklärt werden. Es ergaben sich zwei Möglichkeiten der Textrekonstruktion:
Erstens: festgepresste Goldstaubpartikel auf beiden Seiten des Pergamentes.
Zweitens: für das bloße Auge unsichtbare Spuren chemischer Reaktion zwischen beiden Pergamentseiten und der Grundierung bzw. dem goldenem Schriftbild des Vor- und Folgeblatts.

Rekonstruierte Textfragmente:

1)
... aber nun der Stein der Weisen, welcher von jenem versunkenen Kontinent herstammte, mit einem großen Knall, gleich brennendem Gestirn vom Himmel fiel und Haus wie Mauer entzwei schlug, nahmen die Römer an ...

2)
... zu meinen Lebzeiten, als in der Stadt Palermo ähnliches sich zutrug ...

3)
...glauben sie, ihn in eisernen Töpfen herstellen zu können, die sie über dem Feuer aufhängen und erhitzen. Darein füllen sie die unterschiedlichsten Substanzen und Materialien aus belebter wie unbelebter Natur, naturbelassen oder für die besonderen Zwecke der Alchymie vorbereitet und ihrem natürlichen Zustand entrissen. So mischen sie von den vier Elementen darein Wasser, Erde und Luft. Das Feuer aber brennt unter dem Topf. Sie mischen darein verschiedenes Gestein und Metall, stückweis oder im Mörser zu Pulver zermahlen. Sie mischen darein von den Pflanzen das Holz, die Wurzeln, die Früchte, Blüten, grünen Blätter, sowie Samen und Kerne. Frisch geben die Alchymisten dies in den Topf oder getrocknet und zerrieben oder aber den Sud davon oder eingekochten Sud, manchmal auch Öle und Essenzen, so sie daraus gewonnen. Hinein in den Topf geben sie von den Tieren jeder Weltgegend das Haar, Gedärm, Leber, Herz und Lunge, Ausscheidungen wie den Krötendreck, Schuppen und Blut, die Augen der Tiere und die Zähne, auch ihre Klauen oder Krallen. Mit diesen Substanzen verfahren die Alchymisten auf nämliche Art und Weise, die ich hinsichtlich der Pflanzen dem geneigten Leser schilderte. Solche die sich nicht scheuen, Mittel der Schwarzen Magie zu gebrauchen, mischen auch das Haar von Gehenkten in ihren Eisentopf, den aufgefangenen Schweiß Fiebernder, den Schorf der Beulen Pestkranker, den abgehackten Schwanz der Ratte, das Horn des Ziegenbocks, oder des Teufels Kleid; die abgeworfne Schlangenhaut sowie des schwarzen Katers Fell und ...

4)
... lauter unsinnige Praktiken, mögen die Herren Doctores mir das nachsehen, denn nimmer wird der Stein der Weisen gemacht. Gefunden muss er werden ...

5)
... keineswegs nur, um blödes Gold zu machen, vielmehr kann er das Blatt der Geschichte wenden, ein neues, goldnes Buch der Weltzeitalter aufschlagen ...

6)
... wie eine Welt zuende geht in der Geheimen Offenbarung lohannis, nämlich was dann entsteht, ein Himmlisches Jerusalem, erbaut aus Edelstein und Gold, der Substanz des goldenen Weltzeitalters der Alten ...

7)
... denn des Steins der Weisen wahre Wirkung ist jene, sich die Abfolge der Weltzeitalter zu unterwerfen und bronzenes und eisernes und silbernes ins goldene zu überführen, oder ins Himmlische Jerusalem, wie ich‘s mit Rücksicht auf die Priester lieber nennen will, jedenfalls eine Zeit vieler Friedensjahre, allgemeiner Gesetzestreue, einer hohen und schönen Blüte der Sieben Freien Künste, reicher Ernten von allen Früchten des Feldes und Fruchtbarkeit des Viehs in den Ställen, kurzum, wie ...

8)
... der Weisen Stein des Anstoßes sein ... indem nämlich sein Kind gefunden wird, seinem Bauche entnommen, so dass man den Stein der Weisen ebenso gut ein Weib nennen könnte ...

9)
... dennoch manch Schädel mit ihm wird entzwei ...

10)
... so rund und schwarz, wie er auf des König Romulus Grab steht, herstammend vom versunkenen Kontinent, über welchen der alte Philosoph Platon gibt Kunde ...

11)
... erst, wenn er in die Hände der Vergangenheit gerät, wird er ein goldenes Reich schaffen ...

12)
... so sie, die Hände, sich aber des Steins der Weisen und seiner Geschichten bemächtigen, wird aus Geschichten Geschehen ...

13)
... der Stern vom Himmel heilt den großen Weltkörper, gemäß den kosmologischen Gesetzen, und sorgt für Gesundheit und goldstrotzende Lebenskraft des Einzelnen, wie auch, in höherer Sphäre, des allgemeinen Körpers ...

14)
...woraus, nach irdischem Maßstab, ewiges Leben rührt, womit dem Tod ein Schnippchen soll geschlagen werden ...

Exegese:

1) Der Stein der Weisen diente uns in der Behörde stets als Metapher für das Gesamtkonzept zur Meisterung sämtlicher Schwierigkeiten menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Es gibt in den Archiven keinen Anhaltspunkt für die stoffliche Existenz solchen Gesteins, so wenig wie für eine behauptete Herkunft von Atlantis. Der brennende Stern, der - sowohl in der Illustration als auch im Text - vom Himmel fällt und eine Stadt, zunächst offenbar Rom, in Schutt und Asche legt, entzieht sich unserer Deutung. Anmerkungen hierzu sind in den allgemein zugänglichen Archiven nicht auffindbar. Unser Herr, EH Adam Bonaventura Czartoryski, versicherte mir, auch die Geheimarchive der Magnifizenzen enthielten keinerlei diesbezüglichen Hinweis. Insbesondere ist nicht bekannt, dass etwa jene Behördendelegation, die 753 acn nach Rom reiste, um die Stadtgründung zu forcieren, einen solchen Stein mitgeführt hätte.

2) Hier spielt Villanova auf die Sizilianische Vesper 1282 pcn an, welcher, was außerhalb der Hohen Behörde wenig bekannt wurde, ein Komet und leichter Meteoritenschauer vorangingen. Diese These wird durch das, mit roter Kugelschreibertinte auf der Rückseite des Pergamentes vermerkte, Datum gestützt.

3) und 4) Auflistung und durchaus skeptische Bewertung okkulter sowie alchymistischer Praktiken durch Villanova. Interessant besonders die Bemerkung, der Stein der Weisen sei nicht herzustellen, vielmehr nur zu finden, und zwar in Gestalt eines runden, schwarzen Gebildes auf dem Grab König Romulus'. (siehe Fragment 10) ) Dahingestellt sei, ob Villanova dies wörtlich meint. Wir, die wir den Lapis Niger quaderförmig kennen, wissen jedenfalls, dass es sich bei ihm um einen banalen Mineralklumpen handelt, bar jeder Heilwirkung auf Mensch oder Geschichte, ja sogar lästig, bedenkt man unsere vergeblichen Bemühungen, seine Beschriftung zu entziffern. Ebenso gewiss ist, dass zwar ein schwarzer, doch kein runder Stein der Weisen, so er denn überhaupt jemals im buchstäblichen oder metaphorischen Sinne existierte, sich heute auf der Grablege des Romulus befindet.

5) Villanova errichtet hier die argumentative Ausgangsposition, die er schon in seinen weitverbreiteten Werken Breviarium Practicae Medicinae und Parabolae Medicationis vertritt. Für ihn als Arzt liegt das Bedeutungsschwergewicht auf der Heilwirkung des Steins der Weisen - mitnichten auf der Goldmacherei. Leicht nachvollziehbar scheint mir, dass er diese Position auch im vorliegenden etwas laienhaft verfassten Werk über historische Alchymie vertritt.

6) und 7) Der Autor verschmilzt heidnisch-antike Mythologie von den vier metallonymen Weltzeitaltern, insbesondere vom goldenen Zeitalter, mit der Vorstellung vom Himmlischen Jerusalem aus der Apokalypse des Johannes. Die goldene und edelsteinerne Pracht des Himmlischen Jerusalem wird wahrscheinlich deshalb dem goldenen Zeitalter gleichgesetzt, weil Villanova Rücksicht auf die Inquisition nehmen musste und sicherheitshalber heidnisches Gedankengut durch Ineinssetzung mit den Bildern der christlichen Offenbarungsreligion veredelte. Meiner Ansicht nach handelt es sich hier um eine Schutzbehauptung. Ganz offen gibt der Autor ja zu, dass er aus Rücksicht auf die Priester das Himmlische Jerusalem ins Spiel bringt.
Weiter kann eine Analyse dieses Punktes nicht gehen, da wir es mit äußerst knappen Fragmenten zu tun haben, die zudem noch, selbst wenn man ihren Fragmentcharakter in Rechnung stellt, um einiges von der gewohnten Luzidität abweichen, die des Arnaldus von Villnova streng medizinisches Schrifttum kennzeichnen. Mag sein, der Stil litt unter der Notwendigkeit, Gedanken auszudrücken, die nicht der ureigensten, medizinischen Sphäre des Autors entstammten? Wenn nicht, wenn wir die Verknüpfung von Goldenem Zeitalter mit Himmlischem Jerusalem als ernsthaft gewollt und beabsichtigt unterstellen, so stehen wir vor dem Phänomen, dass Villanova im Gegensatz zu allem, was wir bisher wussten, schon über die geistige Freiheit des Renaissancemenschen verfügte.

8) Natürlich wäre der stofflich existente Stein der Weisen zugleich ein Stein des Anstoßes für jedermann. Was aber diesen Sachverhalt mit dem sogenannten Kind des Steins der Weisen verbindet (welch ein Glück Collega, dass wir just jene Stelle rekonstruieren konnten, auf die sich später Petrus Brock beruft), ist vor dem Hintergrund unseres derzeitigen Wissensstandes nicht zu klären. Wieder finden wir das hartnäckige, beinahe penetrante Beharren auf der Kugelform des Steines, hier jedoch ausgeschmückt durch originellen Vergleich des Steines mit dem Bauch einer schwangeren Frau. War dies vielleicht der Ursprung der Gedankenfolge? musste der Stein, da allzeitig und allmächtig auch allgeschlechtlich androgyn sein? Woraus sich dann die Notwendigkeit ergab, ihn rund zu denken oder zu sehen, damit er zum Bild der Schwangerschaft passte? Das spätmittelalterliche Realitätsverständnis, dass nämlich nur sein kann, was auch sein darf, ist uns aus leidvoller Behördenerfahrung vertraut. Vollends unverständlich bleibt, wie überhaupt von einem Kind des Steins der Weisen die Rede sein kann. Was, bei den Sternen, hat denn nur wirklich jener Stein bei Schwetz, den unser geschätzter Collega Rechenblatt in seinem Brief erwähnt, der Stein vor Swiecie, den Petrus Brock in seinem Büchlein als zu Rom gebürtiges Kind des Steins der Weisen bezeichnet, mit jenem kugelrunden Gebilde des Arnaldus von Villanova zu tun? Ich kann mir keine sinnvolle Verknüpfung denken. Frag die Colonna! Den Stein bei Schwetz stellte in Eurer Anjouchronik einer der ihren auf. Und weiter unten findest Du noch einen zweiten Bezugspunkt zu der Familie.

9) Keine Deutung möglich. Der aggressive Gedanke des Entzweischlagens mit dem Stein der Weisen ist vermutlich Teil der unmittelbaren Erläuterung der Kampfszenen auf der Illustration, wo ja Menschen in antikisierenden Gewändern auf Eisengepanzerte eindreschen. Bedauerlicherweise konnten die Textzeilen über und unter diesem kurzen Fragment nicht entziffert werden.

10) Hier bedarf es kaum einer Anmerkung. Natürlich bezieht, wie alle Welt, auch Villanova sein entstelltes Wissen über Atlantis aus der Quelle Platon. Hätte doch ein Komet den verräterischen Korrespondenten erschlagen!

11) Hände der Vergangenheit? Auch hierzu fällt mir nichts ein, außer, dass offenbar die Vorläufer der MAFIA diesen Titel für sich in Anspruch nahmen: Manus Antiquitatis Faciunt Imperium Aureum.

12) Gestatte, Berthold, mir eine persönliche Anmerkung: der Vorstellung, dass Geschichten, so man sich ihrer nur annimmt, zum Geschehen werden, unterliegt vermutlich der altbekannte Glaube, die Welt erzähle sich, indem sie sich ereigne, selbst. Ich kann nur jedermann warnen, aus dem Brunnen dieser Erkenntnis zu schöpfen. Man stürzt dabei leicht ins Bodenlose.

13) Ein merkwürdiger Textpartikel, der einerseits auf die Sphärentheorie des Aristoteles Bezug nehmen könnte, zum anderen jedoch, wo Harmonie und Übereinstimmung kosmologischer Gesetzmäßigkeit mit irdischem Geschehen angesprochen wird, geistesgeschichtlich fast asiatischen, ja originär chinesischen Ursprungs zu sein scheint. Übrigens wird hier explizit gesagt, dass Villanova mit dem "allgemeinen Körper", der schon im Titel auftaucht, nichts weniger als das Weltganze meint.

14) Das vierzehnte und letzte Fragment bringt wiederum den Arzt in Villanova zum Vorschein. Dem Menschen konnte er ewiges Leben nicht verschaffen. So nahm er wohl Zuflucht zur Hoffnung, gewisse politische Gebilde währten ewig, was aus unserer Sicht natürlich von geradezu ungeheuerlicher Arroganz zeugt, denn den Menschen vermochte Villanova, in Grenzen jedenfalls, zu heilen - das Weltganze hingegen war viel zu schwerem Siechtum verfallen, als dass ein Villanova die Medizin hätte verordnen können. Nicht einmal unserer Behörde gelang diese Heilung.

Fatum libelli:

Von vornherein bleibt unklar, wieso die Buchmalerei, eine eindeutig sizilianische Arbeit, entstand, als Villanovanus um 1289 pcn bereits sein Palermitaner Intermezzo beendet hatte und in Montpellier lehrte. Man könnte unterstellen, das Werk sei in der sizilianischen Zeit des Autors entstanden, würden nicht mehrere andere Autoren, bezugnehmend auf De Valetudine Corporis Generalis übereinstimmend 1289 pcn als Entstehungsdatum nennen. Absolut sicher ist allein, dass das Werk nach 1282 pcn verfasst wurde - sonst könnte es nicht auf die Sizilianische Vesper Bezug nehmen.
Ebenso dunkel bleibt das Interesse der MAFIA an diesem Werk, sieht man einmal von jener Abkürzung ab, deren Buchstaben aneinandergereiht den ungemein - darf ich sagen: süffigen? - Namen der Verbrecherbande
ergeben. Auf den Konflikt zwischen Anjou und Staufern, zwischen Guelfen und Ghibellinen, regionalen Bestrebungen und Reichszentralismus geht hier kein Wort ein, selbst die Sizilianische Vesper wird nur am Rande gestreift. Natürlich unterliegt unserem Urteil nur das bescheidene Material zweier, jeweils zu drei Vierteln rekonstruierter, Seiten - es kann also keinen Anspruch auf Endgültigkeit erheben. Andererseits wäre es jedoch unredlich, wollten wir aus diesen Seiten eine Saga der MAFIA ableiten. Dieser Text enthält mitnichten die historische, theologische oder mythologische Verbrämung oder Legitimation dieser Verbrecherfamilien.

Zum Buch selbst:

Im Jahre 1579 wurde ein Exemplar des Buches durch Abt Richard Carolus von Klingenhoven zu Bucholtz für das Kloster Benediktbeuern erworben, durch einen Angehörigen der Familie also, die an deinem Heimatort jene bemerkenswerte Bibliothek anlegte, die Monsignore Klangauer ...    |

***

Er kennt Rechblatts zweiten Brief nicht, sagte Monica, den Brief, den Du in Zograffes Notariat gelesen hast. Darum wundert er sich jetzt.

***

... unser Kölner Korrespondent, in einer Nacht- und Nebelaktion mit Unterstützung einer Privatdetektei in ihren Hauptteilen abphotographiert und somit für die Behörde erstmals archiviert hat. Das Bucholtzexemplar in Benediktbeuern ging leider bald verloren. Sorgfältige Befragung des Bibliothekars ergab, dass es schon 39 Jahre später, also 1618 pcn, in der zum Laboratorium umgebauten Zelle eines Pater Georgius, bürgerlichen Namens Georg Busch, wo es leihweise im Regal gestanden hatte, einem alchymistischen Experiment zum Opfer fiel. Außer den Büchern und teils sehr kostbaren Laborgerätschaften zerfetzte die Explosion auch den Leib Pater Georgs, neunzehn Fensterscheiben im ganzen Kloster sowie im Keller unter dem eingestürzten Zellenfußboden, neunundachtzig Ratten. Ein Fanal zum Beginn des Dreißigjährigen Kriegs? Noch im selben Jahr 1618 wurde das Buch je durch ein neues Exemplar ersetzt : ein aus Italien anreisender Doctor Anselmus tauschte den Codex De Valetudine Corporis Generalis laut Buchführung des Paters Cellerar, gegen ein Jahr Kost und Logis für sich und seinen Diener und schließlich zwei räudige Esel bei der Abreise. Erst zwei Tage, nachdem der Stifter abgezogen war, entdeckte der damalige Bibliothekar, dass dem Band ein exlibrisartiges Vorblatt eingeheftet war, welches den Schriftzug BIBLIOTHECA COLONNA trug. Aus Furcht, sich in politisch schwierigen Zeiten, mit der einflussreichen Adelsfamilie am päpstlichen Hof zu überwerfen, schrieb der Abt an die Colonna und schilderte den Sachverhalt, erhielt jedoch die Antwort, kein derartiges Werk sei der fürstlichen Hausbibliothek abhanden gekommen. Soviel zur Herkunft des Bandes.
Was nun sein Verschwinden anbetrifft, denn seit 1943 ist er unauffindbar, sei gesagt, dass dieser Vorgang nie ganz aufgeklärt wurde. Folgendes machte ich ausfindig: im November 1943 wurden die Bibliotheksbestände Benediktbeuerns, völlig sinnlos übrigens, nach Herrenchiemsee umgelagert, wo sie bei alliierten Luftangriffen sicherlich ebenso sehr oder -wenig gefährdet waren, wie in Benediktbeuern selbst. Man folgte hier einem Befehl Hermann Görings, dessen diebische Manipulationen mit Kunst und Kunsthandwerk ja hinlänglich bekannt sind.
Während der amerikanischen Besatzung wurden die meisten Bände wieder zum ursprünglichen Standort zurückgebracht, doch einiges ging auch verloren, darunter unser Codex. Später leitete man eine Untersuchung dieser Vorfälle ein, die jedoch bald im Sande verlief. Die fehlenden Codizes und Inkunabeln aus der Frühzeit des Buchdrucks blieben verschwunden, ohne dass jemand ihretwegen zur Verantwortung gezogen wurde. Mir scheint jedoch bedeutsam, dass im März 1950 ein italoamerikanischer Offizier unehrenhaft aus der US-Army entlassen wurde, der wenige Jahre zuvor in Bayern die Rückführungsaktion geleitet hatte: Marc Dellarda, geboren 1902 als Marco Aurelio Dellarda in Sciaccia, Sizilien. Es handelt sich bei dieser Person um einen Onkel des mafiosen Alcide Dellarda, der zurzeit die italienische Innenpolitik auf Trab hält. 1907 wanderten die Eltern Marco Aurelios mit insgesamt drei Kindern in die Vereinigten Staaten aus. Bei Kriegsbeginn arbeitete der junge Dellarda als Assistent am Kunsthistorischen Institut einer kleinen Ostküstenuniversität. 1942 kam er zur Army, nahm 1943 an der amerikanischen Landung auf Sizilien teil, wo er, inzwischen wegen Tapferkeit zum Leutnant befördert, zwischen den Truppen und der (durch die italienischen Faschisten beinahe schon zerschlagenen) MAFIA vermittelte. Es lässt sich denken, dass seine familiären Kontakte dabei äußerst sachdienlich waren. Das Ergebnis dieser Hilfestellungen über die Backchannels italoamerikanischer Offiziere ist bekannt: die Mafiosi kamen frei, bekamen von den Amerikanern das Gütesiegel Antifa aufgedrückt, aus ihren Reihen wurden allerorts neue Bürgermeister ernannt (auch wenn diese Männer zuvor wegen Raubmordes im Gefängnis gesessen hatten). Die MAFIA ordnete den Nachschub der Amerikaner und bald war die Lage wieder so, als ob Mussolini ihr nie den Kampf angesagt hätte.
Doch zurück zum Thema: die heutige Macht der Dellarda-Familie auf Sizilien wurde in jener Zeit begründet. Vorher waren die Dellarda nur von lokaler Bedeutung im Raum Sciaccia. 1946 wurde Marc Dellarda, inzwischen Captain, nach Deutschland versetzt, wo er, auf Grund seiner kunsthistorischen Vorbildung, auf ein neues Arbeitsfeld abkommandiert wurde: Katalogisierung von Deutschen geraubter Kunstschätze und Rückführung deutschen Kunstbesitzes an seine Vorkriegsstandorte. Beides ging damals Hand in Hand, da Eigentum und Diebsbeute kunterbunt nebeneinander in Bunkern, Salzstöcken und bombensicher tiefen Klosterkellern lagerte. 1950 wurde Dellarda unehrenhaft entlassen. Er hatte seine Stellung beim Art Collection Point missbraucht, um sich eine ansehnliche graphische Sammlung zuzulegen. Im Gegensatz dazu blieben die Bücher verschollen. In den USA saß Dellarda seine Militärhaftstrafe ab, dann zog er nach Sizilien, wo er 1978 als italienischer Staatsbürger und angesehenes Mitglied der Dellarda-Familie in Sciaccia verstarb. Meines Erachtens - Beweise kann ich jedoch nicht beibringen - ist dieser Mann dafür verantwortlich, dass sich das Pergament im Besitz des Alcide Dellarda befand, ehe es an den Procurator Rechenblatt kam.
P.S. Letzte Untersuchungen haben ergeben, dass das Datum auf der Rückseite des Pergamentes, Ostern 1282, mit einer Kugelschreibertinte geschrieben wurde, die in dieser Mischung bis zum Jahr 1949 von einer amerikanischen Firma hergestellt wurde. Es ist also zu vermuten, dass Marc Dellarda persönlich das Datum der Sizilianischen Vesper vermerkte, zu einer Zeit, da er noch Offiziersdienst in der US-Army tat.
P.P.S. Caro, du hast uns einen Haufen Arbeit aufgebürdet. Mit Sichtung, Katalogisierung und Auswertung dieser seltsamen Bibliothek aus deinem Heimatort haben wir kaum richtig begonnen. Zudem sind manche der Ablichtungen, die Klangauers nächtlicher Stoßtrupp anfertigte, nahezu unleserlich. Wir brauchen das Testament, um Zugriff auf die Originale zu bekommen. Bitte doch die Frau, mit der du reist, um Auskunft und schick mir baldigst Nachricht! De Kempenaer und die Seinen hetzen und lästern schon wieder von Fälschung. Auch mir erscheint es unglaublich (nicht unglaubwürdig!!!), dass wir hier Teile der Anjouchronik zu lesen glauben. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, wie das zugeht. Sei vorsichtig, ich flehe dich an! Wir haben Anlas, zu vermuten, dass deine Reisegefährtin Prostituierte ist oder zumindest war. Die Konservativen am Behördensitz wetzen ihre Mäuler an deiner Liaison und DEM Sternenputzer steht eine Zornesfalte mehr steilsenkrecht über der Nase. Im Augenblick halte ich mit wenigen Freunden einen nahezu verlorenen Posten. Du selbst musst dich vor den Anfeindungen schützen, ich kann es nicht länger! Kehrt ihr ohne Ergebnisse heim, bringt ihr außer dem Skandal um deine kleine Freundin und der obskuren Lobberter Schlossbibliothek keine Beute, dann sind wir politisch erledigt. De Kempenaer wird dann triumphieren und wir müssen warten, bis du, nach dem Adams Tod, DER Sternenputzer bist. Und das könnte noch lange dauern, denn sein Zorn wirkt wie ein Jungbrunnen. Allen Ernstes äußerte Adam mir gegenüber den Verdacht, ihr hättet in jungen Jahren die Anjouchronik auf Grundlage der Bucholtz‘schen Schlossbibliothek entworfen, sie sei gar nicht Euer eigenes Werk, sondern Plagiat. Du siehst, wie kritisch die Lage hier wird!
Denk bei Gelegenheit mal über die Berliner Kleinkunstbühne VANITAS nach! Im letzten Band der Aufzeichnungen der Familie Bucholtz fand ich einen interessanten Hinweis: Bucholtz schreibt, er weigere sich nunmehr, weiter zu träumen - sein Traum vom einigen Reich Europa sei so sehr verkrustet mit dem Blut zweier Weltkriege und vom Gasgestank durchwabert, dass er, Bucholtz, den Aufenthalt in diesem imaginären, geträumten historischen Raum nicht mehr ertrage. Deshalb wolle er ihn nun den jungen Berliner Theatermachern anvertrauen. Nur in Berlin sei Neuanfang möglich. Die um- und durchmauerte Anlage dieses durchaus realen geschichtlichen Raumes sei wohl die nachhaltigste, traurigste und zugleich chancenreichste Nachwirkung nazistischer Barbarei und Stümperei. Und in der Tat finden wir ja manche Bilder aus Bucholtz‘ Werken (ebenso gut könnte ich sagen: aus Eurer Anjouchronik) im VANITAS-Programm wieder - weiß der Teufel, was diese unzugänglichen Mauerstädter ihrem quellenunkundigen Publikum damit sagen wollen!
Seid vorsichtig, du und Rechenblatt! Und, - verzeih einem guten Freund und alten Beamten das offene Wort: lass dich nicht zu eng mit dieser Frau ein! Du wärest nicht das erste Kollegiumsmitglied, das sich einer Frau wegen zum Narren macht! Du trägst Verantwortung, Berthold! Wir können uns nicht erlauben, dass dein Privatleben den Konservativen als Waffe gegen den Hoffnungsträger der Behörde dient! Doch nun Schluss mit den Poloniusratschlägen! Nur noch einen: meines Erachtens solltest du diese Zeilen vergessen, wenn du deinen Rechenschaftsbericht aufsetzt. Unsere Zusammenarbeit muss im Stillen wirken, nicht öffentlich zerpflückt werden! Alles Gute! Dein BM.


+++

Müde, hungrig, verschwitzt. So klettern wir zum dritten Mal ins selbe Taxi. Wieder herrsche ich den Fahrer an, gefälligst Gas zu geben, obwohl wir doch nun alle Zeit der Welt haben. Entschuldigung erst nach Bedenkzeit. Ich bin es nicht gewohnt, mich zu entschuldigen. In festgefügter Behördenhierarchie gehen mir fast nie die Nerven durch. Der Taxifahrer, scheinbar soeben Moravias Racconti Romani entstiegen, bleibt ganz kaiserlich römisch. Wie könnte ihn irgend ein Sklavenabkömmling aus den düsteren Nordprovinzen jemals beleidigen, zumal wenn ihn die Germanenbraut so süß anlächelt? Nach jedem Schalten fasst er sich in den Schritt.

In der Pension, als ich Mo meine Duschphilosophie erkläre, stichelt sie:
Bedenkst Du gelegentlich, wo ich früher gearbeitet habe? Was glaubst Du wohl, wie gut ich duschen kann! Ich bin die beste Duscherin der Welt.
Von Münzwurftraditionen am Brunnen, von zufallshörigen Spielchen am Tritonenmaul und zielgerichteter Hektik auf dem Forum schweigen wir, da beiderseits beschämt.
Carlo serviert im Doppelzimmer, weil wir nicht mit den anderen Gästen zu Abend essen wollen. Der neue Buffettwagen passt nicht durch die Tür. Wir helfen dem Wirt auftragen: ein Risotto mit den Innereien vom Lamm. Herz, Lunge, Leber. Schwermetallhaltig sollen sie sein, geradezu Erzminen. Rechenblatt spaßt lustlos mit dem Wort Goldgrube herum. Ein Essen aus dem Alchymistenkessel. Der Wein tut das Seine. Der Lapis Niger steht, wo er steht. Das Kreuz samt Denkmal soll gefälligst bleiben, wo der Pfeffer wächst. In Rom gibt es Mahlzeiten, da wird sogar der Misserfolg bedeutungslos. Bei Petra nehmen wir den Digestif. Wir haben sie den ganzen Tag noch nicht gesehen. Wenn das Geschäft läuft, hält sie nächtelang am Tresen aus und kommt erst frühmorgens ins Bett, wenn Carlo schon wieder aufsteht, um zum Großmarkt zu fahren. Den Vormittag verschläft sie dann. Cognac also. Vier weitere Gäste. Ein Blick zur Uhr: bald Spätnachrichten. Am vergangenen Samstag, heute vor einer Woche, hatte ich mich gerade aufgerappelt, um den verpfuschten Tag in Gesellschaft mindestens eines Biers zu verdrängen. Nur eine Woche!
Mo deutet meinen Blick, greift meine Hand und hält sie.
Kaum zu glauben, was?
Wie bitte, fragt der Rechenblatt.
Im Radio verröchelte das neueste Chanson unseres Korrespondenten Zograffe. Falls Euch entgangen ist, EH, mangels Interesse für die italienische Popmusik: vor zwei Monaten hat er seine zweite Schallplatte auf den Markt gebracht die eingeschlagen ist wie eine Bombe. La Bomba heißt denn auch der Titel, der, frech in die Schnauze der Brigate Rosse, von einem verrückten Anarchisten handelt, der den mordlüsternen Chef seiner subversiven Zelle umzubringen versucht, dafür nun im Gefängnis die Köpfe von Schwefelhölzchen abschabt um sich demnächst den Weg in die Freiheit zu sprengen. Urkomisch. Als der ersehnte Tag kommt, sprengt er sich nicht ins Freie, sondern selbst in die Luft und geradewegs in den Himmel, wo ein frustrierter Portier Petrus bei ihm in die Lehre geht, da er ein Attentat auf Gott den Herrn, seinen verhassten Chef, verüben will.

Petra, ganz Kommunistin, drehte das Radio auf. Sie ist eingeschriebenes Mitglied, seit sie den Gebrauch ihres Verstandes erlernt haben will. Felsenfest überzeugt. An dieser Stelle zieht sie meist ihren Namen zum Beweis heran. Petra, weibliche Form des Petrus, der bekanntlich Fels geheißen habe und auch so gewesen sei. Schon deshalb sei ihr auch Zograffes Lied aus der Seele geschrieben. So ist das in Italien: selbst die Kommunisten kommen nicht ohne verbotene Griffe ins katholische Schatzkästlein aus. Usus ist laxe Parteidisziplin. Doktrinäre sind selten. Zudem sind bei Carlo und Petra die politischen Loyalitäten umgekehrt, verglichen mit zahlreichen italienischen Familien, deren Frauen täglich beichten, wohingegen die Männer das Parteibuch küssen. Zwar ist Carlo kein Kirchgänger, keiner von denen, die er Klerikale schimpft, doch er ist Mitglied der DC. Vor einigen Jahren kandidierte er sogar für einen Sitz im Beirat der Region Latium, leider vergeblich, denn so sehr er auf dem Großmarkt auch das Feilschen, Kungeln, Handeln, das ... gibst du mir, dann kriegst du ... aus dem Effeff beherrscht, politisch tritt er kompromisslos für seine Meinung ein und ist daher ein chancenloser Außenseiter geblieben. Versprengter Liberaler in den Reihen der Democrazia Cristiana, der sich in seiner Rolle pudelwohl fühlt. Solch unterschiedliche Auffassungen hindern das Paar mitnichten daran, eine harmonische Ehe zu führen.

Heute war Petras Harmoniebedürfnis gestillt. Kaum war Zograffes Chanson ausgeblendet für eine schräg gravitätische Zwischenmoderation, die überhaupt nicht ins Programm passte, hob sie an zu zischen und zu fauchen, fluchte römisch und laut genug, dass die anderen Gäste, zwei Vertreter, eine dürre Lehrerin auf Urlaub und ein Maler, der als Dauergast zum Sondertarif in der Pension lebt, missbilligend zu uns hinüberblickten. Im Lauf der letzten Jahre hatte der Gästestamm gewisse Wandlungen durchlaufen: Schülergruppen zum Niedrigpreis fand man jetzt nicht mehr in der Pension, nur noch halbwegs solide Gäste. Wie uns.
Americani, zischte Petra, ein niedlicher Drache, der vergebens versuchte, feuerspeiend bedrohlich zu wirken. Maledetti Americani! So ging es etliche Minuten, durchsetzt von Tiraden gegen Imperialismus und Mafia. Sobald sie dieses letzte Wort in den Mund nahm, spie sie nicht nur Gift und Galle, sondern auch etwas Speichel. Zwischendurch Petras übliche Attacke gegen den bürgerlichen Journalismus. Ein Allgemeinplatz, der Rechenblatt und mich meinte, da wir uns in Rom als Journalisten ausgaben, den wir jedoch diskret zu überhören pflegten. Manchmal, EH, behandelte sie uns wie missratene Söhne und ließ uns viel Kritik aber noch mehr Fürsorge angedeihen. Petras leibliche Kinder, trotz frühen Übens brachte sie es auf nur zwei Töchter, hatten längst geheiratet, die Ältere, ein wenig ungeliebte, den Inhaber einer Kette von Einzelhandelsläden im Veneto, die junge einen erfolglosen Schriftsteller, der nie ganz auf den Wellen des hektischen Literaturbetriebes mitschwimmt. Mit ihm lebt sie in einem winzigen Dorf in der Bassa, direkt am Po. Beide Töchter lernten ihre Männer in der Pension kennen und führen - nach Petras mütterlichen Angaben - glückliche Ehen: das Nesthäkchen als geduldige Muse und Angestellte eines Landmaschinenverleihs, womit sie allein den Lebensunterhalt bestreitet. Carola aber teilt ihr Leben zwischen ausgedehnten Urlaubsreisen, Repräsentation und Shopping auf. Früher fand sie das Hotelfach reizvoll und sollte in die Pension eintreten, doch das Projekt scheiterte, was mich eigentlich nie gewundert hat, denn Carola ist das geborene Luxusgeschöpf. Faul, anspruchsvoll und aus jeder Pore ihres jung schon mürben Fleisches trieft schwüle Erotik. Maledetti Americani, tönte es wieder von jenseits des Tresens. Trotz ihrer linken Neigungen schilt Petra meist nicht pauschal die Amerikaner, sondern gezielt den Präsidenten, den Sicherheitsberater, dies vornehmlich in der Ära Kissinger, einfach den Schauspieler oder, seit Amtsantritt der neuen Administration den Hurenbock. Als sie nun anfing, den Amerikanern Attribute aus dem, überdies einschlägig erkrankten, Genitalbereich anzudichten, erkundigte sich Rechenblatt, was denn um Himmels willen ihren Ausbruch so unzulässig kollektiviert habe . Petra trat einen Schritt zurück und klirrte gegen die Vitrine mit Flaschen und Gläsern, ohne glückverheißende Scherben anzurichten. Sie machte große, dumme Augen, wie der Triton vom Nachmittag. Ja wisst Ihr denn nicht, was passiert ist, blaffte sie?
Was wir verneinen mussten, hatten wir doch darauf vertraut, die Morgenzeitungen hätten noch ausausreichend Gegenwartsgehalt. Und auf die Abendnachrichten warteten wir schließlich noch.
Lächerlich! Und so was will Journalist sein! Die Verachtung in Petras Stimme war nicht ausschließlich gespielt. Erst spät nachts ließ sie sich wieder dazu herab, mit uns zu reden. Vorläufig aber stapfte sie hinter ihrem Tresen hervor und stellte den Fernseher an. Lächerlich, absolut lächerlich! Wir hatten uns in der Vergangenheit der Stadt gesuhlt, den lieben langen Tag hindurch Selbstmitleid geköchelt und ohne Erfolg historische Alchymie betrieben. Was moderne, kriegstaugliche Biologie unterdes in Sizilien besorgt hatte, auch jenen diplomatischen Zwischenfall in Rom, der daraus resultierte und dem Geschehen unwiderruflich zur internationalen Dimension verhalf - das alles hatten wir verpasst.

Nach unserem Kenntnisstand saßen die Cousins Gibbalde, der Giftkardinal und sein mafioser Müllkutscher von der amerikanischen Cosa Nostra, unerreichbar für die italienische Justiz in der amerikanischen Botschaft, der Villa Taverna, nahe Villa Borghese und Zoologischem Garten. Ein italienisches Ersuchen, die diplomatische Immunität der Gangster aufzuheben und sie direkt vor dem exterritorialen Botschaftsgebäude auszuliefern war vom Botschafter auf Weisung aus Washington abgelehnt worden. Präsident Tuft, dem man neben aller Hurerei (pfui! sagt Mo mit spitzem Mündchen, indem sie den Satz diktiert) doch auch politische Vernunft nachsagte, war zurückgetreten, Denis ‚Goldfinger‘ Quayle, der Sniper, nahm schon die Amtsgeschäfte wahr. Washington wollte in verfahrener Situation hegemoniale Macht demonstrieren. Wie üblich übersah man, dass allenfalls rasche Schadensbegrenzung noch Erfolg versprach.
Außerdem hatten die hochdotierten Europaspezialisten des Secretary of State vergessen, dass die Geschäftsführung aller Anti-Mafia-Aktivitäten auf italienischer Seite augenblicklich in Brigadegeneral Scorzis energischer Hand lag. Paradoxerweise gelang es dem sogar, von der unübersichtlichen innenpolitischen Situation noch zu profitieren, mit Unterstützung des Ministerpräsidenten übrigens, denn offiziell war die Koalition noch nicht zerbrochen und Della Gloria amtierte vorläufig. Wenn auch nur für wenige Stunden hatte er sich von Staatspräsident Manfredi zusätzlich das vakante Amt des demissionierten Innenministers Bardolo übertragen lassen, Scorzis Kompetenzen noch mal erweitert und in einem Interview erklärt, er übernehme jede Verantwortung für etwaige außenpolitische Folgen von Scorzis Maßnahmen. In Dauersitzung tagte die Fraktion der Christdemokraten und wagte nicht, offen die verlogen rechtsstaatliche Position des ehemaligen Innenministers zu unterstützen. Es stellte sich heraus, dass Bardolos Gefolgschaft doch kleiner war als angenommen und nicht ausreichte um Della Gloria zu stürzen. Bardolos Mafiakontakte, die ihm neben schärfster Kritik auch den Ruf eines schillernden politischen Exoten eingetragen hatten, erwiesen sich als unerwartetes Hemmnis. Dreiundvierzig Leichen auf der Fähre und die Gifttoten Siziliens waren zu anrüchig, sie stanken zu bestialisch gen Himmel, um mit einem Freund dieser mutmaßlichen Massenmörder offen zu paktieren.
Den Schwebezustand nutzte Scorzi. Nachdem ein hoher Beamter des Außenministeriums als Berater zu seiner Kommission gestoßen war, machte der Brigadegeneral sich ans Werk. Jedes Fahrzeug, das die US-Botschaft verließ, wurde im Widerspruch zum internationalen Recht durchsucht. Man öffnete natürlich keinen einzigen Diplomatenkoffer und sah erst recht keine Papiere ein, doch überprüften die Carabinieri, ob einer der Gibbaldes unter den Insassen, unter den Sitzen oder im Kofferraum hinausgeschmuggelt werden sollte. Sie verstießen wohl krass gegen diplomatische Gepflogenheit, aber die Italiener waren inzwischen so erbost über den Stil der USA, dass auch sie die Samthandschuhe auszogen: Nieder mit denen, Daumen runter, das Volk im Colosseum fällte sein Urteil.
Der Gerechtigkeit halber muss ergänzt werden, dass es am frühen Vormittag zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen war, ehe Scorzi seinen Carabinieri-Kordon um die Botschaft legte: mit Sondergenehmigung des Flughafentowers Leonardo da Vinci war ein Helikopter der US-Navy auf dem Botschaftsgelände gelandet, um den Gesandten auf einen Flugzeugträger im Mittelmeer zu fliegen, zu welcher Konferenz auch immer. Scorzi hatte protestiert. Brüsk hatte die Botschaft jedoch abgelehnt, den Italienern einen Blick in die Maschine zu erlauben. Daraufhin hatte der Tower die Starterlaubnis verweigert, der Hubschrauber war am Boden geblieben und die Dienstreise des Botschafters drängte plötzlich gar nicht mehr, nachdem auf diesem Wege die Gibbaldes nun einmal nicht außer Landes zu schaffen waren. Wir ließen die Cognacflasche gleich auf dem Tresen stehen. Die unvorstellbar dumme Sturheit der US-Verantwortlichen versetzte sogar amerikanische Massenmedien in Rage. Öffentlich konstatierten sie, nach dem AIDS-Kranken Tuft habe nun offenbar ein geisteskranker Präsident die Regierung übernommen. Bald holte Petra eine neue Flasche.
Was nun das italienische Fernsehen über die Lage in Sizilien mitteilte, war bei weitem nicht so geordnet und überschaubar, wie wir es hier darstellen. Vieles wusste man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Manches wurde nicht ausdrücklich gesagt, viele Äußerungen unter Vorbehalt gemacht und wir reimten uns allerlei zusammen. Da jedoch die Ereignisse verdienen, im überschaubaren Zusammenhang bewertet zu werden, wollen wir hier so tun, als wäre uns in dieser Nacht schon jedes diesbezügliche Faktum bekannt gewesen. Folgende Nachrichten machten die harte Haltung Della Glorias verständlich:
Auf Sizilien wütete das Bakterium. Zu Beginn der Bergungsarbeiten auf dem Spielplatz war ein Teil der Nährflüssigkeit aus dem geborstenen Fass verdunstet und die kleinen Killer hatten sich im Luftraum Sciaccias verbreitet, weshalb die Stadt evakuiert war. Heftig wurden jetzt die Bergungsspezialisten angegriffen, da sie versäumt hätten, vor Abtragung des Spielplatzsandes das aufgesprengte Kunststoffass abzudichten. Sie entschuldigten sich mit ihrer völligen Unkenntnis der Natur des Bakteriums, der genauen Beschaffenheit von Nährlösung und physikalischer Eigenschaften jenes Kunststoffes, woraus die Fässer gefertigt waren. Ins Blaue hinein hätten sie arbeiten müssen, ohne die elementarste Information, weil Zeit zur vorbereitenden Analyse nicht vorhanden gewesen sei, und überdies die Amerikaner immer noch jede Mitwirkung bei der Bergung ablehnten. Ja: hätte man gewusst, was man nun wisse - alles wäre halb so schlimm gekommen. Aber man sei erst aus Schaden klug geworden - habe nicht die geringste Chance gehabt, den Schaden zu vermeiden. Dies vor allem empörte Italien: dass die Amerikaner lebensrettendes Wissen unter Verschluss hielten. Nun hatte der Schaden aber katastrophales Ausmaß. Stürme verwirbelten Sciaccias verseuchte Luft über dem Südwesten Siziliens. Sintflutartige Regenfälle schwemmten die Bakterien in den Boden, ins Grundwasser, in Zisternen, stehende und fließende Gewässer, wo sie sich in exponentiellem Wachstum vermehrten. Die Wasserversorgung der Region, ohnedies in jedem heißen Sommer prekär, brach ausgerechnet der Regenfälle halber vollends zusammen. Tödlich war es, den Dampf des Geschirrspülers einzuatmen. Das Rasensprengen führte mit Gewissheit zur mörderischen Tröpfcheninfektion. Trinken war tödlich. Ein einziger verseuchter Regentropfen verdarb binnen Stunden Millionen Liter eines Wasserreservoirs zu Gift.
Nur ein Lichtblick. Zufällig hatten italienische Biologen bei eiligen Versuchen mit der Substanz festgestellt, dass das Bakterium kein Salz vertrug - auch kein Salzwasser! Somit bestand zumindest keine Gefahr für das Mittelmeer. Hätten die Amerikaner ihre Fässer einfach ins Meer gekippt, nichts wäre passiert, doch das hinwiederum hatten die US-Biologen nicht gewusst - sie wollten eine billige Massenvernichtungswaffe herstellen, an Schutzmaßnahmen gegen ihr Mordwerkzeug waren sie nie interessiert gewesen, genossen sie doch selbst den Schutz hermetisch ausgeklügelter Labortechnologie. Jedenfalls war nun bekannt, wie man den Kampfstoff mit primitivsten Mitteln unschädlich machen konnte. Die Fässer selbst stellten keine Problem mehr dar. Unmöglich schien jedoch, die bereits verseuchte Region zu retten. Sollte man tausende Quadratkilometer mit Salz zuschütten? Das Grundwasser versalzen?
In wilder Flucht verließen Menschen die Region, denn es genügte schon, nur einen feuchten Lufthauch zu schnappen: war das Bakterium einmal im Körper stand ihm die Gewebsflüssigkeit als Lebensraum zur Verfügung und der Betroffene war rettungslos verloren. Säugetiere krepierten. Ihr Fleisch war ungenießbar. Pflanzen, auch Kulturpflanzen, konnten mit dem Bakterium leben, waren jedoch nicht mehr zum Verzehr geeignet, All dies hatten wir tagsüber verschlafen oder verquasselt.
Plünderungen: durstige Sizilianer erschlugen einander für eine Flasche Wein, Mineralwasser, Limonade. Heereseinheiten wurden eingeflogen, um der Lage Herr zu werden. Massenkarambolagen. Panik. Hilflose Ärzte. Leichen auf der Straße. Nichts funktionierte mehr, keine Verwaltung, nichtmal die lokale MAFIA . Noch ungezählte Opfer. Jeder Überblick verloren. Vorsorglich hatten Wasserwerke die Leitungen gekappt, damit niemand irrtümlich trinken und sterben konnte. Das hieß aber auch: Waschen war unmöglich, keine Toilettenspülung mehr, in Kürze würden Seuchen aus Hygienemangel ausbrechen, mit dem Bakterium war‘s nicht genug. Beschlagnahmte Tanklastzüge unter Armeeschutz (in Marsala war ein solcher Lastzug überfallen worden,  Fahrer und Beifahrer erschossen) karrten Wasser, Wasser, Wasser. Eine halbe Nacht und ein Tag, ein paar Fässer auf einem Spielplatz, ein bisschen Sturm und Regen hatten das Schicksal der Region apokalyptisch besiegelt : zwischen Mittelmeer und einer Linie , die man von Marsala über Corleone und Lercara nach Agrigento ziehen konnte, war alles Wasser bitter, der Mensch vom Tod bedroht und jede Zukunft abgesagt. Außerhalb dieser Zone vertraute man auf die günstige Lage geologischer Wasserscheiden, so dass Restsizilien nach Expertenmeinung mit dem Entsetzen davonkommen würde. Auch ging man davon aus, dass die Regenfälle nicht viele Bakterien mehr in der Luft gelassen hatten und plante, auf lange Sicht, tatsächlich Salz zu streuen.
In pathologischen Instituten ganz Italiens wurden die Leichen von Opfern seziert. Die toten Körper hatte man beschlagnahmen müssen, sie waren nicht in ausreichender Zahl von Hinterbliebenen zur Obduktion freigegeben worden. Pathologen glaubten, einer weiteren Hoffnung auf der Spur zu sein: der menschliche Körper enthält in Blut und Zellflüssigkeit einen 0,9prozentigen Kochsalzanteil. Vereinzelt waren in Menschenleichen tote Bakterien isoliert worden, Salz, sei es auch nur in Spuren vorhanden, beendete ihr Leben über kurz oder lang. So brauchte nicht befürchtet werden, dass infizierte, sterbende Menschen oder Vögel das Bakterium in bisher verschont gebliebene Regionen einschleppten. Auch war denkbar, dass mit der Zeit Mineralsalzspuren im Süßwasser wirksam würden. Rom versprach umfassende Hilfe und hatte einen zweiten Krisenstab gebildet, der an der Katastrophenbewältigung arbeitete, so wie Scorzis Kommission das ihre bei Verfolgung der Täter leistete. Die EG-Nachbarn sagten jede erdenkliche Unterstützung zu. Romanow schickte ein Team sowjetischer Militärbiologen.
Ein Physiologe kommentierte die Leistung amerikanischer Gentechniker, künstliche Lebensformen zu erschaffen, für welche Kochsalz tödlich sei. Bemerkenswert, sagte der Mann. Vom rein fachlichen Standpunkt bemerkenswert. In vitro belebter Stoffwechsel, der salzlos arbeiten kann, ja muss, weil er am Kochsalz stirbt. Faszinierend! Überall im Lande waren Ausschreitungen gegen amerikanische Staatsangehörige in Gange. Harmlose Touristen waren Hauptbetroffene. Die Regierung mahnte zur Besonnenheit.
Die Grenzkontrollen waren im Laufe des Tages gelockert worden. Offenbar hatten die Sicherheitskräfte den Hauptteil ihrer MAFIAernte eingefahren.
In New York planten die UN eine Sondersitzung. Der japanische Botschafter musste als Doyen des diplomatischen Corps in Rom auf amerikanischen Druck hin widerwillig gegen Scorzis Maßnahmen protestieren.
In allen Großstädten Italiens antiamerikanische Demonstrationen. Transparente mit Losungen, wie: Frankensteins Piss Off. In den folgenden Wochen sollten sie auf Buttons und Sticker geprägt, an Häuserwände gepinselt und quer über Verkehrsschilder gesprayt werden. Sie trafen die Stimmung der Italiener. Die hatten genug von ihrer arroganten Schutzmacht jenseits des Ozeans. Sie hassten die winzigen Homunculi aus der Retorte seuchenbiologischer Zauberlehrlinge und verwahrten sich gegen eine Behandlung, wie die USA sie ihrem lateinamerikanischen Vorhof angedeihen lassen.
Kardinal Salambwe bewies guten Willen. Auch Details, die für den Vatikan beschämend waren, wurden öffentlich eingestanden. So war festgestellt und zugegeben worden, dass Kardinal Gibbalde schon seit geraumer Zeit Vatikangeld in Mafiaunternehmungen investiert hatte. Sogar von Unterschlagungen war die Rede.
Neue Einzelheiten aus Westeuropa: gewunden äußerten Regierungssprecher Unverständnis für die amerikanische Haltung.
Den moralischen Zeigefinger erhob der Ostblock (Schmutzränder unterm Fingernagel: einem vereinbarten Moratorium zum Trotz - und offenbar gegen den Willen Romanows - hatte die Rote Armee zwei Tage zuvor unterirdisch Atomwaffen getestet.) Lüge: so gehen wir nicht mit unseren Verbündeten um! Lüge: wir produzieren keine chemischen oder biologischen Waffen! Wir behalten Technologie stets unter Kontrolle! (Außer wenn ein Kernkraftwerk havariert! Aber das ist ja menschliches Versagen, nur menschliches Versagen, nichts sonst, die Technik ist perfekt! Na, sicher: sie vollendet und vollzieht das menschliche Versagen.) Hoffnungsschimmer: Romanow nutzte die Gelegenheit, eine partnerschaftliche Sicherheitspolitik ohne Horrorwaffen vorzuschlagen. Bedenklich: einige Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes erlaubten sich offen, auf der ersten PRAWDA-Seite, eine gegenteilige Meinung.

Wir hatten keine Meinung, fällten kein Urteil, waren betrunken. Lange hatten Nachrichtensendungen einander abgelöst. Nüchtern waren sie, sachlich, angesichts der Ereignisse zu sachlich, - oder wir waren längst zu abgestumpft. Soundsoviele tote Sizilianer? Wir leben!

Sehen wir Dürstende plündern? Schauen wir apokalyptische Bilder in unserer Trunkenheit? Wer brüllt und gellt vor Schmerz in Krankenhausfluren und Altenheimen? Wie viele Beichten hat der Priester abgenommen, während wir hier sitzen? Wie viele letzte Ölungen, des Sternes Wermut wegen, der alle Wasser bitter macht?
Wie viele Flaschen Limonade stehen im Schrank? Geteilt durch vier, fünf, sechs, tränken sie uns bei sparsamstem Durst bis ... ? Bis wann reichen sie? Und dann? Wir können den Hof doch nicht verlassen! Das Lebensmittelgeschäft würde geplündert . Du bist ein guter Hirte, du lässt die Herde nicht allein auf ihrer kargen Weide am Hang. Was geschieht, wenn du am Montag nicht im Büro erscheinst? Du kannst nicht fliehen! Wie bitte? Auch der Chef schon fort? Na dann!
Straßenbahnen ohne Fahrer, leer, sperren die Kreuzung. Schaufensterscherben auf der Straße, wo geplündert wurde. Flüchtende Autoreifen platzen. Stolpern über tote Körper - oder lebt er noch? Zurück und tasten nach der Halsschlagader!
Die Ärzte spritzen sich selbst Aufputschmittel. Durchhalten, man hat mal diesen Eid geschworen! Schon wieder ein Paar Augen zugedrückt. Nur lindern, keinem helfen. Ob mein Latexhandschuh dicht ist?
Ins trockne Klo geschissen. Den Arsch gewischt. Kein Wasser aus dem Hahn zum Händewaschen. Brennende Autos nach Unfällen. Die Gasexplosionen der Selbstmörder. Oder jemand hat das Licht eingeschaltet, obwohl es doch im Flur streng roch.
Ein Dorf in den Monti Sicani: der verzweifelte Patriarch ersäuft drei Enkelkinder in der Zisterne, um ihnen das Sterben zu erleichtern. Dann schießt er sich mit der Lupara durch die Brust. Als die Frauen vom Tanklastzug zurückkehren, wo sie Wasser geholt haben, plärrt immer noch das Kofferradio die toten Ohren voll. Die Männer sind in Deutschland, verrichten Gastarbeit. Die Frauen fliehen. Drei Tage später stellt das Räumkommando fest: in dieser Zisterne ist das Wasser rein geblieben, gefahrlos hätte jedermann es trinken können.
Wie wirkt das Bakterium? Überfrisst es sich am Salz, weil es gerade an dieser Substanz Mangel leidet? Verursacht es Entzündungen lebenswichtiger Organe? Schwächt es das Immunsystem? (Bald sollte sich herausstellen, dass HIV-Infizierte grundsätzlich überlebten, auch wenn das Bakterium in ihrem Blut gefunden wurde.)
Wie wird er einmal wissenschaftlich heißen, dieser Killer? Wir planen Namen und verwerfen sie in sinnlos trunkener Geschäftigkeit. Wie riecht Sizilien diese Nacht? Am Ölmangel erloschen das ewige Licht? Ganz dunkel? Nur Scheinwerfer auf Straßen , die nach Nordosten führen? Oder steht bleich die Mondsichel am Himmel und leuchtet dem großen Schnitter? Wer hat vergessen, die Leuchtreklame anzuknipsen?

Später stieß Carlo zu uns. Die Gäste waren längst gegangen. Der Wirt befand sich in einer grauenhaften Stimmung: am Radio in der Küche hatte er Meldungen verfolgt. Nun sagte er, der ehrenwerte Liberale unter Christdemokraten, kurzerhand: Kopf ab!
Wir hielten ihm zugute, dass sein Atem nach Grappa roch. Bevor wir nächtens zu Bett stolperten, rief Carlo noch seine drei Küchengehilfen an, erteilte ihnen Auftrag, das sonntägliche Frühstück allein zu richten, da er, der Wirt, dringend ausschlafen müsse. Dann verschwand das Ehepaar, gleichgewichtig schwankend, Arm in Arm. Wir drei halfen uns gegenseitig: Monica und ich brachten zuerst den Rechenblatt aufs Zimmer. Anschließend half sie mir aus der Hose, dann stolperte sie und fiel auf die Knie. Merkwürdig, wenn sie fällt, fällt sie immer aufs Knie. Wie ich die aufgeplatzte Porzellanscherbennarbe vom vergangenen Sonntag versorgte, erinnert keiner von uns. Jedenfalls war sie, als wir aufwachten, verbunden und der Verbandskasten stand auf dem Nachttisch.


+++

Via San Ludovico. Via Aracoeli. Palazzo Cesare Colonna, Sitz des Theatermäzens, der neben dem restaurierten Marcellustheater wohnte, seinem zivilen Lebenswerk, bevor der letzte große Krieg des Reiches den Widerstrebenden zurück in die Räume des Kronfeldherrnamtes am venezianischen Ludwigsplatz beorderte.
Ist das der, dem Rainhald Pompeius von Klingenhoven zu Bucholtz als Seekriegstaktiker zur Seite stand?
Exakt, bestätigte Rechenblatt. Cesare Colonna führte den Krieg bloß linkerhand. 1618 vergiftete er den letzten Orsini bei einem Gelage, ließ seine private Leibgarde den Palazzo Orsini besetzen und - mit Genehmigung Venedigs - den Palast abbrechen.
Aber wieso?
Na, um das Theater wieder aufzubauen, zu dem Caesar, Caius lulius diesmal, nicht Colonna, den Grundstein gelegt - und Augustus im Jahr 13 pcn Richtfest gefeiert hatte, indem er es seinem Schwiegersohn Claudius Marcellus widmete. Zwei Reihen Arkaden standen ja noch und dienten als Vorbild. Das Marcellustheater also wurde rekonstruiert und Jahrzehnte hindurch zur ersten Bühne des Reiches, weil Colonna Unsummen investierte. Er zog die besten Schauspieler nach Rom, indem er sie, statt einfach fürstliche Gagen zu zahlen, mit Gold aufwog. Shakespeare wurde von hier aus in ganz Europa publik. Schon 1618, zwei Jahre nach seinem Tod, wurde hier im halbfertigen Theaterbau eine lateinische Fassung des Macbeth gegeben, kaum acht Jahre nach der Uraufführung im Globe und sogar fünf Jahre, bevor das Stück englisch im Druck erschien. Eine sensationelle Inszenierung! Bei der Premiere trat Colonna, der sich seines Giftanschlags auf die Orsini überhaupt nicht schämte, geschminkt als eine von drei Hexen auf und rührte mit im Topf. Erinnerst Du die beiden Kinder im Vierten Aufzug, die dem Kessel entsteigen, eins blutig, das andere mit Krone auf dem Kopf und Baum in der Hand? Ihren Text ließ Colonna leicht abändern. Er aktualisierte das Stück gleichermaßen, was damals zwar kaum verstanden wurde, aber großes Aufsehen erregte. Das blutige Kind sprach:
Sei blutig, kühn und frech, lach aller Toren, dir schadet keiner, den ein Weib geboren - kein solcher kränkt Anjou, solang sein tapfres Schwert ihm steht zur Seite. Womit natürlich Colonna selbst gemeint war.
Das zweite Kind, das gekrönte, es trug statt des Baumes eine perlenbestickte Nachtmütze in der Hand, deklamierte:
Sei löwenkühn und stolz, nichts darfst du scheuen, solange dir nicht nächtens üble Träume dräuen. Anjou wird nie besiegt, bis er bei Nacht sich selbst ein Bild vom eignen Untergange macht.
Danach ging die Aufführung werktreu weiter und es war nicht mehr von Träumen, sondern vom Birnamswald die Rede. Der Junge aber, der nacheinander die beiden Kinder gespielt hatte und dem giftigen Hexengebräu als Schicksalskünder entstiegen war, wurde sehr populär, ein gefeierter Kinderstar, über jedes Verfallsdatum hinaus. Erst als er endgültig zu groß war, um die Rolle noch zu spielen, nahm Colonna ihn aus dem Ensemble. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Naja, sagen wir so: wir schrieben seine Geschichte nicht zuende. Das Marcellustheater jedenfalls hatte mit einem Paukenschlag eröffnet. Später, sogar als der letzte europäische Krieg politische Neuigkeiten im Übermaß bot, schickten während der dreimonatigen sommerlichen Theatersaison (es handelte sich ja um eine Freilichtbühne) alle großen Zeitungen des Reiches Sonderkorrespondenten nach Rom.
Hm. Mo war unsicher. Soweit ich weiß, bezogen die Orsini erst zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts den Bau, wie konnte Colonna sie hundert Jahre vorher draus vertreiben?
Wir sind zwar nicht Herren der Geschichte, doch über unsere Träume herrschen wir sehr wohl, grinste Rechenblatt.
Aha, lachte auch sie, als ein kostümierter Capitano aus der Commedia dell‘Arte vor dem Theater großspurig ein Taxi heranwinkte. Der Wagen fuhr aber nicht sofort los, sondern wartete, bis Colombina, Arlecchino und ein schwatzhafter Dottore zugestiegen waren.
Augustus, sinnierte ich im Weiterschlendern. Erhaben. Reizvolles Phänomen, nicht bloß, weil ursprünglich er das Theater baute. Wie wurde aus dem feigen, hinterlistigen Früchtchen Octavian, das vor der entscheidenden Seeschlacht bei Actium aus Angst Toga und Tunika vollschisss, jener weise, milde, große Princeps Augustus, der seinen Ehrentitel durchaus zurecht trug, sieht man von Ovids Verbannung ab, der dummen Nachfolgeregelung, dem Umgang mit Germanicus und ein paar anderen Schweinereien. Der Rechenschaftsbericht lag mir im Magen, EH! Wie wurde aus dem kleinen Kacker, dem dummen August, der Augustus der Res Gestae Divi Augusti, dieses in Stein gemeißelt über das ganze Reich verbreiteten Rechenschaftsberichts? Wo hätten wir Denkmal und Kreuz versteckt, Rechenblatt? Wir zwei beide? Warum nicht bei der Ara Pacis? Beim Friedensaltar eines goldenen Zeitalters?
Aber diesmal wusste es Rechenblatt besser: Irrtum, die Ara Pacis wurde erst unter Mussolini identifiziert und ausgegraben. Ältere Hockenbrannts oder Rechenblatts konnten unmöglich von ihr wissen. Schade um die schöne Symbolik, ärgerlich auch, ausgerechnet dem Duce diese Perle zu danken. Zu deutsch, wieder mal. Ob's Zufall ist, dass speziell Deutschen und Italienern der Traum vom Reich zum Alp geriet? Zufall? Wahlverwandtschaft? Das Krönungshinundher der Kaiser über die Alpen? Egal, in der Ara Pacis brauchen wir jedenfalls nicht zu suchen!
Ein Stück weiter öffnete uns die Via Foro Olitario den Blick auf die Tiberinsel. Dort vielleicht? Insel gleich Atlantis? Aufbewahrungsort des Kreuzes gleich Reminiszenz an Familienlegende? Erhob sich nicht in der Antike hier der Tempel des Heilgottes Äskulap? Könnten die Ahnherren nicht auf Heilung geschichtlicher Krankheit angespielt haben? Stand nicht heute noch hier das Hospital der Barmherzigen Brüder? Träumten Ratsherren die Insel vielleicht, weil Aufbewahrungsort des zwölften Kreuzes, vollends als Lazarettschiff, mit Travertin verkleidet, als Mast den Obelisken gen Himmel? Fluchtboot vom Untergang eines Kontinentes? Willenlos zufällig näherten wir uns der Bocca della Verita, von der Hand in den Mund. Man schwört auf dieses Maul der Wahrheit, wie Ihr ja wisst EH. Meineidigen beißt es die Hand ab. Leidet es an Maulsperre, so schlägt hinter der runden, schaurigen Bronzeschönheit das Schwert des Henkersknechtes zu und hackt die Hand ab, die zum Schwur auf den geöffneten, schnauzbartumwallten Lippen des Tritonen liegt.
Los doch, neckte Monica. Sei kein Feigling, versuchen wir‘s, einer nach dem anderen.
Rechenblatt aber hatte Sorgen:
Weißt Du noch Berthold, wie wir uns immer gefragt haben, was inmitten der übrigen Sudeleien die eingekerbten Großbuchstaben GKM bedeuten mögen?
Na was schon, fragte Mo. Mach hinne, ich will spielen!
Ghika, Mattheus, skandierte Rechenblatt. Für den Henker, dem unsere Ahnen ihr Leben verdanken.
Gesetzt den Fall, dass Bucholtz nicht log, wandte ich ein. Rechenblatt aber hatte schon seine Hand im Tritonenschlund und rief:
Bucholtz lügt nicht! Mattheus Ghika aus der Walachei, Generalprofos Seiner Majestät des Kaisers, verewigte sich hier, nachdem er in einem Hochverratsprozess seines Amtes gewaltet und einem Meineidigen die Hand abgehackt hatte. So schreiben wir es als Zusatz in die Anjouchronik. Der wahrheitshungrige Triton biss nicht zu. Dennoch fingerte Rechenblatt weiter im Maul, pochte schließlich mit dem Knöchelchen des Zeigefingers auf Tritons Lippen und auf Wahrheit.
Seht Ihr, EH, so lächerlich Szenen wie diese Euch anmuten, auf ebensolche Weise, immer spontan, entstand die Anjouchronik. Wir schrieben sie nicht ab, wie politische Gegner uns nachsagen. Wir tragen keine Schuld an der Austauschbarkeit von Träumen. Wir können nichts dafür, dass Träume Spuren hinterlassen, die zu verfolgen sinnvoll sein mag.
Ganz nett, sagte Monica wenig begeistert. Aber wir suchen das letzte von zwölf Kreuzen, das auf einer Anhöhe verborgen sein soll. Was läge nun in Rom näher, als die sieben Hügel durchzuspielen? Sie schubste Rechenblatt beiseite, zupfte den Tritonen am Schnauzer und legte ihm vertrauensselig ihre Hand ins Maul. Collis Viminalis, sagte sie gewichtig, einer der Sieben, darauf die Diokletiansthermen. Dorthin brachten die Räte ihr persönliches Kreuz. Dem Triton stand das Maul offen, so dass Mo ihre unversehrte Hand hervorzog.
Das hast Du nun davon, meinte Rechenblatt. Jetzt mach Dich gefälligst auf zu den Diokletiansthermen, wenn schon der Triton hier nicht schnappt.
Woraufhin Rechenblatt seine nervösen Hände gleich beide in das Loch schob und auf den Palatin schwor, ausdrücklich anmerkte, der Hügel werde nur fälschlicherweise Palatinus Mons genannt, sich jedoch darauf versteifte, das Kreuz sei irgendwo in der Wirrnis jener Palastruinen verborgen, von denen es auf der Anhöhe wimmelt. Dann war ich an der Reihe und tippte auf den Quirinal, der in sinniger Weise die Gedankenbilder von Anhöhe und Grube nebeneinander gelten lässt, weil der Baumeister Apollodor von Damaskus seinen Gipfel für das Trajansforum abzutragen befahl. Mir zuckte es in den Fingern, aber weder Aberglaube noch Ungeziefer bissen zu. Gar nicht so dumm, die Bocca della Verita. Nun sollten gleich drei unvereinbare Behauptungen zutreffen. Gar nicht so dumm! Dem Prüfling selbst vertraute der Lügendetek