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Plumbum Agrippae ... archiviert, wie seit Oktober 2008, was Adam Bonaventura Czartoryski uns hinterließ. Er deponierte es auf seinen Schreibtisch, bevor er sich für unser Bündnis mit dem Orakelrat opferte. Entnehmen Sie die näheren Umstände dem widerwort vom 18.08.2008.

Wir veröffentlichen hier sein Vermächtnis als plumbum agrippae 2.0.

Gegeben zu Venedig im Großen Archiv, Februar 2018

Antje Peeters, successor principis

DER Sternenputzer ist tot! Adam Bonaventura Czartoryski Augustus, Clarator Magnificus Stellarum Princepsque Collegii Claritatis Stellarum weilt nicht mehr unter uns. Bislang sein Stellvertreter, steige ich in die viel zu großen Stiefel, sobald das Zeremoniell vollzogen ist: Sein schmächtiger Leib, die gelbe Greisenhaut über dem starkknochigen Skelett, geht auf in Rauch und Asche. Sodann inthronisiert mich das Collegium in einem Festakt, doch bereits jetzt, bereits seit der notariell beglaubigten Todesminute, bin ich de jure wie de facto Adams Nachfolger. Bin Herr der Behörde – heiße DER Sternenputzer!
Mein Name ist Berthold Hockenbrannt Augustus, Clarator Magnificus Stellarum et cetera, et cetera, pipapo, und ich notiere diesen Mumpitz in das altehrwürdige Tagebuch der Magnifizenzen. Er liest sich nicht viel besser als der Mumpitz meiner Vorgänger, soviel immerhin kann ich schon feststellen, obwohl mir zur systematischen Lektüre bislang die Zeit fehlt. Was ich aber überflog: Noch jeder hier glaubte, unter dem Druck zu brechen. Verflucht sei also der Tag meiner Aufnahme in die Studentenschaft! Offiziell – und für jeden anderen außer dir, mein Nachfolger, schreibe ich artig: Vivat DER Sternenputzer!

Reiß dich zusammen, Anfänger! Leiste gefälligst Widerstand! Selbstzweifel, Größenwahn Furcht oder Korruption kommen noch früh genug, das ist der Lauf der Dinge. Auch mir wird es nicht anders gehen. Auch das hätten wir voraussehen müssen, als es noch zu ändern war. Nun können wir weder uns selbst noch die Behörde noch der Geschichte Lauf im erforderlichen Umfang korrigieren.
Die allzu menschliche Schwäche, einem allein die Macht anzuvertrauen, hat Katastrophen ohne Ende gezeitigt, ebenso wie die gescheiterten Versuche mit kollektiver Entscheidung. Unsere Behörde nun, die trotz ihrer Fehler und Schwächen die Weisheit und die Träume der Jahrtausende verwaltet, sucht zwischen den Extremen einen Mittelweg, der den Bestand sichert. Bisher! Weitgehender Delegation administrativer Macht an die drei Einzelmagistrate steht die Richtlinienkompetenz DES Sternenputzers gegenüber. Auf diesen Säulen ruht der Bau. Dazwischen tanze ich auf meinem Seil.

Spielerisches ist mir fortan verboten, private Assoziation muss ich mir abgewöhnen. Meinen eigenen gewundenen Pfaden darf ich nicht länger folgen, sondern muss Wegweiser aufstellen auf fremden breiten Straßen. Fressen wird mich das Amt, wie es noch jeden meiner Vorgänger fraß, der sich dem nimmermüden Eifer von neun Praefecten und siebenundzwanzig Procuratoren, den Analysen, Modellen, Szenarios, den eisigen Kalkulationen und überhitzten Phantasmagorien der übrigen dreihundertvierundzwanzig Behördenbeamten stellte – ganz zu schweigen von den Ansprüchen der begabtesten Studenten an mich, ihren ersten Lehrer.

Dabei darf ich mich glücklich schätzen, wenn die Geschichte mir überhaupt erlaubt, normalem Kräfteverschleiß und der schleichenden Ermattung des Willens zu erliegen, denn vor Neapel kreuzen nach wie vor feindliche Flugzeugträger mit ihren Kampfverbänden und Berlins Situation erinnert täglich mehr an die schlimmsten Tage der Luftbrücke. Den finalen Konflikt aber würden nicht einmal wir überleben, nicht einmal unter den Tonnen Felsgesteins, das uns beschützt. Bricht ein Atomkrieg aus, dann werde ich DER Sternenputzer mit der kürzesten Amtszeit, die in den Annalen verzeichnet steht – wenn dann überhaupt noch jemand da ist, um etwas aufzuschreiben. Vielleicht stehen wir zu dieser Stunde zum zweiten Mal in unserer achttausendjährigen Geschichte vor dem Weltende. Diesmal ohne Fluchtpunkt. Dennoch werde ich nicht die Schmach des Rücktritts auf mich laden, wie Siau Chou, der Amtsvorgänger meines toten Herrn.
Bald nachdem er mich zum Praefecten ernannt hatte, schied er aus DEM Amt, um seinem alten Traum gemäß auf den Inseln, die vom Kontinent unserer Herkunft Zeugnis ablegen, chinesische Gärten anzupflanzen. Selbst heute noch sprechen die Kollegen nur hinter vorgehaltener Hand von ihm. Bei aller Klugheit sind sie von grausamer Härte gegen alles, was sie als Verletzung der Amtspflicht empfinden. Ich weiß, wie viele seiner Freunde weinten, als Siau Chou ging, aber noch immer würden sie eher sterben, als ihm eine Zeile zu schreiben oder ihn zu besuchen.
Was denkt Siau Chou heute? Von Adams Tod hat er erfahren. Der Notar hat ihn benachrichtigt, denn dem Collegium gehört man auf Lebenszeit an, sogar wenn man zurückgetreten ist, anstatt zu verrieseln in den schwarzseidenen Polstern des mächtigen Lehnstuhls, zum Ticken der acht Weltzeituhren im Amtszimmer DES Sternenputzers.
Wie ich ihn hasse, diesen Sessel hinter dem pompösen Schreibtisch! Es kommt soviel zusammen, auch mein Widerwille gegen die schiere Überdimensioniertheit des Arbeitsplatzes, seine kalte, in Schwarz und Silber gehaltene Pracht, die ich binnen kurzem gegen das wohltuende Chaos aus Büchern, Papieren und Geräten der Kommunikationselektronik eintauschen soll, das sich auf meinem bisherigen Schreibtisch türmt und in den Kirschholzregalen breit macht. Nur wenige Schritte: zur Tür, durchs Zimmer meines Famulus’ über den marmornen Gang, durch das verwaiste Sekretariat DES Sternenputzers bräuchte ich zu tun – und stünde in der neuen fremden Welt, die ich auf Menschenmaß zurückstutzen muss. Es wäre nutzlos, einfach nur im Amt zu überleben, ich muss dem Amt und den Resten von Macht neu Sinn einhauchen. Nur gut, dass meine Kollegen diese Ausführungen nie lesen – mit Ausnahme von dir mein Freund, dessen Namen ich nicht kenne und den sie mir doch bald zum Nachfolger wählen. Es würde schwierig, ihre Loyalität zu gewinnen, wüssten sie bereits jetzt genau, wie weit meine Pläne reichen. Besser, ich lasse sie mutmaßen!
Doch zurück zu Siau Chou! Wir hören gern den Rat von Collegen, die kein Amt mehr innehaben. Jedem außer sich selbst und seinem Stellvertreter, mag DER Clarator Magnificus die Erlaubnis zum Rücktritt erteilen. Er darf – muss keineswegs! Für uns sind Männer, die im Guten aus dem Dienst schieden, noch wichtiger als gemeinhin die Elder Statesmen und es stellte einen untragbaren Verlust dar, wollte ich gerade auf den Rat Siau Chous verzichten, nur weil die übrige Behördenleitung ein antiquiertes Amtsethos pflegt. Als jüngster und sicherlich unwürdigster Herr, den die Behörde jemals hatte, bin ich auf die Fähigkeiten seines Kopfes angewiesen und gedenke, mich ihrer zu bedienen. Schon bald besuche ich ihn in seinem Gartenrefugium. Werde mit Menschen- und mit Engelszungen um ihn werben. Sollte es mir misslingen, diesen funkelnden Geist in meine Pläne einzuspannen, kann ich ihm gleich beim Unkrautjäten helfen, statt zum Schreibtisch heimzukehren.

Gewiss ist es die sonderbarste unter vielen Eigenheiten der Behörde, dass sie nie jenen Menschen wählt, dem sie sich ausliefert, sondern den Stellvertreter, der DEM Herrn einst nachfolgt, wenn er nicht vorher stirbt oder seinen Verstand verliert. Der Stellvertreter also wird gewählt. Schon tags darauf ist DER Clarator Magnificus befugt, jeden wahlberechtigten Kollegen zu befördern oder degradieren, mit einer Ausnahme: Den Stellvertreter, den sie ihm bestimmt haben, behält er.
Wen also wählen sie? Rächen sie sich mit ihrer Wahl am Heimkehrer von einer Reise, die ich als unumgängliche Notwendigkeit, sie hingegen als „Hockenbrannts Eskapaden der letzten Wochen" bezeichnen? Bestimmen sie einen aus der konservativen Fraktion, von dem sie wissen: Mit dem kann Hockenbrannt nicht arbeiten? Hoffentlich überwiegt ihr Verantwortungsgefühl den Wunsch, mir eins auszuwischen! Mag sein, ich habe ihnen vieles zugemutet: die Italienreise. Traumfährten, die wir aufspürten. Querverbindungen von der Behörde zum Sprengstoffanschlag der Mafia. Lorwitz' Bibliothek mit den »Bucholtzpapieren«. Die »Anjouchronik« und mit beiden Büchern die Umkehrung unserer Agenda
Verzeihen sie des Hockenbrannt und Stephan Rechenblatt verbriefte Herkunft? Vielleicht entschuldigen sie auch zwölf Reliquienkreuze und jene schwarze Kugel, die ganz und gar unmythische, erdhaft politische, zornig und hoffnungslos gemeißelte Wirklichkeit des urtümlichen Alchymistentraums vom Stein der Weisen? Sogar Michelangelos Brief und den Sisyphus vom Kapitol mögen sie hinnehmen, doch nie und nimmer Monica.
Alles andere tolerieren sie im Bewusstsein, dass unser Behördenschifflein wieder flott werden, wieder aufs Meer hinaus muss. Die Frau jedoch, die Rechenblatt jetzt gerade durch unsere Hallen führt, verzeihen sie mir nie, mag das Collegium auch noch so tief in ihrer Schuld stehen. Da mögen meine Kollegen lang und breit die Paragrafen der Behördenkonstitution zitieren: Ich werde dennoch ändern, was mir schlecht erscheint! Da mögen sie auf Tradition und Herkommen pochen, sich legalistisch gebärden noch und noch - jeder weiß, welch allzu menschliche Abneigung unter dem Brustton der Überzeugung vor sich hinkeift: der Falten Aufstand gegen glatte Haut. Längst zu den Akten gelegtes Leben, das nicht wieder hervorgekramt sein will. Die trügerische Sicherheit berechenbarer Männerwelt wähnt sich gefährdet. Kontemplative Ruhe raschelt Widerwillen gegen den Einbruch ihrer Munterkeit. Trotzig stampft tausendjähriger Beamtendünkel mit dem Fuß.
Wen wählen sie nach dem Affront? Doch sei das Hemd mir näher als der Rock: Wem gebe ich die Stimme? Dem Rechenblatt? Qualifiziert ihn unsere Freundschaft? Ist er der Beste, weil er Spuren fand in dem Gehölz bei Swiecie, nah dem Geburtsort Czartoryskis? Wird Rechenblatt mein Nachfolger? Oder bleibt ihm die Fron erspart, weil er zwei Jahre älter ist als ich?

*****

„Bertuccio, mein Freund, beißen wir in den sauren Apfel“, sprach Gerrit Daniel de Kempenaer. „Rechenblatt wird‘s – ohne ihn geht’s nicht!“
„Ohne ihn und seine Mätresse, wolltest du sagen!“ So nämlich hatte ich den Satz des Holländers in jeder Tonlage gehört: ironisch, zornig, resigniert. Er war ehrlich genug für ein verbissenes Nicken.
Ob irgendwann der Ältere dem Jüngeren nachfolgt oder ob die Nachfolge dem Stephan Rechenblatt Augustus, Proclarator Stellarum Cancellariusque Collegii Claritatis Stellarum erspart bleibt, weiß ich nicht. Soweit in die Zukunft zu schauen, ist insbesondere mir, dem Notar der Behörde, verboten. Aufzuschreiben habe ich vielmehr, was gegenwärtig Frucht der Vergangenheit und Saat für Zukunft ist.
Zunächst: Sie wählten ihn! Nicht etwa, weil sie Rechenblatt liebten, schätzten, oder auch nur achteten, sondern wie Zocker, die alles auf eine Karte setzen. Das Collegium weiß, Hockenbrannt braucht seinen Freund und so bekam er ihn, da die Behörde Hockenbrannt braucht, verzweifelt braucht, mehr als jeden seiner Vorgänger. Sei es zum Guten oder Bösen, in seiner Hand liegt unser Schicksal. Deshalb warf das Collegium allen Gehorsam, warf totale Loyalität in die Waagschale. Es war ein großes Schauspiel, wie sie sich einer nach dem anderen erhoben, sich überwanden und ein jeder rief: „Auch meine Stimme Rechenblatt!“
Siebenunddreißig Collegiumsstimmen waren abzugeben. Rechenblatt wurde proklamiert und erhielt fünfunddreißig Stimmen, darunter weder seine eigene, noch die des Clarator Magnificus. Schon fünfundzwanzig Stimmen hätten ausgereicht.
Sie tuschelten schon, während Adams Leichnam gen Himmel fuhr, Masse sich in Energie verwandelte, aromatische Öle kaum den Gestank des brennenden Fleisches überdeckten. Bei dieser Zeremonie konferierten sie erstmals, seit ich das Collegium einberufen hatte, um den Tod DES Sternenputzers öffentlich zu machen. Die Tage der Aufbahrung hatten sie damit zugebracht, ihre Berichte an DEN Neuen abzufassen. Sie hatten sich in ihren Privatwohnungen verschanzt, ohne Gelegenheit zu Wahlabsprachen. Offenbar waren jedoch die meisten schon mit sich allein zu dem Entschluss gekommen, für Rechenblatt zu stimmen. Um Hockenbrannts willen! Alle, außer den beiden Freunden mutmaßten längst vor der Wahl, wen sie treffen würde. Mit welch überwältigender Mehrheit sie aber ausging, sah niemand kommen. Hier griff ein Zufall Platz, der uns Demut lehren sollte. Besonders mir gilt die Kritik, denn wer, wenn nicht ich, hätte ahnen können, dass ausgerechnet de Kempenaer, das geistige Oberhaupt der Konservativen, sich zum Propagandisten Rechenblatts aufwerfen würde? Dieses Rechenblatt, der, weit davon entfernt, zu kandidieren, sich mit Händen und Füßen gegen das Amt sträubte!  Da spielte die Kausalität Verstecken im Herzen eines alten Okkultisten, der Zeit seines Lebens esoterisches Wissen evaluiert hatte: Gerrit Daniel de Kempenaer Augustus, Praefectus in Magistratu Ordinis Collegii Claritatis Stellarum. Der Haudegen. Das Findelkind.

Wie der Findling zum Namen kam? Am zweiten Januar des Jahres 1903 wurde das blau gefrorene Menschlein vor dem Parktor eines Landsitzes entdeckt, den die Familie de Kempenaer nahe Amsterdam unterhält. Die Patrizier nahmen es zu sich, adoptierten schließlich den Säugling und erzogen ihn mit den eigenen Kindern. Trugen die Windeln auch kein gesticktes Monogramm und fand sich nirgends das anklagende Zettelchen einer im Stich gelassenen jungen Mutter, war auch der Hausherr hoch über jeden moralischen Zweifel erhaben, so war das Knäblein doch gezeichnet, wie es zwingender kaum denkbar schien. Unter seiner linken Achsel bewies nämlich das dolchförmige Muttermal, seit Generationen unter den de Kempenaers vererbt, zweifelsfrei die Zugehörigkeit des Kleinen.
Den Wunsch seiner Familie achtend, doch gegen seinen eigenen Willen, schlug Gerrit Daniel die Soldatenlaufbahn ein. Beim Einmarsch der Deutschen im Jahre 1940 kommandierte er im Range eines Oberstleutnants Kolonialtruppen auf Niederländisch-Timor. Wir stutzen: mit  siebenunddreißig Jahren Oberstleutnant, beachtliche Karriere hinter sich, eine weit größere in petto, und dennoch kaltgestellt auf dieser heißen Tropeninsel? Wir wälzen Personalakten. De Kempenaers Vorgesetzte hielten ihn, so wörtlich: „... für einen mäßigen Reiter, aber guten Fechter und Schützen. Von hoher Intelligenz, berechtigte seine taktische und strategische Begabung zu schönsten Hoffnungen, wäre de Kempenaer nicht in anderer Hinsicht ein bedauernswerter Spinner.“
Was dahinter steckte, hat mein heutiger Kollege mir vor vielen  Jahren einmal eröffnet. Begonnen hatte es bei einem dienstlichen Gespräch:
„Herr General, ich gebe nochmals zu bedenken, dass wir unbedingt die deutsche Invasion einkalkulieren sollten!“
Mit unverhohlener Wut stach General Deerpmanns das Obstmesser in den Apfel, den er von der antiken Seladonschale genommen hatte – dem einzigen zivilen Gegenstand in seinem Dienstzimmer.
„Ihre Entschiedenheit, de Kempenaer“, schnarrte er fast preußisch. „Ihre Entschiedenheit wollen Sie sich gefälligst an den Hut stecken! Sie sind doch Offizier, Mann, Sie sind doch keine wahrsagende Vettel, die ihren Kaffeesatz nach Zukunft umgräbt! Mit absoluter Gewissheit wird das Deutsche Reich nicht – ich wiederhole: NICHT! – die Neutralität und Souveränität der Niederlande verletzen.“
Warum wollten sie nicht verstehen? Warum ignorierten Politik und Offizierskorps die Logik, nach der ein Einmarsch zwangsläufig erfolgte bei  Ausbruch des nächsten Krieges? Den Fakten hätten sie doch trauen können, wenn schon nicht de Kempenaers besonderer Inspiration.
Dabei war Deerpmanns kein Trottel! Zwar passte auch auf ihn das chinesische Sprichwort: Aus gutem Eisen macht man keine Nägel – aus guten Männern keine Soldaten. Trotzdem hoffte de Kempenaer, ein letzter Versuch mit den Fakten könne nicht schaden.
„Becks Leute, die oppositionelle Gruppe hoher Militärs, die via Vatikan Beziehungen nach London unterhält – selbst diese Offiziere warnen, General!“
Deerpmanns zerfleischte sein Obst. Apfelkerne spritzten über die Personalakte.
„Bullshit, Mijnheer! Sandkastenspiele im OKW! Womöglich provoziert Beck sogar. Wir bleiben hübsch in Deckung. Sie hingegen Kempenaer, mitsamt ihrem magischen Gedöns, brauchen dringend frischen Wind im Oberstübchen. Übermorgen schiffen Sie sich auf der MS Elmina ein. Ich habe mit dem Minister gesprochen. Unterzeichnen Sie Ihr Versetzungsgesuch!“
Als Offizier hatte de Kempenaer zu gehorchen. Mechanisch wischte er von seiner Ecke des Schreibtischs die Apfelkerne und unterschrieb. Sein Kiefer knackte, als er sprechen wollte, aber Deerpmanns ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
„So!“,  sagte der General zufrieden. „Sie melden sich in Bandung, wo Sie Ihren Marschbefehl nach Kupang empfangen, um unsere Einheiten zu inspizieren. Japanische Agenten sind dort rührig. Halten Sie die Augen offen. Außerdem heißt es, man transpiriere stark in dieser Gegend, sodass die vage Chance besteht, Sie schwitzen sich den okkulten Kram aus dem Leibe. Wegtreten!“
Der Boskop, den Deerpmanns aufspießte, als Oberstleutnant de Kempenaer salutierend kehrt machte, brach das letzte Schock Äpfel an, das der General in Friedenszeiten verzehrte.
Befehlsgemäß schiffte de Kempenaer sich ein und gelangte, Sonne und salzige Gischt auf der Haut, zur kleinen Hafenstadt Kupang auf Timor, deren schimmliges Panorama ihn trotz aller Hitze frösteln machte. Dort auf Jahre festsitzen? Ein Urteil, das dem Liebhaber gemäßigterer Zonen übertrieben hart schien. Im Schrank würden die Bücher faulen und jeder schlimme Traum von Mangrovensümpfen handeln.
Worin er jedoch irrte. Denn, unterfordert von bloßer militärischer Pflichterfüllung, stürzte de Kempenaer sich in einen Taumel der Laster, kaum, dass noch Zeit für die private Forschung blieb. In Rumschwaden gehüllt torkelte er zu Bett und stand wieder auf, nach Nächten, in denen er sich zunächst lüstern, dann mehr und mehr abstumpfend durch alle Schattierungen asiatischer Frauenhaut hurte. Trotzdem gewannen seine Voraussagen an Präzision. Daran änderte auch jener Mückenstich nichts, der ihm die Malaria ins Blut impfte, weil eine Gespielin das Moskitonetz offen gelassen hatte. Im Gegenteil: Wenn ihn Anfälle schüttelten, sah er besonders klar.
Timor war längst vergessen, de Kempenaer zum Obersten befördert, als die Japaner kamen. Seine Warnungen hatte man wie gewohnt überhört. In puncto Borniertheit stand der gemeinsame alliierte Generalstab von Bandung um nichts jenen Militärs nach, die mutwillig Europas Verteidigung gegen Nazideutschland hintertrieben hatten. Erneut winkten Goldbetresste ab, wenn Gerrit Daniel de Kempenaer unter den Ventilatoren ihrer Kolonialbüros vorsprach, mit immer exakteren Voraussagen. Nicht nur Ort und Zeit japanischer Landungsunternehmen kündigte er an, auch Truppenstärke oder Bewaffnung des Feinds war ihm geläufig, und bald skizzierte er auf Generalstabskarten den javanischen Frontverlauf, sprich: Nippons unaufhaltsam vorrückende Spitzen. De Kempenaer strichelte die roten Pfeile zuverlässig mindestens vier Tage, ehe sie sich im Dschungel und auf Landstraßen manifestierten, doch half dies keinem der armen Teufel, die sinnlos fielen oder verschleppt wurden in japanische Kriegsgefangenschaft.
De Kempenaer, der vergeblich alles getan hatte, um sie zu retten, gedachte nicht, ihr Los zu teilen. Bei einem letzten Pokerspiel, nüchtern und hellsichtig für die Karten der Mitspieler, erwarb er die zur Flucht nötige Barschaft. Als am achten März 1942 die Alliierten kapitulierten, pflügte Gerrit Daniel de Kempenaer die Javasee. Mit ein paar wohlhabenden chinesischen Flüchtlingen, die zu Verwandten nach Südamerika wollten, hatte er ein halb wrackes Frachtschiff gechartert. Hollands Soldlisten führten ihn als Deserteur – was in Buenos Aires niemand störte.

Nicht nur die Luft tat ihm gut. Sobald die Militärlaufbahn, um das chinesische Wortspiel zu strapazieren, am Nagel hing, kam seine esoterische Forschung voran. Er entschloss sich zu systematischem Theoriestudium an der Universität von Buenos Aires, und schon vier Jahre darauf glänzte de Kempenaer mit einer Dissertation über das »I Ching«, die im spanischen Sprachraum Aufsehen erregte und dem Buch der Wandlungen  in bescheidenem Umfang neue Leserkreise erschloss. Schade nur, dass er unter falschem Namen bekannt wurde in seiner Fachwelt – zunächst auch in der Behörde. Um sich die Rückkehr nach Holland nicht ganz zu verbauen, hatte der Deserteur das schlichte Alias Claas Keuyper gewählt und im perfekt gefälschten Pass eintragen lassen, mitsamt dem unveränderlichen Merkmal, das er dolchförmig unter der Achsel trug. Billig waren solche Pässe nicht, doch Keuyper konnte sich das Exemplar problemlos leisten, hatte er sich doch zum gefürchteten Glücksspieler gemausert, dem die Casinodirektoren gern die Tür gewiesen hätten, ohne die beachtlichen Trümpfe in seinem Ärmel. Für den Fall eines Hausverbotes nämlich wollte er seine Methode der Nummernvoraussage beim Roulette öffentlich bekannt geben. Da er überdies das Spielsystem bei diversen Notaren und Rechtsanwälten zum Zweck sofortiger Publikation im Todesfall deponiert hatte, konnte man ihn nicht einmal nachts in ein Messer laufen lassen. Einstimmig beschlossen die Casinodirektoren, Keuyper zu tolerieren, zumal er nie abstoßend gierig wurde. Sobald eine Summe eingespielt war, die ihm zwei Monate sorgenfreies Leben erlaubte, tauschte er die Jetons in Bargeld, ging heim und erst, wenn er neues Geld brauchte, spielte er wieder, doch nie zweimal nacheinander im selben Haus. Die Direktoren ließen ihn zufrieden, und im Gegenzug verteilte er den Schaden gleichmäßig. So hätte es lange weitergehen können.
Jedoch: Cancer, der Krebs, wendet sich am Himmel und frisst im Meer. Den Praefecten de Kempenaer zwickte er unter der linken Achsel. Beim Rollen der Elfenbeinkugel, daheim wartete ein Foliant aus der Universitätsbibliothek, juckte plötzlich das Muttermal. Unbeherrschbarer Reiz zwang de Kempenaers Hand zum ererbten Dolch. Fluchtartig verließ er das Casino, um die angegriffene Leiblichkeit vor dem Spiegel zu untersuchen. Nicht länger in gewohntem Braun prangte es da auf Brustwarzenhöhe: Nein, körniges Blau mischte sich unter die Alltagsfarbe des Males, das ausgelaufen war wie ein Tintenfleck, doch seine Form, auch umfänglich verändert, beibehielt. Als kleine pustelartige Erhebungen standen die blauen Körner, eingelassen wie Edelsteine, auf Griff und Klinge des Dolchs. Nach Fingernägeln verlangten sie, die kratzten, quetschten, ins Fleisch schnitten und dem rostigen Braun des Metalls und den Splittern von Lapislazuli rubinrote Blutstropfen auftupften. Die Wundränder trockneten, verschorften und der Schorf wollte nun seinerseits abgekratzt werden von de Kempenaers wohlgepflegten Fingernägeln. Ein Teufelskreis: Puder verklumpte mit Schweiß und juckte umso mehr. Salben schlugen nicht an. Ärzte diagnostizierten verwickelte lateinische Wortgebilde, doch erst, als das Jucken alles Erträgliche überstieg, ergab sich der Niederländer dem einhelligen Urteil der Doktoren und Quacksalber und entschloss sich zum neuerlichen Klimawechsel. Der Dolch sollte nicht vollends bösartig werden.
Mit Gewinn verkaufte er die kleine Villa im barocken Kolonialstil, die er etwas außerhalb der Stadt erworben hatte. Mit mehr Gewinn die Sammlung präkolumbianischer Artefakte. Nur seine Bücher nahm de Kempenaer an Bord, als er sich Ende November 1947 im Alter von  vierundvierzig Jahren einschiffte. Der Luxusliner unter panamesischer Flagge hatte, die Karibik im Heck, vor Buenos Aires die Menschen wimmelnden Häfen des südamerikanischen Festlands nach reichen Großbürgern, Plantagenbesitzern und Viehbaronen abgeklappert. Solche Leute machten nun Sightseeing durch das vom Krieg verwüstete Europa. Und die Route war frequentiert, obwohl der Flüchtlingsstrom, der den Ozean umgekehrt passierte, naturgemäß überwog. Zielhafen war das bombardierte Hamburg.
Dem Passagier Claas Keuyper brachte die Reise zunächst keine Besserung: Kein Gedanke, dass Seeluft und Sonne, die doch angeblich bei Hautkrankheiten jeder Art halfen, auch ihn genesen ließen. De Kempenaer litt, wie er später erklärte, im vollen Bewusstsein, dass dieses abwechselnde Jucken, Kratzen, Bluten und Verschorfen ihn einer Bestimmung zuführe. Er habe sich damals entschlossen, den Dampfer im ersten Hafen zu verlassen, wo er Linderung seiner Beschwerden spürte, so mein Kollege. Ich kann das nicht prüfen, doch bestätigen die folgenden Ereignisse seinen Bericht.
Fest steht, dass er in Hamburg die Gangway hinabstieg, mit Gepäck – was auf mangelnde Absicht schließen lässt, wieder an Bord zu klimmen. Hier quälte das Jucken weniger. Hier glaubte er, seinen Bestimmungsort erreicht.

In jenen Tagen weilte auch ich in der zerstörten Hansestadt, in Erwartung des Boten, den mir die Behörde schicken wollte. Als Nachfahr des letzten venezianischen Dogen Ludovico - vulgo Luigi - Manin trage ich, wie de Kempenaer, Erblasten mit mir herum, vor allem Luigis unrühmliche Rolle bei der Besetzung meines neutralen Venedigs durch den korsischen Emporkömmling Buonaparte, der uns in die Revolutionskriege zerrte. Mit dem Brand des Arsenals, der Dogenbarke Bucintoro und der symbolischen Vernichtung des Goldenen Buchs im Jahr 1798 schied Venedig aus dem europäischen Mächtekonzert. Solche Ereignisse gliedern den historischen Diskurs. Man denke nur an die alljährliche Vermählung des Dogen mit dem Meer, an den Trauring, den er von Bord seiner vergoldeten, purpurgeschmückten Barke in die Lagune warf, aus ebenjenem Bucintoro, der im Zustand eines ausgebrannten, schwarzen Wracks noch als französisches Gefängnis diente. Nur Venezianer können diese Schmach ermessen. Und zu den Venezianern zähle ich mich, selbst wenn unser Geschlecht, aus dem Etrurischen stammend, später im Friaul siedelte, auf der Terra Ferma also, und somit nicht unbedingt stadtvenezianisch galt. Im Versuch, die Erblast zu abzutragen, hatte ich ein Werk verfasst, das sich mit folgendem Fragenkomplex auseinander setzte: Wie wäre Venedigs Geschichte verlaufen, wie hätte sie verlaufen können, wären die Symbole einstiger Größe nicht so schnöde geplündert und zerstört worden, wäre mein Urahn nicht jener Schwächling gewesen, der er nun einmal war und hätte dem Korsen etwas mehr Widerstand entgegengesetzt? Hätten die Restauratoren des Wiener Kongresses die Serenissima Repubblica wieder hergestellt? Was hätte dies für den weiteren Verlauf bedeutet, beispielsweise für die italienischen Einigungskriege, den Risorgimento? Ohne Manini weder Cavour noch Garibaldi? Vorarbeiten zum Buch hatten die ganzen Kriegsjahre beansprucht. Ich hatte diese Zeit auf Elba verbracht, von den Faschisten dorthin verbannt. Elba! Mich nach Elba in die Verbannung zu schicken, in die Fußstapfen des besiegten Buonaparte! Welch perfider Sinn für Ironie bei den Schwarzhemden!
Mein Buch jedoch war geglückt, 1946 verlegt worden und in die Hand des damaligen Clarator Magnificus gelangt. Offenbar hatte es den Ansprüchen der Behörde genügt, denn man hatte mir einen Studienplatz angeboten. Ich hatte akzeptiert, saß nun in Hamburg und wartete auf einen Korrespondenten, der mich zum Sitz der Sternenputzer führen sollte.
De Kempenaer begegnete ich in einer zum Jazzlokal ausgebauten Bombenruine. Er kratzte sich. Ich wartete, da der Behördenbote erst Tage später eintreffen sollte. Beide tranken wir Bohnenkaffee – im Deutschland kurz vor der Währungsreform nur gegen harte Devisen erhältlich. Trotzdem schwappte mir das kostbare Nass auf die Hosen, als de Kempenaer mein wackliges Holztischlein anrempelte.
„Signor Manini?“, fragte er. „Bertuccio Manini?“ Ich nickte stumm. Wunderte mich, dass er meinen Namen kannte.
„Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Claas Keuyper. Aus Buenos Aires. Ich las Ihr Buch mit viel Vergnügen und Gewinn. Meine Studie über das »I Ching« ist Ihnen gleichfalls bekannt, vermute ich? Und nun erwarten Sie diese merkwürdigen Geheimniskrämer?“ Zuerst hielt ich ihn für den verfrühten Boten. Es dauerte, bis ich ihm glaubte, dass er gar nicht von der Behörde kam. In nur ihm selbst erklärlicher Weise hatte ihm Hellsicht alles offenbart. Mit so etwas geht man als Neuling schwerlich unbefangen um. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte, aber er machte es mir leicht. Zwar verabredeten wir uns gelegentlich zum Kaffee, um über unsere Arbeiten zu diskutieren, doch auf die ersten Sätze, mit denen er sich bekannt gemacht hatte, kam er nicht mehr zurück. Erst als der Behördenbote eintraf, um mich abzuholen, erfasste ich das ganze Ausmaß von de Kempenaers Hellsicht. Bei Erwähnung seines Namens horchte der Korrespondent auf. Seit längerem hatte sich die Behörde mit der Absicht getragen, auch de Kempenaer den Eintritt in ihre Studentenschaft anzubieten. In Argentinien hatte der dortige Korrespondent den gerade Abgereisten verfehlt. Seither suchte die Behörde ihn vergeblich, unter richtigem, wie angenommenem Namen. Das Jucken hatte de Kempenaer nach Europa geführt, der Zufall an meinen Kaffeetisch und schließlich zu unserem heutigen Dienstherrn. Ich arrangierte ein Gespräch mit dem Korrespondenten, und de Kempenaer nahm die Offerte an. Beim Sitz der Sternenputzer wurde er von dem geschwollenen, verschorften, juckenden Dolch an seiner Seite befreit, dem Kainsmal damals unbekannter Schuld. Erfolgreich rückten Sternenputzerärzte ihm zu Leibe. Den weit fortgeschrittenen Chirurgen der Hohen Behörde bereitet auch die Transplantation umfänglicher Hautpartien keine Schwierigkeit.
Gemeinsam studierten wir, lernten die Arbeit der Sternenputzer. Gemeinsam wurden wir in den untersten Beamtenrang übernommen, gleichzeitig zu Legaten erhoben. Dann folgte die Procuratur und mit ihr die Mitgliedschaft im engeren Collegium Claritatis, der eigentlichen Behördenleitung. Schließlich die Praefectur: Für de Kempenaer im Magistratus Ordinis, für mich im Magistratus Observationis. Wir wurden Freunde in den Jahren, vier Dezennien blieben wir einander eng verbunden über jede politische Differenz hinweg: Er ist der Führer der Konservativen und ich spiele eine nicht unmaßgebliche Rolle in jener Fraktion, die schon immer dafür plädierte, die Sternenputzer sollten wieder ins Weltgeschehen eingreifen, wie sie es einst taten und dann – aus gutem Grund – aufgaben. Deshalb stritten wir um Hockenbrannt und Rechenblatt, als sie so jung und dumm bei uns aufgenommen wurden – ihrer genialen Idee wegen. Wir blieben sogar Freunde, als ich mich mit anderen schützend vor die jungen Beamten stellte gegen de Kempenaers Anfeindungen. Nun haben die beiden Jünglinge uns überflügelt und sind gemäß Verfassung der Behörde unsere Herren.
„Bertuccio, mein Freund“, so sprach de Kempenaer, „lass uns Rechenblatt wählen. Tun wir das nicht, stellen wir unserem neuen Herrn nicht seinen Freund zur Seite, wird er scheitern. Hockenbrannt braucht Rechenblatt und seine Mätresse. Schlimm zu wissen, doch ich weiß es!“
Inzwischen kenne ich de Kempenaer zu gut, um zu fragen: woher? Behauptet er in diesem Ton, er wisse, weiß er. Punktum. Wenn dieser knochenköpfige Niederländer die Wahl Rechenblatts zum Stellvertreter forderte, aus seiner Sicht alle Hoffnung auf eine Verzweiflungstat setzend – dann kann noch nicht alles verloren sein.

******

Der Rechenblatt ist schon ein arges Großmaul - jubelt mir als Motto meiner Amtszeit unter: die Quadratur des Kreises! Da gab es schon bescheidenere Motti. Doch will ich ihm zugute halten, dass er den Vorschlag beim Wein machte, als wir die unerledigten Gespräche vieler Wochen nachholten, nachdem uns Gerrit Daniel de Kempenaer, bislang nicht unser intimster Freund, mit Rechenblatts Proklamation über die Maßen erstaunt hatte.
Nun tun sich neue Perspektiven auf. Der Erdrutsch hat im Collegium das Unterste zuoberst gekehrt, und endlich kann ich, dürfen wir, auf einem Fundament aus Loyalität planen, wie verlässlich auch immer. Nun mag das große Revirement hintanstehen – draußen warten dringlichere Aufgaben. Zumindest gibt es dort jetzt eine Chance, seit das Collegium in toto zu mir steht, wie dauerhaft auch immer. Zweifel als Leitmotiv ...
Trotzdem werde ich meinen Dank abstatten, wie es sich gehört und mit in allen Protokollfragen der Tradition beugen. Auch Rechenblatt soll meinethalben durchkommen mit seinem Vorschlag namens QUADRATURA CIRCULI. Unmögliches versuchen zwecks Annäherung an das Machbare. Zudem nicke ich den Vorschlag für die Gestaltung des Siegelrings ab: Drei gleich große Quadrate, um ihren gemeinsamen Mittelpunkt gedreht, sodass ein zwölfstrahliger Stern entsteht, mathematisch dem Ovaloiden auf dem Kapitol ähnelnd, mit dem Michelangelo Buonarroti allerlei zudeckte. Ja, ich weiß, metaphorisch wirkt all das ein bisschen überanstrengt, aber man muss mit dem Material arbeiten, das zur Verfügung steht.

Seit nahezu achttausend Jahren sind die Vorbereitungen zur Inthronisation DES Sternenputzers beinahe unverändert. Schrift und Symbol des Siegels werden in die runde Goldplatte gestochen, die bis zu diesem Zeitpunkt glatt poliert im Thronsaal liegt, in der Vitrine über der Präfectenbank. Der goldene Stock bedruckt reinweiße Seide mit traditionell gewonnenem Purpur. Amtierend oder nicht: Jedes Mitglied des Collegiums erhält einen solchen Druck, jeder Beamte, jeder Korrespondent außerhalb des Behördensitzes, sogar die Studenten der Sternenklarheit, damit jeder, den es angeht, DES Sternenputzers Siegel kennt. Elf weitere Exemplare des Drucks gehen an die Archive. Dann wird der Druckstock mitsamt Purpurflecken eingeschmolzen. Aus dem Siegelring des Amtsvorgängers wird der Stein gebrochen. Der Goldschmied lässt ihn in den Thron DES Sternenputzers ein. Das Gold des Rings wird unter das geschmolzene Metall des Druckstockes gegeben und zerfließt. Zuletzt entnimmt der Zeremonienschmied dem Schmelztiegel genügend Gold für einen neuen Ring, füllt die stählerne Gusshohlform und lässt das verbleibende Gold als runde Platte erkalten, die im Thronsaal ausgestellt bleibt, bis sich der Vorgang eines hoffentlich sehr fernen Tages wiederholt.

So sitze ich einerseits auf den abgewetzten Siegelsteinen aller gewesenen Sternenputzer und trage einen Ring am Finger, der Metallspuren all ihrer Ringe enthält. Zuletzt wird mein Siegel in Amethyst gestochen, der tiefviolett und vollkommen klar sein muss ...

Stephan Rechenblatt kicherte. Nicht, dass er – bei aller Nervosität und seinem ständigem Getue mit der Baskenmütze – albern wäre – nein, hier entlud sich eruptiv der Druck der letzten Wochen.
„Statt Handauflegen besser eine Maulschelle“, witzelte er und meinte die Krönungszeremonie, die uns bevorstand, da ich der Tradition die Zügel schießen lasse. „Eine saftige Ohrfeige als Revanche für all die Knüppel, die sie uns zwischen die Beine warfen.“
Ich überging seine Bemerkung. Die Inthronisation wird ohnedies zur Plage.
Unter zwei Namen läuft die Show: Krönung oder Inthronisation. Wer den ersten benutzt, spricht wie in alten Zeiten, denn heutzutage trägt DER Sternenputzer keine Krone mehr. Bevor jedoch der mittelatlantische Rücken im Meer versank, wurden meine Vorgänger gekrönt mit einer Kappe aus hauchdünn geschliffenen Amethystplättchen, gefasst in filigranes Gold. So dünn geschliffen mussten die Plättchen des Halbedelsteins sein, dass man ein Haar DES Sternenputzers durch den Amethyst im Gegenlicht erkannte. Blieb bei der Generalprobe dies einzelne Haar unsichtbar, dann wurde eine neue Krone angefertigt. So lautete unser Gesetz.

Wir herrschten. Und wir verloren das Gefühl für Grenzen. Wir glaubten überzeugt zu haben, hatten fünfhundertjähriges Morden beendet und eine Zivilisation erschaffen – und konnten sie doch nicht bewahren. Wir handelten zum Erhalt der Macht wider besseres Wissen. Nicht die Götter versenkten Atlantis im Meer, sondern menschlicher Größenwahn, der mit den Kräften der Erde spielte. Um nichts zu riskieren, riskierten wir alles. Wir willigten in die Forderung der närrischen Masse und verloren sie unter der Lava. Pompeji war ein Klacks dagegen, auch was verlorene Archivbestände angeht!
Nur männliche Behördenmitglieder überlebten die Katastrophe, so wollen die Archive uns weismachen, alle, bis auf DEN Sternenputzer, der an der Seite seiner Stellvertreterin das Regelpult bediente, dem angeblich die Pforten der Unterwelt gehorchten. Die sich in Sicherheit gebracht hatten, standen an der iberischen Westküste und blickten aufs Meer, als das Verhängnis seinen Lauf nahm. Seit dem Tag trug kein Sternenputzer je wieder eine Krone.

Folglich nenne ich die anstehende Zeremonie lieber Inthronisation. Hatte Rechenblatt sie anders genannt, so sprach aus ihm der Wein. Doch wie wir das Theater auch bezeichnen: Gespielt wird es im Thronsaal, dem einzigen Raum des Behördensitzes, der den Grundriss seines Vorgängerbaus auf dem versunkenen Kontinent zitiert. Die Beamten sitzen entlang der Wände, und jeder Rang hat eine Wand für sich, deren Länge nach der Zahl der Plätze bemessen ist. Die Wand der neun Präfekten erstreckt sich von Ost nach West. Rechtwinklig schließt die nord-süd-orientierte Wand der siebenundzwanzig Procuratoren an, bei deren südlichem Ende die Wand der einundachtzig Legaten wiederum im rechten Winkel beginnt, sich vom Westen zum Osten hinzuziehen. An ihrem Ende beginnt die längste Wand des Saales, wo zweihundertdreiundvierzig Beamte des untersten Ranges von Süden nach Norden ihre Plätze einnehmen. Einzig die letzte Wand, die zweitlängste, nur von den Doppeltüren, dem Thron DES Sternenputzers und seines Stellvertreters baulich gegliedert, entzieht sich dem Gesetz der neunzig Grade. Mit spitzem Winkel eckt sie ans nördliche Ende der Wand für die niederen Beamten und endet überstumpf gewinkelt am östlichen Ansatz der Präfectenwand.
So bildet der völlig asymmetrische Raum genau die Form des spitzen, hohen, auf sockelartigem Schirm von Brokat ruhenden Hutes nach, den die Beamtenschaft bei zeremoniellen Anlässen trägt, und dessen Querschnitt in etwa der atlantischen Küstenlinie entspricht. Nur DER Clarator Magnificus und sein Stellvertreter dürfen eine andere Kopfbedeckung tragen. Weil nicht an das Gesetz gebunden, ich selbst. Der Rechenblatt, da er mir auf den Thron nachfolgt. Er will zur Inthronisation die Baskenmütze tragen, Provokateur, der er nun einmal ist!
Dank endlos wiederholter Formeln ist die Zeremonie Nerven aufreibend öde. Zuerst nimmt der Clarator Magnificus auf dem siegelsteinbesetzten Thron platz. Dann ruft er den wartenden Stellvertreter auf den schmucklosen, niedrigen Sessel zu seiner Rechten. Nun beginnt die Huldigung: dem Rang nach geordnet – innerhalb der Ränge entscheidet das Dienstalter – treten alle Behördenmitglieder vor den Thron und übergeben dem Stellvertreter ihre Kopfbedeckung. Sie küssen den Siegelring des Clarator Magnificus, beugen ihr Haupt, die Arme vor der Brust gekreuzt und schwören: „Erhabener Sternenputzer, ich leiste Euch meinen Eid und gelobe Dienst und Treue unter eurem Siegel.“
Darauf antwortet DER Clarator Magnificus: „Bewahrer der Sternenklarheit, ich habe deinen Eid gehört. Deinen Dienst und deine Treue nehme ich an und schwöre meinerseits, sie nie auf ein unwürdiges Ziel zu lenken. Geh nun und sei bestätigt in dem Amt, das du verwaltest.“
Währenddessen ruht seine Hand auf dem gesenkten Haupt des Huldigers. Mit den Collegiumsmitgliedern tauscht DER Sternenputzer noch den Bruderkuss, bevor sein Stellvertreter ihnen die Hüte zurückgibt. Dreihundertsechzig Mal der eine Schwur, dreihundertsechzig Mal der andere. Plus sechsunddreißig Bruderküsse. Macht bei angemessen würdevollem Schreiten und entsprechender Intonation cum grano salis achtzehn Stunden. Die muss ich durchstehen. Besten Dank dafür an de Kempenaers Leute!

Die dritte Flasche Château Pétrus aus dem Keller, dazu eine Partagas. Ein Schnäppchen. Die winzigen Fehler im Deckblatt der Charge dritteln den Preis, was den Genuss zumindest verdoppelt. Rechenblatt bleibt bei den selbst gedrehten Zigaretten. Er kichert jetzt nicht mehr.
„Können wir dem Anspruch gerecht werden?“, fragt er. „Wie alt sind wir? Dreiunddreißig, fünfunddreißig, wie es in den Pässen steht? Gleichaltrig mit den wenigen Männern und Frauen, die den 500-jährigen Krieg der sieben atlantischen Königreiche beendeten: Orakelsteller, Kräuter- und Heilkundige, Priester und Schmiedemeister, die sich weigerten, Waffen zu fertigen, entlassene königliche Ratsherren, die zum Frieden mahnten, die Kundigen der Überlieferung? So alt? Wie alt ist unser Traum?“
„Alt wie die Welt“, antworte ich. Man lernt als Anführer recht bald, Gewissheit vorzutäuschen.
Doch wie alt ist er wirklich, unser Traum? Wir wissen nicht einmal, in wie vielen Versionen er geträumt wurde, mit welchen Akzenten: politische Einheit, die dem Morden ein Ende setzt, Frieden, endlich sicher, freier Austausch der Gedanken, Wettstreit unter Gleichen, wenn schon nicht Gerechtigkeit, so doch zumindest kluge Gesetze. Einst auf Atlantis hatte die Behörde dies beinah verwirklicht, ein weiteres Mal gut die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt, bis hin zur politischen Einheit Europas. Dann glitt ihr, tragisch selbst verschuldet, Geschichte aus der Hand. Mochten die Collegen ihren Zeitgenossen auch voraus sein, mochten sie über beträchtliche Zwangsmittel verfügen – sie weigerten sich, davon Gebrauch zu machen. Verweigert deshalb die Geschichte jeden Sinn? Könnte sie Sinn machen, wenn man sie einfach umschriebe, Gegenwart nutzte, um die Vergangenheit zu ändern zur Heilung einer kranken Zukunft? Das Paradox von Zeitreisen: Was wird dann aus der Gegenwart, aus der wir aufbrechen?
Mit der Beschreibung unserer Zeitreise erwarben Rechenblatt und ich den behördlichen Studentenstatus, kaum der Schule entwachsen: die »Anjouchronik«. Unser Werk. Mehr als eine Vision, denn seither finden wir Schriftquellen und Bodendenkmäler als Spuren des Traums, verstreut über halb Europa. Spuren und mehr, auf jener Reise, von der wir vor nicht einmal drei Wochen heimkehrten. Wie weit also verrenken wir den Hals, um unser Alter zu bestimmen und das unseres Traums? Salto rückwärts?

Zum Beispiel: als Maine und Anjou, wie auch die reiche Provence, als die Königtümer Neapel, Polen und Ungarn sowie das Fürstentum Achaia auf der Peloponnes, als diese Länder sämtlich demselben Fürstengeschlecht untertan waren, sagen wir im Jahr 1370 christlicher Zeitrechnung, als Ludwig der Große, aus dem Hause Anjou König hieß, da geschah es -, hätte sich zumindest ereignen können -, würde sich ereignet haben, wenn ...?
„Nein“, sagte Rechenblatt. „Weiter zurück! Nicht viel weiter, doch an den Anfang der »Anjouchronik«. Komm, suhlen wir uns im Gefühl, noch nicht verantwortlich zu sein!“
Und ich holte von meinem halb schon ausgeräumten Schreibtisch, den Rechenblatt bald übernimmt, den Erstdruck unserer Chronik ...

*****

Er hatte manchen Schritt getan, vor diesem letzten, der ihn über die Schwelle des Kerkers trug, vorbei an den rostig quietschenden Angeln der Bohlentür. Halbe Handspanne zwischen Tür und Schwelle: für Zugluft. Nicht alle Kerker hatten einen engen Schacht nach draußen. Kurz hielt der Mann inne, benommen vom Moder der Zelle, die bis zur Vollstreckung des Urteils den Traum beherbergen sollte. Dann schlug die Tür hinter ihm zu und er war allein mit den Ratten.
Nicht einfach, hier fertig zu träumen! Viel zu laut raschelte es im Bodenstroh, planlos geschäftig. Stimmte es wohl, dass Rattenhunger lebendige Körper verschmähte? Von dieser Arbeitshypothese ging der Gefangene aus, um nicht sogleich ins heulende Elend zu verfallen. Die Würmer mochten kommen und sich gütlich tun an jenen Stücken, in die ihn Ochsen bald zerreißen würden. Bis dahin blieb ausreichend Zeit zum Träumen. Hauptsache, der Rattenappetit blieb gezügelt!
Der Gefangene war Europäer. Seine Mutter halb Polin, halb Französin, des Vaters Eltern aus Italien und Ungarn gebürtig. Abendländer war er, vom ganzen Kontinent herkünftig. Überall gewesen. Sein Name Marian Guardini. Ein gebildeter Mann, der zu Bologna die beiden Rechte, an der Sorbonne die Sieben Freien Künste und an der Domschule von Krakau nochmals Theologie studiert hatte.
Wie kam so einer in den Kerker der dalmatischen Hafenstadt Zara? Was wollten sie von ihm, die venezianischen Schergen, die darüber wachten, dass die Stapelrechte der Serenissima respektiert wurden, die Zölle erhoben – und die Adria Mare Nostrum Venedigs blieb? Bezichtigten sie ihn eines üblichen Verbrechens wie Diebstahl, Mord oder Notzucht? Hatte er Gott gelästert oder gar die heilige Kirche beschimpft vor den Ohren schwatzhafter Fremder? Mitnichten. Vierteilung strafte den Verräter. Und Marian Guardini hatte das Pech gehabt, hier in Zara ausgerechnet von jenem Offizier verhört zu werden, der ihm zuvor schon unter unguten Umständen begegnet war.

Jahre zuvor, in Venedig auf der Piazza San Marco, am Ende einer Exkursion, die Guardini als Steinsammler durch die Länder und Reiche der Anjou geführt hatte. Nur kleine Brocken hatte er jeweils mitgehen lassen, um sein Bündel nicht unnötig zu beschweren. Nachts hatte er die Sammlerstücke abgemeißelt von den Palastfassaden und Kirchen in Angers und Marseille, Krakau und Ofen, auch Pest, am gegenüber liegenden Ufer der Donau. Ständig auf der Hut vor Nachtwächtern, wenn er mit Hammer und Meißel Laut gab.
Dann wanderte er nach Neapel, um das Juwel der Sammlung zu beschaffen. Dort war im Jahr 1268 der Kopf des letzten Staufers Konradin in den Sand gerollt und mit ihm, in denselben Kot Neapels, die alte Reichsidee. Mochten die Anjou diesen Schaden wieder gutmachen, den sie angerichtet hatten! In Neapel barg seit 1277 das Castel dell'Ovo ihre Schatzkammer. Von diesem sehr speziellen Bau benötigte Guardini ein Bröckchen Stein für seinen besonderen Zweck. Er entgalt es mit einer Narbe im Oberarm, geschlagen von der Pike eines aus dem Schlaf gemeißelten Wächters.
Kaum war diese Fleischwunde ausgeheilt, brach er nach Rom auf. Fast sechs Monate stöberte er zwischen den halb verschütteten Ruinen der Foren, bis er ein flaches, schmales Stück weißen Marmors fand, wohinein deutlich SPQR gemeißelt war, Senatus Populusque Romanus. Mit dem Hinweis auf den römischen Ursprung seiner Reichsidee hatte Guardini alles beisammen, was er brauchte.
Um ein Wort der Moderne einzuflechten: Er dachte geostrategisch. Die Provence war das Bollwerk im Westen, Neapel beherrschte den Süden des italienischen Stiefels. Im Osten würde bald der größte Länderblock an die Anjou fallen. Wer sollte sie dann noch hindern, ihre gewaltige Macht im oberitalienischen Raum zu vereinen und ein großmächtiges Reich zu begründen, das dem Abendland gebieten, es vielleicht gar vereinigen konnte? Natürliches Zentrum dieses Reiches wäre Venedig. Doch Venedig wollte erst erobert werden. Ob das dem Anjou klar war? Wie lenkte man die Aufmerksamkeit Ludwigs auf Venedig? Durch einen überaus geschickten Steinmetzen der Prager Gilde ließ Guardini die Beutestücke so bearbeiten, dass sich alle Einzelteile zu einem pflastersteinähnlichen Gebilde  zusammenstecken ließen. Mit dem Ergebnis hochzufrieden, machte er sich nach Venedig auf.

Offenbar war eine schlecht geführte Pilgergesellschaft eingetroffen – vierzig, wenn nicht  fünfzig Leute schwärmten rings um den Broglio in die Portiken der Prokuraturen aus, um chaotisch mit Kapitänen und Schiffseignern zu verhandeln, anstatt sich jemandem anzuvertrauen, der sein Geschäft verstand. Es ging um die Überfahrt ins Heilige Land, um Preise, Bakschisch für die Sarazenen, die Herren der heiligen Stätten. Wie viel Raum stand jedem Passagier auf und unter Deck zu? Wie viele Bewaffnete schützten das Schiff vor Piraten? Wie viele Mahlzeiten täglich waren im Preis der Passage inbegriffen, und was wurde gekocht? Würde der Kapitän selbst die Pilger zu den heiligen Stätten geleiten oder sie durch einheimische Agenten führen lassen, die nochmals Löhnung forderten? Durften Hühnerkäfige mit an Bord? Frische Eier wehrten jeder Schwäche und ein kräftiges Süppchen kurierte Landratten, sobald die schlimmste Kotzerei der Seekrankheit erledigt war. Schreien, Keifen, Feilschen, anstelle des üblichen diskreten Geflüsters. Pilger von Stand gestikulierten aufgeregt, wie der Geringste der vielköpfigen Schar. Venedigs Kaufmannsblicke taxierten: der ist nicht helle, dem rupfen wir die Börse, den nehmen wir erst mal zu uns an Bord. Dazwischen die Notare der Dogenkanzlei. Sie beglaubigten die Schandverträge. Tauben schissen grüngrau aufs Pflaster.

Nichts davon ging Marian Guardini an. Hinter einem Holzverschlag, wo der Schreiber einer Seitenlinie der Dandolo Hof hielt, fügte Guardini seinen Stein ins aufgemeißelte Pflaster der Piazza San Marco. Ludwig der Große d'Anjou war nun steinern verankert in seiner künftigen Hauptstadt. Eine Stunde, schwül von Symbolik: Selbst der Schreiber passte ins Bild, hatte doch vor rund hundert Jahren ein greiser Dandolo Konstantinopel erobert, das Zweite Rom.
„Verzeiht Signor, aber was tut ihr da?“, staunte der junge Venezianer. „Das wäre neu: ein Dieb der Pflastersteine?“
„Mein Herr, ich trachte vielmehr, die Stadt zu bereichern!“, antwortete Guardini. „Vor Euch kniet ein wandernder Scholar im Staub der Serenissima und hat soeben Venedig, die Krone der Städte, mit einem neuen Edelstein geschmückt.“ Ächzend stemmte er sich hoch und rieb die schmerzenden Knie. Zu oft in feuchter Kälte übernachtet, zu weit gewandert, ganz taufrisch war er nicht mehr, der Scholar.
„Und wozu soll das gut sein?“, fragte der Mann in patrizischer Tracht. „Ich seh wohl, dass Ihr kein Loch im Pflaster hinterlasst, aber der Teufel mag mich holen, wenn ich es begreife!“
„Bei einem Krüglein Bardolino will ich's gern erklären.“
Das Leben auf der Wanderschaft hatte den Witz des Scholaren geschärft. In der Schenke wechselte man allgemeine Bemerkungen – seine Erklärung sparte Guardini auf, bis Wirt den Weinkrug auf den Tisch knallte. Guardini wollte nicht die Ware Neuigkeit für lau verschleudern. Nein, erst mit angefeuchteter Kehle und als sein Becher wiederum gefüllt war, streckte er die Beine aus mit den Fußspitzen zum Kamin und hob weitschweifig an: In seiner Jugend habe er ein Traumgesicht gehabt.
Der Venezianer nickte, als sei dies nichts Besonderes.
Seine Verrichtung auf dem Markusplatz, Guardini malte die Struktur des Pflastersteins rasch in den feinen Sand, der als Streu den Schenkenboden deckte, diene der Erledigung jenes einst geträumten Auftrages.
Höflich lauschte der Venezianer und bestellte neuen Wein.
Bald wäre Venedig die Hauptstadt eines gewaltigen Reiches.
Davon war der Venezianer sehr angetan.
Das Reich umfasse Polen, Ungarn, ganz Italien, die Dauphine und Savoyen, auch die Provence.
Der Venezianer lachte und segnete dies zukünftige Staatsgebilde in einem Trinkspruch.
Ludwig d'Anjou, derzeit nur ein Knabe, würde dann Herr des Reiches.
Der Venezianer stutzte.
Als König von Ungarn würde Ludwig des Reiches Grundstein legen.
Der Venezianer gedachte der ständigen Querelen Venedigs mit Ungarn um Dalmatiens Küstenstriche und reiche Städte. Er dachte an die Sklavenjagden, die einzelne, übel beleumdete Kapitäne der Serenissima gegen die christliche Bevölkerung Dalmatiens unternahmen, gegen alle päpstlichen Interdikte und dogalen Formalverbote, die niemand je durchsetzte. Eine Weile noch hörte er zu, erhob sich dann, beglich die Zeche und verließ die Schenke. Wenig später drangen Sbirren ein und banden den Scholaren, eh der auch nur seinen Wein ausgetrunken hatte. Einen halben Tag lang wurde er verhört. Dann schleiften sie ihn auf eine Desdotona, ruderten ihn zum Festland und jagten ihn mit Fußtritten fort, nicht ohne eindringliches Verbot, die Stadt je wieder zu betreten. Venedig sorge nur für einheimische Irre. Für sie läge da eine kleine Insel in der Lagune. Fremde Verrückte, und wären sie auch harmlos, füttere die Stadt prinzipiell nicht durch.

Nach einem verwanderten Menschenlebens war dieser Hinauswurf unerheblich. Schon manches Stadttor war Guardini verschlossen geblieben, und aus vielen Dörfern war er, ums nackte Leben rennend, geflohen, während ihm um die Ohren flog, was Bauern gerade aus dem Straßendreck klaubten. So blieb ihm von Venedig haften, dass er dort seinen Steinanker versenkt und mit dem Jüngling Wein getrunken hatte.
Der junge Mann hingegen vergaß den seltsamen Kauz nie mehr, sondern erkannte ihn gleich wieder, als Guardini in Zara vor ihn geführt wurde. Der – ehemals – junge Mann hatte inzwischen ein Pöstchen in Zara ergattert, dessen Besitz zwischen Ungarn und Venedig strittig war, ein wichtiges, wenn auch in Venedigs kompliziert gestaffelter Hierarchie kein allzu wichtiges Amt: Dalmatische Hafenstädte wurden von Beamten verwaltet, die den Ehrentitel ‚Conte' trugen. Gehilfe und die rechte Hand dieses ‚Grafen' von Zara war nun der Bekannte des Scholaren. Im Grunde ein kleiner Söldnerhauptmann war dieser Niccolo Manini, das schwarze und deshalb in venezianischem Sold blökende Schaf eines etrurischen Adelshauses. Das Patriziergewand in Venedig war Hochstapelei gewesen. Und hier in Zara beruhte sein Einfluss einzig auf der Schwäche des Conte, dem er geschickt Honig um den Bart schmierte. So kam es, dass anstelle des zuständigen Justizbeamten Manini das Verhör führte.
„So sieht man sich wieder, Herr Scholar! Oder spreche ich inzwischen mit einem Magister? Nein? Dann wohl gar mit einem Doctor Juris utriusque? Auch nicht? Ja womit habt Ihr eure Zeit vertrödelt, seit wir zuletzt plauderten?“ Guardini zuckte die Achseln. Vertrödelt hatte er seine Zeit gewiss nicht, doch wie sollte er das einem Banausen erklären, diesem trotz verflossener Jahre bloß altklugen Bürschlein, das da so breit am Feuer hockte und sich vorkam, wie der Dux Venetiarum? Dem Scholaren unterlief eine Unachtsamkeit. Er wurde herablassend:
„Mein lieber junger Freund ... !“, hob er an und sackte auch schon zu Boden, den Pikenschaft eines Söldners in den Lendenwirbeln. Bäuchlings röchelte er da, die innige Bekanntschaft mit den toskanischblau umrandeten Fliesen tat seiner Wange gar nicht wohl, eine Platzwunde an der Schläfe blutete, als hätte man ein Schwein gestochen. Immerhin zerrten die Soldaten ihn hoch auf die Knie und schleiften ihn zum Hocker. Dann ließen sie ihn mit dem Offizier allein.
„Ich vermute, Ihr seid nicht so dumm, einen Fluchtversuch durchs Fenster zu wagen, Herr Scholar“, warnte Niccolo Manini. „Sollte ich mich täuschen, so seid versichert, dass auch die Lehrzeit meines geistlosen Handwerks zum Erwerb gewisser Fertigkeiten führt.“ Sprach‘s und stach sein blitzendes Stilett tief in die Tischplatte.
Marian Guardini wischte mit staubigem Ärmel das Blut fort, das ihm von Kinn und Wange troff. Wieder zuckte er die Achseln.
„Wie darf ich Euch also nennen, Exzellenz?“
„Sieh da! Bin ich nicht länger euer lieber junger Freund? Manini heiße ich. Benedetto Marco Niccolo Manini, Sopracomito der Serenissima und des Dogen von Venedig. Ihr, Herr Scholar, dürft mich formlos beim Namen nennen, in Anbetracht alter Bekanntschaft.“ Es folgte eine Pause. „Und was, Signor Guardini, trieb Euch mit einigem bekritzelten Pergament in die Hütte kroatischer Pferdefürsten und wieder zurück nach Zara mit einem prallen Lederbeutel voller Zechinen? Sollte es womöglich eine Beschreibung der Festungswerke Zaras gewesen sein? Zahl der Schiavoni? Bewaffnung und Besatzung der Schiffe im Hafen? Vorrat an Rudersklaven? Ein Plan der Stadt? Oder habt Ihr den Ungarn bloß die Fastenpredigt aufgeschrieben?“
In der Tat hatte es Guardini dumm erwischt, als er für Ludwig d'Anjou kundschaftete, der mittlerweile Ungarnkönig war. Mit der Eroberung Zaras und anderer dalmatischer Küstenfestungen sollte der Kampf gegen den Sperrriegel Venedig beginnen, der die zu vereinigenden Ländermassen trennte. Der Scholar träumte nicht nur, sondern half tatkräftig mit. Pola und Sebenico, Spalato und nun Zara hatte er den Ungarn fein säuberlich kartografiert: Befestigungsanlagen, Vorräte der Zeughäuser, Besatzung, Untiefen vor der Küste und in Hafeneinfahrten hatte er von Fischern erfragt. Nun war er selbst ins Netz gegangen. Jene Zechinen, die man bei ihm fand, waren für Lebensunterhalt und Besoldung seiner Spitzel bestimmt.
„Nun? Was veranlasste Euch zu solchem Tun?“
„Die Zukunft“, sagte Guardini.
„Eure oder diejenige des Hirngespinstes, das Ihr mir berichtet habt?“ Nichts entging ihm: Der Scholar wollte auflachen, doch die schmerzende Wange verdarb ihm die Laune. „So empfindsam, Signor Guardini? Wir müssen die Wunde ausheilen lassen, sonst könnt Ihr nichtmal schreien, wenn die Ochsen Euch demnächst reißen, jawohl, da habt Ihr recht gehört: Ochsen, nicht Pferde! Die Gäule muss man peitschen, damit sie stark ziehen. So geht es rasch, mit einem Ruck. Ich fand heraus, dass Ochsen meinen Zwecken besser dienen. Wein gefällig?“ Er füllte einen Becher und trug ihn zu Guardini, das Stilett in der anderen Hand. „Ich ließ mir sagen, das laute Schreien erleichtere den Gevierteilten ungemein, verwehre man es ihm, durch einen Knebel beispielsweise, steige der Druck der Körpersäfte zu geschwind, wodurch der Tod unabsichtlich früh eintritt. Habt Ihr nicht auch Medizin studiert? Nein? Schade, ich schätze fachmännisches Urteil, zumal Ihr bald Gelegenheit bekommt, in praxi zu gehen.“ Dies alles böse lächelnd.
Die Hand des Scholaren zitterte, als er den Becher zum Munde führte. Wein schlabberte zu Boden in die Pfützen aus herabgetropftem Blut. Der Kapitän grinste: „Ich will es Euch und eurer Begabung für Mysterien überlassen, ob nun der Wein in Blut verwandelt wird oder vice versa.“
„Elender Ketzer!“, brüllte der Scholar, mehr aus Entsetzen, als in frommer Empörung. Er schrie jedoch so laut, dass man ihn hinter der Tür hörte, was sich fernerhin noch auswirken sollte.
„Aber, aber!“, tadelte Manini. „Bitte keine Gemeinplätze! Ich denke, dafür sind wir zwei mit zu vielen Wassern gewaschen.“ Seine Stimme wurde schneidend. „Ich bin kein grausamer Mann, Guardini. Und ich schätze Euch. Trotzdem gönne ich Euch keinen kurzen, gnädigen Tod, sondern muss ein Exempel statuieren. Mit einem Stündlein Sterbensqual müsst Ihr also schon rechnen, denn meine Knechte kennen ihr Geschäft. Kreischen sollt Ihr, so laut Ihr mögt! Bis über die Stadtmauern soll das Geschrei den Ungarnpöbel in Schrecken versetzen, während die Ochsen Euch zupfen. Eurem Verräternetzwerk soll das Geschrei zur Lehre dienen samt den dreckigen Ungarn, die am Tor lauern. Schaut, mein Freund, indem ich Euch opfere, führe ich euer verpfuschtes Leben dem besten aller Zwecke zu. Auch mir träumte nämlich mancherlei. Ist das nicht ein erstrebenswerter Tod? Ihr sterbt für euren eignen Traum und gleichzeitig den meinigen. Märtyrer zweier Träume.“

Niccolo Manini war auf den ausgedehnten Landgütern seiner Familie bei Pistoia aufgewachsen, zu einer Zeit, die von Auseinandersetzungen der selbstständigen und im Bankwesen bedeutenden Kommune mit ihrer übermächtigen Nachbarin Florenz geprägt war. In diesem Streit hatte der grundbesitzende Adel rings um die Stadt stets Neutralität gewahrt: Einerseits paktierte er gern mit Florenz gegen das aufstrebende Bürgertum Pistoias, das sich anschickte, der Aristokratie den Einfluss zu beschneiden. Andererseits jedoch wusste man in Burgen und festen Adelsgehöften sehr wohl, dass ein siegreiches Florenz, regiert von Großhändlern, Tuchfabrikanten und Bankiers keineswegs gesonnen wäre, auf ständische Belange Rücksicht zu nehmen. So war in den Kreisen der Manini die Stimmung teils von trotzigem Widerstandsgeist geprägt, teils hatte man sich auch schon resignierend in unvermeidlichen Verlust der Herrschaft geschickt.
Carlo Manini, Niccolos Vater, war gleichzeitig zu schlau, um nicht zu sehen, was kommen musste und viel zu stolz, sich damit abzufinden, eine Haltung, die seinem Seelenfrieden nicht eben zuträglich war. Mit der Zeit verbitterte er, und nicht einmal der Anblick seiner Olivenhaine und Weinberge entlockte ihm noch ein Lächeln. Dann kam die Veränderung, die im Jahr des Herrn 1322 von einem Tag auf den anderen an seinem ältesten Sohn Niccolo vorging, der mit zwölf Jährchen soeben ersten Gebrauch des Verstandes erlernt hatte. Ein guter Junge bis dahin. Das änderte sich nun. An jenem Tag, dem 25. April, somit dem Fest des heiligen Evangelisten Markus, legte sich Niccolo nach viel zu schwerem Mittagsmahl, bei dem er ungewöhnlich viel Wein getrunken hatte, zur Ruhe. Kaum eingeschlummert, tanzte ein Reigen sonderbarer Traumbilder durch seinen Kopf. Buchstabenfolgen, die er nicht lesen konnte, schossen wie Feuerwerkskörper durch die Luft, gruppierten sich, wurden gereiht und schließlich fügten sich die Worte zum Beginn des Markusevangeliums. Die Mönche, bei denen Niccolo Lesen und Schreiben gelernt hatte, hatten gute Arbeit geleistet. Es erschien auch der Löwe, den Niccolo oft als Symbol des Evangelisten gesehen hatte, geflügelt, die Pranke auf das Buch gestützt, Pax tibi Marce, Evangelista meus, den schimmernden Heiligenschein in die filzige Mähne verflochten. Er stank entsetzlich aus dem Hals, wie so manches jagdbare Stück Wild, dem Niccolo nahe gekommen war. Doch dieser Löwe rief ihn außerdem beim Namen gerufen, bis der Jüngling den Gesetzen des Traumes gehorchte und der Bestie Aufmerksamkeit schenkte. Leise grollte der Löwe: „Niccolo Manini, höre meine Worte und bewahre sie im Herzen. Ich schütze die Republik von San Marco und ich warne dich. An dem Tag, da einer aus deinem Haus zum Dogen wird, ist beider Schicksal besiegelt – das der Stadt wie auch das Los des Mannes. Beide werden auf schreckliche Weise untergehen. Meine Stadt steht wieder auf. Den Mann jedoch und sein Geschlecht zerfleischt mein Zorn.“
Niccolo erwachte schweißgebadet, schlief aber gleich wieder ein. Ein neuer Traum begann. Er sah sich selbst auf seinem Lager ruhend, träumend. Seine Zukunft sah er, den kaum vermeidbaren Niedergang seiner Familie und seines ganzen Standes. Weinberg auf Weinberg verpfändet, die Ölmühlen an fette, Hände reibende Städter verkauft. Der Mutter Juwelen verloren, am Hals einer Kurtisane. Er selbst, Niccolo, zu Pferde, auf einem räudigen Esel, zu Fuß und schließlich lahm, mit Bettlerschale, vor dem Dom Pistoias. Grausamer Alptraum von Verfall.
Und wieder wechselten die Bilder: Niccolo im Kontor eines Kaufmanns, über den Ziffernkolonnen des Hauptbuches. Doppelte Buchführung praktizierend. Niccolo im Badhaus, wo seine Gefährtin im Zuber mit viel Geplantsche nach Zechinen taucht, sodass sie ihm die prallen Hinterbacken zeigt. Niccolo als Sopracomitus stolzer Handelsgaleeren, von einem einflussreichen venezianischen Patrizier adoptiert, als Kommandant von Städten, Kapitän von Kriegsschiffen, schließlich ins Goldene Buch eingetragen und im Großen Rat, wie er seine Stimmkugel in die Wahlurne wirft. Dann als Gesandter an fernen Höfen. Endlich mit golddurchwirkter phrygischer Mütze auf dem Haupt: dem Kopfschmuck des Dogen.
Noch in der Stunde des Erwachens ging Niccolo ans Werk. Er schnürte sein Bündel und begab sich nach Pistoia, zum Bankherrn, wo sein Vater Geld zu leihen pflegte, solange die Ernte auf dem Halm stand. Dort lernte Niccolo den Umgang mit Zahlen und großen Warenkontingenten, eignete sich fremde Sprachen an und alles, was es über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit zu wissen gab. Nebenher übte er den Gebrauch der Waffen. Des Löwen Warnung aus dem ersten Teil des Traums wollte er widerlegen. Und selbst, wenn dies misslang: besser, als Doge von Venedig untergehen, denn als verschuldetes Mitglied des Landadels verkommen. Im achtzehnten Lebensjahr brach er nach Venedig auf. Seine Familie hatte sich nach mehreren Rettungsversuchen, die er kühl lächelnd abwies, von ihm losgesagt.


Skeptisch hatte der Gefangene dem Kapitän gelauscht.Traum stand nun gegen Traum. Guardini diente seiner Idee, Manini aber gierte nach Karriere. Nichts galt sein Traum, nichts dieser Mann, der ihn hatte festnehmen lassen – und schon gar nichts galt Guardini die Löwenrepublik. Sie hatte kein Recht auf ihr schmarotzerhaftes Dasein, würde von der Geschichte überholt und mochte froh sein, wenn Guardinis Traum  ihr die vornehme Rolle der Residenz einräumte. Dieser verfluchte Löwe, dass er die Stadt schützte! Der hochmütige Markus! Guardini kam die Kathedrale von Chartres in den Sinn, das Lebenswerk des Abtes Suger. Als er an der Sorbonne studierte, besuchte er mehrmals die Abtei St. Denis, um im Original Sugers Schriften zu lesen und seine Kirche Stein für Stein auswendig zu lernen. Chartres: Beginn und schon erster Höhepunkt des neuen Architekturstiles, mit seinen herzbeklemmend schönen Fenstern, deren eines, vornehmlich in Gold-, Rot- und Blautönen gehalten, zur hohen Mittagszeit erstrahlte. Die Glasmalerei stellte den bärtigen Schutz- und Namenspatron Venedigs dar, ohne Löwen, auf den Schultern des alttestamentarischen Propheten Daniel, eine Hand lässig auf den rechten Oberschenkel gestützt, die andere ins Haar seines geduldigen Reittieres verkrallt, ergriffen zum eigenen Namenszug emporblickend. Zwerg auf den Schultern eines Riesen, des Daniel, wider den die Löwen in der Grube nichts vermocht hatten. Genau so ritt Venedig auf den Schultern des Abendlandes, verschacherte das Gut aller Welt. Dem musste man ein Ende machen!
Immer noch fanden einzelne Blutstropfen ihren Weg durch Guardini Hautfalten, durchs Bartgestrüpp. Sie fielen und platschten winzige konzentrische Wellen in Weinlache am Boden. Abgesehen von König Ludwig und Guardini war der Kapitän der einzige Mensch, der den großen Plan in vollem Umfang kannte. Er musste aus dem Weg geschafft werden ... Blut, Wein ... Wein und Blut ... der Ketzer, so könnte man ihn in der eignen Schlinge fangen ... den Ketzer! Guardini hatte schon vor geraumer Zeit die spaltweit offen stehende Tür zum Wachraum bemerkt. Dort lauschten die Soldaten, die ihn vor ihren Kapitän geschleppt hatten, schlichte Gemüter, lenkbar und leicht zu übertölpeln.
„Nun, Herr Scholar?“, brach Manini das Schweigen. „Versteht Ihr jetzt, weshalb ich Euren Tod nicht abkürze? Eure politische Narretei und vor allem die des Ungarnkönigs soll einen Dämpfer erhalten. lch will Euch als abschreckendes Beispiel hinrichten, zur Warnung aller, die Euch nacheifern, auch, um beim Conte und beim Zehnerrat meine Wachsamkeit zu beweisen. Dereinst will ich die Stadt beherrschen und sie soll mächtig sein, nicht durch das Ungarnpack geschwächt!“
„Aber der erste Teil des Traumes!“, mahnte Guardini, lauter als nötig und in Richtung des offenen Türspalts. „Man soll mit Träumen nicht leichtfertig umgehen, besonnen wollen sie gedeutet werden. Schenkt Ihr den Warnungen des heiligen Markus denn keinerlei Glauben?“
Die Faust des Kapitäns ließ den Tisch wackeln: „Das war der Wein zu Mittag!“,  grollte er. „Kinderschwatz! Leo ... Evangelista ... pah! Als Dogen sah ich mich – ich, Niccolo Manini, trug die phrygische Mütze, stand der Serenissima vor, ich, ich, ich ... seine Stimme kiekste vor Eifer.“
Guardini verschränkte seine Hände, um zu verbergen, dass sie vor Erregung zitterten: „Um Eures Seelenheiles willen! Ihr versündigt Euch! Ihr lästert!“
Nun verlor Manini vollends die Beherrschung: „Ich lästere, wen ich lästern mag, Ihr absterbender Hutzelgreis der freien Künste und Intrigen! Ich vertraue auf die Zukunft, die man mir weissagte, stamme die Vision von droben oder drunten! Ich werde Doge, begreift doch, werde das Steuerruder von San Marco halten, und müsste ich dazu auf alle Heiligen mitsamt den vier Evangelisten einen ...“ – kurzes Zögern – „fahren lassen!“
Das Lämmlein auf dem Weg zur Schlachtbank. Rührend. Das war hinreichend deutlich. Auf sowas hatte der Scholar gewartet. Dem würde keiner mehr ein Wort glauben, sollte er von König Ludwigs Plänen faseln - nein, jeder würde denken, er wolle sich aus den Fängen der Inquisition losschwätzen mit erfundenen Geschichten.
„Häresiarch!“, tobte Guardini. Er war recht gut darin, sich künstlich aufzuregen. „Fürst aller Ketzerfürsten, Satanas apage, besudele mich nicht mit deinem Wortschwall, Lästerer, der Du beschmutzt die süße Lehre Jesu! Ausspeien wird die Kirche dich aus ihrem Mund ... !“
Die Tirade des Scholaren hätte noch fortgedauert, wäre er nicht jäh von einem Fausthieb Maninis niedergestreckt worden, dem inzwischen sein Fehler dämmerte. In einem Satz war er über den Tisch und schickte den dürren Scholaren auf die Fliesen. Das Maul musste man ihm stopfen, solch despektierliches Geschrei durfte niemand belauschen! Selbst auf dem Staatsgebiet der Serenissima lauerte allgegenwärtig die Inquisition. Zwar war äußerst fraglich, ob die Zehn ein Verfahren erlaubten, und beinah garantiert war, dass die Savii contro l'Eresia es im Sande verlaufen ließen, doch schon erste Nachforschungen zerstörten den guten Ruf eines Mannes. Schläge, Tritte und keine Antwort mehr vom schlaff auf dem Bauch liegenden Scholaren, nur leises Stöhnen noch, als der Kapitän ihm seinen Dolchknauf in die Nieren grub.

Erschreckt, mit rollenden Augen, standen vier Söldner in der aufgerissenen Zwischentür.

Sie schleiften Guardini ins Kellergewölbe des Rektorenpalastes. Er wurde an Männern vorbeigezerrt, deren Frauen dem Kapitän allzu sehr gefallen hatten, an kleinen Handwerkern, deren Steuerschuld sich türmte und gefangenen Kroaten, die hofften, ihre Familien könnten wenigstens einen Teil des Lösegeldes lockermachen. Neben ihnen dösten wirkliche oder denunzierte Staatsfeinde im kotigen Stroh, desertierte und wieder eingefangene Söldner, ein Fleischer, der mit hohlem Gewicht gewogen hatte, Diebe, ein überführter Meineidiger. Sie alle warteten – bestenfalls auf die Galeeren, wenn es aber schlimm kam auf Folter, Urteil, Henkersmahlzeit. Manche waren auch schlicht vergessen worden und vegetierten bei faulem Wasser und Brotkanten, um die sie sich mit Würmern stritten. Traurige Gestalten, ihrer Würde verlustig, mit wüster Mähne, von Schwären bedeckt und gezeichnet von Mangelkrankheiten.
In diesem Keller der Serenissima tat Marian Guardini, durch vergleichsweise sanftes Schütteln aus seiner Ohnmacht geweckt, jenen letzten Schritt, der ihn in seine Einzelzelle führte. Vorsichtig die blutunterlaufenen Male befingernd, die ihm Maninis Fäuste und Dolchknauf beigebracht hatten, ging er mit sich zurate: Zwar diene ich keinem Großkönig Dareios, der mich, wie Daniel, in eine Löwengrube wirft, doch ebenso, wie der Prophet, verkünde ich die Heraufkunft eines neuen Zeitalters und sitze, wenn schon nicht in der Löwengrube, so doch im Rattenloch der Löwenrepublik. Mir werden diese Ratten so wenig anhaben, wie die Löwen Daniel. Der Kapitän wird nicht mehr lange bramarbasieren. Ich aber träume meinen Traum fertig. Denn nur, was ausgeträumt ist, kann gedeihen.
In summa: das Reich! Dalmatien den Venezianern fortnehmen. Vielleicht auch vorher im Bündnis mit Venedig oder Genua den Aragon aus Sizilien verjagen, um das Südreich der Staufer wieder aufzurichten. Im Osten Ruhe schaffen. Beim Franzosenkönig die Landschaften Maine und Anjou gegen die Dauphine eintauschen, so ist beiden gedient - auf seine Stammlande mag Ludwig d'Anjou getrost verzichten! Gleichzeitig den Engländer stacheln zu neuem Krieg, sodass sich Frankreich nicht um die Umwälzungen an seiner Ostgrenze kümmert. Die Luxemburger müssen dran glauben! Burgund mag sich Brabant von ihnen nehmen, dann wird er im Süden stillhalten. Der wittelsbachische Kurpfälzer bekommt Luxemburg selbst – das wird auch Bayern neutral halten. Die Eidgenossen bedienen wir aus der savoyischen Erbmasse. Den Habsburgern erlauben wir das luxemburgische Böhmen, Mähren und außerdem das Erzbistum Salzburg, so vereinigen sie Tirol mit ihren östlichen Landen. Dafür geben sie uns das Herzogtum Krain: Sobald Venedig fällt, brauchen wir eine Landverbindung zwischen Ungarn und Oberitalien. Das sollte genügen, halt, nein, der Papst: Die Marken kaufen wir ihm ab, sonst liegt der Kirchenstaat als Sperrriegel quer durch unser schönes Italien. Wir werden gut bezahlen. Zudem helfen wir ihm, dass er mit den, übers Patrimonium verstreuten, feudalen und bürgerlichen Signorien fertig wird und die Gebiete direkt unter seine Fuchtel bringt. Diesem Bündnis und unseren Truppen widersteht auch keine Koalition aus Venedig, Genua, Savoyen, Mailand und Florenz! Zusätzlich packen wir sie von innen, bei ihren Eifersüchteleien zwischen Dom, Rathaus, Palast: hier eine Pfründe, dort ein Beutel Gold. Sie werden fallen!
Dann eine Phase der Konsolidierung. Straffe Zentralverwaltung. Der Hochadel wird frondieren – nun gut, wir halten ihn mit Söldnerheeren nieder. Am Geld wird es nie mangeln, dank unseres Bündnisses mit dem städtischen Bürgertum. Wir geben ihm sichere Straßen, zollfreien Handel zwischen Gnesen im Norden und Sizilien im Süden. Hohes Steueraufkommen ist zwangsläufig die Folge. Dann ein stehendes Heer. Dann ... ? Der Kontinent Europa, das ganze Abendland ...

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Zwischen gebundenen Seiten flattern lose Blätter heraus, als wir das neue Kapitel aufschlagen. Verrückte Geschichte: Vor ziemlich genau sechs Jahren, als wir die Schlussfassung der Anjouchronik vorlegten, fand ein Archivbeamter diese Seiten, maschinenschriftlich abgefasst, sodass der Autor nicht durch grafologischen Schriftvergleich identifiziert werden konnte. Der Verfasser meldete sich auch nicht nach einem Aufruf Adam Bonaventura Czartoryskis, der die Urheberschaft festzustellen wünschte. Willkürlich war das Fragment abgelegt, ohne Eingangsstempel, Unterschrift, Signatur. Unter archivarischen Gesichtspunkten ein Unding.
Aber das Unding macht Sinn. Und der Inhalt dieser wenigen Blätter – gehört hierher: zwischen die ersten beiden Abschnitte der Anjouchronik. Rechenblatt klaubt Papier. Ich fische nach Büroklammern. Die Nacht ist jung.

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Ich könnte behaupten, der Türke Azim Toprak sei an den Ufern des Schwarzen Meeres geboren, zu Füßen des pontischen Gebirges, womöglich gar in Trabzon, das, als es noch Trapezunt hieß, Hauptstadt des gleichnamigen Kaiserreiches war und mit Ludwig II. d'Anjou, dem Sohn Ludwigs des Großen, ein enges Bündnis gegen die Osmanen schloss. Könnte ich!
Doch da Toprak an einem nasskalten Novemberabend des Jahres 1972 durch Berlin-Kreuzberg stolpert, hieße das wohl, den historischen Bogen zu überspannen. Stammt er also aus dem anatolischen Hochland? Mit dieser Herkunft habe ich geliebäugelt, sie jedoch verworfen, um nicht in allzu gängige Gastarbeiterklischees zu verfallen. Besser lege ich mich auf Izmir fest und erkläre: Azim Toprak wurde in der Stadt geboren, die Smyrna hieß, als Trabzon noch Trapezunt war, vor dem Türkensturm.
Das wirft die Frage auf, warum er die geschäftige Stadt seiner Väter verließ, obwohl dort jeder sein Auskommen findet, anders als in entlegeneren Landschaften der asiatischen Türkei. Und so entschied ich mich, in Toprak einen Abenteurer zu sehen, einen vielleicht nicht ganz freiwilligen Vagabunden, der abhauen musste, weil er einmal zu schnell in die Tasche griff und das Messer gut ausbalanciert in der Hand lag. Jemand, der ein paar Jahre Gras über ein peinliches Vorkommnis wachsen lässt.
Topraks Arbeitgeber ist mittlerweile der Berliner Senat, genauer, jene Abteilung des Tiefbauamtes, der die Wartung der Kanalisation obliegt. Vor zwei Monaten hat Toprak seinen Gesellenbrief als Maurer gemacht und wurde daraufhin zum Vorarbeiter einer gemischten deutsch-türkisch-spanischen Kolonne befördert. Jetzt ist Toprak auf dem Weg in den wohlverdienten Feierabend, den er heute nicht beim Billard in seiner Stammkneipe verbringt, sondern im etwas trist möblierten Zimmer in der Pücklerstraße. Bald will er umziehen, Westberlins Norden - schon ist die Wohnung angemietet, muss nur noch tapeziert werden. Deshalb noch Richtung Pücklerstraße. Dass ein Fürst dieses Namens die Eisbombe erfand und paradiesische Gärten anlegte, weiß Toprak nicht, noch nicht, wie ich betonen will. Nur, dass die Überstunden Kräfte zehren, weiß er. Vor Wintereinbruch ist noch viel zu flicken am Innenleben der Kanäle. Außerdem hat Toprak es die letzten Wochen ein bisschen toll getrieben. Strenggläubiger Muslim ist er nicht. Sieben Uhr auf der Arbeit, frühestens um sechs, meist erst um sieben abends Schluss, dann Essen und bis Mitternacht Billard, Bier, Raki - das frisst den stärksten Mann. Hundemüde ist er, fix und fertig, so kaputt, dass seine Sinne mit unheimlicher Präzision auf Umweltreize reagieren. Übermüdet glaubt man das tatsächlich. Das Aluminiumpapier einer Zigarettenschachtel schwimmt, weiße Seite oben, auf einer Pfütze, als Insel in den Regenbogenfarben des Ölfilms. Noch nicht durchnässt. Gerade erst weggeworfen. Ist der Raucher vielleicht noch zu sehen? Da vorn, rund zwanzig Schritt. Sogar die Marke ist auf die Entfernung noch erkennbar, ecksteingrün, bevor die Zigarettenpackung in die Manteltasche gleitet. Unmittelbar vor der Trinkhalle zwei Rauchwölkchen kurz hintereinander, die ihren Weg zwischen Kopf und Regenschirm in die Berliner Luft finden. Eckstein: So hässlich ist das Grün gar nicht. Stellt man es sich ein wenig dunkler vor, erinnert es sogar an Küstenstriche in der Bucht von Izmir. Überhaupt: das heimatliche Wasser grünt und blaut ganz anders, spielt mit dem Licht, wird sogar rot, bei Sonnenauf- und -untergängen. Nie aber dieses Grau, nein, Toprak will gerecht sein, besser keine Vergleiche, das stimmt nur traurig und führt in Versuchung, doch auf einen Raki bei den Freunden einzukehren. Ein Bauzaun längs der Manteuffelstraße. Ausgediente Verschalungsbretter erwecken fast Topraks Mitleid. Ob man sie zählen kann? Toprak zügelt seinen Schritt. Eins, zwei, drei, vier, fünf sechs ... , schließlich dreiundsechzig als er aufgibt, einsieht, dass es keinen Zweck hat. Plakatwerbung bedeckt die Latten, er müsste auf allen Vieren krabbeln, um zu zählen:
Universum Filmtheater zeigt High Noon – Zwölf Uhr Mittags, Regie Fred Zinnemann ... Universum Filmtheater zeigt High Noon – Zwölf Uhr Mittags, Regie Fred Zinnemann ... Universum Filmtheater zeigt ...

Da: eine Ratte!

Sie zwängt sich durch das Kanalgitter und huscht am Bordstein durch die Gosse. Ein VW-Käfer hat eine Fehlzündung, erschreckt das Tier. Quer über den Gehweg schießt es zum Bretterzaun und ist verschwunden. Lücke im Zaun. Jeder Zaun hat Lücken. Doch gleich ... eins, zwei, drei ... sechs lose Bretter? Toprak bleibt stehen. Welch sträflicher Leichtsinn! Wenn nun Kinder kämen, um auf der Baustelle zu spielen? So schnell ist was passiert! Seinetwegen dürfen Kinder spielen, wo sie wollen, sogar auf dem Rasen, bei Baustellen jedoch versteht er keinen Spaß. Betreten verboten, Eltern haften. Schlimm genug, dass er auf die eigene Tochter nicht aufpassen kann, die bei der Frau in der Türkei geblieben ist! Die Bretter hängen noch an ihren oberen Nägeln, sind nur unten lose, rechts und links zu dritt übereinander geschoben, vom Regen aufgeweicht und fest miteinander verquollen. Dreieckige Pforte. Wie ein hölzerner Theatervorhang, der gerade aufgezogen wird. Bretter, die die Welt verhüllen. Bücken, mal sehen. Schließlich ist man ja nicht umsonst Preuße des Orients. Bodenstreifen lehmig paar Meter breit, vielleicht drei vier, dahinter eine Grube, Ausschachtungsarbeiten für Fundament und Keller eines Kaufhauses. Wenn nun das Kind abrutschte, hilflos im Loch und dann die Ratte ... unausdenklich!
Schon ist Toprak auf der Rückseite des Bauzauns. Scheißtag. Scheißnagel. Scheißriss: Der Blaumann war fast neu. Das kommt davon, wenn man sich kümmern will, wo doch nichts ist! Trotzdem beruhigt es ihn, dass er nachgeschaut hat, es gibt so ganz kleine Gedanken, die rauben ihm den Schlaf. Jetzt ist er sicher, dass die Grube leer ist. Also nach Hause. Umdrehen. Zurück. Und da ist die Ratte wieder, ignoriert Toprak völlig und nagt mit schräg gelegtem Kopf, hingebungsvoll, irgendwas von den Brettern. Das Tier lässt sich nicht stören, frisst süchtig Plakatfetzen, auf denen, regennass der Kleisterschleim glänzt. Manchmal hängen daran noch Holzsplitter, von Rattenzähnen aus dem Holz gekerbt. Die Papierschnipsel gehören zum unteren Teil eines Plakates, das die Bretterwand zuvor in ganzer Höhe bedeckt hat. Dämlich: Werbung hinten auf den Zaun zu kleben, wo nur die Bauarbeiter lesen!

Besuchen Sie die Kleinkunstbühne Vanitas! Berlin 61, Mauerweg 138
Topnummern im neuen Programm: Träume sind Schäume. Lustig war einst das Wandererleben. Markuslöwe, Pflasterstein – wollen stets beisammen sein. Venedig ist überall. Abendunterhaltung für vier Söldner. Das Festbankett beim Erzbischof. Loyang und seine Ratten – die Lust zum Reisen ...

Den Schluss des Relativsatzes hat die Ratte abgefressen. Kopfschüttelnd über die Deutschen und ihre versponnenen Künstler, macht sich Toprak endgültig auf den Weg zu seinem Zimmer, wo er erholsam fest schläft, obwohl in dieser Nacht viel krauses Zeug durch seine Träume geistert.
Am nächsten Abend veranlasst ihn unbestimmte Neugier, nochmal nach dem Plakat zu schauen. Es ist fort. Nur glibberiger Kleisterschleim haftet noch an den Brettern. Während Azim Toprak sich fragt, wie die Ratte den oberen Teil des Plakats abfressen konnte, wird er von zwei Polizisten gestellt. Nach Aufnahme seiner Personalien zahlt er wegen unbefugten Betretens ein Bußgeld in Höhe von zwanzig Mark (West).

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Ans liebe Geld, den Zechino, Venedigs Golddukaten, der seit dem einunddreißigsten Oktober 1284 Ungarns Währung nachahmte, dachte auch Beppo, als er in einer der besseren Hafenschenken Zaras, unmittelbar hinter dem Seetor ein üppiges Mahl aus Zwiebeln, Röstbrot mit feinstem Olivenöl, geräucherter Eselswurst und scharfem Grünschimmelkäse verzehrte, wozu er nun schon den dritten Krug eines wuchtigen Roten trank, den nur der Wirt persönlich im Keller zapfte. Trotz seines empfindsamen Gaumens speiste Beppo selten so gut. Als Kirchendiener an Sankt Marien konnte man sich so was eben nicht oft leisten. Heute war eine Ausnahme. Wundersam und ein bisschen Furcht erregend ging es mit Leib und Seele zu, nachdem Beppo am Morgen, nicht zum ersten Mal in seinem Leben, gestohlen hatte. Nur gerade eben genug für den Festschmaus, doch die Tat drückte nun schwer aufs Gewissen. Der Versucher hatte Beppo mächtig zugesetzt. Die Blechschale, mit der er sammelnd durch die Reihen der Gemeinde rempelte, war nach der Frühmesse so gehäuft voller Kupfer und Silber gelegen, vereinzelt glänzte sogar Gold, dass Beppo nicht zu widerstehen vermochte: Sein Griff erleichterte sie wesentlich. Mit Vorbedacht nahm Beppo nur Kupfer, da niemand ihm den ehrlichen Erwerb von Silber oder Gold zugetraut hätte. Außerdem kannte Don Anselmo gewiss bis zum letzten Stück die Anzahl der Goldmünzen auf dem Kollektenteller, selbst wenn er die Messe mit dem Rücken zum Kirchenvolk las. Vermutlich roch er Gold. Doch Beppos ganze Vorsicht hatte nicht gefruchtet. Der Pfarrherr roch nicht nur Gold und Silber, sondern sogar Kupfer, schöpfte Verdacht und unterzog, gleich nach dem ite missa est den Kirchendiener in der Sakristei einer peinlichen Leibesvisitation. Sogar den Hosenlatz durchsuchte er, der Bock von einem Pfaffen! Gefunden hatte er dennoch nichts, weil in weiser Voraussicht Beppo seinen Schatz weit sicherer deponiert hatte: im Weihwasserbecken beim Seitenaltar des Heiligen Sebastian Martyr. So konnte Don Anselmo ihn nur schmerzhaft ins Ohrläppchen zwicken und – nachdem er beim Befingern von Beppos Schamkapsel doch noch auf seine Kosten gekommen war – den Kirchendiener ungnädig entlassen, unter Androhung fürchterlichster Höllenstrafen, nicht ohne zu befehlen, er möge pünktlich nach dem Mittagsschlaf zur Stelle sein, zum Ankleiden. Immerhin wurde Don Anselmo beim Erzbischof zum Nachtmahl erwartet, große Ehre, die ihm zum zweiten Mal in derselben Woche zuteil wurde. Darauf gelte es sich vorzubereiten, durch Reinigung von Körper und Geist, Strählen der Haare, Anlegen feinster Gewänder, sowie die Auswahl eines anständigen Gastgeschenkes – anständig wohlgemerkt! – nicht üppig! – Üppigkeit könne sich kein armer Erzpriester erlauben, dem Sveti Marijas Benediktinerinnen im Nacken säßen und der zudem ständig von seinem Domestiken beraubt werde. Mochten die Diebe aller Welt noch zu Lebzeiten der Hölle schwefelichten Brodem atmen! Nach einer letzten, mehr zärtlich gemeinten, Ohrfeige war Beppo erlöst. Allerdings kriegte er den schwefelichten Mief nicht mehr aus der Nase.
Nichtmal der Knoblauch in der Eselswurst richtete dagegen viel aus. Etliches Schnüffeln später, Beppo kratzte sich Öl vom Kinn, polterten vier Schiavoni herein und riefen großspurig nach der Bedienung. Raufbolde – die Gemütlichkeit des Wirts kam gleich in Wallung. Seit Kapitän Manini nirgends mehr Rücksicht auf den Conte nahm, drückte der Profos beide Augen zu bei Händeln zwischen Bürgersleuten und dem Militär. Wackliges Mobiliar war rasch zerschlagen, die Arbeit eines Jahres ging zu Bruch – aber ersetzt bekam man nie etwas.
Bald klapperten Zinnbecher auf dem Tisch, was die Laune der Söldner merklich hob: Die Stimmen wurden leiser und ihre Gesten beanspruchten weniger Raum. Zwar schwang hier und da noch eine Faust, dass der Wein schwappte, doch das bezog sich strikt aufs Tischgespräch und war für keinen Außenstehenden bedrohlich. Während er selbst den Wein besorgte, servierte die Tochter des Wirts aus dem mächtigen Kupferkessel über dem Feuer drei Portionen Bohnen mit Speck. Geschmeidig wich das Mädchen dabei jedem Versuch aus, seinen Körperbau allzu gründlich zu erforschen. Auch auf den Mund gefallen war sie nicht. Alles schien sich in Wohlgefallen aufzulösen, bis die Schiavoni über ihr Essen herfielen. Gleich den ersten Mund voll Bohneneintopf spieen sie würgend auf den Tisch. Holzlöffel flogen durch die Schenke, Tonteller splitterten auf dem sandbestreuten Boden. Jemand wischte mit dem Arm Weinkrug und Becher von der Platte, unter schlimmsten Verwünschungen gegen den Wirt. Betreten schwiegen die zivilen Gäste.
Der Eintopf war angebrannt. Seit längerem hatte niemand mehr davon gekostet, und die Wirtstochter hatte über ihren anderen Pflichten versäumt, den Kessel zu rühren. So war an dessen Boden Speck mit Bohnen verkohlt, was man, wenn man von oben schöpfte, dem Gericht zwar nicht ansah, wohl aber abschmeckte. Einzig Beppos hündisch feine Witterung hatte unheilverkündenden Dunst geschnuppert, ihn jedoch auf Don Anselmos schwefelichten Fluch geschoben. So löste sich denn auch Beppo als Erster aus der Schreckstarre und rief, unbekümmert um vergleichsweise harmlose Söldner, nach Wein. Mehr, sehr viel mehr Wein! Doch den Wirt plagten dringendere Sorgen: Er scharwenzelte, Verzeihung heischend, um die Söldner herum und fegte zugleich Essensreste und Scherben vom Boden, versprach die feinsten Leckereien auf Kosten des Hauses und versäumte nicht, der Tochter schmerzhafte Ermahnungen zu erteilen, wann immer er an ihr vorbeihetzte. Mit hängenden Schultern stand sie da, heulend, während ihr Gesicht von Scham und Schlägen rot anlief. Zuletzt wurde das sogar den Schiavoni zu bunt. Gerade als der Wirt wieder Maß nehmen wollte für einen neuen klatschenden Hieb, packte der Capo seinen Arm und kugelte ihn beinahe aus.
„Hör gefälligst auf, das Mädchen zu prügeln, du Lumpenkerl, oder du sollst mich kennen lernen, dreckiger Weinpanscher! Hast wohl verschimmelte Bohnen und ranzigen Speck in den Fraß geschnippelt, dass er so grausig schmeckt!“
Eisernes Gebot der Landsknechtsehre – eben noch hatte er dem jungen Ding unter den Rock gefasst, nun schwang er sich zum ritterlichen Beschützer zarter Fräuleins auf.
„Ach was!“, meinte sein Kumpan. Mag er sie hauen. Ich hau meine Alte auch, wenn sie‘s verdient. Die Weiber brauchen das, sonst bleiben sie nicht willig, sag ich immer.“
„Ha!", machte der Dritte. „Bottone – dir zu Willen? Da müsstest du dir erst mal die Läuse vom Sack kratzen, alter Stinker!" Sprachs – und wich dem Zinnhumpen aus, den Bottone geschwind vom Boden klaubte und nach seinem Kopf schmiss.
Bevor ernsthafter Streit ausbrach, mischte sich der Vierte ein – jener, der den Wein vom Tisch gefegt hatte: „Enzo, Bottone, gemach! Habt Ihr denn nicht beim Dienst gesehen, was der schwarze Hahn vermag? Er kommt uns holen, und die ganze Stadt fährt mit zum Teufel, wenn wir nicht Acht geben. Der ketzerische Manini ist voll des Dämons. Denkt nur, der arme Scholar, wie er den zugerichtet hat!“
Die erste Schluck vom frischen Weinkrug, der inzwischen seinen Tisch schmückte, hatte Beppos Aufmerksamkeit mitnichten gemindert: soso! Flüsternd lallte er vor sich hin: der Kapitän ein Ketzer? Mochten die Herren Soldaten ihre Zungen im Zaum halten, wollten sie nicht am Hals mit Hanf aufgezäumt werden. Mehr solche Sprüche und es mochte wohl sein, dass Beppo sich mit einem Besuch beim Kapitän Liebkind machte! Den freute es bestimmt, wenn Beppo ihm die Stimmung seiner Mannschaft rapportierte.
Doch schon nahm das Gespräch der Söldner ganz unerwarteten Verlauf. Vorbei an theologischen und staatsrechtlichen Spitzfindigkeiten, dem schlichten Wortlaut verhaftet, steuerte es direkt jene Infamie an, zu der Manini sich hatte hinreißen lassen: ein Pakt mit dem Teufel! – er hatte geschworen, auf alle erreichbaren Heiligenbilder, auf die Heilige Schrift, insbesondere auf das Markusevangelium zu scheißen! – dafür wollte Satan ihm im Höllenfeuer eine phrygische Mütze aus Gold schmieden, um ihn damit zum Dogen Venedigs zu krönen! Den Besessenen! Weh über die ausgelieferte Serenissima!
Wie sollte man sich schützen? Die Schiavoni konnten vor dem Offizier nicht antreten mit abgespreizten Fingern gegen den bösen Blick. Sie waren verloren, verlorener mit jedem Becher Wein. Jammerten: Wer sollte diesen Teufel austreiben? Gefürchtet war Maninis Zorn!
An diesem Punkt der Unterhaltung schlich Beppo davon. Aus dem Gehörten wob sich guter Stoff. Doge werden und auf Heilige scheißen, das sollte  genügen! Ganz neue Möglichkeiten taten sich hier auf: Teilten nicht die Inquisition und ihre Spitzel den weltlichen Besitz verurteilter Ketzer halbehalbe? Zumindest würden Beppos Neuigkeiten den morgendlichen Diebstahl aus Don Anselmos Gedächtnis tilgen. Und sprang dabei sonst gar nichts für ihn raus, so erwarb Beppo doch ein nicht geringes geistliches Verdienst, das seine heutige Rechnung zwischen Himmel und Hölle ausglich. Da die Zeche ein ansehnliches Häuflein Münzen im Beutel belassen hatte, nahm er beschwingt den Heimweg unter die Sohlen. Und das war auch gut so, denn schon von weitem sah er, wie der wutschnaubende Don Anselmo zwischen Sveti Marija und Sveti Donat auf und ab tigerte.

Je mehr der Kirchendiener erzählte, desto mehr verflüchtigte sich der Zorn des Erzpriesters. Was Beppo lediglich als vage Möglichkeit erschienen war, formte sich in Don Anselmos regerem Geist zur Strategie, die den Erzbischof einspannte. Er brauchte Rückendeckung seines Vorgesetzten, denn leicht würde das nicht: Der Kapitän war jemand! Zu Venedig sah man ihn gelegentlich unter den Gästen Andrea Dandolos. Manini hatte erstklassige politische Beziehungen. In Zara gebärdete er sich als der Herr. Und er war reich: ein Haus im Sestiere Castello, auf der Terra ferma einen ansehnlichen Bauernhof und Minderanteile an vier oder fünf Handelsgaleeren sagte man ihm nach. Der Mann kaufte Hilfe, wo Freundschaft versagte.
Hinwiederum hatte Manini echte Monstrositäten geäußert, womit Don Anselmo vorderhand nicht die Beleidigung Heiliger meinte, obwohl diese allein schon genügt hätte, um einen Ketzerprozess irgendwo auf der Welt einzuleiten. Auf dem Staatsgebiet Venedigs kam jedoch als Problem hinzu, dass solche Verfahren gar nicht ohne weiteres eröffnet wurden: Die Serenissima duldete unter ihrer Hoheit keine unabhängige Inquisition. In anderen Ländern der Christenheit wurden die Inquisitoren ernannt, meist aus den Reihen der Dominikaner, und führten unbehindert ihre Prozesse, ehe sie die Opfer nach Folter und erzwungenem Geständnis dem weltlichen Arm der Macht zur Bestrafung übergaben. Nicht so in Venedig: Hier durfte die Inquisition nur unter Hinzuziehung dreier Staatsbeamter tätig werden, der Savii contro L'Eresia, Laien, die in erster Linie die Republik vertraten. Das erschwerte Prozesse gegen Angeklagte mit politischen Beziehungen natürlich ungemein - es sei denn, diese machten so furchtbare Fehler wie Niccolo Manini. Doge wollte der Gockel werden - und krähte das auch noch vor Zeugen in die Welt hinaus! Dafür hätten die Savii das Kreuz von Golgatha zu Spänen zerhackt und Jesum Christum persönlich als Ketzer auf dem Haufen verbrannt. Man denke: Nicht einmal im Goldenen Buch stand er verzeichnet, der Kapitän! Aber Doge werden! Nur schade, dass man den Erzbischof brauchte! Ein Prozentchen vom Gewinn sollte für Beppo reichen. Den hohen Herrn hingegen konnte man wahrscheinlich mit nichts weniger als dem Löwenanteil abspeisen. Also blieben bestenfalls neunzehn Prozent für Don Anselmo, nachdem die Kirche ihre Hälfte und der Erzbischof drei Zehntel eingesackt hatten. Doch mit diesem knappen Fünftel eines Maninivermögens ließ sich am päpstlichen Hofe zu Avignon durchaus eine Prälatur erwerben und einzwei Jahre großes Haus führen. Kontakte knüpfen. Freunde gewinnen. Mit diesem Geld hoffte Don Anselmo, in wenigen Jahren Bischof zu sein, in absehbarer Zeit seinem Hut Kardinalstroddeln anzuknüpfen. Bald war er reich, kein Krösus zwar, nicht reich genug für ein ausschweifendes Leben, mit Knaben, Müßiggang und Lustbarkeit nach Laune, doch einen Grundstock hätte er. Gesegnet sei das Beppolein! Er sollte seinen Anteil haben! Man brauchte ihn als Zeugen, der die Söldner zwingen musste, ihrerseits Zeugnis wider den Kapitän abzulegen. Braver Beppo! Ein hübscher Junge übrigens: vielleicht nahm man ihn mit nach Avignon, bildete ihn ein wenig aus. Zum Majordomus würde er wohl taugen, war er auch nicht der Ehrlichste. Zunächst sollte er einen Dukaten bekommen, um seine Lippen für die nächsten Stunden zu versiegeln.

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Und dann wurden Beppo die Kellerschlüssel anvertraut, was eher selten vorkam. Er durfte den Spund des Fässchens Samoswein ziehen und eine ganze Karaffe füllen. So süß war der Rebensaft von der Ägäisinsel, dass seine Exzellenz, Erzbischof della Bebra, alle galligen Anspielungen auf Don Anselmos mangelnden Eifer für hübsche Mägde vergaß. Schöne Hoffnungen sollte der Wein in della Bebra befeuchten und sie, samt seiner spitzen Zunge, auf den Amtsbruder zu Spoleto lenken, dessen Erzdiözese nicht nur älter war, als die 1145 zu Zara gegründete, sondern auch riesig, verglichen mit dem schmalen Festlandsstreifen und den paar adriatischen Inseln unter della Bebras kanonischer Gewalt. Samoswein versprach einen Abend voller Pläne, Hoffnungen und geistreichen Austauschs.
So füllte denn Beppo im Keller zuerst sich selbst ein wenig, dann aber die getriebene Silberkanne bis zum Rand, ehe er in den Garten lief, wo er Thymian und Lorbeer zupfte, Grün für einen Kranz, der dem allzu stumpf glänzenden Silber lebendigen Kontrast schuf. Don Anselmo legte inzwischen samtiges Schwarz an und gedachte des Dominikanerhabits: Träger der heiligen Inquisition, Hunde des Herrn.
Später schleppte Beppo die bekränzte Silberkanne vorbei am Rundbau der Donatskirche zum erzbischöflichen Palast. Wie gewöhnlich umlagerten Bettler den Pranger, die hohe korinthische Säule, pax tibi Marce. Selbst diese Elendsgestalten unter dem Löwen bekamen ab von Don Anselmos Glück. Er befahl Beppo, ihre Schalen zu füllen, welch großmütige Geste im Palast bald üble Folgen zeitigte:
Della Bebra, ein Mann von scholastischer Gerissenheit (umsonst wurde man nicht Erzbischof) nutzte den Anlass vergossenen, verschenkten, nicht mehr vorhandenen Gefäßinhaltes, um das Gefäß selbst zu beanspruchen.
„Mein lieber Sohn in Christo“, hieß es, „ich habe stets deinen feinen Takt und Geschmack im Umgang mit deinen Oberen bewundert. Du drängst dein Geschenk nicht protzig auf, wie mancher Amtsbruder es täte, du lässt es vielmehr sanft in meine dankbaren Hände gleiten.“
Don Anselmo erbleichte, als er merkte, worauf das hinauslief: „Wie darf ich Euer Gnaden verstehen?“
„Schau, lieber Sohn, ich weiß, du würdest mir nie und nimmer eine halb volle Kanne Wein verehren. Jedenfalls nicht, ohne damit anzudeuten, dass du gedenkst, die fehlende Hälfte der Materie überreichlich auszugleichen durch die Form, welche das Silber dem Rest verleiht.“
Ergeben nickte der Erzpriester.
„Euer Gnaden Witz erleuchtet das Leben eines armen Knechtes Christi.“
„Thymian und Lorbeer“, fuhr della Bebra fort, „sag, welchen Kranz flechten wir uns zur Nacht? Fühlen wir uns wie bejubelte Dichter, wie Petrarca voriges Jahr zu Rom oder als siegreiche Feldherren unter dem Lorbeer? Oder gedenken wir des frivolen Ovid, der die vorm liebestollen Apoll flüchtende Daphne in einen Lorbeer verwandelt?“
Don Anselmo nahm den Faden auf: „Lasst uns lieber um Mut und Kraft beten, die dem Thymian innewohnen, Euer Gnaden, denn beides mag von Nutzen sein, falls Ihr einen kleinen Plan unterstützt, den ich vortragen möchte.“
Jovial nickte della Bebra Gewährung und wies auf die Tafel. Bis Don Anselmo die Ereignisse des Tages geschildert, seine Absichten in jeder Einzelheit dargelegt hatte, waren rosige Meeresfrüchte zuhauf von den Platten verschwunden. Nachdenklich begutachtete della Bebra seine Fingerkuppen, bevor er sie am pelzbesetzten Ärmel der Sottana abwischte.
„Sehr schön, mein Sohn!", sagte er. „Wir können es versuchen, wenn wir vorsichtig zu Werke gehen. Manini ist von Adel, reich und hat allerhöchste Beziehungen, doch wollen wir hoffen, dass sein großmäuliger, peinlicher, ja lächerlicher Anspruch auf das Dogenamt ihn genügend bloßstellt. Falls ein Prozess ins Rollen kommt, ist mir um den Ausgang nicht bange: Der Hund im Wappen unserer Brüder Dominikaner trägt nicht nur die Fackel im Maul, sondern bringt auch sein Wild zur Strecke." Erleichtert seufzte Don Anselmo: „Euer Gnaden müssen mir eine Frage beantworten. Ich bin nur mäßig bewandert in den diffizilen Problemen der Moraltheologie. Daher erklärt mir, was in unserem Casu unter gerechtem Teilen zu verstehen wäre.“
„Nun, wie du weißt, fällt bei Verurteilung die Hälfte des Vermögens an die Kirche. Da allein ich – keinesfalls du – eine so schwere Anklage gegen jemand wie Manini erheben kann, fällt mir die andere Hälfte zu. Sorge dich aber nicht, mein Sohn, ich bin sehr großzügig.“
Der Pfarrherr bohrte weiter: „Wie großzügig genau, Euer Gnaden?“
„Ich denke, ein Zehntel dieses Vermögens stellt sogar deine Ansprüche zufrieden.“
Sie begannen zu feilschen, ehrerbietig der eine, herablassend der andere, beide in der Sache unerbittlich. Als Don Anselmo seine Vorstellungen endlich durchgesetzt hatte, was nur mit dem Hinweis gelang, er allein könne die nötigen Zeugen beschaffen, jammerte der Erzbischof: „Du schröpfst mich, Pfäfflein! Und wie du mich schröpfest. Ich hatte auf Einsicht in die Notlage deines armen Bischofs gezählt, mein Sohn, mein schlimmes Sorgenkind!“ Trotzdem hielt er den Wein kennerhaft gegen das Licht und trank seinem Komplizen zu: „Prosit!“
Es hob ein großes Zechen an, an das sich die Aufwärter noch lange erinnern sollten. Sie wurden in immer verschwiegenere Keller des erzbischöflichen Palastes geschickt, immer ältere und edlere Weine ließ della Bebra kredenzen, nachdem der Samos alle war. Trotz milder Witterung wurde ein prasselndes Kaminfeuer entfacht, damit die Mägde sich nicht verkühlten, während sie ihren Pflichten leicht bekleidet nachkamen. Diese neue Richtung des Gelages jedoch behagte Don Anselmo nicht. Er liebte auch nicht die groben, trunkenen Späße della Bebras über hüpfende Brüsten und Don Anselmos niedergeschlagene Augen, Späße, die allzu oft die Pointe “Mamma” ansteuerten. Don Anselmo schlug vor, lieber die notwendigen Schritte einzuleiten, bevor noch der letzte Funken Verstand im Wein erlosch. So wurden die Mägde verscheucht und der Sekretär des Erzbischofs aus dem Bett geholt, ein äußerlich bescheidenes, allerdings ziemlich intrigantes Franziskanermönchlein. Gewiss ein lästiger Zeuge – aber die beiden Verschwörer konnten längst nicht mehr schreiben. Unter Lachsalven und weiterem Pokulieren gelang es ihrem abwechselnden Diktat, eine recht überzeugende Anklageschrift gegen Manini aufzusetzen, den sie unbestimmt als Ketzerfürsten von Zara titulierten, damit der Sekretär nicht mitbekam, um wen es ging. Keinesfalls durfte Manini vorzeitig gewarnt werden, er musste im Kerker sitzen, bevor seine politischen Kontakte spielten. Am Morgen wollte der Erzbischof die Anklage nochmals durchsehen und dann persönlich ins Reine schreiben. Das wurde fest vereinbart. Dann schickten sie den Sekretär hinaus und kosteten vom nächsten Wein.

Es wurde Mittag, bis sich der Dunst im Kopfe Seiner Exzellenz soweit gelichtet hatte, dass an Arbeit zu denken war. Für den ahnungslosen Manini bedeutete das aber nicht Rettung, sondern nur halbtägigen Aufschub. Sein rasender Kopfschmerz machte den Erzbischof bösartig. Aus den entlegensten Winkeln der Erinnerung trug er, an sich völlig harmlose, Vorwürfe gegen den Kapitän zusammen und fügte sie zum nächtlichen Entwurf. Manini hatte ihn beispielsweise im Vorjahr gezwungen, bereits abgeschlossene Verträge mit ungarischen Fastenpredigern wieder zu lösen: Sie könnten in Zara spionieren, hieß es. War das nicht unzulässige Einmischung in kirchliche Belange? Auch war vor ein paar Wochen ein Kurierschiff ausgelaufen, ohne den Segen des Kaplans abzuwarten, den der Erzbischof verspätet geschickt hatte. Derlei wurde nun mit den Hauptanklagepunkten verwoben, um dem Inquisitor und den Savii das Geschäft zu erleichtern. Eindrucksvoll skizzierte della Bebra den leibhaftigen Antichrist, dem es darum zu tun sei, die Weltordnung zu stürzen, der unentwegt geistliches, aber vor allem venezianisch-staatliches Recht verhöhnte. Nochmals ward der Entwurf abgeschrieben. Beim Siegeln tunkte der Tremor Seiner Exzellenz Fingerkuppen in den heißen Lack. Doch erst, nachdem er seinen Boten zuverlässig unter den Passagieren des nächsten Handelsschiffs mit Kurs auf Venedig wusste, ging della Bebra wieder zu Bett und leckte die Wunden.

Zur selben Zeit schwitzte Guardini in seiner Zelle. Es nahm ihn mit, den Verlauf der nächsten Jahrzehnte zu träumen. Immer wieder irrten seine Gedanken fort von der Zukunft fremder Menschen, hin zum eigenen Ende. Seltsam genug: Wie Janus trug sein Sterben zwei Gesichter. Während Guardini die Stricke ins Fleisch einschneiden fühlte, das Zerren an den Sehnen, das grausige Empfinden hatte, nicht einfach lang-, breit-, ja platt gezogen zu werden, sondern beim Auskugeln der Hüft- und Schultergelenke das Bewusstsein verlieren - während Guardini all dies verspürte - war er zugleich an einen Holzpfahl gekettet, mit Pech bestrichen, von Werg und Fichtenscheiten umgeben und wartete darauf, dass sie die Fackel in die dürren Reiser am Fuß des Holzhaufens stießen. Während sie einem sterbenden Guardini eimerweise kaltes Adriawasser ins Gesicht kippten, damit er sein Verrecken wach und aufmerksam verfolge, spürte er, wie einem anderen, befremdlich vertrauten, der erste Qualm stickend in Mund und Augen drang, wie Funken sich auf pechverschmierter Haut festfraßen und kleine, schmorende, Blasen werfende Brandherde entfachten. Oja, sie verstanden ihr Geschäft: Hafenwasser ins Gesicht gegen die Ohnmacht. Pech auf die Haut, damit die Menschen brannten, bevor der Rauch sie in die gnädige Ohnmacht beförderte ...

Neue Bilder schwirrten durch Guardinis Kopf: Ludwig d'Anjou, der alledem ein Ende machen soll. Ludwig im turmtorartigen Campanile des Domes von Trani, verzweifelt aus dem Trockenen in den Regen starrend, während sein aufsässiger Adel den König in weitem Ring um die Stadt belagert. Eingeschlossen, fast besiegt, nahezu gescheitert sein von Guardinis Träumen inspirierter Plan einheitlicher Verwaltung der Königreiche Ungarn, Polen und Neapel.
Dann wieder Ludwig: im Innenhof des Castel del Monte, nach endgültigem Sieg über den rebellischen Adel. In den Schrägen 17,85 x 17,88 Meter. In den Geraden des Oktogons 17,63 x 17,86. Ziemlich klein für einen so großen Gerichtshof. In Friedrich von Hohenstaufens programmatischem Bauwerk hält ein Anjou Gericht – eingedenk historischer Maße. Bei Fackelschein werden die Familienhäupter und alle männlichen Nachkommen vor den provisorischen Thron geführt, um kniend ihr Urteil zu hören: Tod.
Jeden Zehnten trifft es. Danach ein neuer Durchgang, die Überlebenden werden wieder dezimiert, so geht es durch die ganze schrecklich lange Nacht. Im Morgengrauen fallen fast zweitausend hochgeborene Häupter. So viele Köpfe müssen abgeschlagen werden, um jenen einen zu sühnen, den Ludwigs Ahnherr Karl d'Anjou 1268 in den neapolitanischen Sand legte. Kostspielig, Geschichte ungeschehen zu machen, selbst wenn nur fremdes Leben auf der Rechnung steht. Dennoch findet Guardini null Fehler in seiner Vision.

Acht Tage später landet ein lateinisch besegeltes Schiff aus Venedig in Zara, auf Höhe des Seetors. Man hat einen neuen Conte für Zara bestellt, den alten vor die Zehn befohlen. Manini ist abgesetzt. Drei Savii für seinen Ketzerprozess sind ernannt, und der Doge persönlich drängt auf zügige Aburteilung. Die Stadt summt von widersprüchlichen Gerüchten. Della Bebra, Don Anselmo und Beppo scheuern sich beim vergnügten Händereiben ihre Finger wund.
Ironie der Geschichte: Noch am selben Tag geleiten Söldner einen
um Gnade winselnden Niccolo Manini keineswegs in ritterliche Haft, sondern auf ausdrücklichen Befehl des neuen Conte, in die leere Kerkerzelle neben dem Verlies Guardinis.

Im Jahr 1348 christlicher Zeitrechnung wurde an der Sorbonne eine Schrift über die Pest veröffentlicht, die sich auf Aristoteles und den großen Albert von Köln stützte. Als Hauptursache des schwarzen Todes benannte sie die Konjunktion der Planeten Jupiter, Saturn und Mars vom zwanzigsten März 1345. Mögen die Herren professores et doctores ein offenes Wort verzeihen: Sie publizierten Unsinn! Die fast fünfundzwanzig Millionen Opfer der Seuche starben quer durch Europa keineswegs an ungeputzt irrlichternden Sternen. Ihr Mörder hieß Yersinia Pestis, gehört als menschenpathogene Art einer Gattung kurzstäbchenförmiger, zum Teil unbegeißelter Bakterien aus der Familie der Brucellaceae an und trägt seinen Vornamen nach Alexandre Yersin, der im schönen schweizer Kanton Waadt den Pesterreger unabhängig vom Japaner Kitasato isolierte. Das Bakterium Yersinia Pestis wird vornehmlich von Flöhen der schwarzen Ratte übertragen. Ein Bote, den DER damals regierende Sternenputzer eigens nach Paris sandte, um die dortigen Gelehrten zu informieren, wäre beinahe als Magier auf dem Scheiterhaufen geendet. Nicht pasteurisierte Zeiten waren das! Der Rohmilchkäse der Geschichte sozusagen. Schierer Horror für unsere hygienisch-gutmenschlichen Zeitgenossen.

Andernorts heißt es, eine Galeere aus dem von Tataren der Goldenen Horde bestürmten genuesischen Kaffa habe die Seuche nach Venedig eingeschleppt. Es geht die Sage, die Belagerer hätten Pestleichen aus ihren eigenen Reihen über die Wälle des Handelsstützpunktes am Schwarzen Meer katapultiert. Wie auch immer: Es ist die Beulenpest der schwarze Tod. Und der wurde zwar erst 1347 epidemisch, landete jedoch weit früher im Herzen Europas,  im Jahre 1342 – zu Zara. So wollen wir es, weil es Sinn macht.

Wären die Annalen des kaiserlichen China vollständig, so wäre heute Allgemeinwissen, dass 1338 christlicher Zeitrechnung in der ehemaligen kaiserlichen Residenzstadt Loyang eine Pestepidemie ausbrach, die jedoch auf Stadt und engeres Einzugsgebiet begrenzt blieb. Gründe für diese eigentümlich begrenzte Virulenz sind heute nicht mehr feststellbar. Als aber die Epidemie dem Höhepunkt entgegen wütete, trat ein alteingesessener Großhändler in Seide und Drogen mit überladenem Flusssampan auf dem Loho eine Reise an, um der Krankheit zu entkommen, auch des guten Profites wegen. Mit ihm ging eine verseuchte Ratte an Bord und baute sich unentdeckt in einem Seidenballen ihr luxuriöses Nest. Des Händlers Absicht war, die Fracht nach Japan zu verschiffen, und als kürzesten Transportweg nutzte er den Hwangho, dessen Fluten ihn ohne Zwischenfall zur Mündung spülten. In der Pohai-Bucht wurden Fracht und Ratte auf eine seetüchtige Dschunke verladen. Ebendiese Dschunke kaperten Piraten in der Cheju-Straße, wobei fast alle Besatzungsmitglieder, einschließlich des Frachteigners, zu Tode kamen. Nur ein Passagier, Urahn des späteren chinesischen Großkanzlers Hsü, den im siebzehnten Jahrhundert der Kölner Jesuitenpater Adam Schall von Bell zum Christentum verkehrte, entging dem Tod, indem er sich zuerst wie ein Löwe wehrte, dann jedoch den Piraten anschloss, die einen solchen Berserker mit dem Kampfholz gern in ihre Reihen aufnahmen. Mit artgemäßer Zähigkeit überlebte auch die Ratte das Gemetzel, hurtig zwischen den Kämpfern davonhuschend, von Versteck zu Versteck, kaum beschwert durch die tödliche Last im Pelz. Zu Fukoda auf Kyushu wurde die Dschunkenladung an japanische Interessenten verkauft und erreichte so doch noch ihren ursprünglichen Bestimmungsort. Das Schiff selbst, zu schwerfällig für Kaperfahrten, verhökerten die neuen Eigentümer weit unter Preis an einen arabischen Händler, den seine Abenteuerlust ins Chinesische Meer verschlagen hatte. Unter dessen Ruderführung gelangte die Ratte – über etliche Zwischenstationen im Malaysischen Archipel und Indien, darunter eine beim nachmals portugiesischen Diu, nach Abadan zum Nordende des Persischen Golfs. Inzwischen hatte sie zwar einmal das Schiff wechseln müssen, doch gerade schwarze Ratten sind gewandte Kletterer. Nun allerdings wurde die Reise schwierig: Im Gefolge verschiedener Handelskarawanen und nomadisierender Stämme trippelte das Tier, geschwind wie müde Kamele, den Euphrat aufwärts, stets in der Furcht, sich zu verspäten. Auf Höhe von Aleppo wagte die Ratte den Doppelsprung: die wasserlosen Wochen zwischen Fluss und Stadt, später zwischen Aleppo und dem Mittelmeer gehörten zu den schrecklichsten ihres Rattenlebens. Danach war es nur mehr eine Kleinigkeit, entlang der libanesischen Küste nach Tripolis zu kommen und im Hafen einer venezianischen Romania-Galeere aufs Deck und schließlich in den prallgefüllten Bauch zu krabbeln, wo sich das Biest während der Überfahrt von allen Strapazen erholte und sogar wieder ein Wänstlein anfraß. Die fest ansässigen Schiffsratten duldeten den blinden Passagier. Das kräftige Tier verbiss jeden Artgenossen. Dies war auch Grund dafür, dass kein einziger parasitärer Pestfloh sein Wirtstier wechselte – die heimischen Ratten wagten nach ersten Annäherungsversuchen einfach nicht mehr, ihrer Mitreisenden auf Flohsprungweite nah zu kommen. Auch die Seeleute blieben verschont.
Beirut. Famagusta. Rhodos. Canea auf Kreta. Korfu. Dann: Zara!
Im Hafen schiffte sie sich aus und fand mit sicherem Instinkt die alte Stadtwache. Dort hatte sie einen Auftrag zu erledigen. In diesen Kellern saßen Tür an Tür zwei Männer und warteten, laut Guardinis Traum, auf Vierteilung oder Ketzerverbrennung. Dies eine Mal träumte Guardini an der Zukunft vorbei. Zuerst wurde der Kapitän vom Floh gebissen, lebte jedoch ganze zwei Tage länger als der Scholar, den die Haft schon geschwächt hatte. Durchs Rattentor, ihren persönlichen Triumphbogen, den Lüftungsschlitz unter Guardinis Bohlentür, fand das Tier den Weg zum Scholaren, der einem weiteren Flohbiss erlag. Kurz bevor die schmerzhaften Lymphschwellungen unter den Achseln und in den Leisten tastbar wurden, tötete Guardini die doppelmörderische Ratte, ohne zu ahnen, dass er so Zara einstweilen vor der Pest bewahrte. Beim Kampf um einen Brotkanten biss ihn das aggressive Tier in die Hand, und er ersäufte es im Wasserkrug. Koloss im tönernen Grabe. Ausreichend lange ließ er das Biest unter Wasser zappeln und endlich stillwerden, dass auch sämtliche Flöhe bei diesem Untergang ersoffen, da sie, anders, als die Ratten, das Sinken eines Schiffes nicht vorhersehen. Die Anzahl der Opfer jener selten erwähnten 1342er Pest von Zara überstieg also nicht die Zwei.
Mit diesem Tag beginnt die Geschichte des Anjoureiches. Nach dem Tod der beiden unmittelbaren Gegenspieler wusste nur noch Ludwig d‘Anjou, der sich soeben auf dem ungarischen Thron festsetzte, um den gewaltigen strategischen Entwurf des Scholaren. Niemand konnte jetzt noch unter der Folter schreien und ihn preisgeben, niemand ihn als Ware feilbieten, um sich vom Ketzerprozess loszukaufen. Drei Menschen wahrten ein Geheimnis, weil zwei von ihnen starben. Der Reichstraum des Scholaren aber ging in Erfüllung.

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Sorbas’sches Syndrom. So lautet, seit ich Kazantzakis verschlang, meine Selbstdiagnose, wann immer ich mich fühle, wie jene Papier verschlingende Maus, putzig bedeutungsloser Nager, der seinen großen Konkurrenten, den Ratten dieser Welt, ausweicht, sich hinter einem Festungswall von Büchern verschanzt, der jeder weltlichen Bedrängnis standhält. Und doch gibt es in diesen Mauern aus Quellentexten, Akten und Korrespondentenberichten, inmitten der verschiedensten Literaturen, von der Belletristik, bis hin zur wirtschaftshistorischen Abhandlung immer wieder Schießscharten: Durch sie halte ich mir den Feind vom Leib und seh von fern die Freunde winken. Oft winke ich sogar zurück, nicht mit seidenem Spitzentüchlein, sondern mit flatternder Rotzfahne, einigermaßen verschnupft, bester Herr Chou!
Ich ließ mir seine Personalakte bringen, kaum heimgekehrt von unserer Gartenkonferenz.

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SIAU CHOU (Des Kleinen Zähmungskraft) . Dem neunten Zeichen des I Ging entlehnter Wahlname des Chou Hsi.

Bedeutungskomponenten:

1. Die Teilzeichen: Oben Sun, das Sanfte, der Wind. Unten Kien, das
Schöpferische, der Himmel.

2. Das Urteil: Des kleinen Zähmungskraft hat Gelingen. Dichte Wolken,
kein Regen von unserem westlichen Gebiet.

3. Das Bild: Der Wind fährt über den Himmel hin: Das Bild der Zähmungskraft des Kleinen. So verfeinert der Edle die äußere Form seines Wesens.

Siau Chou, geboren am 25.01.1900 als Sohn eines Erdnussbauern in der Provinz Kiangsi. 1928 Mitglied der KPCh. Teilnahme am Langen Marsch.
Mitarbeiter Chou En Lais. 1939 sechsmonatiger Moskauaufenthalt in dessen Begleitung. Nach Rückkehr intensive Studien verfemter chinesischer Klassiker. Dies ist vermutlich der Grund dafür, dass Siau Chou niemals offizielle Partei- oder (nach 1949) Staatsämter innehatte, obwohl er durchaus dem engeren Kreis der Parteiintelligenz zuzurechnen war. 1951 kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit Mao Tse Tung. Bei einer Sitzung des Politbüros, zu welcher Siau Chou ein Referat zum Thema "Revolution und Literatur" vorbereitet hat, nennt er den Parteivorsitzenden ein „... dreckiges Stück Wolfsherz und Hundelunge, das sich als Drache aufspielt aber bald laut zeternd vom Himmel stürzen ...“ werde, weil Mao aus seiner Sicht einen totalen Bruch mit der chinesischen Literaturtradition anstrebe und insbesondere den Typus des Gelehrten-Beamten aus Kulturleben und Politik verbannen wolle. Nur mit Unterstützung Chou En Lais gelingt ihm die sofortige Flucht nach Hongkong, unter Mitnahme erheblicher Goldwerte ungeklärter Herkunft. In der britischen Kronkolonie eröffnet Chou ein Opiumbordell besonderer Art: Freischaffende Körperkünstler(innen) entrichten dem Inhaber lediglich einen Obolus für die Beköstigung, sowie für Ausstattung und Instandhaltung der Räumlichkeiten, der Restverdienst verbleibt ihnen. In diesem Haus betreibt Chou Studien für einige unveröffentlichte Bände pornographischer Lyrik. (Nehmen wir an, das ist zu hundert Prozent wahr – dann bleibt es immer noch zu null Prozent sachdienlich.) 1954 verschenkt er das Bordell an die Angestellten und zieht nach Djakarta, wo in kurzer Folge drei Bücher erscheinen, die schließlich zur Aufnahme in die Behörde führen:

Die 101. Blume. Entwurf einer alternativen Geschichte des Mandarinsystems von der Ming-Dynastie bis zum heutigen Tage, Djakarta 1954

Die Triaden. Kurze Geschichte der Geheimgesellschaften und des exilierten Widerstandes gegen die Mandschu-Fremdherrschaft, Djakarta 1955

Das UM und das WEIL im historischen Kausalitätsmodell. Ostwestliche Interpretationsversuche, Djakarta 1955

1956-1959 Aufenthalt in der auslandschinesischen Kolonie von San Francisco, wo Chou seinen legendären Ruf als Orakelsteller erwirbt.
1959 Eintritt in die Studentenschaft der Behörde
1962 Gradus Primus
1964 Legatus Stellas Ordinans
1965 Procurator in Magistratu Ordinis, Collegiumsmitglied
1969 Praefectus in Magistratu Ordinis
1972 Proclarator Stellarum
1981 Clarator Magnificus

Mit eigener Hand zur offiziellen Personalakte, nicht zu den Geheimarchiven, weil dort gesonderte Erklärung:
Heute, am 27. September des Jahres 1982 christlicher Zeitrechnung, ANNO AB URBE CONDITA MMDCCXXXV der Zeitrechnung Roms und 1-39-7537 nach Rechnung der Hohen Behörde von Atlantis erkläre ich im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Gesundheit unwiderruflich den Rücktritt vom Amt DES Sternenputzers und gebe es in die treuen Hände meines gewählten Stellvertreters Adam Bonaventura Czartoryski.
Ich zeichne als Siau Chou, Des kleinen Zähmungskraft, einstmals erhaben und Clarator Magnificus Stellarum et Princeps Collegii Claritatis Stellarum, welchen Titel und Rang ich hiermit ablege.

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Es juckte mich, hier eine bitterböse Marginalie zu kritzeln, etwa: mieser Schuft! Hätte sich gut gemacht am ungelochten Rand der Akte. Und verdient hätte Chou es allemal, so abgebrüht, so kaltschnäuzig er uns verraten hatte. Ein solcher Hochverrat, verübt am Staat – ich hätte mir ein schadenfrohes Schmunzeln nicht verkniffen. Doch nun trifft es die Sternenputzer, und das ist dem Humor abträglich.
Trotzdem erntet man in Chous Garten, wo ich die letzten Tage – es heißt wohl – lustwandelte, Philosophie als Frucht der Fotosynthese. Als ich aus der Cessna unseres Korrespondenten kletterte, goss es in Strömen, warmen, kleintropfigen Regen, der salzig Meeresnähe schmecken ließ oder geweint wurde vom Himmel, der unsere Trauer um die versunkene Heimat teilt. Der Adept chauffierte mich vom alten US-Flughafen Santa Marias zu dem winzigen Dorf aus zwei mal acht Beton-und-Wellblech-Hütten, wo – bis auf elitäre Ausnahmen – alle Schüler des Chinesen leben, gut sechzig an der Zahl. Gestaffelt in drei Gliedern hatten sie sich auf dem Platz zwischen den Gebäuden aufgestellt und verneigten sich schon, während ich aus dem klapprigen VW-Bus stieg. Die gut gedrillte Truppe führte ein Zeremonientheater auf, das mich umso mehr verblüffte, als Siau Chou in seiner Amtszeit kein großer Freund des Protokolls gewesen war. Die sechzig Mann aber verneigten sich dreimal synchron, und da mir die korrekte Erwiderung nicht geläufig war, neigte ich einmal möglichst würdevoll das Haupt.
Dann musste ich in die Sänfte. Hilfesuchend wandte ich mich an den Fahrer, doch der schüttelte den Kopf: nein, ausgeschlossen, mich weiter an die Klause des verehrten Meisters heranzufahren. Um nichts in der Welt würde er des Meisters kontemplative Ruhe stören durch den Lärm eines schnöden Verbrennungsmotors. So blieb mir denn nichts übrig, als das Geschaukel zu ertragen. Wie beim Transport auf einer Krankenliege, den ich als Zehnjähriger überstand – im Azorenregen fehlten nur die Gurte, die mich festschnallten, die Angst natürlich und der Schmerz des beinah perforierten Blinddarms. Außerdem saß ich, statt zu liegen. Die Doppelreihe der Schüler in ihrer Einheitstracht aus verwaschen gelber Baumwolle folgte der Sänfte. Nach einer Stunde waren wir da.

Gut anderthalb Meter breit schäumte der Bach aus dem engen Tal. Rechts und links wuchs Lorbeerwald auf den Ausläufern zweier vulkanischer Bergkegel. Im Tal dazwischen gedieh Chous Garten. Mein Vor-Vorgänger erwartete mich. Er vollzog die Verbeugung eines Beamten vor DEM Sternenputzer. Hinter mir schnappten die Schüler nach Luft: Solche Respektsbekundung für Fremde waren sie von ihrem Meister nicht gewöhnt. Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht: Sie sind kein Häuflein devoter Kriecher, nein, sie haben sich freiwillig einer Hierarchie von Lehrenden und Lernenden unterworfen, aus Verehrung für Chou, der aus diesen Adepten des Schafgarbenorakels Meister machen will. Inmitten sinnlosen, geistig gesetzlosen Wahnsinns studieren sie die tiefe Weisheit des I Ging.
Bei seiner zweiten Verbeugung fing ich Chou auf, was er prompt dazu missbrauchte, mir den Siegelring zu küssen. Unbehaglich, wie dieser Greis mir unter den Blicken seiner Schüler förmlich Respekt zollte! Rein menschlich hatten wir stets auf vertrautem Fuß verkehrt, und zwar nicht erst, seit er mich zum Praefecten erhob – auf vertrautem Fuß, soweit es den zwischen Menschen gibt, die durch ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung getrennt sind. Mein Schicksal, mit dem ich hadere angesichts der überalterten Behördenleitung. Zögernd sprach er mich an:
„Ich grüße Euch, Sternenputzer und heiße Euch willkommen.“
„Belassen wir es bei Herr Chou und Berthold!“
Diese Sprachregelung war unser Kompromiss. Bei seinem Orakelnamen mochte ich ihn nicht nennen, und seinen abgelegten Vornamen verabscheute er selbst aus mir unbekannten biografischen Gründen. Der ehemalige Familienname Chou hingegen kam im bürgerlichen wie im I-Ging-Namen vor. Also hatten wir uns auf das altväterliche Herr Chou geeinigt. Bereitwillig nahm er den Vorschlag auf.
„Berthold? Gern. Wie früher? Du kommst doch nicht, mich umzustimmen? Mit der Behörde bin ich fertig! Aus!“ Mit diesen Worten betraten wir das Tal und ließen die fassungslose Schar von Adepten zurück. Nach wenigen Schritten meckerte Chou sein leises Altmännerlachen und schüttelte den kahlen Kopf. „Von der Behörde wissen sie rein gar nichts. Da bricht jetzt ihre Welt zusammen: Ich erweise dir meine Reverenz, obwohl du jünger bist als die meisten von ihnen. Harte Nuss! Tut ihnen gut.“

+++

Der Garten war, ich sagte es bereits, erstaunlich. Obwohl nicht gänzlich unbedarft in chinesische Landschaftsmalerei, hatte ich doch mehr Blumen erwartet. Doch Siau Chou hatte hauptsächlich Bäume gepflanzt, schönes Buschwerk und Graskissen ohne Zahl. Nur hier und da blühte eine Orchidee an ausgesuchtem Platz, meist nicht im Erdboden, sondern in erlesener Keramik. Ein harmonisches, wenn auch auf den ersten Blick recht künstliches Gebilde. Schon fragte ich mich, wie man trockenen Fußes über den Bach in die zweite Hälfte des Gartens gelangte, da kamen wir zu den bemoosten Trittsteinen. Vier Stück: Längs ausgerichtet, parallel zu Bachverlauf und Strömung, lagen sie so, dass man mit drei Schritten drüben war. Zuerst zwei lang gestreckte Quader und dahinter, nebeneinander und mit einer Kantenlänge Abstand, zwei gleich große Steinwürfel, allesamt von Moos bewachsen und an den wasserumspülten Seiten von hellgrünen Algen. Dort brach sich das Wasser, quirlte, schäumte und schoss dann mit zerplatzender Schaumkrone durch die steinern verengte Bachschnelle. Ich wollte hinüber, doch mein Führer hielt mich.
„Komm!“, sagte er lächelnd. „Schau!“
Nach etlichen dreißig Metern passierten wir die nächsten Trittsteine, diesmal sechs Würfel, die je zu zweit nebeneinander lagen, und in mir keimte ein Verdacht. Ich äußerte ihn erst aber bei der dritten Steingruppe.
„Das Heitere hat oben eine Lücke, das Empfangende hat sechs halbe Striche, das Haftende ist in der Mitte leer ...?“ Hier lagen, von unserem Ufer aus gesehen, vorn und hinten je ein Quader, in der Mitte zwei Würfel. Mit ironischem Respekt tätschelte mir Siau Chou den Arm.
„Du verstehst? Da liegen die acht Urzeichen des I Chin
g steinern im Bach, die Elemente des Buchs der Wandlungen. Vom Wasser umspült erlauben sie uns, die Ufer zu wechseln. In die Zukunft schauen! Zeit überwinden! Die Gesetze erkennen, denen gemäß Vollendung und Verfall den Keim ihres Gegenteils in sich tragen! Geschehen so beeinflussen, dass der Aufstieg beschleunigt, der unvermeidliche Niedergang aber verzögert wird! Einklang mit den Schwingungen des Kosmos!“
Ein bisschen ausschweifend war seine Aufzählung, man hätte manches einwenden oder viel loben können. Dennoch unterdrückte ich Kritik wie Tadel - er suchte neue Ausdrucksformen für seine Gedankenwelt. Dieser Garten verlangte nach Schweigen und Meditation, oder, abendländisch formuliert, nach dem Lachen olympischer Götter. Und dann erklärte er mir sein Werk, den Garten, das Fleckchen kultivierter Erde, für das er sein hohes und schönes, das harte, traurige und in unserer Zeit durchaus ein bisschen lächerliche Amt  DES Sternenputzers weggeworfen hatte. Inzwischen weiß ich aber, dass er log, was die Motive anging, und schäme mich meiner damaligen Gutgläubigkeit.
„Schau die Bäume. Deine Zeit ist knapp, darum erleichtere ich dir den Einstieg. Lass dir Zeit für Ast, Zweig, Blatt ... die Stämme erkläre ich. Der Garten hat sechs Gehölze. Auf diesem Bachufer die Hainbuche, den Fächerahorn, der im Frühling rote Blätter treibt, und die Ulme. Drüben sind es Mädchenkiefer, Fichte und der größere Igelwacholder, dessen bizarre Stämme mit besonders ans Herz gewachsen sind. Begreifst du? Links Laubbäume, rechts Nadelholz. An jedem Ufer drei Baumsorten für die drei Striche der Urzeichen des I Ching. Zusammen sechs, entsprechend den sechs Strichen der Orakelzeichen. Gleichzeitig vereint im selben System, dem Garten - und durch den Bach getrennt. Denk an die durchgängigen Yang- und die geteilten Yinstriche der Zeichen! Bedenke, wie sie als Ergebnisse des Schafgarbenzählens stark oder schwach, veränderlich oder stabil auftreten. Wie du siehst, stehen in allen acht von Steinzeichen begrenzten Uferabschnitten je acht Bäume. Sträucher und Buschwerk zählen hier nicht. Wir rechnen für jedes Ufer acht mal acht, gleich vierundsechzig Bäume: einen für jedes Orakelzeichen. Wo wir gerade stehen wachsen eine Ulme, drei Ahorne und vier Buchen. Im nächsten Abschnitt sind es drei Ulmen, vier Ahorne und eine Buche, und sobald wir das Zeichen des Erregenden im Bach passieren, beträgt das Verhältnis vier zu eins zu drei. So überwiegt stets ein Gehölz, während das zweite stark, das letzte nur mit einem Exemplar vertreten ist. Im folgenden Abschnitt wächst das Starke zur Übermacht heran, die fast verschwundene Baumsorte wird stark und die einst übermächtige verschwindet bis auf das Restexemplar: immerwährendes Wachstum und Schrumpfen nach ewig gleichem Gesetz - den Gezeiten der Kausalität.“ Er rieb sich die Hände, was deren faltige Haut sekundenweise straffte und die leberfleckigen Handrücken um zwanzig Jahre verjüngte. „Ich habe Hesse widerlegt!“, trompetete er stolz.
„Hm?“
„Hermann Hesse!“, bekräftigte er. „Sein Glasperlenspiel. Erinnere dich, wie Josef Knecht, der nachmalige Glasperlenspielmeister den alten Orakelsteller um Rat bittet! Knecht will die Zeichenwelt des I Ching in die Spielsprache einbauen, und der Orakelsteller sagt ihm: Es mag ja ganz schön sein, einen kleinen Garten, id est das Glasperlenspiel, in die Welt zu setzen, aber, Freundchen, die Welt, das I Ching, in sein Gärtlein zu pflanzen, ist vermessen. Ich habe die Welt des I Ching in mein Gärtlein gepflanzt. Wenn du Lust hast, such weitere Parallelen ...!“
Erst sprachlos, fiel mir dann Josef Knechts Rücktritt vom Amt des Magister Ludi ein.
„Dein Ausscheiden aus der Behörde?“
Er wiegte nur den Kopf und suchte meine Augen von schrägunten.
„Was weißt du darüber? Hast du schon im Archiv der Magnifizenzen nachgelesen?“ Ich musste mein Versäumnis zugeben. „Jaja, hast im Moment andere Sorgen. Nicht nur die ersten Tage im Amt, auch die politische Lage. Glaub bloß nicht, keine Zeitung flatterte in meine Abgeschiedenheit! Die Welt steht kopf – und mit ihr die Behörde. Diesmal könnte unser Genick brechen, richtig? Suchst du Rat, dann frage. Nur über meinen Rücktritt sprechen wir am besten erst vor deiner Abreise, sonst nimmst du mich vielleicht gar nicht mehr ernst. Und das wäre jammerschade, nachdem du einmal hier bist.“ Wieder meckerte er sein Lachen und rieb sich die Hände. Ich hielt es für geheime Freude – weiß jedoch heute, dass dies Händereiben dem des Pontius Pilatus oder der Lady Macbeth in keiner Hinsicht nachstand: Unermüdlich wusch er sich in für ihn niemals mehr erreichbarer Unschuld. Je weiter wir das sich verjüngende Tal erwanderten, desto lauter erscholl das gleichmäßige Rauschen und rief an den Steilhängen ein kaum wahrnehmbares Echo hervor. Der Lärm rührte von dem weit über zehn Meter hohen Wasserfall, dergestalt der Bach von höherem Niveau in ein rundes Becken toste, säulenförmig, als wäre er zum gigantischen Strahl aus dem Wasserhahn sagenhafter Riesen gebündelt. Senkrecht schoss er herab, perfekte durchsichtige Säule, beinahe ohne Luftblasen.
Hundert Meter weiter stand Chous Haus, wo außer ihm nur seine beiden Lieblingsschüler und Gehilfen wohnten, die auch für des Meisters leibliches Wohl sorgten, ein Wohlergehen, um das es bescheiden genug bestellt war. Entweder hat das Leben den alten Gourmet und Gourmand zum Asketen geläutert oder die Jahre entkräften seinen Körper, sodass er sich für jeden Genuss rächt. Ich fand seine Behausung frauenlos, schmucklos und mit karger Küche. Selbstverständlich wies das Gebäude achteckigen Grundriss auf, und acht Stufen führten empor zur Tür. Nur eins noch sei erwähnt, bevor ich auf unsere Beratungen zu sprechen komme: Im Empfangszimmer sah ich ein Bild, das ich aus dem Stockholmer Ostasienmuseum kenne. Ich besuche dieses Bild, wann immer ich den Behördensitz verlasse, um via Stockholm zu fliegen. Siau Chou hatte es eigenhändig kopiert, mit feinem Gespür für die nuancenreiche Wirkung von Papier und Tusche. Es war: Bananenbaum, Pflaumenbaum und Felsen des armen Säufers und Mörders - des genialen Malers Hsü Wei. In dessen ekstatischer Kalligrafie, die ich mir einmal übersetzen ließ, heißt es:

Obwohl der Winter noch dauert, sendet die üppige Banane ihre Frühlingstriebe aus
und über die trennende Mauer lächelt der alte Pflaumenbaum mit jungen Blüten.
Wie können wir dies Wunder verstehen, wie es begreifen?
Hast du genug Fisch, rufst du nicht nach Garnelen.

Neben dieser Kopie hing eine selbstständige Arbeit Siau Chous, ein aufgespanntes Rollbild, das, zwischen Harmonie und Wildheit zerrissen, den Bachlauf und Motive aus dem Garten zeigte. Die Malerei zeugte von zu viel schwarzer Verzweiflung, um an Hsü Wei heranzureichen, doch die Schrift des Gedichtes, das Chou dreispaltig neben den schlanken Stamm eines Fächerahorns gesetzt hatte, stellte für mein Laienauge ein Meisterwerk dar.

Kurz vor dem Lebensende noch pflanzen wir Bäume,
hoffen auf sanften Schatten für unsere alten Tage.
Und nachts sehnen wir durch das Blätterdach hoch zu den blinkenden Sternen, den Schuppen des himmlischen Drachen.
Wohl weiß ich, mein Trachten nach Harmonie ist vergeblich, doch kann ich nicht davon lassen.

Erdnussbauernsohn. Teilnehmer am Langen Marsch. Einer der wichtigsten Interviewpartner, die Edgar Snow jemals fand für Red Star over China. Rotarmist, Kommunist und zugleich chinesischer Nationalist. Bordellwirt und Pornograf: ein Hurenmaler in Gedichten. Goldbarrendieb und Millionär. Gelehrter Schreiber, hundert Jahre zuvor hätte er als Mandarin steile Karriere gemacht. Orakelsteller. Beamter der Hohen Behörde. DER Sternenputzer bis zum skandalösen Rücktritt. Gärtner. Lehrer. Weiser. Verräter: was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte. So vieler Wandlungen fähig. Eine schräge Type? Siau Chou war nicht beleidigt, als ich ihn so nannte, ließ sich vielmehr zu einem Akt der Unbescheidenheit hinreißen und proklamierte, die Welt brauche viel mehr solch schräger Typen. Nur Sucher auf Irrwegen fänden irgendetwas von Belang, manchmal, an selten günstigen Knotenpunkten des kausalen Geflechtes, haarscharf am Scheitern vorbei. Dem Rest der Menschheit gebühre das selbstgerechte Urteil: auf Staatsbanketten und am Stammtisch. Solche Leute vertrauten ihrer Rentenversicherung!

Dann begann das Verhör über die Neuigkeiten aus der Behörde: aha, eine Reise hast du unternommen, bist ausgebüxt, unter anderem nach Rom, na wohin auch sonst? Und bist mit einer Frau heimgekehrt? Ein Schüler servierte grünen Tee. Chou aber wälzte auf der Zunge den Nachgeschmack süßer Jugend.
„Ist sie klug, stark, schön? Das Collegium muss toben. Und Rechenblatt, das Wiesel, dein Nachfolger und Stellvertreter? Ausgerechnet von de Kempenaer proklamiert? Gewählt mit überwältigender Mehrheit? Du wertest das als Vertrauensvotum für dich persönlich? Verrückte Zeiten, die bei euch angebrochen sind. Ich hätte gern noch miterlebt, dass sich die Steinbeißerfraktion geschlagen gibt! Treue, ach was – Treue! Sie haben Rechenblatt gewählt, weil sie sonst keinen Ausweg sahen. Glaub nur nicht, dass sie dir einen Gefallen tun. De Kempenaer ist niemandem gefällig. Wenn er Rechenblatt proklamiert, verspricht er sich was davon. Der tut nichts aus Gefälligkeit – umsonst! Der ist erschreckend hellsichtig, das war er schon, bevor ich zur Behörde stieß. Der macht sein Spiel, sonst nichts, und setzt er auf den Rechenblatt und dich, so heißt das, dass er euch als letzte Chance sieht. Unterschätze den nie! Sag, hast du ein Foto von deiner Freundin? Schade! Dann lass hören, wie es anfing!“
Und ich tippte die Zahlenkombination ins Schloss meines Aktenkoffers und kramte nach dem Hilferuf des Rechenblatt. Uralt brüchig erschien mir das Papier von vor sechs Wochen.

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Stephan Rechenblatt, Legatus Stellas Observans, entbietet dem stellvertretenden Sternenputzer Grüße aus Polen.
Berthold, wir sind einen langen Weg gegangen vom Grab des englischen Mediävisten auf jenem grasüberwucherten Friedhof  bei Tintagel bis zum Eintritt in die Behörde. Nun wissen wir: Randolph Hamilton hat vertrauenswürdige Aufzeichnungen hinterlassen. Das steinerne Steckspiel, Marian Guardinis Pflasterstein vom Markusplatz, Steinanker der Anjouchronik, den Hamilton entdeckte und in den Maiwirren des napoleonischen Einmarsches 1797 wieder verlor, jener Stein des Anstoßes für unser gemeinsames Werk, hat endlich eine überprüfbare Entsprechung. Keine Tiefstapelei: Ich hatte nur ein bisschen Arbeit mit der Heckenschere und fand ein echtes Bodendenkmal. Es wird die Kritik mundtot machen, die bislang unsere Quellenlage abqualifizierte, weil nur auf Schriftquellen gestützt.
Neben anderen Prämissen gingen wir ja immer davon aus, dass Winrich von Kniprode, der Hochmeister des Deutschen Ordens, nicht einfach starb im Jahr 1382, sondern in der Schlacht fiel. Dafür besitze ich nun den Beweis. Ausgestattet mit dem üblichen Diplomatenpass habe ich die Weichsel zwischen Thorn und ihrer Mündung abgesucht und wurde fündig. Wie du weißt, schlug Guido Colonna als Kronfeldherr Ludwigs I. entlang des Flusses drei blutige Schlachten gegen den Orden, deren letzte das Ende für die Kreuzritter der Ostkolonisation brachte und Kniprodes so genannten Heldentod. Das Feld dieses finalen Gemetzels konnte ich nun lokalisieren: Colonna ließ seinem tapferen Feind einen Gedenkstein aufstellen. Die Polen im Reichsheer dürften gemeutert haben. Dennoch steht nahe dem einstigen Schwetz, heute polnisch Swiecie, unter Brombeergestrüpp verborgen im Dornröschenschlaf eine Stele von halber Mannshöhe, darin eingemeißelt: ANNO DOM MCCCXXCII - das Jahr also, in welchem konventionelle Geschichtsschreibung den Kniprode am vierundzwanzigsten Juni auf der Marienburg sterben lässt – und die drei Worte COLONNA ADVERSARIO COLUMNAM, Colonna errichtete seinem Feind diese Säule. Hat das Stil – oder was?
Wie auch immer, jetzt haben wir unser Bodendenkmal! Und zudem noch nicht allzu fern dem Geburtsort DES Sternenputzers. Mag sein, ein Grund für ABC, dich nachkommen zu lassen? Der steinerne Gast unserer besseren Geschichte war aber nicht alles, was ich in Polen fand: Zu Swiecie traf ich beim gelben Büffelgraswodka an schmuddeligem Tresen einen emeritierten Historiker der Krakauer Universität, der mir ein merkwürdiges Bändchen des Petrus Brock aus dem Jahr 1648 zeigte, gedruckt in Berlin, Kopie liegt bei. Entschuldige die erbärmliche Qualität, aber erstens war das Büchlein vermodert, als hätte es all die Jahre neben der Stele im feuchten Dickicht gelegen, ganze Passagen muss man sich zusammenreimen, zweitens jedoch ... die polnischen Kopiergeräte, selbst wenn man einmal Zugang hat und nicht irgendwelcher Samisdat-Publikation verdächtig wird ... du lieber Himmel!
Der gewesene Professor kennt die Säule, hält sie aber, gewissermaßen als private Freilichtandachtsstätte, streng geheim, vor Fachkollegen, besonders aber vor Behörden und Partei.
„Sie haben mir so viel verboten, was ich gern gesehen, bereist, gelesen hätte und kippten mir Misthaufen von Ideologie in meine Arbeit – jetzt schlag ich ihnen dieses Schnippchen. Außer mir und ein paar uralten Bauern, die in der Gegend ab und zu ihre früheren Äcker besuchen, kennt meines Wissens niemand mehr die Stele. Verrücktes Denkmal! Ich wüsste gern, wer den grotesken Stein aufstellte, wann und aus welchem Grund. Vielleicht Potocki, der in unserer Gegend mal begütert war? Aber da ist die Quellenlage dürftig. Andererseits hätte es zu ihm gepasst, Brock zu lesen, um danach gleich den nächsten Steinmetz zu beauftragen, die literarische Erfindung wahrzumachen. Wie auch immer: Das ist ein magischer Ort, wo man allen Kummer vergisst, vor allem während der Brombeerblüte.“
So mein Emeritus. Dann zog er diesen Brock aus seinem Einkaufsnetz und blätterte nach der ungemein aufschlussreichen Stelle. Auf Seite 64 schreibt Brock, unter Berufung ...

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...auff den vundersahmen Sternkuecker der Churprandenburgischen Durchlaucht / welcher dem Colonna im Paebstlichen Roma keynswegs wolsonnen / diweyl er yhm Kinntsentfuehrung und manch sonsten Schandtaht nimpt fuer uebel / dasß primo nachweyslich der Steyn bey Schwetze von eynem Colonna auffstellet / secundo eyn Kinnt vom Weysen-Steyn sey / so edel / wi unedel Eysen und Metall in reynes Gold umbwandelet / und tertio seyn Vater zu Roma auffstellet sey und verborgen an hochgelegen sonngem Ort / so dasß gelahrte Alchymisten / Orientis atque Occidentis / vergeplych und umbsonst auf Queste nach ihm gingen.

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Lassen wir meinen armen Historikerfreund vom Grafen Potocki fantasieren – er kennt ja unsere Chronik nicht. Wir aber wissen nun, die Säule steht mindestens seit Ende des Dreißigjährigen Kriegs an ihrem Platz, da Brock im Jahre 1648 von ihr schreibt und es scheinen quellentextlich belegbare historische Querverbindungen zwischen der Stele und den Colonna, also nach Rom, zu existieren. Ich muss gestehen: Ich kannte Petrus Brock bisher nur dem Namen nach. In seiner Schrift METALLURGIA ALCHYMI-METAPHYSICA / DAS ISßT DI KUNDT UND NACHRICHT VONN DES STEYNS DER WEYSEN ABKUNFFT UND VERBLEYB wirkt er auf mich wie einer jener gelehrten Magier, die Träume vom Stein der Weisen, durch uns vor etlichen Jahrtausenden in Welt gesetzt, in unserem Sinne fertig träumten - im Sinn umfassender politischer Wandelbarkeit. Mag sein, all dies ist zweifelhaft, obskur und bedarf sorgfältiger Prüfung. Felsenfest steht jedoch: Lange suchten wir beide systematisch nach passender Wirklichkeit zu unserem Traum, wurden immer wieder enttäuscht, und jetzt stoße ich zufällig im völlig realen Polen nicht bloß auf eine Spur, derer vielmehr gleich zwei, Quellentext und Bodendenkmal. Ob sich Deine Theorie von einer, der Kausalität innewohnenden, sinnstrebenden, gleichsam zentripetalen Kraft so bewahrheitet? Die Welt tanzt den danse macabre am Rande eines Abgrunds ohne Wiederkehr. Die Sternenputzer versteinern zum Fossil. Zeig das bloß nicht IHM! Seit undenklicher Zeit gelangte keiner unserer alternativen Geschichtsentwürfe mehr zu historischer Wirksamkeit. Und nun plötzlich, da alles verloren scheint: diese Chance! Sind deine zweifellos EH Genossen im Collegium nicht von allen guten Geistern verlassen, dann müsste mein Fund sie in helle Aufregung versetzen. Sie sollten dich gehen lassen, ja sollten dich schicken, damit wir gemeinsam weitere Belege finden für die Existenz einer Welt - die wir selbst erfunden haben. Ob und wie solche Entdeckungen uns im Alltag helfen, vermag ich nicht zu entscheiden, aber schließlich war das operative Geschäft immer dein Feld, nicht wahr.
Wie sagtest du, vor ein paar Wochen noch? Wir können dem Ereignis unsere Vision nicht aufzwingen, aber wir können uns in Demut – befällt dich nicht manchmal die Furcht vor großen Worten? – dem Geschehen anvertrauen, das auch den Traum hervorbrachte, und hoffen, dass Folgen und Gründe, Sinn und Zufall, kreuz mal quer neue Wirklichkeit zeugen. Deine Rede, Berthold! Das ist zwar ontologischer Inzest, aber wir haben nichts mehr zu verlieren.
Verweigere also nicht dem Grund – meiner Entdeckung – seine Folgen: Sondern komm! Und komm rasch, denn allein fürchte ich, den Faden zu verlieren. Verrate nicht, wo du mich treffen willst. Wir finden uns, wenn Zufall nicht länger Koinzidenz ist, sondern Sinn stiften will.

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Gleich den in gigantischer Kugelform unterm Meeresboden eingeschlossenen Gasblasen, die, als das Schicksal unseres Heimatkontinents seinen Lauf nahm, erst säuselnd, dann zischend, blubbernd, brodelnd ihrem allein in erdgeschichtlichen Zeiträumen, zu messenden Gefängnis entwichen und endlich mit Donnergetöse Land und See vermengten, hatte auch Siau Chou sich aufgebläht gefühlt und schuf seiner überdehnten Körperlichkeit nun Luft. Zuvor hatte es ihn fast vom Sitz gerissen, er war zapplig hin- und hergerutscht, sodass die rohseidenen Kissen purzelten und liegen blieben, ohne Chous Ordnungssinn im Mindesten zu stören. Nun sagte er beiläufig:
„Entschuldige!“, um dann gleich fortzufahren: „Darf doch nicht wahr sein! De Kempenaer und Konsorten müssen getobt haben. Seit Roms Untergang mühen sich Generationen von Sternenputzern, die Geschichte wieder fest in den Griff zu bekommen und ihr jungen Spunde stellt alles vom Kopf auf die Füße.“ Energisch klopfte er imaginären Staub vom Seidenkissen, schob es unter sein Gesäß, nun wieder ganz die Würde selbst. „Was sagen Adam und Manini zu dem Findling?“ Es war nicht leicht, ihm den Fortgang der verwickelten Angelegenheit zu erklären. Die Kenntnis von fünf Jahren interner Querelen ging ihm ab, all die Schach- und Winkelzüge, Minen und Gegenminen des Grabenkampfs musste ich aufzeigen: angefangen bei den auf Soziales, Wirtschaft und Kultur des geträumten Reichs ausgerichteten Ergänzungsbänden unserer Anjouchronik, die wir permanent gegen de Kempenaers Fraktion verteidigt hatten, bis zu den logischen und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen dieser Arbeit, die in gewisser Weise auf Chous Werk fußten und allein schon deshalb erbitterten Widerstand provozierten.
Sein Rücktritt galt immer noch als das Behördenskandalon der letzten drei-, vierhundert Jahre. Gleichzeitig musste ich die Rolle Bertuccio Maninis erläutern, der zuerst mein Gönner, dann mein vertrauter Kollege und zuletzt, da mich meine Funktion als Stellvertreter dem Collegium entrückte, mein Statthalter gewesen war. Immer hatte er auf meiner Seite gestanden, gegen de Kempenaer. Politisch – und nur politisch – denn menschlich verstanden sich die beiden ausgezeichnet. Und, natürlich, Adam mein Herr, der mir den Rücken freihielt und mich schließlich gehen ließ.
„Um den Finger hast du ihn gewickelt, wie ich's mir dachte, fuhr Chou mir in die Figurenparade. Es war ein Fehler des Collegiums, ihn zu meinem Stellvertreter zu wählen ...!“, dann korrigierte er sich. „Nein! Eigentlich doch nicht! Als Stellvertreter funktionierte er, erst als DER Sternenputzer wurde er zum Problem. Zu weiches Holz. Du hattest sicher leichtes Spiel mit ihm!“ Da sprach der greisenhafte Schwachsinn. Ich? Leichtes Spiel? Mit Adam? Ich musste meinen Rücktritt androhen, musste das Menetekel der Spaltung an die Wand malen, bevor er meine Reise genehmigte.
Und als wir heimkamen, ihn schon mehr als nur halb tot im Sessel fanden, ihm unseren hoffnungsvollen Bericht vortrugen, da war er immer noch nicht überzeugt, sondern versuchte schmutzige Tricks. Weiches Holz? Er hat sich nur gebeugt, damit ich ihn nicht brach – und hätte sein Tod das Problem nicht erledigt, ich weiß nicht, ob nicht zuletzt Adam die Oberhand behalten hätte.
Nur beklommen erinnere ich mich des Tages, als ich ihn mit Rechenblatts Brief in der Hand herausforderte. Vermutlich stimmte meine Schilderung auch Chou nachdenklich, denn als ich endete, brütete er eine Weile schweigend, bevor er seinen Tee aus dem hauchdünnen Porzellan in eine Bonsaischale goss. Das Gebräu war erkaltet.
„Ihr treibt also immer noch euer regelloses Schachspiel? Betriebt, er ist ja tot, der Ärmste. Willkürlich die Figuren aufstellen, abwechselnd Chaos erzeugen, jedes Mal neu und noch nie da gewesen - dann nach den internationalen Regeln spielen, die Ausgangssituation sich entfalten lassen? Bis zu welchem Ende auch immer? Bemerkenswert!“ Nun schien ihn doch Heimweh zu packen. „Und die acht Weltzeituhren ticken noch? Die Uhr vom Anbeginn der Behördenherrschaft über Atlantis? Eine ab urbe condita? Die Uhr mit der Zählung seit Christi Geburt als unumgänglicher Akt der Anpassung? Schließlich das mächtige Astrolabium, das alle, jemals vom Ilcom gesichteten Himmelskörper umeinander kreisen lässt und kosmische Zeitläufe misst? Von jeder Uhr zwei Exemplare, um den, wie heißt es doch gleich ... bidirektionalen Zeitverlauf zu zeigen: eins im Uhrzeigersinn, das Gegenwart misst, Zukunft ankündigt - das zweite Uhrwerk rückläufig tief in die Wurzeln der Zeit? Acht Unruhen für eine Welt? Vier in den Ecken, vier an den Wänden, Vor und Zurück gegenüber je durch den ganzen Raum getrennt? Schade, dass Einstein damals nicht in die Behörde eintrat!“, er räusperte sich. „Verzeih, ich schweife ab! Doch mit dem Alter wird immer deutlicher, dass alles von jedem abhängt, und der Mensch assoziierend überall hin gelangt. Gib mir einen beliebigen Punkt im Universum und ich komme auf die ganze Welt zu sprechen! ... vermutlich traft Ihr Euch, nachdem du abgereist warst, in Rom?“ Ich bejahte. „Warst du da schon mit dieser ... Monica ... siehst du, mein Gedächtnis hat noch keinen Schaden ... warst du mit ihr zusammen, als du Rechenblatt trafst? Schön! Sammeln wir Punkte! Das erschwert es ihnen, deine Freundin rauszuekeln mit ihren Haarspaltereien über Befehl und Gehorsam. Seit wann gehörte Rechenblatt übrigens dem Collegium an? Er musste doch zumindest Procurator sein, damit sie ihn zu deinem Stellvertreter wählen konnten ... ?“ Ich beschrieb Chou das Ende meiner Sitzung mit Adam, erzählte, wie DER Sternenputzer wutentbrannt seinen Erlass in mein Diktafon schnaubte, mich auf den Weg schickte und dem Rechenblatt die Procuratur verlieh, die ihn vor allen Anfeindungen schützte, zitierte auch, wie verlogen Adam schloss: So geschehe es, weil es mein Wille ist.
Wie ich ihn fragte, was das Collegium wohl dazu meinen würde und er entgegnete: „Wird murren, doch gehorchen!“
Erneut ironisch rang Chou sich eine knappe Anerkennung ab, bevor er auf Rom zurückkam.
„Natürlich Rom. Ich leugne es ja gar nicht, nichts liegt mir ferner, als Rom ein Gran Bedeutung abzusprechen – und nichts wäre dümmer. Es kam ja tatsächlich so, dass die männliche Beamtenschaft, das überlebende Behördenpersonal, nach Europa floh. Nicht nach Afrika oder Amerika, die beide ans selbe Meer grenzten, auch nicht nach dem entfernten Asien, obwohl sich die Sternenputzer dankenswerterweise Chinas besonders annahmen. Ihren neuen Sitz aber bauten sie in Europa, weit weg von jenen sieben Hügeln im malariaverseuchten, fiebrigen Sumpf, den erst Mussolini trocken legte, wo aber gleichwohl vor ihrem inneren Auge schon die Stadt schimmernd emporstrebte, um dem Erdkreis zu gebieten. Die Sternenputzer hatten Rom ausersehen, den Kontinent zu einen, wie zuvor die Behörde von ihrem Sitz am Ilcom Atlantis geeint und aus den Wirren des Fünfhundertjährigen Kriegs geführt hatte. Später sollte Europa dann Zentrum einer friedfertigen Weltzivilisation werden. Die Behörde war nie für halbe Sachen. Sie wählte Europa. Europa und Rom. Glaub nur nicht, dies Eingeständnis kommt leicht über meine chinesischen Lippen! Rom wurde das Zentrum, nicht mein Reich der Mitte.
Ohne Rom kein Europa. Rom verschmolz Ost und West. Rom machte griechische Kultur zum Allgemeingut. Ohne Rom hätte nie ein Däne oder Schotte von Sokrates, Plato oder Aristoteles gehört. Frühantike Philosophie, humanistische Weltsicht, das judäochristliche Erbe, das ohne Rom keine so rasche und universelle Verbreitung gefunden hätte, alle Merkmale, die das europäische Individuum ausmachen, wären ohne Rom vergessen, überrollt, spätestens im Augenblick, da der Germanensturm über eine kulturell ungeeinte Mittelmeerwelt hereingebrochen wäre. Rom schuf Europa: den Menschen und sein kurz greifend rationalistisches Denken. Rom schuf europäisches Wirtschaften, die grandiose Befähigung, sich fremdes Verdienst anzueignen: Gladiatorensklaven im Colosseum und erpresste Thaimädchen im Lissaboner Bordell, fremdes Land als römische Provinz oder englische Kolonie, ägyptische Obelisken in Rom und Paris  ...  unendlich viele Beispiele!
Rom schuf Europa! Europa beherrschte die Welt, entwand sich zwar unserem Griff, da wir auf Gewalt verzichteten, erfüllte jedoch in diesem einen Punkt unsere Erwartung: Europa ward Herrin der Welt! Aber wie, Berthold?
So europäisch, rationalistisch, berechnend gründlich, dass noch heute in Nicaragua der Sack Kaffee europäisch gezählt wird, mit ehemals arabischen Ziffern. Gekauft werden die Bohnen meinethalben vom italienischen Agenten eines US-Konzerns, den ein Deutschstämmiger gründete. Europa und seine amerikanische Family, deren ganzen Kontinent der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller nach dem Vornamen des Florentiners Vespucci benannte, Fünfzehnnullsieben, wenn ich nicht irre. Amerikaner ... dass ich nicht lache, sie sind Europas Bälger, diese Waisenknaben ohne eigene Geschichte. Europa und die Europiden lassen mehr oder minder einträchtig die Welt nach ihrer Pfeife tanzen – schlimmer noch: Die Welt tanzt freiwillig! Selbst wenn sie sich empört, leistet sie europäisch Widerstand, originär römisch sogar: Wusstest du, dass in Südafrika schwarze Gewerkschaftler auf Englisch gegen die Buren schimpfen und sich selbst ‚Spartakisten‘ nennen? Verdammt, haben sie denn nichtmal eigene Rebellen, nach denen sie heißen? So europäisch geht es zu auf dieser Welt. Japan mischt nur mit, weil ein amerikanischer Commodore Perry die Tokugawa-Shogune aus selbst gewählter Isolation herauszubombardieren drohte. Den größten Schrecken jagten den Japanern zwei Dampffregatten aus Perrys Geschwader ein – und die kann man in direkter technologischer Linie auf den Franzosen Denis Papin zurückverfolgen. Europäerkram. Beispiele zuhauf, Berthold: Wie schwer trägt Afrika an seiner vor kurzem erst abgeworfenen europäischen Erblast, an Monokulturen, sozialer Entwurzelung, Bodenerosion, verslumten Städten, aberwitzigen Grenzen, korrupten Oberschichten mit Appartments in Paris? Sie sind noch immer Europas Sklaven, was könnte sie sonst veranlassen, nach europäischem Know-how zu schreien, Regentänze vor europäischen Ministern aufzuführen, um Technologien zu betteln, die längst als mörderischer Größenwahn entlarvt sind? Überall ist das Wirtschaften europäisch! Religionen existieren von Europas Gnaden, nicht von Gottes – einzig jene Kulte werden ausgeübt, nur solche Götter angebetet, die vor Konquistadoren und Kolonisatoren Schonung fanden. Wie viele fremde, angeblich primitive Weltanschauungen hat Europa auf dem Gewissen, hat sie zum Heil, um der ewigen Seligkeit und zeitlichen Knechtung der Ureinwohner willen, mit Feuer und Schwert amputiert, eine chirurgische Maßnahme der Weißkittel, wie der Abschnitt eines entzündeten Appendix, und brannte die Wunden dann aus, ferro ignique, damit nur ja sich niemand infiziert?
Die Politik ist europäisch, angefangen beim fundamentalen Ost-West-Konflikt, dessen geistige Grundlage vom europäischen Herrn Marx aus Trier an der Mosel stammt, dem römischen Augusta Treverorum - bis hin zum Nord-Süd-Gefälle, das ja gewiss von Europa vermessen und klüglich angelegt wurde. Dazwischen irgendwo liegen die schnurgeraden Grenzen mancher Staaten, von europäischen Generalen mit Linealen über Stabskartenpapier geschrammt, Geschmiersel auf Papier, das aber heute noch bestimmt, wessen Kuh aus welchem Wasserloch säuft, oder wer welche Diamantenmine ausbeutet.“