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illigdebatte

CCAA

Am Anfang jeder Überlieferung der Gründer steht ihr Kölner Archiv - als einziges immer schon da und heute noch tätig.
Es wird uns hier in nächster Zeit beschäftigen. Wieso die Datei  trotzdem vermeintlich nicht nach dem Archiv benannt ist,
sondern  nach seinem Standort heißt, der CCAA  - Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Kolonie des Kaisers
Claudius am Altar der Agrippinenser)  - lassen wir ein paar Folgen lang dahingestellt.
Updates erfolgen monatlich, und zum aktuellen Update geht es hier.

Köln, den 26. Januar 2006
Stefan Frank


Die Leibwache der Julier

Aus der Vorgeschichte von Agrippas Archiv sind die römischen Bürgerkriege des ersten Jahrhunderts nicht fortzudenken. Sogar Caesars ehrgeizige Kampagne zur Unterwerfung des nördlichen Gallien diente ja nicht so sehr der Eroberung des Landes als vielmehr der Gewinnung einer Machtbasis im Bürgerkrieg. Mit Besitz der Provinzen Gallia Citerior bis zu den Südhängen der Alpen und Gallia Ulterior bis hinauf zum Bodensee verfügte Rom längst über jene Gebiete, die von strategischer Bedeutung und messbarem wirtschaftlichem Nutzen waren - aber der Feldzug verschaffte Caesar die starke Armee, die jahrelang mit ihm durch dick und dünn marschierte, und mit der er schließlich wagte, Pompeius herauszufordern und nach der Alleinherrschaft zu greifen. So wurde der Gallische Krieg, mehr noch als die spätere Ägyptenexpedition, zum Gründungsmythos der Julisch-Claudischen Dynastie. Caesar persönlich gibt Auskunft über seine Strategie und die Wechselfälle des Kriegsglücks, an denen dieser Feldzug von 58-51 acn überaus reich ist. Seine Schrift De bello Gallico, schildert den Krieg erbarmungslos, prägnant und literarisch ansprechend, bleibt aber gleichwohl Instrument von Caesars Propaganda, und adressiert dementsprechend weniger eine hypothetische Nachwelt, sondern die konkrete Tagespolitik. Wir dürfen Caesar folglich genießen - nur trauen dürfen wir ihm nicht. Das gilt besonders im Zusammenhang mit der gefährlichen Erhebung des Ambiorix. Unter diesem Fürsten wagten in den Jahren 54 und 53 acn etliche Nervier und Eburonen, Rom die Stirn zu bieten. Caesar behauptet nun, er habe in zwei Feldzügen die Eburonen vollständig ausgerottet. Das hat der Senat lieber gehört -, das hat auch etwaige Nachahmer besser abgeschreckt als die mutmassliche Wahrheit, dass nämlich Caesar im teils doch schwierigen linksrheinischen Gelände nicht in der Lage gewesen sein dürfte, eine flächendeckende Strafexpedition durchzuführen. Bestimmt hat er viele Eburonen getötet und ihre Dörfer verbrannt, aber ich halte nicht diese unmittelbare Gewalt verantwortlich für das vollständige Verschwinden der Eburonen aus der Geschichte, sondern vielmehr die Auflösung des noch jungen, unverfestigten Stammesverbandes unter Roms militärischem Druck und endlich eine weiträumige Fluchtbewegung der Überlebenden nach Norden, ins Gebiet der Bataver. Doch wie auch immer die Eburonen als politische Einheit verschwanden - die Mehrzahl der Historiker, angefangen bei Tacitus, geht jedenfalls davon aus, dass Marcus V. Agrippa sich gut zehn Jahre später beim entvölkerten Siedlungsgebiet der Eburonen bediente, als er die Ubier auf die linke Rheinseite umsiedelte und so die Voraussetzung schuf für die Stadt Köln. Nur die allerneuste Forschung sieht gar keinen Zusammenhang mit den Eburonen. Ihr zufolge müsste Agrippa die Ubier in unbesiedeltes Land eingeladen haben, was angesichts der Qualität mancher Ackerböden zwischen der Ahr im Süden und dem heutigen Krefeld im Norden ziemlich gewagt ist. Das beste Land weit und breit - und dennoch herrenlos? Nur das sympathische Bemühen, den Massenmord aus Kölns Vorgeschichte zu tilgen, spricht für diese These.

Doch kommen wir zu Caesar, De bello Gallico, 5,44, einer Szene aus dem Krieg gegen Ambiorix, wo sich die Geschichten von Reich und Gründern erstmals belegbar überschneiden. Es wäre schön, würde hier bereits der Knabe Agrippa auftreten, zu schön, um wahr zu sein, doch zumindest treffen wir den Urgroßvater eines späteren princeps der Gründer:

“In dieser Legion (der Legion Ciceros, Anm. d. Hrsg.) dienten zwei außerordentlich tapfere Centurionen, die schon vor der Beförderung zum höchsten Rang standen, Titus Pullo und Lucius Vorenus. Diese standen in ständigem Streit miteinander, wer den anderen übertreffe. In all jenen Jahren hatten sie als erbitterte Rivalen miteinander um ihren Rang gekämpft. Von diesen beiden sagte Pullo, als bei der Lagerbefestigung aufs härteste gekämpft wurde: “Was zögerst du noch, Vorenus? Auf welche Gelegenheit wartest du noch, deine Tapferkeit zu beweisen? Dieser Tag wird unseren Wettstreit entscheiden.” Mit diesen Worten ging er über die Lagerbefestigung und stürzte sich auf den Feind dort, wo er am dichtesten zu stehen schien. Da hielt es auch Vorenus nicht auf dem Lagerwall, er folgte Pullo auf dem Fuß, weil er um sein Ansehen bei allen anderen fürchtete. Aus einer gewissen Entfernung schleuderte Pullo seinen Wurfspieß in die Feinde und durchbohrte einen, der gerade aus der feindlichen Menge nach vorn stürmte. Als dieser schwer getroffen starb, bedeckten ihn die Feinde mit ihren Schilden, schleuderten alle ihre Wurfgeschosse auf Pullo und machten ihm so ein weiteres Vorrücken unmöglich. Pullos Schild wurde durchbohrt, und ein Wurfgeschoß blieb in seinem Wehrgehänge stecken, so daß sich seine Schwertscheide durch den Treffer verschob. Als er versuchte, sein Schwert zu ziehen, war daher seine rechte Hand behindert, so daß er wehrlos war, als die Feinde ihn umzingelten. Da kam ihm sein Feind Vorenus zu Hilfe und stand dem Bedrängten bei. Sofort wandte sich daraufhin die feindliche Menge von Pullo ab und Vorenus zu, da sie glaubten, der Speer habe Pullo durchbohrt. Vorenus kämpfte im Handgemenge mit dem Schwert, tötete einen Feind und trieb die übrigen ein Stück zurück. Während er jedoch allzu stürmisch vordrang, stolperte er in eine Bodenvertiefung und stürzte. Als die Feinde ihn einkreisten, brachte ihm wiederum Pullo Unterstützung, so daß sich beide, nachdem sie mehrere Feinde niedergemacht hatten, unversehrt und mit höchstem Ruhm bedeckt in die Befestigung zurückziehen konnten. So trieb das Schicksal mit der heftigen Rivalität der beiden sein Spiel, daß nämlich jeder dem Rivalen zu Hilfe kam und ihn rettete und daß nicht zu entscheiden war, wen von beiden man als den tapfereren ansehen mußte.”

Nicht was Caesar vom ersten oder zweiten Rheinübergang berichtet zählt für unsere Überlieferung, nicht seine windigen Auskünfte über das Schicksal der Eburonen oder das Hin und Her mit den Ubiern, die zuerst Verbündete sind und Freunde des Römischen Volks, dann Aufständische an der Seite von Ambiorix, dann besiegte Aufständische, die Geiseln stellen, zuletzt wieder Freunde - für uns zählt das Gentilnomen, das uns hier erstmals begegnet: “Vorenus”. Das Plebejergeschlecht der Vorener nämlich machte bei den Gründern Karriere.
Lucius Vorenus blieb zurück, als Caesar zwei Jahre später den Rubicon überschritt. Ob er zuvor Primuspilus seiner Legion geworden ist oder Pullo ihm den ebenso prestigeträchtigen wie gutbezahlten Rang doch noch abgejagt hat, wissen wir nicht. Offensichtlich ist nur, dass für Vorenus und seinen jüngsten Sohn Caius, der als Optio in derselben Legion diente, irgendeine Form der ehrenhaften Entlassung stattgefunden hat. Im Falle des Sohnes muss diese honesta missio sogar vorzeitig erfolgt sein, was bei Caesars Bedarf an erfahrenen Offizieren einigermaßen verwundert, zumal wenn man die permanente Tendenz römischer Heerführer berücksichtigt, Soldaten über das vertragliche und gesetzliche Ende ihrer Dienstzeit hinaus unter die Adler zu zwingen. Vielleicht hat eine langwierig heilende Wunde dabei mitgespielt, dass Vater und Sohn Vorenus irgendwo am Rhein zurückblieben als legale Veteranen. Vermutlich bekamen sie Geld, denn Land hatte Caesar in dieser Gegend längst noch nicht zu vergeben, gewiss nicht an zwei Männer, die keine Chance gehabt hätten, sich in feindseliger Nachbarschaft zu behaupten. Betrachten wir die folgenden Ereignisse, dürften die beiden nicht nur mit Caesars Billigung zurückgeblieben sein, sondern auf seinen ausdrücklichen Wunsch - und vermutlich mit sehr viel mehr Geld als nur ihrer Abfindung. Sie knüpften das Auffangnetz eines Mannes, der über ein sehr hohes Seil balancierte. Wusste Caesar denn, wie der Krieg, den er jenseits des Rubicon zu führen gedachte, ausging? Wollen wir ausschließen, dass er im Fall der Niederlage die Flucht über den Rhein einem schmachvollen Tod vorgezogen hätte?
Aber soweit kam es ja nicht. Caesar gewann den Bürgerkrieg und besiegte den letzten Rivalen Pompeius, der eigentlich als Favorit in die Auseinandersetzung gegangen war. Caesar eroberte Spanien und Numidien, schlug König Pharnakes vom Bosporus - "veni, vidi, vici" -, unterwarf Ägypten, wurde zum Diktator auf Lebenszeit ernannt und schließlich am berüchtigten 15. März 44 acn ermordet, genau einen Monat, nachdem Antonius ihm das Königsdiadem angeboten hatte.

Zu dieser Zeit war Vater Vorenus seit kurzem tot und Sohn Vorenus zehn Jahre lang aktiv, links- wie rechtsrheinisch, heute würde man sagen: als Militärberater. Seit jeher gab es Römer als Kommandeure größerer Hilfstruppenverbände, doch so dürfen wir uns das Wirken des Caius Vorenus nicht vorstellen. Die Kommandeure waren in der Regel Militärtribune aus senatorischem, zumindest jedoch ritterlichem Geschlecht - und sowohl vom militärischen wie vom gesellschaftlichen Rang her bewegte sich Familie Vorenus unterhalb dieser Ebene. Sie waren freie römische Bürger, mehr aber auch nicht, sodass ein formelles Kommando über die Hilfstruppen eines Stammes von vornherein ausgeschlossen war. Dabei war gar nicht mal römischer Standesdünkel ausschlaggebend, sondern das Selbstbewusstsein der Oberschichten gallischer und germanischer Civitates, die ein solches Kommando als Demütigung empfunden hätten. Caius Vorenus war also in keiner Funktion tätig, für die es einen offiziellen Titel gab. Gleichwohl war er sehr effektiv: Er formte die erste Leibgarde der Dynastie, eine Cohorte aus Ubiern und Chatten, die erst nach der Varusschlacht 9 pcn durch Augustus aufgelöst wurde, einundzwanzig Jahre nach dem Tod seines Gefährten Agrippa.

Machen wir es kurz mit den Bürgerkriegen, wir wollen ja auf Agrippas Archiv hinaus. Im Jahr 44 fanden die Totenfeiern Caesars statt. Ende 43 acn schlossen Octavian (so hieß Augustus, bevor ihm der Senat den Ehrentitel “der Erhabene” verlieh), Antonius und Lepidus ihr Triumvirat. Schon 44, unmittelbar nach Caesars Tod, tauchte der Jüngling Agrippa aus dalmatischem Rittergeschlecht an der Seite von Caesars Adoptivsohn Octavian auf. Schon 43 war er Volkstribun. Seit 39 war er für seinen Freund Octavian Statthalter im frisch eroberten Gallien - und hier scheiden sich die Geister. Viele Historiker behaupten, er habe damals schon die Ubier aus der Gegend Westerwald/Schiefergebirge ins Linksrheinische umgesiedelt. Andere meinen, dies sei erst 20/19 acn geschehen, während Agrippas zweiter gallischer Statthalterschaft, als Octavian den Bürgerkrieg gewonnen hatte. Diese Fraktion hat gute Argumente für sich, zum Beispiel die ubischen Münzfunde, die in ihrer Mehrheit tatsächlich eine Ansiedlung des Germanenstammes erst ab 20 acn nahe legen.
Fakt ist jedoch, dass die germanische Leibwache Octavians weit früher eingesetzt wird, bereits auf Sizilien. Fakt ist, dass ubische Leibwächter dem Agrippa mehrfach das Leben retten, so in den Seeschlachten von Mylae und Naulochus gegen den aufständischen General Sextus Pompeius - wir werden den Bericht hierüber im nächsten Update liefern. Agrippa katalogisiert ihn im Archiv als Dialogus primus.
Caius Vorenus hat also gute Arbeit geleistet beim Training der Leibwächter für Caesars Familie und ihr engstes Gefolge. Solange der Ausgang des weltumspannenden römischen Machtkampfes offen blieb, hielt Vorenus wohl auch ein Versteck für den Notfall bereit - spätestens jedoch ab 27 acn, als der Senat Octavian mit dem Titel “Augustus” beehrt hatte, dürfte sich seine Funktion in der Rekrutierung und Ausbildung von Gardisten erschöpft haben - und natürlich in deren Wiederansiedlung nach Ende der Dienstzeit. Hier wirkte er noch einige Jahre, bildete einen Nachfolger aus und kehrte in seinen späten Fünfzigern, reich belohnt, nach Campanien heim, wo er eine Familie gründete und einen Sohn zeugte - zu Ehren Agrippas “Marcus” genannt - den Vater des späteren princeps.

Und Kölns Siedlungskern? Das Gelände, wo sich Agrippas Archiv befunden haben muss? Ist das Oppidum Ubiorum tatsächlich angewiesen auf ein paar linksrheinische germanische (sic!) Münzfunde? Die simple Antwort auf den Streit der Wissenschaftler lautet: Ab 40 siedelten Octavian und Agrippa die ubischen Veteranen ihrer Leibwache - sie dienten nicht länger als fünf Jahre - auf der Fläche des heutigen Köln an. Diese Männer, die ihr Leben für den römischen Kaiser und seinen engsten Vertrauten gewagt hatten, zahlten in römischer Münze und waren auf die ubische Prägung nicht angewiesen, weshalb auch das Münzargument nicht stichhaltig bleibt. Die Zahl der Veteranenfamilien stieg beständig. Es mussten Regelungen geschaffen werden für die Abfindung. Immer mehr Familien und schließlich ganze Sippenverbände der Ubier zogen den Veteranen nach in die Gegend links des Rhein, wo man sich offenbar mit stillschweigender Billigung Roms am Eigentum toter und geflohener Eburonen bedienen konnte.
Im Jahr 19 acn dann, Agrippa war zum zweiten Mal Statthalter Galliens, unterbreitete er den Ubiern das Angebot für ihre vollständige Umsiedlung, das tatsächlich vom überwiegenden Teil des Stammesverbands akzeptiert wurde. Der große Straßenbau begann: Lyon - Trier - Köln - Legionslager Neuss.

Agrippa verfolgt schon jetzt eigene Absichten. In Ägypten ist er gescheitert, dafür will er bei der Germanienpolitik  Pflöcke einschlagen. Fünf Jahre zuvor ist erstmals der Rat der Gründer zusammengetreten, der die germanische Expansion ablehnt. Und so siedelt Agrippa die Ubier um, in fast schon offener Opposition gegen alle germanischen Pläne seines Freundes Augustus. Die Freunde trauen sich nicht mehr und erzählen einander längst nicht mehr alles. Durch Roms Führungsspitze ziehen sich Risse, die ein Satz von Tacitus in all seiner vermeintlichen Unschuld enthüllt. In Germania, 28 schreibt er: “Sie (die Ubier, Anm. d. Hrsg.) haben vor Zeiten den Rhein überschritten und wurden, da ihre Treue sich bewährte, unmittelbar am Ufer angesiedelt, als Wächter, nicht als Bewachte.“
Eine simple Frage, so simpel, dass sie vor jedem Kleinen Latinum gestellt werden müsste: Warum siedelt Agrippa die Ubier als Wächter der Rheingrenze an, wenn zur selben Zeit Augustus die Strategie entwirft, die Grenze östlich bis zur Elbe vorzuschieben? Die ebenso simple Antwort lautet: Es gibt auf höchster Führungsebene mehr als eine Meinung. Die Gründer streiten mit dem Kaiser.


Zwei Dialoge

- Was bin ich schuldig, fragte er.
- Nichts, sagte der Wächter, ich tat, wofür du mir Sold zahlst.
- Mein Leben ist mehr wert als nichts, sagte er.
- Dann zahle, was dein Leben wert ist, schlug der Wächter vor.
- So viel habe ich nicht, sagte er.
- Also schenke ich dir mehr, als du hast, sagte der Wächter.
- Aber ich habe doch mein Leben, sagte er.
- Denkst du, nur Römer könnten logisch denken, fragte der Wächter.
- Warum, fragte er.
- Ich rettete dein Leben zweimal, Feldherr, sagte der Wächter.
MVA, DialPrim, 1,1

So beginnt der erste Dialog des Marcus Vipsanius Agrippa, der sich auf eine Begebenheit aus den Bürgerkriegen bezieht, die Seeschlachten bei Mylae und Naulochus. Mit ’er’ bezeichnet sich Agrippa selber, durchaus ein wenig anmaßend und in der Tradition Caesars - ’Wächter’ nennt er den Segimer, ein Mitglied seiner ubischen Leibgarde.
Schildern wir kurz das Tableau: Sextus Pompeius, Sohn des ermordeten Caesarkonkurrenten Cnaeus Pompeius Magnus, hatte sich nach manchen Verwicklungen mit Zustimmung der zweiten Triumvirn und des Senats die Statthalterschaft über Achaia, Sardinien, Corsica und Sizilien beschafft. Im Jahr 38 jedoch kam es erneut zu Streitigkeiten zwischen ihm und Octavian, und wieder schnitt Sextus Pompeius Italien die Getreidezufuhr ab, die damals weitgehend von Sizilien abhing. Rom hungerte. Um den ewigen Störenfried endlich auszuschalten, schlossen die beiden Triumvirn Octavian und Antonius den Vertrag von Tarent. Darin lieh Antonius einen Teil seiner Flotte an Octavian aus - zur Bekämpfung von Sextus Pompeius. Octavian unterstellte diese Einheiten seinem Freund Agrippa, der damit bei Mylae im Jahr 36 eine Seeschlacht gegen die Flotte des Pompeius schlug. Wenig später wurde Pompeius durch die Schlacht bei Naulochus endgültig aus Sizilien vertrieben, floh nach Osten, verschaffte sich dort wiederum eine Machtbasis - diesmal auf Kosten von Antonius - wurde wiederum geschlagen und schließlich in Milet hingerichtet, kurz bevor er zu den Parthern überlaufen konnte.

Die Sache in Mylae ist rasch erzählt, weil dort Agrippas Flaggschiff Lupa für eine halbe Stunde dermaßen von feindlichen Schiffen bedrängt war, dass auf dem Deck gekämpft wurde. Segimer rettete dem Feldherrn im Nahkampf das Leben, und Agrippa befahl diesen Mann fortan in den innersten Kreis seiner Wächter.
Der eigentlich heikle Punkt ist die Seeschlacht von Naulochus. Sueton schreibt in Augustus, 16 über den Mann, der damals noch Octavian hieß:

“Um die Stunde der Schlacht überfiel ihn plötzlich ein so tiefer Schlaf, dass er von seinen Freunden aufgeweckt werden musste, um das Signal zum Angriff geben zu können. Auf diese Begebenheit, glaube ich, bezieht sich der Vorwurf des Antonius, der sagt, Augustus habe nicht einmal ruhigen Auges eine in Schlachtordnung aufgestellte Armee ansehen können, sondern er sei auf dem Rücken, mit dem Blick gen Himmel, stumpfsinnig dagelegen und nicht eher aufgestanden und vor die Soldaten getreten, als bis die feindlichen Schiffe von Marcus Agrippa in die Flucht geschlagen waren.”

Sehr gefällig, diese Darstellung! Aber was blieb dem armen, großen Sueton auch anders übrig, wenn er mit seinem Leben der Caesaren nicht allzu heftig anecken wollte? Tatsache ist, dass Octavian von einer gewissen Hysterie geplagt war, sobald es zur Schlacht kam. Feige kann man ihn nicht nennen, denn als Feigling wäre er nicht an Bord gewesen, sondern hätte seinem Freund Agrippa Kommando wie Risiko überlassen, um dann zuletzt selber Triumph und Vorteil einzuheimsen. So aber war er in der Kabine, bei deren Tür zwei Ubier wachten. Agrippa gab das Angriffssignal, von einem anderen Schiff, nicht vom Flaggschiff Octavians. Natürlich hatte Agrippa auch dieses Schiff Lupa getauft, Wölfin, so wie alle Schiffe, die er jemals kommandierte. Auch sein Flaggschiff bei Actium hieß später Lupa, und die Gründer halten an ihrer Vorliebe für diesen Schiffsnamen bis heute fest - die legendäre Wölfin, die Romulus und Remus säugte, soll niemals vergessen werden. Aber die Lupa von Naulochus hatte an diesem Tag zunächst wenig Glück. Wenn man weiß, wie umsichtig die Römer ihre Feldherren schützten, dann sagt diese Anekdote wieder viel über Agrippas Charakter, denn wieder, wie schon bei Mylae, griff er von seinem Schiff aus direkt in den Kampf ein. Vermutlich stand er auf dem Heckkastell, als die Lupa ein feindliches Schiff so unglücklich rammte, dass dessen brennendes Segel auf Agrippa und seine Stabsoffiziere fiel. Alle Tribune konnten sich retten, nur Agrippa blieb, hilflos um sich schlagend, unter dem brennenden, qualmenden Tuch zurück, blind und vermutlich dem Ersticken nah, wenn nicht schon von Brandblasen übersät. Man sah, wie er versuchte, mit der Schwertspitze einen Weg ins Freie zu bahnen, doch das wollte und wollte nicht gelingen. Während nun die geretteten Stabsoffiziere husteten, spuckten und völlig mit sich selber beschäftig waren, während dem Großteil der Leibwächter nichts besseres einfiel, als nach Eimern mit Löschwasser zu rennen, fand Segimer, dass Agrippa schon entschieden zu lange unter diesem Segeltuch gefangen war. Vielleicht hatte er selber einmal erlebt, wie schnell man im Rauch mit dem Atmen aufhört. Jedenfalls nahm er Anlauf, ergriff seinen um sich schlagenden Feldherrn mitsamt dem schweren, brennenden Tuch und stürzte sich mit ihm gemeinsam über die Reling ins Mittelmeer. Das brennende Tuch erlosch vermutlich binnen Sekunden. Aber nun schwammen beide unter dem nassen Stoff und kriegten immer noch keine Luft. Tauchen? Zwei gepanzerte Männer mit viel Metall am Leib? Das Untertauchen war bestimmt kein Problem, aber das Auftauchen ... Sie überlebten dank jener Ubier, die sich ihrer Panzer entledigten und ihnen nachsprangen ins Wasser. Sie überlebten auch durch Taue, deren Enden ihnen nachgeworfen wurden. Alle wurden gerettet. (Über die sonstigen Auftritte der germanischen Leibgarde im Krieg um Sizilien informiert sich, wer wünscht, bitte beim römischen Schriftsteller Appian.)
Und nun stelle man sich folgendes vor: Die Schlacht ist gewonnen. Keine Ahnung, ob Octavian doch noch geruhte, sein Mittagsschläfchen zu beenden - oder handelten die Kapitäne selbständig, nachdem Agrippa außer Gefecht war? Agrippa jedenfalls liegt mit Brandwunden, dem Magen voll Salzwasser und einer Rauchvergiftung in seiner Kabine. Octavian schämt sich ein bisschen seiner Hysterie. Außerdem will er seine Wertschätzung für Agrippa demonstrieren. Also lässt er Segimer auf sein Schiff bringen - das heißt bezeichnender weise Jupiter Tonans, Donnernder Jupiter - und stellt hier mit großer Geste die Loyalität des Wächters in Frage. Segimer, der sich selber der Gefahr ausgesetzt hatte, zu ertrinken, hätte versucht, Agrippa zu ersäufen. Octavian verurteilt ihn zu fünfzig Peitschenhieben und anschließender Kreuzigung.

Ziemlich schäbig, nicht wahr?

Zum Glück erwacht Agrippa rechtzeitig, um dieses Unrecht zu verhindern. Segimer geschieht kein Leid. Agrippa befiehlt ihn zu sich, und beginnt ein Gespräch mit ihm, das über Jahre hinweg in immer neuen Fortsetzungen dauert, den Dialogus Primus. So nahe kommt Agrippa diesem Menschen, dass er ihn in seinem Testament mit fünf Millionen Sesterzen bedenken wird. Der Römer und der Germane erklären einander jeweils ihre Sicht der Dinge. Segimers Auskünfte dürften Agrippas berühmte Weltkarte erheblich verfeinert haben. In unserem Zusammenhang am wichtigsten ist aber das achtzehnte Kapitel des Dialogs, in dem sich folgende Passage findet:

- Rom wird Germanien niemals erobern, sagte der Wächter, so wenig wie das schärfste Schwert Wasser erstechen kann. Das Schwert sticht, und das Wasser macht Platz. Das Schwert zieht sich zurück, und das Wasser fließt nach. Fahre so fort nach deinem Belieben, mein Feldherr, am Ende trägst du ein rostiges Schwert in der Hand und das Wasser ist immer noch da.
- Aber doch immerhin gefärbt vom Rost, sagte er.
- Wenn es das ist, was du willst, sagte der Wächter, nur zu, mein Feldherr.
MVA, DialPrim, 18, 7

Und genauso sollte es später ja auch kommen für Rom und das rechtsrheinische Germanien - Agrippa war damals tot und hat es gewiss nicht gewollt. Ob er schon in der Stunde des Dialogs für sich beschloss, dass Rom am Rhein Halt machen müsse? In jedem Fall dürfte Agrippa hier den entscheidenden Denkanstoss erhalten haben. Und wahrscheinlich entstand hier die Idee, dass er diesen Segimer auch über das Ende der fünfjährigen Dienstzeit hinaus behalten wollte, als Gesprächspartner, vielleicht sogar als Freund - soweit der Stellvertreter Octavians persönliche Freundschaft nach unten überhaupt gekannt hat. In jedem Fall entstand hier die Idee Agrippas, im linksrheinischen neuen Siedlungsgebiet der Ubier, kontrolliert von Lucius Vorenus und beschützt durch ausgesuchte Veteranen der Leibgarde, ein Archiv zu errichten, denn es gab ein paar Dinge, die Agrippa weder dem Octavian noch dem römischen Volk anvertrauen wollte.

Bruchstein, Unkelsteiner Basalt aus der Gegend von Remagen, ein schlichtes Tonnengewölbe, unterirdisch gelegen, damit es in der ländlichen Umgebung nicht auffiel. Nicht in der Nähe des Rheins lag es, nicht in der Gegend des Turmbaus nahe der Malzmühle, den wir heute das Ubiermonument nennen, sondern mitten im Kern des späteren römischen Grundrisses für die Stadt Köln. Das war nicht einmal programmatisch gemeint, es sollte nicht bedeuten: Sehr her, hier baue ich die Mitte und darum herum entsteht später die Stadt! Nicht einmal Agrippa kann geahnt haben, was später aus dieser Stadt wurde. Der Ort des Gewölbes verdankte sich schlicht der Tatsache, dass man für einen Kellerbau überschwemmungssicheres Gelände braucht, sonst ist der Keller bald feucht.

Und was verbarg nun Agrippa in jenem dürftigen Erdloch, er, der Stifter, dem Rom solche Bauten verdankt wie Agrippas Thermen, Agrippas Wasserleitungen, Agrippas Brücke, Agrippas Lagerhaus, seinen Privatbesitz, den Augustus später öffentlich zugänglich machte und in Porticus Vipsania umbenannte und schließlich das einzige, das ewige Pantheon? Was stopfte dieser Mann in ein Erdloch am Rhein, um es von Ubiern bewachen zu lassen? Gewiss nicht das Original seiner Weltkarte. Das war allgemein bekannt und ist, weil aus vergoldetem Silber, irgendwann verschwunden - vermutlich eingeschmolzen worden. Eine zeitgenössische Kopie jedoch, ebenfalls aus vergoldetem Silber, befand sich immer noch im Kölner Archiv, als BKA und BfV die Anlage 1999 stürmten, eingelassen in die Stirnwand des hintersten Raumes. Franz Dusch hat diese Reliefkarte selbstverständlich nicht zerstört, bevor er floh. Warum die deutschen Behörden ihren Fund bis heute geheim halten, so wie die ganze Operation - bleibt ihr Geheimnis. Die Gründer jedenfalls haben 1999 begonnen, bestimmte Dinge hier auf dieser Website öffentlich zu machen.
Also was nun? Die Kommentare zur Weltkarte? Nein. Den Dialogus Primus? Wozu? Die Problematik der Grenzziehung wird von Agrippa und Octavian tagtäglich erörtert worden sein. Warum also die Protokolle der Gespräche mit Segimer verstecken?
Den Anfang machten ein paar private Erinnerungsstücke, die er nicht Octavians eifersüchtigem Blick aussetzen wollte und ein Notgroschen für den Fall, dass der Bürgerkrieg verloren ging und Flucht geboten war. Von ‘Archiv’ braucht man hier noch gar nicht zu sprechen. Zum Archiv wurde das überaus dauerhafte Erdloch erst durch Agrippas Dialogus Secundus, den zweiten Dialog, den so gut wie niemand sehen durfte, am allerwenigsten Augustus ...

Wir schreiben das Jahr 24 acn. Agrippa wohnt längst im Haus des Augustus, denn er, der Gleichaltrige, soll ja der Nachfolger werden - oder doch Marcellus? Bei sich selber zuhause schaut er nur kurz vorbei, nur kurz nach dem Rechten, keine Zeit, nie Zeit, nie und nimmer Zeit, innezuhalten. Doch diesmal sieht er wieder den merkwürdigen Gärtnersklaven ...

Wir schreiben, nach Zählung der Gelben Pagode, im achten Zyklus das Jahr Gu - die Arbeit am Verdorbenen. Oben Gen, das Stillehalten, der Berg. Unten Sun, das Sanfte der Wind. Das Urteil lautet: Die Arbeit am Verdorbenen hat erhabenes Gelingen. Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren. Vor dem Anfangspunkt drei Tage, nach dem Anfangspunkt drei Tage ...

Eine marodierende Dschunke hatte an der der Ostküste Ägyptens im Roten Meer vier römische Beamte entführt. Hatten wir das überhaupt erwähnt? Der Bürgerkrieg war gewonnen, Augustus war Sieger. Die Seeschlacht bei Actium hatte den Ausschlag gegeben, wie üblich: Augustus in der Kabine und Agrippa auf Deck. Antonius und Kleopatra waren tot, Ägypten römische Provinz, was Agrippa missfiel. Das chinesische Schiff war von den Römern endlich doch aufgebracht worden. Die gefangenen Finanzbeamten, soweit sie noch lebten, wurden befreit. Die Piratenbesatzung verkaufte man in die Sklaverei. Nur einer dieser Gelblinge mit mandelförmigen Augen geriet nach Rom und wurde den Hausverwaltern der Führung angeboten. Ein Exot. Er sprach fließend Latein, wenn auch mit erheblichen Schwierigkeiten, den Buchstaben ’r’ auszusprechen. Es heißt, Agrippas Sklavenmeister sei in brüllendes Gelächter ausgebrochen, als er aus Mund dieses Dschunkenkapitäns die Worte hörte “Thelmae Aglippae”. Heute wissen wir nicht einmal mehr, wie jener Sklavenmeister hieß, geschweige denn, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte er den chinesischen Sklaven nicht für Agrippa gekauft. Aber, kurzum, er kaufte ihn und teilte ihn zum Dienst im Garten ein ...

- Was harkst du da im Kies, fragte er.
- Muster, dominus, entgegnete der Sklave.
- Was bedeuten sie?
- Dies hier bedeutet in meiner Muttersprache: Arbeit am Verdorbenen.
- Ist mein Garten etwa verdorben, fragte er. 
- Ist es denn wirklich dein Garten, oder ist der der Garten von Augustus, fragte der Sklave.
- Was unterstehst du dich, rief er. Und was weißt du über Augustus und mich?
- Wir wissen viel, sagte der Sklave. Wir wissen, dass du am Verdorbenen arbeitest, während Augustus es verdirbt.
- Wer seid ihr, fragte er.
- Wir sind das Reich der Mitte, sagte der Sklave. Wir erobern nicht die Ränder.
- Ach, höhnte er, ihr seid ein Reich? Du, Sklave - wo bist du ein Reich?
- So führe mich zu deiner Weltkarte, und wenn sie gut ist, zeige ich dir unser Reich, sagte der Sklave.
MVA, DialSec, 1,1

Das allerdings, und jedes weitere Wort, kam ins Archiv. Hastig auf Wachstäfelchen gekritzelt, ohne Siegel, vertraute Agrippa die Mitschriften des Dialogs Segimer an, der sie umgehend ins rheinische Tonnengewölbe zu den Ubiern schaffte und von seiner Familie bewachen ließ. Nur wenn das Hin und Her ihm Zeit ließ, hat der germanische Barbar Segimer die Worte seines römischen Feldherrn und Freundes von den Wachstäfelchen kopiert und auf ägyptisches Papyrus geschrieben - die Geburtsstunde von Agrippas Archiv.

Agrippa Infinitus

Wie fühlen sich die Menschen in der zweiten Reihe, Frauen und Männer, die dafür sorgen, dass es weitergeht, während die Showmaster in der ersten Reihe alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und im Zweifelsfall das Sagen haben? Nehmen wir ein politisches Genie wie Bismarck, über den sein erster König seufzte: “Es war nicht leicht, unter diesem Kanzler König zu sein.”  Wenn ich's mir recht überlege, kann das Zitat nicht stimmen, denn die preußischen Könige hatten ja Ministerpräsidenten, keine Kanzler. (Friedrich) Wilhelm muss also bereits als Kaiser gesprochen haben, nach 1871, als Bismarck aus dem preußischen Octavian längst den deutschen Augustus gemacht hatte.
Jedenfalls sind viele Phasen überliefert, in denen Bismarck sich grollend zurückzog, völliger Verzweiflung nahe, weil die beiden Könige und deutschen Kaiser, denen er als Ministerpräsident/Kanzler diente, sich so unglaublich viel Zeit gönnten, um zu begreifen. Der militärische Apparat leistete zähen Widerstand gegen Bismarcks territoriale Bescheidenheit. Der Generalstab wollte Elsass-Lothringen, mindestens! Bismarck wollte nicht. Er wusste, diese Annektion würde die deutsch-französische Erbfeindschaft endgültig verfestigen. Die bürgerliche Öffentlichkeit schrie nach Kolonien - Bismarck nicht. Er wusste, überseeische Kolonien würden eine Aufrüstung der Flotte erforderlich machen, und im Ergebnis Deutschland und England entzweien. Aber er konnte sich nicht durchsetzen. Es gab Schreianfälle, Rücktrittsdrohungen, Kreislaufzusammenbrüche mit Ohnmachten und endlose Wochen, durch die er sich mithilfe einer Mixtur aus Cognac und Champagner schleppte. Dennoch musste er gegen Ende seines Lebens mit ansehen, wie sein Lebenswerk, das geeinte Deutsche Reich, von Wilhelm II. aus dem tragenden Bündnissystem herausgebrochen wurde und den freien Fall in die Katastrophe antrat.

Über Agrippas Trinkgewohnheiten lesen wir so wenig wie von seinen Schreianfällen. Leicht jedoch hatte er es mit Octavian/Augustus nie, und funktioniert haben dürfte ihr Verhältnis nur aufgrund der Tatsache, dass Agrippa, der in jeder Hinsicht Überlegene, dennoch die römische Klassengesellschaft vorbehaltlos anerkannte. Octavian gehörte seit der Adoption durch Caesar dem uralt stadtrömischen Patrizier- und Senatorengeschlecht der Julier an, das die Göttin Venus im Stammbaum führte. Agrippa kam nur aus einer Gens dalmatischer Ritter. Da gab es keinen Zweifel, wer von beiden Freunden stets den Vorrang hatte, schon als sie die Rhetorenschule durchliefen. Aber ich will versuchen, gerecht zu sein, obwohl ich Augustus nicht mag. Umgekehrt wird er, der nach Fähigkeiten unterlegene Freund, es auch nicht immer leicht gehabt haben, unter seinem Agrippa Kaiser zu sein. Agrippa hatte den Weitblick. Er war der nimmermüde Vermittler zwischen den Triumvirn, ein Feldherr von einiger Qualität zu Lande und auf See ein Genie. Der Sieger von Actium. Ein effizienter Verwalter und Organisator in zahllosen Ämtern. Er war der Zivilisator Galliens, Nordspaniens, des linksrheinischen Germanien. Er bescherte dem brodelnden Osten jene Stabilität, die das Reich am Leben erhielt, als es in Germanien zur Katastrophe kam. Ein Mann, der Karten zeichnete, um sie mit Straßen und Wasserleitungen zu füllen. Ein Bauherr, der allen Göttern der Welt einen einzigen Tempel erbaute - und was für einen! Agrippa war das personifizierte Gegenteil von Engstirnigkeit. All das war Agrippa. Octavian wäre ohne ihn verflogen wie ein Hauch im Weltall. Ich mache kein Geheimnis draus: Ich mag Augustus nicht. Ich bin parteiisch, nicht dank Informationen meiner Auftraggeber, sondern schon seit der Schule, als mir klar wurde, wie Augustus mit seiner Tochter Julia umsprang: ein echter, heuchlerischer Mistkerl von einem Vater. 
Doch zunächst sehen wir Julia mit Agrippa verheiratet. Es war zwar schon die zweite politische Ehe, zu der Augustus seine Tochter zwang, zählt man die Verlobungen mit, sogar die dritte. Außerdem war Julia achtzehn - Agrippa einundvierzig. Trotzdem war die Verbindung, nach allem was wir wissen, glücklich.
So lief der Deal: Agrippa sollte hoffen, den gleichaltrigen Augustus im Prinzipat zu beerben. Wäre das gelungen, dann hätte Augustus seinem leiblichen Enkel zum Thron verholfen - und dieser Enkel wäre zugleich der Sohn Agrippas gewesen, des engsten Freunds, Nachfolgers, Schwiegersohns ...
Was aber geschah stattdessen? Agrippas und Julias Tochter Agrippina die Ältere heiratete Germanicus und diese beiden hatten den späteren Kaiser Caligula zum Sohn, sowie als Tochter Agrippina die Jüngere, Gattin des Claudius und Mutter Kaiser Neros. Agrippa war mit zweiundfünfzig Jahren tot. Augustus überlebte ihn um sechsundzwanzig Jahre. Und schon mit seinem unmittelbaren Nachfolger Tiberius steuerte die Familienpolitik des göttlichen Augustus geradewegs den Caesarenwahn an, Jahrzehnte, die Rom nicht überstanden hätte ohne die Gründer.

Inzwischen war sie zur Stelle, die Handvoll Frauen und Männer, vorerst noch ohne Regeln und Struktur, ganz ohne Hierarchie, abgesehen von Agrippas Führerschaft, die bis zu seinem Tod und darüber hinaus unangefochten blieb. Agrippa hatte seinen Dialog mit dem gärtnernden Seemann zuende geführt, den Chinesen dann freigelassen und als Boten heimgeschickt, ohne Augustus davon zu berichten. Loser Kontakt zum Orakelrat war geknüpft, zweifellos Ansporn für jene, die sich um die Festigung des jungen Reiches sorgten und zur Überzeugung gelangten, es müsse ein doppelter Boden eingezogen werden. Würde Agrippa Augustus beerben - umso besser! Überlebte Augustus Agrippa - dann allerdings wäre gegenzusteuern.

Warum? Lief denn nicht alles bestens? Dichteten die Staatsdichter nicht vom Goldenen Zeitalter? Einerseits schon: Der orbis um das Mittelmeer war geschlossen. Andererseits begannen Muskeln und Sehnen der römischen Macht schon zu schmerzen unter der Dauerbelastung. Roms Vernichtungsmacht und Bewahrungsmacht standen da noch nirgends infrage, wohl aber die Gestaltungsmacht in Expansionsgebieten. Der Osten warf dabei nicht einmal die entscheidenden Fragen auf, denn dass das Vorfeld gegen die Parther gesichert werden musste und kein Vakuum bleiben durfte, war seit Pompeius Magnus unstrittig, sogar im Bürgerkrieg. Zur Not ließen die Gründer auch über die Arabia mit sich sprechen - ohne diese Expansion in wenig ertragreiches Gebiet wäre der Grenzverlauf zwischen Syriens Südostecke und dem Roten Meer tatsächlich ziemlich unglücklich geschnitten. Sogar mit Ägypten hatten sie sich abgefunden, obwohl jedermann klar war, dass hier künftig drei bis vier Legionen stehen mussten, wenn man das Land zur Provinz machte. Agrippa wollte das Land auflösen in Klientelfürstentümer, von Priestern regierte Gebiete und ein paar Stadtstaaten mit republikanischer Verfassung. Er meinte, dass Ägypter, Griechen und Juden einander dort so spinnefeind wären, dass aus dem Land nie mehr eine Bedrohung für Rom erwachsen könnte. Im Osten und Westen sei es durch römische Legionen ausreichend geschützt - aus dem Süden würde nie Gefahr kommen. Unfug, hier vier Legionen zu verschwenden! Ein bisschen spielte dabei auch die Hoffnung mit, durch ein nur locker kontrolliertes Ägypten - via Rotes Meer - freien Seekontakt zum Orakelrat zu pflegen.
Doch Augustus setzte sich durch, mit dem zutreffenden Argument, die unmittelbare Beherrschung Ägyptens könnte sich als vorteilhaft erweisen für Roms sichere Getreideversorgung. Ihm steckten wahrscheinlich immer noch die von Sextus Pompeius im Sizilianischen Krieg verursachten Hungermonate in den Knochen. Außerdem legte er einen merkwürdigen Eifer an den Tag, die Heimat des einzigen leiblichen Caesarsohnes Caesarion zu beherrschen, obwohl der Junge und seine Mutter Kleopatra längst aus der Welt geschieden waren: durch Mord und Freitod.
Also: drei bis vier Legionen nach Ägypten und keine Diskussion mehr! Punkt! Dachte Agrippa damals an Putsch? Das Grauen der Bürgerkriege wird zu gegenwärtig gewesen sein, als dass jemand wie Agrippa es neu hätte entfesseln wollen. Er machte die Faust in der Tasche. Doch in der permanenten Strategiediskussion kam es zu dem Eklat, der auf diesen Seiten schon einmal geschildert wurde, mit jener klitzekleinen Ungenauigkeit, in
Akte Orgacons - Der Rat, wo es heißt:

„Die Überschrift agrippas mund ist einem alten Schlachtruf entlehnt, der seinerseits wiederum auf eine Anekdote aus den Tagen von Agrippa und Augustus zurückgeht. Das Verhältnis zwischen dem Kaiser und Agrippa, seinem Schwiegersohn, engsten Berater und Beinahe-Nachfolger, war in der Regel höflich, manchmal sogar herzlich. Dennoch drangen die unterschwelligen Spannungen zwischen beiden Männern gelegentlich an die Oberfläche. So auch während eines Gastmahls, bei dem Augustus Agrippa mit rüder Herrschergeste den Mund verbot. Agrippa schwieg. Aber ein anderer aus dem Kreis der Gründer, der mit zu Tische lag, sagte dem Kaiser ins Gesicht: Mag Agrippa schweigen - dann will ich sein Mund sein!"

Soweit alles ganz richtig, nur war „ein anderer“ in Wahrheit „eine andere“, nämlich Julia, Agrippas Frau, Augustus‘ Tochter. Sie konnte einstweilen so reden, ohne um ihr Leben zu fürchten. Sie war Agrippas Vertraute, eine faszinierende Frau - dennoch blieb Ägypten Provinz.

Die blinden Flecken römischer Macht in Nordspanien und Gallien hatte Agrippa höchstpersönlich beseitigt. Er war ja kein Illusionär, der den Unterworfenen Biotope zur Regeneration einräumte. Nein, sie sollten sich ausnahmslos der römischen Vernichtungsmacht beugen, dem römischen Schwert und dem Rebstock, mit dem die Centurios jeden gnadenlos prügelten, der nicht gehorchte. Im Gegenzug profitierten die Unterworfenen von Roms Gestaltungsmacht: Straßen, Theater, Städte, Heizungen, Abwasserkanäle, Bäder, Wasserleitungen - man macht sich heute nur schwer eine Vorstellung, welche Errungenschaft fließendes, sauberes Trinkwasser damals war - Bibliotheken, Verwaltung, Rechtssicherheit und Pax Romana. Frieden. Kein Krieg mehr. Das war der Deal: Gib deine Freiheit auf, beuge dich dem römischen Gesetz - und du genießt römischen Schutz, kannst unbehelligt zu deinen Göttern beten und deinen Geschäften nachgehen. Agrippa hatte eine klare Position in diesen Fragen. Er war ein großer Mann, aber gewiss kein netter Mann. Nicht einmal Pannonien war Thema. Agrippa stimmte völlig damit überein, dass sich die Donau als Nordgrenze förmlich aufdrängte. Pannonien musste erobert werden, keine Frage.

Die Streitfrage, das war Germanien zwischen Rhein und Elbe.

Augustus schaute auf die Karte. Nicht auf irgendeine, sondern auf Agrippas Weltkarte. Objektiv war die Elb-Donau-Linie viel kürzer als die Rhein-Donau-Linie. Stellen Sie sich die Luftlinie Hamburg-Budapest vor! Die ist nur halb so lang wie die Strecke Rotterdam-Bodensee-Budapest. In militärischer Denkweise hieß das: mit der Hälfte Legionen zu halten.
Agrippa schaute auf die Karte und sah genau dasselbe wie Augustus, mit einem Unterschied. Er wusste, dass Rom links des Rheins Gestaltungs- und Bewahrungsmacht hatte. Das konnte man aufbauen und sehr lange halten. Dass man es halten konnte, war ihm wichtig, denn Rom hatte mehrfach kurz vor der Vernichtung durch Invasion gestanden: durch die Gallier, durch Hannibal und durch den Einfall der Kimbern und Teutonen. Für Rom war also gut, wenn es ein weites Vorfeld hatte, in dem man Eindringlinge abfangen konnte, lange bevor sie den Kernraum erreichten. Der Rhein als Grenze also - wunderbar! Doch was rechts des Rheins lag, war für Rom nicht gestaltbar und bewahrbar. Sicher konnte man dort kurzfristig mit Roms schierer Vernichtungsmacht auftrumpfen. Vielleicht konnte man ein paar Legionslager in den Sumpf rammen - doch Zivilisation? Das hatte Agrippa von Segimer gelernt. Die Germanen würden nie ein festes Ziel bieten. Sie würden sich vor Roms überlegener Macht verstecken, aus Hinterhalten angreifen, Verbindungslinien abschneiden. Auf dem Marsch kommen, töten, und fliehen, bevor man sie stellte. Schön, mit einer Legion konnte man wahrscheinlich im Germanien zwischen Rhein und Elbe eine Wasserleitung bauen, zwischen einer Bergquelle und einem Fürstenhof zu Beispiel. Aber wenn die Legion nun abrückte?
Machen wir uns keine Illusionen! Wir brauchen über diese Frage nicht zu spekulieren. Als, nach mehrhundertjährigem Kontakt, die Germanen der Völkerwanderung römisches Gebiet überrannten, zum Beispiel die linksrheinischen Gebiete, die längst völlig in eine mittelmeerumspannende Hochzivilisation integriert waren, was geschah da? Schlüpften die Eroberer in die fix und fertigen Annehmlichkeiten, deren bisherige Inhaber sie vertrieben hatten? Lernten die Germanen, ahmten sie nach? Nein, sie zerschlugen die Hälfte und ließen das Übrige verrotten. Theoretisch bin ich ein großer Freund germanischer Selbstbestimmung. Praktisch bedeutete germanische Freiheit ziellose Brutalität, wie sie noch heute durch den Begriff Vandalismus bezeichnet wird. Sie bedeutete Menschenopfer, reichlich Fell am Leib, ungewaschene Füße und keine Bücher.

Augustus wollte diesen Raum beherrschen - Agrippa wusste, er würde scheitern. Aurum Agrippae, Agrippas Gold, Agrippas politisches Testament, war die Doktrin der Gründer, die besagte, dies nie zuzulassen. Agrippas Konzept verlangte die Gewinnung und Sicherung der Rhein-Donau-Grenze mit Limes. Jenseits dieser Grenze sollte nach alter Devise verfahren werden: divide et impera - teile und herrsche. Es sollte Klientelfürsten geben, Pufferstaaten, sogar gezielte Terrorfeldzüge zur Abschreckung der Germanen, doch keine Provinzialisierung, weil sie eine Zersplitterung der Kräfte erfordert hätte. Eindringlich weist Agrippa auf das Gefälle im zivilisatorischen Niveau hin zwischen provinzialisierten keltischen Bevölkerungsgruppen und den germanischen Barbaren. Am Ärmelkanal wollte er eine dauernde Flotte stationieren, um die britische Südküste ohne Besatzung unter Kontrolle zu halten. Ihm schwebte sogar vor, diese Flotte könnte gleichzeitig in Roms Auftrag Handel mit den Briten treiben und jedes britische Schiff versenken, dessen sie habhaft würde. Ich persönlich halte dies für den schwächeren Teil seines Konzepts.

Die Schrift wurde in siebzig Stahlplatten gestochen und mit Gold ausgegossen. Fadendünne Buchstaben in einem Bett aus Stahl - noch ein bisschen eindrucksvoller, als die Römer es sonst hielten mit Gesetzen und Verordnungen, denen sie Dauer sichern wollten, und dennoch eine trügerische Hoffnung. Von 16-13 acn überwachte nämlich Augustus persönlich, nicht etwa Agrippa, die Errichtung der linksrheinischen Basislager für den großen Zangenangriff. Er inspizierte auch das Hauptquartier der ubischen Leibgarde am Rhein, das Oppidum Ubiorum, und stieg ins Tonnengewölbe. Nachdem er alles gelesen hatte, befahl er, die filigranen Goldbuchstaben aus den Stahlrillen zu kratzen. Nur diesen goldenen Buchstabensalat ließ er im Archivum Agrippae. Den Stahl schmolz er ein für seinen Krieg.

Agrippa starb im März des Jahres 12 acn. Er starb an Gift. Ob er sich selber vergiftet hat, um den unerträglichen Schmerz seines Krebsleidens zu beenden, ob es eine letzte geheime Absprache gab zwischen den verkrachten Freunden Agrippa und Augustus oder ob Augustus schlicht nachhalf - diese ungelöste Frage treibt die Gründer bis heute um. Julia erklärte damals, natürlich habe Agrippa mit ihr über den Freitod gesprochen. Sie schloss jedoch kategorisch aus, ihr Mann wäre ohne Abschied von ihr aus dem Leben geschieden und ohne zuvor die Geburt ihres Kindes abzuwarten. Im Jahre 11, sie hatte kaum Agrippas Sohn geboren, zwang Augustus Julia in eine neue Ehe  - mit seinem Stiefsohn Tiberius.


Die Schwebe

Augustus‘ Reich zerfiel, während Agrippas Organisation noch heute recht vital ist für ihr Alter von über zweitausend Jahren. Zu verdanken haben wir das bitter verfeindeten Menschen: Vater und Tochter. Augustus mag gescheut haben, seiner Tochter oder Agrippa etwas anzutun - doch gewiss galt diese natürliche Beißhemmung niemand sonst. Hätte Augustus gewollt - er wäre hoheitsvoll dem kölnischen Tonnengewölbe entstiegen, hätte, in der Tradition der Bürgerkriege, alle Namen von dort unten auf eine Proskriptionsliste gesetzt und so das Ende der Gründer besiegelt. Da die Gründer noch existieren, wollte er offenbar nicht. Nein, er zog vor, die Gedanken seines Freundfeindes nicht durch plumpe physische Vernichtung aus der Welt zu schaffen, sondern sie durch eine historische Tat zu widerlegen. Diesmal wollte er schlauer sein als Agrippa und auch so grandios: Seht her, es ist unter meiner Würde, euch zu töten, ich werde euer Argument entkräften.  
Die befürchtete Verfolgung der Gründer blieb aus. Titus Marullus wurde ihr nächster princeps und beschränkte sich, abgesehen von einem peinlich fehlgeleiteten Racheakt und der grauenhaften Schlacht auf die Festigung der wirtschaftlichen Basis seiner Gruppe - so jedenfalls die verkürzte Sicht der meisten Nachfolger. Das wahre Herz der Gründer schlug, darüber sind sich alle einig, in Julias Brust. Ohne sie wäre Agrippas Erbe verloren - goldener Buchstabensalat. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, wie schnöde Tacitus Agrippa abhandelt, um zu verstehen, wie leicht der Tote vom Überlebenden aus dem kollektiven Gedächtnis hätte verdrängt werden können:

“Im übrigen erhob Augustus zur Unterstützung seiner Alleinherrschaft seinen noch sehr jungen Schwestersohn Claudius Marcellus zum Pontifex und kurulischen Ädil, den nichtadligen M. Agrippa (sic! Er schreibt nichtmal den Namen aus! Anm. d. Hrsg.), einen tüchtigen Kriegsmann, der der Gefährte seiner Siegeslaufbahn gewesen war, zweimal hintereinander zum Konsul. Nach dem Ableben des Marcellus nahm er ihn dann zum Schwiegersohn.”
Tacitus, Annales, 1,3

Und Julia? Der Vater hatte sie schlimmer herumgeschubst als ein Stück Vieh, das man zu Markte treibt. Durch einen fast schon unglaubhaften Zufall war sie dabei in den Armen der Liebe ihres Lebens gelandet: Agrippa. Sie verdächtigte ihren Vater, bei Agrippas Tod die Hand im Spiel zu haben. Der Leichnam Agrippas war gerade kalt, sie hatte kaum entbunden - da fing der Vater das Herumschubsen wieder an. Motive satt für tiefen, wühlenden Hass und ganz bestimmt dafür, was nach dem Scheitern ihrer Tiberius-Ehe geschah und von der Geschichtsschreibung als nicht enden wollende Folge von Sauftouren und erotischen Eskapaden missdeutet wird. Mag sein, sie fand im einen oder anderen Bett ein wenig Trost, aber Sempronius Gracchus, Iullus Antonius, T. Quinctius Crispinus, Appius Claudius Pulcher und Cornelius Scipio waren, wenn überhaupt, nicht nur ihre Liebhaber, sondern auch Gründer. Und wir sollten Julia endlich als politische Überzeugungstäterin begreifen, denn sonst wird das Weitere unverständlich. Sie, die Tochter des Kaisers, wird aus der Verbannung heraus Titus Marullus Gnipho jenen Hinweis geben, aufgrund dessen er nach Germanien aufbricht, angeblich, um die heilende Kraft der unlängst entdeckten Aachener Quellen zu gebrauchen.
Nach Lage der Dinge musste sie um das Leben ihrer Kinder mit Agrippa fürchten. Ob die Gefahr nun durch Augustus selber drohte, durch seine unerhört ehrgeizige Frau Livia oder deren Sohn Tiberius, sei dahingestellt. Sie war jedenfalls real. Gaius und Lucius starben, ohne dass die Gründer Livia je etwas nachweisen konnten. Dann bestand die erste Regierungshandlung des Tiberius nach Augustus’ Tod darin, Agrippa Postumus, den jüngsten Sohn von Julia und Agrippa, als möglichen Konkurrenten zu ermorden.
Es müssen furchtbare Jahre gewesen sein für Julia. Warum also lud sie, neben dem Unausweichlichen, das sie ohnehin zu tragen hatte, auch noch alles übrige auf sich? Warum ertrug sie Verbannung und Hunger - aus bloßem Trotz? Es geht das Gerücht, sie habe Tiberius und vielleicht sogar Augustus ermorden lassen wollen. Wäre das nur gelungen! Wahrscheinlich hat sie es versucht. Hören wir Sueton, Augustus 65  

“Den Tod der Seinen trug er (Augustus, Anm. d. Hrsg.) mit größerer Fassung als ihre Schande; so nahm ihn der Verlust des Gaius und Lucius nicht so mit, aber über seine Tochter ließ er im Senat, ohne selbst zu erscheinen, durch den Quästor einen Bericht verlesen und hielt sich lange aus Scham der Öffentlichkeit fern; auch trug er sich mit dem Gedanken, sie töten zu lassen. Auf jeden Fall äußerte er, als zu dieser Zeit eine Vertraute lulias, die Freigelassene Phoebe, durch Erhängen ihrem Leben ein Ende machte, er hätte lieber der Vater Phoebes sein wollen. In der Verbannung verbot er ihr den Weingenuß und jeden Luxus und gestattete weder einem Freien noch einem Sklaven, außer mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis, den Zutritt zu ihr, und zwar ließ er sich zuvor genau über Alter, Größe, Gesichtsfarbe, besondere körperliche Kennzeichen oder Narben des Besuchers unterrichten.
Erst nach fünf Jahren ließ er lulia endlich von der Insel aufs Festland bringen und gestand ihr etwas angenehmere Lebensbedingungen zu. Sie ganz wieder zurückzurufen, dazu konnte er auf keine Art und Weise gebracht werden; und als das römische Volk immer wieder um ihre Begnadigung bat und sich energisch für sie einsetzte, wünschte er allen in offener Versammlung solche Töchter und solche Frauen. Ein Kind seiner Enkeltochter lulia, das diese nach ihrer Verurteilung gebar, weigerte er sich anzuerkennen und aufziehen zu lassen. (um die Tochter zu strafen, geht er soweit, ihre Enkelin zu verfolgen, seine eigene Urenkelin - welch Generationen umspannender Hass, Anm. d. Hrsg.)
Agrippa (Agrippa Postumus, Sohn des MVA, Anm. d. Hrsg.), der mit der Zeit immer weniger umgänglich wurde, ja sogar mehr und mehr geistiger Umnachtung verfiel, ließ er auf eine Insel bringen und außerdem militärisch bewachen. Ferner wurde zur Vorsicht durch einen Senatsbeschluß seine lebenslängliche Haft an diesem Ort offiziell festgelegt. Auch pflegte er bei jeder Erwähnung Agrippas oder der beiden lulia seufzend den griechischen Vers zu zitieren:
Wär' ich doch ehlos geblieben und kinderlos einsam gestorben!
So nannte er sie auch immer nur seine drei Eiterbeulen oder seine drei Krebsgeschwüre.”

Netter Vater, Opa, Urgroßvater! Und erst Julias neuer Ehemann Tiberius, den sie durch eine Fehlgeburt verärgert hatte! Der machte sich nichtmal die Mühe, persönlich die Scheidung einzuleiten. Nein, Augustus schickte seiner Tochter im Namen des Tiberius den Scheidungsbrief und verbannte sie nach Pandataria. Ihre Mutter Scribonia, die geschiedene Frau des Augustus, begleitete sie. Erst 3 pcn durfte Julia zurück aufs Festland, nach Rhegium, und bekam eine Rente. Im Jahre 14 pcn starb Augustus, Tiberius folgte an die Macht - und verschärfte Julias Haftbedingungen derart, dass sie noch im selben Jahre 14 schlicht verhungerte.

Und dabei soll es sich um die Strafe für sexuelle Selbstbestimmung gehandelt haben? Wohl kaum! Vielleicht wäre diese These noch haltbar für Augustus, der ein furchtbarer Ehrpussel war und auf seine alten Tage die strengen republikanischen Sitten wieder einführen wollte. Dieser Vater hätte sich durch das Leben seiner Tochter provoziert fühlen können, mag sein. Aber Tiberius, der später als Kaiser frech Greiftrupps durch Italien schickte, die ihm  Mädchen und Knaben, gern auch Kinder des Hochadels, zur Vergewaltigung nach Capri schleppten - konnte der sich ernsthaft provoziert fühlen? Von seiner geschiedenen Frau, die zudem noch durch den Mord an ihrem Sohn Agrippa Postumus dynastisch aus dem Rennen war? Ebenfalls unmöglich! Also verspätete Rache für Julias angebliches Mordkomplott?
Nein, dahinter steckte mehr: der politische Vernichtungswille gegen die Gründer. Augustus hatte sie nicht an Tiberius ausgeliefert. Tiberius wusste zwar, da gab es eine Gruppe und Julia gehörte - Verbannung hin oder her, Briefe ließen sich immer schmuggeln - ihrem Führungszirkel an. (Legendär ist zum Beispiel Julias Briefwechsel mit Ovid, dem sie im fernen Tomi Trost zusprach, wohin er als Mitwisser einer Affäre ihrer Tochter Julia d. J. verbannt worden war.) In den fast zwei Jahrzehnten von Augustus’ erfolgreicher Germanienpolitik erhielt, neben Titus Marullus, hauptsächlich Julia den Willen der Gründer am Leben. Ihre Appelle, die Gefasstheit, mit der sie die Rachsucht ihrer Familie ertrug und sicher auch Informationen, an die allein ein Mitglied des Kaiserhauses herankam, sogar in der Verbannung, hatten sie unverzichtbar gemacht - und unumgehbar.
Nimm Julias Leben, mochte Tiberius denken, und du nimmst den Gründern das einzige Mitglied des Kaiserhauses, das sie in ihren Reihen haben. So brichst du sie. Aber da täuschte er sich, in mehr als einer Hinsicht.
Ergänzen wir, dass, ganz zu Anfang, auch Tiberius eine tragische Figur war, denn bevor er Julia heiraten musste, war er glücklich mit einer Tochter Agrippas aus dessen früherer Ehe mit Caecilia Attica verheiratet. Man muss sich wirklich einmal diesen Augustus vorbuchstabieren: Er zwingt seinen Stiefsohn zur Scheidung der glücklichen Ehe mit der Tochter des Freundes Agrippa, um ihn dann zur Ehe zu zwingen - mit der Witwe ebendieses Agrippa. Wie gesagt: ich kann das heuchlerische Monstrum nicht leiden, Augustus, den “Wahrer republikanischer Sitten“.
Dann wiederum kommen die Machtpolitiker und zählen auf: Ja, alles richtig, aber der Mann hielt das Reich beisammen, über seinen Tod hinaus, und ohne seine perverse Familienpolitik hätte es wahrscheinlich neuen Bürgerkrieg gegeben mit Hunderttausenden von Toten.

Man mag von Augustus sagen, was man will - immerhin lieferte er nicht die Gründer seinem Nachfolger ans Messer. Natürlich war Agrippas Archiv in Köln für das Vierteljahrhundert bis zu Augustus’ Tod verbrannte Erde. Doch die ubischen Strukturen hielten stand, ja entwickelten sich mit dem Oppidum Ubiorum, für das Augustus immer herrlichere Pläne schmiedete. Dann kam die geplante Katastrophe von 9 pcn. Augustus sah ein, dass Agrippa und die Gründer doch recht hatten und er besaß die einsame Größe, die Zeugen seiner Schande nicht aus der Welt zu schaffen, sondern zu beschützen. Kurz vor seinem Tode versuchte er sogar noch einmal, Kontakt mit dem verbannten Agrippa Postumus herzustellen und hat ihn ernsthaft wieder in Betracht gezogen als Thronfolger. Aber dafür war es zu spät. Wahrscheinlich hat Augustus sogar durch diese verspätete Aufmerksamkeit die Ermordung seines Enkels beschleunigt.

Wie die Gründer - außer Julia - überlebten? Tiberius hat wohl, ganz unverbindlich und ohne Namen, von ihnen erfahren - nie jedoch vom Archivum Agrippae. Das fanden die Gründer bald nach Augustus’ Tod heraus, indem sie den Nachfolger auf die Probe stellten, und Tiberius es unterließ, nach dem Köder zu schnappen.

Zunächst folgte ein Vierteljahrhundert Augustus ohne Agrippa, ein Vierteljahrhundert in dem wir das Jahr 9 pcn vorläufig aussparen. Am Ende unseres guten Vierteljahrhunderts zauberte der frischgebackene Kaiser Tiberius ein Testament seines Stief- und Adoptivvaters Augustus aus dem Hut, das die Weisung enthielt, fortan keinerlei germanische Expansion mehr zu betreiben. Uns wird noch beschäftigen, ob dieses Testament tatsächlich von Augustus selber stammt oder von Tiberius, der, im Gegensatz zu Augustus, die Rheinlegionen lange genug befehligt hatte, um zu wissen, was Sache war in Rhein-Elb-Germanien.

Mit Beginn unseres Vierteljahrhunderts rollte der große Zangenangriff: aus Dalmatien nach Norden und vom Rhein nach Osten. Agrippa, der sich strikt geweigert hatte, das germanische Kommando anzutreten, kommandierte Roms Sturm auf Pannonien, um die Donaugrenze zu gewinnen. Diese verlässliche Nordgrenze hatte, gleich der Rheinlinie, Agrippas volle Zustimmung - nur, was Drusus und Tiberius in Germanien trieben, lehnte er ab.
Dennoch gelang es, sogar mit berauschender Leichtigkeit, so wie ein Schwert in Wasser eindringt. Drusus führte den Krieg in Germanien. Tiberius wurde zur Donaufront entsandt, um den verstorbenen Agrippa zu ersetzen, und erwies sich als brillanter Heerführer. Zu Lande drang man mehrfach an die Elbe vor. Auf See, unter Drusus 12 acn bis zur Wesermündung und unter Tiberius 5 pcn nicht nur bis zur Elbmünde, sondern ein gut Stück weiter bis Dänemark hoch. Die Germanen gaben nach: Wasser vor dem Schwert. Es blieben sogar Spuren von Rost, um in Segimers Bild aus dem Dialogus Primus zu bleiben: Rom stampfte Legionslager in den menschenleeren Wald. In Haltern entstand ein großer Stützpunkt. In Waldgirmes fanden Archäologen Bruchstücke eines lebensgroßen Reiterstandbilds von Augustus, immerhin vergoldete Bronze - so etwas stellt man nicht in umkämpftes Gebiet.
Rom hielt Germanien für befriedet, ja organisierte schon die wirtschaftlichen Ausbeutung, wie ein Wrackfund nahe der Rhonemündung beweist, in dem sich Bleibarren mit dem Prägestempel “plumbum Germ.” finden. Plumbum Germanicum? Wieso Germanicum? Die infrage kommenden Provinzen hießen erst Belgica und Celtica, nach der augusteischen Neuordnung dann Belgica und Gallia Lugudunensis. Die Gliederung des linksrheinischen Gebiets in Germania Inferior und Germania Superior erfolgte erst später. Wenn wir also in augusteischer Zeit “germanisches Blei” finden, dann stammt es aus der Germania Magna, sprich: Das rechtsrheinische Gebiet war so weit befriedet, dass man ihm inoffiziell schon Provinzstatus zuschrieb.

Während die Feldzüge rollten, diente das Oppidum Ubiorum als Knotenpunkt für die Versorgung. Nur dreitausend Meter jenseits der späteren Stadtmauern lag das Flottenkastell Alteburg, Hauptquartier der Classis Germanica. Wenn man rechnet, dass dort nordseetaugliche Schiffe für 30.000-40.000 Soldaten auf Kiel gelegen haben, muss die Zahl der Handwerker und Mannschaften beträchtlich gewesen sein. Und es wird - über nur drei Kilometer - auch regen Austausch gegeben haben zwischen Lager und Ubierstadt. Das Oppidum Ubiorum blühte längst, als Augustus beschloss, es Lyon gleichzustellen, mit dessen Ara trium Galliarum, dem Altar der drei gallischen Provinzen, wo auch die Landtage stattfanden. Altar der Roma und des Augustus sollte Köln fortan heißen und die zentrale Opfer- und Versammlungsstätte für das neu eroberte Germanien werden.

Um etwa 10 acn erschienen römische Pioniertrupps. Sie vermaßen das Areal, planierten es, errichteten Wall, Graben und an der Rheinfront der Stadt, südlich des Praetoriums, für alle Germanen die große Opferstätte, die ja vom rechten Rheinufer aus deutlich zu sehen sein musste. Die Einrichtungen der ubischen Leibgarde, Rekrutierungsbüro, Kaserne, Offizierswohnungen und Waffenschmiede machten Platz. Bereits angesiedelte Ubier, zumal wenn sie aus der Führungsschicht stammen, entschädigte Rom für den Abriss ihrer Holzhäuser. Und Agrippas Archiv duckte sich unter Neubauten und tat bescheiden, während es auf bessere Zeiten hoffte
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Vor der Schlacht

“Wir handelten, um römisches Leben zu bewahren, denn Augustus hatte sein Ohr im Senat, auf Roms Straßen und im Theater, sogar in der Legion - nicht aber in der Versammlung jener Germanen, die Ränke schmiedeten, indem sie vordergründig freundlich taten. Zur dauernden Befriedung der Germania Magna waren acht Legionen vorgesehen, acht Legionen, die verbluten würden, wenn die Saat der Germanenränke aufging. Wir hätten nie in das Gebiet vorrücken sollen, jedenfalls nicht, um es zu besetzen, sondern höchstens, um sie abzuschrecken. Doch so, wie die Dinge sich entwickelt hatten, würden wir durch Warten acht Legionen verlieren oder mussten ein Opfer bringen, erschreckend genug, so aufrüttelnd, dass Rom umdachte.”
Titus Marullus, Res Gestae, Fragment 712

Was Titus Marullus, Agrippas Nachfolger mit dem schnöden Spitznamen “Gnipho - der Geizhals” hier schreibt, hört sich zunächst vernünftig an. Seine erbarmungslose Logik meint aber die Varusschlacht.

Weil zu diesem Komplex zahlreiche Dokumente beim Vulkanausbruch in Pompeji verschollen sind, begraben oder geraubt, möglicherweise auch gefälscht, kennt das Archiv der Gründer zwei Überlieferungsstränge. Der erste Strang beruht auf der Annahme, Varus hätte im Auftrag der Gründer 9 pcn drei Legionen über den Rhein geführt, um sie dort massakrieren zu lassen. Gestützt wird die These durch seine familiäre Nähe zu Agrippa, mit dessen Tochter aus erster Ehe, Vipsania, Varus einmal verheiratet gewesen war. Eine Erklärung dafür, dass Varus sich ins Schwert stürzte, als die Schlacht verloren ging, bietet dieser Ansatz nicht. Außerdem erklärt er nicht, warum sich Titus Marullus seit dem Frühjahr ununterbrochen am Kölner Archiv aufhielt. Warum leitete der princeps die Operation persönlich, wenn schon der Statthalter und Oberkommandierende die Gründer bediente? Plausibel ist das nicht.
Man hat mir, weil im Großen Archiv selber unschlüssig, die Wahl überlassen, und ich entscheide mich für Variante Zwei. Nach dieser Lesart war nicht Varus, sondern allein Arminius Werkzeug der Gründer. Varus ist ein Opfer, so wie seine 18.000 Mann, die mit ihm bei Kalkriese sterben, Opfer der Germanen und einer zynischen Gründerpolitik, die hofft, durch das Opfer von 18.000 Menschen einer noch weit größeren Zahl das Leben zu retten.

Arminius, das Werkzeug der Gründer, in Deutschland auch “Hermann der Cherusker“ genannt und umwabert von einem Mythos, den ich mein Lebtag nicht verstehen werde, war Sohn des Cheruskerfürsten Segimer. Als Geisel für das Wohlverhalten seines Volkes gelangte er bereits 8 acn nach Rom, wo er im Palast des Augustus erzogen wurde. Agrippa war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre tot. So blieb es Titus Marullus überlassen, den Germanenjungen für die Gründer anzuwerben. Ermuntert wurde er durch Julia, die von Agrippa etwas über Arminius’ Familie erfahren hatte, das sie glauben ließ, er sei ein geeignetes Werkzeug. Titus Marullus stellte den jungen Mann bei finanziellen Transaktionen auf die Probe - und Arminius erwies sich als zuverlässiges Mittelding zwischen einem Geldboten und Jungunternehmer mit feinem Näschen. Außerdem war er treu. Offenbar hatte er Marullus gern, denn am hochmütigen Kaiserhof war dieser Mentor, der es mit seiner unzivilisierten Abstammung nicht so genau nahm, vermutlich der einzige Vertraute unter all den Römern, jemand mit Einfluss, der hin und wieder einen besonderen Wunsch erfüllen oder vor einer Bestrafung schützen konnte. Sein Kontakt zu Julia bleibt rätselhaft, aber gekannt haben sie sich, denn einstweilen dauerte Julias Ehe mit Tiberius noch an. Erst im Jahr 6 acn zog sich Tiberius schmollend nach Rhodos zurück und Julias wilde Jahre begannen. Als sie sich längst in der Verbannung befand, um 6 pcn, hat Arminius als Militärtribun unter Tiberius gedient - in Pannonien. Zu Julia konnte er da höchstens noch brieflich Kontakt halten, doch die enge Verbindung zu Titus Marullus riss offenbar nie mehr ab. Tiberius und der General Sentius Saturninus hatten 6 pcn ein gewaltiges Heer aus zwölf Legionen zusammengezogen, um dem Germanenführer Marbod, dessen Kernland das heutige Böhmen war, den Garaus zu machen. Diese Chance nutzten kriegerische Stämme zwischen Adria und Donau und wagten den Aufstand. Sie brachten Rom tatsächlich in Bedrängnis. Weitere Reserven gab es nicht - oder allenfalls in vielen tausend Meilen Entfernung. Die Pannonier drangen schon nach Norditalien ein, und in Rom erwachten uralte Ängste vor dem Einfall der Barbaren. Obwohl Tiberius und Sentius Saturninus den Angriff auf Marbod gleich abbrachen und nach Pannonien marschierten, dauerte es drei volle Jahre, bis der Aufstand gebrochen war, drei Jahre, in denen Arminius als Militärtribun an der Spitze einer mehrhundertköpfigen Hilfstruppe aus Cheruskern römische Strategie und Taktik studierte. Zum Dank wurde dem scheinbar so nützlichen jungen Offizier nicht nur das römische Bürgerrecht verliehen - nein, er wurde sogar in den Ritterstand erhoben. Geradezu gespenstisch ist, wie sich die Topographie der Schlachtfelder von Sirmium und Kalkriese ähneln: ringsumher Sumpf, der nur einen trockenen Weg übriglässt.

Varus wurde zwei Jahre vor Caesars Ermordung geboren und nach dem üblichen cursus honorum 13 acn, gemeinsam mit Tiberius, erstmals Consul. Schon dieser frühe gemeinsame Karriereschritt an der Seite von Tiberius macht es in meinen Augen unwahrscheinlich, dass Varus etwas von den Gründern wusste, denn auch später blieb er dem Tiberius verbunden, und so stellt sich die Frage, warum er sein Wissen über die Gründer nicht mit Tiberius geteilt haben soll, Schmeichler und Schleimer, der er war. Zu hart geurteilt? Als Augustus 13 acn vom Rheinland zurückkam, wo er die große Offensive nach Rhein-Elb-Germanien vorbereitet hatte, da empfing ihn Consul Varus mit gewaltigem Spektakel zu Ehren des Gottes Jupiter, bei welcher Gelegenheit zugleich die Ara Pacis Augusti in Rom geweiht wurde. Welche Ironie - ausgerechnet Varus am Friedensaltar!
Bislang mit Vipsania verheiratet, einer Tochter Agrippas, stieß Varus diesen Ballast ab, sobald Agrippa tot war, ließ sich scheiden und ehelichte Claudia Pulchra, eine Großnichte des Augustus. Von 7 bis 6 acn diente Varus als Proconsul in Africa, ab 6 dann als legatus Augusti in Syrien, wo er bewies, dass er nicht nur ein Speichellecker war, sondern auch überaus fähig - man lese den jüdischen Historiker Flavius Josephus!
Im Jahre 3 acn kam er nach Rom zurück, mitten in eine Anklage des Senats wegen seines Finanzgebarens in Africa. Die Quinctilier, das Patriziergeschlecht, dem Varus entstammte, zählten nicht zu den reichsten Familien Roms, so dass Varus jene erste Statthalterschaft dazu benutzt hatte, seine Familie ein für allemal zu sanieren - damals ein gebräuchliches Verfahren. Augustus ließ so was manchmal durchgehen - vorausgesetzt, es betraf senatorische Provinzen wie Africa, wo auch die größte Steuerunterschlagung seinen Privatsäckel nicht schädigte. Der Prozess gestaltete sich kompliziert und dauerte bis ins Jahr der Zeitenwende - hat aber den Varus nie ernsthaft gefährdet, weil Augustus seine schützende Hand über ihn hielt.
Trotzdem hat der Prozess die öffentliche Stellung des Varus offenbar beeinträchtigt, denn rund sieben Jahre lang, von 0 bis 7 pcn, hielt sich Publius Quinctilius Varus zwar am Kaiserhof auf, aber ansonsten im Hintergrund - er übte in dieser Zeit kein öffentliches Amt mehr aus. Im Jahr 4 pcn unternahm Tiberius den großen Feldzug durch die Germania Magna, als dessen Krönung er sich mit den römischen Flotteneinheiten traf, die, in Alteburg bei Köln auf Kiel gelegt, den Rhein hinab, die Nordseeküste entlang und von der Elbmünde flussaufwärts gefahren waren. Um zu demonstrieren, wie sicher er die neue Provinz fand, überwinterte Tiberius sogar in Germanien. Nach dieser Belastungsprobe vertraute Augustus sowohl die links- wie auch die rechtsrheinischen Gebiete Varus an, und zwar im Jahre 7 pcn, mit dem Auftrag, das bisherige Militärregime nach und nach durch eine ausgereifte Provinzialverwaltung mit ordentlicher Steuerpacht zu ersetzen. War Varus schuld an dem, was nun geschah? War er unfähig, hat er versagt? Nein, Varus gehörte zum besten Personal, das Augustus aufbieten konnte. Doch fehlte ihm, wie auch Augustus, jede Einfühlung in die Psyche der Unterworfenen, sowie die Fähigkeit, aus ihrer Warte zu berechnen, was sie durch Rom verloren und gewannen. Agrippa hatte das gekonnt.

Titus Marullus Gnipho, der “Geizhals”, den die Gründer meiner Ansicht nach so nennen, um seine Rolle in Germanien herunterzuspielen, hat Agrippas Vermächtnis erfüllt, mit berserkerhaftem Organisationstalent, so umfassend, dass Rhein-Elb-Germanien nie mehr zum Thema wurde. Die Gründeroperation kostete achtzehntausend Römer das Leben, ganz zu schweigen von ihren gallischen, germanischen und balearischen Hilfstruppen. (Die Schleuderkünstler von Mallorca, Menorca und Ibiza spielten damals nicht nur bei Roms Flotte, sondern auch im Vorgeplänkel der Landschlachten eine gewichtige Rolle.) Für die Gründer muss das Opfer dieser Männer ein heikles Kapitel gewesen sein - jemand schneidet sein Bein ab, weil es brandig geworden ist, er überlebt, doch richtig froh wird er trotzdem nie mehr. Ähnlich werden die Gründer sich gefühlt haben. Losgesagt von Titus Marullus haben sie sich dennoch nicht. Aber seine Rolle in Köln nach Kräften heruntergespielt haben sie. In ihrer Überlieferung erscheint Titus Marullus vornehmlich als der geniale ökonomische Organisator, der ihnen die Wirtschaftskraft mehrerer Provinzen dienstbar macht, vor allem Zyperns Werften, so dass aus der kleinen Verschwörergruppe ein Staat im Staate heranwächst. Trotz dieser Leistung titulieren sie ihn nicht irgendwie nett, sondern mit “Gnipho - der Geizhals”. Dabei ist er der Mann, der gemeinsam mit Julia nach Agrippas Tod das Überleben der Gründer sichert. Er ist Erfüller von Agrippas Plan. Wenn Rom Jahrhunderte überdauern sollte, dann wegen der Aufgabe Germaniens, wegen des Opfers von 18.000 Mann. Aber solche Opfer erwähnt niemand gern. Die dafür verantwortlich sind, werden vielleicht gefürchtet oder geachtet, öfter verachtet und gehasst, sicherlich aber nie geliebt. Gelegentlich flüchtet man sogar in den Spott - Gnipho, der Geizhals. Als wenn es keine treffenderen Schmähungen gegeben hätte gegen Titus Marullus! Nicht: Verräter! Nicht: Mörder! Nein: Geizhals! Weil er ein glückliches Händchen hatte bei seinen Geschäften.
Vielleicht ist Titus Marullus in der Konsequenz, mit der er Leben opfert, um Leben zu retten, unmenschlich. Die Idioten bei den Gründern aber, die ihm ausgerechnet diesen Spitznamen anhängen, sind nichts weiter als allzu menschlich.

Als Titus Marullus Januar 9 pcn ins oppidum Ubiorum kam, war Köln bereits eine echt römische Stadt. Die Mauer stand. Die Rheinfront prunkte mit Repräsentationsbauten. Agrippas Archiv hatte sich ausgewachsen zu einer Flucht unterirdischer Kammern, die sich mehrere Stockwerke tief in den Boden erstreckte, ausgehend von jenem simplen ersten Tonnengewölbe und bewettert über ein System toter Kamine, die zu den privaten Bädern der ubischen Aristokratie gehörten, doch seltsamerweise kaum rauchten. Nicht, dass die Ubier sich nicht gewaschen hätten - ihre Bäder hatten doppelte Kamine.
In den Gewölben und Gängen von Agrippas Archiv lagerten zu jener Zeit natürlich keine Dokumente mehr - Augustus kannte ja das Versteck. Wenn diese unterirdischen Räumlichkeiten trotzdem wuchsen, so lag das daran, dass sich hier ein Kult der Germanischen Leibwache etabliert hatte und stetig ausbreitete. Agrippa war ihr Gott. Hunderte seiner Statuetten erforderten mehr und mehr Stellfläche. Entlassene ubische Leibwächter opferten vor ihnen. Sie und ihre Familien kamen in die Gewölbe und verbrannten vor “ihrem” Agrippa Wachstäfelchen, in die die Schriftkundigen der Leibgarde ihre Wünsche und Gebete geritzt hatten. Man muss hierzu wissen, dass Germanien in beträchtlichem Umfang Bienenwachs exportierte, so dass die Wunschzettel der Ubier in Köln bei weitem nicht so teuer gewesen sein dürften, wie in Rom. Auch fand kein anderes Opfer statt. Es gab keine Priesterschaft, kein Weihrauch wurde verbrannt und kein Tier geschlachtet. Der Schreibvorgang allerdings gestaltete sich merkwürdig. Der jeweilige Schreiber bediente sich nämlich aus dem beweglichen Letternsatz des Aurum Agrippae. Er nahm den goldenen Buchstaben, den er jeweils brauchte, tauchte ihn siedendes Rheinwasser und schmolz den Text mit den erhitzten Goldlettern so Buchstabe für Buchstabe ins Wachs. Mag der liebe Himmel wissen, was aus Köln oder den Gründern geworden wären, hätten sie diesen Kult bestehen lassen, oder gefördert. Augustus jedenfalls, der selber bereits als göttlich angesprochen wurde, scheint ihn mit einem Schmunzeln betrachtet zu haben.
Titus Marullus jedoch beendete ihn brüsk, sobald er in Köln eintraf - womit er den ersten, einzigen und fast tödlichen Fehler seiner Operation beging, denn Augustus wurde auf den Vorgang aufmerksam und ließ ihn untersuchen. Wäre Marullus, der offiziell die Aachener Heilquellen gebrauchte, damit in Verbindung gebracht worden, ja hätte Augustus auch nur im entferntesten gemutmaßt, der regierende Nachfolger Agrippas hielte sich in Köln auf - er hätte bestimmt Verdacht geschöpft, dass der Varusfeldzug in irgendeiner Weise sabotiert werden sollte. So wie die Dinge aber lagen, bat der Kaiser Titus Marullus, verbunden mit besten Genesungswünschen, doch einmal unauffällig nachzuforschen, was es mit den Vorgängen um die sonderbare Kultstätte wohl auf sich habe. Marullus schrieb zurück, sein Rheuma bessere sich Tag für Tag. Und die Veteranen der ubischen Leibgarde, die Marullus doch ebenso heftig wie leichtsinnig vor den Kopf gestoßen hatte - sie hielten dicht. Sie blieben treu.

Die filigranen Goldbuchstaben - jene, die nach Auflösung der Kultstätte noch übrig waren - waren ziemlich ramponiert. Sie dürften an der dicksten Stelle höchstens zwei Millimeter gemessen haben, an der dünnsten weniger als einen Millimeter, so dass sie sogar schon in kochendem Wasser, bei Temperaturen von hundert Grad Celsius oder knapp darunter anfällig wurden für Verbiegung. Weil niemand sich an ihnen die Finger verbrennen wollte, wurden sie natürlich mit einer Zange ins Wasser getaucht, herausgenommen und in das Wachs gedrückt - schon wieder war ein Buchstabe verbogen. Dann aus dem Wachs heraus. Ein bisschen Wachs blieb haften, sagen wir, an einem “R”. Das erkaltete Wachs stak nun oben wie unten zwischen den Goldfäden. Der Schreiber konnte nicht mehr erkennen: ist das ein R oder ein B? Er kratzte also das Wachs ab. Gut war das nicht für die Goldbuchstaben, sie litten fürchterlich unter der Opferprozedur, was Marullus’ Hauptgrund gewesen sein dürfte, diesen Kult zu verbieten. Bestimmt haben ärgerliche Ubier dann auch den einen oder anderen Goldbuchstaben mitgehen lassen. Jedenfalls ergab, nachdem die Räume entrümpelt und gesäubert waren, die Zählung des Marullus, dass nur noch etwa vierzigtausend Lettern vom Aurum Agrippae übrig waren. Wenn man bedenkt, dass es sich ursprünglich um 70 Stahlplatten gehandelt hatte, jede mit 33 Zeilen zu 33 Buchstaben - dann war, selbst wenn man verschwenderisch mit Leerstellen umgeht, Agrippas Gold bereits einundzwanzig Jahre nach seinem Tod fast zur Hälfte verloren.

Augustus hatte Anlass, zu hoffen.

Titus Marullus pendelte: eine Woche Aachens Quellen - eine Woche Kölns Zivilisation.

Arminius, 7 pcn aus dem Militärdienst ausgeschieden und in die Heimat zurückgekehrt, leistete übermenschliches, organisierte nicht nur sein eigenes Volk, die Cherusker, sondern auch die übrigen Germanenstämme, hielt Kontakt zu seinem Chef Marullus, schmeichelte sich aber zugleich in Xanten beim Feldherrn Varus ein.

Varus residierte in Xanten, Legionslager Vetera, Standort der XIIX. Legion, die in Kalkriese sterben sollte und nie mehr wieder aufgestellt wurde.

Wir schreiben den Frühling des Jahres 9 pcn.


Kalkriese

Dann schrieb man den Spätsommer des Jahres 9 pcn. Inzwischen warf jede ordentliche Provinz Steuern ab, vor deren Erhebung jedoch Rom seine Völker zählte, wobei es ganz systematisch vorging, wie Lukas 2, 1-3 beschreibt:

“In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt ...”

Für Volkszählungen aber und Steuerschätzung war Rhein-Elb-Germanien ein schwieriges Terrain. Die germanische Siedlungsstruktur beruhte auf Sammeln, Jagd und extensiver Landwirtschaft, so dass die Stammesverbände weit zerstreut siedelten und schwierig zu erfassen waren. Außerdem war jeder Stamm bestrebt, die Steuerschätzung möglichst klein zu halten. Da verschwand schon mal ein Dorf aus der Landschaft - und tauchte wieder auf, wenn Roms Schätzer die Landschaft verließen. Wenn, umgekehrt, Rom möglichst komplette Stammesverbände erfassen und schätzen wollte, musste es seine Kräfte weiträumig zersplittern. Darin war Varus Meister. Er bewegte den Heeresverband nicht als geschlossene Marschsäule, sondern rückte flächig vor, von Planquadrat zu Planquadrat, ein Logistiker von hohem Rang. Sein Erfolg machte die Germanen, die bislang gewohnt waren, Rom an der Nase herumzuführen, maßlos wütend und schuf so einerseits die psychologische Voraussetzung für Arminius’ Erfolg. Andererseits war Zersplitterung eben nicht das, was Arminius und hinter ihm die Gründer wollten, denn solche Strukturen konnte man schwerlich mit einem einzigen, furchterregenden Vernichtungsschlag zerstören. Sie ermöglichten allenfalls das langsame, gewohnheitsmäßige Verbluten, vor dem die Gründer sich am meisten fürchteten.
Die eigentlich Leistung von Titus Marullus Gnipho und Arminius - sofern man diesen Massenmord als Leistung bezeichnen will - bestand also darin, Roms zerstreute Truppen zusammenzufassen, und zwar an einem Ort, auf einem Schlachtfeld nach Arminius’ Wahl. Nur so konnte der spektakuläre Schlag erfolgen, von dem die Gründer sich die Kehrtwende in der Germanienpolitik erhofften. Ob eine Centurie oder eine Cohorte in Germanien draufging, interessierte Senat und Volk von Rom nicht. Aber drei Legionen ...

Augustus’ innenpolitischer Erfolg hatte seit jeher auf einer perfekten Propagandamaschine beruht - man bedenke nur die Aufstellung der Ara Pacis. Das Volk hatte keinerlei Ahnung, dass dieser Frieden des Augustus weitgehend Illusion war. In den Augen des Volkes war Germanien eine integrierte Provinz und hatte gefälligst durch Steuern seinen Beitrag zu leisten zu den Kosten des Reiches. Augustus und auch Teile des Senats ahnten vielleicht, dass es noch zwanzig Jahre zu früh war, Rhein-Elb-Germanien so zu behandeln wie Gallien. Aber sie brauchten Propagandamaterial.

Wenn nun sechshundert Mann in einen Hinterhalt gerieten, dann war das eine böse Schlappe, auf Roms Straßen in aller Munde für eine Woche. Aber drei Legionen ... exakt darum ging es den Gründern: bei voll aufgedrehter Propagandamaschine dem Imperium einen Vietnameffekt zu bescheren, einen Irakeffekt, eine Falle, vor der jedermann gewarnt hatte - und die Führung tappt dennoch hinein. Analogien sind manchmal gespenstisch - selbst wenn diese hier ein purer Anachronismus ist.

Sie waren von Xanten losmarschiert, die XIIX., die XIX. und die XX. Legion, drei Reiterschwadronen und sechs Cohorten Hilfstruppen zufuß, alles in allem rund 23.000 Mann. Nach einem Zwischenstopp im großen rechtsrheinischen Lager Haltern waren die Einheiten, nach Varus’ Muster schachbrettartig vorrückend, als Netz, nicht als langer Heerwurm, den Sommer über recht erfolgreich gewesen. Entlang der Lippe waren sie zum Oberlauf der Weser marschiert. Die Militärs in Varus’ Stab hassten natürlich diese Art der Truppendislozierung, was in der späteren Bewertung immer wieder dazu führte, dass Varus zu Unrecht als militärischer Versager dastand. Aber für den Einsatz, den er durchzuführen hatte, war exakt diese Truppenverteilung die effektivste. Es war kein reiner, nicht einmal ein überwiegender Kampfeinsatz, sondern eine Mischung aus Kampfeinsatz, reitendem Finanzamt und Bautrupp. Die große Ironie bei der unfairen Beurteilung von Varus besteht darin, dass ausgerechnet diese weiträumige Truppenverteilung den Frühling und Sommer hindurch die Falle der Germanen am Zuschnappen gehindert hat.
Nun waren die Soldaten erschöpft. Sie hatten, ohne größere Verluste, hervorragend gearbeitet beim Kartographieren, beim Straßenbau, beim Zählen, Messen - und natürlich überall, wo sich dem Wirken von Steuerschätzern und Ingenieuren der geringste Widerstand entgegenstellte. Roms Wegenetz in der neuen Provinz war erweitert, rund zwanzig neue Holzbrücken waren errichtet, mehrere Dutzend Märkte angelegt worden. Eine einzige Nachlässigkeit kann man Varus ankreiden: Er übersah, wie viele kleine Anlagen zur Eisenverhüttung es in dem Gebiet gab, das er beackerte. Dort entstanden die Speerspitzen, die ihm zum Verhängnis werden sollten.
Viermal hatten die Germanen Fallen gestellt, viermal misslang es, Roms Truppen in gewünschter Konzentration hineinzulocken. Inzwischen war es September und die Soldaten lechzten nach dem Winterlager in Xanten. Nur wenige Tagesmärsche trennten sie noch von daheim. Arminius war mit den Nerven am Ende, als der ermutigende Brief von Titus Marullus eintraf:

“( ... ) Immer wieder wird dein Ansehen beim Feldherrn durch Segestes untergraben, wie du mir berichtest. Wohlan - vielleicht ist es für dieses Jahr doch nicht zu spät. Wage noch einen Versuch! Segestes wird beim Feldherrn kein Gehör mehr finden. ( ... )”
Titus Marullus, Res Gestae, Fragment 800, 1

“( ... ) Ich kann mich nicht genug bei dir bedanken, bester Varus, dass du mir von den Heilquellen Aachens berichtet hast, denn ich fühle mich heute so gesund, wie seit zehn Jahren nicht. Dieser Segestes aber, bester Varus, ist wie ich nun weiß, nicht vertrauenswürdig. Vielleicht bestellst du ihn ganz unauffällig zum nächsten Provinziallandtag hier zum Altar der Roma und des Augustus, um ihn einer scharfen Befragung zu unterziehen, hinsichtlich der Verbindung seiner Cheruskerbande zum Marbod. Einstweilen glaube kein Wort, das er spricht! Mehr nicht in diesem Brief, Augustus mahnt zu größter Vorsicht. ( ... )”
Titus Marullus, Res Gestae, Fragment 800, 2

Das war die Rettung für Arminius, zumal auch seine Germanenkoalition mittlerweile beidfüssig lahmte und nach den heimischen Dörfern strebte. Mit dieser Nachricht im Rücken jedoch warf Arminius ein letztes Mal sein ganzes Ansehen in die Waagschale und überzeugte die Krieger der mit ihm verbundenen Cherusker, der Bructerer, Marser und Chatten, zu bleiben. Inzwischen bewegte sich Varus’ Heer als Marschsäule, denn alle Aufgaben für dieses Jahr waren erledigt, man wollte nur noch heim.

Wenn - so Arminius in der germanischen Ratsversammlung - man diesen Heerwurm in die Falle bei Kalkriese locken könnte ...!
Und wenn nicht? - kam der Widerspruch.
Man solle ihm vertrauen - so Arminius - er werde Varus von einem kleinen germanischen Aufstand unterrichten, passend auf dem Heimweg gelegen, den der Feldherr im Vorbeimarsch würde erledigen wollen, ohne viel Aufenthalt.
Und wenn Segestes wieder abrät? - so der Widerspruch.
Das werde dieses Mal nicht fruchten - so Arminius.
Die Koalition der Germanenstämme hielt. Die Krieger blieben für wenige entscheidende Tage beisammen.

Tatsächlich warnte Segestes den Varus auch vor dieser Falle, doch der Brief von Titus Marullus hatte inzwischen seine zersetzende Wirkung auf die Menschenkenntnis des Feldherrn ausgeübt. Diesmal vertraute er rückhaltlos Arminius, ja er entließ ihn aus dem Lager, mit dem Auftrag, ein paar hundert Cherusker für den Kampf gegen die Rebellen aufzutreiben - verdammte Pflicht und Schuldigkeit für Arminius, den römischen Bürger und Ritter. Beste Voraussetzung für Arminius, den Rest zu organisieren. Die Kundschafter des Varusheeres standen ohnehin in seinem Dienst, Germanen, die das Land gut kannten!

Den 23.000 Soldaten auf römischer Seite standen etwa 18.000 Germanen gegenüber - und diese Zahl war auch nötig, um binnen weniger Tage jene “landschaftsgärtnerischen” Maßnahmen durchzuführen, die Roms Heer in die Falle lockten. Zunächst musste der bessere Weg abgeschnitten und durch eine ausgedehnte Wasserfläche blockiert werden, um Varus zur Umrundung des Kalkrieser Bergs zu zwingen. Dann wurden am Berghang Wälle aus Grassoden errichtet, circa 4,5 Meter breit und 1,5 Meter hoch. Getarnt wurden sie mit Bäumen, die mehrere Tage lang bewässert und frisch gehalten werden mussten, ebenso wie die künstlichen Vegetationsränder der weitläufigen Wasserfläche am Eingang zur Falle. Der Sinn der ganzen Arbeit bestand darin, die mehrere Kilometer lange römische Marschsäule in einen tödlichen Schlauch zu locken, etwa dreieinhalb Kilometer lang - auf einer Seite der befestigte Berghang voller Germanen - auf der anderen Seite Moor.
Der Weg am Fuß des Hügels war schmal. Die Kolonne marschierte dichter als gewöhnlich, was einerseits zu Nervosität und Verärgerung führte, wenn man einander rempelte, andererseits jedoch der ersten Germanenattacke perfektes Ziel bot: zu Füßen der Angreifer eine Schlange von Leibern, dichtgedrängt. Als die erste Welle der Speere flog, hatten die Römer nicht einmal Platz, ihre Schilde zu heben, um sich zu schützen. In der ersten Minute sind etwa 25.000 Speere geflogen. Nehmen wir an, dass nur jeder fünfte in einen Körper drang und den Mann kampfunfähig machte. Nehmen wir ferner an, dass nur jeder fünfte Speer irgendwo eine schwere Prellung verursachte, sich verhakte, in einem Schild steckenblieb und diesen so für den folgenden Nahkampf unbrauchbar machte - die Speerattacke war verheerend. Der Drill der Legionäre versagte. Daran gewöhnt, sich in raffinierten Formationswechseln auf offenem Feld zu schlagen, konnten sie hier nichts tun, was sie jemals geübt hätten. Von hinten drängte die Marschsäule nach, verdichtete das Ziel für die Germanenspeere. Römer trampelten sich schon gegenseitig tot, bevor der Nahkampf überhaupt begann. Am schlimmsten dran war die Reiterei, sie konnte überhaupt nichts tun, außer die Pferde am Durchgehen zu hindern. Etwa 7.000 Germanen machten den Schlauch hinten dicht und rollten die römische Kolonne von hinten auf. Dann brach die Angriffswelle vom Berg hinab los. Innerhalb einer Stunde war Varus’ Armee vernichtet. Germanische Greiftrupps verfolgten zwar noch Flüchtige. Andere Germanen bewachten die rund zweitausend Gefangenen oder schritten das Gewirr der Leiber ab, um Verwundete zu erschlagen. Varus und der größte Teil seines Offizierskorps stürzten sich in die eigenen Schwerter - so starb es sich leichter als auf der sicheren Folter. Als diese Nachricht sich unter Roms letzten Kämpfern verbreitete, brach auch deren Widerstand zusammen, bis auf die wenigen Berserker, die es in jedem Kampf gibt, und die in einem Rausch kämpfen, ohne Rücksicht auf das eigene Leben - bis es sie irgendwann erwischt.
Sicherlich ein- bis zweitausend Römer holte das Moor. Wenige hundert flohen, noch weniger erreichten Tage oder Wochen später den Rhein.

Arminius hatte viel gelernt. Titus Marullus hatte ihm ein Opfer zu Füßen gelegt. Das anschließende bestialische Opferfest der Germanen, das sie zu Ehren ihrer Wald- und Sumpfgottheiten feierten, den Schädelberg, den Wald, in dem kein Baum mehr ohne Blut war, und an dessen Ästen abgehackte Körperteile wippten - schenken wir uns.

Augustus’ erste Reaktion, als er wenige Tage später von der Katastrophe erfuhr, war der Stoßseufzer, Varus möge ihm seine Legionen zurückgeben. Zweitens löste er alle chattischen Centurien der germanischen Leibgarde auf und behielt nur die Ubier, aus Furcht vor einem Aufstand. Doppelposten streiften durch Rom, um alle etwaigen Freudenbekundungen seitens der Angehörigen unterworfener Völker zu melden. Unverzüglich gingen Briefe an sämtliche Provinzgouverneure, deren militärische Befugnisse ausgeweitet wurden, um Revolten im Keim zu ersticken.

Titus Marullus wurde ausführlich befragt und berichtete über mehrere sonderbare Briefe, die Arminius ihm geschickt habe. Vorbeugend, denn mit seinen beiden Briefen an Arminius und Varus war er ein hohes Risiko eingegangen. Wäre der Kanzleiwagen des Varus jemals über den Rhein zurück gelangt - schwerlich hätte Titus Marullus für den Varusbrief eine unverdächtige Erklärung erfunden.

Tiberius, den man gerade durch einen Triumphzug für seinen pannonischen Sieg hatte ehren wollten, musste zum Rhein zurück und reorganisierte dort die Truppen. Zwischen 9 und 12 pcn führte er mehrere Strafaktionen gegen Marser und Bructerer durch. 13 pcn erhob Augustus ihn zu seinem offiziellen Nachfolger und stattete ihn schon vorab mit kaiserlichen Vollmachten aus.

14 pcn starb Augustus, laut Sueton mit folgendem Spruch auf den Lippen:
 “Wenn es euch gut gefallen, gewährt Beifall diesem Spiel, und dankend lasst uns alle nun nach Hause gehen!”
Sueton, Augustus, 99

Zwei Dokumente wurden im Senat verlesen: die res gestae divi Augusti, ein vollmundiger Rechenschaftsbericht, in dem die Katastrophe von Kalkriese mit keinem Wort Erwähnung fand. Und ein politisches Testament, in dem Augustus befahl, das Reich dürfe über die jetzt bestehenden Grenzen hinaus nicht erweitert werden.

Dass dies nicht recht zusammen passt, fiel schon den intelligenteren Zeitgenossen auf.

Nach der Schlacht

Unbeschadet überdauerte Agrippas Archiv die Zeitläufte, dank seiner völligen Nutzlosigkeit. Nachdem Titus Marullus den Agrippakult der ubischen Leibwache hinausgeworfen hatte, standen die Räume leer, bis auf die Weltkarte, die vom Verbrennen zahlloser Wachstäfelchen mit einem rußigen Schmierfilm überzogen war - und die übrig gebliebenen Goldlettern. Der geschriebene Text des Aurum Agrippae existierte in lediglich zwei Kopien, bei Titus Marullus Gnipho und in der Hand Julias. Natürlich wurden die Räume gepflegt und bewacht, doch nie mehr als Archiv benutzt, von dem Tag, als Augustus hinabstiegen war bis zum Anfang von Tiberius’ Regierungszeit.
Titus Marullus griff zu einem effektvollen Trick, einem Kodizill, das er in den Stunden nach Augustus’ Tod zu dessen Testament hatte schmuggeln lassen, zwei kurze Zeilen:
“Gehe, mein Sohn, zu Agrippas Archiv in der Ubierstadt und steige hinab. Dort findest du Gründer (sic!) genug für die Niederlage des Varus.”
Man sieht: Inzwischen hatten die Gründer auch Zutritt zum Tempel der Vesta, wo solche Testamente aufbewahrt wurden. Tiberius, ein extrem misstrauischer Mensch, hätte seinen schnellsten Reiter auf die Straße gejagt, um zu beschaffen, was immer es in der Ubierstadt zu holen gab - vorausgesetzt, er hätte von Agrippas Archiv und dessen Standort gewusst. Stattdessen bewies Tiberius seine gänzliche Unkenntnis, indem er bei Germanicus Caesar und ein paar ubischen Aristokraten nachfragte, die er aus seinen vielen Jahren an dieser Grenze zu kennen glaubte. Was hatte es mit diesem Archiv auf sich? Eine Stiftung Agrippas im linksrheinischen Germanien? Nie gehört! Tiberius ließ sogar durchblicken, es sollte ihn nicht wundern, wenn er keine Antwort bekäme, weil der arme Augustus, sein Adoptivvater, der Adoptiv-Großvater des Germanicus ... nunja, der erhabene herzige alte Augustus sei in den letzten Tagen in Nola schon recht durcheinander gewesen. Und die Handschrift des Kodizills komme ihm merkwürdig unaugusteisch vor. Das Siegel allerdings, das Siegel ... natürlich seien die Vestalinnen über jeden Zweifel erhaben ... (Das musste er sagen, weil er selber dem Augustustestament entscheidende Passagen hinzugefügt hatte.)
Germanicus antwortete ganz bieder, er habe keine Ahnung und forschte seinerseits bei der ubischen Aristokratie nach. Die ubischen Aristokraten, die die Verbindung ihrer toten Kamine zu den Lüftungsschächten des Archivs vorsorglich gekappt hatten, zuckten in gespielt panischer Furcht die Achseln - es tue ihnen unendlich Leid, dem großen Caesar Tiberius beim ersten, dem allerersten Wunsch, den er an sie richte, nicht helfen zu können. Und Tiberius war es zufrieden, seinen Adoptivvater Augustus für altersdement zu halten.
Titus Marullus wartete ein Vierteljahr. Als sich dann immer noch niemand für das Archiv interessierte, nahm er es wieder in Gebrauch, ja teilte ihm sogar einen Sekretär zu, der für alle Gründer, die in der Gegend tätig waren, Ratskorrespondenz archivierte und teils auch selbstständig erledigte. Inzwischen sprechen wir für das ganze Reich von einer Größenordnung um die hundertfünfzig Menschen - es dürften also, wenn wir zum germanischen und gallischen auch noch den nordalpinen Raum zum Einzugsbereich des Archivs zählen, eventuell sogar noch Raetia und Noricum, um die zwanzig legaten das Archiv genutzt haben - ungerechnet die Vertrauensleute in der ubischen Leibwache.

Zwei aus dem Kreis der Gründer jedoch gingen nun bald verloren, Agrippa Postumus, der letzte Sohn Agrippas - und seine Mutter Julia. Noch bevor Tiberius und Livia die Sicherung der Nachfolge in Angriff nahmen, ließen sie Agrippa Postumus erstechen und verschärften Julias Haftbedingungen derart, dass ihr Hungertod zwangsläufig folgte. Zuerst aß sie damals das Aurum Agrippae - nicht aus Hunger, sondern weil sie in ihrer Verbannung keinen Zugang mehr zu offenem Feuer hatte. Sie hielt das Aufessen des Papyrus für den besten Weg, Agrippas Text den Häschern des Tiberius zu entziehen. In der Galerie der Büsten im Großen Archiv von Venedig steht Julias Büste heute neben der von Agrippa und diese wiederum neben einer janusköpfigen Doppelskulptur von ihm und seiner Gemahlin. Alles kein Marmor, sondern istrischer Stein aus der Heimat Agrippas. Es stehen dort überhaupt nur dreihundert Büsten. Außer diesen Beiden kommt niemand zweimal vor.

Tiberius’ erstes Herumstolpern auf dem Parkett des Senats waren unelegant verschlagen, so wie es jedermann von ihm erwartet hatte. Tacitus verbreitet sich genüsslich über den Argwohn der Römer, Augustus habe diesen Nachfolger nur ernannt, um vor dem Hintergrund eines solchen Scheusals desto heller zu glänzen: 
“Dann wandte man sich an Tiberius mit Bitten. Seine Ausführungen liefen in verschiedenen Richtungen: er sprach über die Größe des Reichs und über seine eigene Unzulänglichkeit. Allein der Verstand des göttlichen Augustus sei einer so schweren Aufgabe gewachsen gewesen. Von Augustus zur Teilnahme an den Regierungsgeschäften berufen, habe ihn die Erfahrung gelehrt, wie schwierig, wie abhängig vom Glück die Last einer Gesamtregierung sei. Darum solle man in einer Bürgerschaft, die sich auf so viele erlauchte Männer stützen könne, nicht einem einzigen alles aufbürden. Eine größere Anzahl werde mit vereintem Bemühen die Staatsgeschäfte leichter erledigen. In einer solchen Art zu reden lag mehr edler Anstand als Aufrichtigkeit. Tiberius gebrauchte sogar da, wo er nichts verheimlichte, mag dies nun Veranlagung oder Gewohnheit gewesen sein, immer unverbindliche und hintergründige Worte. Jetzt, da er sich bemühte, seine Gedanken gänzlich zu verbergen, hüllten sich seine Worte vollends in eine vage Zweideutigkeit. Aber die Väter, die nur die einzige Angst hatten, er könnte ihnen anmerken, dass sie ihn durchschauten, ergingen sich in Klagen, Weinen und Bitten. Zu den Göttern, zu dem Bild des Augustus, ja zu seinen Knien streckten sie ihre Hände aus. Da befahl er, ein Schriftstück herbeizuholen und vorzulesen. Darin waren die Machtmittel des Reiches aufgeführt: die Zahl der unter Waffen stehenden Bürger und Bundesgenossen, ferner der Flotten, Königreiche und Provinzen, die direkten und indirekten Steuern, die zwangsläufigen Ausgaben und die Schenkungen. Alles dies hatte Augustus eigenhändig niedergeschrieben und den Rat hinzugefügt, das Reich auf seine jetzigen Grenzen zu beschränken, wobei es ungewiss ist, ob Besorgnis oder Missgunst das Motiv gewesen ist.”
Tacitus, Annalen, 1, 11

Weder - noch, denn Augustus hatte überhaupt nichts derartiges geschrieben. Tiberius und Livia hatten es ausgeheckt. War nun Tiberius dennoch erfolgreich bei einem letzten Versuch, massiv nach Rhein-Elb-Germanien vorzudringen, dann konnte er sagen: Ich habe es besser gewusst und gekonnt als mein Vorgänger. Scheiterte auch er und gab auf, würde er jammern: Ich würde gern noch einen Versuch wagen, aber Augustus’ Testament verbietet es mir. Eine Konstellation ganz nach Tiberius’ Geschmack. Doch immerhin war man in Rom, fünf Jahre nach der Varusschlacht, so weit, die Aufgabe Rhein-Elb-Germaniens zumindest theoretisch in Betracht zu ziehen.

Noch im Jahr 9 wurden alle rechtsrheinischen Lager aufgegeben, Haltern, Oberaden, das stolze Waldgirmes mit der vergoldeten Reiterstatue des Augustus und all die vielen kleinen Vorposten. Dafür nahm man links des Rhein eine Reform in Angriff, mit der auch die Propaganda gut zurecht kam. Zwei Militärbezirke wurden eingerichtet, der niedergermanische und der obergermanische. Daraus machte man später Provinzen und konnte so sagen: Was wollt ihr Kritiker eigentlich? Germanien ist doch erobert!
Einstweilen wurden diese beiden Militärbezirke befehligt von Germanicus, dem Neffen und - gezwungenermaßen Adoptivsohn - des Tiberius. Schon Augustus hatte diesen strahlenden Siegertyp gemocht und zum Nachfolger des Tiberius auserwählt, doch selbst mit dieser Voraussetzung war die Machtzusammenballung ungewöhnlich, die sich bei Tiberius’ Thronbesteigung in seiner Hand befand. Germanicus hatte längs des Rhein acht Legionen unter seinem Kommando, fast ein Drittel der gesamten römischen Streitmacht. Kein Wunder also, dass Tiberius ihn durch den Senat sogleich mit dem proconsularischen Imperium ehren ließ und ihm eine Beileidsgesandtschaft zum Tode des Augustus schickte.
Meine These ist, dass Augustus klammheimlich gehofft hat, Germanicus würde mit diesen acht Legionen putschen und Tiberius zum Orcus schicken, oder, wie das Volk später schrie - Tiberius in Tiberim! - zumindest im Tiber ersäufen. Aber als die Legionen dann tatsächlich nach Augustus’ Tod meuterten und ihren Feldherrn Germanicus zum Kaiser ausriefen, da unterdrückte Germanicus die Revolte und stand in Treue fest zum neuen Herrn. Verheiratet war Germanicus mit Agrippina der Älteren, der Tochter Agrippas und Julias. Bruder des Germanicus war Claudius, der spätere Kaiser. Sohn des Germanicus war ein Knäblein, das während des Aufstands der Legionen munter in Soldatenstiefelchen durchs Lager tapste: Caligula. Und am 6. November 15 pcn wurde in Köln jene Tochter von Germanicus und Agrippina geboren, nach der die Stadt später heißen sollte: Agrippina die Jüngere, das zweite “A“ in CCAA.

In den Jahren 15 und 16 pcn hatte Germanicus sich mehrfach mit, von Arminius geführten, Germanenkoalitionen herumzuschlagen. Titus Marullus, der Germanicus oft begleitete - immer unter dem Vorwand, in der Hauptsache ja die Heilquellen Aachens zu gebrauchen, war bei jenem Vorstoß 16 pcn dabei, der das römische Heer zum Schlachtfeld von Kalkriese führte. In aller Eile wurde die grausige germanische Opferstätte halbwegs in einen würdigen Friedhof verwandelt. Von Marullus wird berichtet, dass er eigenhändig Moos von Schädeln kratzte und rostige Speerspitzen aus Schläfen zog, bevor er die Schädel behutsam zu den anderen ins Massengrab bettete. Beim Weitermarsch, zwei Tage später, war Titus Marullus unauffindbar. Der Nachfolger Agrippas, das Finanzgenie der Gründer, “der Geizhals” war in das Moor der Kalkrieser Senke spaziert, um dort den Gefallenen Gesellschaft zu leisten, für die er, sieben Jahre zuvor, das Schlachtfeld organisiert hatte.

Sein Nachfolger Septimus Gordianus wurde in Agrippas Archiv gewählt, direkt unter der mittlerweile wieder blank polierten Weltkarte. Köln war damals aufgrund der Germanienfeldzüge ein Zentrum internationaler Politik, was ermöglichte, hier für die Wahl unauffällig etwa sechzig der insgesamt rund  hundertfünfzig Gründer zusammenzuziehen. An Agrippas Archiv wurde also erstmals ein Gründerprinceps gewählt. Er soll sogar das Aurum Agrippae erhalten haben, wobei unklar ist, wem Titus Marullus es anvertraut haben könnte, bevor er ins Moor ging. Oder hatte er es im Archiv gelassen, als er sich Germanicus anschloss?
In Köln nannten die Gründer sich erstmals schriftlich beim Namen: “creatores sumus orbis terrarum et princeps appellatur princeps inter nos”. So steht es in der Antrittsrede des Septimus Gordianus. Er regierte die Gründer weniger als ein Jahr. Sein Nachfolger wurde, schon im Jahr 17 pcn, Lucius Verus. Es ist nirgends vermerkt, ob er von seinem Vorgänger Aurum Agrippae ausgehändigt bekam. Die Spur des letzten schriftlichen Exemplars beginnt, sich zu verlieren.

Zu dieser Zeit hatte Tiberius die Germanienoffensive endgültig abgebrochen und Germanicus, dem “Eroberer Germaniens“, einen fantastischen Triumphzug gegönnt. Segestes, der alte Römerfreund unter den Cheruskern war aus germanischer Gefangenschaft befreit. Thusnelda, Tochter des Segestes und Gattin des Arminius war hochschwanger entführt worden und lebte in Ravenna. Arminius führte innergermanische Feldzüge gegen Marbod und fiel zuletzt seiner eigenen, eifersüchtigen Verwandtschaft zum Opfer.

Lucius Verus war princeps der Gründer bis 24 pcn und wurde abgelöst durch Caius Macer, der sechs Jahre lang die Gründer regierte, bis 30 pcn. Erst Lysippides von Delphi, princeps der Gründer bis 38 pcn überlebte die Regierungszeit von Tiberius.

Und - apropos Arminius - natürlich war Arminius das Urbild Sigfrieds von Xanten, des Drachentöters! Arminius war an Varus‘ Seite von Xanten aufgebrochen. Der Drache ringelte sich auf vielen römischen Feldzeichen. Und ganz unverwundbar war man offenbar auch dann nicht, wenn man buchstäblich in römischem Blut gebadet hatte.
So teilt sich also die Urkatastrophe des römischen Expansionismus‘ mit dem urdeutschen Mythos ein wesentliches Element. Und es entstand eine Grenze: hüben Zivilisation in Knechtschaft - drüben lumpiger Dreck in Freiheit.


Germanicus

Zurück zu Germanicus, anhand dessen Biographie wir exemplarisch den Tiberius charakterisieren wollen, so wie das frühe Risikospiel der Gründer - beginnend mit Titus Marullus Gnipho, den seine eigenen Leute als unpolitischen Geizhalz verspotten. Dabei war TM, wie ihn die Kataloge des Archivs häufig abkürzen, atemberaubend waghalsig. Um die Gründer neu aufzustellen, riskierte er das eigene Leben wie den Untergang der ganzen Gruppe, sobald das Versteckspiel mit Augustus zuende war. Die Gründer zählten in diesem Moment eine gute Handvoll Provinzgouverneure in ihren Reihen, drei Legionslegaten, den kaiserlichen Bibliothekar und Chef des Amtes ab epistulis sowie zwei Dutzend Senatoren und rund vierzig Mitglieder senatorischer Familien, die sich auf ihrem normalen cursus honorum tummelten. Ferner gehörten immer noch viele mittlere Dienstgrade der Leibgarde zu ihnen - was nach der Kommandoübernahme durch Vater und Sohn Seianus aber nicht mehr viel wert war - sowie etliche Höflinge, Berater und eine stattliche Anzahl Geschäftsleute, die auf Gründerrechnung Handel trieben. Was den Gründern nach Julias Tod schmerzlich fehlte, war der direkte Zugang zur Kaiserfamilie - und für diesen Zugang setzte TM alles aufs Spiel. Sein Kandidat hieß Germanicus.

Der junge Mann war fleißig - er organisierte die Steuerschätzung für Gallien, als ihm die Nachricht vom Tod des Augustus zu Ohren kam. Ohne Umstände schwor Germanicus den Eid auf Tiberius und vereidigte auch sein Gefolge. Dann mussten alle Belgier, die er irgendwie vor seinen Scherenstuhl zerren konnte, den Treueid schwören, eine langwierige Prozedur, die unterbrochen wurde von der Nachricht, Köln rebelliere - nicht eigentlich das Oppidum Ubiorum, vielmehr die Legionslager nebenan, im Grunde alle vier Legionen Niedergermaniens. Die vier oberrheinischen Legionen hielten still, doch am Niederrhein meuterten hunderte Soldaten. Sie zeigten ihre Narben vor und die Striemen von den Prügeln der Centurios. Sie nahmen die Finger des Germanicus in den Mund (Tacitus, Ann. 1, 34), damit der Feldherr ihre Zahnlücken fühle, die Folgen schlechter Ernähung und überlanger Dienstzeit. Veteranen von dreißig und mehr Dienstjahren schimpften, ob sie die Last des Soldatenlebens denn bis zum Tode buckeln müssten. Andere verlangten die von Augustus testamentarisch verfügten Geldgeschenke, wofür Germanicus später seine Kriegskasse öffnete. Auch boten sie ihrem jugendlichen Feldherrn Unterstützung an, falls er sich selbst zum Haupt des Reiches aufschwingen wolle.
So weit hatte vermutlich auch Augustus gerechnet, und ganz bestimmt der Finsterling Tiberius, der den strahlenden Germanicus fürchtete wie niemand sonst. Doch Germanicus tat einfach nicht, was alle Welt ihm zutraute. Er zauderte. Ja, Germanicus wurde an diesem Punkt sogar ein bisschen theatralisch, sprang in den Kreis der Männer und richtete das Kurzschwert gegen die eigene Brust. Rebellion gegen das Kaiserhaus? Mit ihm nicht! Lieber den Tod! Insgeheim mochte er hoffen, seine Treue zu Tiberius werde bald mit der Nachfolge belohnt. Aber die Legionäre bei Köln waren zu harte Knochen, nicht zu beeindrucken durch ein bisschen Schwertgefuchtel von einem Patrizierjungen. Ein Meuterer zog sein eigenes Schwert, schlug dem Germanicus die Prunkwaffe aus der Hand und bot ihm den blanken Stahl an, mit einer Bemerkung, die so ähnlich geklungen haben dürfte wie: „Nimm meins hier, Söhnchen, das ist schärfer.“

Wir springen hier zynisch mit Germanicus um, doch bei allem Zynismus sollten wir nie die Möglichkeit außer Acht lassen, dass alles ganz anders gewesen sein könnte. Vielleicht war Germanicus einfach ein sehr verantwortungsbewusster junger Mann, der seinen Ehrgeiz zügelte, um Rom nicht in neuen Bürgerkrieg zu stürzen. Die allgemein zugänglichen Quellen sprechen sich hierüber nicht aus. Die Gründer andererseits, die sich endlos vergebens um Germanicus bemüht haben, sind zum Schluss einfach nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Er war eine herbe Enttäuschung. Obwohl er sie nie verraten hat, ja obwohl manche Gründer später trauernd am Kai von Brindisi standen, als Agrippina mit der Asche des Germanicus an Land kam, haben sie ihn eher als Drückeberger empfunden, denn als beherrscht zurückhaltenden Menschen. Schwierige Ausgangslage für ein faires Urteil.

Im konkreten Gerangel, das Tacitus schildert, überschlugen sich jetzt plötzlich die Ereignisse, denn aus dem Kreis der Meuterer wurden Vorschläge laut, Köln zu plündern, während Germanicus‘ Tribunen und Centurios den Feldherrn eilends in Sicherheit brachten - in sein Zelt.
Wie bitte? Seit wann schützt Zeltbahn vor Schwertern? Da schwindelt sich der gute Tacitus über einen Sachverhalt hinweg, den er nicht kennt oder lieber verschweigt. Greifen wir also auf einen anderen Bericht zurück:

„Ich trug ja die Knoten an meinen Gelenken. Es war ja nicht so, dass ich etwa gesund gewesen wäre! Und es war ja keineswegs gelogen, dass die Quellen Aachens mir gut taten. Als ich daher, wie es meinem Alter ziemte, im Panzer eines Veteranen, Germanicus unterhakte und hinkend durch die Menge davon führte, haben sie wohl gedacht, ich wäre einer der ihren, obwohl ich ihnen wohlbekannt war. Ich führte Germanicus ins Archivum Agrippae, wo bereits seine Frau Agrippina und sein Sohn warteten. Dort nahm ich ihm zu allererst den Eid ab, er möge beim Leben jener beiden schwören, das Archiv seines Schwiegervaters (i. e. Agrippa, Anm. d. Hrsg.) nie zu verraten. Treuherzig legte er dazu seiner Gattin, die ihrerseits Caligula auf dem Arm hielt, den linken Arm um die Schulter und legte die linke Hand auf Agrippas Weltkarte, während er seine Rechte zum Schwur erhob. Auch Agrippina hob die Rechte und veranlasste sogar das Knäblein, es seinen Eltern nachzutun.“
TM, Res Germanici, 4, 12

Res Germanici, „Die Sache Germanicus“, ist kein kohärentes  Geschichtswerk, sondern ein Sammelakt des Kölner Archivs, in dem sich neben den Bemerkungen TM‘s Einträge mehrerer Autoren finden, teils aus der Zeit vor dem finalen Ausflug TM‘s in den Kalkrieser Morast, teils aus der Zeit danach.
Einstweilen schildert uns TM, wie er Germanicus überreden will, mit Veteranen der ubischen Leibwache Kölns Stadtmauern zu sichern, und sodann an der Spitze von mindestens fünf seiner acht Legionen nach Rom zu marschieren.

„Nimm auch die pannonischen Legionen mit, riet ich ihm, sie liegen auf dem Weg! Heiße die Einheiten Spaniens, längs der Küste nach Norditalien vorzustoßen, sie werden gehorchen - dir, wem sonst? Tiberius hat seinen Ruf längst verspielt. Der Senat schlägt sich unverzüglich auf deine Seite ...“
TM, Res Germanici, 4,14

So und noch länger hat TM auf Germanicus eingeredet, in Gegenwart von dessen Frau Agrippina und Söhnchen Caligula, der später jedes nur vorstellbare Verbrechen begehen sollte - außer die Gründer zu verraten. Es fruchtete nichts. Zwar wurde nachts der Versuch einiger Meuterer abgewehrt, Kölns Mauern zu erstürmen, doch zu irgendwelchem entschiedenen Zupacken darüber hinaus war Germanicus nicht zu bewegen. Hätte er doch nur unter dem Pantoffel gestanden! Agrippina jedenfalls, Julias Tochter, der TM hier erstmals schonungslos das Schicksal ihrer Mutter enthüllte, stachelte den Gatten auf, Tiberius zu überrennen, den Staat in seine Obhut zu nehmen und Agrippas Erbe anzutreten. Wie begeistert TM von ihrem Elan war, wissen wir nicht. Jedenfalls aber trug Agrippina die Fackel später weiter, als sich TM freiwillig zu seinen Ahnen versammelt hatte. Sie trat von sich aus an Lucius Verus heran, den dritten Gründerprinceps. Dies wechselseitige, klammheimliche Beobachten zwischen den Gründern und der offiziellen Staatsmacht zieht sich durch die folgenden Jahrhunderte - und man kommt nicht aus dem Staunen heraus, wie viel Glück die Gründer hatten, oder wie viel Geschick, indem sie ihr Vertrauen nie  ganz falsch verschenkten.

Erzählen wir die nächsten Jahre rasch, sie sind irrelevant, abgesehen davon, dass Tiberius seine Herrschaft festigt und den Aufstand des Germanicus Jahr für Jahr schwieriger macht. Wir folgen hier in Bausch und Bogen Tacitus. Die Mordnacht in Vetera/Xanten bricht jeder ferneren Meuterei das Genick. Ganze Praetorianercohorten werden von Rom an den Rhein geworfen, um die kaiserliche Autorität über die meuternden Legionen wieder herzustellen. Das Soldatenstiefelchen Caligula erwirbt sich endgültig - geschubst von seiner ehrgeizigen Mutter - jenen Ruf des Lieblings der Legion, auf dem die spätere Schreckensherrschaft Kaiser Caligulas fusst. Der Adler der XIX. Legion wird in Germanien geborgen und zurück geholt. Die Römerleichen in Kalkriese werden ordentlich bestattet. TM geht zum Sterben ins Moor. Germanicus gelingt es, Thusnelda, die schwangere Frau des Arminius zu entführen. Der Krieg wogt hin und her. Ein Sklave des Agrippa Postumus verschwört sich, ohne Mitwirkung der Gründer, gegen Tiberius und wird ausgeschaltet. Tiberius schreibt Briefe nach Germanien, es sei nun genug. Der Rückzug durch das herbstliche Wattenmeer der Nordsee wird zum Fiasko. Agrippina hat viel von TM gelernt und begrüßt die wenigen heimkehrenden Legionäre einzeln per Handschlag, klein Caligula auf dem Arm, richtig rührend. Darauf gerät Tiberius vollends in Panik und bittet nicht mehr, nein er befielt Germanicus, heimzukehren und den verdienten Triumph zu feiern, nach dem Rom nun schon so lange schreit - alles, Hauptsache, es gelingt Tiberius, Germanicus von seinen mittlerweile treu ergebenen Truppen abzusondern. Und es gelingt ihm - auch wenn Tiberius schon wenig später unglücklich ist über den Jubel des Römischen Volkes, in dem sich Germanicus am 26. Mai 17 pcn sonnt. Nun muss der immer noch junge Strahlemann fortgelobt werden, rasch, rasch - ab mit ihm in den Osten!

Hier ist der Punkt, an dem wir endgültig Agrippas Willen in die Tat umgesetzt finden: Rom hat Rhein-Elb-Germanien aufgegeben. Wohl verwüsten die Germanen hin und wieder Roms gallische Provinzen, wann immer es gelingt, eine Schwachstelle in der römischen Verteidigung zu durchbrechen - so üben sie ihre berühmte germanische Freiheit aus, das ist ihr Stil. Wohl schlägt das Imperium zurück. Aber Rom wird nicht in ihren Sümpfen verbluten, sondern als ordnungsstiftende Macht überleben, in Westeuropa rund 450 Jahre - und noch über den letzten Atemzug des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus hinaus. Absurderweise retten die Gründer diesem Romulus einmal das Leben - auf einem Zweiruderer, der selbstverständlich Lupa heißt, so wie die Prunkgaleere, auf der Germanicus sich zum Jahresende 17 pcn nach Osten einschifft - in Begleitung des Gründerprinceps Lucius Verus. Im Kölner Archiv kehrt unterdessen ein, was es noch nirgends gab: der Alltag einer Archivstelle der Gründer. Vor den Archivräumen in Rom, vor den Geheimarchiven von Numistro und Lutetia - und lange bevor Alexandria kurz zum Sitz des Großen Archivs avanciert, herrscht in Köln der konspirative Alltag einer Gründerhauptverwaltung. Spätestens jetzt trägt das Archivum Agrippae seinen großen Namen zurecht.

Doch sortieren wir kurz unser Personal:

Tiberius hält sich in Campanien auf, hauptsächlich befasst mit Kindesmissbrauch und Vergewaltigung, dann aber auch mit Raub und Erbschleicherei - wen die Details interessieren, der lese bei Sueton nach, Tiberius, 39 ff.. Seine capresischen Exzesse bleiben dabei zwar vorläufig noch unerreicht, aber die grobe Richtung ist schon erkennbar.

Drusus, leiblicher Sohn von Tiberius aus seiner ersten Ehe mit Agrippas Tochter, weilt als Statthalter im Illyricum. Augustus hatte Tiberius gezwungen, diesen Leibeserben zurückzusetzen hinter den adoptierten Germanicus, den Augustus ausdrücklich als Nach-Nachfolger bestimmte - eine Vorgehensweise, die wohl die meisten Väter überfordern würde und nicht gerade für die Menschenkenntnis des großen Augustus spricht. Während Germanicus’ Flotte sich nach schweren Stürmen an der dalmatischen Küste sammelt, reist er zum Hauptquartier seines Adoptivbruders, wo es zu einer langen Aussprache kommt, in der Germanicus Rivalitäten beilegen will. Doch alles bleibt in der Schwebe:

“Und so schieden sie voneinander, zwar nicht im Zorn, doch der eine wohl ahnend, dass er niemals werden würde, was Augustus für ihn bestimmt hatte, und der andere, der auf Verbrechen hoffen musste, um zu werden, was ihm niemals jemand vorbestimmt hatte - schweigsam. Ein Schweigen, das durch lautes Wehklagen gesühnt wurde, als Drusus die Asche des Germanicus in Brundisium empfing.”
Lucius Verus, Res Germanici, 7,4

Livia, Witwe des Augustus und Mutter des Tiberius grämt sich in Rom, weil ihr Einfluss dahinschwindet, kaum hat sie ihrem Sohn zur Macht verholfen.

Der Senat hockt auf seinen Steinbänken, zischelt, bibbert und hasst folgenlos.

Seianus, der spätere Gegenspieler der Gründer, befindet sich bei Drusus in Pannonien, schläft mit Drusus’ Frau und wird alleiniger Praetorianerpraefect, als seinem Vater die Praefectur über Aegypten angeboten wird.

Germanicus und Agrippina die Ältere reisen zu Schiff nach Osten, um den Orient zu inspizieren und allerlei Verworrenes zu ordnen.

Lucius Verus, princeps der Gründer, begleitet sie, in der Hoffnung, Germanicus zum Staatsstreich zu bewegen. Werfen wir einen zweiten Blick auf die Lupa: Der princeps der Gründer befindet sich - freiwillig - an der Seite eines Todeskandidaten. Er weiß, er kann sein Leben verlieren, ohne dass die Gründer hierdurch wesentlichen Schaden nehmen. Die Gründer sind so wild entschlossen, Tiberius zu entmachten, dass sie für diesen Zweck ihre Führungsspitze zu opfern bereit sind. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wird bei den Gründern die Funktion des Stellvertreter/Nachfolgers wichtig. Bevor Lucius Verus in See sticht, einigen die Gründer sich auf Caius Macer als seinen Nachfolger im Amt des princeps. Lucius Verus überlebt die Reise, aber 24 pcn folgt ihm Caius Macer auf den Stuhl - da ist nicht nur Germanicus tot, sondern auch Drusus vergiftet, durch seine Gattin, die Seianus angestiftet hat.

Piso schließlich, Tiberius’ Vollstrecker an Germanicus, reist ihm über Athen nach und stänkert bereits kräftig, bevor er seine syrische Statthalterschaft überhaupt angetreten hat. Bei Rhodos verschafft raue See Germanicus eine letzte Chance, seinen designierten Mörder loszuwerden ...

“An den Gestaden von Rhodos hatte ein gütiger Neptun den Cnaeus Piso auf eine Klippe geworfen, so dass er mit seinem Schiff und seinen Männern zu ertrinken drohte, wodurch wir mindestens zwei Jahre Zeit gewonnen hätten, wenn nicht das Leben des Germanicus überhaupt. Ich kniete vor ihm. Ich bettelte ihn an, Pisos Schiff dem Urteil der Götter zu überlassen. Doch Germanicus war von seinem eigenen Edelmut derart besoffen, dass er sich persönlich an der Rettung des Mörders beteiligte. Er beschlagnahmte siebenhundert leere Weinschläuche aus einem Lagerhaus, ließ sie von den Rudersklaven seiner Flotte zu voller Größe aufblasen, schleppte sie mit der Lupa an Pisos Schiff heran, ein halsbrecherisches Manöver zwischen den Klippen im Sturm. Und indem er den Auftrieb der Weinschläuche nutzte und aus den Rudersklaven der Lupa das letzte Quäntchen Kraft herauspeitschen ließ, bekam er Pisos Schiff tatsächlich wieder flott, während Agrippina ihre Verzweiflung über den selbstmörderischen Edelmut ihres Gatten an meiner Brust ausschluchzte. Auf Lesbos hatte sie jüngst ihr letztes Kind geboren und ahnte, es würde nun in Kürze Halbwaise.”
Lucius Verus, Res Germanici, 9,12

Piso dankt Germanicus die Lebensrettung schlecht. Um genau zu sein: Er dichtet das Leck ab und rudert ohne Dank davon. Wir werden uns hier jetzt nicht mit dem orientalischen Hickhack zwischen Piso und Germanicus befassen. Die Armenier, Cappadocien, Commagene, ja sogar die Abordnung der Parther übergehen wir hier, obwohl Germanicus in allen Fällen organisatorisches Geschick beweist, zumal vor dem Hintergrund eines syrischen Statthalters Piso, dessen Frau an Kavalleriemanövern teilnimmt, um die Soldaten gegen Agrippina aufzuhetzen. Vielmehr konzentrieren wir uns auf Lucius Verus’ letzten Versuch, Germanicus für die Gründer zu gewinnen: Er lädt eine Gesandtschaft des Orakelrats nach Aegypten ein. Die Chinesen sollen dem Germanicus Staunen einflössen vor einem Bündnis, das noch größer ist als Rom, einem Imperium der Imperien. Sie können sich natürlich nicht in den Zentren römischer Macht treffen, auch nicht bei den Pyramiden - sie treffen sich in den Goldbergwerken zwischen Syene und der Rotmeerküste. Germanicus getarnt als Inspektor - die Chinesen getarnt als Goldeinkäufer.

“Germanicus war hochmütig an diesem Tag. Er hatte ohnedies nicht verstanden, was ich eigentlich von ihm wollte. Die Tatsache jedoch, dass er sich trotzdem von mir in die Wüste führen ließ, lässt mich heute zweifeln, ob er überhaupt der rechte Kandidat war für die Herrschaft über das Imperium. Doch er kam mit. Als er unsere Freunde vom Orakelrat sah, schürzte er die Lippen zu einem überaus huldvoll-leutseligen Caesarenlächeln. Dann verlangte er von mir, sie sollten vor ihm knien. Ihr Dolmetsch übersetzte, und sie kamen seinem Wunsch nach, knieten nieder und schlugen die Stirn neunmal auf den Boden, wie es vor ihren Kaisern Sitte ist. Danach jedoch standen sie auf und sprachen frei und ungezwungen - mit mir und ihm. Germanicus ertrug das schlecht. Bald war er gar nicht mehr an ihrer Botschaft interessiert, sondern fand die Gesandtschaft nur noch unbotmässig.
- Willst du nicht Kaiser werden, fragten sie.
- Wer seid ihr, fragte er.
- Agrippas Freunde, sagten sie.
- Agrippa ist tot, sein Schwiegersohn und Nachfolger im Ehebett Herr des Imperiums.
- Du darfst ihm niemals trauen, sagten sie.
- Nur Treue zu ihm schützt mich und die Meinen, sagte er.”
Lucius Verus, Res Germanici, 10,24

Ebendiese Treue wird Germanicus zum Verhängnis. Seit den Tagen des Augustus darf kein Mitglied der Kaiserfamilie Aegypten ohne besondere Genehmigung betreten. Das reibt Tiberius dem Germanicus unter die Nase und rügt ihn öffentlich. Kein Wunder, dass Germanicus seinerseits nun schlecht zu sprechen ist auf Lucius Verus, der ihn zu dieser Stippvisite überredet hat. Bei der Rückkehr vom erfolglosen Ausflug an die Grenzen des Imperiums findet Germanicus viele seiner Regelungen durch Piso widerrufen. Nun fühlt sich Germanicus schließlich doch noch gereizt und stellt Piso zur Rede. Wenige Tage später gelingt es Piso, der zwei Plätze von Germanicus entfernt zu Tische liegt, durch einen Taschenspielertrick ein stark verzögert wirkendes Gift in den Wein des Germanicus zu träufeln. Damit ist Pisos Auftrag erfüllt und er verlässt mit seiner Frau Placina den Hof des Germanicus. Als Germanicus erkrankt, erinnert sich ein treuer Sklave an bestimmte merkwürdige Handbewegungen Pisos an dem bewussten Abend. Er sagt aus. Doch nicht einmal diesen Sklaven vermag Germanicus vor Piso zu schützen. Der Ärmste kommt nicht mehr dazu, seine Aussage zu Protokoll zu geben. Auf dem Weg in ein Versteck, in das er auf Initiative des Lucius Verus gebracht werden soll, fällt er einem Mordanschlag zum Opfer. Germanicus ringt mit dem Tode.

“Noch einmal hatte der Caesar eine Zeitlang Hoffnung geschöpft; dann aber verfielen seine Körperkräfte, und als das Ende nahte, sprach er zu den bei ihm stehenden Freunden folgendes: Wenn ich eines natürlichen Todes stürbe, so wäre mein Groll, auch gegenüber den Göttern, berechtigt, weil sie mich den Eltern, den Kindern und dem Vaterland in jugendlichem Alter durch einen vorzeitigen Tod entreißen. So aber lege ich, der ich dem Verbrechen Pisos und Plancinas zum Opfer gefallen bin, euch meine letzten Bitten ans Herz. Berichtet meinem Vater und meinem Bruder, von welcher Pein gemartert, von welcher Hinterlist umgarnt, ich ein elendes Leben mit dem schlimmsten Tode beschlossen habe. Wer sich von Hoffnungen, die er auf mich setzte, wer sich von der Blutsverwandtschaft mit mir, auch wer sich von dem Neid, solange ich lebte, gegen mich leiten ließ, sie alle werden darüber weinen, daß der Mann, der einst in einer so hohen Stellung war, der so viele Kriege überlebt hat, der Hinterlist eines Weibes zum Opfer gefallen ist. Ihr werdet die Möglichkeit haben, vor dem Senat zu klagen und die Gesetze anzurufen. Nicht darin besteht die vornehmste Aufgabe der Freunde, dem Toten mit müßiger Klage das Geleit zu geben, sondern darin, seines Wollens zu gedenken, seine Aufträge zur Tat werden zu lassen. Beweinen werden Germanicus auch Unbekannte, rächen werdet ihr ihn, sofern eure Anhänglichkeit mehr meiner Person als meiner hohen Stellung gegolten hat. Zeiget dem römischen Volk die Enkelin des verewigten Augustus, die auch meine Gattin ist. Zählet ihm meine sechs Kinder auf. Auf das Mitleid werden die Kläger rechnen dürfen, und wer sich auf verbrecherische Aufträge fälschlich beruft, dem werden die Leute entweder nicht glauben oder nicht verzeihen.’ Die Freunde faßten die Hand des Sterbenden und schwuren, eher ihr Leben zu opfern, als auf Rache zu verzichten.
Dann wandte er sich zu seiner Gemahlin und beschwor sie bei seinem Andenken und bei ihren gemeinsamen Kindern, sie möge ihr leidenschaftliches Wesen ablegen, sich unter das blinde Wüten des Schicksals beugen und nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt nicht durch ihren Machthunger die reizen, die doch die Stärkeren seien. Dies sagte er vor allen Anwesenden; anderes besprach er mit ihr ohne Zeugen, wobei er ihr, wie man glaubte, vor Augen führte, daß sie sich vor Tiberius fürchten müsse. Bald darauf starb er, tief betrauert von der Provinz und den umliegenden Völkerschaften. Trauer erfüllte auch ausländische Völker und Könige. So groß war seine Leutseligkeit gegenüber den Bundesgenossen, seine Versöhnlichkeit gegenüber den Feinden. Gleiche Verehrung mußte ihm zollen, wer ihn sah und wer ihn hörte, da er die Hoheit und Würde seiner hohen Stellung wahrte und sich von Mißgunst erregender Anmaßung ferngehalten hatte.”
Tacitus, Annales, 2, 71-72

Wollen wir es auf den Punkt bringen? Germanicus ist schlicht zu anständig für diese Welt, vielleicht sogar ein bisschen naiv. Und insofern ist natürlich alle Hoffnung, die die Gründer auf ihn setzen, wahnhaft. Rührend, dass sie es überhaupt auf diesem Weg versucht haben! Sie haben es riskiert, verlieren und ändern nun umgehend die Taktik - die tägliche Manipulation des Caesarenwahns wird ihr Geschäft.

Agrippina übrigens sollte den Teufel tun, sich zu mäßigen. Caligula sollte Kaiser werden nach Tiberius. Und Piso? Man macht ihm in Rom den Prozess, auf Druck des Volkes und begleitet von einem äußerst zögerlichen Auftritt des Tiberius, der seiner Sache so sicher ist, dass er die Anklage des Giftmörders öffentlich hintertreibt. Doch der Senat verhandelt weiter.
Das Volk will Pisos Standbilder umstürzen - Tiberius weiß das zu verhindern. Das Volk will Piso in Stücke reißen - Tiberius lässt ihn durch die Praetorianergarde heimbringen. Nachts schickt Tiberius Seianus, dem Piso alle schriftlichen Aufträge des Kaisers aushändigen soll. Am Morgen wird Piso mit durchschnittener Kehle in einem fest verschlossenen Raum seines Hauses gefunden.

Unterdessen webt das Kölner Archiv an seinem Netz, und man beginnt zu lernen, dass Strukturen wichtiger sind als Personen. Der orbis ist rund. Roms Expansion ist gestoppt. Nun wird in Ruhe konsolidiert, denkt man im Kölner Archiv, nicht ganz zu unrecht und einem wahnsinnigen Kaiser zum Trotz.

Hieße ich Ab excessu divi Augusti ... !

Der Rhetoriklehrer Theodorus von Gadara, dem Tiberius seinen geschraubten Stil verdankt, nennt den Schüler einen “von Blut durchtränkten Lehmkloß”. Auch wenn er verschweigt, welches Blut den Kaiser durchtränkt, eigenes oder fremdes - schmeichelhaft ist die Charakteristik nicht. Und so halte ich wenig von der oft vertretenen These, erst allzu enger und langer Umgang mit Aelius Seianus, seinem Prätorianerpräfekten, habe den Kaiser verdorben, ja, wie Tacitus schreibt, mit Grausamkeit erst angesteckt. Nein, Tiberius war früher und aus eigenem Antrieb ein Scheusal, schon als er, um die Gerüchte über seinen Lebenswandel zum Schweigen zu bringen, sich nach Rhodos zurückzog, während Augustus die Nachfolgefrage in der Schwebe hielt. Welche Machtmittel hielt nun dieser Kaiser in Händen, nachdem er Germanicus ermordet hatte und seinen Nachfolger selber bestimmen konnte?

“Er gab einen Überblick über die Zahl der Legionen samt den Provinzen, deren Besatzung sie bildeten. Auch ich glaube jetzt darlegen zu sollen, wie groß damals die Heeresmacht war, die Rom unter den Waffen hatte, welche Könige wir damals als Verbündete hatten und wie viel beschränkter unser Machtbereich gewesen ist.
In beiden Meeren lag zum Schutz Italiens je eine Flotte bei Misenum und Ravenna. An der nächstgelegenen Küste Galliens waren die Kriegsschiffe, die Augustus durch den Sieg bei Actium erbeutet und mit einer starken Rudermannschaft nach der Stadt Forum lulium beordert hatte. Aber die Hauptmacht lag am Rhein: acht Legionen auf gemeinsamer Wacht gegen die Germanen und die Gallier. In dem erst kürzlich bezwungenen Spanien standen drei Legionen. Mauretanien hatte der König luba als Geschenk des römischen Volkes erhalten. Das übrige Afrika wurde von zwei Legionen, durch ebenso viele Ägypten, ferner die ganze von Syrien bis zum Euphrat in einer riesigen Ausbuchtung sich erstreckende Landmasse von vier Legionen gesichert, wo Hiberien und Albanien sowie andere Königreiche angrenzen, die alle durch unsere Größe den Schutz gegen auswärtige Mächte genießen. In Thrakien herrschten Rhoemetalces und die Söhne des Cotys; entlang dem Donauufer lagen zwei Legionen in Pannonien, zwei in Mösien, ebenso viele in Dalmatien, die entsprechend der geographischen Lage des Landes jenen den Rücken deckten und, falls Italien plötzlich Hilfe anfordern würde, aus der Nähe herbeigeholt werden konnten. Jedoch die Hauptstadt verfügte über eine eigene Besatzung, nämlich über drei städtische und neun prätorische Kohorten, die im allgemeinen in Etrurien und Umbrien oder im alten Latium und in den altrömischen Kolonien ausgehoben waren. Dagegen lagen an geeigneten Punkten der Provinzen Dreiruderer, Reiterabteilungen und Kohorten der Bundesgenossen und stellten eine nicht viel geringere Kampfkraft dar. Um sie im einzelnen aufzuzählen, stehen mir nicht sichere Unterlagen zur Verfügung, da sie nach dem jeweiligen Bedürfnis ihren Standort wechselten und ihre Zahl bald zu-, bald abnahm.”
Tacitus, ann. 4,4-5

Die Gründer vernetzten zuverlässig diese weitverstreuten Machtzentren, zuvörderst Rom und Köln, weil das Kurierkorps insgesamt, besonders aber die Abteilungen, die zwischen der Hauptstadt und Germanien ritten, nicht nur im Sold der Kaiser standen, sondern doppelt so hoch im Sold der Gründer. Dann gab es Händler, mit denen Botschaften und Material zwar langsamer, aber kaum weniger zuverlässig reisten. Teile von Roms Jeunesse Doree vergnügten sich, oberflächlich betrachtet, mit ihren Schnellseglern auf dem Mittelmeer, waren jedoch insgeheim ganz ernsthaft in Gründerangelegenheiten unterwegs. Das normale Postwesen überbrachte Verschlüsseltes. Sklaven wurden ver- und gekauft, nachdem sie besonders sensible Botschaften auswendig gelernt hatten - selbstverständlich versicherte man sich ihrer Treue, indem man ihnen Freilassung in Aussicht stellte und nach vollbrachtem Auftrag auch gewährte. Zu riskant? Mitnichten, denn die Sklaven verstanden kein Wort von dem, was sie auswendig gelernt wiedergaben. Zunächst ging ein verschlüsseltes Dokument in die Welt hinaus. Dann kaufte der Empfänger den bewussten Sklaven und hörte von ihm Sätze wie:

“Ein O mit einem X darin vor Buchstaben macht diese Buchstaben zu einer Zahl. Die I meint das N. Die XI meint das R. Rom wird durch die Buchstabenfolge AETPN ausgedrückt, was Äneas Troianus Pater Noster bedeutet. Lautet die Buchstabenfolge AETPNV, also Äneas Troianus Pater Noster Verus, dann ist die Stadt beim Altar der Ubier gemeint …”
Rufus Terentius Patrator, una et viginti litterae falsae, 271

In Parenthese sei ergänzt, warum dieser Kryptograph mit dem Gentilnomen eines berühmten Dichters auch noch den den Beinamen ‘Vollstrecker’ trägt. Bevor er sich in reiferen Jahren den Systemen diskreter Nachrichtenübermittlung widmete, machte er Jagd auf Verräter. Die Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit der Gründer, ist reich an banaler Ironie.

Zurück zur Koordination der Macht durch eine kleine Gruppe Verschwörer! Was Sklaven konnten, konnten selbstverständlich auch Freie. In jeder Legion gehörte eine Handvoll Centurios zu den Gründern, die sich neben diesen Rebstockprüglern auch der Gaukler und allerhand fahrenden Volkes bedienten. Und zuletzt verfügten natürlich jene Gründer, die nebenher ein Staatsamt innehatten, über die ganz normalen, offiziellen Kanäle ihrer jeweiligen Funktion und nutzten solche Kanäle für beide Zwecke. Etwa fünf Kuriere der Gründer, Terentius Patrator beschreibt es anschaulich, trafen täglich in Köln ein. Dieselbe Zahl verließ die Stadt mit Bescheiden vom Vortag. Nun hören wir den Skeptiker: to much traffic, viel zu auffällig! Und wir antworten: Die Kuriere suchten Verwandte der ubischen Priesterschaft auf, in Kölns Peripherie. Diese Verwandten pflegten den alltäglichen Kontakt mit den Priestern. Und diese Priester hatten im Tempel einen Sklaven, der einmal täglich in einer Schänke verkehrte, wo der Sekretär des Archivs sich einen Schoppen genehmigte. Abgesehen davon war auch schon vor zweitausend Jahren das konspirative Konzept des toten Briefkastens bekannt.

Doch zurück zum unappetitlichen Kapitel Tiberius/Caligula. Es hat keinen Zweck, so zu tun, als gewährten meine Auftraggeber mir Einblick in die Bücher VII bis X von Tacitus’ Annalen. Sie sind im Besitz dieser Bücher und halten sie nach wie vor unter Verschluss. Wenn das nach zweitausend Jahren immer noch wichtig ist für sie, dürften die Implikationen der Lektüre ungeheuerlich sein. Warum sie trotzdem, nachdem die Annalen doch ganz verschollen waren, für die selektive Wiederauffindung der Bücher I-VI (bis zum Tod von Tiberius) und XI-XVI (ab 47 pcn) sorgten, und wie sie das in der Klosterbibliothek Corvey arrangierten, behalten sie für sich. Fest steht jedoch, dass Tacitus ’ Ausführungen über Caligula und die Anfänge von Claudius unterdrückt werden. Sei’s drum, lesen wir eben Sueton und Cassius Dio!

Seianus also lässt Drusus durch den Eunuchen Lygdus mit einem langsam wirkenden Gift ermorden. Sein Ziel ist es, auch diesen Erben des Tiberius aus der Welt und aus dem Weg zu schaffen. Hier ist Tiberius ausnahmsweise nicht beteiligt, wie er bei Germanicus beteiligt war, denn Drusus ist sein eigen Fleisch und Blut. Trotzdem verhöhnt er die Gesandtschaft Trojas, als die ihm ihr Beileid zum Tod seines leiblichen Sohns ausspricht. Zum wiederholten Male: Was für nette Väter doch dem julisch-claudische Herrscherhaus vorstehen!

Insofern bleibt sogar Tiberius Opfer der unklaren Informationspolitik seines Adoptivvaters Augustus. Es gibt einen Zeitpunkt, da hält Tiberius Seian für das Werkzeug der Gründer und argwöhnt, sie wollten den Prätorianerpräfekten mindestens zum Nachfolger machen, wenn nicht gar ihn, Tiberius, schon zu Lebzeiten stürzen. Auch deshalb zieht er sich endgültig nach Capri zurück, beileibe nicht nur, weil er dort die passende Infrastruktur für seine Ausschweifungen findet - die hätte er, vielleicht allerdings bei weniger Abgeschiedenheit, an jedem beliebigen Punkt des Imperiums errichten können, sogar auf dem Palatin. Die Gründer machen es seit Jahrhunderten vor, dass man am besten nicht im exponierten Versteck verschwindet, sondern im unüberschaubaren Gewusel.

Seianus ergriff entschlossen die Chance, die sich mit Tiberius’ Rückzug nach Capri bot. Schon Jahre zuvor hatte der Prätorianerpräfekt alle Cohorten in einer einzigen Kaserne auf dem Viminal zusammengezogen, zwischen der Via Nomentana und der alten Via Tiburtina. Nun machte er sich an die konsequente Ausrottung des Hauses Germanicus, um diese Nachfolgelinie, die Linie Agrippas, vollends aus dem Weg zu schaffen. Seinen ersten großen Fehler beging er, als er bei Tiberius um die Hand der Drususwitwe Livia anhielt - durchaus auf Wunsch der Dame, allerdings unter scheinheiligen Beteuerungen, er verbinde mit dieser Ehe überhaupt keine Hoffnungen auf Rangerhöhung.

Hier nun gibt Tiberius einmal eine klare Antwort, ohne alle Umschweife: vergiss das, mein Freund sagt er, weder wird sich Livia dareinfinden, als Ehefrau eines schlichten römischen Ritters und Prätorianerpräfekten zu altern, gleich wie viel praktische Macht dieser in seinen Händen hält, noch wird das Volk billigen, dass der Gemahl der Livia in dieser vergleichsweise untergeordneten Funktion des Handlangers verbleibt. Zu diesem Zeitpunkt terrorisiert Seian schon das ganze Reich. Erstaunlich, wie Tiberius ihm hier Paroli bietet! Aber auch unvermeidlich, wenn wir davon ausgehen, dass Tiberius nicht daran denkt, seinen Untergang selber zu besiegeln, indem er durch Gewährung dieser Ehe Seian offiziell in den Kreis der möglichen Nachfolger aufnimmt.
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Die Zeit ist insgesamt nicht leicht erzählt. Keine großen Eroberungen. Keine großen Niederlagen. Im Inneren relative Ruhe. Innerfamiliäres Morden im Herrscherhaus. Wir erzählen hier eine Zeit der Konsolidierung, in Rom wie bei den Gründern - aus solchen Zeiten schlägt man schwer erzählerische Funken. Aber während sich in der späteren CCAA die Bräuche und Zeremonien der Gründer ausprägen, während Seian Majestätsverbrechen auf Majestätsverbrechen anklagt und Jungfrauen, die seit alters her nicht hingerichtet werden dürfen, zuerst vom Henker schänden lässt, damit sie anschließend nach Recht und Gesetz hingerichtet werden können, tun sich doch beachtenswerte Dinge in der Welt.
In einem versteckten Winkel des Imperiums, an der Nordseeküste, gibt Rom nach einem Aufstand Friesland auf, der letzte Schritt zur Anerkennung der Rheinlinie als Reichsgrenze.
Der Cheruskerfürst und Gründerknecht Arminius fällt einem Komplott seiner eigenen Landsleute zum Opfer - die Gründer zögern heute nicht, ihre Mitwirkung einzugestehen, schließlich hätte der Sieger von Kalkriese ja irgendwann ausplaudern können, wie es um seine Zusammenarbeit mit princeps Titus Marullus Gnipho bestellt war.
Der chinesische Usurpator Wang Mei wird vom Orakelrat entmachtet, und nachdem die Han-Dynastie wieder an der Macht ist, werden auch wieder Gesandtschaften ausgetauscht zwischen den Gründern und der Gelben Pagode. Wahrscheinlich erhalten die Gründer hierbei den entscheidenden Impuls, weiterzumachen, denn der Rat aus China dürfte gelautet haben: Durchhalten. Der Erfolg eures Unternehmens misst sich nicht in Menschenjahren, sondern in Jahrhunderten. Ihr habt jetzt eine Dürreperiode, wohlan, seht zu, dass ihr nicht verdurstet, damit ihr noch daseid, wenn der Regen wieder fällt.
Etwas weiter westlich, im heutigen Heiligen Land, beginnt das Projekt Jesus von Nazareth - die Gründer haben sich nie drum gekümmert und benutzen das zweitausendjährige Erfolgsmodell auch heute nur - um es zu benutzen. Nehmen wir an, Jesus wurde am 7. April 30 pcn gekreuzigt, dann starb er ein Jahr vor Seian. Wenn nicht, dann wurde er am 3. April 33 gekreuzigt - das sind die beiden Daten, die zur Verfügung stehen, wenn der Sabbat und der erste Tag des Passah-Festes auf denselben Tag fallen müssen. Hah - rufen die Skeptiker - er weiß es auch nicht genau! Können die Gründer es ihm nicht verraten? Nein, liebe Skeptiker, es tut mir Leid, das Datum schien meinen Auftraggebern damals nicht wichtig genug, um es in ihr Journal einzutragen. Täglich wurden ein Dutzend armer Teufel innerhalb der Grenzen des Imperiums gekreuzigt, da hat man sich einfach nicht jeden gemerkt. Im Nachhinein, zugegeben,  ein schwerer Fehler. Bleiben wir also, weil es sich schöner in den Erzählfluss fügt, beim 7. April des Jahres 30 und fragen: Was geschah in diesem Jahr des Todes Jesu Christi vor dem Sturz und Tod Seians des Schrecklichen? Interessanterweise tut sich in Buch V der Annalen des Tacitus auch hier wieder eine Lücke auf, die einen Teil des Jahres 29 pcn, das komplette Jahr 30 sowie ein Stück des Jahres 31 verschluckt. Folglich müssen wir aus anderen Quellen rekonstruieren, was ungefähr damals geschah:
Livia, Gattin des Augustus und leibliche Mutter von Tiberius, stirbt - und mit ihr die letzte noch halbwegs intakte humane Instanz im Herrscherhaus, der sich sowohl Tiberius wie auch der immer unverschämtere Seian anpassen mussten. Die ältere Agrippina, heftigste Feindin Seians, wird vom speichelleckerischen Senat zur Staatsfeindin abgestempelt und nach Pandataria verbannt, wo sie stirbt. Ihr Sohn Nero wird nach Pontia verbannt, wo er alsbald verhungert. Ihr Sohn Drusus, mit dessen Frau Aemilia Lepida Seian sich vorher ausgiebig vergnügt hat, nicht etwa, weil sie Lust dazu gehabt hätte, sondern weil sie ihn im Interesse ihrer gefährdeten Familie ein wenig aushorchen wollte, landet in den relativ komfortablen Verliesen des Palatin. Caligula wird der Obhut Antonias anvertraut, der Mutter des Germanicus, und lernt schon als Jüngling, das man sich dem obszönen Monstrum auf dem Kaiserthron anpassen muss, wenn man nicht zermalmt werden will - ein frühes Beispiel dafür, dass viele Täterkarrieren mit der Rolle des Opfers beginnen.
Im Jahre 31 pcn erreicht Seians Karriere zunächst ihren einsamen Gipfel, indem Tiberius ihn des gemeinsamen Konsulats würdigt.

Das gemeinsame Konsulat dauert nur vier Monate, bevor es an Memmius Regulus und Fulcinius Trio übergeben wird. Und dann geschieht - glaubt man der dümmlichen Überlieferung - ein Wunder. Antonia, deren Enkel Caligula als Sohn von Germanicus durch Seian und Tiberius gleichermaßen gefährdet ist, die Mutter, deren Sohn Germanicus auf Befehl des Tiberius vergiftet wurde - ausgerechnet Antonia warnt ihren Todfeind Tiberius vor einer Verschwörung Seians. Und Tiberius, das personifizierte Misstrauen, vertraut ausgerechnet dieser Warnung, ernennt insgeheim den neuen Prätorianerpräfekten Macro, durch den er Seian gefangen setzen und mitsamt einem beträchtlichen Teil seiner Familie hinrichten lässt? Quatsch!
Fakt ist: Inzwischen haben die Gründer in Erfahrung gebracht, dass Tiberius Seian für einen der Ihren hält. Da ihnen aber das Treiben Seians noch mehr zuwider ist als die Herrschaft des Tiberius, empfängt dieser ein formloses Schreiben, in dem er zur Liquidierung Seians geradezu ermuntert wird. Durchkämmen Tiberius’ Garden daraufhin Köln, auf der Suche nach Agrippas Archiv? Nein. Inzwischen hat der Kaiser gelernt: es gibt die Gründer, sie sind, wenn auch nicht greifbar, so doch existent und - am wichtigsten: - Sie stehen in dieser Angelegenheit auf meiner Seite.
Mit der Hinrichtung des Seianus bricht eine neue Verfolgungswelle in Rom los, diesmal gegen jene gezielt, die sich mit dem alten Machthaber in welcher Weise auch immer arrangiert hatten. Tausendfach wird gewürgt und vom Tarpejischen Felsen gestürzt, während Tiberius sich auf Capri hinter einem noch undurchdringlicheren Vorhang versteckt.
Die Gründer haben eine folgenschwere Bewährungsprobe bestanden. Sie haben dem wahnsinnigen Caesar ihren Willen diktiert - und er hat gehorcht. Im erweiterten Herrscherhaus beginnt sich ein Nimbus zu bilden: Lebe mit ihnen, denn los wirst du sie doch nicht. Der Ruf der Unbesiegbarkeit, den princeps Lysippides von Delphi erntet, nachdem princeps Caius Macer ihn durch behutsame Planung gesät hat, wächst sich bald zum unschätzbaren Vorteil aus.

Der regierende Kaiser aber siecht dahin. Er zieht Caligula an seinen Lotterhof auf Capri. Caligula ist jetzt der einzige Mensch, der im Volk als möglicher Nachfolger akzeptiert wird (worauf Tiberius in seinem Testament natürlich keine Rücksicht nehmen wird, indem er nicht Caligula, sondern Tiberius, Sohn des Drusus, seinen leiblichen Enkel zum Nachfolger bestimmt). Caligula, der schon als kleiner Junge intrigieren musste, um wenigstens sein nacktes Leben zu retten, wird früh bemerkt haben, dass es sein Schade nicht war, wenn er den wilden Spekulationen, die ihn mit Germanicus, mit Agrippa und den Gründern in Verbindung brachten, achselzuckend und mit vielsagendem Lächeln zuhörte, ohne je zu widersprechen. Inwiefern er sich noch des Schwurs seiner Familie im Kölner Archiv bewusst erinnerte, lassen wir dahingestellt.

Ja, er hat zum Schluss Tiberius den Siegelring vom Finger gezogen und den Mörder seiner Eltern und Geschwister unter Kissen erstickt. Ja, die Gründer haben ihm, obwohl skeptisch, mit Macros Hilfe zur Macht verholfen - Macro hatte ihnen seine Söhne zur Erziehung anvertraut, woraus sich später das Polisprojekt mit seinen unvorhersehbaren Weiterungen ergeben sollte. Ja, Caligula war der Kandidat der Gründer. Sie wollten einfach nur noch den Hintermann des Germanicusmörders loswerden, den Kaiser, der Agrippina vor ihrer Verbannung dermaßen prügeln ließ, dass sie dabei ein Auge verlor, den Mann, der seine Enkel hungern ließ, bis einer von ihnen die Matratzenfüllung fraß, den Mann, der im Senat beantragte, Arippinas Geburtstag offiziell zu den Unglückstagen im Kalender zu rechnen ...
Für all dies und noch viel mehr war Tiberius verantwortlich. Trotzdem war er ein Segen, verglichen mit Caligula. Caligula war ein schändlicher Fehlgriff, ein grandioses Versagen, das ich insgesamt nur durch wenige Anmerkungen charakterisieren möchte, bevor ich das Kapitel schließe:

“Caligula wollte wegen Agrippas niederer Herkunft nicht als dessen Enkel betrachtet werden, oder auch so genannt werden. Und wütend wurde er, wenn man jenen in einer Rede oder einem Gedicht unter den Vorfahren der Kaiser aufzählte. Statt dessen behauptete Caligula, seine Mutter sei aus einem Inzest des Augustus mit seiner Tochter Iulia hervorgegangen. Und nicht zufrieden mit dieser Verleumdung des Augustus, verbot er, die Siege von Aktium und bei Sizilien durch Feste zu feiern, da sie für das römische Volk unheilvoll gewesen seien.”
Sueton, Caligula, 23

Das ist  eindeutig. Soldatenstiefelchen hat offensichtlich einiges missverstanden, als es am elterlichen Tisch von weise maßvoller Beschränkung der Expansion reden hörte. Den Kronschatz des Tiberius, der sich auf zwei Milliarden, siebenhundert Millionen Sesterzen belaufen hatte, brachte Caligula in einem Jahr durch. Später badete er gern seine Füße in Sälen voller Gold - ein antiker Onkel Dagobert. Seine germanische Leibgarde, Bataver, längst keine Ubier mehr, woraus sich schon bald ein Aufstand ergeben sollte, der das Imperium im Kern gefährdete, ließ er am Rhein Scheinkämpfe gegen die ordentlichen Truppen führen. Den Gründern platzte im fünften Jahr schließlich der Kragen, als Caligula die geschäftlichen Diversifikationen unter princeps Lysippides von Delphi zum Vorwand nahm für Pläne, die Hauptstadt des Reichs komplett nach Alexandria zu verlegen. Zuvor wollte er gut drei Viertel des Senats hinrichten lassen. Princeps Sextus Fabius, Nachfolger des tragisch verunglückten Quintus Licinius, der bei einer Auseinandersetzung mit Caligulas wahnsinnigen Steuereintreibern zu Tode gekommen war, machte endlich kurzen Prozess und befreite die Welt von Caligula. Damals residierten die Gründer in Rom, auf dem Quirinal, und Agrippas Archiv spielte für kurze Zeit nur eine untergeordnete Rolle. Schon bald darauf wurde die Hauptstadt ein so heißes Pflaster, dass die Gründer sich in die geheimen Archive von Numistro zurückzogen, bevor sie, in den achtziger Jahren, das Hauptquartier vollends zurück nach Köln verlagerten.

“Auch eine große Kiste wurde entdeckt (in der Erbmasse Caligulas, Anm. d. Hrsg.), voll der verschiedensten Gifte, die Claudius kurz nach Caligulas Tod im Meer versenken ließ, wodurch dieses verseucht und die toten Fische später von der Flut an die nächsten Küsten gespült worden sein sollen.”
Sueton, Caligula, 49

Ich denke, damit behält Sueton heute das letzte Wort.

...wäre ich nicht agrippas mund!

Der behinderte Claudius, vom großen Philosophen Seneca verspottet als Wackelkopf, Claudius der vielgeschmähte Krüppel und Stotterer - war der Asche seines ermordeten Bruders Germanicus immerhin bis Terracina entgegen gereist. So schwächlich war das Hinkebein offenbar gar nicht. Und ähnlich verzeichnet müssen wir uns das Missverhältnis vorstellen zwischen seiner vielfach überlieferten Schusseligkeit und dem tatsächlichen Zustand seiner Geisteskräfte. Zwar zitterte der baldige Princeps vor Furcht, als ihn die Prätorianer hinter wehender Seide hervorzerrten und als Sohn (sic!) des Germanicus zum Kaiser ausriefen. Doch bald darauf erwies Claudius sich als kluger, halbwegs entschlossener, in Maßen anständiger Mann - nach Tiberius und Caligula jedenfalls eine Wohltat. Wenn ihn trotzdem fast die gesamte Quellenlage in übles bis lächerliches Licht setzt, dann offenbar, weil er eines nicht war, was noch heute in Italien enorm wichtig ist: Claudius machte nicht bella figura.
Den Gründern war das egal. Sie glaubten, er würde sein Amt durchweg ordentlich versehen und behielten recht. Dabei stützte seine Herrschaft sich nicht auf den Senat - was Wunder, die feinen Senatoren kicherten ja hinter vorgehaltener Hand über den Krüppel Dass er nicht ausgerechnet unter ihnen nach Vertrauten und Gehilfen suchte, leuchtet sofort ein. Erstaunlicher ist, wie der vielfach traumatisierte Kaiser den Versuchungen erniedrigter Menschenwürde und Bitterkeit widerstand, und eben kein autokratisches Regime errichtete, sondern ein Regime der Fachleute, die Claudius sich unter den Freigelassenen suchte. Narcissus, ein Gründer, erhielt das Amt ab epistulis. (Er hatte angefangen als Kryptographiesklave der Gründer und war, nach erledigtem Auftrag, freigelassen worden.) Pallas bekam a rationibus. Callistus verwaltete a libellis und Polybios a studiis. Man kann das alles natürlich auch überkritisch sehen, wie Der Kleine Pauly im Claudiusartikel, wo es heißt, Claudius habe zwar kein senatorisches oder autokratisches, dafür jedoch ein bürokratisches Regime errichtet. Kann man so sehen. Ich sehe das ganz anders: Mich beeindruckt ein Mann, der ein ganzes Leben voll Gefahr, Spott und Verachtung hinter sich bringt - jemand, der immer nur Kränkung erfahren hat und dennoch nicht verbittert, sondern aus dem Zufall, der ihn an die Spitze hebt, etwas macht, das sich durchaus sehen lassen kann. Lügen wir uns nichts vor: Es war Zufall. Macro hatte vielleicht eine halbe Stunde Zeit, Claudius zu finden, um ihn seinen Prätorianern vorzustellen - und nachdem Claudius es im letzten Augenblick mit der Angst zu tun bekam und sich partout nicht mehr finden lassen wollte, war das Unternehmen aufs äußerste gefährdet.
Ich darf in diesen Zeilen persönlich werden und habe deshalb anfangs klar gesagt: ich mag Augustus nicht. Hier sagte ich genauso subjektiv: Den Claudius, den mag ich.
Auf ihn geht Roms sichere Getreideversorgung zurück, er entwarf die Hafenanlagen Ostias. Ganz im Sinne Agrippas provinzialisierte er den Raum südlich der Donau und schuf so die Flussgrenze, die Agrippa und Augustus als natürlich angestrebt hatten - wobei der Begriff natürlicher Grenzen damals noch ganz frei waren von ideologischen Konnotationen, die uns Heutigen geläufig sind. Claudius installierte Mithridates und Herodes Agrippa - was aber viel mehr zählt: Er befriedete in Ägypten den Streit zwischen einheimischen Bewohnern Alexandrias und den dort ansässigen Juden, einen Streit, der damals drohte, in veritablen Bürgerkrieg auszuarten. Mauretanien geht auf sein Konto - geostrategisch absolut vernünftig, genau wie die Unerbittlichkeit, mit der Claudius seine Feldherrn nach heftigen Kämpfen mit Friesen und Chaukern aus dem rechtsrheinischen Germanien zurück ins Imperium befahl, obwohl die Gelegenheit doch gar zu günstig schien, sich dort erneut festzusetzen und die Idee Rhein-Elb-Germaniens wieder aufzugreifen. Claudius jedoch blieb standhaft.
Schenken wir uns Messalina! Nachdem sie Polybios aus dem Freigelassenenteam herausgemordet und sich öffentlich mit einem angehenden Konsul vermählt hatte … nachdem Narcissus inzwischen Pallas erledigt hatte, der durch Turranius ersetzt worden war … nachdem auch Geta, der inzwischen anstelle des Macro die Prätorianer kommandierte, energisch dafür eintrat - verstarb Messalina an sechzig Zentimetern blankpoliertem Stahl, dem Kurzschwert eines Gardetribuns. Und damit wir uns hier klar verstehen: Es war nicht so, wie Tacitus behauptet.  Nicht Narcissus gab diesen Befehl - den Befehl dazu gab Claudius persönlich. Man fragt sich, wie Messalina je etwas anderes erwarten konnte, als Gemahlin des Kaisers, die sich öffentlich zum zweiten Mal vermählt. Silius, der Zweitgemahl starb, desgleichen Titius Proculus, sein Kumpan, Vettius Valens, Pompeius Urbicus, Saufeius Trogus, Sulpicius Rufus, Iuncus Vergilianus und der Polizeipräfekt Decrius Calpurnianus. Kapitel zu.

Kapitel auf: Agrippina minor, die Tochter von Germanicus und Agrippina maior, kommt ins Spiel. Der Senat ändert die Gesetze, so dass Claudius seine Nichte heiraten kann. Fortan will die neue Kaiserin ihrem Sohn Nero zum Thron verhelfen - obwohl doch Claudius selber einen leiblichen Sohn hat. Wie stellt sie das an? Sie mischt sich in die Reichsgeschäfte ein mit einer Intensität, wie sie nach Augustus’ Ehefrau Livia nicht mehr vorgekommen war. Aber sie macht auch geschickt Propaganda und rührt die Werbetrommel für ihre Abstammungslinie. Die Gründung der CCAA, der Colonia Claudia Ara Agrippinensium wird ihr gelungenster Coup. Nicht einmal  Livias Name taucht in einem Kolonienamen auf. Agrippinas Name jedoch überdauert im Kolonienamen sogar die damnatio memoriae, nachdem ihr Sohn Nero sie ermordet hat und jede Statue oder Inschrift mit ihrem Namen im ganzen Reich zerstört wird. Sogar Agrippinas Porträtköpfe auf den Münzen werden gespalten. Der Name der Kolonie jedoch bleibt.
Bleibt nachzutragen: Irgendwann hat Claudius entnervt aufgegeben und Agrippinas Sohn Nero zum Thronfolger erhoben, nicht sein einziger, wohl aber sein schwerster Fehler.

Oder wollen wir doch zuerst Britannien besprechen, die völlig überflüssige Expansion, von der Agrippa dringend abgeraten hatte, zugunsten einer Flotte, die, auf Höhe des heutigen Calais stationiert, den Ärmelkanal militärisch wie ökonomisch beherrschen sollte? An diesem hohen Maßstab von Aurum Agrippae gemessen, macht Claudius in Britannien einen Fehler. Aurum Agrippae befolgt er nicht. Aber wer befolgt schon Aurum Agrippae? Gibt es überhaupt noch ein Exemplar? Es muss noch eines geben, denn 2001 wurde eine späte Kopie in den Archiven der Gründer entdeckt. Zugleich geben sie aber zu, dass nicht einmal sie selber wissen, ob der Text Aurum Agrippae damals noch irgendwo greifbar war. In ihren offiziellen Archiven jedenfalls nicht. Folglich muss es oppositionelle Fraktionen innerhalb der Gründerhierarchie gegeben haben, was auch niemanden verwundert, der nur ein bisschen Geschichte kennt.

Die Britannieninvasion war nicht im Sinne der damaligen Gründer, sie waren strikt dagegen, mussten aber dem stotternden, wackelköpfigen, hinkenden Claudius wenigstens diesen nutzlosen militärischen Triumph gönnen, damit er sich einigermaßen auf Augenhöhe zu Augustus und Tiberius präsentieren konnte. Wo damals Aurum Agrippae auf Papyrus oder als früher Pergamentcodex herumlag, umgeblättert wurde oder einstaubte … weiß heute niemand mehr.

In unserem Zusammenhang interessiert die Britannienexpansion, insofern die Legion XX Valeria Victrix, die lange in Neuss gestanden hatte, von wo aus es intensive verwandtschaftliche und geschäftliche Beziehungen nach Köln gab, auf die Insel abkommandiert wurde, ohne jemals wieder heimzukehren. Interessant ist diese Truppenverschiebung, weil sich später hieraus für Köln der einträgliche Glasexport ergab, vor allem jedoch, weil das Legionsland und das Weideland der Legionspferde damit frei wurde und wenige Jahre später bei der Koloniegründung zur Verfügung stand.
Im Jahre 50 pcn war es schließlich soweit. Die Stadt der Ubier wurde Kolonie nach römischem Recht, was bedeutete, dass binnen der nächsten fünf Jahre etwa dreitausend Veteranen hier angesiedelt wurden. Nun gab es auf demselben Gebiet zwei unterschiedliche Rechtskörperschaften - die Civitas der verbündeten Ubier und die Colonia der Veteranen, denen allerdings von Anfang an jene Ubier rechtlich auf Augenhöhe gegenüberstanden, die das römische Bürgerrecht innehatten, und das waren eine Menge. Wirtschaftlich wurde die Kolonie mit äußerster Behutsamkeit entwickelt. Zunächst konnte die aufgelassenen Ländereien der XX. Legion an die Veteranen verteilt werden. Hinzu kamen Gemeindeländereien der Civitas, die vom heutigen Krefeld im Norden bis Remagen im Süden reichten, und nun von Rom zu einem fairen Preis aufgekauft wurden, um die Landlose der Veteranen zu vervollständigen. Die Integration dieser dreitausend Römer gelang so reibungslos, dass schon wenige Jahre später, beim Aufstand des Civilis, die Ubier hinter ihren neuen Stadtmauern vehement ihre römischen Nachbarn und Verwandten verteidigten, unter eigener Lebensgefahr. Wir dürfen also davon ausgehen, dass es bei dieser Koloniegründung nicht so brutal und ungerecht zuging, wie bei vielen anderen. Einerseits waren Claudius und Agrippina ganz allgemein an gedeihlicher Entwicklung ihres schönen Projekts interessiert. Andererseits hatte Agrippina natürlich besondere Gründerinteressen im Blick, die sie gefährdet hätte, hätte sie es zu irgendwelchen Vertreibungen oder Enteignungen kommen lassen. So sachte aber, wie sie das Projekt anging, war schon kurz nach dem Jahr 100 pcn die ganze Bevölkerung der Kolonie im Besitz des römischen Bürgerrechts. Zuvor hatte man Kompromisse gefunden. Römer und Römer verkehrten ohnehin nach römischem Recht. Ubier und Ubier verkehrten nach Civitasrecht. Für die strukturelle juristische Benachteiligung jener Ubier, die in Rechtshändel mit Römern verwickelt waren, wurde nicht etwa durch neue Gesetze, sondern durch kluge Mäßigung in der individuellen Rechtsprechung, in den allermeisten Fällen ein zufrieden stellender Ausgleich erzielt.

Endlich wird nun Archivum Agrippae durch eine ordentliche steinernen Stadtmauer geschützt, mit deren Bau die Kolonie noch im Gründungsjahr beginnt. Und endlich wird die ortsansässige Personaldecke der Gründer institutionell verbreitert. Ich spreche hier nicht von den vielen heimlichen Mitwissern, auch nicht von den Familien mit doppelten Kaminen, den Geschlechtern des Provinziallandtags oder der Priesterschaft des Zentralheiligtums, nein jetzt kommen, auf Lebenszeit bestellt, die Pontifices und Augures der Kolonie hinzu, die zwei Quästoren, zwei Ädiln, die Duumviri iure dicundo und natürlich die Decurionen. Sie alle kommen und gehen, betreiben Rechtsgeschäfte, versenden und empfangen Briefe in oder aus dem ganzen Reich … so dass die Gründerangelegenheiten die ihrerseits zu einem beträchtlichen Informationsfluss angeschwollen sind, im Ergebnis wieder untergehen und unauffällig werden in dem neuen gewaltigen Strom. Wir müssen davon ausgehen, dass die Gründer enormen Einfluss geltend machen konnten auf die Auswahl der Veteranen für Köln - und sie wählten loyale Leute, so dass militärische Sicherung und Tarnung des Archivs gleichermaßen auf eine ganz neue Basis gestellt wurden.
Muss ich noch eigens erwähnen, wie doppeldeutig die Abkürzung CCAA ist? In Gründerkreisen war vom Altar und irgendwelchen Agrippinensern keine Rede - nicht einmal Agrippina selber benutzte in vertrauter Runde den offiziellen Namen, der ihr doch so sehr schmeichelte. Nein, unter Gründern hieß die Stadt fortan: Colonia Claudia Archivum Agrippae - Kolonie des Claudius bei Agrippas Archiv. In seiner entscheidenden Phase wurde das Projekt von Gründerseite her vor Ort betreut durch den jungen Provinzialquästor Marcus Vorenus - da taucht der Name aus Caesars Gallischem Krieg wieder auf, mit dem unser Bericht begann. Dreimal wird das Mandat des jungen Mannes durch den Senat und den Kaiser verlängert. Und wenige Jahre später begegnen wir ihm wieder als princeps der Gründer, um genau zu sein, als derjenige princeps der Gründer, mit dem die Dignität des Archivs steht und fällt. Für ihn und in seinem Auftrag entwarfen die Gebrüder Acro/Macro, die Söhne des Prätorianerpräfekten, jene Denkschrift, die als Polis-Projekt bekannt wurde und ganz in der Tradition Agrippas stand, auch wenn sie nicht verwirklicht wurde. Was die Gründer insgesamt angeht und ihre Erfolgsbilanz, so besteht ihr hauptsächlicher Erfolg in vielen Jahrzehnten darin, am Leben zu bleiben und sich einen gewissen hemmenden, oder, je nachdem, treibenden Einfluss zu bewahren. Kapitel zu.

Kapitel auf. Der Freigelassene Narcissus, einer der beiden Gründer in der obersten Reichsführung, kann Claudius’ leiblichen Sohn Britannicus nicht auf Dauer schützen. Unter all seinen Taten und Unterlassungen ist wohl jene Entscheidung historisch am bedeutsamsten, die dem späteren Kaiser Vespasian das Kommando über Legion II in Germania Superior verschaffte. Damit legte er den Grundstein einer enormen Karriere - und des flavischen Herrscherhauses. Gleichwohl lässt Agrippina ihn in den Stunden nach dem Tod des Claudius unmittelbar über der Grabstätte der Messalina hinrichten. Einen schönen Sinn für geschlossene Kreisläufe beweist damit diese Vertreterin des Orbis, beweist die Gründerin Agrippina.

Britannicus wird zunächst systematisch gedemütigt. Agrippina profitiert schamlos von der Anhänglichkeit des Volkes zu ihrem Haus. Äußerst geschickt nutzt sie die Sympathien im Senat, die einher gehen mit Antipathien gegen das julisch-claudische Herrscherhaus. Und so ist es schließlich der Senat, der Claudius ermuntert, seinem leiblichen Sohn die Thronfolge zu nehmen, um sie Nero anzuvertrauen. Das Volk ist begeistert. Das Volk sieht nun endlich den Mord an Germanicus als gerächt an. Die Gründer sind immer noch froh, mit Agrippina eine der Ihren in der obersten Reichsspitze zu haben. So etwas opfert man nicht gern. Und was soll man schon gegen diesen jungen Nero vorbringen? Als Kleinkind, unter Tiberius, hat er mit angesehen, wie man seinen Vater abstach. Jahrelang hat er versteckt unter Sklaven und Schauspielern gelebt - das sollte ihm doch jede Anwandlung von Cäsarenwahn ausgetrieben haben, nicht wahr? Zudem leitet der berühmte Philosoph Seneca seine Ausbildung, einerseits berühmter Philosoph, andererseits kein Gründer zwar, doch immerhin Bruder des Lucius Iunius Gallio Annaeanus, desselben Gallio, der als Claudius‘ Prokonsul in Korinth den Apostel Paulus verhört und seither vom Rat als Beobachter angesetzt ist auf das ganze Christenunwesen. Da tun sich doch Beziehungen auf! Das kann man doch sich entwickeln und reifen lassen, ohne gleich zu opponieren. Die Gründer warten ab. Narcissus verliert Einfluss. Agrippina gewinnt Einfluss hinzu. Der Kaiser zeigt deutliche Anzeichen von Schwäche. Niemand sieht ungestraft siebzig Millionen Untertanen vor sich auf dem Bauch kriechen. So was verdirbt selbst den besten Charakter. Claudius säuft zuviel. Er entscheidet zu wenig. Er diskutiert lieber mit seiner Frau und den Beratern. Agrippina vergiftet ihn mit einem Pilzgericht, nachdem sie sich des neuen Gardepräfekten Burrus versichert hat, zu dem auch Seneca beste Beziehungen pflegt. Die Garde akklamiert. Anschließend macht jung Nero mit einer von Seneca vorbereiteten Rede im Senat Furore: Er will fortan die Geschicke von domus und res publica trennen, also getrennte Buchführung einrichten für die Dynastie und das Imperium. Der Senat ist begeistert. Nero bald Kaiser. Seine Mutter schon rasch ernüchtert vom Wirken ihres Sohnes. So ernüchtert ist Agrippina, dass sie Britannicus, den leiblichen Sohn des Claudius, gegen ihren regierenden Sohn Nero in Stellung bringt. Ihr dümmliches Komplott scheitert, zumal sie die Gründerkollegen nicht eingeweiht hat. Sie wird isoliert, nach einigen Jahren hingerichtet und verfällt auf Befehl des eigenen Sohnes einer damnatio memoriae.

Die Gründer aber stehen wieder mal vor einem Scherbenhaufen. In Rom.
Währenddessen gedeiht ihre kölnische Kolonie und verdirbt ihr alexandrinisches Archiv. Wir überspringen diese Jahre und sehen uns wieder im Vierkaiserjahr 68/69 pcn. In Köln.


Das Vierkaiserjahr im Brief

“Caius an Marcus Vorenus - mein princeps, gehorsamst verleihe ich hier meinem Zorn Ausdruck und meiner Verzweiflung über den Leichtsinn, mit dem Du erneut Agrippas Archiv aufs Spiel gesetzt hast. Die Sache ist nun halbwegs ausgestanden und wir haben knapp überlebt, doch nun muss ich ein offenes Wort zu Dir sprechen darüber, was der CCAA in und seit dem turbulenten Vierkaiserjahr widerfuhr.

Über Nero sind wir durchaus einig, den Muttermörder, der die Jüngere Agrippina auf dem Gewissen hatte, so dass es bei allen Göttern nicht leicht war, überhaupt den Namen unserer Kolonie zu erhalten. Dass der einzige leibliche Nachfahr Agrippas, der es je auf den Thron geschafft hat, aus Alexandria Schiffsladungen Sand für die Hofringer herbeischaffen ließ, während in Rom der Hunger wütete, ist fast schon unaussprechlich, zu schweigen davon, dass Nero solchermaßen posthum die ostienser Hafenbauten seines Adoptivvaters Claudius besudelte. Und dann erst der Brand Roms - ! Was mich jedoch vollends schwarzgallig macht, ist, dass man den Unhold, nachdem er sich seinen Dolch in den Hals gestoßen hatte,  mit einem Aufwand von zweihunderttausend Sesterzen bestattete, in weißen, golddurchwirkten Tüchern, und dass Icelus, Galbas Freigelassener, all dies erlaubte.

Hätten wir nur verhindert, dass sich die Sulpicier in die Nachfolge mischten! Hätten wir nur Vindex ruhig - und Galba aus dem Spiel gehalten, bis es gelungen wäre, Vespasian aus der Ecke hervorzulocken! Stattdessen ergriff nun unversehens Galba die Macht! Galba! Was soll ich von einem Menschen halten, der seine Ahnenreihe in väterlicher Linie bis Iuppiter zurückrechnet, und in der mütterlichen bis auf Pasiphae, die Gemahlin des Minos? Obwohl vielleicht gerade das ja ein Omen war, denn labyrinthisch wurde die Politik nach Galbas Einmischung fürwahr! Das einzig Vorteilhafte, das man über ihn sagen kann, ist, dass Agrippina ihn mochte, allerdings zu einer Zeit, da er noch mit Lepida verheiratet war. Doch will ich nicht ungerecht sein - er hat in Gallien, Obergermanien, in Africa und Spanien hervorragende Dienste geleistet, bis er zur Unzeit seine Kandidatur erklärte und die Caesarenwürde an sich riss. Andererseits halte ich ihm zugute, dass er in die Kandidatur förmlich hineingetrieben wurde durch unzählige Attentate Neros auf sein Leben - und man kann keinem Mann vorwerfen, dass er um sein Leben kämpft. Aber was schreibe ich hier über den vermaledeiten Kahlkopf, am Ende werde ich ihn uns noch schönreden, und so weit muss es ja nicht kommen! Warum, zum Beispiel, hat er Neros Prätorianerpräfekten Tigellinus straffrei gelassen, frage ich Dich.

Wir in der CCAA hatten uns redlich bemüht, Galba zu verhindern, indem wir Verginius Rufus von den Rheinlegionen zum Kaiser ausrufen ließen. Doch der Legat kniff und huldigte sogar noch dem Galba. Ebenso versuchten wir durch einige der altvertrauten Ubier in Neros germanischer Leibwache, den Kaiser am Selbstmord zu hindern, was jedoch an der wirren Nachrichtenlage scheiterte. Ferner misslang der Versuch unserer Ubier, die Initiative Othos zu verhindern, nachdem Galba ihn bei der Adoption übergangen und ihm Piso vorgezogen hatte. Unsere Leute, verstrickt in dauernde Kasernenhofquerelen mit der batavischen Hälfte der Garde, haben sich wohl nicht ausreichend bemüht, sodass die Prätorianer Otho zum Kaiser erhoben und Galba ermordeten.
Das verdiente Ende für den Kahlkopf, wenn man nur seinen abscheulichen Umgang mit Germaniens treuen Legionen bedenkt, die sich von ihm betrogen fühlten, ich will nicht sagen, um ihre Belohnung, denn es fehlte ja schon am einfachsten Dank für ihre Tapferkeit im Kampf gegen die aufständischen Gallier. Galba war ein Pedant und ein Geizhals ohne Überblick - er hätte das Reich nie ordentlich geführt. Dann schon eher Vitellius, dem die Truppen beider Germanien am 2. Januar 69 akklamierten.”
(Im Gegensatz zu uns benutzt der Briefschreiber natürlich die Zählung ab urbe condita. Anm. d. Hrsg.)
“Ganz gewiss jedoch nicht Otho, der am 15. Januar zum Kaiser ausgerufen wurde, ….”
(dafür allerdings in Rom, nicht nur in Köln, Anm. d. Hrsg.)
 “… Neros Lustdiener, der Poppaea Sabina umgarnte, um sie an Nero weiterzureichen - es dann aber nicht übers Herz brachte, sich von der späteren Kaiserin zu trennen! Du siehst, Vorenus, CCAA bleibt auf dem Laufenden, selbst wenn ich meinen Ärger nicht verhehle, dass man uns vonseiten Numistros reichlich kurz hielt mit den Neuigkeiten, zweifellos ohne dein Wissen und gegen deinen Wunsch. Sogar Othos vorbildliche Amtsführung in Lusitanien, die niemand ihm zugetraut hätte, war uns geläufig. Und selbstverständlich verstehen wir, dass jemand, der sofort nach der Machtergreifung die Standbilder Neros wieder aufrichten ließ, unmöglich das Amt behalten durfte. Nur hätte die CCAA besser auf Vespasian gewartet, um Ordnung zu schaffen, anstatt in ihren eigenen Mauern Feuer zu legen. Auf Ehre, mein princeps, hast auch Du im Archiv von Numistro gezündelt? Hast du Brand in Alexandria gestiftet? Oder hieltest Du nur CCAA für ein Bauernopfer, leichten Herzens erbracht?
Nein, ich meine nicht das Feuerchen im Speisesaal des Prätoriums …”

(Hier fehlen etliche Zeilen im Transkript des Briefes. Der Autor spielt jedoch offenbar auf den Kölner Prätoriumsbrand im Januar 69 an, den der frischgebackene Kaiserkandidat Vitellius flugs zum guten Omen erklärte, obwohl die Kölner Gründer ihn damit eigentlich verschrecken wollten. Das Verhältnis der Gründer zu Vitellius ist höchst ambivalent. Viele Mitglieder seiner Familie waren bei den Gründern - andere wiederum auf der Gegenseite. Die Verhältnisse sind derart kompliziert, dass ich hier kurz Sueton zu Wort kommen lasse:

“”Sicher ist, dass Publius Vitellius aus Nuceria stammte - sei es aus jener alten Familie, oder dass er sich seiner Eltern und Voreltern zu schämen hatte - , römischer Ritter und Vermögensverwalter des Augustus war und vier Söhne hinterließ, alle gleichen Namens, nur durch ihre Vornamen unterschieden: Aulus, Quintus, Publius und Lucius.
Alle vier gelangten zu großer Würde: Aulus starb während seines Konsulates, das er mit Domitius, dem Vater Kaiser Neros, zusammen ausübte; ein prachtliebender Mann, besonders durch die Üppigkeit seiner Tafel berühmt. Quintus verlor die Würde eines Senators, als auf Tiberius’ Geheiß alle ungeeigneten Senatoren aus dem Senat ausgeschlossen wurden. Publius gehörte zum Gefolge des Germanicus, klagte Gnaeus Piso als dessen Feind und Mörder an und bewirkte seine Verurteilung. Nach der Prätur wurde er als Mitverschworener des Seianus verhaftet und seinem Bruder in Gewahrsam gegeben. Er öffnete sich mit einem Federmesser die Adern, ließ sich aber weniger aus Angst vor dem Tod, als wegen der Bitten der Seinen die Wunde verbinden und pflegen, starb dann allerdings doch noch in der Haft an einer Krankheit.
Lucius wurde nach dem Konsulat Statthalter Syriens und brachte den Partherkönig Artabanus durch seine Diplomatie nicht nur zu Unterhandlungen, sondern auch dazu, den Legionsadlern zu huldigen. Später übte er mit Kaiser Claudius gemeinsam zwei ordentliche Konsulate und die Censur aus. Und während der Abwesenheit des Kaisers wurden ihm die Regierungsgeschäfte in Britannien übertragen. Er war ein ehrlicher, fleißiger Mann, aber verrufen wegen seiner Leidenschaft für eine Freigelassene, deren Speichel mit Honig vermischt er nicht etwa heimlich und selten, sondern täglich und öffentlich als Heilmittel gegen Rachenkatarrh einnahm.  
Dank seines Schmeichlertalents wurde Caligula erstmals als Gott verehrt - bei seine Rückkehr aus Syrien nämlich wagte er nicht, sich dem Kaiser mit unverhülltem Haupt und vorwärts zu nähern. Da er Claudius gänzlich seinen Frauen und Freigelassenen ergeben sah und sich bei ihm um jeden Preis beliebt machen wollte, bat er sich von Messalina als höchste Gunst aus, ihr die Schuhe ausziehen zu dürfen - den rechten Schuh trug er dann immer zwischen Toga und Tunika und küsste ihn bisweilen. Auch verehrte er goldene Bilder von Narcissus und Pallas unter seinen Hausgöttern. Den Claudius beglückwünschte er anlässlich der Jahrhundertfeiern mit den Worten: Mögest du sie noch oft begehen!
Von einem Schlaganfall getroffen, starb er einen Tag später. Er hinterließ zwei Söhne, die ihm Sextilia, eine sehr geachtete Frau aus guter Familie, geschenkt hatte. Beide sah er noch das Konsulat bekleiden, und zwar im gleichen Jahr und während der ganzen Dauer desselben, da der jüngere nach sechs Monaten Nachfolger des älteren wurde. Der Senat ehrte den Toten durche ein Staatbegräbnis und eine Statue vor der Rostra mit der Inschrift: Von unerschütterlicher Treue gegen seinen Kaiser.””
Sueton, Vitellius, 2

Aulus Vitellius, Sohn dieses Mannes, wurde von den Gründer zweifellos zum erweiterten Einflusskreis gezählt - zum Kaiser machen wollten sie ihn deshalb noch lange nicht, denn sie hatten sich früh auf Vespasian festgelegt. Hätte Vitellius zum inneren Kreis der Entscheidungsträger gehört, so wäre ihm seine Chancenlosigkeit bewusst gewesen. So wie die Dinge aber lagen, sahen die Gründer erst Vitellius über Otho siegen - bei Bedriacum - und sodann bei derselben Stadt, wenige Monate später, Vitellius gegen Vespasian unterliegen, den sie endlich doch noch zum Eingreifen bewegt hatten. Aus der Akte Pompeji, wissen wir, dass Vespasians Verspätung gewiss nicht Schuld des Marcus Vorenus war, sondern vielmehr Schuld Hierons von Alexandria und des Archivs von Alexandria ganz allgemein. Vorenus übrigens, der im Brief angesprochene princeps, ist Nachfahr jenes Vorenus, den anfangs schon Caesar erwähnt. Der ihm hier schreibt, wird viele Jahre später sein Nachfolger, obwohl dies unbotmäßige Schreiben Vorenus zunächst veranlasst, das verunstaltete Archiv eben nicht nach Köln auszulagern, sondern nach Numistro. Sonst hätte die Geschichte wohl einen anderen Verlauf genommen, als jenen historischen, ungemein komplizierten dessen perfekte Schilderung ich ausnahmsweise einem ziemlich neuen, lesenswerten Buch von Werner Eck entnehme, Köln in römischer Zeit, Köln 2004, S. 195 f

“”Denn das Vorbild, das die Prätorianer und das Heer in Germanien gegeben hatten, wirkte sich nun auch im Osten aus. Die Legionen, die in Syrien und in Ägypten stationiert waren, und weitere, die unter dem Kommando des Titus Flavius Vespasianus die seit 66 andauernde Revolte in ludaea niederschlagen sollten, vor allem aber deren Anführer, akzeptierten diesmal das Ergebnis des Bürgerkrieges im Westen nicht mehr. Im Zusammenspiel mit den Statthaltern von Syrien und Ägypten wurde Vespasian, der zwei erwachsene Söhne, Titus und Domitian, hatte, am 1. und 2. Juli in Alexandria in Ägypten und in Caesarea in ludaea zum Imperator ausgerufen. Es war die vierte Akklamation eines neuen römischen Herrschers innerhalb eines Jahres; man nannte es später das Vierkaiserjahr.
Aus dieser Konstellation erwuchsen die Wirren, die in den nächsten beiden Jahren das Leben in den gallisch-germanischen Regionen bestimmen sollten.""

((Ebendiese Wirren erlebt der Briefschreiber eingeschlossen in Köln, was ihn verständlicherweise erbost, so sehr erbost, dass er seinen höchsten Vorgesetzten ziemlich derb anpöbelt. Anm. d. Hrsg.))

""Vespasian versuchte dort Unterstützung zu finden. Entweder konnte er Vitellius' Truppen, die am Rhein stationiert waren, für sich gewinnen, oder sie mußten, wenn dies nicht gelang, zumindest so gebunden werden, daß sie ihrem Kaiser Vitellius für den Entscheidungskampf in Italien gegen seinen Herausforderer nicht zur Verfügung standen. Beides hat man von seiten Vespasians versucht. Doch während die unmittelbaren Abwerbungsversuche bei den Legionen in der germanischen Grenzregion wenig Erfolg zeigten, gelang es, gallische und germanische Stämme für Vespasian zu gewinnen. Entscheidend waren die Bataver und der schon genannte lulius Civilis, einer ihrer vornehmsten Anführer.""

((Die Katze beißt sich hier in den Schwanz: Eben weil die Bataver entscheidend waren, hatte Vorenus es unterlassen, seinen Mann in Köln zu informieren. Hätte er den Briefschreiber nicht getäuscht, hätte dieser, allein schon aus gesundem Ubierabscheu gegen die Bataver, alles zu früh verraten oder sogar in der Leibwache neue Konflikte inszeniert. Die Tatsache wiederum, dass man ihn überhaupt nicht unterrichtet, sondern aus dem Entscheidungsprozess der Gründerspitze völlig ausgeschlossen hatte, verstärkte den Zorn des Briefschreibers nicht unwesentlich. Anm. d. Hrsg.))

""Ob tatsächlich die Erfahrungen mit dem römischen Provinzialregime in ihm den Haß gegen einzelne Vertreter der römischen Macht und gegen Rom insgesamt geschürt hatten, bleibt unklar, obwohl dies in den Quellen so erscheint. Sicher ist aber, daß die batavischen Hilfstruppen, die schon länger in einer erbitterten Konkurrenz mit den Legionen in Germanien gelebt hatten, auch während des Italienfeldzuges des Vitellius so sehr als unruhiges Element in Erscheinung getreten waren, daß der Kaiser sie schließlich nach dem Norden zurücksandte. Dadurch fühlten sie sich gedemütigt, zumal ihre Verdienste, wie sie zu Recht urteilten, nicht entsprechend anerkannt wurden, auch nicht durch materielle Belohnungen. Sie bildeten damit genau wie Civilis die natürlichen Verbündeten Vespasians. Gerade an sie wandte er sich, um sie für seine politischen Ziele zu gewinnen. Man darf vermuten, daß geheime Gesandte mit Briefen nach Gallien abgingen, um die Verbindungen herzustellen. Besonders aktiv war bei diesem Bemühen nach der Überlieferung der Senator Antonius Primus, der selbst aus Gallien stammte, aus Tolosa, dem heutigen Toulouse.""

((... und selbstredend ein legat der Gründer war! Anm. d. Hrsg.))

""Er führte in diesem Augenblick die ersten Truppen Vespasians gegen Vitellius aus dem Donauraum nach Italien. Er hat einen Brief an Civilis gerichtet, mit dem er den batavischen Offizier in römischen Diensten zum Kampf gegen die Truppen des Vitellius aufforderte. Daß dies allein auf die Initiative des Primus zurückgegangen sein sollte, kann man bezweifeln; vielmehr muß dies mit Vespasian und seinem engsten Kreis abgestimmt gewesen sein. Doch als sich später die Aufstandsbewegung, ganz anders als geplant, gegen die römische Herrschaft in Gallien insgesamt richtete, schien es besser, Vespasian nicht mehr mit dieser Allianz in Verbindung zu bringen. Antonius Primus wurde zum allein Verantwortlichen, zum Sündenbock, erklärt.””

Besser und dichter kann man das Kuddelmuddel nicht schildern, weshalb ich auch darauf verzichtet habe, die Passage doppelt oder dreifach so umfänglich zu paraphrasieren.

Doch lüften wir das Geheimnis um die Batavercousins Claudius Paulus und Iulius Civilis - ersterer aufgrund der Forderung der niedergermanischen Legionen auf Befehl von Fonteius Capito hingerichtet, letzterer nach Rom geschleift, vor Neros Gericht, freigesprochen von Galba, zurückgekehrt zum Rhein, wiederum von den Rheinlegionen angeklagt - und von Vitellius freigesprochen, um sich die batavischen Hilfstruppen zu sichern. Sie hatten, als hohe römische Hilfstruppenoffiziere batavischer Abstammung, bei einem Stoßtruppunternehmen rechts des Rhein eine Hundertschaft italischer Legionäre buchstäblich verheizt in einem brennenden Dorf, um den Rückzug batavischer Reiter zu decken, und dann auch noch einen Haufen Zeugen ermordet, zu ihrem Unglück jedoch nicht alle. Zahlreiche Mannschaften und Offiziere der Legion wussten um das Debakel und schrieen nach Rache. Den Paulus ereilte sein Geschick, während Civilis sich in Rom aus der Sache herausquatschte. Zurück am Rhein brach der Konflikt erneut auf, und die Legionen forderten Genugtuung für ihre verheizten Kameraden, Genugtuung, die Vitellius ihnen aus politischer Rücksicht nicht gewährte. Nach seinem Tod blieben dann die Rheinlegionen allein zurück mit dem von ihm, von Vespasian und den Gründern geschaffenen Problem.
Halten wir einstweilen fest, dass die Gründer zur Unterstützung Vespasians in der unmittelbaren Umgebung des Kölner Archivs einen batavischen Aufstand entfesseln, und kehren zu unserem Brief zurück, wo er wieder leserlich wird, um zu erfahren, was der Schachzug für Köln bedeutet. Anm. d. Hrsg.)

“… und schweige mir vom Brand des Kapitols, der bei den Kämpfen zwischen Vitellianern und Flavianern um Rom entfacht wurde, denn auch dieses große Unglück stimmte die Aufrührer in unseren Provinzen nur umso gehässiger, weil ihre Priester ihnen weismachten, das römische Imperium habe nur Bestand, solange auch das Kapitol bestehe. Euch in Italien mag das Batavergesindel nützlich gewesen sein, indem es Vitellius’ Truppen band. Bei uns jedoch beratschlagte Civilis schon bald, ob nicht die Kolonie geschleift werden solle - und ihn hielt nicht guter Wille oder Mäßigung ab, sondern nur Geiseln aus seiner Familie und die Überlegung, andere befestigte Städte möglichst wenig von einem Bündnis abzuschrecken. Trotzdem schickten die Tenkterer, rechtsrheinisch hausende Germanen, denen das stolze Rheinpanorama der CCAA schon länger ein Dorn im Auge gewesen war, Gesandte zu den Agrippinensern, Gesandte, die sich an die ubische Hälfte der Bevölkerung wandten mit den Forderungen, die Mauern der Kolonie niederzureißen, alle Römer umzubringen und ihren Besitz zu verteilen. Weiter forderten sie den freien Rheinübertritt. Und so kam es dahin, dass römische Bürger ubischer Abstammung aus dem Kreis der Decurionen sich als wilde Germanen verkleiden mussten, um von den Mauern herab mit solch anmaßenden Boten zu unterhandeln. Ja mehr noch, bevor der Stadtrat beschloss, dem Ansinnen nicht nachzukommen, wurde darüber beratschlagt und es gab einzelne Stimmen, die für die gemeinsame Sache aller Germanen und Gallier sprachen. Eine Nacht lang stand das Geschick von Agrippas Archiv auf Messers Schneide, denn Hilfe war nicht zu rufen, die römischen Truppen allenthalben besiegt. Dann gewann Vernunft die Oberhand. Unsere Freunde erklärten sich nicht dazu bereit, ihre römischen Verwandten und Mitbürger zu meucheln. Sie zählten auf, wie großen Vorteil die dauernde Entsendung junger Krieger in die ubische Leibwache der Kaiser der Gemeinschaft erbringe. Sie erklärten die ständigen Streitereien der Ubier in Rom mit den Batavern der Leibwache und fragten, wie deren batavische Brüder wohl mit einer wehrlosen Stadt verfahren würden, die sich des Schutzes ihrer Mauern freiwillig begeben hätte. Sie erklärten, Vitellius sei besiegt, damit habe Vespasian Truppen frei, um sie nach Germanien und Gallien zu werfen, zur Bekämpfung des Aufstands. Und, Hohn und Spott, mein princeps Vorenus, im kleinen Kreis der Eingeweihten wurde sogar das Argument laut, Vorenus regiere die Gründer, Vorenus, der Nachfahr ebenjenes Vorenus, den einst der große Caesar am Rhein gelassen habe, um die ersten Leibwächter auszubilden. Sie wollten, mein princeps, in deiner Person ausgerechnet dem Manne treu sein, der für ihre Not verantwortlich war. Den Namen Agrippas wollten sie nicht schänden. Ihre Treue, nicht dein Geschick, bewahrte Agrippas Archiv vor dem Untergang. Und ich möchte gern einmal wissen, wie du die Gründer im Reich hättest retten wollen, wenn in Köln erst Agrippas Archiv ausgehoben worden wäre? Unmöglich hätten wir in den wenigen verbleibenden Stunden alles Wesentliche verbrennen können, um uns hernach der Folter und dem Verhör der Germanen zu stellen. Was, denkst du, hätte Civilis unternommen, wäre er in den Besitz gewisser Kenntnisse gelangt, oh Marcus Vorenus?
So wie die Dinge lagen, waren die Treue unserer Freunde und die hohen Mauern unsere Rettung. Von ihnen herab verkündeten die Ubier des Stadtrates der Gesandtschaft, sie seien nicht willens, ihre römischen Eltern, Geschwister, Eheleute oder Kinder zu töten, noch deren Besitz zu verschleudern. Über die Mauern fiel kein einziges Wort. Aber den Rhein dürfe fortan jeder bei Tage und unbewaffnet nach seinem Gutdünken überschreiten, ohne Zoll und Kontrolle. Das genügte den Germanen und damit befand Agrippas Archiv sich faktisch im Bündnis mit Civilis.”

(Dass Civilis und die Germanenpriesterin Veleda zu Schiedsrichtern des unsäglichen Paktes erklärt wurden, braucht uns nicht weiter interessieren, obwohl es im Großen Archiv Quellen gibt, die Veledas Mitwirkung ganz anders darstellen, als Tacitus sie darstellt. Veleda soll erbost gewesen sein über das Ansinnen eines Germanenstammes, der immer noch klammheimlich den Agrippakult feierte, die göttliche Verehrung eines römischen Feldherrn. Erst die Aushändigung eines Viertelpfunds Gold aus den Restbeständen des Buchstabengewusels Aurum Agrippae soll sie gnädig gestimmt haben. Zur selben Zeit jedoch beginnt das Imperium, zurück zu schlagen. Von den vespasianischen Legionen werden die VIII., die XI., die XXIII. und von den unterlegenen Vitellianern die XXI. über die Alpen geführt, ferner eine ganz neu ausgehobene Legion, die II., während die XIV. Legion aus Britannien anrückte und die VI. wie die I. aus Spanien. Das genügte am Énde. Anm. d. Hrsg.)

“Um die Kolonie einzuschüchtern bezogen Friesen und Bructerer Stellung in Tolbiacum und sogar innerhalb der Mauern quartierten die Germanen eine symbolische Besatzung ein. Fast sechstausend Ubier kämpften gezwungenermaßen gegen Vespasians Feldherrn Quintus Petilius Cerialis, erst nach der Schlacht bei Trier zogen sie sich eilends in die Heimat zurück und halfen bei Beseitigung der Germanenbesatzung. Wir gaben Frau und Schwester des Civilis und die Tochter des Classicus heraus, die als Geiseln in unseren Mauern weilten. Und inzwischen ist Cerialis bei uns, und wir haben die Verteidigungsrede der Stadt in den bewährten Mund der Ubierin Claudia Sacrata gelegt. Das ist der Stand der Dinge.”

(Nicht ganz, denn um sich vollends wieder mit Rom auszusöhnen, insbesondere, um sich für die kräftige Teilnahme an der Schlacht von Trier zu entsühnen, schmiedeten die ubischen Koloniebewohner einen finsteren Plan. Sie luden die Germanenbesatzung von Tolbiacum zu einem Gastmahl unter Freunden, füllten sie ab und verbrannten die Betrunkenen in einer Anzahl zugesperrter Häuser. Anm. d. Hrsg.)

“Der kaiserliche legatus Augusti pro praetore Quintus P. Cerialis hat mir zugesagt, mein Schreiben sicher zu befördern. Ich durfte sogar vor die Mauern zum Grabmal meines Vaters. Und vor diesem Grabmal, mein Marcus, auf dem ich mich in effigie als Knabe an der Seite meines Vaters befinde, dort fasste ich den Entschluss, dich zur Rede zu stellen. Geh so nie wieder mit Agrippas ältestem Archiv um! Wenn wir auch kein Exemplar des Aurum Agrippae mehr im Bestand haben, so lagert hier doch einiges, das weder vernichtet noch in die falschen Hände gehört. Und hier arbeiten treue Menschen, die man nicht leichtfertig opfert, gleich für welches übergeordnete Ziel. Was macht übrigens Vespasian? Wie steht es um die Revolte Iudaeas? Man hört, der neue Kaiser will die Latrinen besteuern? Und was machen die Auseinandersetzungen mit Hieron von Alexandria? Deine Antwort auf all diese Fragen werde ich mit desto größerer Sorgfalt lesen, je deutlicher du am Beginn deines Schreibens um Verzeihung bittest, und zwar mich, zweihundertsiebzehn weitere Gründer, vertraute Ubier, den ganzen Rest der Stadt und - Agrippas Archiv. Hier schlägt unser Herz, mein princeps. Man sticht sich nicht ins eigene Herz, wenn man nicht sterben will.”
Caius Poblicius, epistulae, 4

(Die Briefschlachten zwischen Caius Poblicius und Marcus Vorenus sind legendär. Eine Figur aus dem Römisch-Germanischen-Museum und eine Figur mit Namen Vorenus, mit dem wir die CCAA-Aufzeichnung im Februar begannen, stehen nun also am Schluss des Jahres 2006. Marcus Vorenus regierte, alles in allem überaus erfolgreich, die Gründer von 64-83 pcn . Ihm folgte durch Wahl des Rates ausgerechnet Caius Poblicius auf den Stuhl, in nicht ganz so spektakulären Zeiten, nämlich 83-94 pcn, aber doch insgesamt genauso erfolgreich. Köln jedenfalls - und in ihm das Archiv - hatte eine seiner schwersten Krisen überlebt. Anm. d. Hrsg.)


Vor den Quästuren

Wie sehr die Zeit der Wirren Köln auch beutelte - das Festhalten der Gründer an Vespasian erwies sich doch letztlich als Segen für die Stadt wie das Reich - was natürlich die um ihre Freiheit kämpfenden Juden nach dem Fall Massadas anders gesehen haben dürften. Köln jedoch entwickelte sich unter den Flaviern prächtig. Vespasian regierte weise. Titus regierte weise. Domitian schob die Frontlinie bis zum späteren Limes vor und erfüllte damit einen Teil von Agrippas Vermächtnis. Da der Flavier nicht blockiert wurde vom ideologischen Erbe des julisch-claudischen Herrscherhauses, feierte er seinen Triumph, legte sich den Ehrentitel Germanicus zu und schuf per Verwaltungsakt endgültig die beiden Provinzen Germania Superior und Germania Inferior.
Im Jahre 88 pcn rebellierte der obergermanische Statthalter Saturnius gegen Domitian - die Germania Inferior aber stand fest zum Kaiser, obwohl zu fragen bleibt, wie zu dieser Festigkeit die merkwürdige Tatsache passt, dass der niedergermanische Legat Cappius Maximus unmittelbar nach dem Sieg die gesamte Korrespondenz des Usurpators verbrannte. Wie auch immer, zum Dank verlieh Domitian die Ehrentitel exercitus pius fidelis an das Heer und classis Germanica pia fidelis an die Rheinflotte in Alteburg. Bei seinem Kurzbesuch in der CCAA jubelten ihm Bürger wie Soldaten zu, die Legionäre, weil er im ganzen Reich ihren Sold um ein Drittel erhöht hatte, die Bürger, weil in ihrem Einzugsgebiet nun rund 15.000 Soldaten mit dem zusätzlichen Geld tüchtig Umsatz machten - und zwar nicht nur in Kneipen und Bordellen. Was uns einlädt, einen Blick auf das Wirtschaftsleben der kölnischen Gründer zu werfen.

Das System der Gründerquästuren war damals am Rhein noch nicht voll ausgereift, jedenfalls nicht so, wie es im Osten des Reichs existierte, wo die Alexandriner es bis zur Vollendung entwickelt hatten. Immerhin hatte dort die politische Leitung unter Vorenus Probleme gehabt, überhaupt noch ihren Willen durchzusetzen und das Archiv zurück nach Westen zu holen. Von solchen Auswüchsen war die Gründerwirtschaft in der CCAA weit entfernt. Auch hier wurden natürlich in späteren Jahren Quaesturfamlien beauftragt, weitgehend unabhängig von politischen Weisungen das Vermögen der Gründer zu mehren. Doch zur Zeit der flavischen Dynastie waren es paradoxerweise wohl nur die seit altersher mit den Gründern verbündeten Ubierfamilien, die, cum grano salis, nach dieser Methode wirtschafteten. Der Rest der Gründerwirtschaft war zentral organisiert, das heißt, ihre Leitung saß im Archiv, während ein Mittelbau von Veteranen und Koloniebürgern das Management vor Ort bildete und eine Vielzahl kleiner und großer Produktionsstätten und Handelsunternehmen in Schwung hielt.
Bevor wir uns einzelnen Wirtschaftszweigen widmen, rechnen wir nach, wie viel Geld Caius Poblicius meint, wenn er in den Res Gestae, 4, 67 vom "zwanzigsten Teil allen Handels und Wandels" der Kolonie spricht.

Seit der Solderhöhung Domitians wurden jährlich rund 23 Millionen Sesterzen ausgezahlt für zwei Legionen, drei Alen, zwei berittene Kohorten und die circa 2000 Mann der Flotte - alle auf Koloniegebiet stationiert. Die Getreideüberschüsse des fruchtbaren Koloniebodens brachten alljährlich rund 11 Millionen Sesterzen, kaiserliche Zuschüsse, etwa zum Bau des Prätoriums, im Durchschnitt 1,5 Millionen Sesterzen. Der Export von Leinöl, das ein begehrtes Lampenöl war, erbrachte weitere vier Millionen Sesterzen. Vermischte Posten ergaben nochmals rund fünf Millionen und umfassten die Glasproduktion für den Export ebenso wie so exotische Geschäftszweige wie den Export von Zirkustieren nach Rom und in die gallischen Reichsteile. Die Weiheinschrift des Q. Tarquitius Restitutus, eines Centurio der Legion I Minervia, bezeugt, dass er in einem halben Jahr fünfzig Bären gefangen hat. Das klingt für uns heute sensationell und fiel wohl auch damals schon aus dem Rahmen.

Alles in allem sprechen wir hier von 44 bis 45 Millionen Sesterzen, die alljährlich in die Kolonie hinein- und dort in Konsum oder Investition flossen, abzüglich natürlich der Steuern und Gebühren, die für unsere Rechnung nicht von Belang sind. Poblicius' fünf Prozent machen folglich 2,25 Millionen Sesterzen aus, womit das Kölner Archiv wahlweise eine drittel Legion betreiben konnte oder zum Beispiel fünf bis sechs Leute mit einem Vermögen ausstatten, das ihnen den Zugang zum römischen Ritterstand ermöglichte. Natürlich taten die Gründer nichts dergleichen, sondern sie reinvestierten ihre Erträge, bildeten Rücklagen, die zur Zeit des Poblicius etwa zwei Millionen Sesterzen erreichten - soviel wie das erforderliche Vermögen für zwei römische Senatoren - und führten beträchtlich Summen an die Zentrale ab. Eine reife Leistung für die kleine, wirtschaftlich unbedeutende Provinz weit im Norden, eine Leistung jedoch, die unmöglich gewesen wäre ohne den verlässlichen jährlichen Geldtransfer ans Militär. Nach Rücklagenbildung, Reinvestition und reichsweiter Gründerumlage blieben Poblicius gut sechshunderttausend Sesterzen pro Jahr, ungefähr soviel, wie man brauchte, um eine Hilfstruppenala zu besolden. Davon musste er das Archiv instand halten, sein Personal bezahlen, sämtliche Bestechungsgelder und auch die Sonderzuwendungen an das kaiserliche Kurierkorps aufbringen, sowie alle externen Waren und Dienstleistungen einkaufen, deren er bedurfte, vom Verbrauch an ägyptischem Papyrus bis zum gedungenen Attentäter, der sich einem verräterischen Centurio an die Fersen heftete.

Das klingt nach knappem Rechnen. Um die Kaufkraft des 625.000-Sesterzen-Budgets richtig einzuschätzen, machen wir uns das zeitgenössische Preisgefüge an ein paar Bespielen klar. So hätte Poblicius etwa 3.676 Hektoliter des besten Falerners einkaufen können, 1.200 Maultiere, 508 Tonnen Weizen, 205 Tonnen Speiseöl oder 248 nicht besonders hoch qualifizierte Sklaven auf dem Sklavenmarkt von Pompeji, kurz vor dem Untergang der Stadt. Man sieht - sein Spielraum war trotz allem beträchtlich.
Außerdem war Poblicius selbst ein Glücksfall für die Kasse der Gründer. Den Reichtum seiner Familie beweist ein riesiges Grabmal, das sein Vater sich und den Seinen hatte errichten lassen - heute bildet es den Mittelpunkt des Römisch-Germanischen Museums. Sie kamen aus der Bauwirtschaft. Die Stadtmauern, das Prätorium, zahlreiche Insulae der im Entstehen begriffenen Großstadt, Thermen, Tempelanlagen, Straßen und Abwasserkanäle - das Geschlecht der Poblicier baute überall mit, sogar an der kleinen Wasserleitung, die aus dem Vorgebirge in die Kolonie führte, nachdem sie die Quellen von Knappsack, Berenrath, Aldenrath und Bachem abgeschöpft hatte. Auf dieser Wasserleitung und auf Schöpfbrunnen basierte einstweilen die Versorgung der Stadt. Der ganz große Bau, die gewaltige Leitung von der Eifel nach Köln, begann erst später, zu einem Zeitpunkt, als die Poblicier ausgestorben waren.
Zunächst jedoch machten sie gute Geschäfte, nicht nur als Bauunternehmer, sondern mehr noch durch den Handel mit Baumaterial. Sie lieferten Grauwacke für Fundamente, Verkleidungen und - zu feinem Geröll zermahlen - als Füllstoff für das opus coementinum. Von den etwa 500.000 Kubikmetern Drachenfels-Trachyt, die insgesamt in römischer Zeit abgebaut wurden, geht ein Achtel aufs Konto der Poblicier. Tuff aus dem Brohltal spielte seine altbewährte Rolle. Sandstein wurde aus Nideggen und Mechernich geliefert, Kalkstein von der oberen Mosel, und was die Kalkgewinnung angeht, so produzierten die Domänen der Gründer in Spitzenzeiten einhundert Tonnen pro Woche.

Ebenfalls gut stand es um die Landwirtschaft, den wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Provinz. Nicht nur die Gesamtbevölkerung der CCAA, sondern auch die stationierte Truppe wurde aus eigener Ernte ernährt. Es blieben sogar Überschüsse, die man zu gutem Kurs an die oberrheinischen Truppen und weitverstreuten rechtsrheinischen Vorposten verkaufte. Hier spielte die Flussschifffahrt eine Rolle, die ihrerseits wiederum eine leistungsfähige Schiffbauindustrie voraussetzte: neue Chancen zur internen Wertschöpfung, abseits von Export und staatlichen Geldtransfers. Das Leinöl hatten wir bereits erwähnt. Aber die Gründer waren nicht nur an unmittelbaren Erträgen interessiert. Sie investierten weit in die Zukunft. Sie waren es, die den Kirschbaum aus Lusitanien holten und in Niedergermanien pflanzten.

Da der Ton der Kolonie ungeeignet war für das elegante Terra-Sigillata-Geschirr, importierte Köln seinen Bedarf. Wir können davon ausgehen, dass unter diesen Importhändlern mindestens ein Gründer war, genauso, wie wir davon ausgehen dürfen, dass andere Gründer sich in der umfangreichen Produktion von Gebrauchskeramik betätigten, ob es sich nun um Gefäße und Essgeschirr handelte oder um schwere Baukeramik: Mauer- wie Dachziegel, Bodenbeläge und Tonrohre.

Von der Bleigewinnung in der Gemania Magna, in den Minen des Augustus, haben wir schon gelesen. Nach dem Verlust der rechtsrheinischen Gebiete hörten die Lieferungen aber beileibe nicht auf. Einerseits lieferten - solange die Zeiten friedlich waren - Germanen das begehrte Produkt gegen Luxusgüter und Gewürze am Rhein ab. Andererseits betrieben ein paar besonders wagemutige römische Unternehmer weiterhin Minen in den Germanengebieten, was sie oft mit dem Leben bezahlten, wenn sie sich beim Anbruch von Krisen nicht rasch in Sicherheit brachten. Einer dieser Hasardeure, nur als Mercurius bekannt, also namentlich eher dem Quecksilber verbunden als dem Blei, war lange Jahre für die Gründer tätig, einer der ersten richtigen quaestoren. Er überlebte, indem er durch eigene Eheschließung und die Verheiratung seines erwachsenen Sohnes den Schutz eines chattischen Lokalfürsten erwarb. Eine gewisse Rolle dürften auch die reichen Geschenke gespielt haben, die der Bleihändler regelmäßig bei seiner germanischen Sippschaft ablieferte. Blei wurde jedoch durchaus auch linksrheinisch gewonnen, bei Mechernich. Eisenerz wurde vornehmlich in der Eifel geschmolzen. Kupfer und Zinn wurden aus den kaiserlichen Bergwerken Britanniens importiert. Bei Stolberg wurde Messing hergestellt.

Selbstverständlich waren die Gründer auch beim Glas an der gesamten Wertschöpfungskette beteiligt - vom Quarzsandabbau bei Frechen über den Import von Soda bis hin zur Produktion großer Mengen Gebrauchsglas. Wir sprechen hier allerdings noch lange nicht von jenen phantastischen Qualitäten Diatretglas, die wir heute in den Museen bewundern. Nein, der große Exportschlager waren lange die blaugrünen Vierkantflaschen mit der Marke CCAA, die in einer Manufaktur der Gründer entstanden, jedoch nicht in der Gegend des heutigen Eigelstein, wo eine entsprechende marmorne Gussform ausgegraben wurde, sondern in Hafennähe. Wie die Gussform vom Hafen zum Eigelstein gelangte, bleibt selbst für die Gründer ein Geheimnis. Ich habe die Frage spaßeshalber gestellt und den Eindruck gewonnen, dass man sich sogar im Großen Archiv von Venedig damit befasst hat. Eine Antwort hat bis jetzt niemand gefunden.

Was fehlt uns noch?  Spanisches Olivenöl, das über Lugdunum nach Niedergermanien importiert wurde. Garumimport aus Spanien und später von der gallischen Kanalküste. Der Salzhandel, für den die quaestoren der Gründer oft beim in Trier ansässigen Procurator die Konzession ergatterten. (Marcus Exingius Agricola jedoch, der als Salzhändler der Kolonie an der Maasmündung der Göttin Nehalennia einen Altar weihte, war kein Gründer, so wurde mir versichert.) Was noch fehlt? Der Weinimport, der fast den gesamten niedergermanischen Bedarf bestreiten musste, bis im dritten Jahrhundert der Anbau im Moseltal intensiviert wurde. Und zuguterletzt die umfangreiche Holzwirtschaft rund um Bau- und Brennholz. Die intensive agrarische Nutzung der ertragreichen Böden der CCAA hatte die Wälder schon früh zurückgedrängt, so dass Holz aus dem Bergischen Land und sogar aus dem Maingebiet herangeflößt werden musste.

Ein wenig, ein halbes Prozentchen oder auch eins oder zwei, partizipierten die Gründer an jedem einzelnen dieser Wirtschaftszweige, solange das Imperium bestand. Als dann schließlich um die Mitte des fünften Jahrhunderts alles Wirtschaften zusammenbrach, war es natürlich auch mit der Gründerwirtschaft am Rhein aus. Aber soweit sind wir noch lange nicht.
Einstweilen regiert Domitian, zunehmend hysterisch, das Reich - und Poblicius regiert, zeitlebens gelassen, die Gründer. Er setzt sich nicht überall durch. Obwohl er die wirtschaftliche Kooperation mit den an Silberbergwerken reichen Dacern plant, kommt es zum Krieg - zum erfolglosen Krieg. Beim Aufstand im Jahr 88 pcn liefert Poblicius perfektes Krisenmanagement. Im Jahre 92 pcn darf er die Eröffnung des neuen Kanals vom Nil zum Roten Meer erleben. Am wichtigsten jedoch - zumindest für die abendländische Geschichtsschreibung, ist seine enge Kooperation mit dem Feldherrn Agricola, der für Rom die britannische Nordgrenze gestaltet. An dessen Tisch lernt Caius Poblicius den dreißigjährigen Tacitus kennen, der so die Chance bekommt, zum Großhistoriker zu avancieren, was alles vielleicht in den fehlenden Büchern der Annalen und Historien erläutert ist. Auskunft hierüber erhalte ich jedoch keine - und kann folglich keine geben.
Als Caius Poblicius 94 pcn stirbt, hat er alle seine Kinder überlebt und vermacht sein gesamtes Vermögen dem Rat.

Adoptionen

Schon beim Aufstand 88/89 war Traians Legion VII Gemina aus der Hispania Tarraconensis an den Rhein beordert worden - wo allerdings, als Traian eintraf, die Gründer Antoninus Saturninus längst erledigt hatten. Trotz dieser Verspätung machte der weltläufige und entschlossene General Traian Karriere, zunächst unter Domitian, dem er ja hinlänglich seine Treue bewiesen hatte, dann unter Nerva, dem Nachfolger des ermordeten Domitian. Als die Prätorianer Rache forderten für Domitians Ermordung, und Nerva - obwohl nur Begünstigter, keineswegs Mittäter des Mordes - um seinen Thron fürchten musste, stabilisierte er seine Herrschaft, indem er Traian an Sohnes statt annahm. Die Aussicht auf diesen Erben stellte die Prätorianer, stellte Grenzlegionen und Verwaltungselite gleichermaßen zufrieden, so dass Nerva die restlichen paar Monate seines Lebens unangefochten regierte.
Traian, der zum Zeitpunkt der Adoption als obergermanischer Statthalter in Mainz residierte, wurde durch Hadrian von seinem Aufstieg unterrichtet. Hadrian, Traians damaliges Mündel, wurde viele Jahre später selber Kaiser und adoptierte seinerseits Antoninus Pius, der wiederum Marc Aurel adoptierte, den einzigen Gründer-Kaiser, den es formaliter je gab.

Natürlich gab es auch vor Marc Aurel und nach ihm enge, ja symbiotische Beziehungen zwischen Kaiserhaus und Rat. Schon seit Vespasian pflegten die Kaiser, mit Ausnahme vielleicht Domitians, engeren Kontakt zu den Gründern als dies während der julisch-claudischen Herrschaft üblich gewesen war. Die Herrscher der alten Dynastie fühlten sich in immerwährender Konkurrenz zur Agrippas Gefährten - die neuen Herren des Imperiums waren unbelastet von diesem Komplex. Marc Aurel schließlich, der einzigartige Sonderfall, war zugleich Kaiser des Reiches und princeps der Gründer. Schon als junger Mann war er Hadrian aufgefallen - so wie Hadrian seinem Vormund Traian. Ausdrücklich hatte Hadrian den Marc Aurel zum Nach-Nachfolger bestimmt, zum Thronfolger des Antoninus Pius. Es muss damals tiefes Vertrauen geherrscht haben zwischen Gründern und Kaisern, ebenso zwischen den Kaisern und ihren Adoptiv-Nachfolgern. Wie auch immer es zuging, jedenfalls hat der Vorgänger des Antoninus Pius, dem Nachfolger des Antoninus Pius eine genaue Erzählung jener Tage anvertraut, als er, der junge Hadrian, der mit der Nachricht von der Adoption bereits nach Mainz gereist war, diesmal nach Köln fuhr, um Traian vom Tod Nervas zu unterrichten. Ob es sich hierbei um eine schriftlich ausformulierte Hinterlassenschaft handelte, oder ob Hadrian dem jungen Marc Aurel mündlich berichtete, und der Jüngling hatte sein Wachstäfelchen dabei und notierte - Marc Aurel jedenfalls lässt Hadrian aus personaler Perspektive erzählen. Also kommt Hadrian auch bei uns so zu Wort, herausgegeben von seinem Nach-Nachfolger Marc Aurel, dem Autor der Selbstbetrachtungen. Der Text wird ohne Autorenangabe als Somnium Imperatoris im Archiv geführt, wohl wegen des schwer deutbaren Traums am Beginn:

“Mit bösem Knirschen spaltete die Axt den imposanten Greisenschädel. So rasch sein lahmes Bein es ihm erlaubte, hinkte der Mörder die Stufen vor dem Thron hinab. Prüfend strich sein Daumen über die blanke Schneide der Axt. Kein Blut, kein Krümel Hirn, kein Knochensplitterchen klebte daran.
Ohne irgendein Zeichen der Verwunderung wandte er sich zu seinem Opfer um. Der Rauschebart saß kerzengerade im reich geschnitzten Lehnsessel und blinzelte, weil Goldstaub ihm ins Auge drang. Goldene Staubwölkchen  quollen aus dem klaffenden Spalt im Kopf, zwischen gezackten Wundrändern und schlohweißen Haarsträhnen in die eisige Bergluft des Olymp. Ein festes, solides Klümpchen Gold kullerte heraus. Dann eine geprägte Münze, dann zwei, dann viele, ja unzählige Goldstücke, die durch Gewandfalten zum Schoß des Alten glitten, sich im wallenden Bart verfingen oder rings um den Sessel auf den Marmor trafen und lustig über die Stufen davonklimperten.

Die Kutsche rumpelte durch ein Schlagloch, und ich schreckte aus meinem Traum, die Fäuste ohne Goldstück leer, nur um ein bisschen Schweiß geballt …”

Solche Träume vertrauen Kaiser ihrem Volk wohl eher selten an - sonderbar genug, dass Hadrian mit seinesgleichen hier offen spricht. Das ist das Merkmal von Freundschaft, dass man ihr Schwäche zeigen darf, ohne Stärke zu provozieren. Und wenn man irrt, dann hat man geirrt - und der Irrtum spricht für den Irrenden mehr als für den Verräter.

“Während ich im dämmrigen Reisewagen dem Hufklappern meiner Eskorte lauschte, nieselte es draußen aus dem germanischen Himmel. Ein ungerodetes Stück Urwald rückte der Straße nahe, hohe, glattstämmige Buchen zogen am Fenster vorbei, die Kronen unsichtbar, aber vermutlich kahl im Februar. Dann zügelte der Kutscher die Pferde, weil ein Bautrupp des Heeres Frostschäden an der Straße ausbesserte. Die Fahrbahn war halb aufgerissen, und so sehr auch meine Prätorianer fluchten - wir mussten durch die verengte Fahrbahn, während die Legionäre hastig ihr Werkzeug vom Pflaster rafften und dann in ihren langen Soldatenmänteln zu halbmannshohen Kegeln erstarrten, hingehockt im Schlamm und nicht besonders unglücklich über diese erzwungene Pause. Das Wasser perlte am fettigen Schaffilz ihrer Mäntel ab. Andere Reisende zwängten sich verstohlen zwischen Waldsaum und Straße hindurch und kamen viel schneller voran, doch mein Kolonnenführer bestand auf der kompletten halben Fahrbahn für den erlauchten Boten aus Rom - mochte das auch Geschwindigkeit kosten. Ohnehin wäre ich lieber geritten …”

Die bloße Tatsache, dass Hadrian mit seiner Prätorianereskorte eben nicht galoppierte, was das Zeug hielt, sondern gemächlich im Wagen fuhr, spricht für eine gesicherte Nachfolge. Es machte offenbar keinen Unterschied, ob der neue Kaiser fünf Tage früher oder später vom Tod Nervas erfuhr. In Rom sorgten die Prätorianer für Ordnung. Die meisten Kommandeure waren entzückt von der Aussicht auf Traian als Imperator - und er selber hatte ohnehin schon das Kommando über alle germanischen Legionen inne in beiden germanischen Provinzen, eine Machtballung, die vor ihm zuletzt Germanicus erreicht hatte. Die Nachfolge war ungefährdet. Es kam schlechterdings nicht drauf an, wie schnell Hadrian reiste.

“Vom Cardo Maximus nahmen wir die erste Abzweigung nach rechts und gelangten zwei Bauinseln weiter auf die Rheinuferstraße. Die Anlage der Stadt war mir von Plänen wohlvertraut, und ich wusste, dass wir uns nun gleichsam vor der Fassade und Schauseite der Stadt bewegten - gebaut, um über den Rhein hinweg nach Germanien hinein zu strahlen. Um so bestürzter war ich, als wir am Prätorium vorfuhren - in welch erbärmlichem Zustand war der Palast! Ich sah dort rohes, unverputztes Mauerwerk einer Blendgalerie, die unlängst noch offen gewesen sein musste. Traians Amtssitz war eine einzige, chaotische Baustelle. Man erweiterte das Gebäude nach Norden. Zwei neue, repräsentative Treppenaufgänge führten bereits in die Front der Eingangshalle, deren Mauer außerdem von zwei dachhohen, halbrunden Apsiden eingedellt wurde - Stellplätze für überlebensgroße Skulpturen, die auch jenseits des Flusses noch sichtbar sein würden. Die nördliche Delle war im Halbgewölbe noch unfertig. Stupide trotteten sechs Mann im Tretrad eines Krans am Fleck. Hoch droben, wo die Kuppelwölbung der Nische ihrer Vollendung harrte, schwankte, dicht unter den Flaschenzügen an der Spitze des Kranbaums, eine genagelte Bohlenpalette, deren Last dem Blick entzogen blieb …”

Dieser fachmännische Blick auf die Arbeiten deutet schon auf den späteren Großbauherrn hin, den Erbauer von Hadrianopolis und genialen Entwerfer der Tivolivilla - den Restaurator von Agrippas Pantheon. Auf der Prätoriumsbaustelle Köln jedoch wurde man jetzt zunächst politisch. Zwischen Hadrian und Traian stand keinen Augenblick zur Debatte, nach Rom zurückzukehren. Zu dringlich waren die Geschäfte, denen sich Traian von Köln aus schon als Mitregent Nervas gewidmet hatte. Er hatte neue Straßen und Kastelle anlegen lassen, um die beiden Provinzen besser gegen Überfälle von rechts des Rhein zu wappnen. Aber nicht die germanische Problematik quälte ihn in schlaflosen Nächten - es waren Pannonien und Moesien, wo schon Domitian fortwährend Krieg gegen die Dacer hatte führen müssen. Und hier verhielt sich Rom nun einmal nicht expansiv, sondern verteidigte nur seine Donaugrenze - ein Menetekel kommender Jahrhunderte.

Die dacischen Könige waren unglücklich mit Roms Position am Unterlauf der Donau und offenbar fühlten sie sich stark genug, um Rom herauszufordern. Mit dieser Problematik war Traian befasst. Er legte ein engmaschiges Netz von Aufmarschstraßen an, um die heranzuführenden Legionen vor dem Krieg optimal zu positionieren - vor allem ist hier die Heerstraße durch das Eiserne Tor der Donau zu nennen. Schon von Köln aus korrespondierte er mit Apollodorus von Damascus, der ihm später die steinerne Donaubrücke bauen sollte und noch später die Traianssäule. Vor allem jedoch organisierte er, unterstützt von den Gründern, eine Art dauernden brieflichen Generalstab, der unter Einbeziehung aller betroffenen Kommandeure frühzeitig festlegte, welche Truppenteile sich wann exakt wohin begeben sollten, und wer wann wo für wie lange entbehrt werden konnte. Traians Aufmarsch gegen die Dacer war ein logistisches Meisterwerk, ein bitter nötiges Meisterwerk, denn die dacischen Thracer unter ihrem König Decebalus erwiesen sich, trotz aller Vorbereitungen, zwischen 101 und 107 pcn als äußerst harte Gegner. Rom bewältigte am Ende auch diese Herausforderung, doch ohne Mitwirkung der Gründer wäre die Sache übel ausgegangen. Im Jahre 102 pcn wurden nämlich aus einem weit vorgeschobenen chinesischen Feldlager am kaspischen Meer Kundschafter ins Römische Reich geschickt - und die Nachrichten, mit denen sie zurückkehrten, sprachen für einen weiteren Vorstoß. Hätten die Gründer nicht ihrerseits schleunigst Kontakt aufgenommen zum Orakelrat, dann wäre, mitten im dacischen Krieg, eine schlagkräftige chinesische Armee an der Nordostgrenze erschienen. So, wie die Dinge sich schließlich entwickelten - spielen heute Katzen auf dem Traiansforum und Chinesen sind allenfalls als fotografierende Touristen präsent.

Traians arabische und parthische Eroberungen sollen uns hier nicht weiter interessieren - das waren keine Operationen nach Agrippas Lehrbuch, doch völlig dumm waren sie auch nicht. Langsam stellte sich nämlich die Frage, inwiefern Politik sich noch halten konnte an Konzepte, die mehr als hundert Jahre alt waren. Nachdem das Polis-Projekt sich unter Nero und Vespasian als realitätsuntauglich erwiesen hatte - die Getreidebasis des verbliebenen Kernreiches hätte nicht mehr genügt, um Truppen und Metropolen gleichermaßen zu versorgen - gab es auch bei den Gründern wieder Stimmen, die fortwährende Expansion zum ersten Gebot eines Imperiums erklärten.
So erreichte Rom dann unter Traian seine größte territoriale Ausdehnung. Dacien wurde für über hundert Jahre römische Provinz. Was blieb von dieser Eroberung, und uns zurück verweist auf Hadrians sonderbaren Traum, ist der rasante Verfall des Goldpreises in Rom, der infolge systematischer Ausbeutung der dacischen Edelmetallgruben um Ampelum, Alburnus Maior und Aulum durch das Imperium eintrat.
Zunächst scheint Hadrians Traum ja inspiriert von der mythologischen Geburt der Göttin Athene, bei welcher der hinkende Schmiedegott Hephaistos dem Zeus den Schädel öffnet, aus dem Athene dann in voller Rüstung steigt. Ob der junge Hadrian hier nun prophetisch davonklimperndes Gold auf Marmorstufen träumt oder ob der alte Kaiser raffiniert die Göttin durch das Gold ersetzt, das sei dahingestellt. Seine fortwährende Liebe zu Athen sowie die Tatsache, dass er dort viele Monate, insgesamt Jahre seiner Herrschaft verbrachte, ist historisches Faktum.

Was hieß dies alles nun für die Gründer und ihr Kölner Archiv? Was hieß es für Deutschland? Zunächst spendierte Traian eine Vergoldung von Agrippas alter Weltkarte. Dann meinte Traian, den Gründern einen Gefallen zu erweisen, indem er neben Köln eine zweite Kolonie etablierte, in Xanten, quasi als Ausweichquartier für den Krisenfall - die CUT, Colonia Ulpia Traiana. Sie entstand neben dem Lager Vetera, von wo einst mehrere Legionen ausgerückt waren in die Varusschlacht - unter flatternden Drachenbannern, wonach bei den Germanen die Erzählung von blutbadenden Drachentötern im Schwange blieb, mit ziemlich üblen Folgen. Fraglich, ob Siegfried jemals so mythenbildend hätte werden können, hätte er nicht Siegfried von Xanten geheißen.
Im Jahr 2003 haben mir meine Auftraggeber untersagt, im Rahmen der Website den Verbindungen zwischen Gründern und Nibelungenlied weiter nachzuspüren. Aus heutiger Sicht, in einer Zeit, die der Zentralrat der Juden in Deutschland mit vertretbaren Argumenten als präfaschistisch geißelt, war das vielleicht nicht die schlechteste denkbare Geschichtspolitik.
 
Der große jüdische Aufstand in Ägypten und der Cyrenaica vermittelt sich uns Heutigen kaum mehr. Es herrschten dort Gemengelagen - ich wage einmal den Vergleich - wie in Jugoslawien vor dem Zusammenbruch. Jeder machte mit jedem Geschäfte und verachtete heimlich die unsägliche Religion des Gegenübers. Jeder fühlte sich vom anderen unterdrückt und übers Ohr gehauen. Mehrheiten und Minderheiten beäugten einander voller Argwohn. Traian, krank auf den Tod, konnte hier nichts mehr zur Lösung beitragen und die Politik Hadrians gipfelte schließlich darin, die Beschneidung zu verbieten, wodurch das Judentum zum Aussterben verurteilt worden wäre, hätten nicht Hadrians Nachfolger dieses Gesetz wieder kassiert. In Köln gab es damals nicht einmal die Mikwe.
Im Jahre 122 pcn besuchte Hadrian dann nochmals Köln, begleitet von einem gewaltigen Tross, in dem auch Gaius Suetonius Tranquillus mitreiste, sein Korrespondenzsekretär, den wir schon als Biographen vieler Kaiser kennen. Als er den Niederrhein verließ, folgte ihm aus Xanten die Legion VI Victrix nach Britannien, um an der dortigen Nordgrenze einen immerwährenden Wall zu errichten. Die Einnahmeverluste für die Provinz waren beträchtlich. Gebrochen wurde Kölns wirtschaftliche Entwicklung hierdurch mitnichten. Im Gegenteil - der dauernde Handel zwischen einer tief im Binnenland gelegenen Stadt und den Inseln jenseits des Kanals, dieser Handel, der anderthalb Jahrtausende fortdauern sollte, entstand aufgrund persönlicher Bindungen, die durch die abmarschierenden Legionen erst einmal zerrissen wurden.
Im Jahre 135 pcn schließlich unterwarf Hadrian die Rebellion des seit 132 als Messias auftretenden Bar Kochba und machte Jerusalem zur Militärkolonie, die für Juden verboten war. Kein guter Gedanke.

Was fehlt noch? Im Jahr 111 hat Traian das Christentum für illegal erklärt. Beim Tod Traians beträgt die Länge des römischen Straßennetzes achtzigtausend Kilometer. Traians Asche wird beigesetzt im Sockel der Traianssäule - was aber kein Vergleich ist zu dem Mausoleum, das Hadrian sich zu Lebzeiten errichten lässt, heute nennen wir diesen Bau Engelsburg. Für die Gründer am wichtigsten ist sicherlich der Wiederaufbau des 110 pcn durch Blitzschlag zerstörten Pantheons, wobei Hadrian wohlweislich  Agrippas Namen und Titel auf dem Architrav nicht durch den eigenen Namen ersetzte. Für diese Tat widmete das Kölner Archiv Hadrian eine bronzene Ehrentafel, ebenjene, die Franz Dusch 1999, während der Belagerung durch die deutschen Behörden, gerade noch von der Wand schrauben konnte, bevor er floh.

GründerKaiser

Eine schillernde Figur an der Spitze der Gründer war princeps Caius Fabius, Regent von 137 bis 138 pcn, der nach seinem Tod den Beinamen Macedo erhielt: der Lustknabe. Was immer man ihm nachsagt und gleich, ob er seinen Einfluss auf Kaiser Hadrian tatsächlich durch sexuelle Dienstleistungen errang - dieser Spross einer uralten Römerfamilie hat die Gründer, das Reich und die Nachfolge sicher durch die Krise gesteuert, die sich mit Hadrians tödlicher Erkrankung abzeichnete.
Am liebsten hätte Hadrian den jungen Marc Aurel adoptiert und zum Nachfolger bestimmt - aber der Junge war erst siebzehn. Das schied also aus. Erst nun fiel die Wahl des Kaisers auf den kränklichen und unbegabten Senator Lucius Ceionius Commodus, was weder Zeitgenossen noch Geschichtsschreibung je haben erschöpfend klären können. Wir können hier das Thema abschließen und bekannt geben: der Blässling war ein natürlicher Sohn Hadrians. Oft haben wir hier über Väterscheusale gehört, doch dies ist neu - eine Weisheit und Bescheidenheit, die das leibliche Kind erst in die Nähe des Throns lässt, nachdem der junge Genius Marc Aurel definitiv als zu jung erkannt worden ist.
Wie auch immer - das Unheil war geschehen. Lucius Ceionius Commodus taugte nichts. Ob Caius Fabius ihn tatsächlich in Frieden an seiner Schwindsucht sterben ließ an jenem 1. Januar 138, oder ob er nachgeholfen hat, werden wir nicht mehr klären können. Sein eigentliches Meisterwerk besteht in der perfekten Ersatzlösung, die er dem leidenden, zum Tod um Erlösung flehenden, Hadrian präsentierte: Hadrian möge den einundfünfzigjährigen Antoninus zum Nachfolger bestimmen, allerdings mit der Auflage, seinerseits den jungen Marc Aurel zu adoptieren. Und so geschah es, gerade noch zur rechten Zeit, denn wenig später waren beide principes tot. Hadrian starb am 1. Juli 138, Caius Fabius Macedo am 17. Oktober des Jahres - übrigens im Alter von zweiundfünfzig, so dass zumindest das Wörtchen “Knabe“ in seinem Beinamen ziemlich unangemessen ist. Über diesen Beinamen denkt heute niemand mehr nach. Die mittelmeerische Antike stand der Homosexualität zumeist gleichgültig bis wohlwollend gegenüber. Unsere heutigen, vermeintlich moralischen Vorbehalte existierten damals nicht, außer im Juden- und Christentum. Bei den Gründern existierten sie gewiss nicht. Wir müssen also fragen, ob der Beiname womöglich eine nüchterne, ganz wertneutrale Tatsachenbenennung ist, die erst im Rückblick von heute überhaupt problematisiert und diskussionswürdig wird. Weder bei der Einsetzung des Mannes noch bei seiner Nachfolge kam es zu irgendwelchen Unregelmäßigkeiten. Und seine Leistungsbilanz kann sich sehen lassen.

Wie erging es nun unserer CCAA, während Antoninus Pius regierte? Blendend. Anders kann man es nicht ausdrücken, denn unter dem Einfluss der ritterlichen Beamten Flavius Constans und Macrinius Vindex, die beide aus der CCAA stammten und es beide schließlich zum Prätorianerpräfekten brachten, wurde die gewaltige Eifelwasserleitung gebaut - mit kaiserlichen Privatmitteln.

Vespasian - Titus - Domitian - Nerva - Traian - Hadrian - Antoninus Pius - Marc Aurel - das Reich wurde mehr als hundert Jahre lang im Urteil der Zeitgenossen wie der Historiker vorzüglich regiert, wobei man die absolute Monarchie nach wie vor republikanisch bemäntelte, abgesehen von der fünfzehnjährigen Regierungszeit Domitians, der mit der Anrede dominus et deus nackter Despotie schon bedenklich nahe kam. Das sprach, wohlgemerkt, nicht gegen die inhaltliche Wahrnehmung der Regierungsgeschäfte, wohl aber gegen den Stil. Inhaltlich müssen wir eingestehen, dass Domitian die Regierungszeit Traians recht gut vorbereitet hatte - zumindest Traians dacischer Sieg hätte ohne Domitian noch wesentlich länger auf sich warten lassen. Und, Hand aufs Herz, liebe Republikaner - der Senat wurde in der Geschichtsschreibung nicht nur durch Tacitus ein ganz klein wenig überbewertet. Das waren nicht mehr die Oligarchen, die, wenn alles gut lief, den Staat aussogen bis aufs Mark - aber dafür auch in Krisen bereit waren, im Dienst des Staates alles zu opfern, Vermögen und Leben inbegriffen. Nein, was sich unter Domitian noch Senat schimpfte, war eine Bande intriganter, verwöhnter, oft neureicher Schwätzer - Speichellecker mit Ambition.
Trotzdem kehrten die Caesaren seit Nerva wieder zu den guten alten Formen zurück und spielten im großen Theater geduldig die Magistrate einer längst nicht mehr existierenden Republik. Antoninus Pius ging dabei in den dreiundzwanzig Jahren seiner Regierung so weit, dass Hans-Georg Pflaum ihn in der Propyläen Weltgeschichte, Band 4, S. 375 f bezichtigt, einem “Prinzip der Unbeweglichkeit” zu huldigen, was natürlich dem Senat “mehr als lieb” gewesen sei. Erklärend schreibt Pflaum:

“»Unbeweglichkeit« schien die Parole der kaiserlichen Verwaltung zu sein, als wenn eine böse Fee das ganze Reich in einen Dornröschenschlaf versenkt hätte. Dieser Immobilismus wirkte sich für alle Beteiligten schädlich aus. Die Bewohner außerhalb Italiens fühlten sich vernachlässigt, man kümmerte sich nicht genügend um das Heer. Vor allem aber sollte sich die mangelnde Erfahrung der Thronerben sehr deutlich bemerkbar machen.”

Einspruch Euer Ehren: Marc Aurel war nicht weit gereist, das wohl. Marc Aurel war, zumal an seinem Ende, vielleicht eine tragische Figur, doch Mangel an Erfahrung kann man ihm gewiss nicht vorwerfen, zum Zeitpunkt, da er auf dem Thron Platz nimmt. Der Mann stand an der Spitze der Gründer. Auf ihn liefen gefilterte Informationen des Legatenapparats zu. Er traf unter und über dem Kaiser Entscheidungen wie ein eigener Kaiser. Pflaum fährt jedoch in seiner Kritik an Antoninus Pius, dem Vorgänger Marc Aurels, fort, als wären nicht Zeiten des Friedens Ziel jeder anständigen Politik:

“Hand in Hand mit dieser nur allzu konservativen Politik ging die grundsätzlich friedfertige Einstellung des Antoninus allen Gegnern Roms gegenüber.
( ... ) stets wurden alle diese wenig bedeutenden Krisen durch geeignete Gegenmaßnahmen der zuständigen Statthalter überwunden.”

Ist das so schlimm?

“Selbst in Mauretanien gelang es nach einer namhaften Verstärkung der Besatzung die aufständischen Völker zu beruhigen. Die Folge dieser Auseinandersetzungen war in vielen Fällen das Vortragen der Grenzverteidigung, die etwa in Britannien zur Anlage eines neuen, hundert Kilometer nördlich des Hadrianswall laufenden, nach Antoninus benannten Limes führte. Dieser erstreckte sich über neunundfünfzig Kilometer von der Clydemündung bis zum Firth of Forth und bedeutete außer einer nennenswerten Frontverkürzung eine nicht unerhebliche weitere Sicherung der römischen Teile der Insel. Aber die Versteifung der Grenzen trug ihrerseits wieder dazu bei, den Kampfgeist und die Kriegserfahrung der Offiziere und Mannschaften des Heeres zu mindern, die in der langen Untätigkeit des Friedens ohnehin erschlaffen mußten.”

Da kommen wir zum Kern der Sache. Es geht hier um ein Herrschaftsethos, das der vermeintlichen Verweichlichung entgegenwirken soll. Man könnte solche Verweichlichung allerdings mit einigem Recht auch als zivilisatorischen Prozess betrachten. Heute erleben wir den zugrunde liegenden Konflikt in der Diskussion zwischen Europa, das von der Venus -, und Amerika, das vom Mars ist. Wir werden sehen, wer weiter kommt. Gleichwohl kann man Pflaum nicht bestreiten, dass er objektiv recht hat, wenn er wiederum fortfährt:

“Wenn man nur zu oft bei den modernen Historikern lesen kann, daß die Regierung des Antoninus Pius den Höhepunkt der römischen Kaiserzeit bedeutete, so sollte man nicht verkennen; daß sich bereits an Euphrat, Donau und Rhein ein Druck fühlbar machte, der in absehbarer Zeit Rom einer schweren Krise aussetzen würde.”

In dieser Immobilität reiften also äußere und innere Krisen heran, denen sich später der Gründerkaiser Marc Aurel trotz “mangelnder Erfahrung” stellen musste. Noch einmal: mangelnde Erfahrung? Der Mann war seit fünf Jahren princeps der Gründer, bevor er 161 pcn den Thron bestieg, als Vierzigjähriger. Und mir fällt niemand ein, der zeit seines Lebens so viele Verteidigungskriege geführt und so viele Siege erfochten hätte, wie er, obwohl er den Krieg hasste wie kein zweiter.

Aber was hat dies mit dem Kölner Archiv zu tun und mit der Tatsache, dass nach dem Tod des princeps Marcus Aurelius im Jahr 180 pcn ein Diodor von Bonna princeps der Gründer wurde, jemand, dem die Zugehörigkeit zum Kölner Archiv schon im Namen geschrieben stand?Hier verschränken sich die Geschichte von Organisation, Strategiewechseln und Verfassung der Gründer mit der Karriere Marc Aurels und der außen sich abspielenden, allgemein bekannten Geschichte

Nachdem die großen historischen Gestalten Marcus Vorenus und Caius Poblicius verstorben waren, folgten, nicht eingerechnet das vernachlässigenswerte Intermezzo des princeps Figulus, dreißig Jahre unter der Führung östlicher principes. Diese principes aus dem Osten entstammten dem wirtschaftlich und kulturell entwickeltsten Teil des Imperiums, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Geburtsrömer den Ostlern gleichberechtigten Zugang zu den höchsten Ämtern öffnen mussten - im Reich wie bei den Gründern. Immerhin hatten diese Ostler zu Vorenus gehalten - gegen Hieron von Alexandria. Sie hatten festgehalten an der Idee eines zentral verwalteten, politischen Imperiums und sich verabschiedet vom Traum eines weltumspannenden Handelskonzerns, der sich seine Kaiser und Könige nach Bedarf kauft. Um es mit heutigen Begriffen zu formulieren: Sie hatten einer ökonomischen Globalisierung ohne politisch gesetzte Rahmenbedingungen eine Absage erteilt und am Primat der Politik festgehalten. Kein Wunder, dass sie nun auch mal auf den Chefsessel wollten. Und durchaus gerechtfertigt, dass sie ihn dreißig Jahre lang besetzten. Dem Reich ging es, wie gesagt, nicht schlecht in dieser Zeit. Und etliche von Hadrians Aufenthalten in Athen waren dem direkten Austausch mit Dionys von Palmyra geschuldet, dem damaligen Gründerprinceps, der es vorzog, in Athen zu residieren, ohne jedoch dort ein eigenes Archiv anzulegen. Das Archiv der Gründer reiste damals zeitweilig mit dem reisenden Kaiser, schon aus der schieren Notwendigkeit, die Bestände einigermaßen aktuell zu halten.

Durch Hadrians Reisen wurden die entlegendsten Gebiete des Imperiums aufgewertet und romanisiert, wie nie zuvor. Feste Archive gab es derweil in Rom - dort saß das Große Archiv. In der CCAA - residierte Archivum Agrippae, in Alexandria, dem immerwährenden Hort der Opposition gegen Rom, ein weiteres Archiv, ferner in Byzantium und Lutetia. Nehmen wir Rom als Zentrale mit spezieller Zuständigkeit für Italien, das Illyricum, das westliche Mittelmeer und das westliche Afrika. Lutetia hatte Britannien, Gallien und die spanische Halbinsel unter sich. Köln war für die Rheingrenze und die westliche Donaugrenze zuständig. Die östliche Donaugrenze, Kleinasien, der Kaukasus, Griechenland und der Balkan unterstanden Byzanz. Das östliche Nordafrika, Ägypten, der Nahe Osten, Arabien und alles Land bis zu den Parthern stand unter der Aufsicht Alexandrias. So waren die Gründer immer sehr viel schneller informiert als die Kaiser. Und zahllose Grenzkonflikte wurden reibungslos durch rasch zusammen gezogene Grenzlegionen bewältigt, weil die Zentrale erst von der Not erfuhr, wenn sie schon wieder behoben war. Daneben existierte seit dem Machtwort des Marcus Vorenus die Großquaestur von Zypern. Zypern mit seinem Wein, seinem Kupfer, dem Öl, dem Holz, den Werften wurde von den Gründer quasi als ihre eigene Provinz betrieben. Seit dem Archivkonflikt mit Alexandria war es der Oberhoheit Alexandrias entzogen, weil ein zu großer Teil der Gründerfinanzen von dieser Insel abhing. Wer sie kontrollierte, kontrollierte das halbe Jahresbudget. Es war ein weiser Schachzug von Vorenus und Poblicius, diesen Konflikt zu entschärfen, indem Zypern weder der Zentrale unterstellt wurde, noch Alexandria unterstellt blieb, sondern als freies Wirtschaftssubjekt selbständig blieb. Dieser Sachverhalt sollte noch im 16. Jahrhundert das Große Archiv in Venedig beschäftigen.

Naturgemäß waren die Chefs der Archive ziemlich mächtig und bestanden hartnäckig auf den Partikularinteressen der Region des Imperiums, für die sie sich zuständig fühlten. Weil die Gründer aber nicht ständig große Ratsversammlungen abhalten konnten, um ein gültiges Meinungsbild zu ermitteln, bildete sich die Sitte heraus, dass, wer an der Spitze stand, das letzte Wort hatte. Er durfte natürlich nicht beratungsresistent sein, doch wenn der princeps entschieden hatte, dann gab es kein legitimes Mittel mehr gegen seinen Entscheid. Trotzdem hatten natürlich die Chefs der kleineren Archive im jährlich oder zweijährlich tagenden Gesamtrat ein ganz besonderes Gewicht. Seit der Verfassungsreform des Vorenus galten die Chefs der minderen Archive allesamt als Stellvertreter des princeps, ohne dass hierdurch jedoch schon eine besondere Nachfolgeregelung präjudiziert worden wäre. Dies geschah erst unter den Ostlern auf dem Stuhl. Diese Männer aus dem hellenistischen Raum mit seiner monarchischen Herrschaftstradition wollten auf Dauer nicht leben und regieren mit der bislang durch Wahl beim Todesfall bewusst offen gehaltenen Nachfolgefrage. Deshalb beließen sie es zwar dabei, dass alle Archivchefs auf ihrem Gebiet Stellvertreter des princeps waren, doch sie griffen die Regelung auf, die sich schon einmal zuzeiten des Germanicus bewährt hatte, dass nämlich beim Tod eines princeps ein gewählter Nachfolger nachrückte, und zugleich für den neuen princeps ein neuer Nachfolger gewählt wurde.
Dieses Wahlverfahren wies reichlich Mängel auf. Zum Beispiel konnte der regierende princeps sehr alt werden - um dann einem längst vergreisten Nachfolger Platz machen. Oder der Nachfolger konnte so lange warten, bis er die Nerven verlor und putschte. Oder ein junger, viel versprechender Mann erwies sich in den Jahren seiner Anwartschaft als komplette Fehlbesetzung - und kam dann doch an die Spitze. Oder der regierende princeps hielt jemand für den besseren Kandidaten und bevorzugte ihn jahrelang gegenüber dem gewählten successor - wogegen der Rat im Grunde keine Handhabe hatte. Welche Konflikte dann im Nachfolgefall aus dieser Konstellation entstanden, ist offensichtlich. Trotzdem überdauerte diese Art der Nachfolgereglung die Jahrtausende und wird heute noch praktiziert, wobei mir nicht bekannt ist, dass eine solche Regelung irgendwo sonst Anwendung fände. Wer soll schon diese Disziplin aufbringen, die ein Kreis weniger Hundert Gleichgesinnter aufbringen kann?

Mit zwanzig wurde Marc Aurel durch princeps Marcus Tullius bei den Gründern aufgenommen. Er wirkte als legat am Kaiserhof und kam tatsächlich nicht viel rum. Doch er erhielt die beste Ausbildung in stoischer Tradition - was Antoninus Pius niemals ganz gebilligt hat, standen die Stoiker doch der Alleinherrschaft skeptisch gegenüber. Natürlich durchlief er die Ämter des Kaiserhofes. Und natürlich schleusten die Gründer ihn durch jeden Winkel des Archivs, den er irgendwie zeitlich und kräftemäßig zudem noch erfassen konnte. Bei den 900-Jahr-Feiern Roms im Jahre 147 pcn wurde Marc Aurel zum ordentlichen Ratsmitglied erhoben. Natürlich gab es böses Blut. Natürlich fühlten sich Gründer zurückgesetzt, die dem Rat und ihrer Idee länger gedient hatten, unter größeren Opfern und mit größerem Ertrag. Doch die Aussicht darauf, einen Kaiser unter den Ihren zu haben, ja die vage Chance, die Gründer und das Kaiserhaus verschmelzen zu können, ließ die inzwischen wieder weströmischen principes sich über diese Vorbehalte hinwegsetzen. Die Feldherren an den Grenzen berichteten an Marc Aurel. Genauso wie sein Adoptivvater kannte er die Steuereinnahmen jeder einzelnen Provinz auswendig. Schlachten zu schlagen hat er nie geübt - das musste er bald nach seiner Thronbesteigung auf Anhieb können. 
Im Jahre 148 wurde er zum successor des regierenden princeps Lucius Cornelius gewählt, der 156 pcn verstarb und über den Marc Aurel später in den Selbstbetrachtungen 8, 18 schrieb:

“Was stirbt …”
 
Im Entwurf der Leichenrede, die wir, um ganz genau zu sein, hier zitieren, schrieb er natürlich zunächst nicht “was” sondern “Wer stirbt, ...”, um dann fortzufahren: “... kommt darum noch nicht aus der Welt, mein lieber Freund. Wenn er nun hier bleibt, so verwandelt er sich auch hier und wird in seine Grundstoffe aufgelöst, die er mit der Welt gemeinsam hat. Auch die Elemente selbst verwandeln sich und murren nicht. So mag es deiner Wirksamkeit ergehen, deinem Erbe, das ich auf deinem Stuhl getreulich verwalten will, so wie du das Erbe von Marcus Tullius und Caius Fabius (der "Lustknabe", Anm. d. Hrsg.) verwaltet hast.”
Marc Aurel, dicta principis principisque, 2, 23

Später vererbte ausgerechnet dieser weise, tolerante Mann den Thron seinem Sohn Commodus und öffnete damit schierer Despotie Tür und Tor! Einstweilen jedoch, 171 pcn und mitten im Krieg, verstarb wieder einmal ein gewählter successor Marc Aurels - und weil der Kaiser Krieg führte, konnte der princeps nicht das langwierige Verfahren einhalten, sämtliche praefecten und legaten aus sämtlichen Archiven zum Wahlkonvent anreisen zu lassen. Nein, diesmal wählte im Feldlager ein recht zufälliger Kreis von Wahlberechtigten, die es rechtzeitig geschafft hatten, den successor. Sie wählten mit Diodor von Bonna einen Inselgriechen, der es fern seiner Heimat zum praefecten des Kölner Archivs gebracht hatte.

Im Zenit

Durchaus ganz nett, wie Edward Gibbon im 1. Kapitel von Verfall und Untergang des römischen Imperiums die Antonine über’n grünen Klee lobt - und rotzfrech, wie er Augustus lobhudelt, obwohl er zu seiner Genfer Zeit selber kurz in den Dunstkreis der Gründer geriet, eine Bindung, die allerdings nicht lange hielt. Es gab keinen großen Krach - trotzdem schwingt so etwas wie Rachsucht mit, wo er schreibt:

“… Augustus aber blieb es vorbehalten, dem ehrgeizigen Plan zur Unterwerfung der ganzen Erde zu entsagen und in die öffentlichen Ratsversammlungen den Geist der Mäßigung zu tragen. Durch sein Temperament und die Verhältnisse ohnehin zum Frieden geneigt, erkannte er unschwer, dass Rom in seiner gegenwärtigen günstigen Lage vom Waffenglück weit mehr zu fürchten denn zu hoffen hatte …”

Kurzerhand dichtet Gibbon hier Agrippas Verdienst auf Augustus um, obwohl er Einblick erhalten hatte in ein Exemplar von Aurum Agrippae. Seltenes Privileg - da ist es plötzlich wieder, Agrippas verschollenes Gold! Der Text wurde damals von interessierten Gründerkreisen versteckt gehalten. In welchem der zahlreichen Archive, das wird enthüllt, sobald eines Tages die gesamte Website gewendet wird und Gerrit Daniel de Kempenaers Täuschungsmanöver offenbar.

Für jetzt, im Gibbon-Kontext nur soviel: Oppositionelle verbargen die überholte Schrift, um sich auf dieser Grundlage Autorität zu erschleichen. Es wirkten damals in den Reihen der Gründer auch solche, die dem weltumspannenden europäischen Kolonialismus scharf ablehnend gegenüber standen, so sehr, dass sie mit Putschgedanken liebäugelten. Dazu hätte natürlich Agrippas Text über die weise Beschränkung der Expansion vorzüglich als Legitimation getaugt. Außerdem gab und gibt es solche, die expandieren wollen - und ihnen hängt Agrippas Text wie ein Klotz am Bein. Ich vermute also, dass Gibbon sich so rasch wieder von den Gründern lossagte, weil jene Passagen des Aurum Agrippae, die er zu Gesicht bekam, nicht konform waren mit seiner persönlichen Haltung zum britischen Kolonialismus.

Der gesamte Text übrigens wird, ich denke, das darf ich versprechen, spätestens 2009 hier veröffentlicht, zehn Jahre, nachdem die Website ans Netz ging, oder, nach anderer Rechnung - sobald klar ist, welchen Weg das demokratisch-bundesstaatliche Imperium EU einschlägt. Spätestens dann kommt Agrippas Gold auf den Tisch.

Doch zurück ins Zeitalter der Antonine. Welcher Doktrin folgten die Gründer damals? Der Orbis war rund. Expansion war schwierig, mehr noch - das Rund des Orbis war fortwährend von den Rändern her bedroht. Trotzdem gab es zwei konkurrierende Masterplans, den Plan kluger Selbstbeschränkung und innerer Ausformung des Orbis, dem Marc Aurel anhing - und den anderen, vermeintlich genialen, den weltumspannenden Plan, den die Opposition gegen den princeps favorisierte. Dieser Plan lief darauf hinaus, dass in einer gewaltigen eurasischen Zangenoperation die Chinesen von Ost und die Römer mit letzter Kraft von Westen vorstoßen sollten, um sich nach Vernichtung des Reichs Kuschan und des Partherreichs irgendwo in der Mitte zu treffen, unter Anleitung von COT und COR einen Cordon Sanitaire einzurichten, und sodann nur noch gen Nord und Süd sich schützen zu müssen. Marc Aurel hielt solche Planungen auf Distanz. Ganz verbieten konnte oder wollte er sie offenbar nicht. Aber er beauftragte Agrippas Archiv in Köln und nur dieses Archiv allein mit den entsprechenden Berechnungen. Wer sich in anderen Archiven zu solchen Ideen bekannte, wurde umgehend nach Köln versetzt. Dort, wo längst alle Ubier römische Bürger waren und niemand mehr mit einem Mitglied der kaiserlichen Leibwache verwandt oder verschwägert, tobte also die Auseinandersetzung um künftige Strategien, während der Kaiser sich den aktuellen Bedrohungen durch die Barbaren und die Pest widmete. Der reichsweite Konsens ging dahin, dass, wer im Think Tank Köln sich durchsetze, die Gründerstrategie nach Marc Aurels Ableben definieren würde. So nimmt es kaum Wunder, dass der princeps drei successores verschliss, abwechselnd aus der Realistenfraktion und der eurasischen Fraktion, alle jedoch am Kölner Archiv wirkend, und allesamt durch Mord ums Leben kommend, bevor im Jahr 171 pcn Diodor von Bonna gewählt wurde.
Diodor stammte von der Insel Samos, fristete sein Dasein als Chefapotheker und Chirurg am Bonner Legionslager und fand zwischen Kräutersammlung und Amputationen die Zeit, sich am strategischen Diskurs des Kölner Archivs zu beteiligen. Sein Apothekerwissen mag dabei geholfen haben, den Sextus Iulius aus dem Weg zu räumen. Diodor stieg, offiziell und zu Tarnzwecken nunmehr privatisierend, zum praefecten des Kölner Archivs auf und stand somit wohlgemut und debattengestählt als Nachfolger zur Verfügung, als Marc Aurel starb. Zum Glück für das Reich und die Gründer gehörte er zur Realistenfraktion. Er hatte in den Streit die Überlegung eingeführt, dass Roms Infanterie die infrage stehenden Marschdistanzen im wasserarmen Gelände östlich des Zweistromlandes nicht bewältigen könne. Roms Kavallerie würde an der Zahl der Pferde scheitern, die saufen müssten. Und als zuletzt findige Gegner die Idee einer Kamel-Kavallerie aufbrachten, importierte Diodor flugs ein Kamel nach Köln - nicht ausgeschlossen, dass der Kaiser ihm bei dieser Transaktion behilflich war - um das störrische Wesen jener genügsamen Tiere vorzuführen. Und tatsächlich fand sich in dieser Umgebung niemand, der mit Kamelen umgehen konnte, am wenigsten die Ideengeber.

Tatsächlich war das Reich weit entfernt von der Fähigkeit, ganz Parthien zu überrennen, um sich danach mit den Chinesen irgendwo am Indus zu treffen. Das wurde sogleich klar, als Marc Aurel den Thron bestiegen und seinen Adoptivbruder Lucius Verus zum Mitaugustus erhoben hatte. Die Parther hatten vertragswidrig einen ihnen genehmen König für Armenien eingesetzt. Der cappadocische Statthalter Sedatius Severianus war militärisch dagegen vorgegangen und hatte mit seinem Leben gleich auch die gesamte Legion eingebüßt, die er kommandierte. Neben anderen Einheiten wurde nun die gesamte Bonner Legion I Minervia nach Osten geworfen. (Diodor übrigens blieb in Bonn, als Arzt für einige hochgestellte Offiziersfrauen, die nicht im Tross der Legion mitzogen.). Es wurde 166 pcn, bis Rom erstmals seit sechzig Jahren wieder einen Triumph feierte - über die Meder und Parther. Und langsam trudelten dann auch wieder die nach Osten geworfenen Legionen und Hilfstruppen in den Standlagern ein, innig begrüßt von den daheimgebliebenen Lieben - und bald darauf verflucht von allen Nachbarn, denn sie brachten die Pest mit.
Die CCAA büßte ein Drittel ihrer Bevölkerung ein. Die Gründer, die sich, natürlich damals in Unkenntnis des Infektionswegs, einfach aus hygienischen Erwägungen und um das unterirdische Archiv nicht durch Rattenfraß zu gefährden, perfekt gegen Ratten zu schützen wussten, verloren nur zehn bis fünfzehn Prozent ihres Personals. Diodor hat damals unterschiedslos die Anhänger beider Fraktionen verarztet, ohne medizinisch mehr auszurichten, als ihnen das Sterben zu erleichtern. Es soll eine Monographie von ihm vorgelegen haben, wo er penibel den gesundheitlichen Werdegang, die Lebensgewohnheiten und den Krankheitsverlauf von acht Patienten beschreibt, die die Pest überlebten, bis hin zum Wetter am Tag der Krisis und in den Tagen der Besserung. Dass er nach äußeren Umständen forschte, statt sich einzubilden, die Acht selber geheilt zu haben, spricht für ihn. Die Monographie jedoch ist leider verschollen und taucht nur noch in einigen Bibliographien über seine Tätigkeit als princeps auf, unter dem Titel detractio pestis.
 
Zu allem Überfluss gerieten nun auch noch die Stämme nördlich der Donau in Aufruhr, während beide Kaiser, die den Winter 168/169 pcn in Aquileia verbrachten, vor der Pest flohen. Auf dem Weg nach Rom traf der Schlagfluss Lucius Verus. Nun herrschte Marc Aurel allein - was er im Wesentlichen auch vorher getan hatte, nur nicht so offensichtlich. Der Krieg war langwierig, verlief aber siegreich, bis sich im Jahr 175 der syrische Statthalter Avidius Cassius plötzlich zum Kaiser ausrufen ließ, im Irrtum, Marc Aurel sei tot - ein Fehler des Kurierwesens. Heftigst bestreiten die Gründer, hier sei ein Komplott der eurasischen Zangenangriffsplaner am Werk gewesen - und was bleibt mir anderes übrig, als ihnen zu glauben? Marc Aurel jedenfalls kam nicht umhin, mit den Germanenstämmen einen unvorteilhaften Frieden zu schließen, um nach Osten zu marschieren und dort den Aufstand niederzuschlagen. Auch das wiederum gelang. Nun marschierte er zur Donau zurück, um gegen Vandalen, Markomannen, Kostoboken, Jazygen und Quaden sowie Sarmaten zu kämpfen. Inzwischen musste er in Rom privates Luxusgeschirr versteigern, die Steuern in schwindelnde Höhen treiben und darauf verzichten, römischen Neubürgern ihr kleines bronzenes Bürgerdiplom zu überreichen - Bronze war zu teuer geworden. Dermaßen überanstrengt waren die Ressourcen des Reichs. Und das Große Archiv von Rom befand sich seit fast zehn Jahren nicht mehr in Rom, sondern in Frontkäffern, die Carnutum hießen, Sirmium oder Viminacium.

Wieder zurück an der Donau nahm Marc Aurel den Kampf erneut auf. Doch nun wurde das Leben ihm knapp. Sein Sohn Commodus war seit dem syrischen Aufstand bereits Mitaugustus. Noch auf dem Sterbebett nahe Wien flehte Diodor von Bonna seinen Kaiser und princeps an, diese Erhebung rückgängig zu machen, während andere Gründer schmeichelten, es sei ja ganz in ihrem Sinne, den leiblichen Nachkommen Marc Aurels an der Spitze des Reiches zu sehen. Marc Aurels Nerven jedenfalls versagten und er hielt an seinem Entschluss fest, entweder blind vor Liebe zum leiblichen Sohn oder dumm im Kopf von den Schmeicheleien speichelleckerischer Gründer - auch die gab es. Sie kamen, wen wundert’s, aus der eurasischen Fraktion. Sie hofften, einen willfährigen Commodus leicht vom Donaukrieg fort zu locken, um seine Ruhmsucht dann auf den Osten des Reichs und darüber hinaus zu lenken.

In seinen Aufzeichnungen, die princeps Diodor von Bonna mit ironischem Schlenker gegen Marc Aurel dicta successoris principis principisque nannte, erzählt er, wie er versuchte, Commodus seinem kaiserlichen Vater …

“… als einen Kraftmeier und Genussmenschen verständlich zu machen, als jemand, den der Purpur kitzelt, wenn er sich damit den Arsch auswischt … (eine körperliche Drastik, die man wahrscheinlich nur in einem langen Arztleben erwirbt, Anm. d. Hrsg.) … oder ihn zu Füßen angemaßter Triumphzüge auszubreiten. Doch der Einzigartige lächelte nur gequält und verwies auf die guten Erzieher, die er seinem Sohn gegeben habe, so dass am Ende unseres letzten Gesprächs Liebe, Trauer und Wut in meinem Herzen um die Oberherrschaft stritten.”

Der Einzigartige! Nach einem Leben im Krieg voller Reden für den Frieden, nach Seuchen und langwierigsten Feldzügen - deren endlicher Erfolg auch prompt von Commodus in einem grottenschlechten Vertrag verschleudert wird, denn Bubi will nach Rom, Triumph feiern und mit Gladiatoren Armdrücken - nach schwierigstem persönlichem Aufstieg für Diodor und den extremen Steuerlasten, die Marc Aurel dem Reich aufgebürdet hat, nennt Diodor ihn immer noch den Einzigartigen.

Und auch Edward Gibbon, dem ja bei Augustus allerlei durcheinandergeht, nimmt Anlauf im Zeitalter der Antonine, bei Marc Aurels Regentschaft, um den einsamen Höhepunkt Roms zu markieren, bevor er sich dem Niedergang widmet.

Was macht die Epoche einzigartig?

Frieden - so absurd  die Antwort klingt. Aber während der Kaiser Krieg führte, immer an den Grenzen, während hin und wieder ein Aufstand passierte oder sogar desertierte Truppen, im Bündnis mit eingesickerten rechtsrheinischen Germanen, die komplette Legion VIII Augusta in ihrem Standlager Straßburg belagerten, während all dies geschah und zudem noch die Seuche tobte, konnte man in völligem Frieden von London nach Leptis Magna reisen oder von Lissabon nach Jerusalem.

Rechtssicherheit - jawohl, auch in Zeiten der Christenverfolgung. Wer sich nicht selber im Staatsverband isolierte und in die innere Emigration der Christengemeinden auswich, der fand überall im Reich ein faires Gericht. (Abgesehen natürlich von den Sklaven, aber sogar deren Los verbesserte Marc Aurel.)

Charisma - seit Caesar, Augustus und Agrippa hatte es keinen solchen Charismatiker mehr auf dem Thron gegeben. Marc Aurel verband die Fähigkeit zur Repräsentation mit einer solch bescheidenen persönlichen Lebensführung, dass er verehrt wurde - nur nicht von seinem Sohn Commodus, der es albern fand, als Sohn des Kaisers zu leben wie irgendein erbärmlicher Senator. Marc Aurels persönliche Glaubwürdigkeit war über jeden Zweifel erhaben, ebenso wie sein persönlicher Mut. Selbst vor der Pest hatte er sich nur auf Drängen seines Mitregenten aus Aquileia zurückgezogen, bewogen durch das Argument, was denn wohl aus dem Reich werden solle, wenn der Kaiser sich in leichtfertigem Trotz die böse Krankheit fange.

Bei den Gründern bestand sein großes Verdienst darin, den Konflikt zwischen Realpolitikern und Eurasiern lokal zu begrenzen auf Köln - gleichwohl aber dort mit aller Rücksichtslosigkeit ausfechten zu lassen. Und dann die milde hintergründige Steuerung des Verfahrens, man denke nur an Diodors Kamel ...! Auf so was muss man erst mal kommen!

Milde - das Bürgerrecht wurde verliehen, aber “salvo iure gentis”, also unbeschadet des Stammesrechts, ein Rezept, das sich bereits in der CCAA als unwiderstehlich erfolgreich erwiesen hatte. Der civis romanus konnte Bürger werden, ohne dabei die Vorteile seiner Herkunft aufzugeben, ein Verfahren, dass man heutigen Einbürgerungspolitikern für alle EU-Bürger in allen EU-Ländern empfehlen möchte.

Humanität - es gab nicht viele politische Tote unter den Antoninen, und wenn, dann unter jenen, die Roms Herrschaft frech herausforderten - zum Beispiel Christen, die sich jeglicher Teilhabe am Staat hochmütig verweigerten und statt dessen an ihren eigenen Strukturen bastelten, so erfolgreich, dass bald sogar die leicht angewiderten Gründer diese Strukturen zu unterwandern begannen.

Disziplin - ich weiß kein Beispiel eines anderen Herrschers, der die notwendigen Kämpfe führte, obwohl sie ihm persönlich so zuwider waren.

Der Höhepunkt einer Zivilisation. Der Scheitelpunkt der Kurve, nach dem es erst flach, dann immer steiler abwärts geht. Unausweichlich? Die Völkerwanderung sollte kommen, unausweichlich. Die Erstarrung des römischen Wirtschaftslebens im Latifundienbesitz sollte kommen, unausweichlich. Das Erschlaffen von Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit im vermeintlich für immer gesicherten Wohlleben kam gleichermaßen unausweichlich. Wäre es also besser gewesen, in einer letzten Kraftanstrengung gemeinsame Sache mit China zu machen? Oder hätte diese Hybris den Untergang nur beschleunigt? Fragen, die nur im praktischen Versuch hätten beantwortet werden können. Die Tatsache jedoch, dass die Gründer, wohl wissend, dass sie im Zenit standen, dennoch begehrten, nicht schuld zu sein an dem tödlichen eurasischen Experiment, zeigt das Wirken einer frühen Form von Verantwortungsethos in ihren Reihen.

Commodus, nach eigenem Bekunden Inkarnation der Götter Herakles und Mithras, folglich nicht nur größenwahnsinnig, sondern zudem noch ein synkretistischer Matschkopf, der nicht einmal begriff, was zueinander passte,  erwies sich, wie von den meisten erwartet, als Fehlgriff. Pertinax, der nach ihm Kaiser wurde und ein vorzüglicher Kaiser geworden wäre, wurde vom Kölner Archiv durchgesetzt, in dessen Alteburger Nachbarschaft er einst als Kommandeur der frommen und treuen Rheinflotte CGPF gewirkt hatte. Diodor von Bonna war damals schon seit mehr als drei Jahren tot. Sein Nachfolger Cnaeus Cassius war nicht beteiligt an der Ersteigerung des Kaiserthrons durch Didius Severus Iulianus, obwohl der in der CCAA als Statthalter amtiert hatte. Nein, Cassius arbeitete da schon in Pannonien, um den Afrikaner Septimius Severus zur Kandidatur zu bewegen, womit er das Zeitalter der richtigen Soldatenkaiser einläutete, was dem Reich zunächst gar nicht zum Schlechten hin ausschlug.
Aber das passt nun wirklich nicht mehr ins Zeitalter der Antonine. Wir werden nicht mehr lange umhin können, uns der Geschichte und den frühen Strukturen des Christentums zu stellen, dessen Verfolgung und Aufstieg einherging mit dem Untergang Roms.

Das welthistorisch Einzigartige, das hier zerbrach, beschreibt uns Gibbon so:

“Die Politik der Kaiser und des Senats fand glücklicherweise, insofern sie die Religion betraf, Unterstützung durch das Denken der aufgeklärten und die Gewohnheiten der abergläubischen Untertanen. Die verschiedenen in der römischen Welt herrschenden Kulte galten sämtlich dem Volk als gleich wahr, den Philosophen als gleich falsch und der Obrigkeit als gleich nützlich. Toleranz bescherte also nicht nur gegenseitige Nachsicht, sondern sogar religiöse Eintracht.”


Wo Bucholtz irrt:

Karl Bucholtz schreibt in Nota Agrippae, Das Zeitfenster, November 2004
“Die Regierung Bush bastelt am Weltuntergang, indem sie von Demokratie spricht und von Werten - in Wahrheit jedoch ein neues amerikanisches Jahrhundert meint, oder, noch präziser, Vermögensvorteile für ein paar Dutzend mit Öl-, mit Rüstung und Bauwirtschaft verbandelter Familien.
Bei ihren Unterstützern aus dem ultraprotestantischen Bible Belt kann man sich da nicht ganz so sicher sein. Von denen arbeiten manche genauso reinen Herzens und ohne persönlichen Vorteil auf die Apokalypse hin, wie die Islamisten. Diese christlichen Apokalyptiker nehmen die Geheime Offenbarung, den antirömischen Propagandatext des Johannes, wörtlich und träumen von der letzten Schlacht um Gut und Böse, ums Himmlische Jerusalem (verortet natürlich in Israel), kurz gesagt von Armageddon. Um nun gleich alle sabbernden Spekulanten des Okkulten zum Schweigen zu bringen: Natürlich sind wir die Hure Babylon. Wir, die Gründer. Wir sind das Tier, sind 666 - kein Wunder, war doch der gute Johannes ein abtrünniger Gründer, desertiert aus Protest gegen unsere Religionspolitik. Warum betrieben wir diese brutale Politik? Wir haben die Monotheisten bekämpft, weil sie Einheit erzwingen wollten, wo es Vielfalt gab. Sie sind uns entwischt. Doch als sie glaubten, sie hätten endgültig gesiegt, hatten wir sie längst infiltriert. An dieser Politik des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, an den barbarischen Christenverfolgungen, die wir geschehen ließen, gibt es aus heutiger Sicht natürlich eine Menge zu kritisieren, doch im Wesentlichen verlaufen die Grenzlinien noch heute genauso wie damals: Wir traten für ein rationales Herrschaftsethos ein. Sie traten für den Gottesbezug der Herrschaft ein. Wir wollten das Leben gestalten. Sie wollten den Skandal des Todes erträglich machen. Wir hielten Gott für die Erfindung des Menschen. Sie hielten den Menschen für das Geschöpf Gottes.“

Tatsächlich war die Barbarei der römischen Christenverfolgung, gemessen in Zahlen, nicht gar so umfangreich, wie das Bekenntnis des successors oben nahe zu legen scheint. Folgen wir wiederum Gibbon, der in Verfall und Untergang des römischen Imperiums, Bd. 2, S. 292 ff. beispielsweise für die gesamte diocletianische Christenverfolgung etwa 2000 Opfer berechnet - in zehn Jahren. Und das war eine der grausamsten Verfolgungsperioden! Sie wetteifert mit jener unter Kaiser Decius wohl um den ersten Platz in der Rangfolge der Scheußlichkeit. Insgesamt ergeben die Opferschätzungen für dreihundert Jahre römischer Christenverfolgung maximal hundert-, eher um die fünfzigtausend Tote. Jedes dieser Opfer war eines zuviel, zweifellos - doch messen wir ihre Zahl am späteren Wüten der katholischen Inquisition oder an den Opferzahlen der Zwangsmissionierung Südamerikas, dann erschließt sich das heute noch geläufige Märtyrerpathos der Christen nur noch als Output des effizientesten Propagandaapparats der Weltgeschichte.
Dennoch kann man ihnen nicht absprechen, dass sie ihre frühen Erfolge aus einer Position völliger Ohnmacht und manchmal unter brutalem Verfolgungsdruck erzielten. Diese Unschuld des frühen Erfolgs beweist mehr Überzeugungskraft, als manch andere Religion für sich in Anspruch nehmen kann. Aus ein paar Dutzend Fischern und Zimmerleuten in Galiläa wurden bis Constantin gut fünf Prozent der Gesamtbevölkerung des Imperiums. Mit Einsetzen der constantinischen Förderung, die ja bereits an Staatskirchentum grenzte, brachen dann alle Dämme. Es war nicht mehr lächerlich oder sogar gefährlich, Christ zu sein. Es wurde schick und nützlich. Aber damit war natürlich sofort die bisherige Unschuld des Erfolgs dahin. Gegen den Strom erfolgreich zu sein, tapfer zu bekennen, was alle anderen für gemeinen Unfug halten - das ist die Leistung, um die wir uns hier zunächst kümmern.

Im Kern war das Erfolgsrezept simpel: Endzeiterwartung. Wurzelnd im jüdischen Messianismus glaubten die frühen Christen, das Ende der Welt sei nah. Und gaben nicht die immer heftigeren Turbulenzen, in die Rom geriet, ihnen Recht? Wurde der Verfall des Imperiums nicht offensichtlicher mit jeder Generation? Rom war die Welt und die Welt ging unter. Die allgemeinen Lebensumstände verschlechterten sich - mit kleinen Atempausen - so rasch und schlimm, dass bald auch der Trost verloren ging, die Kinder würden es einmal besser haben ... . Vor diesem Horizont entfaltete das Konzept eines klar geregelten Lebens nach dem Tod beträchtliche Verführungskraft. Und mit dem Angebot der Götter Roms, das sah man ja tagtäglich, konnte es nicht weit her sein.

Trotzdem wollen wir den antiken Polytheismus wenigstens kurz streifen am Beispiel der CCAA, wo ja zahlreiche ethnische Poytheismen friedlich koexistierten mit dem jüdischen Monotheismus. Der frühe Agrippakult der ubischen Leibwächter war zum fraglichen Zeitpunkt erloschen. Die Gründer selber hatten ihn abgeschafft. Im Nachhinein war das vielleicht ihr dümmster religionspolitischer Fehler. Zum vergöttlichten Agrippa zu beten, Bitte und Dank an ihn mit erhitzen Goldlettern in Wachs zu drucken - war das nicht ein hübscher Ritus? Eine menschenfreundliche Verknüpfung von Kultur und Natur und vor allem so ungemein lebensbejahend im Vergleich zum Knochengerappel christlicher Reliquienkammern? Wie viele Anhänger hätte ein Gott gefunden, der, als er noch auf Erden wandelte, das Pantheon erbaute, den allen Göttern geweihten Tempel? Aber nun gut, die Chance war vertan und wir können nur spekulieren, wie Rom sich entwickelt hätte, hätten die politischen Gründer den Bestand und die Verbreitung eines ihnen eng verbundenen Kultes geduldet oder sogar begünstigt. Schade drum. Heute haben wir nur noch Agrippas wiederaufgebautes Pantheon - und sogar dem haben Christen die Bronze gestohlen für Berninis Hochaltar in Sankt Peter.

Wie jede römische Stadt war Köln politische und kultische Gemeinschaft zugleich, und öffentliche Ämter deckten sich, überschnitten sich oder vertrugen sich zumindest leidlich mit Priesterämtern. Am ausgeprägtesten galt das natürlich bei den Priesterämtern des griechisch-römischen Pantheons. Weniger ausgeprägt traf es auf die ubischen und sonstigen gallo-germanischen Kulte zu - und am allerwenigsten bei jenen Religionen, die Legionäre und Händler aus dem Osten des Reichs mitbrachten. Trotzdem erlaubte der Rat zum Beispiel Anhängern der ägyptischen Göttin Isis, auf Kolonieland einen Altar aufzustellen. Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: Von Erde und Himmel stammen Osiris und Seth, Isis und Nephthys ab. Seth ermordet seinen Bruder Osiris. Isis gelingt es, von ihrem toten Bruder befruchtet zu werden und gebiert seinen Sohn Horus - mit dem sich die Pharaonen identifizierten, inzwischen zwar besiegt, aber zuvor Roms ausgepichte Feinde. Betrachtet die römische Kolonie diesen Kult der Isis nun als staatsfeindlichen Akt? Keineswegs - der Rat der Stadt Köln stellt Land für einen Altar zur Verfügung. Das war Rom.

Auch Köln hatte natürlich sein Kapitol, wie Rom und jede seiner Kolonien. Hier opferten die Priester der kapitolinischen Trias: Iupiter den Stier, Iuno und Minerva die Kühe. Im Marstempel wurde Caesars Schwert aufbewahrt, das Vitellius bei seinem Usurpationsversuch nach Neros Tod politisch missbraucht hatte. Apollo wurde verehrt und Mercur, der den Römern ebenso heilig war, wie dem gallogermanischen Raum. Außerdem Iupiter Dolichenus, dessen kleinen Tempel nicht die Gemeinde unterhielt, sondern die Statthalter, und zwar in erster Linie für ihre persönliche Leibwache. Der Feiertag des divius Claudius, des Namensgebers der Kolonie wurde am 1. August begangen. Der Geburtstag des göttlichen Augustus selbstverständlich am 23. September, während die kultischen Handlungen für Agrippina mit ihrer Ermordung beendet worden waren, nicht weil es an Verehrung gefehlt hätte, sondern weil die Kolonie es sich nicht leisten konnte, Rom zu verärgern. Zu diesen religiösen Feiertagen, wie zu den Gründungstagen der großen Tempel gab es öffentliche Opfer, Prozessionen, seltener wohl Spiele, denn die waren teuer.
Einmal pro Jahr trafen sich Abgeordnete aller Siedlungen der Kolonie südlich des Praetoriums, um dem regierenden Kaiser zu opfern. Als der kaiserliche Legat Tarquitius Catulus das Praetorium renoviert hatte, ließ er in seinem Statthalterpalast den Dii Conservatores einen Altar aufstellen. Zahllos waren die Weihesteine, die innerhalb kleiner privater oder halbprivater Heiligtumsbezirke dem Hercules, dem Vulcanus, dem Silvanus oder auch Iovi Optimo Maximo, dem besten und größten Iupiter huldigten, ganz zu schweigen von der gallischen Bellona, der Mater Magna, und den buchstäblich ungezählten Matres und Matrones, meist in Dreiergruppen belegt, den Mutter-, Acker-, Kriegs-, Stammes-, Glücks-, Liebes-, Wald-, Sippen-, Rhein-, und Schutzgöttinnen, die die Ubier so liebten. (Vielleicht entsprang ja die spontane Verehrung für den vergöttlichten Feldherrn Agrippa einem latenten ubischen Bedürfnis, diesen weiblichen Gottheiten neben dem Iupiter eine weitere männliche Gottheit beizugesellen - andererseits kann dieses Bedürfnis so latent nicht gewesen sein, sonst hätte sich nach Erlöschen des Kultes leicht ein anderer Kandidat aus dem römischen Pantheon gefunden.)
Dionysos wurde verehrt - sicher privat und nicht im Rahmen der Staatskulte, auch wenn das grandiose Mosaik im RGM eine Verquickung von öffentlichem und privatem Kult zumindest nicht ausschließbar macht, denn wer sich ein solches Kunstwerk in den Fußboden puzzeln ließ, der musste großen wirtschaftlichen und politischen Einfluss genießen. An vielen Orten tötete Mithras den Stier. Nehalennia, der man im Rheindelta für die sichere Seereise nach Britannien opferte, wurde in Köln ebenso verehrt. Venus, Fortuna, Bacchus und die orientalische Kybele - ihre Ton- und Bronzestauetten für den Hausgebrauch waren industrielle Massenware. Eine besondere, ubische Ausprägung des Iupiter, zu dessen Attributen ein achtspeichiges Rad gehörte, hatte einen Tempel am Kleinen Griechenmarkt.

Keiner dieser Kulte beanspruchte Exklusivität. Exklusivität der Verehrung beanspruchte allein der Gott der Juden - doch sie begnügten sich damit, sich selber für die alleinigen Besitzer der Wahrheit zu halten. Der Drang, in die Welt hinauszuziehen, um aktiv die Völker des Orbis religiös zu unterweisen, war ihnen völlig fremd. Nicht im mindesten beschädigten oder bedrängten sie die Formenvielfalt religiöser Verehrung, in deren Mitte sie nach den eigenen Ge- und Verboten lebten. Das Element der sich auf alle anderen erstreckenden metaphysischen Herrschsucht, das dem Christentum innewohnt - fehlt hier.

So, wie in unserer aktuellen Zeitenwende ausgestorbene Pflanzen- und Tierarten katalogisiert werden, so unternimmt Werner Eck, Köln in römischer Zeit, 491-495 den Versuch, die vergessenen Götter der CCAA aufzulisten, des heutzutage Heiligen Kölns, wo sie als Urbilder der christlichen Dämonologie, als Figuren und Inschriften ihr schwaches Nachleben führen. Ich finde den Einfall bestechend, zumal am Archivum Agrippae. Namentlich bezeugt sind also nach Eck, wenn ich richtig zähle, hundertsiebenundvierzig verschiedene Gottheiten - nur für das städtische Gebiet der Kolonie. Nur für diese eine Kolonie im Westen des Reiches.

Das vermittelt uns zumindest eine Ahnung jener Vielfalt, über deren Auslöschung das Christentum bald sein großes Amen sprechen wird.


Erfolgsrezept:

Und das war nur Kölns bescheidene Vielfalt, deren Verschwinden wir hier würdigen. Dabei war Köln zwar durchaus Provinzhauptstadt, Sitz des Archivum Agrippae und später unmittelbare Nachbarin der Kaiserstadt Trier, doch mit dem religiösen Reichtum von Alexandria oder gar Rom konnte es sich nicht messen. Was dort verlorenging spottet jeder Beschreibung. Die Damen und Herren Auftraggeber möchten sich hierzu nicht äußern - ich persönlich jedoch wage zu bezweifeln, ob die frühmittelalterliche Welt des östlichen und nordafrikanischen Orbis - selbst wenn wir eine unveränderte Völkerwanderung unterstellen - vom monotheistischen Gewaltsturm des Islam so rasch überrannt worden wäre, hätte die frühere religiöse Vielfalt noch existiert. Noch grundsätzlicher wäre zu fragen: Wäre der Islam überhaupt entstanden, wenn es vor ihm nur das Judentum als erste und einzige Buchreligion gegeben hätte? Vorbei.

Die ersten, damals noch bescheidenen, Christen, dürften bereits vor Nero nach Köln gelangt sein - unbemerkt oder ignoriert von den Gründern der CCAA, die nach dem Ende des Agrippakults in religiösen Dingen indifferent blieben. Gewiss hatte man auch in Köln die Kreuzigung des Mannes Jesus zur Kenntnis genommen. Wahrscheinlich hielt man sie für ein Problem des jüdischen Messianismus, ja nahm das frühe Christentum generell als neue jüdische Sekte wahr. Dass der legat Gallio, biblisch verbrieft und außerdem belegt in Dossier Petrus schon als Proconsul der Provinz Achaia über den Apostel Paulus zu Gericht gesessen hatte, wurde am Kölner Archiv allenfalls beiläufig registriert. Es war ja auch keine wirklich große Sache, nicht einmal in der Apostelgeschichte:

“Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, brachten ihn vor den Richterstuhl und sagten: Dieser verführt die Menschen zu einer Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt. Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: Läge hier ein Vergehen oder Verbrechen vor, ihr Juden, so würde ich eure Klage ordnungsgemäß behandeln. Streitet ihr jedoch über Lehre und Namen und euer Gesetz, dann seht selber zu! Darüber will ich nicht Richter sein. Und er wies sie vom Richterstuhl weg.” Apostelgeschichte 18, 12-16

Auch das erste Zweckbündnis der Gründer mit dem Christentum, das gemeinsame Vorgehen von princeps Vorenus und den Aposteln Petrus und Paulus gegen das Jerusalemer Jacobusunwesen, hat Kölns Gründer nur am Rand interessiert. Vielleicht hat man die lokalen Christen gezählt, um die Größe des Problems zu beziffern, das sich aus der Etablierung einer Priesterdynastie der Brüder Christi theoretisch entwickeln konnte. Das mag schon sein, obwohl es nicht dokumentiert ist. Die Leitung der Operation jedenfalls, in deren Folge Petrus seiner Kreuzigung entging und an seiner Stelle ein Doppelgänger gekreuzigt wurde, diese Leitung lag beim princeps und beim Großen Archiv, nicht in Köln. Allenfalls, dass Köln über den Erfolg informiert wurde, dürfen wir annehmen.

Ansonsten erlebten auch die Christen Kölns vor ihrem Aufstieg alle Verfolgungsphasen, die einer Religion drohten, die sich um den offiziellen Status einer religio licita niemals auch nur bemüht hatte. Da war nicht viel zu merken von den Worten Christi: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!
Und so verfolgte Nero sie, in schauderhafter Verlogenheit, nicht als Christen, sondern als vermeintliche Brandstifter Roms. Traian wies die Behörden an, nach Christen nicht eigens zu fahnden, sondern überhaupt erst tätig zu werden, wenn namentlich unterzeichnete Anzeigen wegen Verstössen gegen die öffentliche Ordnung vorlagen. Bald schon wurden die Christen selber intolerant und verfolgten in ihren Reihen Gnostiker, die eine Symbiose von Christentum mit heidnischer Philosophie und Religion anstrebten. Unter dem Einfluss dieses Geschehens verstieg sich Gründerkaiser Marc Aurel dazu, gegen Christen auch anonyme Anzeigen zuzulassen - wahrlich kein Ruhmesblatt. Von entsprechenden Anzeigen speziell in Köln wissen wir aber nichts. Seit Maximinius Thrax und Decius gab es dann auch in Köln eine dauernde Verfolgung der Christen verbunden mit dem Zwang, sich zu ihrem Glauben entweder zu bekennen und dafür zu sterben - oder aber zu widerrufen. Die an den Grenzen verzweifelt kämpfenden Heere erwarteten von der Zivilbevölkerung zumindest die Geste eines religiösen Bekenntnisses zur Reichseinheit. Und so wurden viele abtrünnige Christen zu sacrificati (solchen, die geopfert hatten), thurificati (solchen, die wenigsten etwas Weihrauch auf den Altar gestreut hatten) oder libellatici (solchen, die sich auf irgendeinem Weg eine Opferbescheinigung verschaffen konnten). Die standhaft Gläubigen starben auf der Folter. Nach dem neunzehnten Regierungsjahr Diocletians erreichten die Verfolgungen einen traurigen Höhepunkt, verschärft noch einmal im unmittelbaren Machtbereich von Galerius. Unter Constantin dem Großen schaffte das Christentum es beinahe bis zur Staatsreligion. Und Der Kleine Pauly schreibt sv. Christenverfolgung:

“Die Stellung, die der christlichen Kirche damit eröffnet wurde, war auch durch den Rückschlag unter Iulianus Apostata (361-363 Entzug aller Privilegien aber keine Hinrichtungen) nicht mehr zu erschüttern; fortan vertrat sie die Staatsreligion und sah sich unvermeidlich immer wieder mit Problemen der politischen Häresie konfrontiert, wie sie selbst sie den Sachwaltern der röm. Staatsgötter 3 Jh. lang gestellt hatte.”

Die erste Teilung der kölnischen Christengemeinde erfolgte um 100 pcn - von diesem Zeitpunkt an gab es also mehrere Presbyter. Der erste Bischof Kölns, von den Gründern um 130 pcn datiert, trug noch den gut heidnischen Namen Apollonius. Um 180 schreibt Bischof Irenäus in Lyon von den Bischöfen Kölns, ohne Namen zu nennen. Und erst mit Maternus im Jahr 313 pcn, der uns noch einmal im Zusammenhang mit Kaiser Constantin dem Großen begegnen wird, ist ein Bischof Kölns der allgemeinen Geschichtsschreibung namentlich bekannt. Da lag die Zeit der Verfolgungen weitestgehend hinter den Christen. Die heroische Geschichte der Thebäischen Legion gehörte allerdings ebenso ins Reich der Legenden, wie die oft versuchte zeitliche Einordnung des Martyriums der Elftausend Jungfrauen unter Diocletian. Die Christen hatten eine ganze Welt von lokalen mythologischen Bezügen abgeschafft - nun gingen sie daran, durch Verehrung (und manchmal eben auch Erfindung) von Märtyrern, durch farbige Ausgestaltung von Heiligenlegenden, neue lokale Anknüpfungspunkte für das religiöse Gefühl zu erzeugen. Eine erfolgreiche Strategie. Eine ihrer zahllosen erfolgreichen Strategien, die spätestens unter Diocletian die Gründer veranlassten, sich mit jenen, die nicht mehr zu besiegen waren, endgültig zu verbünden.

Was machte die Christen so erfolgreich?

Zunächst, ich hatte es erwähnt, der Endzeitglaube, der in der Geheimen Offenbarung Iohannis, einer von vielen schriftlich fixierten Apokalypsen, seine kanonische Formulierung fand. Interessant, dass ausgerechnet der Text eines abtrünnigen Gründers das Rennen machte und in den endgültigen Kanon der Bibel aufgenommen wurde, statt apokryph zu bleiben. Bucholtz versichert mir lebhaft die gänzliche Unschuld der Gründer hieran - keine Ahnung, warum er so viel Wert darauf legt. Aber zurück zur Endzeiterwartung: Die Völkerwanderung brandete an alle Grenzen und überschwemmte ganze römische Provinzen. Die Verwaltung wurde stetig korrupter. Wie vor Augustus, dem bösen Vater, war der Machterwerb durch Bürgerkrieg wieder gang und gäbe. Die Steuern drückten immer mehr - bei gleichzeitiger Inflation. Gegen all dies und vieles andere halfen die alten Götter nicht. Natürlich half auch der neue Gott nicht - aber er hatte den Charme alles Neuen und konnte zunächst einmal ausprobiert werden. Als erste Skeptiker dann feststellten, wie untätig bei der Rettung Roms, der Rettung der Welt, auch der neue Gott blieb - da war die Kirche schon mächtig genug, solchen Häretikern den Garaus zu machen.

Die Konzentration. Diesen Charme muss man dem Christentum nun wirklich zubilligen. In einer toleranten Welt, die alle Kulte gleichermaßen duldete, solange nur auch dem Kaiser geopfert wurde, in der unendlichen Vielfalt dieser Welt, musste auch das schlichteste Gemüt sich irgendwann die Frage stellen, ob denn alle diese Kulte gleich nützlich sein konnten, ob wirklich alle diese Götter existierten - oder ob man nicht unterscheiden müsse, zwischen wahr und falsch, vorhanden und erfunden. Dieses Problem wurde vom Christentum gelöst. Im Christentum hieß es: Wir sind auf dem rechten Weg, alle anderen Religionen sind gotteswidrige, unmenschliche Abscheulichkeit.
Wer es schafft, sich und andere so überzeugend zu belügen, hat meist schon gewonnen.

Das Konzept des Gottessohnes. Zunächst verdächtigt man ja die Dreieinigkeit des neuen Gottes als Aufweichung seines monotheistischen Grundgedankens - und nicht umsonst wurde ja gerade die Anzahl der Naturen Gottes zum immerwährenden theologischen Streitpunkt. Aber die Sache mit dem Gottessohn war genial. Wahrscheinlich der entscheidende Vorteil gegenüber dem Judentum. Das Judentum mit seinem wirklich und wahrhaftig einen strengen Gott war vielen Heiden suspekt. Dass aber Götter Kinder hatten - unter anderem mit sterblichen Menschen - war pure Selbstverständlichkeit. Ich nenne hier nur einen von vielen: den Heroen Hercules. Der neue Gott der Christen hatte also eine Liaison mit der sterblichen Frau Maria. Diese hatte von ihm ein Kind empfangen. War die Unbeflecktheit der Empfängnis für den interessierten Heiden verstörend? Ich denke nicht, denn auch Zeus pflanzte sich ja gelegentlich ohne Penetration fort, nehmen wir nur den Goldregen, in dessen Gestalt er über Danae kommt. Nun hatte also Maria ihren ersten Sohn geboren, Gottes Sohn, einen Halbgott. Das war nicht so besonders neu. Das funktionierte eher als vermittelndes Element zwischen Christentum und Heidentum. (Zugleich war es natürlich der psychologische Zugang des Menschen Jesus in die Geschichte des Christentums. Er konnte ja schlecht herumlaufen und verkünden: Ich bin Gott. Hingegen - ich bin Gottes Sohn - das war schon eine andere Sache. Das kam glatt über die Lippen, und ergänzte sich im Rahmen der Judenmission wunderbar mit dem Anspruch: Ich bin der Messias.)

Die Umkehrung des Opfers. Dass man den Göttern zu opfern hatte, dass Teile des Opfers für bedürftige Menschen bestimmt waren - kam in vielen Kulten vor. Dass aber Gott sich selber in Gestalt seines Sohnes für den Menschen opferte, das war in dieser Rigorosität sensationell. Wenn auch nicht völlig neu. Das sensationelle Neue hatte ein höchst vertrauenerweckendes heidnisches Urbild, den Prometheus, der den Menschen seine Erfindung schenkt und dafür von den eifersüchtigen Göttern grausam bestraft wird.
Ob der Mensch Jesus seinen Tod am Kreuz von Anfang an einbezog in sein Kalkül? Ob die Verurteilung einfach passierte in den politischen Wirrnissen des Gelobten Lands kurz nach und kurz vor dem Aufstand? Jedenfalls gab es treue Anhänger und am Ende wohl ein leeres Grab. Geheimnis des Glaubens: Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir ...

Das Versprechen. Ewiges Leben. Nicht irgendein Schattendasein im Hades, sondern leibliche Auferstehung von den Toten. In den Himmel mit den Guten, in die Hölle mit den Bösen. Letzteres mag der Punkt gewesen sein, an welchem das Christentum auch seinen Kritikern erstmals als staatspolitisch nützlich erschien.

Die Auswahl des kultischen Mysteriums. Nicht irgendein Ringelpiez im Hinterzimmer des Tempels. Auch keine rauschhafte Inbesitznahme des öffentlichen Raums. Nein, ergreifend schlicht: Brot und Wein, Leib und Blut Christi. Gott nährt die Welt. Gott gibt seinen Kindern zu essen. Und bei aller Schlichtheit, ist die Vorstellung, Gott aufzuessen, von subtiler Erotik.

Die Menschen. Ihnen wollen wir nicht zu nahe treten, den ehrlich Gläubigen, die sich ein Leben lang anständig verhielten und zum Vorbild wurden in einer verwirrten Zeit. Die Ehrlichen, die Gerechten, Gütigen, die Tapferen angesichts von Verfolgungsdruck und Todesdrohung - sie haben vielleicht am meisten beigetragen zur raschen Ausbreitung des Christentums.

Und was war der Ausbreitung dieser neuen Religion hinderlich? Sicher der freiwillige Selbstausschluss vom öffentlichen Leben, der zunächst zwangsläufig mit ihr einherging. Wer Christ war, hatte nur den einen, dreieinigen Gott. Keinen Gott sonst. Auch nicht den Kaiser. Und da im späten Rom das gesamte öffentliche Leben auf den Kaiserkult hin strukturiert war, als bindendem Element in einem überaus vielfältigen Imperium, hielt sich der Christ dem öffentlichen Leben notgedrungen fern, so fern, dass er den Nichtchristen vielfach als Feind des Menschengeschlechtes galt.
Wie wichtig der Aspekt des nicht erbrachten Opfers war, zeigt die Christenverfolgung unter Kaiser Decius und in deren Folge die Entstehung der abtrünnigen Gruppe sogenannter libellatici.

Man kann wirklich nicht behaupten, die Christen hätten es sich leicht gemacht. So schreibt Gibbon, Verfall und Untergang ..., Bd. 2, S. 140 ff:
“Die unzähligen Gottheiten und Riten des Polytheismus waren aufs engste verwoben mit allen Umständen der Geschäfte und der Vergnügungen im öffentlichen wie im privaten Leben, und es schien unmöglich, ihnen die Achtung zu verweigern ohne gleichzeitig dem Umgang mit anderen Menschen und allen Ämtern und Ergötzlichkeiten der Gesellschaft zu entsagen. ... Der Christ, der die Gräuel des Circus oder des Theaters mit frommem Schauder mied, sah sich bei jedem Gastmahl von höllischen Fallstricken umgeben, sooft seine Freunde unter Anrufung der gastlichen Götter einander Trankopfer auf das gegenseitige Wohl darbrachten...”

Und weiter, Verfall und Untergang ..., Bd. 2, S. 169 schreibt Gibbon:
“Diese gleichgültige, ja fast schon kriminelle Geringschätzung des Staatswohls setzte sie der Verachtung und den Vorwürfen der Heiden aus, die häufig wissen wollten, wie es wohl um das Schicksal des auf allen Seiten von Barbaren bedrängten Reiches bestellt wäre, wenn alle Welt die kleinmütige Gesinnung der neuen Sekte annehmen würde. Auf diese kränkende Frage erteilten die christlichen Apologeten dunkle und zweideutige Antworten, weil sie nicht willens waren, den geheimen Grund für ihre Sorglosigkeit preiszugeben, ihre Erwartung nämlich, dass es, ehe noch die ganze Menschheit bekehrt sei, ohnehin ein Ende nehmen würde mit dem Krieg, der Regierung, dem Römischen Reich und der ganze Welt.”

Während ebendieser Jahrzehnte und Jahrhunderte bauten die vermeintlich so weltfremden Christen eine effiziente Hierarchie aus Türstehern, Exorzisten, Subdiakonen, Diakonen, Presbytern und Bischöfen, die dem Presbyterkollegium vorsaßen und ihrerseits teilnahmen an Provinzial- und schließlich Reichssynoden. Teils lernten sie das von den Gründern, teils war diese Lernbereitschaft für die Gründer Anlass zu sagen: Mit denen - man muss sie ja nicht mögen - kann man aber am Ende arbeiten.

Anfang vom Ende

Um es gleich vorwegzunehmen: Ab hier wird die Schilderung unerfreulich. Wer Buch führt und aufschreibt, was war, selbst wenn es sich um einen deprimierender Kassensturz der Weltgeschichte handelt, der möchte doch immerhin auf ein Ziel hin erzählen, möchte zum Schluss ein Ergebnis präsentieren, ein Fazit. Wir jedoch werden sehen, wie nun alles zerfranst und zerfasert, wie alles gewaltsam noch einmal und noch ein letztes Mal und noch ein wirklich allerletztes Mal an der Katastrophe vorbeigesteuert wird, mit vorletzter und allerletzter Kraft. Vom Gelingen ist nun wahrlich keine Rede mehr. Nein - so schön kann sich auch die selbstverliebteste christlichste Nabelschau diese Epoche nicht lügen! Wir werden ein paar ergötzliche Monstrositäten erzählen. Wir werden dieselben Fehler sich immer und noch einmal wiederholen sehen und ein paar verbliebene Illusionen einbüßen über die Lernfähigkeit des Menschen - zumal des mächtigen Menschen. Die Bemühungen der Gründer sind bis Diocletian ernüchternd vergeblich. Die gesamte Ära der Soldatenkaiser ist ein Fiasko am Rand des Abgrunds. Und das Schicksal der CCAA ist im Grunde besiegelt und mündet in die dunklen Jahrhunderte, in denen Agrippas Archiv von seiner chaotischen Umgebung reduziert wird auf reine Existenzsicherung.

Dass Marc Aurel die Christen wenig schätzte, versteht sich für einen Stoiker von selber. Bedeutsamer für die Zukunft des Reichs und des Archivum Agrippae war jedoch die letztendliche Weigerung des Gründerrates unter seiner Führung, sich mit dem Orakelrat zu verbünden zu jener eurasischen Zangenbewegung, die Rom, bei Lichte besehen, ohnehin kaum noch hätte bewältigen können. Der Orakelrat zeigte hierfür wenig Verständnis, und die Beziehungen kühlten ab. Ausrechnet die Gelbe Pagode im Herzen des in sich ruhenden Reiches der Mitte verübelte Rom dessen aus blanker Not geborene Zurückhaltung. Ein Gewicht mehr auf der Waagschale des Untergangs, denn man weiß nicht, ob die Völkerwanderung mit gleicher Wucht über das Imperium hereingebrochen wäre, hätte sich der Verbündete am östlichen Rand der eurasischen Platte aktiver gezeigt. China hätte sich den Hunnen ganz anders widmen können, als das geschah. Und wären die Hunnen nicht gen Westen geritten, wären die Völker der eurasischen Platte nicht wie die Dominosteine eins nach dem anderen zu Flucht und Wanderschaft aufgebrochen. Vielleicht hätte Rom dann die innere Krise bewältigt.

Ein Symptom dieser inneren Krise, das uns ab jetzt unentwegt in verschiedensten Konstellationen begegnet, ist die Aufsplitterung kaiserlicher Macht. Dieser organisatorische Umbau vollzog zwar nach, was die Gründer längst vorgemacht hatten - man muss jedoch betonen, dass die Gründer der nächsten zweieinhalb Jahrhunderte aus ihren verteilten Machtzentren wesentlich disziplinierter und erfolgreicher operierten als die Kaiser. Das Prinzipat war einst unter Caesar und Augustus entstanden, weil der Senat, diese überdimensionierte Stadtverwaltung, strukturell überfordert war - nicht erst mit der Bewältigung von Krisen, sondern schon bei der alltäglichen Verwaltung eines expandierenden Weltreichs. Was wir nun sehen. ist der Abwehrkampf eines schrumpfenden Weltreichs. Wir sehen einen orbis, der ständig an jedem Punkt seiner Grenze bedroht ist, so bedroht, dass eigentlich der Kaiser überall zugleich eingreifen müsste. Folglich waren die Kaiser - zumindest die besseren unter ihnen - bestrebt, die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen - durch Machtteilung, zum Beispiel unter ihren Söhnen.

Beginnen wir mit Septimius Severus, nicht dem schlechtesten unter Marc Aurels Nachfolgern. Er ging beim Versuch der Machtteilung bereits systematisch und recht geschickt vor. So ließ er seine beiden Söhne, Caracalla und Geta, schon im Knabenalter abbilden auf einem Aureus, der in der Gertrudenstraße 14 in Köln gefunden wurde. Ein schönes Beispiel programmatischer Staatsikonographie. Leider blieb es beim Programm, denn in der Paxis ermordete Caracalla 211 pcn seinen jüngeren Bruder, einen freundlichen und beherrschten Menschen, der beste Anlagen für seine große Aufgabe mitbrachte. Nicht genug mit dem Mord befahl er auch die Eradierung von Getas Namen aus allen Inschriften des Imperiums. Wenigsten dabei machten die Gründer nicht überall mit, nachdem sie den Mord nicht hatten verhindern können. Das Archivum Agrippae sperrte sich - und so ist uns die Inschrift vom 211 pcn erneuerten Tempel des Iupiter Dolichenus vollständig erhalten, ein rührender, trotziger Akt des Widerstands gegen die Fakten:

“Iovi Optimo maximo Dolicheno pro salute imperatorum Caesarum Marci Antonii Pii Augusti et Publi Septimi Getae Pii Augusti et Iuliae Augustae matris Augustorum ...”

Eigentlich hätte, nach dem Willen Caracallas, Getas Namen ausgemeißelt werden sollen. Der niedergermanische Statthalter Lucius Lucceius Martinus jedoch, der den Tempel erneuern ließ, widersetzte sich mit Rückendeckung des Kölner Archivs. So weit, so nutzlos.

Caracalla ging in die Geschichte ein als Bauherr grandioser Thermen und derjenige Kaiser, der allen Einwohnern des Imperiums das römische Bürgerrecht schenkte. Das war jedoch weniger ein Akt von Großmut, als vielmehr perfide Geldbeschaffung, weil nun plötzlich sämtliche Neubürger die römische Erbschaftssteuer zahlen mussten, die Caracalla außerdem von fünf auf zehn Prozent der Erbmasse verdoppelte. Wir handeln sie jetzt hurtig ab, die Kaiser!

Caracallas Mörder und Nachfolger, der Prätorianerpräfekt Macrinus, war der erste Kaiser nichtsenatorischen Standes. Wenn nach ihm trotzdem beim Volk noch ein bisschen Ehrfurcht vor der kaiserlichen Würde vorhanden gewesen sein sollte, so verspielte Elagabal diesen Rest. Elagabal ernannte einen Tänzer zum Stadtpräfekten, einen Wagenlenker zum Wachpräfekten und vertraute die Getreideversorgung Roms einem Barbier an. So weit, so fragwürdig. Noch fragwürdiger werden diese Ernennungen dadurch, dass sie ausnahmslos, wie uns Lampridius in Historia Augusta, Elagabal, 12, 2 berichtet, “pro enormitate membrum” erfolgten, also weil die Ernannten besonders große Schwänze hatten. Wenn das keine Qualifikation für öffentliche Ämter ist!
 
Da werten wir es fast schon als Zeichen von Ernsthaftigkeit, dass ab 230 pcn unter Severus Alexander die erste große Welle germanischer Stämme an Rhein und Donau brandete - und tatsächlich noch auf Widerstand traf. Die Alemannen drangen ein, obwohl die Germania Inferior zunächst verschont blieb. Als Maximinus Thrax mit pannonischen Einheiten zum Rhein abkommandiert wurde, um gegen die Germanen vorzugehen, erhob er sich in Mainz erfolgreich gegen den Kaiser - und während sich noch zwei weitere Gegenkaiser am Rhein balgten, war der spätere Kaiser Decius Statthalter Kölns und organisierte mithilfe der Gründer ein bisschen Ordnung im Chaos. Wahrscheinlich erging auch sein späteres Opferedikt im Sinne des Rates, der die Christen damals noch unerbittlich zurück zu drängen suchte. Wie dem auch sei - der revoltierende Maximinus Thrax war bereits im Jahre 238 pcn wieder erledigt. Kein überzeugendes Beispiel für Machtteilung!

Rom feierte 249 pcn sein erstes Jahrtausend. Im selben Jahr bestieg Decius für drei Jahre den Kaiserthron - voll der besten Absichten für das Reich und voller Verachtung für die Christen. Ihre Verfolgung verlief kurz, brutal und bemerkenswert erfolglos.

Unter dem Einfluss des Kölner Archivs unterzeichnete auch Kaiser Valerian in der CCAA sein Edikt gegen die gefährlichen Christen, selbiges Edikt, aufgrund dessen Karthagos Bischof Cyprian am 30. August 257 vor den Richterstuhl des zuständigen Proconsuls zitiert wurde. Bald darauf brach Valerian nach Osten auf, beließ jedoch - hier ein gelungenes Beispiel für Machtteilung - seinen Sohn Gallienus in der CCAA, um die Grenze zu bewachen. Gallienus war bald schon gezwungen, sich den neuerlich heftigen Vorstößen der Franken widmen, die in hellen Scharen über den Rhein kamen und bis Nordspanien plünderten. Diese Krise erreichte 259/260 ihren Höhepunkt. Gallienus bewältigte sie, machte die CCAA erstmals in ihrer Geschichte zur Münzprägestätte und blieb in Köln, das wie unter Traian, für mehrere Jahre zum Zentrum der Westhälfte des Reichs wurde. Dankbar legte die Stadt sich den Beinamen “Valeriana Gallieniana” zu.

Währenddessen driftete das Reich in einen Großkonflikt. An der Ostgrenze mischten sich die Parther erneut in die armenische Thronfolge ein - was Rom wegen der strategischen Bedeutung dieses Pufferstaates unmöglich dulden konnte. In unaufhörlicher Bewegung beunruhigten die Goten den Osten zu Lande und zu Wasser. Kurzum - die Lage war so bedrohlich, dass Gallienus die Rheingrenze im Stich ließ. Er beauftragte jedoch seinen Sohn Saloninus mit der Sicherung des gallogermanischen Raums, nicht ohne ihm den bewährten Ratgeber Silvanus zur Seite zu stellen.
Nun ging es Schlag auf Schlag. Der römische Heerführer Postumus zerschlug innerhalb der Grenzen einen eingedrungenen germanischen Heerbann und nahm ihm Unmengen Beutegut ab. Anstatt nun das Raubgut seinen rechtmäßigen Eigentümern in den beiden Germanien, in der Belgica und Gallien zurück zu geben, behielt Postumus die Schätze für sich. Saloninus schickte Silvanus, um Postumus zur Herausgabe zu drängen. Postumus weigerte sich, belagerte Köln, das sich schließlich ergab, und ermordete Saloninuns sowie Silvanus, womit wieder einmal eine gelungene Machtteilung beendet war. Da die Gründer Postumus tief misstrauten, hatten sie schon vor seinem Einmarsch Teile des Kölner Archivs verbrannt. Andere Archivbestände verließen Köln Richtung Westgallien, sobald der Belagerungsring des Postumus durchlässig geworden war. Zunächst erwiesen sich die Vorsichtsmaßnahmen als überflüssig, denn Postumus hatte andere Sorgen, als die Kölner Gründer zwischen den leeren Regalen ihres Archivs zu drangsalieren. Er etablierte eine solide Goldwährung - unter Rückgriff auf den Raub, den er den Germanen abgejagt hatte, später dann durch Plünderung vieler privater - und Tempelschätze. Tatsächlich gelang es ihm, Germanien, Gallien, Spanien und Britannien in seinem Separatreich zu vereinigen, während es im übrigen Reich drunter und drüber ging. Ja Postumus verstieg sich am Ende dazu, seinen eigenen Senat zu berufen, und Teile des römischen Senats machten dabei sogar mit, denn viele römische Senatoren waren im Machtbereich von Postumus so ausschließlich begütert, dass sie sich Ehrpusseligkeit schlichtweg nicht leisten konnten, wollten sie ihr Eigentum behalten.
Die Gründer im Reich arbeiteten daran, Gallienus den Rücken frei zu machen, während die Gründer in Köln ihre Ressourcen neu ordneten, um bereit zu sein, sobald der Angriff erfolgte - denn natürlich dachten sie nicht daran, bei dieser Form der Machtteilung mitzuwirken. Im Jahr 265 schließlich griff Gallienus das Separatreich des Postumus an, und Köln nahm die Partei des rechtmäßigen Kaisers, eine Wahl, die es rasch bitter bereute, als Gallienus sich nach anfänglichen Erfolgen wieder zurückzog. Die Empörer wurden von Postumus grausam gestraft, und das Kölner Archiv ...

“... bezahlte den Preis für sein Handeln mit Blut. In rasendem Zorn ließ der
Tyrann zwei Sekretäre, deren er habhaft geworden war, mit glühenden Eisen zwicken, bis sie ihm endlich die Tore verrieten zum Archivum Agrippae. Als der Tyrann aber der nackten Wände ansichtig wurde, musste der Scharfrichter den bereits halbtoten Sekretären die Adern öffnen und alles austretende Blut in einer Kupferschale auffangen, auf dass der Leibsklave des Postumus mit rotem Blut an die Wände des Archivs eine Warnung schriebe, den Gründern des Erdkreises zum Hohn. Agrippas Weltkarte wurde mit dem Blut der Archivsekretäre besudelt und in den Räumen des Archivs ließ Postumus die Leichen aufstapeln all jener Römer und Koloniebürger italischer wie ubischer Herkunft, all jener Männer, Frauen und Kinder, die er im Verdacht hatte, während Gallienus’ Angriff mit einem Seitenwechsel geliebäugelt zu haben.
Als der Tyrann besiegt war, dauerte es eine Woche, um jene Leichname aus dem Archiv zu bergen, und dann musste der Boden drei Fuß tief ausgeschachtet werden, bis man auf unverseuchten Grund stieß und allen Verputz und alle Marmorinkrustation mussten sie entfernen und sogar dann noch mussten sie acht Wochen lang Räucherwerk und besten Weihrauch verbrennen, um die üblen Dünsten aus Agrippas Archiv zu vertreiben.
Wir verloren, außer jenen beiden Sekretären, acht legaten sowie zwei magister, und praefect Apollodorus musste sich all die Zeit hindurch unter den schändlichsten Bedingungen verstecken, so dass er sich, nachdem die Aufräumarbeiten erledigt waren und das Archiv wieder benutzbar, mit seinem eigenen Schwert den Tod gab, weil er mit der erlittenen Schmach nicht leben wollte.”
Strabo von Eburacum, princeps, annales novi millennii, 48, 87

In der Geschichte des Kölner Archivs war dies unbestritten der Augenblick größter Ohnmacht und Erniedrigung. Es sollten noch schwache, ja schmachvolle Zeiten kommen im Lauf der Jahrhunderte. Dieser Tiefpunkt gänzlicher Handlungsunfähigkeit jedoch wurde zum Glück nie mehr erreicht, nicht einmal unter der turbulenten Herrschaft der ersten barbarischen Frankenkönige im Praetorium. Vorläufig nimmt es kaum Wunder, dass nach einer solchen Demütigung Agrippas Archiv nur mit Notbesetzung weitermachte, bis es unter Constantius Chlorus, einem der wenigen Kaiser, denen die Gründer je freiwillig Zutritt zu ihren Räumen gewährten, in einem Festakt wieder eröffnet wurde.

Vom Chaos zur Tetrarchie

Sollen wir uns ernsthaft mit Claudius II. Gothicus, mit Quintillus, Aurelian, Tacitus, Florianus, Probus, den beiden Kölner Gegenkaisern Bonosus und Proculus, oder mit Carus und Carinus befassen? Wir lassen das bleiben, obwohl wir damit ein paar großen Männern Unrecht tun, Bundesgenossen der Gründer wie auch hervorragenden Herrschern aus eigener Kraft, denen allen bald das Glück abhanden kam.

Wie Claudius die Armee reformierte, milde nach innen waltete in durch und durch verderbter Zeit, Zenobia im Osten zunächst gewähren ließ und Tetricus im Westen, während er das Reich nach außen schützte gegen die gotische Flotte von zweitausend Schiffen mit einem Heer von hundertfünfzigtausend Mann und unerschöpflichen Verstärkungen aus dem Dnjestr-Raum - das verdient es zumindest, en passant erwähnt zu werden. Die Pest raffte Claudius dahin, nachdem er gesiegt hatte. Auf seinem Sterbebett schlug er den Feldherrn Aurelian zum Nachfolger vor.

Aurelian schloss einen vorteilhaften Frieden mit den Goten und siedelte sie in Dacien an. Er schuf im Westen Ordnung, entmachtete die Usurpatorin Zenobia im Osten, warf die nach Italien eingedrungenen Alemannen erfolgreich zurück und hinterließ der Hauptstadt des Imperiums jenes Bollwerk, dessen Reste wir heute noch unter dem Namen Aurelianische Mauer besichtigen. Auch diesem Ausnahmekaiser blieben lediglich fünf Jahre - dann wurde er ermordet, von einem General, dem er vertraute, nach einer Verschwörung seines Sekretärs, dem er Bestrafung angedroht hatte.

Tacitus, ein Nachfahr des Schriftstellers, hatte in wenigen Monaten Herrschaft durchaus sein Verdienst und hielt die eindringenden Alanen auf - der alte Mann stand jedoch seinen ersten Feldzug körperlich nicht durch.

Kaiser Probus stemmte sich noch einmal entschlossen den Germanen entgegen und drang, nachdem er das wilde polnische Volk der Lugier aus dem halb verwüsteten Gallien vertrieben hatte, über den Rhein vor. Seine eigenen Männer ermordeten ihn an einem heißen Sommertag, an dem er die Soldaten zwang, zur Trockenlegung der Sümpfe bei Sirmium zu schuften.

Kaiser Carus, der den Parthern die Stirn bot, wurde vom Blitz erschlagen. Das Scheusal Carinus übergehen wir gnädig - ein eifersüchtiger Ehemann unter seinen hohen Offizieren erstach den Kaiser, als der seinen Herausforderer Diocletian schon besiegt hatte. Nicht verschwiegen werden soll, dass jener vermeintlich betrogene Ehemann, den die allgemeine Geschichtsschreibung bemüht, insgeheim den Schwarzen Händen der Gründer zugehörig war. All dies und noch viel mehr geschah in den fünfzehn Jahren von 270 bis 285 pcn - und darum machen wir es auch jetzt kurz und schreiben: Ende der Soldatenkaiser - Anfänge Diocletians und der Tetrarchie.

Inzwischen waren die Zeiten Kölner Prosperität im Schwinden. Agrippas Archiv war nach wie vor vakant, und die Stadt selber konnte zwar damals noch nicht von Barbaren erobert werden - doch alles, was sich an Handwerk, Industrie und sonstigen Ressourcen über Jahrhunderte in ihrem Vorfeld angesiedelt hatte, war von den Franken zerstört. Trier, nun bald der Sitz von Kaisern, wurde von den Barbaren erobert. Kurzum, die Strategie, die Agrippa gegen die unerschließbaren Räume der Germania Magna vorgeschlagen hatte, kehrten die Franken nun um und richteten sie gegen das römische Imperium: Kommen - rauben - töten - zerstören - mit der Beute fliehen. Zugleich jedoch, und das war Beginn einer viel gefährlicheren Entwicklung, wurden fränkische Horden in der Germania Inferior fest angesiedelt, zum Ausgleich der Menschenverluste. Rom baute nach wie vor auf seine zivilisatorische Energie, ein Vertrauen, das zwar dem Heer die erforderlichen Kräfte von außen zuführte, im Ergebnis jedoch die Romanität des Reichs untergrub. Nicht alle Barbaren traten in römischen Dienst, um Rom zu dienen. Viele ließen sich ansiedeln, nahmen den Landgewinn gerne mit, dachten jedoch im Traum nicht daran, im Gegenzug auch die Gesetze des Imperiums zu achten, hinter dessen Grenzen sie nun lebten. Und viele Soldaten barbarischer Herkunft, die nach abgeleistetem Dienst in ihre Heimat zurückkehrten, verbreiteten dort ihr erworbenes Wissen über Roms Taktik und Strategie. Für das Glück der römischen Waffen konnte das auf lange Sicht unmöglich vorteilhaft sein. Hier wiederholte sich das Arminius-Problem aus den Anfängen der Romanisierung Germaniens.

Nach den Reformen des Gallienus wurde das Provinzpersonal nicht mehr aus dem römischen Senatorenstand besetzt, sondern aus der Provinz selber. Damit veränderten sich die Ebenen der Hierarchie. Der Statthalter war jetzt nicht länger legatus Augusti pro praetore, sondern praeses,  war ritterlichen Ranges und damit nur noch vir perfectissimus statt vir clarissimus.
Ebenso veränderte sich die Heeresorganisation. Einerseits wurden kleine Festungen errichtet und mit Besatzung ausgestattet. Andererseits entstand ein Bewegungsheer, das weiter im Hinterland stationiert war und zuschlug, wo gerade wieder die Germanen einfielen. Die Germania Inferior hieß inzwischen Germania Secunda und ihr praeses verlor sukzessive seine militärischen Zuständigkeit. Sie fiel an Berufsoffiziere ohne zivile Zuständigkeit, an deren Spitze der dux stand. Unter Kaiser Constantin dem Großen wurde die Rangordnung dann um die militärischen comites und den Magister militum erweitert.
Während Köln endgültig seine Steuerfreiheit als Kolonie römischen Rechts verlor, wurde die Finanzpräfektur von Trier in die CCAA verlagert, was für erheblichen Verwaltungsaufwand und damit verbundene Personalstände gesorgt haben dürfte, als Diocletian auf der Höhe seiner Macht die Höchstpreisedikte für rund eintausendsechshundert Waren und Dienstleistungen erließ. Doch das ist weit vorgegriffen.

Zunächst greifen wir zwar vor, doch kürzer, und auch das nur, um diesen rein kölnischen Abschnitt sinnvoll zu schließen. Die Tetrarchie war eingeführt. Maximian herrschte in Mailand als Augustus, Constantius Chlorus in Trier als Caesar. Constantius, der Vater Constantin des Großen, hatte Usurpator Carausius besiegt, der ursprünglich von Maximian beauftragt war, mit seiner Flotte Britannien zu disziplinieren. Dann war der Mann abtrünnig geworden, hatte sich selbständig gemacht, und der Caesar aus Trier musste sich um das Problem kümmern. Constantius hatte es gelöst und auch in Britannien schon ordentliche Erfolge zu verzeichnen, da erschien er am 5. August 294 in Köln - unter dem Vorwand eines gerichtlichen Appellationsverfahrens in einer Mitgiftsache. Von der Rückeroberung Britanniens zu Mitgiftsachen? Ist die Diskrepanz nicht zu groß? Einerseits nicht, weil dies der Alltag der Kaiser war. Hier jedoch handelte es sich wirklich nur um einen Vorwand, denn diese nichtige Angelegenheit hätte ebenso gut der Kölner praeses erledigt.
Tatsächlich weilte der Caesar auf Einladung von princeps Diophantos in Köln, um das sorgfältig renovierte Archivum Agrippae neu einzuweihen und seinen magister Ambrosius zu bestallen. Magister - nicht mehr praefect! Magister und bei diesem Titel und Rang bleibt es durch alle Jahrhunderte bis zum heutigen Tag, nicht weil etwa Agrippas Archiv nach seiner Demütigung zurückgestuft worden wäre, sondern weil Diophantos eine ganz neue Struktur des Rates erschuf. Praefecten der Gründer gab es fortan nur noch im Großen Archiv und, zumindest während der Tetrarchie, an jedem der vier bis sechs verschiedenen Kaiserhöfe, auf die Rom seine Macht verteilte.
Bei dieser Gelegenheit kniete Constantius Chlorus, der vielleicht schon ein heimlicher Christ war, gleichwohl vor Agrippas gesäuberter Weltkarte nieder und betete zu den alten Göttern für Glück und Sicherheit des Archivs, wie für beständig gute Zusammenarbeit, denn seinen raschen Sieg über Carausius verdankte der Caesar nicht zuletzt den geografischen Informationen, die er von den Gründern erhalten hatte. Und auch das System von Küstenbefestigungen, das er an der Nordsee anlegte, wurde mithilfe von Kartenwerken der Gründer entworfen.

Bereits Diophants Vorgänger Strabo von Eburacum hatte begonnen, im heißen Zorn über den Untergang des Archivum Agrippae, eine vollständige Reorganisation des Reiches zu planen und früh schon den Diocletian gefördert - was für seine Menschenkenntnis ebenso spricht, wie für soziale Unbekümmertheit, denn noch Diocletians Eltern waren Freigelassene, ja sogar vorher Sklaven gewesen. Wenige Zeilen oben stellen wir noch als bemerkenswert heraus, dass Rom einen Kaiser aus nichtsenatorischem Geschlecht bekommt - und nun das! Man kann also sagen, dass sich Diocletian von ganz unten hochgedient hat. Er wurde Statthalter von Moesia, Consul, Kommandant der Palastwache - und genau hier fing der princeps an, ihn mental zu bearbeiten, noch vor den Erfolgen im Persischen Krieg.
Das System, das Strabo vorschlug, beruhte auf der Zahl Vier. Zwei waren zu wenig, das hatte sich erwiesen - und sie standen auch immer in direkter Konkurrenz. Drei waren immer einer zuviel - die Zahl forderte zur Koalitionsbildung zwei gegen eins geradezu heraus. Aber vier - das entsprach der Größe der Aufgabe, bot die Möglichkeit einer Hierarchie der Kaiser und war zugleich eine Zahl des Gleichgewichts. Natürlich ist die Tetrarchie unter vielfältigen Aspekten scharf kritisiert worden, und es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass sie quasi im institutionalisierten Bürgerkrieg mündete, schlimmer noch als das Zeitalter der Soldatenkaiser. Doch für etliche Jahre wurde das Reich so stabilisiert und schöpfte Kraft. Und der dümmste aller Vorwürfe, das System der Machtübergabe sei unnatürlich, weil es die Familienbindungen nicht berücksichtige, muss schon verstummen, wenn wir uns nur ganz kurz an die glanzvolle Epoche der Adoptivkaiser erinnern. Strabos Konzept hätte aufgehen können, bei etwas anderen Charakteren der Beteiligten.

Folgendermaßen sollte die Tetrarchie funktionieren: Natürlich blieb Diocletian an der Spitze des Reichs, als Senior-Augustus. Doch sich zur Seite erhob er einen zweiten Augustus für die Oberaufsicht über die andere Reichshälfte. Beide Augusti sollten sodann in gegenseitigem Einvernehmen Caesares ernennen, denen sie die Grenzwacht an Rhein und Donau übertrugen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sollten beide Augusti gleichzeitig zurücktreten. Die Caesares würden ihre Positionen einnehmen und ihrerseits neue Unterkaiser bestimmen. Ein bemerkenswert rationales System. Vier Kaiser, alle dicht an den Problemzonen des Imperiums. Vier dauerhafte Heerführer, beliebt bei ihren jeweiligen Truppen. Zwei davon interessiert am Erhalt des Systems, weil sie die Spitze bildeten. Zwei weitere interessiert am Erhalt des Systems, weil sie zuverlässig hoffen durften, durch Geduld und Disziplin zur Spitze aufzusteigen, ohne die Risiken von Bürgerkrieg und Usurpation.

Nach dem Sieg bewies Diocletian zunächst seine Dankbarkeit den Gründern gegenüber, indem er Aristobulus, einen praefecten der Gründer und Erstminister des vor-vorigen Kaisers Carus nicht hinrichtete, sondern übernahm. Er stabilisierte seine Herrschaft. Am 1. April 286 erhob er Maximian zunächst zum Caesar. Später wurde Maximian Augustus - und Diocletian wahrte geschickt seine Seniorität, indem er Maximian die brutaleren Aufgaben überließ, während er selber die Güte in Person spielte. Am 1. März 292 erhoben beiden Augusti in kollegialer Übereinstimmung ihre Caesares: Galerius im Osten und Constantius im Westen. Damit war das System Tetrarchie vollständig etabliert. Diocletian in seiner Hauptstadt Nicomedia unterstanden direkt Thracien, Ägypten und die asiatischen Provinzen. Sein Caesar Galerius verwaltete Illyricum und den gesamten Restraum südlich der Donau. Augustus Maximian beherrschte aus seiner Hauptstadt Mailand Italien und Africa, während sein Caesar Constantius Chlorus aus Trier Germanien, Gallien, Britannien und Spanien verwaltete.

Die Stadt Rom und ihr Senat wurden vollends entmachtet. Die nach wie vor einflussreiche Prätorianergarde wurde rigoros ausgedünnt. An ihre Stelle traten zwei illyrische Legionen, die sogenannten Iovianer und Herculianer. Deren Namen erklären sich durch die Beinamen, die die Kaiser sich zugelegt hatten, wobei die Augusti sich Iovii nannten - die Iupiters -, während die Caesares Herculii waren, menschliche Söhne des höchsten Gottes. Alles in allem steht diese Theologie der neuen Herrschaftsform im Widerspruch zur damals wachsenden Akzeptanz der Gründer dem aufstrebenden Christentum gegenüber. Andererseits legen manche Berichte nahe, es sei gerade diese Idee der Gottessohnschaft gewesen, mit der die Gründer Diocletian zu seiner lange währenden Duldsamkeit gegen die Christen bewegt hätten. Der Gedanke hätte Diocletian gefallen: So wie er und sein Mitaugustus Maximian als oberste Götter ihre Halbgöttersöhne und Caesaren hätten, so habe der oberste Christengott seinen Menschensohn mit einer sterblichen Frau auf die Erde gesandt. Ein Gott, der sich der Theologie der Tetrarchen so weitgehend anpasste, hatte vielleicht doch einen gewissen Anspruch auf Duldung. Und was war vollends mit dieser sogenannten Dreieinigkeit des Christengotts? Gottvater, eingeborener Sohn und Heiliger Geist? Erinnerte diese Aufgabenteilung nicht an das System der Tetrarchie? Diocletian hat lange und sorgfältig darüber nachgedacht, was sich alles aus dieser neuen Religion machen ließe.

Unterdes war die Tetrarchie erfolgreich. Agenten trugen den Bürgerkrieg in die Lande der Goten, Vandalen, Alemannen, Gepiden und Burgunder, während zugleich die Landzuteilungen an besiegte Barbarenstämme weitergingen. Der Westen war völlig stabilisiert. Die Verwaltung war durchrationalisiert. Das Finanzwesen war kleinlich wie nie zuvor - und das unzulängliche Wirtschaftskonzept der Höchstpreisverordnungen zeigt uns zumindest, dass die Tetrarchen eine aktive Wirtschaftspolitik trieben. In Gestalt der persischen Provinzen Zabdicene, Arzanene und Corduene fand der letzte größere Landgewinn in der Geschichte des Römischen Reichs statt, während gleichzeitig die Propagandamaschine auf Hochtouren lief, um die Durchsetzung des tetrarchischen Herrschaftssystems zu perpetuieren.

“Aus vielen anderen Städten des Reiches, aus Rom, aus Emerita in Spanien, aus Ara Philaenorum in Libyen, aus Luxor in Ägypten, aus Gerasa in Arabia (heute Jordanien) oder aus Caesarea in Iudaea, kennen wir große und prachtvolle, zumeist auf hohen Säulen errichtete Monumente, durch die die Idee der Tetrarchie den Bewohnern des Reiches konkret vor Augen gestellt werden sollte. Die sogenannte Tetrarchengruppe aus Venedig ist ein bekannter Überrest dieser reichsweiten Propagierung.”
Werner Eck, Köln in römischer Zeit, S. 588 f

Bei der Tolerierung des Christentums setzten die Gründer sich zum Schluss doch noch nicht durch. Sei es, dass wirklich die hasserfüllte Grausamkeit des Galerius den Ausschlag gab, sei es auch, dass Diocletian, je mehr er über die Christen nachdachte, durchschaute, wie wohlorganisiert das Geflecht ihres Staats im Staate bereits alle Ebenen von der Gemeinde über die Provinz bis hinauf zum Reich durchzog - er stimmte, bevor er sich zurückzog, einer letzten ziemlich rigorosen Verfolgung zu. Der Brand des Palastes von Nicomedia, an dem angeblich die Christen schuld sein sollten, nach anderen Theorien Galerius, um die Christen bei Diocletian anzuschwärzen, spielte beim Verfolgungsedikt nicht die geringste Rolle. Eine gewisse Ahnung der - auch persönlichen - Hintergründe jener chaotischen Entwicklung, vermittelte uns 2005 Benizelos Miaulis, magister archivorum in columnae, wo er schreibt:

„Während im Jahr 303 u. Z. Diocletians letzte und mörderischste Christenverfolgung tobt, hat der Kaiser die Idee, nicht nur sich selber, sondern auch seine drei Amtskollegen realistisch porträtieren zu lassen, zum Schmuck seines Altersruhesitzes in Spalatum, den er zwei Jahre später bezieht, nach seinem Rücktritt. Chastorius bleibt bei ihm, um Porträtstudien für einen gnadenlos realistischen Marmorkopf zu zeichnen. Nichostratus geht nach Mailand, Claudius nach Sirmium zu Galerius. Simphorianus aber geht nach Trier, zum bleichen Constantius, dem Vater des späteren Reichseinigers Constantinus, unter dem das Christentum zur geduldeten, ja geförderten Religion wird - um nicht schon zu sagen: Staatsreligion.
Kommt Ihnen der Aufstieg des Christentums aus den tiefsten Kerkern der Verfolgung zur Höhe der Staatsreligion etwas plötzlich vor? Wahrscheinlich - Ihr Geschichtsunterricht hat ihn immer als Wunder dargestellt, beginnend mit dem Traum des Constantinus an der Milvischen Brücke: In diesem Zeichen (des Kreuzes) wirst du siegen. Aber so funktioniert Geschichte nun einmal nicht. Geschichte funktioniert, vorausgesetzt, sie zielt auf Frieden, indem diskrete Leute unverbindlich herauszufinden suchen, ob man sich nicht irgendwie einigen kann. Diese diskreten Leute sind unsere vier legaten. Die wunderbaren Köpfe der vier Kaiser stehen schon in Spalatum, als Diocletian erfährt, dass auch mit christlichen Bischöfen verhandelt worden ist. In einem Wutanfall lässt er unsere vier legaten hinrichten - in der Tat mit Bleigeißeln zu Tode peitschen. Das Werk der Vier, die Köpfe zweier Augusti und zweier Cäsares, wird zu Marmorstaub zermahlen und in alle vier Winde verstreut. Die Christen, denen Bekenner heilig sind, nicht heidnisch tolerante, behutsame Vermittler, vergessen zunächst die vier Bildhauer, denen sie so unendlich viel verdanken. Als man sie später in den Rang von Märtyrern erhebt, passen die Details der Überlieferung vorn und hinten nicht mehr. So kommt es zur Verwirrung um die Quattuor Coronati. Aber lassen wir die Toten ruhen, wenn nur der unvoreingenommene Leser heute versteht, warum wir das Werk eines anonymen ägyptischen Meisters in die Kirchenecke mauern - die Unsrigen jedoch am Dogenpalast unserer Stadt auf ein Kapitell meißeln: zweimal vier gekrönte Häupter.“

Kurz nach Erlass des Verfolgungsedikts, am 1. Mai 305 pcn, danken beide Augusti vereinbarungsgemäß ab und ziehen sich ins Privatleben zurück - Diocletian krank und völlig erschöpft, Maximian unzufrieden grollend. Ihre Caesares übernehmen die Führung. Zumindest im Bereich des Constantius hat sich die Christenverfolgung auf ein paar Beschlagnahmungen von Gebäuden und Konten beschränkt. Galerius im Osten, der die Verfolgung am heftigsten betrieb, musste unter dem Druck der Gründer am 30. April 311 das Toleranzedikt von Serdica erlassen. Seitdem hat niemand mehr die Existenzberechtigung der Christen infrage gestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren sechs Bischöfe der Christen zugleich heimlich legaten der Gründer.


In hoc signo ...

Die Tetrarchie, dafür geplant, das Herrschaftssystem zu perpetuieren, dazu gedacht, permanent organisiert Macht zu übergeben, mündete auf direktem Weg im Bürgerkrieg, weil Diocletian ein epochaler Fehler in der Personalpolitik unterlief: die Erhebung seines Mit-Augustus Maximian.
Im nun folgenden annähernd neunzehnjährigen Bürgerkrieg haben die Gründer von allem Anfang an den Sieger gestützt, nicht weil sie ihn mochten, sondern weil Constantin der vielversprechendste Kandidat war. Das zeigte schon die Art, wie er sich der Tücke des Galerius entzog. Galerius war Senior-Augustus im Osten, Constantius Chlorus Augustus des Westens und gerade wieder mit der Rückeroberung Britanniens befasst. Da machte es sich gut, dass sein Sohn Constantin im Palast des Galerius lebte. Man brauchte das Wort ‘Geisel’ gar nicht auszusprechen, auch so war Constantin Garant für das Wohlverhalten seines Vaters - bis er bei Nacht und Nebel aus Nicomedia floh und als schlichter Reisender mit der Post entwischte, ein pfiffiges Kerlchen, schon damals.

Bischof Maternus von Köln, legat der Gründer, der Constantin in späteren Jahren unterwies in Christentum und Staatskunst, macht sich in seinen Consultationes, 12,15 keine Illusionen über den Charakter des jungen Mannes: “Bescheiden, solange er seine Prunksucht und Eitelkeit verbergen will. Milde, solange es ihm geboten scheint, seine kleinliche Grausamkeit nicht zu zeigen. Großartig, wo er sich seiner Kleinlichkeit schämt ...” und so geht es weiter. Laut Maternus war Constantin vor allem ein hervorragender Schauspieler. Bemerkt hat der spätere Kaiser nicht, wie tief er hier durchschaut wurde, weshalb er seinen Vertrauten Maternus samt drei weiteren gallischen Bischöfen 313 pcn nach Rom berief, um gemeinsam mit dem Bischof von Rom über die Donatisten zu Gericht zu sitzen - eine verwickelte Geschichte, bei der es hauptsächlich um die Rückerstattung von Eigentum der Christen ging, das während der Verfolgungen beschlagnahmt worden war.

(So weit sind wir also schon. Der Bischof von Rom sitzt zu Gericht. Bald entsteht neben dem alten Circus Kaiser Neros, dem Schauplatz des ersten antichristlichen Terrors, die constantinische Basilika, der erste Petersdom, in dessen Fußboden es eine Steinplatte geben wird, auf der Karl der Große zum Kaiser gekrönt wird, ein Franke. Noch werden die Franken erbittert bekämpft, wenn sie ins Reich einfallen. Und noch ist der Bischof von Rom nur der Bischof von Rom und nicht legitimer Stellvertreter Christi auf Erden und Nachfolger des heiligen Petrus, über dessen vermeintlichem Grab Constantin den Dom zu bauen beginnt. Noch nicht. Aber immerhin!)

Zunächst jedoch entkam Constantin der unerklärten Geiselhaft am Hofe des Galerius. Im britannischen Feldzug seines Vaters erwarb er sich rasch die Anhänglichkeit von dessen Truppen, so dass Galerius notgedrungen Constantins Ausrufung zum Kaiser durch die Westarmee billigte, nachdem Constantius Chlorus, der Vater, in York ums Leben gekommen war.

Nun wird es so verwickelt, dass ich in Form halbwegs chronologisch geordneter Stichpunkte fortfahre, um auf knappem Raum wenigstens eine Ahnung vom Geschehen zu vermitteln.

Am 28. Oktober 306 wurde Maxentius, der Sohn Maximians, in einem Akt von Steuerrebellion in Rom zum Kaiser ausgerufen. Sobald sein Sohn zum Kaiser erhoben war, verließ Maximian der alte Mit-Augustus Diocletians, seinen Altersruhesitz und legte selber den Purpur wieder an. Er gab Constantin seine Tochter Fausta zur Frau und verlieh ihm, kraft Seniorat, die Augustuswürde.
Das konnte Galerius sich natürlich nicht bieten lassen. Und schon war das Konzept der Tetrarchie gescheitert, vor allem durch den Unruhestifter Maximian, der sich mit seinem Rückzug ins Privatleben nicht abzufinden wusste. Galerius befahl den Einmarsch nach Italien, verlor jedoch dabei schon bald seinen Caesar und lebenslangen Saufkumpan Severus, worauf die östlichen Truppen sich wieder zurückzogen.
Als Galerius seinen Freund Licinius nun zum Augustus erhob, beanspruchte auch Maximin, der Caesar über Ägypten und Syrien, die Augustuswürde, die Galerius ihm zähneknirschend zugestand.

Nunmehr regierten sechs Augusti das Römische Reich: Galerius, Maximian, dessen Sohn Maxentius, der sich immer weniger vom Vater bevormunden lassen wollte, Constantin, Licinius und Maximin. Eine groteske Konstellation. So viele Parteien hatte hatte es nicht einmal in den Bürgerkriegen der Iulier Caesar und Augustus gegeben!

Die Auseinandersetzung Vater-Sohn (zum wievielten Mal eigentlich in der Geschichte Roms?) wurde vor der wiedererstarkten Prätorianergarde verhandelt, deren Gros den strengen alten Maximian fürchtete und sich lieber Maxentius anschloss, worauf Maximian ins Illyricum floh, von dort durch Galerius vertrieben wurde und sich schließlich zu seiner Tochter Fausta und Schwiegersohn Constantin begab, wo er den Kaiserpurpur zum zweiten Mal ablegte. Fünf Augusti. Der Achivpraefect der Gründer, der für Maximian zuständig gewesen war und ihn begleitet hatte, Paulus Ulpius Naso aus dem Geschlecht Traians, legte sein Amt nieder, kaufte in Köln das Haus mit dem Dionysosmosaik und schrieb eine verschollene Geschichte der Gründer.
Inzwischen war Constantin genötigt, drei Viertel seiner Armee an den Rhein zu werfen, um wieder einmal Franken abzufangen. Diese Gelegenheit benutze Maximian in Arles, wo der Staatsschatz Constantins lag. Der alte Nimmersatt fälschte Nachrichten über den Tod Constantins, nahm zum drittenmal den kaiserlichen Purpur und begann unverzüglich Verhandlungen mit seinem Sohn Maxentius in Italien. Constantin jedoch bekam das Problem am Rhein schnell in den Griff. Er schloss Maximians Truppen in Marseille ein, überzeugte sie davon, reumütig zu ihrem Augustus Constantin zurück zu kehren und erdrosselte seinen Schwiegervater.

“Die letzten Jahre des Galerius waren weniger schmachvoll und unglücklich, und obwohl er die untergeordnete Stellung eines Caesar rühmlicher ausgefüllt hatte als den höheren Rang eines Augustus, behauptete er doch bis zum Augenblick seines Todes den ersten Platz unter den Fürsten der römischen Welt. Er lebte nach seinem Rückzug aus Italien noch ungefähr vier Jahre und war klug genug, seine Absichten auf die Alleinherrschaft fahren zu lassen und den Rest seines Lebens dem Vergnügen und der Ausführung einiger gemeinnütziger Werke zu widmen, unter denen wir hier jetzt nur hervorheben wollen die Ableitung des überflüssigen Wassers des Plattensees in die Donau und die Rodung der ihn umgebenden riesigen Wälder; ein eines Monarchen durchaus würdigen Unternehmen, gewannen dadurch doch seine pannonischen Untertanen eine große Fläche Ackerland.”
Gibbon, Verfall und  Untergang des römischen Imperiums, Bd. 2, 82

Zu solchen zivilisatorischen Großtaten war Rom also auch noch im Zustand des Verfalls imstande - unter der Führung eines als grausam verschrieenen Kaisers. Je mehr man erfährt, desto mehr relativiert sich alles gegenseitig.

“Eine sehr schmerzhafte und langwierige Krankheit führte schließlich zu seinem Tod. Sein durch unmäßige Lebensführung zu unförmiger Korpulenz angeschwollener Leib war von Schwären übersät und wurde von unzähligen Schwärmen jener Insekten aufgezehrt, die einer äußerst ekelhaften Krankheit ihren Namen gegeben haben; aber da Galerius eine sehr bigotte und mächtige Gruppe seiner Untertanen beleidigt hatte, so erregten seine Leiden kein Mitleid, sondern wurden vielmehr als sichtbare Zeichen der göttlichen Gerechtigkeit gepriesen.”
Gibbon, ebd. S. 82 f

Im Mai 311 post christum natum gab es nur noch vier Augusti. Die Christen, damals fünf bis höchstens zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, begannen schon damals, die Geschichtsschreibung zu dominieren. Und Maximin teilte sich mit Licinius die Gebiete des alten Persersiegers Galerius, bevor sich dann Constantin und Licinius gegen Maxentius und Maximin verbündeten.

Maxentius hatte die Prätorianergarde wieder auf alte Truppenstärke gebracht und wagte nun mit hundertsiebzigtausend Fußsoldaten und rund achtzehntausend Reitern den Einfall in Constantins gallisches Gebiet. Irgendwie schaffte es Constantin immer, der Angegriffene zu sein und das Recht scheinbar auf seiner Seite zu haben - wobei natürlich der Gründerpraefect bei Maxentius hilfreich war. Bei alledem dürfen wir aber nicht vergessen, dass Constantin dem Maxentius in allen Truppengattungen im Verhältnis zwei zu eins unterlegen war - und zudem noch die Hälfte seiner Truppen zum Schutz des Rheins zurücklassen musste, als er sich Maxentius stellte. Vielleicht war es also doch nicht geheuchelt, dass er diesen Bürgerkrieg verabscheute? Wir müssen wohl davon ausgehen, dass die Gründer treibende Kraft in diesem Konflikt waren. Ihr Tetrarchiekonzept war gescheitert - nun wollten sie zur Monarchie zurück und unterstützten mit allen Mitteln ihren Kandidaten Constantin.
Der trickste bei Turin Maxentius’ überlegene Kavallerie aus, gewann auch die Schlacht von Verona, nachdem die Gründer ihm die gegnerischen Schlachtpläne eröffnet hatten und willigte vor Rom, in der Schlacht bei der Milvischen Brücke in ein großangelegtes Experiment der Gründer ein.
Es ist natürlich Unfug, dass Constantin nachts vor der Schlacht eine Erscheinung hatte, die ihm das Kreuz gezeigt hätte und geweissagt: in hoc signo vincis - in diesem Zeichen wirst du siegen. Tatsächlich aber hatte Constantin alle Banner, Legionsadler und Standarten mit dem Kreuz der Christen zieren oder verunzieren lassen, wie man es nimmt. Die banale Erklärung ist, dass die Gründer testen, ob römische Truppen überhaupt schon bereit waren, unter dem Kreuzzeichen zu kämpfen. Die christliche Minderheit war immer noch zahlenmäßig klein. Im Heer gab es prozentual noch weniger Christen als in der allgemeinen Bevölkerung. Das Militär verachtete die Religion, aus deren Reihen so viele Kriegsdienstverweigerer und Fahnenflüchtige hervorgegangen waren. Wie kämpfte ein römisches Heer unter dem Kreuz?

Die Antwort lautet: problemlos. Der Sieg war vollständig. Am Tiber kämpfend ging die Prätorianergarde unter. Im Tiber ersaufend reduzierte Maxentius die Zahl der Augusti von vier auf drei.
In Rom wurde die Prätorianergarde endgültig aufgelöst. Der Senat rief Constantin zum erstrangigen unter den drei verbliebenen Augusti aus. Für den Constantinsbogen jedoch wurden aus Anlass seines Triumphs Reliefs der Traianzeit geplündert - was dank dem in Köln historisierenden Ulpier für jenen säuerlicher Ton gesorgt haben dürfte, der trotz allen Favoritentums in der Gründergeschichtsschreibung über Constantin vorherrscht. Einen anderen Anlass, weshalb sie ihren eigenen Kandidaten immer wieder mit kritischen Seitenhieben beharken, kann ich mir nicht vorstellen.

Kaum war 313 beim Treffen in Mailand das Bündnis mit Licinius erneuert, da musste Constantin erneut zum Rhein gegen die Franken, während sein Verbündeter die Kräfte gen Osten warf, weil Maximin bereits bis nach Byzanz vorgedrungen war. Auch hier unterlag der Angreifer. Licinius siegte und Maximin war drei Monate später tot. Es blieben zwei Augusti.

Der Rest ist fast vernachlässigenswert. Entweder griff Constantin seinen eigenen neuernannten Caesar Bassianus wegen einer Verschwörung an - oder Bassianus hatte sich tatsächlich mit Licinius gegen seinen Herrn Constantin verschworen, jedenfalls strebte nun alles dem Endkampf zu. Warum allerdings die Gründer überhaupt gestattet hatten, dass Constantin sich wieder einen Caesar zulegte, nachdem das Große Archiv doch die erneute Monarchie erzwingen wollte, darüber finde ich keine Angaben.

Am 8. Oktober 315 Schlacht von Cibulae, circa fünfzig Meilen vor Sirmium an der Save. Sodann Schlacht von Mardia: Pannonien, Dalmatien, Dacien und Griechland fielen an Constantin. Während des Gotenkriegs 322 hielt Licinius erstaunlich still - auch das schreiben wir sinnvollerweise den Gründern gut. Erst nach Constantins Sieg brach der Bürgerkrieg wieder aus. Schlacht von Adrianopel. Belagerung von Byzanz. Schlacht von Chrysopolis.

Licinius unterwarf sich und ging in die Verbannung nach Thessalonice.
Constantin erfand eine Verschwörung und ließ seinen besiegten Feind ermorden. Und im Jahr 324 nach der Geburt Christi war das Imperium wiedervereint unter der Herrschaft eines einzigen Mannes. Mehr noch: Das Imperium war wieder - relativ - sicher. Die Gründer waren sehr mit sich zufrieden. Sogar der Ulpier in Köln raffte sich zu einer kleinen Eloge auf Constantin auf. Seit Strabo von Eburacum und Diophantos von Athen hatten drei principes die Gründer regiert: Marcus Longinos, Paulus Cyprianus und Oreibasios von Byzanz. Nun setzte man kurzzeitig das geltende Wahlrecht außer kraft und bestimmte die nächsten vier principes aus der Reihe der letzten vier verbliebenen praefecten an den Kaiserhöfen, die den Rückweg zur Monarchie gemanagt hatten. Man nennt sie Proclos und die drei Ambrosier, weil tatsächlich nach 328 zuerst Ambrosius Marcellinus, dann Ambrosius Arabicus und zuletzt Ambrosius von Babylon regierte.
Vielleicht spielte ja diese putzige Vornamensgleichheit eine Rolle dabei, wie diszipliniert und frei von Eifersucht sie die Geschäfte regelten und sich an der Spitze ablösten. Die Kaiser hatten etwas vergleichbares seit den Adoptivkaisern nicht mehr zustande gebracht.

Constantin

Man kann wirklich nicht sagen, die Gründer hätten Constantin besonders geschätzt oder freundlich über ihn geschrieben - wie sollten sie auch? Nachdem ihr Tetrarchiekonzept gescheitert war, wollten sie das Reich wieder unter dem einzigen Monarchen einen und durch straffe Verwaltung ausgleichen, was durch räumlichen Abstand des Alleinherrschers von den unendlich vielen Krisenherden verdarb. Constantin nahm ihre Hilfe und erhob - statt ihr Konzept zu verwirklichen - 335 auch noch seinen Neffen Dalmatius zum Caesar, nachdem schon seine Söhne Constantinus, Constantius und Constans Caesares waren. Damit war die Aufsplitterung der Macht nach dem Tod der übermächtigen Kaiserpersönlichkeit vorprogrammiert.

Und es scheiterte auch der Versuch der Gründer, mithilfe Constantins das Christentum staatlich zu kontrollieren. Der Kaiser eröffnete zwar - als Nichtchrist - 325 das Konzil von Nicaea und führte, immer noch ungetauft, den Vorsitz über diese Bischofskonferenz, doch die Ergebnisse blieben kläglich. Zwar wurde die Lehre des Arius von Alexandria verdammt, nach der Gott und Christus nicht wesensgleich, sondern nur wesensähnlich waren. Zwar wurde der junge Diakon Athanasius, der, ganz im Gegenteil, die Wesenseinheit von Gottvater und Sohn betonte, eindrucksvoll bestätigt und seine Lehre zum Dogma erhoben, doch die Aussöhnung der Bekenntnisse misslang. Sogar als Athanasius endlich Bischof von Alexandria war, sperrte er sich noch, den ihm verhassten Arius auch nur als Presbyter zu dulden. Constantin war entnervt vom theologischen Gezänk und erbost über die Widersetzlichkeit des Athanasius gegen seine Pläne für die Reichskircheneinheit. Im Jahr 335 verbannte er den Unbotmäßigen nach Trier. Damit löste er zwar nicht das Problem - doch er stärkte unabsichtlich die später tiefe Katholizität der Rheinlande, speziell Kölns. Und das blieb nicht ohne Einfluss auf das Archivum Agrippae und dessen fernere Politik, nein es sollte sich bei der Integration der Franken als entscheidend erweisen, denn die Variante des Christentums, die dieses Volk unter Chlodwig annahm, war die athanasische, die katholische Variante. Erst so wurde das enge Bündnis der Franken mit dem aufstrebenden Papsttum möglich, während andere Germanenvölker, man nehme nur die Goten, arianisch beteten, und dadurch zwangsläufig in religiöser Zwietracht mit Rom lebten. Hätte der Gotenbischof Ulfilas athanasisch gepredigt anstatt arianisch, dann hätte einer dauerhaft ostgotischen Regierung in Italien wenig entgegen gestanden - und vielleicht wären die Ostgoten anstelle der Franken, zu Trägern des neuen weströmischen Kaisertums geworden. Zu Constantin persönlich ließe sich noch sagen, dass sein Glaube seinem Charakter entsprach. Taufen ließ sich der Kaiser, obwohl er die Christen zuvor in jeder Hinsicht gefördert hatte, erst Pfingsten 337 auf dem Sterbebett. Der gewiefte Taktiker wusste, dass ein Herrscherleben die Notwendigkeit mit sich bringt, oft und schlimm zu sündigen. Vergebung seiner Sünden, wie sie mit der Taufe verbunden ist, strebte er daher an, als der Tod mit Riesenschritten nahte.

Was also fanden die Gründer an ihm? Sein Umgang mit der eigenen Familie war, gelinde formuliert, exzentrisch. Seinen außerordentlich begabten Sohn Crispus, dem er den Seesieg von Byzanz verdankte, und den die Gründer - zunächst wohl auch Constantin selber - zum alleinigen Nachfolger ausersehen hatten, ließ der eifersüchtige Vater ermorden. Seine Frau Fausta, Maximians Tochter, des Ehebruchs verdächtig, erstickte er in den kochendheißen Dämpfen eines Bades. Seine Mutter jedoch, die vormalige Gastwirtin Helena, erlaubte sich ungestraft jede politische Eigenbrötlerei. Angeblich entdeckte sie das heilige Kreuz, an dem Christus hingerichtet worden war. Sie hing, ihrem Sohn frech ins Gesicht, den verbotenen arianischen Irrlehren an. 337 starb sie achtzigjährig in Rom. Ihr Sarkophag ist in den Vatikanischen Museen zu besichtigen. Ihre Reliquien gelangten im 9. Jahrhundert in die Abtei Hautvillers.
Inzwischen war das Kreuz - längst nicht mehr der Fisch der Verfolgungsjahre - Symbol der Christen und tauchte, nach den positiven Erfahrungen an der Milvischen Brücke, überall neben der Sonne, dem Reichssymbol auf. Aber das Strategem der Gründer, die fortwährend einsickernden Germanen durch Christianisierung gleich auch zu romanisieren, wurde nicht verwirklicht. Constantin engagierte sich bei weitem nicht genug.

Was also band die Gründer an ihn? Sie verband der Stein - zwei gewaltige Bauwerke, die sie von Constantin zur Abtragung der Dankesschuld gefordert und erhalten hatten. Der erste Großbau war die Rheinbrücke zu Köln, auf die wir später noch kommen. Der zweite Großbau war bereits eingeplant, als Constantin 326 mit seiner Lanze die Grenzen der neuen Hauptstadt abschritt - Byzanz, das zweite Rom, Constantinopolis. Die Lage dieser Hauptstadt auf ihrer Halbinsel am Bosporus, der Grenzposten zwischen Europa und Asien mit Kontrolle über die Meerenge - das war perfekt. Die Gründer hatten schon lange an diesen Ort geglaubt und ihn für Höheres vorgesehen. Ähnlich wie in Köln wollten sie auch hier ab dem Fundament beteiligt sein. So wurde also, was auf der geschäftigen Großbaustelle kaum auffiel, eine Trasse für die unterirdische Prachtstraße der Gründer ausgeschachtet. Fundamente wurden gelegt, Wände gemauert, das Tonnengewölbe erbaut, mehr als vier Kilometer lang. Dann bedeckte man den Bau mit Erde. Als Constantinopel 330 eingeweiht wurde, und Architekten Wetten abschlossen, welcher der hastig errichteten neuen Paläste und Tempel zuerst einstürzen würde, war der Tunnel der Gründer vermutlich schon weitgehend dem öffentlichen Gedächtnis entschwunden. Er wurde in den mehr als eintausendeinhundert Jahren seiner Existenz nie angegriffen, nicht solange die Gründer das Byzantinische Archiv betrieben. Über ihre unterirdische Prachtstraße kamen und gingen sie nach Belieben, während die Kaiser Constantinopel regierten. Im Laufe der Jahrhunderte feilten sie an der künstlerischen Ausstattung. Zum Schluss war der Tunnel auf weite Strecken von Denkmälern, Grabmälern und Votivtafeln der Gründer gesäumt, darunter auch jene, die constantin-kritisch und selbstvergessen lautete: Non in hoc signo, was bedeutete, dass die Einigung des Reichs unter dem Kreuz wohl doch keine so gute Idee gewesen war. Heute existiert der Tunnel nicht mehr. Nachdem 1453 die Türken Constantinopel erobert hatten und den Tunnel entdeckten, zerstörten sie ihn in ihrer maßlosen Wut darüber, dass sie die Mauern der Stadt so oft vergeblich berannt hatten, statt einfach unterirdisch herein zu spazieren. Und weil - auch nach dem Sieg - die jahrhundertelange Existenz dieses Tunnels gar zu peinlich für die Sieger war, wurde er nicht nur auf ganzer Strecke gesprengt, nein alle Beteiligten an dieser Arbeit wurden später erdrosselt, damit keiner etwas ausplauderte. Nirgends, in keinem einzigen halben Nebensatz, verweisen türkische Archive bis zum heutigen Tag auf die Existenz jenes Tunnels.

Aber das war natürlich nicht alles. Während das Archivum Agrippae sich auf eine unterirdische Zimmerflucht von sechs Räumen beschränkte, Rom in der Zeit seines Niedergangs laut Regionenverzeichnis 28 öffentliche Bibliotheken, 144 öffentliche Bedürfnisanstalten und 46 Bordelle hatte - und die Gründer Constantinopels eben ihre eine Prachtstraße unter der Erde, die ihr Archiv am zentralen Forum mit der thracischen Macchia verband - schuf Constantin etwas, das weitere siebenhundert Jahre hielt. Er war rund, wog 4,48 Gramm und bestand aus Gold - der Solidus, von dem wir heute noch das Wort ’solide’ ableiten. Mithilfe Constantins schenkten die Gründer der Welt diese neue Währung.

Auch die Verwaltungsreform hatte es durchaus in sich. Zwar vollendete Constantin nur, was Diocletian begonnen hatte, doch die Struktur aus vier Praefecturen (Orient, Illyricum, Italien und Gallien), vierzehn Diöcesen (man beachte die Namensgleichheit mit der späteren christlichen Organisationseinheit - hier beginnen Staat und Kirche zu verschmelzen) und 117 Provinzen sollte sich als stabil und flexibel zugleich erweisen. Sie bildete das Verwaltungsnetz, in dem Ostrom sich hielt als Kaiserreich. Die Trennung von Zivil- und Militärgewalt wurde vollständig durchgeführt. Zwei Reichsfeldherren führten zeitweilig 170 Legionen, deren Mannschaftsstärke auf tausend bis tausendfünfhundert Mann reduziert wurde, um dem einzelnen Kommandeur die Möglichkeit zum Aufstand zu rauben - ein Zeichen für Constantins pathologisches Misstrauen.

Was die Gründer eher amüsiert hat, war der Eifer, den Constantin auf seine Rangtabellen verwandte, wenn er nicht gerade neues Gold- und Silbergeschmeide anprobierte. Da gab es zunächst die Clarissimi, der Rang für alle, die sich auf der Ebene schlichter Provinzgouverneure tummelten. Die nächsthöhere Klasse waren die Spectabiles. Zu ihnen zählten die Proconsuln von Asia, Achaia und Africa, ferner der Comes des Orients als Chef der Diöcese Nummer eins, der Praefect von Ägypten und zwölf Vicarii der Diöcesen, schließlich auch die Comites und viele Duces des Militärs.
An der Spitze stand die Klasse der Illustres. Ihr gehörten die Consuln an, die Patricier, Praetorianerpraefecten, ferner die Praefecten von Rom und Constantinopel, der Magister Militum für Reiterei und der fürs Fußvolk, zwei Kommandeure der Palastgarde, die ausschließlich aus Armeniern bestand, so wie sie früher einmal aus Ubiern und Chatten bestanden hatte, sowie der Oberkämmerer, der Kanzleidirektor, der Quaestor, der Comes der heiligen Schenkungen und der Schatzmeister des Privatvermögens (zu dessen Gunsten Constantin manchen heidnischen Tempel enteignete - ohne dass die Geschichtsschreibung hier den gebotenen Begriff ‘Heidenverfolgung’ geprägt hätte.)

Dies lachhaft ehrpusselige System erwies sich als belastbar und überdauerte Jahrhunderte. Der Mensch, auch der politische Mensch, lässt sich offenbar gern in Ränge sperren. Informiert wurde der Apparat durch agentes in rebus, eine Geheimpolizei, zu der die Gründer stets besten Kontakt unterhielten. In Constantins Herrschaftssystem jedoch genügte zuletzt das Wort dieser Spitzel, um jeden beliebigen Menschen ins Unglück zu stürzen, ein Wink von ihnen - und Unschuldige mussten auf der Folter ihre Unschuld beweisen. 

Constantin besiegte 332 nochmals die Goten. Im Jahr 334 schlug er die Sarmaten und siedelte zweihunderttausend von ihnen im Reich an. Die pompöse Kleinlichkeit seines Charakters, das Klima der Angst, das er zuletzt erzeugte, wirkte fort in den Wochen des Jahres 337, als ihm, der längst tot war und aufgebahrt, die Ehren eines Lebendigen erwiesen wurden, während die Palastparteien um seine Nachfolge stritten.


Die Rheinbrücke

Wie tief Bischof Maternus seinen Schüler Constantin in die christliche Lehre einweihte, verschweigen die Consultationes. Sei es, der Gründerlegat Maternus hielt religiöse Dinge für unpassend im Rahmen seiner staatspolitischen Erörterung, sei es, Maternus als Seelsorger behandelte derlei Fragen lieber vertraulich und verheimlichte sie auch dem Kollegenkreis. Fakt ist jedenfalls, dass Constantin nach dem Sieg an der Milvischen Brücke zwar durchaus einen Triumphbogen errichten ließ - doch nicht dem Iupiter opferte. Er muss wenigstens ansatzweise geglaubt haben an den neuen Christengott, sonst hätte er ein so wichtiges und traditionsbehaftetes Opfer nicht versäumt - zumal der heidnische Teil seiner Armee ihm die Unterlassung schwer verübelte. Unter dem Kreuz zu siegen war eine Sache, dabei aber Iupiter zu vernachlässigen, den sie fast ausnahmslos als Iupiter Dolichenus verehrten, oder als Iupiter Stator, der den Heeren Standhaftigkeit verlieh oder zumindest als Iupiter Victor, ganz zu schweigen vom Iupiter Optimus Maximus der Triumphzüge - das sahen Roms Bürger und Soldaten mit gemischten Gefühlen.

Was andererseits war vom Christentum eines Herrschers zu halten, der die besiegten Frankenkönige Ascarius und Merogasius ohne mit der Wimper zu zucken in Trier “ad bestias” schickte? Oder vom alten misanthropischen Kaiser, der noch die haltloseste Verleumdung seiner agentes in rebus auf der Folter prüfen ließ? Vielleicht dies, dass das Christentum, kaum dem eigenen Martyrium entronnen, skrupellos selber Märtyrer produzierte.

In Dingen der Strategie bekehrte sich Constantin weit zurück zu den Theorien Agrippas, die schon seinen Vater Constantius Chlorus inspiriert hatten, auf gallischer Seite des Ärmelkanals eine Kette von Seefestungen gegen Britannien zu errichten.
309 pcn begann der Bau von Constantins Brücke. Sie hatte zwei Funktionen: Den Waren- und Menschenverkehr über den Rhein an diesem Punkt zu konzentrieren und das Einfalltor zu öffnen, um in wenigen Stunden ein komplettes Heer über den Fluss zu werfen, ein Heer für blitzschnelle Präventiv- wie Vergeltungsschläge gegen die Barbaren. Die Brücke war ein Meisterwerk antiker Technik, vierhundertzwanzig Meter lang, auf Pfeilern ruhend, die mit 19,5 Metern hoch genug waren, dass Schiffe unter ihnen fahren konnten. Rechtsrheinisch baute eine Abteilung der legio XXII Primigenia aus Mainz das Deutzer Kastell für rund tausend Mann - im wahrsten Sinn des Wortes einen Brückenkopf. Der Schrecken, den der Bau bei den Franken auslöste, war beträchtlich, und hätte Rom es geschafft, fortan längs des Rhein die Mannschaftssollstärken zu halten, wäre die Völkerwanderung am Rheinufer aufgehalten worden. Doch Rom zog nur allzu bald schon wieder Truppen ab von dieser Grenze, um sie im Bürgerkrieg zu verheizen. Und es hat auch nicht ewig gedauert, bis den ersten Franken, zumindest solchen, die in der Legion gedient hatten, aufging, dass man über die Brücke nicht nur römische Truppen gegen Franken schicken konnte, sondern auch fränkische Truppen gegen Rom - zumal gegen ein Rom, in dessen Provinz Germania Secunda schon zigtausend Franken bäuerlich ihr Leben fristeten, weil die Provinz sonst nahezu menschenleer gewesen wäre.

Dennoch: Der Brückenbau erzeugte einen enormen Vertrauensschub - bei einfachen Koloniebürgern wie bei den Gründern, die ihn Constantin durch Maternus regelrecht abgepresst hatten. In diesen Jahren hat Aurum Agrippae, damals bereits Codex, zum letzten Mal im Kölner Archiv gestanden. 315 pcn wurde das Deutzer Kastell in Anwesenheit von Kaiser Constantin und Bischof Maternus geweiht, und Maternus räumt ein, dass er das kriegerische Bollwerk sogar segnete, nicht ohne sich gleich zu entschuldigen, die Festung diene ausschließlich der Verteidigung. Nun ja - wenige Seiten zuvor preist er noch die Qualitäten des Baus als bequemes Einfallstor gegen die Franken ...

Ob Maternus beteiligt war an Constantins Entscheidung über die Ratsfähigkeit der Kölner Juden wissen wir nicht. Allerdings war dies Privileg eine zweischneidige Sache und wurde nicht aus philosemitischen Erwägungen des Kaisers oder des Christenbischofs verliehen, nein, vielmehr war die Kolonie so verarmt, dass es bei der Besetzung öffentlicher Ämter zu Personalengpässen kam. Wenn nun Juden im Rat saßen, dann konnten sie auch für Ämter herangezogen werden, deren Aufwand aus Privatbesitz zu bestreiten war.

Übrigens wechselte damals der Name der Stadt. Mit Hochkommen des Christentums verschwand der ‘Altar’, verschwand ‘Ara’ endgültig aus dem Namen Colonia Claudia Ara Agrippinenis, und Köln hieß nurmehr Colonia Agrippina oder noch knapper Agrippina. Die Gründer behielten die Abkürzung CCAA bei und meinten nach wie vor: Colonia Claudia Archivum Agrippae, ein Name, der umso berechtigter war, als mittlerweile Aurum Agrippae in Schriftform am gebührenden Platz stand.

Constantin II., durch Constantin persönlich 320 pcn eingeführt, regierte von Trier aus den Westen des Reichs. 328 besuchte Constantin der Große ein letztes Mal Köln, um sich hier von allen Verpflichtungen entbinden zu lassen, die die Gründer ihm auferlegt hatten, als er im Bürgerkrieg ihre Hilfe in Anspruch nahm. Die Zeremonie, bei der zwei verschränkte Ringe zerbrochen und ihren Besitzern zurück erstattet wurden, fiel zusammen mit den Feierlichkeiten zur Amtseinführung von princeps Ambrosius Marcellinus, dem ersten der drei Ambrosier, von denen oben die Rede ist. Am Rand der Festlichkeiten kam es in Köln zu einer Generalaussprache zwischen Reichsspitze und Gründerspitze, bei der in Bezug auf die agentes in rebus buchstäblich Fetzen flogen. Man griff sich in Gewandfalten und raufte einander das Haar. Zum Schluss verließ ein kleinlauter, kleinlicher, rachsüchtiger Kaiser das Kölner Archiv, das er zum ersten Mal an der Hand seines Vaters Constantius Chlorus betreten hatte. Gewagt, gegen die Gründer vorzugehen, hat Constantin dennoch nie.

Wir registrieren letzte Konvulsionen, nähern uns der Agonie - und es ist fast langweilig, wie derselbe Fehler sich unentwegt wiederholt. Hatte die Grenze sich jüngst bemerkenswerter Sicherheit erfreut? Damit war es vorbei, als Constantin II. den Rhein von Truppen entblößte im Krieg gegen seinen leiblichen Bruder Constans. Zwar wurden die Frankeneinfälle 341/342 nochmals zurück geschlagen, aber 353 war die Katastrophe perfekt. Der kölnische Usurpator und Magister militum Magnentius, bei dessen Rebellion Constans 350 den Tod gefunden hatte, nahm sich jetzt selber, von Franken und Alemannen besiegt, das Leben. Bonn und Neuss wurden bis auf die Grundmauern zerstört. Die Legionen XXII Primigenia bei Mainz und I Minervia bei Köln waren ausgelöscht. Nur hinter den Mauern der Stadt herrschte noch ein Rest Sicherheit.
355 nahm Silvanus, der neue Magister militum, den Augustustitel an - auch wenn er damit nur auf gefälschte Briefe reagierte, die ihn in Constantinopel anschwärzen sollten. Nach achtundzwanzig Tagen endete auch diese Usurpation mit dem Tod des Usurpators. Der erste römische Kaiser fränkischer Abkunft wurde ermordet. Im November 355 fiel Stadt nach zweimonatiger Belagerung den Franken in die Hände. Köln brannte. Das Archiv erlitt schwere, wenn auch nicht existentiell bedrohliche Schäden. Das Deutzer Kastell fiel. Die Brücke wurde stark beschädigt.

Auch dies ist langweilig, dass es nach dem Sturz noch einmal aufwärts geht. Das Imperium ist zu zählebig, immer noch zu vital, um sein Ende anzuerkennen. Caesar Iulian, dem seine christlichen Feinde den Beinamen ‘Apostata‘, der Abtrünnige, beilegen, reißt Köln aus der Agonie. Gewiss - als Iulian Augustus des Gesamtreichs und für kurze Zeit Alleinherrscher wird, fördert er heidnische Kulte und bremst den Vormarsch der Christen. Wieso macht ihn das ‘abtrünnig’? Er war nie Christ, hat sein philosophisches Heidentum keinen Tag verleugnet. Aber so tief ist Rom gesunken, dass ein nichtchristlicher Kaiser, der seinen Glauben lebt, von den Christen als ‘abtrünnig’ diffamiert werden darf, als hätte er sie verraten. Dem Monotheismus eignet Anmaßung als strukturelles Problem.

Iulian Apostata, der den Gründern später den Dachgarten des Byzantinischen Archiv stiftet, erobert Köln zurück und setzt die Brücke instand. Er errichtet hundertzwanzig Meter lange Docks für die Rheinflotte, die nun aus Alteburg endgültig hinter die schützenden Stadtmauern zurückgenommen wird.
Dieser Bau für die Flotte übrigens versiegelt das Grundstück mit dem abgebrannten Haus des Dionysosmosaiks und sorgt dafür, das uns ein Wunder römischer Kunst erhalten bleibt.

(Ich kann mir nicht helfen: Als 1999 die internationale Politik der beiden Kölner Gipfel auf dem Mosaik tafelte - ich publizierte gerade Dossier Jan van Werth und das RGM hatte auf dem Boden zu Füßen des Pobliciusgrabmals Kunstglas verlegt - da sah ich Galeeren auf Reede, anstelle von Memos zum Kosovokrieg, die zwischen Clinton und Chirac hin und her geschoben wurden, während Fischer der Albright ins Ohr flötete “Madeleine, you are the last superpower!”)

Neuss und Bonn werden aufgebaut. Für Iulian, der nie mehr sein wollte als Troubleshooter im Westen und den sein Herzleiden schon früh gewöhnt an den Gedanken vorzeitigen Tods, wird von 355-365 auf dem Gräberfeld vor Kölns Toren der zehneckige Memorialbau errichtet - das Dekagon Sankt Gereon. Die Umwidmung von Apostata auf Gereon und die Märtyrer der Thebäischen Legion entsteht wesentlich später und ist unhistorisch. 363 - an seinem Grab wird noch gebaut - fällt Kaiser Iulian im Perserkrieg. Er hat einer knappen Generation prekären Frieden beschert.

Theodosius eint das Reich nochmals. Auch Justinian eint das Reich wieder - aber da ist es längst nicht mehr jenes Reich, von dem wir bisher sprachen. Ich erwähne Theodosius nur, weil auch er die Rheinarmee personell ausdünnt.
Der vandalische Magister militum Stilicho trifft letzte Vereinbarungen mit den Franken - die gar nicht mehr daran denken, solche Verträge noch einzuhalten. 401 pcn zieht Stilicho, als die Westgoten eindringen, erneut Truppen vom Rhein ab. 406 kommen Sueben, Alanen und Vandalen über den Rhein - die Franken bemühen sich nicht mehr sonderlich, sie sind schon da. 407 wird der Sitz es praefectus praetorio Galliarum weit zurückgenommen nach Arles. Eck schreibt:

“Der Rhein war endgültig nicht mehr die Mauer des Imperiums gegen die barbarischen Völker, wie Bischof Ambrosius von Mailand den Grenzstrom noch kurze Zeit vor diesem Durchbruch genannt hatte; das war nur noch wirklichkeitsfremdes Bildungsgut. ... Das wäre freilich nichts so Außergewöhnliches und Katastrophales gewesen, da auch früher, etwa um 275 oder 353-355, derartige Vorstöße das Reich in den gallisch-germanischen Provinzen und teilweise bis nach Spanien hinein weiträumig und schwer getroffen hatten. Der Unterschied bestand darin, dass diese Stammesgruppen das Reich jetzt nicht wieder verließen und daß Rom jetzt zu schwach war, sie dazu zu zwingen. ... Ohne den Zusammenhalt mit der römischen Welt aber konnte sich eine Stadt an der Grenze als eine genossenschaftliche Einrichtung in ihrer römischen Art nicht behaupten. Die relativ weitgehende, wenn auch nicht totale Isolation von den noch römisch beherrschten Gebieten zerbrach ihre innere Unabhängigkeit und ließ den römischen Charakter langsam schwächer werden.”
Werner Eck, Köln in römischer Zeit, 683 ff

408 ist Stilicho tot. Am 24. August 410 erobern und plündern Alarichs Westgoten Rom. Agrippas Archiv arbeitet auf Notbesetzung mit den Franken zusammen und wirkt pädagogisch. Aurum Agrippae liegt in Paris, von Iulian Apostata in Sicherheit gebracht auf jener Reise, bei der die Lutetianer Truppen ihn zum Augustus ausrufen, ohne dass der Mann das wirklich will. Er war einer der tragischen Helden Roms, einer, dem Macht förmlich aufgedrängt werden musste, ein kostbares Juwel.

Constantins gerettete Brücke wird in jenen Tagen nochmals gewürdigt. Der anonyme Gründerautor, der während Alarichs Plünderung vom 24. bis 27. August schon in Rom geweilt hatte, schrieb in seinem Standardwerk Flumines Historiae, V, 2, 34

“Am meisten jedoch staunte ich, wie die Geisel Attila am ravennatischen Hofe sich krümmte in Verlegenheit, als ich von der Kölner Rheinbrücke sprach. Gewiss hatten Alarichs Westgoten ihren Raub im trockenen Flussbett des Busento verscharrt - und wir hatten ihn erhoben zu unserem Zweck. Das hatte Attila bezeugt. Aber der Rhein war doch eine ganz andere Sorte Fluss. Sein Schatz war die Grenzlage. Nicht was unter seinen Wassern im Flussbett schlummerte, beschäftige den Hunnenprinzen, vielmehr gewann ich den Eindruck, dass Attila erwog, wie man den Rhein am besten überschreiten könnte, und dass er verzagt war, als ich ihm die Befestigung der Brücke schilderte in den prangendsten Bildern. ...”

Zett hört die Fortsetzung dieser Geschichte aus dem Munde Richard Lanks. Ende 2003.


Neue Ufer

Wenn ich mir, mit Verlaub, in den letzten zwei Jahren mal wieder umsonst den Mund fusselig quatschte, damit Lank oder Bucholtz mir wenigstens einen Blick in Tacitus’ verschollene Bücher genehmigten, dachte ich oft: Freunde, das Aurum Agrippae war dort irgendwo versteckt, zwischen Buch VI und Buch XI der Annalen, oder, wie das Werk richtig heißt ab excessu divi Augusti. Heute, da wir den Weg zum Aurum Agrippae aus dem “Roman” kennen und man uns sogar den Text größtenteils zur Verfügung stellt, bin ich mir nicht mehr so sicher. Es wäre sinnlos, mit Tacitus Geheimniskrämerei zu treiben, wenn es dort in den geheimen Büchern zwischen dem Tod des Tiberius und dem Jahr 47 pcn um Aurum Agrippae ginge. Entweder würde die Geheimhaltung sinnlos durch die Veröffentlichung ab dem nächsten Update. Oder die Veröffentlichung verstieße gegen reichlich fünfhundert Jahre gezielter Geheimhaltung, seit 1505, als die heute bekannten Bücher der Annalen in der Klosterbibliothek von Corvey ’gefunden’ wurden. Wie man es dreht und wendet - es passt nicht. Die Tatsache, dass sie die fehlenden Bücher heute noch geheim halten, kann, logisch besehen, nichts mit Aurum Agrippae zu tun haben. Doch was heißt schon Logik in dieser aberwitzigen Geschichte?

Aurum Agrippae ist in den schlimmen Jahren der Agonie von Köln nach Paris in Sicherheit gebracht worden, durch Iulian Apostata. Dass sich der Text nach 350/55 noch im Kölner Archiv befand, ist ausgeschlossen. Die Gefahr, dass irgendein tumber Frankenfürst seinen Kamin damit heizte, wäre einfach zu groß gewesen. Später nahm Iulian Apostata den Text dann vermutlich nach Byzanz mit - oder er gab den Gründern seines Vertrauens das Exemplar zurück, denn in Byzanz immerhin wird in unserem Jahrhundert die Spur der Schrift aufgenommen, jene Spur, die zur Wiederauffindung des Aurum Agrippae im Jahr 2001 führte. Eine aufwieglerische Fraktion der Gründer hält sie im Byzantinischen Archiv versteckt, ohne dass die Zentrale von dieser Schrift noch wüsste, geschweige denn, sie ernst nähme.
Nach allem, was wir wissen, muss Iulian Apostata jedoch mindestens eine Kopie in Paris belassen haben - oder sie wurde später nach Paris gebracht, denn in Akte Poitiers wissen princeps und successor beide um diesen Text. Zu diesem Zeitpunkt gilt die Schrift zwar als streng geheim, aber sie ist offenbar wieder das Geheimnis der Gründer - und nicht einer oppositionellen Fraktion in deren Reihen. Der successor will Aurum Agrippae mit dem Halbmondrat teilen. Der princeps ist strikt dagegen. Danach verliert sich die Spur dieser Kopie (sowie der Kopie-Kopie, die an den Halbmondrat gelangte) und taucht erst im einundzwanzigsten Jahrhundert wieder auf.

Die zentrale Rolle, die Iulian Apostata bei dieser Sache spielte, wird unterstrichen durch zwei Bauwerke: den Dachgarten des Byzantinischen Archivs, den er den Gründern stiftete und den zehneckigen Memorialbau für Iulian in Köln, der Bau, den die Gründer beaufsichtigten und der heute mit zweifelhaftem Recht dem heiligen Gereon geweiht ist.

Von Köln blieb nicht viel übrig. Zwanzig Jahre, nachdem der weströmische Magister Militum Aetius die Hunnen geschlagen hatte, tauchte noch einmal eine letzte römische Armee zwischen Rhein und Atlantik auf und wurde von den Westgoten vollständig aufgerieben - und noch einmal fünf Jahre später, am 23. August 476 wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus von seinem eigenen Feldherrn Odoaker gestürzt, der seinerseits wenig später den Ostgoten zum Opfer fiel.

Es hätte meines Erachtens im Westen nicht zum völligen Bruch mit dem Kaisertum kommen müssen, wenn die Ostgoten, die bald schon ganz Italien, den Alpenraum und das Illyricum beherrschten, nicht dem Arianismus angehangen hätten. Man braucht sich für diese Meinung nicht auf Gründer-Spezialwissen zu berufen, es genügt, jemand wie Cassiodor zu lesen, der in den Ostgoten das Potential der Nachfolge erkannte. Doch in religiöser Hinsicht, in Bezug auf die Gottgleich- oder Gottähnlichkeit Christi, unterschieden sich diese Germanen, obwohl längst schon Christen, sowohl vom Papst in ihrem italienischen Herrschaftsbereich, wie auch vom Kaiser in Byzanz, in dessen Auftrag sie formal regierten. So wurde aus der Anzahl der Naturen Christi für das Imperium der letzte Sargnagel, und es kam zu jenem dreihundertjährigen Bruch, der Ost und West unrettbar auseinanderdriften ließ.

Gewiss, die Franken ließen sich schon 498 mit ihrem König Chlodwig taufen. Damit war die religiöse Basis des späteren westlichen Kaisertums gelegt. Aber erstens brauchten die Franken noch gut zweihundertfünfzig Jahre, um ihr Reich unter gemeinsamer Führung zu einigen und stabilisieren - in welcher Frist die Ostgoten längst wieder von der Bildfläche verschwunden waren, und die Westgoten aus Frankreich nach Spanien vertrieben, um sich dort, im südwestlichsten Winkel Europas schließlich von den Heeren des Islam vernichten zu lassen. Und zweitens, als es dann mit Karl dem Großen soweit war, hatte es ein langes Vakuum gegeben, und die westliche Kaiserwürde galt in Byzanz nicht mehr als selbstverständliches Gegenüber, sondern als freche, anmaßende Usurpation. Der Gedanke einer gemeinsamen, alles überwölbenden Staatlichkeit des Orbis bei personell aufgeteilter Herrschaft, wie er oft Gestalt geworden war und in der Tetrarchie Diocletians, wenn auch nur für kurze Zeit, seine letzte Ausformulierung erlebt hatte, dieser Gedanke war in Byzanz undenkbar geworden, und das Byzantinische Archiv der Gründer hat es nie mehr geschafft, die Kaiser am Bosporus zum Umdenken zu bewegen.

So ist kaum verwunderlich, dass jener Westen, der siebenhundert Jahre lang die Verachtung des Ostens ertragen hatte, sich nicht mehr zur energischen Hilfe aufraffte, als der Osten zunächst durch die Araber bedrängt wurde und schließlich 1453 mit der Eroberung Konstantinopels von den Türken ausgelöscht. Nun war nicht nur der afrikanische Teil des christlichen Orbis unwiderruflich dahin, sondern die Türken schickten sich an, die mitteleuropäische Stadt Wien zu erobern. Die Gründer sind sehr unmythologische Menschen, dem allermeisten religiösen Gedankengut abhold und ganz und gar nicht sentimental. Aber dass die Türken endgültig vor Wien gestoppt wurden, vor ebenjenem Wien in dem (und öfter noch in dessen Nähe) Marc Aurel so gern residiert hatte, ihr Gründerkaiser, das schreiben manche von ihnen dem Genius Loci zu, der durch die einzig historisch verbürgte Personalunion von princeps und Kaiser geprägt sei. Wir kennen manche geschichtsphilosophische Spinnerei mit weniger Charme!

Köln, und das Archivum Agrippae gerieten bei alledem an den Rand. Die Hauptstadtfunktion am Rhein verfiel, auch wenn immer mal wieder fränkische Kleinkönige im Praetorium ihren Sitz nahmen. Der romanische Bevölkerungsteil geriet in die Abhängigkeit von den Franken. Aber genau wie einst Ubier und römische Kolonisten miteinander verschmolzen waren, verschmolzen auch die besiegten Kölner mit den siegreichen Franken, so rasch, dass man schon bald nicht mehr ethnisch zu differenzieren brauchte. Eine wesentliche Rolle dabei dürfte die Tatsache gespielt haben, dass die Sieger die Religion der Besiegten annahmen, eine ziemlich einzigartige Konstellation.

Claudius war dem Namen der Stadt früh schon abhanden gekommen und mit ihm das Wort ‘Ara’, als die Stadt den kultischen Anspruch eines Zentralaltars für die Germanen endlich fallen ließ. Auch ‘Agrippina’ und damit der Hinweis auf Agrippa verschwand. Was blieb - und offenbar der fränkischen Zunge genehm war - war das Wörtchen ‘Colonia’. Und so nannten sie diese Stadt ironischerweise bei einem Namen, der sie über die Jahrtausende hinweg kenntlich macht als Kolonie Roms. Trotzdem wurde das nahegelegene Aachen wichtiger für das neue Westreich. Karl der Große hielt sich dort gern auf, weil der gichtgeplagte Mann die heißen Quellen schätzte, wie einst princeps Titus Marullus Gnipho, während er den Untergang des Varus organisierte. Folglich können wir nochmals so etwas wie einen Genius Loci konstatieren und feststellen, dass derselbe Ort, an dem die Blütenträume eines römischen Rhein-Elbe-Germaniens kaputtgeplant wurden, zum Sitz des ersten Westkaisers nach Romulus Augustulus wurde. Natürlich ist es nicht ganz zufällig, dass die deutschen Könige auf dem Weg zur Krönung nach Aachen später Köln passieren mussten, um ihre sakralen und weltlichen Pflichten ordentlich zu erfüllen. Und dabei sind wir bei jener Konstellation, die Kölns überregionale Bedeutung sicherte in den nächsten Jahrhunderten. Es war nie wieder mächtige Provinzhauptstadt. Aber die Gelehrigkeit Constantins dem Bischof Maternus gegenüber trug ihre Früchte und nützte Köln - wobei es wiederum Gründer waren, die im Hintergrund mit diesem Pfund diskret wucherten. Köln wurde Metropolitansitz der Kölner Erzbischöfe - und blieb es auch, nachdem die Bürger die Bischöfe als Stadtherren verjagt hatten. Köln wurde und blieb Zentrum eines geistlichen Kurfürstentums, dessen Herren, kodifiziert in der Bulla Aurea, den Römischen König und Kaiser zu wählen hatten, gemeinsam mit den Erzbischöfen von Trier und Mainz, dem Pfalzgrafen bei Rhein, den Herzögen von Sachsen und Brandenburg sowie dem böhmischen König.

Dabei behielt das Kölner Archiv stets internationale Bedeutung und genoss Vorrang vor allen Gründerarchiven in Mittel- und Nordwesteuropa. Abgesehen von wenigen Jahren, die wir erwähnten, blieb es immer besetzt und aktiv und stellt noch heute, ungeachtet der Hauptstadtverlegung von Bonn nach Berlin, den Sitz des deutschen legaten der Gründer.

Provinzlegat der Gründer für Deutschland: Derzeit hat Franz Dusch den Posten inne. Vor ein paar Wochen wurde seine Tochter auf eine magister-Stelle im Zentralarchiv berufen. Ich glaube deshalb, ich geheimnisse nicht allzu viel in diesen Mann Franz Dusch hinein, wenn ich ihm unterstelle, dass ihn - schmunzelnd - ein tiefes Gefühl von Kontinuität ergreift, wenn er beim Pobliciusgrabmal am Römisch-Germanischen-Museum die Fahnen flattern sieht mit den zweifellos etwas anmaßenden, doch auch nicht ganz unberechtigten Buchstaben C C A A.